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Der Schmetterlingskokon

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  • vor 11 Minuten
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Aquarellbild, Titel: Into the Black Hole and Back as Light, Größe: 24 X 32 cm
Aquarellbild, Titel: Into the Black Hole and Back as Light, Größe: 24 X 32 cm

Nichts ist schöner als ein lauer Sommerwind. Bastet spürte die zarte Brise und lächelte zufrieden. Vor ihr spielten kleine Lämmer mit den Seifenblasen, die Bastet für sie gezaubert hatte. Lachend und vom Leben erfüllt sprangen die Kinder um sie herum.

„Das ist wahres Glück“, dachte Bastet und ließ noch weitere Seifenblasen entstehen. „Keine Sorgen. Keine Erwartungen. Kein Stress. Nur das Hier und Jetzt mit all seinen Farben und Formen.“


Bastet spürte den kontrollierenden Blick des Hirten in ihrem Rücken, doch es war ihr gleichgültig. Er konnte sowieso nichts gegen sie ausrichten und sie selbst, hatte nicht vor sich mit ihm zu befassen. Dafür war ihre Zeit zu kostbar und er zu unbedeutend. Seine Märchen interessierten sie nicht mehr. Nie wieder würde sie ein Mitglied seiner Herde sein. Damit war das Kapitel für Bastet abgeschlossen. Doch etwas anderes regte sich in ihrer Brust. Es war ein Gefühl der Aufregung, das immer stärker wurde, und welches sie sich nicht erklären konnte. Bastet schüttelte verärgert ihren Kopf, um wenigsten so das Gefühl abzuschütteln, aber es blieb. Was hatte es nur zu bedeuten?


„Oh schaut nur!“, rief ein Lämmchen und zeigte aufgeregt auf den Zweig eines Busches. „Da hängt ein Schmetterlingskokon!“

Die übrigen Kinder versammelten sich um den Busch und blickten voller Staunen das kleine Etwas an, welches ein tiefes Geheimnis verbarg. Auch Bastet gesellte sich zu ihnen und mit einem Mal hörte sie eine leise Stimme, die ihr zuflüsterte: Die Wahrheit ist eine Verwandlung.


Irritiert runzelte Bastet die Stirn. Sie verstand nicht, weshalb sie immer stärker das Gefühl hatte, etwas sehr Wichtiges würde sich vor ihr noch verbergen.

„Die Raupe hat sich in dem Kokon versteck“, erklärte eines der Lämmer den anderen. „Meine Mama erzählte mir, dass der Körper der Raupe sich dadrin vollkommen auflöst und danach als Schmetterling neu formt.“

Ein Staunen ging durch die Gruppe. „Stirbt die Raupe etwa?“, fragte ein anderes Lämmchen.

„Ja und nein. Ihr Körper wird komplett umgewandelt, aber ihre Erinnerungen bleiben“, erkläre das erste Lämmchen munter weiter und wirkte stolz auf sein Wissen.

Auch Bastet hörte dem Kind aufmerksam zu. Der Körper wird komplett umgewandelt, aber die Erinnerungen bleiben? Wie ist so etwas nur möglich?


Die Flüsterstimme meldete sich wieder: Den Tod gibt es nicht.

Bastet stockte der Atem. Wie bitte? Wir alle sterben eines Tages. Warum sollte es den Tod dann nicht geben?

Frage den Schmetterling, antwortete die leise Stimme.

Bastet wurde langsam verärgert. Was waren das für Hirngespinste in ihrem Kopf?

„Und wann kommt der fertige Schmetterling da wieder raus?“, fragte ein weiteres Lämmchen neugierig. Woraufhin das erste Lämmchen nur mit den Schultern zuckte und entgegnete: „Keine Ahnung.“

„Vielleicht braucht es Hilfe, um hinauszugelangen“, überlegte ein anderes Kind.

„Oder der Schmetterling hat keine Lust und entspannt sich lieber im Kokon, bevor eine Spinne es fängt und frisst“, schlug ein Mädchen vor.

„Vermutlich ist der Schmetterling noch nicht bereit und wartet den richtigen Zeitpunkt ab“, warf ein Junge ein.

