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Blitz und Donner Kapitel 80 - 86
Kapitel 80 Der Mädchentraum
30. September 1877
Julien Gebels, der leitende Redakteur der Zeitung Vérité, traf soeben zusammen mit einem seiner Angestellten am vereinbarten Ort für das anstehende Interview ein. Er sah sich um und verschaffte sich einen Überblick über die riesige Baustelle. Zahlreiche alte und unbewohnte Häuser waren auf diesem großen Grundstück zuvor abgerissen worden. Das neue Fundament hatte man bereits errichtet und die Maurer zogen die Wände hoch. Das Gebäude, das hier gerade entstand, würde am Ende seiner Fertigstellung einem modernen Schloss ähneln, mit weiten Fenstern und großen Räumen. In dem prächtigen Bau würde später aber keine Adelsfamilie einziehen, sondern zahlreiche Jungen und Mädchen sollten dort zur Schule gehen. Das neue Gymnasium würde für jeden kleinen Bürger und jede kleine Bürgerin zugänglich sein, unabhängig vom Einkommen oder Status ihrer Familien. Monsieur Gebels ordnete seinem Angestellten an, das gleich zu führende Interview zu notieren. Er drehte seinen Kopf und sah eine Kutsche heranfahren. Sie hielt neben der Baustelle und der Herzog von Crussol stieg aus. Ihm folgte seine Frau. Julien Gebels bemerkte, wie andere Passanten das Paar erkannten und zu ihnen traten. Die Menschen begrüßten den Herzog und die Herzogin von Crussol freundlich und wollten ihnen unbedingt die Hand schütteln. Monsieur Gebels machte daraufhin ein zufriedenes Gesicht. Wie es aussah, ging der Plan von Albrt Blauschildt tatsächlich auf und das Herzogspaar war beim Volk ziemlich beliebt. Eigentlich sollte es ihn nicht überraschen nach allem, was Melanie von Crussol für die Armen dieser Stadt getan hatte. Und nun folgte Richard ihrem Beispiel und errichtete eine zukunftsweisende Schule. Julien Gebels und sein Angestellter näherten sich dem Herzog und der Herzogin. Sie hielten unmittelbar vor dem Paar an und Monsieur Gebels zog seinen Hut vor ihnen. Richard und Melanie nickten kurz und begrüßten die beiden Herren.
„Danke schön, dass Ihr mein Angebot zu einem privaten Interview angenommen habt. Ich freue mich darüber, dass wir so kurzfristig einen Termin dafür vereinbaren konnten. Darf ich als Erstes den Bauherrn fragen, wie er auf die revolutionäre Idee gekommen ist, ein Gymnasium sowohl für Jungen als auch für Mädchen mitten in unserer Hauptstadt zu errichten?“, fing der Chefredakteur mit dem Interview an und sein Mitarbeiter notierte fleißig mit.
„Durch meine eigenen Söhne und meine Nichte“, antwortete der Herzog von Crussol. „Ich möchte für sie eine bessere Zukunft schaffen, in der sie gemeinsam den gleichen Bildungsgrad erreichen können. Denn Bildung ist unser höchstes Gut. So geht es vielen anderen Eltern: Sie möchten nur das Beste für ihre Kinder. Und meiner Meinung nach werden Mädchen bezüglich ihrer schulischen Bildung benachteiligt. Sie sollten dieselben Chancen erhalten wie ihre männlichen Geschwister.“
„Seid Ihr der gleichen Ansicht, Madame von Crussol?“, stellte Julien Gebels die Frage an die Herzogin.
„Absolut, da stimme ich meinem Gatten zu. Eine Frau wird frei geboren und sollte aufgrund ihres Geschlechts nicht diskriminiert werden. Ich weiß, dass viele Bürger und Bürgerinnen der Auffassung sind, Frauen seien geistig schwach und sollten nicht versuchen, sich intellektuell mit Männern zu messen. Aber ich versichere Ihnen, Monsieur Gebels, wir Frauen leiden nicht an fehlfunktionierenden Gehirnzellen und können mehr, als nur Kinder gebären“, antwortete Melanie ernst.
„Deswegen baut Ihr dieses Gymnasium, um Mädchen den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen. Werdet Ihr für den Besuch der Schule Gebühren verlangen?“, wollte Monsieur Gebels wissen.
„Nein, der Unterricht an dieser Bildungseinrichtung wird absolut kostenlos sein. Wir möchten allen Kindern die Möglichkeit bieten, sich zu beweisen. Jemand, der aus der Unterschicht kommt, ist genau so klug wie eine Person aus der Oberschicht; ihm fehlen meistens nur die Mittel, um ein besseres Leben zu führen. Um der Armut zu entkommen, ist schulische Bildung unerlässlich. Das ist ein weiterer Grund, warum wir Mädchen früh fördern wollen. Auch wenn sie aus armen Familien stammen, haben sie trotzdem die Chance auf eine bessere Zukunft, indem sie zur Schule gehen und später einen Beruf ergreifen“, erklärte Richard.
„Werdet Ihr noch weitere Institute dieser Art errichten?“, fragte Julien Gebels nach.
„Wenn das Angebot auf gute Resonanz stößt, dann ja. Wir hoffen natürlich, dass die bereits bestehenden Schulen unser Konzept übernehmen und Mädchen den Unterrichtsbesuch bis zum Abitur ermöglichen werden“, erwiderte der Herzog.
„Denkt Ihr, dass die Zukunft so aussehen wird? Werden die Mädchen und Frauen den Jungen und Männern in allen Lebenslagen gleichgestellt sein?“ Julien sah die Herzogin fragend an.
