Overview-Effekt - Bastet's Geburt
- blitz-und-donner-r
- vor 7 Stunden
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Hoch hinaus in den Weltraum so lautete das Ziel der Spektrallöwin. Sie lief mit Riesenschritten dem Mond entgegen und ihr Feuer loderte hell. Als die Schwerkraft nachließ, schwebte sie regungslos im Orbit und betrachtete voller Ehrfurcht den Erdtrabanten und dann den gigantischen schwarzen leeren Raum um ihn herum. Die anderen Planeten des Sonnensystems waren weit weg. Die nächsten Sterne sogar Lichtjahre entfernt. Das Universum wirkte auf einmal wie ein gefräßiges Monster, das einen verschlingen drohte.
Die Spektrallöwin drehte sich allmählich um und erblickte ihre Heimat, die Erde. Im Schatten der Nacht umhüllt, bewegte sich die riesige Kugel und verbarg ein tiefes Geheimnis. Spektrallöwin sah die Sonne am Horizont langsam aufgehen und wie sie den Planeten in all seinen Farben erstrahlen ließ. Die weiten Ozeane hatten hell- und dunkelblaue Nuancen und an einigen Küstengegenden türkise Strände. Die Landmassen waren ein reinster Regenbogen, die von wilden Wolkenformationen verziert wurden. Das Grün der Wälder, das Gelb der Wüsten, das Rot mancher Steppenregionen, das Schwarz der Vulkanerde, das Weiß der Polkappen und schneebedeckter Berge.
Es war ein wahres Wunder der Natur, von dem die Augen der Spektrallöwin gefesselt wurden. Dann schaute sie sich die Landmassen genauer an. Sie erkannte zwar die Kontinente, aber dort waren keine Grenzen eingezeichnet wie auf einer Landkarte. Die einzelnen Staaten dieser Welt nannten unsichtbare Linien ihre Landesgrenzen. Nirgendwo stand ein Name in die Erde eingraviert, auf dem stünde: Pferdeland, Diktatur der Schaffe oder Königreich der Zebras. Es gab nur einen Planeten und seine Bewohner. All die Kämpfe um Territorien und Ressourcen waren sinnbefreit!
Alle Lebewesen dieser Welt wurden nackt geboren, nutzen die Reichtümer der Mutter der Natur und verließen sie dann wieder, ohne einen einzigen Diamanten ins Jenseits mitzunehmen. Somit war jeder Herrscher genau so reich wie der ärmste Bettler. Rum, Macht und Geld existierten nur hier. Und je weiter die Spektrallöwin sich von ihrem Heimatplaneten entfernte, desto unwichtiger wurden diese Dinge für sie und ein beunruhigender Gedanke überkam sie:
Ich bin hier oben allein.

Diesen Satz schluckte sie erstmal runter. Einige Minuten vergingen, bis ihr Gehirn die enorme Wucht, die sich hinter dieser Botschaft verbarg, überhaupt erfasst hatte. Ihr Körper fing an, unkontrolliert zu zittern. Sie fühlte sich als hätte jemand bei ihr den Stecker gezogen und das ganze System brach in sich zusammen. Weitere Gedanken kamen herbeigerast und verschwanden im schwarzen Schlund des Universums:
Ich bin absolut frei und niemandem Rechenschaft schuldig.
Die Spektrallöwin wand sich vor Schmerz. Unzählige Bilder quälten ihren Verstand und gingen in Flammen auf. Sie sah Kinder in Konflikten hungern. Viele von ihnen waren grausam entstellt und Tausende wurden getötet. Die Kriegswaffen hatten ihre Arbeit verrichtet. Sie sah wie der schwarze Löwe den daraus entstandenen Reichtum und Macht hinter dem hohen Zaun konzentrierte. Und für was?! Die Spektrallöwin schrie aus vollem Hals: „Aaaaaahhh. Komm hier rauf du Arschloch! Und schau dir an, was du getan hast!“
Interessanterweise hörte der schwarze Löwe ihre verzweifelten Schreie als auch von allen anderen, die er ermorden ließ. Nur kümmerte es ihn wenig. Denn in seinem Inneren war ein tiefes Loch, das ständig hungrig war. Vor langer Zeit wurde ihm etwas äußerst Wichtiges entrissen, und seitdem empfand er nur Leere. Dieses Etwas braucht jedes Kind, um gesund aufzuwachsen – Sicherheit und Vertrauen. Die unstillbare Gier des schwarzen Löwen kannte keine Grenzen. Und so war er für alle Ewigkeit dazu verdammt, Leid und Schmerz zu verbreiten.