„Alles Quatsch! Der Schmetterling hat sich entschieden eine Raupe zu bleiben!“

„Blödsinn, dann hätte es sich nicht verpuppt.“

„Wieso ist er dann noch nicht raus?“

„Weil er Zeit braucht und wahrscheinlich auch einen Grund, um rauszukommen.“


Schweigend hörte Bastet der Diskussion der Kinder zu. Sie lernte viel von ihnen. Junge Wesen betrachten die Welt, wie sie ist ohne Vorurteile, weil sie schlicht und einfach keine haben. Kinder sind neugierig und wissbegierig zugleich. Eine hervorragende Kombination, um Unerforschtes zu entdecken.

„Welcher Grund könnte es sein?“, warf Bastet schließlich die Frage in die Runde.

Die Kinder überlegten kurz, bis einer die Debatte wieder eröffnete:

„Der Schmetterling bekommt Hunger und Durst!“

„Nee, er konnte bereits als Raupe essen und trinken. Wozu sich dann verpuppen?“

„Trotzdem bekommt er doch Hunger und Durst.“

„Dafür muss er sich nicht verwandeln.“

„Er möchte fliegen!“

„Ja, die Welt von oben sehen!“

Hm, könnte das der Grund sein? Die Welt aus einer anderen Perspektive sehen zu wollen? Bastet zerbrach sich den Kopf, während die Lämmchen fröhlich umher sprangen und zusammen im Chor Fliegen! Fliegen! Fliegen! sangen.


Genau in diesem Moment knackte der Kokon auf und der Schmetterling kletterte ganz langsam heraus. Bastet und die Kinder beobachteten das kleine Insekt, wie es sich auf einem grünen Blatt kopfüber gemütlich machte und seine Flügel trocknen und entfalten ließ. Der Prozess dauerte einige Stunden. Die Lämmchen waren in der Zwischenzeit zu ihren Müttern zurückgelaufen, weil es langsam dunkel wurde. Doch Bastet blieb beim Schmetterling und überlegte: Die Raupe entschied sich, sich völlig zu transformieren. Sie brauchte einen neuen Körper, um eine andere Perspektive einnehmen zu können. Ihre Erinnerungen hatte sie dabei behalten. Könnte es sein, dass man seine Erfahrungen nicht verliert, wenn man stirbt? Bleibt das Bewusstsein am Leben?


Bastet blieb bei dem frisch geschlüpften Schmetterling und wachte über ihm. Während seine Flügel trockneten, war das kleine Kerlchen am verwundbarsten, denn er konnte noch nicht wegfliegen, wenn Gefahr im Verzug wäre. Bastet näherte sich ihm und fragte leise: „Sage mir Schmetterling, du hattest die Schwelle zum Tod überschritten. Was kommt danach? Was ist der Tod wirklich?“


Eine Verwandlung. Eine Wundertüte. Eine Tür in ein neues Leben. Wisperte eine unbekannte Stimme. Das Universum ist ein riesiger Stoffwechsel. Der Tod ist der Übergang. Du stirbst als Apfel, aber deine Energie lebt in dem Tier weiter, welches dich gegessen hat. Das Tier stirbt, aber sein Körper wird zum Dünger für den Apfelbaum. Seine Seele hingegen, sie bleibt. Eine Raupe stirbt, aber ihre Zellen sortieren sich neu und bilden einen Schmetterling, der die gleichen Erinnerungen hat, wie die Raupe. Denn seine Seele bleibt. Der Tod ist nichts Anderes als eine Transformation des physischen Körpers. Die Seele hingegen ist ewig.


Bastet dachte über das Gesagte nach. „Wo befindet sich die Seele dann, wenn sie noch keinen neuen physischen Körper hat?“, fragte sie aufgeregt und konnte die Antwort kaum erwarten.


Sie ist überall wie ein Signal, der in alle Richtungen ausgestrahlt wird. Seine Quelle ist das Licht. Du hast dich von der Spektrallöwin zur Bastet verwandelt. Deine Seele blieb gleich. Du bist wie ein Schmetterling.


Bastet nickte leicht. Aber natürlich. Sie war bereits die Antwort auf ihre eigene Frage. Der Tod hat sie transformiert. Ihr altes physisches Dasein als Spektrallöwin ist vorbei und ein neues Leben als Bastet hat begonnen. Manchmal erkennt man die Tatsachen erst, wenn man seinen Blick abwendet und etwas Anderes betrachtet. Bastets Seele hatte das Transformationsfeuer nichts anhaben können. Sie betrachtete ihre Hände und erkannte, dass sie leuchteten und kleine Sterne hervorbrachten. Neue kleine Lichter, die der Dunkelheit trotzten und sie erhellten. Sie war ein selbst gebärendes Universum.