„Ich hoffe sehr, dass diese Zukunft, von der Sie da sprechen, nicht in allzu weiter Ferne liegt. Es wäre wunderbar, wenn ich zu meinen Lebzeiten die kompromisslose Gleichberechtigung der Geschlechter erleben könnte. Vielleicht werden schon meine Töchter später studieren; darüber würde ich mich überaus freuen“, entgegnete Melanie lächelnd.
„Habt Ihr bereits Töchter?“, lautete die nächste Frage.
„Nein, noch nicht, aber möglicherweise in der Zukunft“, sagte die junge Herzogin strahlend.
Richard schaute sie daraufhin schweigend an und nahm einen tiefen Atemzug.
„Und die letzte Frage für heute: Wann wird Euer Gymnasium seine Türen für die ersten Schüler und Schülerinnen öffnen?“, fragte Julien Gebels.
„Der Bauplan sieht vor, dass das Gebäude bis zum kommenden Schuljahr 1878/1879 fertig sein wird. Dann werden wir alle Klassen voll besetzen“, antwortete Richard und damit war das Interview beendet. Er hielt die Hand seiner Frau fest und streichelte sie mit dem Daumen.
Monsieur Gebels bedankte sich höflich beim Herzogspaar für das Gespräch und versprach, in der nächsten Zeitungsausgabe, die morgen erscheinen würde, das Interview zu veröffentlichen. Er und sein Angestellter verabschiedeten sich von den beiden und gingen zurück zu ihrer Kutsche. Plötzlich nahm Richard Melanie an beiden Händen und sah sie eindringlich an.
„Liebste, es gibt da etwas, das ich dir besser sagen sollte“, sprach er zögerlich. „Es kann sein, dass du nicht erneut schwanger werden kannst.“
„Wie bitte?“ Melanie sah ihn irritiert an.
„Nach deiner letzten Geburt, die, wie du weißt, mit sehr großen Komplikationen verbunden war, meinte der Arzt zu mir, dass du wahrscheinlich keine weiteren Kinder bekommen wirst“, offenbarte Richard ihr die bittere Wahrheit.
Melanie sah ihn daraufhin eine ganze Weile schweigend an und konnte nicht sprechen. Ihr Traum von einem Mädchen war mit einem Schlag geplatzt. Ausgerechnet jetzt, da sie dabei war, ihrer zukünftigen Tochter eine bessere Welt zu erschaffen. Sie senkte ihren Kopf und stumme Tränen liefen ihr übers Gesicht. Richard umarmte sie ganz fest und sagte, als hätte er ihre Gedanken gelesen: „Wir werden Schwiegertöchter haben, die uns hoffentlich Enkeltöchter schenken werden.“
Melanie erwiderte nichts darauf. Sie weinte leise in sein Hemd und fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz als Frau. Das Gebären von Kindern war vielleicht nicht die einzige Bestimmung der Frauen, aber es gab manchen von ihnen einen Sinn in ihrem Leben. Melanie war froh darüber, dass sie bereits zwei Söhne hatte, denn ansonsten wäre sie an dieser Schreckensnachricht komplett zerbrochen.
Kapitel 81 Die Ehefrau
1. Oktober 1877
Graf Philip von Bellagarde las die erste Seite der Tageszeitung Vérité durch, auf der das Interview des Herzogspaares von Crussol und dem Chefredakteur der Zeitung abgedruckt war, und legte diese danach zur Seite.
„Was für ein Unfug!“, schimpfe er und schaute sich die anderen Personen am Frühstückstisch an. Neben ihm saßen seine Frau, sein Sohn und seit Neuestem seine Schwiegertochter. „Dieser Herzog von Crussol und seine wahnwitzigen Ideen! Jetzt hat er sogar vor, den Mädchen das Abitur zu ermöglichen. Was kommt als Nächstes? Frauen erobern die Universitäten und zum Schluss das Parlament?“
„Absoluter Schwachsinn, mein Lieber“, pflichtete die Gräfin ihrem Gatten bei. „Im Leben einer Frau sollte das Wohlergehen ihres Ehemannes und das der Kinder an oberster Stelle stehen. Alles andere ist unreife Fantasterei.“
George schaute von seinem Teller hoch und drehte den Kopf in Richtung seiner Ehefrau. Jasmina saß schweigend neben ihm und traute sich nicht, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Seit ihrer ersten Begegnung vor einem halben Jahr auf der Geburtstagsfeier ihrer kleinen Nichte Colette hatten die beiden sich oft getroffen. Und sich bei den gemeinsamen Spaziergängen in der Natur gegenseitig immer mehr lieb gewonnen. Bis George sich entschieden hatte, Jasmina einen Antrag zu machen. Sie hatte sofort ,ja‘ gesagt und bereits eine Woche später hatten sie still und heimlich geheiratet. Bei ihrer Hochzeit waren lediglich seine Eltern sowie Henri von Ailly mit seiner Frau und seinem Kind anwesend gewesen. Denn sowohl George als auch Jasmina waren sich von Anfang an einig gewesen, dass sie ein großes Fest mit viel Aufsehen und einem Haufen Gästen nicht wollten. Sie hatten es bevorzugt, sich leise und im privaten Rahmen gegenseitig das Ja-Wort zu geben. Abgesehen davon hatte George seiner Frau ein äußerst wichtiges Gelübde gegeben: Er hatte ihr versprochen, stets für sie da zu sein, egal was kommen würde.