Die Flammen entwickelten sich zu einem Inferno. Die Spektrallöwin wurde regelrecht verbrannt, aber es füllte sich an wie eine Reinigung. Nach der Transformation erschien ihr Körper durchsichtig. Wie eine Glasfigur gefüllt mit Sternennebel und dem Licht des Lebens. Das warme Gefühl der Liebe durchströmte jede ihrer Faser und sie wurde als Bastet wiedergeboren. Sie hatte die Möglichkeit, ihre eigene Welt zu erschaffen, doch bevor sie dies tat, wollte sie das Alte endlich sterben lassen. Sie flog hinab zurück zu dem schwarzen Löwen. Majestätisch schwebte sie seelenruhig über seinem Berg aus Gold, Artefakten und Juwelen.
Der Löwe sah sie voller Hass und Misstrauen an. Er richtete seine Waffen gegen sie und wartete auf ihren Angriff. Niemals würde er zulassen, dass sie ihm etwas wegnahm. Bastet hatte zwar die Macht ihn zu vernichten, aber darum war sie nicht hergekommen. Stattdessen streckte sie ihm ihre Hand aus und sagte: „Komm mit mir und befreie dich.“
„Mich befreien? Ha, ich bin der Herrscher dieser Welt! Ich bin bereits frei!“, lachte er höhnisch.
„Sieh dich um, Herrscher. Du hast dir dein Gefängnis selbst erbaut. Die Gier nach Macht und Geld treibt dich an und verleiht dir niemals wahren Frieden. Deine sogenannten Reichtümer musst du vor anderen verstecken und ständig bewachen. Das ist eine schwere Bürde. Befreie dich davon!“, erwiderte Bastet sanft. Sie lächelte ihm ein ehrliches Lächeln und zwinkerte zu. „Liebe zu geben ist um so viel schöner.“
Der schwarze Löwe überlegte lange. Er betrachtete zunächst sein gewaltiges Vermögen und dann die reizende Göttin, die über ihm schwebte und ihre Hand ausstreckte. War er wirklich ein Gefangener seiner eigenen Gier? Ein Süchtiger? Ein zutiefst bemitleidendes Kind, welches nie geliebt wurde? Er ging einen kleinen Schritt auf sie zu, doch bekam im nächsten Augenblick Zweifel. Die Furcht das Falsche zu tun und seine Familie zu enttäuschen, war groß. Jahrtausende lang wurde eine Tradition am Leben gehalten. Er durfte sie unmöglich brechen!
„Sie sind bereits alle tot. Niemand wird dich tadeln“, erklärte Bastet im ruhigen Ton als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Du hast die Wahl, dein Leben selbst zu gestalten.“
Tränen liefen über sein Gesicht. Es wäre so einfach, ihre Hand zu ergreifen und zu fliegen. Doch wer war er schon ohne sein ganzes Gold? Der Reichtum verschaffte ihm Bedeutung und verlieh ihm Macht über andere. Eine mögliche Bedeutungslosigkeit erweckte in ihm tiefe Angst, ein Niemand zu sein. Der schwarze Löwe fletschte seine Zähne und lief knurrend nach hinten.
„Du niederträchtige Hure, bringst du mich etwa in Versuchung? Fahr zur Hölle, wo du hingehörst! Brenne, Hexe!“, zischte er und eröffnete augenblicklich das Feuer.
Bastets Mimik wurde sofort ernst. Noch während der Löwe gesprochen hatte, veränderte sie die Haltung ihrer ausgestreckten Hand von einer grüßenden zu einer abwehrenden.
Das komplette Arsenal wurde abgefeuert, doch keine einzige Rakete oder Bombe traf sie. Die Munitionen wurden von einem unsichtbaren Schild zurückgeprallt.
Der schwarze Löwe starrte fassungslos auf das Ergebnis seiner Wahl und dann starb er in einem riesigen Feuerball, den er selbst verursacht hatte. Und sein gesamter Schatz ging zusammen mit ihm unter. Als der Staub sich wieder legte, sah man nur Asche und geschmolzenes Edelmetall auf dem Erdboden liegen. Bastet sah zunächst betrübt, dann schloss sie ihre Augen und sprach ein leises Gebet für die verlorene Seele, die niemals Liebe fand und jetzt endlich frei war. Sie hatte mit diesem Ausgang gerechnet, aber ein kleiner Teil von ihr hatte gehofft, dass sie sich irren würde.