War der Umgang mit dem Tod verkehrt? Könnte es sein, dass der Tod nötig war, um etwas Neues zu erschaffen? Wenn man sich dem Tod verweigert, dann verweigert man sich der Verwandlung! Plötzlich zerbrach das Bild vom Tod wie ein Spiegel in tausend Stücke und Bastet sah zum Hirten und seiner Schafsherde. Wut stieg in ihr auf. Die größte Angst ist die vor dem Tod. Und wer sie missbraucht, derjenige besitzt die Macht über das Leben. Vermeintliche Geschichten über ein Paradis im Jenseits sind nur dafür da, um Regeln und Gesetze im Leben zu manifestieren, nach denen man sich halten muss, um überhaupt nach dem Tod in das Paradis zu gelangen.


„Das sind mehr als nur Märchen!“, knurrte sie. „Das sind KETTEN!“

Mit aller Macht versuchte Bastet ihren Zorn unter Kontrolle zu halten, was ihr mehr schlecht als recht gelang. Sie stampfte, brüllte, kratzte wild in die Luft. Am liebsten würde sie den Hirten zerreißen! Diesen ominösen Märchenerzähler! Ein Scharlatan! Lügner! Er kann seine Eintrittskarten mit wucherischen Preisen in sein angebliches Paradies behalten!


Beruhige dich. Du bist doch frei. Die Ketten sind nur eine Illusion. Du hast sie selbst abgelegt. Und wie hast du es angestellt? Da war wieder diese leise Stimme.

Bastet atmete mehrmals tief ein und wieder aus. „Ich habe die Perspektive gewechselt. Im Welttraum. Als ich unseren Planeten von oben gesehen habe“, keuchte sie.

Und weiter?

„Den Verwandlungsprozess selbst eingeleitet und vollzogen“, erkannte Bastet und wurde mit einem Mal wieder ruhig.

Genau. Du hast dich dem Tod gestellt und bist als Licht hervorgegangen. Eine größere Veränderung gibt es nicht. Die Ketten sind nur eine Illusion. Eine Illusion der Massen.


Bastets Blick war fest auf die Schafsherde gerichtet.

„Aber all die anderen glauben an diese Ketten. Sie sind der festen Überzeugung, dass sie ohne diese Ketten, nichts wert seien und auch nicht überleben können. Mehr noch, sie verteidigen sogar ihre Ketten“, erwiderte Bastet traurig.

Es ist nicht deine Aufgabe, sie zu retten.

„Sollen sie für immer in Gefangenschaft bleiben?!“ Bastet klang empört.

Das ist deren freier Wille.

„Ja, deren freier Wille wird aber von dem Hirten manipuliert!“

Sie müssen die Verwandlung selbst einleiten. So wie du es getan hast. So wie die Raupe sich dafür entschieden hat, ein Schmetterling zu werden. Denke an die Zukunft. Gestalte sie selbst. Zeige ihnen ungekannte Möglichkeiten.


Bastet dachte lange nach. Die Nacht war bereits angebrochen. Die Sterne der Milchstraße zogen an ihr vorbei. Und als die Morgensonne sich am Horizont wieder zeigte und den leicht bewölkten Himmel in ein zartes Rosa tauchte, da hatte Bastet ihr neues Ziel fest vor Augen:

„Ich bin ein Leuchtfeuer. Man kann und wird mich nicht übersehen. Genau das ist meine größte Stärke. Mein eigener Weg wird gesehen. Und jeder kann selbst entscheiden, ob er oder sie von mir lernen möchte.“

Kurz nach ihrer ersten Mahlzeit des Tages liefen die kleinen Lämmchen wieder zur Bastet und freuten sich, die Zeit mit ihr zu verbringen. Sie waren die Zukunft und Bastet deren Mentorin auf ihrer eigenen Reise ohne Ende, denn das Ziel ist der Weg. Es gab dabei kein Falsch, nur Neues zu entdecken.


Fortsetzung folgt....



 
 
 

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