„Da bin ich anderer Ansicht“, widersprach George seinem Vater und seine Eltern schauten ihn verwundert an. „Wir sollten den Frauen definitiv den Zugang zu höherer Bildung ermöglichen, denn sie haben weit mehr Interessen als nur die Familie und den Haushalt.“
„Wie bitte? Möchtest du uns etwa sagen, dass du dem Geschwafel von diesem Richard zustimmst?“, fragte der Graf empört.
„Ja, das tue ich“, antwortete George prompt und glaubte selbst nicht, das soeben gesagt zu haben: Er war der gleichen Meinung wie der Mann, der ihm einst seine Liebe ausgespannt hatte. „Der Herzog und seine Gemahlin haben eine moderne Einstellung, die ich mit ihnen teile. Junge Damen sollten studieren und nach höheren Berufen greifen dürfen, wenn ihnen danach ist. Wir Männer müssen uns mit der Tatsache abfinden, dass sie gleichwertige Konkurrenten in der Arbeitswelt sein werden“, fügte George hinzu und sah seinem Vater fest in die Augen.
„So einen Blödsinn will ich an meinem Tisch nicht mehr hören. Ist das klar?!“, brüllte Philip von Bellagarde seinen Sohn an.
„Sei vorsichtig damit, was du sagst, George. Sonst wirst du deiner Frau irgendwelche Flausen in den Kopf setzen“, ermahnte Emanuella von Bellagarde ihn.
„Jasmina ist äußerst eloquent und fleißig. Wenn sie heute entscheidet, sich an einer Universität einzuschreiben, dann unterstütze ich sie bei ihrem Vorhaben und werde sie auf ihrem Weg zur Naturforscherin fördern“, erwiderte George selbstsicher.
„Es genügt! Ich will davon nichts hören! Entweder du änderst sofort deine Meinung oder wir kennen uns nicht mehr!“, drohte der Vater ihm zornig.
„George, was ist bloß in dich gefahren? Seit wann bist du so rebellisch? Werde bitte wieder vernünftig!“, forderte die Mutter ihn auf.
„Nein, ich werde nichts dergleichen tun. Komm, Jasmina, wir gehen“, antwortete George sachlich und stand von seinem Platz auf.
Seine Ehefrau, die schweigend dem heftigen Wortwechsel zugehört hatte, sah ihn zunächst fassungslos an, erhob sich schließlich von ihrem Stuhl und sie marschierten gemeinsam aus dem Salon.
„George, wenn du jetzt gehst, dann brauchst du nicht wiederzukommen!“, warnte der Graf von Bellagarde ihn.
„Darüber bin ich mir im Klaren, Vater! Ab heute führe ich mein eigenes Leben!“, rief George zurück.
Ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen, verließ er zusammen mit Jasmina das Schloss seiner Eltern. Sie setzten sich in die Kutsche und fuhren zum Grafen von Ailly. Die beiden würden die erste Zeit bei Henri bleiben, bis sie ein eigenes Zuhause gefunden hatten. George machte es eigenartigerweise nichts aus, dass er soeben mit seinen Eltern wahrscheinlich für immer gebrochen hatte. Das Wichtigste für ihn war, dass er und seine Frau glücklich lebten, und er wollte auf gar keinen Fall Jasmina unterdrücken. Sie und Melanie hatten ihm gezeigt, dass Frauen äußerst intelligent waren und einen Platz in den oberen Rängen der patriarchischen Welt verdienten. Die ganze Fahrt lang hielt Jasmina Georges Hand fest und lächelte. Sie war zu schüchtern, um ihre Meinung in der Öffentlichkeit frei zu äußern, doch sie war überglücklich, einen Mann an ihrer Seite zu haben, der sie verstand und seine Stimme für sie erhob.
Kapitel 82 Die Herausforderung
1. Oktober 1877
Am Abend trafen sich Richard und Vincent wieder zu einer gemeinsamen Männerrunde im Gentlemen’s Club der Freien und Sozialistischen Partei und warteten ungeduldig auf Henri, der sich ungewohnterweise verspätete. Als der Graf von Ailly endlich erschien, waren seine Freunde bereits bei ihrem zweiten Glas Whisky und schauten ihn vorwurfsvoll an.
„Entschuldigt mich bitte, aber ich habe heute unerwarteten Besuch von meiner Schwester und ihrem Ehemann bekommen. Sie bleiben vorerst eine Weile bei mir wohnen und wir hatten gemeinsam ein ausgiebiges Abendessen“, erklärte Henri schnell und bestellte sich beim Kellner sogleich ebenfalls ein Glas Whisky.
„Deine Schwester hat geheiratet?“, fragte Richard verwundert. Denn er hatte nicht gewusst, dass Jasmina überhaupt verlobt gewesen war.
„Ja, vor genau einer Woche. Sie heißt nun mit vollem Namen Jasmina von Bellagarde“, erklärte der stolze Bruder.
„Wie bitte? Soll das etwa heißen, dass sie George geheiratet hat?“ Vincent klang fassungslos.
„Ja, genau. Ich sagte doch, dass ich der beste Verkuppler auf der ganzen Welt bin. Und Richard, du müsstest mir jetzt dafür danken, dass ich den Mann vom Markt genommen habe, der dir am gefährlichsten werden konnte“, bemerkte Henri grinsend.
Richard lachte kurz auf und spottete: „Danke, du Heiratsvermittler.“ Für ihn war das Thema mit seinem Rivalen ohnehin schon längst abgehakt, seitdem Melanie beinahe gestorben war. Denn jetzt wusste er, dass nicht George sie entzweien konnte, sondern nur der Tod.
„Und was ist eigentlich mit dir los?“, wandte Henri sich Vincent zu. „Du lässt dich von deiner Frau scheiden, habe ich gehört? Wieso?“ Für ihn war dieser Schritt absolut nicht nachvollziehbar.