Dann atmete sie tief ein und wieder aus, und sah rüber zu der Schafsherde. Die Schafe versteckten sich hinter dem Hirten und waren Mucksmäuschen still. Sie hatten die gewaltige Auseinandersetzung zwischen der unbekannten Göttin und dem schwarzen Löwen mitbekommen und waren laut schreiend weggelaufen, als das Feuer eröffnet wurde. Der Hüter stand zwar vor seinen Schützlingen, aber ihm fiele nicht im Traum ein, sein Leben für sie zu lassen. Stattdessen befahl er seinen Wachhunden, sie anzugreifen. Die treuen Diener des Hirten gehorchten sofort und rasten auf ihren Gegner zu.
Bastet lächelte müde und machte eine wegwerfende Handbewegung. Im nächsten Moment verloren die Aufpasser ihre respekteinflößende Gestalt und verwandelten sich ebenfalls in Schafe. Völlig irritiert darüber, dass ihnen ihre scharfen Krallen und Zähne geraubt wurden, standen sie einen Augenblick da und schauten sich gegenseitig an. Doch dann rannten sie zurück und verkrochen sich in der Herde. Der Hirte ballte seine Fäuste zusammen. Kein Zweifel vor ihm schwebte sein schlimmster Feind – ein furchtloser Geist mit einem Leuchtfeuer ohne Grenzen. Er musste schleunigst etwas unternehmen. Bastet schenkte ihm hingegen keinerlei Aufmerksamkeit, sondern sah direkt die Masse an.
„Jeder von euch ist ein freies Schaf und ihr braucht eure Gemeinschaft, um zu überleben. Doch wozu braucht ihr ihn?“, rief sie und zeigte auf den Hirten. „Denken könnt ihr sehr gut selbst. Und niemand entscheidet darüber, was falsch oder richtig ist, außer eurem eigenen Verstand.“
Dann fing sie an zu tanzen und mit jeder Bewegung erblühte eine Blume auf der Wiese. Die Samen, die in der Erde ruhten, erwachten zum Leben und Pflanzen unterschiedlichster Art wuchsen in die Höhe. Die Schafe schauten dem Wunder mit offenen Mündern zu, während der Hirte vor Zorn seine Zähne zusammenbiss. Ein prächtiger Garten entstand. Angelockt von dem herrlichen Duft der frischen Kräuter näherten sich die Schafe. Doch ihr Herr schrie laut: „Zurück! Das Zeug ist vergiftet! Hört nicht, was sie sagt. Sie ist der Teufel, der euch in Versuchung bringt!“
Die Schafe blieben abrupt stehen und waren verunsichert.
„Wer von euch ist so mutig und probiert etwas hiervon?“, fragte Bastet und pflügte einen Apfel von einem Baum.
Ein junges Mutterschaf, das alleine für seine Lämmchen sorgte und zuvor unter den Wachhunden gelitten hatte, ging auf die Göttin zu und nahm bereitwillig die Frucht entgegen. Sie aß sie genüsslich und brachte dann ihrem Nachwuchs ein paar saftige Kräuter.
„Du untreue Seele!“, rief der Hirte zu ihr. „Ich verbanne dich aus der Herde!“
Das Schaf schaute zunächst betroffen drein. Wie konnte der Hüter ihr die Zuneigung entziehen, wenn er stets behauptet hatte, dass er alle seine Schäfchen lieben würde? Doch es stellte sich als Lüge heraus.
Und so schüttelte sie die negativen Gedanken ab und begab sich zusammen mit ihren Lämmchen in den Garten. Weitere weibliche Schafe und ihre Kinder folgten ihnen. Die männlichen Böcke hingegen blieben beim Hirten und waren empört über das Handeln der Weibchen. Aber wie könnten sie auch anders? Denn sie wurden von ihrem Herrn von Beginn an bevorzugt behandelt und den weiblichen Schafen übergeordnet. Sie genossen viele Privilegien und besaßen mehr Rechte. Warum sollten sie demnach ein System verlassen, das zu ihrem Vorteil ausgelegt war?




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