„Weil er nicht mehr alle Tassen im Schrank hat“, antwortete Richard stattdessen.
Vincent warf ihm daraufhin einen genervten Blick zu.
„Jetzt Spaß beiseite. Warum hast du beim Gericht die Scheidungspapiere eingereicht?“, wollte Henri wissen und sah seinen Freund durchdringend an.
„Weil ich wieder heiraten möchte, deswegen“, antwortete Vincent kurz.
Henri glaubte, sich verhört zu haben, und fragte nach: „Wen willst du heiraten?“
„Jane von Bouget“, presste Richard zwischen den Zähnen hervor und kippte sich daraufhin Whisky in den Mund.
„Das ist nicht dein Ernst!“ Henri sah ihn mit großen Augen an. „Jane? Die Femme fatal?“
„Sie ist keine Femme fatal“, empörte sich Vincent.
„Doch, ist sie“, entgegnete der Herzog von Crussol und schaute entnervt zur Seite.
„Ich verstehe das nicht. Bist du im Hormonrausch oder weshalb kannst du nicht mehr klar denken?“, warf Henri seinem Kumpel Vincent vor und Richard nickte daraufhin mehrmals.
„Wieso versteht ihr beide das nicht? Ich liebe Jane und sie liebt mich, deswegen wollen wir heiraten“, beteuerte Vincent seine tiefen Gefühle.
„Sie hat dich bei deinem Schwanz“, stellte Richard unmissverständlich klar. „Jane hat dir die letzten Gehirnzellen weggevögelt, deswegen riskierst du für sie eine gesellschaftliche Blamage.“
„Das sagst ausgerechnet du, Monsieur-ich-klaue-mir-die-Braut-eines-anderen-brenne-dann-mit-ihr-durch-und-heirate-sie-schließlich“, bemerkte Vincent sarkastisch. „Welchen Skandal hast du nach deiner Tat heraufbeschworen?“
„Ist das hier ein Wettbewerb, wer den größten Skandal verursacht, oder was ist los?“, spielte ihm Richard zurück.
„Geht es bei uns Männern nicht immer darum, wer den Größten hat?“, bemerkte Henri amüsiert.
Richard ignorierte die anzügliche Anspielung und fuhr unbeirrt fort. „Vergiss den Skandal wieder. Denke lieber an deinen Sohn und daran, welche Folgen die Scheidung seiner Eltern für ihn haben wird. Bleibt er der rechtmäßige Erbe des Hauses von Guise und wird später der neue Herzog, oder wird sich Jane durchsetzen und euren gemeinsamen Nachwuchs bevorzugen? Du machst ja jetzt schon alles, was sie von dir verlangt. Womöglich wirst du am Ende Karl verstoßen.“
„Rede nicht so einen Unsinn! Ich würde meinen Sohn niemals enterben oder ihm sein Geburtsrecht, den Titel des Herzogs von Guise, verweigern“, widersprach Vincent vehement.
„Noch nicht. Warte, bis du mit Jane Kinder gezeugt hast und sie dich ordentlich bearbeitet hat, dann wirst du sowohl Karl als auch uns vergessen, nur damit sie glücklich ist“, blieb Richard unbeirrt bei seiner Meinung.
„Nein, da liegst du falsch“, zischte Vincent und sah ihn finster an. Er wollte soeben etwas hinzufügen, als plötzlich ein junger Mann hinter ihnen erschien und laut rief: „Herzog von Guise, auf ein Wort!“
Vincent, Richard und Henri drehten sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sahen verwundert den jungen Mann an, der breitbeinig dastand und offenbar auf Ärger aus war.
„Und wer sind Sie?“, fragte Vincent den Fremden irritiert.
„Mein Name ist Valentin Martin und ich will mit Euch reden, sofort!“, sagte er im Befehlston.
„Wer ist dieser Grünschnabel und woher nimmt er die Frechheit, so mit dir zu sprechen?“, empörte sich Henri und sah Vincent fragend an.
Richard hingegen erkannte den jungen Mann augenblicklich wieder. Es war derselbe Kerl, den er vor über zehn Monaten im Varieté Glückszahl 69 gesehen und der sich später heimlich vom Anwesen der Familie von Bouget geschlichen hatte. Es handelte sich offenbar um Jakobs Freund und Janes Liebhaber. Und Richards Annahme bestätigte sich, als Jakob und sein Kumpel Sebastian von Semur ebenfalls in den Club eintraten und verwirrt zu Valentin guckten.
„Tut mir leid, aber Sie sind mir unbekannt und ich weiß deswegen nicht, warum ich Ihrer unverschämten Aufforderung nachkommen sollte“, antwortete Vincent abwertend und musterte den jungen Mann von oben bis unten.
„Dafür kennt Ihr sehr wohl meine Freundin und macht ihr dreisterweise den Hof“, warf der junge Verehrer ihm vor.
„Und wer ist diese Dame? Wären Sie bitte so freundlich, mir ihren Namen zu verraten?“, fragte Vincent gelangweilt.
„Jane von Bouget“, offenbarte Valentin und ließ damit die Bombe platzen.
Jakob und Sebastian, die das Gespräch mitverfolgten, starrten ihn fassungslos an. Der Herzog von Guise stand augenblicklich von seinem Ledersessel auf und erkannte endlich seinen Rivalen.
„Ich fühle mich in meiner Ehre als Mann beschmutzt und fordere Euch hiermit zu einem Duell heraus!“, sagte Valentin mit sicherer Stimme und sah kampfeslustig zu seinem Widersacher.
„Das darf doch alles nicht wahr sein“, kommentierte Henri das Geschehen und vergrub sein Gesicht in seiner linken Hand.
„Sie sind mit Mademoiselle von Bouget liiert?“, fragte Vincent ungläubig.
„Ja, Jane und ich, wir sind seit über einem Jahr ein Paar. Und Ihr seid ein gemeiner Halunke, der sie verführt hat!“, beschuldigte Valentin ihn.
Vincents Gesichtsausdruck verfinsterte sich und er biss die Zähne zusammen.
Richard stellte sich direkt neben ihn und raunte ihm zu: „Ich sagte dir doch, dass Jane eine falsche Schlange ist und von ihren Liebhabern nicht loslässt, egal, was sie dir da versprochen hat. Lass sie auf der Stelle fallen und überlasse sie diesem Einfaltspinsel.“
„Ich bestehe auf mein Duell!“, rief Valentin erneut und ließ seinen Kontrahenten nicht aus den Augen.
„Sie wollen sich mit mir duellieren, Monsieur? Gut, wie Sie wünschen. Aber ich bestimme die Waffen“, antwortete der Herzog von Guise ernst.
Richard sah ihn entgeistert an. Hatte Vincent ihm soeben überhaupt zugehört?
„Einverstanden. Welche wählt Ihr?“, entgegnete Valentin und seine Augen blitzten auf.
„Säbel. Ich entscheide mich für ein Fechtduell“, erläuterte Vincent ruhig und lächelte teuflisch.
„Dann soll es geschehen. Wir treffen uns gleich morgen früh um fünf Uhr im Westen außerhalb der Stadt am Rande des Waldes“, sagte Valentin entschieden. Er wartete einen kurzen Augenblick ab, ob sein Gegner irgendetwas darauf erwidern würde, was nicht geschah, drehte sich dann um und verließ sofort den Club. Sebastian von Semur war sprachlos und starrte ihm hinterher, Jakob hingegen schaute ernst zu Vincent und Richard herüber. Seine Augen blieben an seinem Schwager haften, der Valentin beim Hinausgehen einen Todesblick verpasst hatte. Seitdem Jakob im Varieté Glückszahl 69 miterlebt hatte, wie Richard die Auftragsmörderin bezahlt hatte, wusste er, dass der Herzog von Crussol zu allem fähig war. Dieser Mann war dazu bereit, einen Mord in Auftrag zu geben. Und seit Gabriels erstem Geburtstag wusste Jakob, dass Richard mit dem Bankier Albert Blauschildt eng befreundet war, der in der Unterwelt als äußerst unberechenbar und kaltherzig galt. Demnach war die Lage für seinen Kumpel Valentin ziemlich ernst und er musste ihn schleunigst von diesem Duell abbringen. Er drehte sich wortlos um und ging langsam aus dem Club. Sebastian folgte ihm. Als die jungen Männer hinter der Eingangstür verschwunden waren, baute Richard sich direkt vor Vincent auf und stemmte seine Arme in die Hüfte.
„Was sollte das? Warum stimmst du einem Duell zu?“, machte er ihm sogleich Vorwürfe. „Ich erinnere mich noch genau daran, wie du mir von einem Kampf mit George abgeraten hast. Und du selbst stürzt dich kopfüber in ein Fechtduell. Wieso?“
„Richard, verstehst du das etwa nicht? Du konntest damals nur verlieren. Wenn du George bei einem Duell besiegt hättest, dann hätte Melanie dich daraufhin niemals geheiratet. Ich hingegen habe die Chance, Jane für mich zu gewinnen, und zwar ein für alle Mal“, versuchte Vincent ihm klarzumachen.
„Das Einzige, das du gewinnst, ist die Flucht aus dieser Stadt, falls du aus Versehen oder mit Absicht diesen Halbstarken im Duell tödlich verletzt“, entgegnete Henri, der nun ebenfalls vor Vincent stand.
„Dann werde ich halt die Stadt verlassen, aber zusammen mit Jane, und mit ihr ein glückliches Leben führen“, verteidigte Vincent sich.
„Hör auf zu träumen, verflucht noch mal, und wach endlich auf!“, fuhr Richard ihn an. „Du willst dein ganzes bisheriges Leben für sie opfern? Dazu noch deine Frau und deinen Sohn hinter dir lassen? Bist du dir überhaupt sicher, dass Jane dich liebt? So, wie dieser Valentin Martin sich soeben hier aufgeführt hat, habe ich den starken Verdacht, dass ihr Herz ihm gehört. Er ist sich seiner Sache verdammt sicher.“
Henri nickte mehrmals und stimmte Richard zu. Vincent fühlte sich in die Enge getrieben und holte nun zum letzten Schlag aus.
„Erinnerst du dich noch an den Augenblick, in dem Melanie fast gestorben wäre?“, stellte Vincent seinem besten Freund die Frage. „Fühlst du noch den Schmerz in deiner Brust und die Leere in deinem Kopf, die dich damals gelähmt haben?“
Richard schwieg und wusste, worauf sein langjähriger Freund hinauswollte.
„Du hättest dein Leben für Melanie gegeben. Richtig? So habe ich mich gefühlt, als Karolina starb. Es ist jetzt über elf Jahre her, dass ich sie das letzte Mal in meinen Armen hielt, und nun ist da eine Frau, die mir genauso viel bedeutet wie deine Schwester. Ich möchte Jane heiraten und mit ihr bis ans Ende meiner Tage zusammenbleiben“, erklärte Vincent und seine Augen wurden rot.
„Jane ist nicht Karolina. Sie ist es nicht wert, dass du dich für sie duellierst“, antwortete sein bester Freund entschieden.
„Doch, das ist sie“, beharrte Vincent.
Richard und Henri schüttelten nur ihre Köpfe und wussten keinen Rat mehr, wie sie ihren besessenen Freund vom Gegenteil überzeugen sollten.
Zur gleichen Zeit wartete Valentin auf der Straße auf seine Mitstreiter. Er hatte es geschafft, den Herzog von Guise zu einem Kampf herauszufordern; er würde diesen Mistkerl bald ein für alle Mal beseitigen, und Jane würde endlich ihm allein gehören. Seine Freunde kamen mit schnellen Schritten auf ihn zu geeilt und Jakob wirkte äußerst verärgert.
„Du hast seit über einem Jahr eine Beziehung zu meiner ältesten Schwester?“, sprach er aufgebracht und konnte es selbst kaum glauben.
„Ja, wir lieben uns glühend“, sagte Valentin offen und schämte sich nicht dafür.
„Warum hast du es mir nie erzählt?“, warf Jakob ihm vor.
„Weil Jane es mir verboten hat. Niemand aus ihrer Familie sollte es wissen oder sonst jemand aus der Öffentlichkeit“, erklärte Valentin schnell.
„Vermutlich, weil eine heimliche Liebelei in der Gesellschaft ein gefundenes Fressen für die Tratschtanten wäre“, schlussfolgerte Sebastian grinsend, denn er musste es am besten wissen. Seine Großmutter und Mutter waren die größten Lästermäuler, die es gab.
Jakob schüttelte ungläubig den Kopf und fuhr fort. „Weißt du eigentlich, was du da heraufbeschworen hast? Der Herzog von Crussol ist ein abgebrühter Mann. Wenn du seinem Freund, dem Herzog von Guise, etwas antust, dann wird er dir das Tausendfache heimzahlen.“
„Das glaube ich nicht. Es ist eine Angelegenheit zwischen dem Herzog von Guise und mir. Niemand sonst darf sich da einmischen. Ich werde ihn im Duell besiegen und damit wird die Sache erledigt sein. Wenn der Herzog von Crussol daraufhin auf Rache aus sein sollte, dann ist er ein unehrenhafter Mann“, entgegnete Valentin entschieden.
Jakob verdrehte die Augen und atmete tief durch. „Warum hast du eigentlich einem Fechtduell zugestimmt? Du weißt es offensichtlich nicht, aber Vincent von Guise ist ein herausragender Fechtmeister. Er trainiert regelmäßig, nimmt an Fechtturnieren teil und belegt dort die vordersten Plätze. Ich selbst habe ihn in Aktion gesehen. Und glaube mir, du hast mit deinen kümmerlichen Fechtkenntnissen keine Chance gegen ihn. Er hat dich mit voller Absicht in eine Falle schlittern lassen und du hast es nicht einmal gemerkt!“, redete Jakob sich in Rage, denn das Leben seines Freundes stand auf dem Spiel.
Valentin schaute ihn verunsichert an und sagte nichts dazu.
„Er wird dich umlegen und mit meiner Schwester verschwinden, kapierst du das jetzt endlich? Und keiner wird deinen Tod lange beweinen, dafür wird sein einflussreicher Freund, Herzog Richard von Crussol, schon sorgen“, erläuterte Jakob aufgebracht.
Alle drei schwiegen eine kurze Weile und überlegten angestrengt, bis Sebastian plötzlich das Wort ergriff.
„Jakob, du kennst dich hervorragend mit Waffen aus. Hast du vielleicht eine Idee, wie Valentin am Ende das Duell doch noch gewinnen könnte?“, fragte Sebastian plötzlich.
„Mir wäre es lieber, wenn das Duell erst gar nicht stattfinden würde“, entgegnete Jakob.
„Bitte“, flehte Valentin ihn an und er kämpfte mit den Tränen. „Ich liebe Jane und möchte sie nicht verlieren. Weißt du, wie sehr mich der Gedanke quält, dass sie den Herzog von Guise heiraten soll?“
Jakob verstand ihn nur zu gut. Als er vorhin Henri von Ailly im Gentlemen’s Club sitzen gesehen hatte, hätte er ihm am liebsten den Hals umgedreht, aber leider war für Jakob der Zug schon lange abgefahren.
„In Ordnung. Lassen wir es zu einem Duell kommen. Ich habe in der Tat eine Idee, die womöglich klappen könnte“, sagte Jakob schließlich.
Valentins Gesicht hellte sich sofort auf und er war voller Tatendrang. Bald würde er mit seiner Herzensdame auf ewig zusammenbleiben und sie würde nur ihn lieben. So, wie es sein sollte.
Kapitel 83 Das wahre Gesicht
2. Oktober 1877
Melanie wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her, bis sie schweratmend aufwachte. Eigenartigerweise konnte sie sich an keinen einzigen der Träume erinnern, die sie innerlich so aufgewühlt hatten. Sie drehte ihren Kopf auf die andere Seite des Bettes und erkannte, dass ihr Ehemann immer noch nicht da war. Wo steckte er bloß? Die Uhr auf der Kommode verriet ihr, dass es bereits zwei Uhr in der Nacht war. Sie stand auf, zog ihren Morgenmantel an und schlüpfte in ihre kuschligen Pantoffeln. Dann nahm sie einen Kerzenständer mit zwei Kerzen, zündete sie an und spazierte damit durch die Flure des Schlosses. Schließlich fand sie ihren Gatten in seinem Arbeitszimmer, wie er die Unterlagen durchsuchte und dabei ziemlich gestresst aussah.
„Richard, was tust du hier mitten in der Nacht?“, fragte sie ihn verwirrt.
Er schaute kurz zu ihr und forderte sie sogleich auf: „Melanie, geh wieder schlafen. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen.“
„Was ist bitte schön so wichtig, dass es nicht bis zum Morgen warten kann?“, wollte sie wissen.
„Ich sagte, du sollst ins Bett gehen“, wiederholte er und wirkte gereizt.
„Sagst du mir bitte vorher, was los ist?“ Melanie ließ nicht locker.
„Mein bester Freund hat den Verstand verloren, das ist los“, seufzte Richard und ließ die Papiere in seiner Hand sinken.
„Erkläre es mir bitte“, bat Melanie ihn in sanftem Ton.
„Vincent wird sich heute mit einem anderen Mann wegen eines selbstsüchtigen Weibes duellieren. Und er könnte dabei ernsthaft verwundet werden“, antwortete Richard verzweifelt.
„Wer ist diese Frau?“, fragte Melanie mit weit aufgerissenen Augen.
„Deine Schwester Jane“, sprach Richard den Namen voller Abscheu aus.
„Wie bitte? Das ergibt doch keinen Sinn. Vincent ist verheiratet. Meine Schwester würde niemals etwas mit ihm anfangen. Sie ist eine sittsame Frau, die sehr auf ihren guten Ruf bedacht ist“, entgegnete Melanie irritiert.
„Die beiden haben seit geraumer Zeit eine heimliche Affäre. Stelle dir das vor!“, rief Richard aufgebracht. „Vincent lässt sich sogar gerade für Jane von seiner Frau scheiden. Und zu allem Überfluss hat deine Schwester noch einen weiteren, glühenden Verehrer, diesen Valentin Martin, der Vincent zu einem Fechtduell herausgefordert hat!“
Melanie schüttelte ungläubig den Kopf und war zunächst fassungslos. „Jane?“, sagte sie stockend. „Das glaube ich einfach nicht.“
„Das solltest du aber. Deine Schwester ist das Letzte! Sie könnte für den Tod meines besten Freundes verantwortlich werden und das würde ich ihr niemals vergeben!“, schrie Richard und war außer sich vor Zorn.
Melanie drehte sich daraufhin augenblicklich um und ging schnell zurück in ihr Schlafgemach. Sie stellte den Kerzenständer auf die Kommode und suchte aus den Schubladen ihre Reitsachen heraus. Sie zog sich gerade um, als Richard plötzlich in das Gemach kam und vor ihr stehen blieb.
„Wo willst du hin?“, fragte er irritiert.
„Zum Anwesen meiner Eltern und mit Jane reden“, entgegnete Melanie schnell. „Wenn es tatsächlich stimmt, was du sagst, dann ist sie die einzige Person, die dieses Duell noch verhindern kann.“
Richard schaute seine Frau nachdenklich an. „Glaubst du ernsthaft, dass du Jane ins Gewissen reden kannst?“, äußerte er seine Zweifel.
„Ich will es wenigstens versuchen, sonst würde ich mir niemals verzeihen“, antwortete Melanie, zog ihren Reitmantel an und zum Schluss die Stiefel. „Wo und wann findet das Duell statt?“, fragte sie schnell.
„Heute um fünf Uhr morgens außerhalb der Stadt im Westen am Rande des Waldes“, entgegnete er.
Melanie holte aus ihrem Kleiderschrank noch den Säbel, den Richard ihr geschenkt hatte, und marschierte aus dem Zimmer hinaus.
„Melanie!“, rief ihr Ehemann ihr hinterher und sie drehte sich sogleich um. „Wenn du bei Jane nicht erfolgreich bist, dann komme auf gar keinen Fall zum Kampf.“
„Das werde ich nicht“, sagte sie entschieden und lief schnell weiter. Sie würde nicht scheitern, das durfte sie nicht. Sie begab sich zum Pferdestall und weckte ihren Hengst auf, der friedlich in seiner Box schlief.
„Komm, Nero, wir müssen meinem Freund Vincent helfen, bevor es zu spät ist“, sprach sie ihm leise ins Ohr. Nero schaute sie verschlafen an, schüttelte dann seine Mähne und wurde allmählich munter. Melanie sattelte ihn und kratzte schnell seine Hufe. Danach führte sie ihn aus dem Stall und sprang auf seinen Rücken. Es herrschte finstere Nacht, aber das war für sie kein Problem, denn sie kannte die Strecke auswendig. Sie ritt los und je näher sie dem Anwesen ihres Vaters kam, desto dunkler wurde die Nacht um sie herum. Als sie nach einer Viertelstunde dort ankam, brannte in ihrem alten Zuhause kein Licht. Überall war es gespenstisch still. Kein Vogelgesang, keine Insektengeräusche. Und sogar der Mond hatte sein Antlitz hinter einer Wolke verborgen. Das Anwesen, das tagsüber im hellsten Gelb und Weiß erstrahlte, glich in der Nacht einer Ruine aus uralten Zeiten, in der das Böse lebte. Melanie fasste Mut und klopfte an die Eingangstür. Erst nach einigen Minuten öffnete Monsieur Bernard ihr die Tür. Er hatte offensichtlich geschlafen, denn seine Kleidung war nicht zugeknöpft und die Perücke saß schief auf seinem Kopf. Er schaute Melanie überrascht an. Mit ihrem nächtlichen Besuch hatte er nicht gerechnet.
„Ich muss sofort mit Jane sprechen. Bitte wecke sie. Ich werde hier so lange warten“, forderte sie ihn auf und begab sich in den Salon neben dem Foyer.
Wenig später kam Jane im Morgenmantel herein und schaute ihre jüngste Schwester irritiert an.
„Melanie, was ist passiert, und warum weckst du mich?“, wollte sie wissen und rieb sich verschlafen die Augen.
„Mach bitte die Tür hinter dir zu und setze dich zu mir. Es ist äußerst dringend“, forderte ihre jüngere Schwester sie auf. Jane schloss langsam die Tür und nahm am langen Tisch neben ihr Platz.
„Hast du eine Affäre mit Vincent von Guise?“, fragte Melanie ernst und schaute ihrer Schwester tief in die Augen.
Janes Gesichtsausdruck zeigte keine Regung und sie erwiderte darauf: „Das hat dir mit Sicherheit Richard erzählt.“
Melanie atmete tief aus. Also stimmte es, was ihr Mann gesagt hatte.
„Sei bitte ehrlich. Hast du einen weiteren heimlichen Verehrer namens Valentin Martin?“, lautete ihre zweite Frage.
Dieses Mal starrte Jane sie erschrocken an und überlegte, was sie als Nächstes antworten sollte.
„Du hast!“, stellte Melanie schockiert fest und deutete Janes Schweigen als ein ,Ja‘. „Weißt du, dass die beiden heute bei einem Fechtduell gegeneinander antreten werden?“, sprach sie weiter.
Ihre Schwester runzelte die Stirn und wiederholte: „Sie wollen sich duellieren?“
„Ja, und das offensichtlich deinetwegen“, offenbarte Melanie. „Bei diesem Duell kann alles geschehen; jemand könnte schwer verletzt werden oder vielleicht noch schlimmer. Willst du das?“
Jane stand auf und schwebte langsam zum Fenster. Sie dachte scharf nach und ließ Melanie an ihren Gedanken teilhaben. „Vincent ist ein erfahrener Fechtmeister. Er wird Valentin besiegen, da bin ich mir sicher. Er wird ihn aber nicht töten, sondern nur verletzten.“
„Das ist doch nur eine Annahme. Keiner kann den Ausgang des Duells vorhersehen. Was gedenkst du also, dagegen zu tun?“, fragte Melanie aufgebracht.
„Wenn Vincent und Valentin die Angelegenheit untereinander auf diese Weise klären wollen, dann soll es so sein“, entgegnete Jane gelassen und schaute weiter aus dem Fenster nach draußen.
Melanie stand von ihrem Stuhl auf und konnte nicht glauben, was sie da soeben gehört hatte.
„Du willst es allen Ernstes zulassen? Wieso?“, fragte sie fassungslos.
„Weil Vincent dann zu hundert Prozent mein wäre. Er hätte sein Leben für mich riskiert und würde zusammen mit mir von hier fortgehen. Wir würden heiraten und ich wäre die neue Herzogin von Guise. Und Valentin würde uns nie wieder aufsuchen“, erklärte Jane nachdenklich.
„Das könntest du auch, wenn du mit den beiden sprächest und ihnen erklärtest, dass du dich für Vincent entschieden hast. Dann würde Valentin nicht mehr zum Duell antreten und du hättest dein Ziel erreicht“, schlussfolgerte Melanie.
„Nein, das ist nicht dasselbe“, konterte Jane und schüttelte langsam den Kopf. „Das wäre zu einfach. Sie kämpfen um mich und ich bin der begehrte Preis. Wenn ich mich einmische, dann würde ich ihr Verlangen nach mir schmälern.“
„Was redest du da bloß? Das ist doch kein Spiel. Es ist bitterer Ernst! Begreifst du das denn nicht?“, redete Melanie ihr ins Gewissen.
„Wenn ich Herzogin werden will, dann muss ich Opfer bringen“, antwortete ihre Schwester.
„Opfer nennst du das?“, sagte Melanie fassungslos. „Ist es dir etwa gleichgültig, dass Valentin bei dem Duell schwer verwundet werden könnte?“
Jane stand weiterhin mit dem Rücken zu ihr und antwortete leise: „Es muss leider so sein.“
Melanie trat an sie heran und drehte sie unsanft zu sich um. „Jane, bitte, komm mit mir zum Treffpunkt des Duells und verhindere es!“, flehte sie ihre Schwester an.
„Nein, das werde ich nicht“, weigerte sich Jane und blieb beängstigend ruhig.
Melanie starrte sie voller Entsetzen an.
„Was ist dein eigentliches Ziel? Eine Herzogin zu werden oder mit Valentin für allemal fertig zu sein?“, fragte sie sarkastisch und hoffte, dass sie sich in Jane irrte. Und dass ihre Schwester nicht zu einer abtrünnigen Frau mutiert war, die über Leichen ging.
„Wenn ich Glück habe, dann wird beides schon bald in Erfüllung gehen“, antwortete Jane und lächelte.
Melanie ließ sie sofort los, als hätte sie soeben glühende Kohle berührt, und ging ein paar Schritte rückwärts. Sie schüttelte ungläubig den Kopf und ihr wurde plötzlich übel.
„All die Jahre ...“, sagte Melanie langsam, „All die Jahre habe ich dich geliebt, weil wir Schwestern sind, aber nun erkenne ich dein wahres Gesicht und es ist hässlich.“ Sie hielt ihre Hand vor den Mund und glaubte, sich gleich übergeben zu müssen.
„Bin ich denn so anders als du? Um dich haben ebenfalls zwei Männer gekämpft und einem von ihnen hast du das Herz gebrochen. Ich sehe da keinen Unterschied“, verteidigte sich Jane.
„Oh, es macht einen gewaltigen Unterschied. Du hast Valentin nur benutzt, um Vincent eifersüchtig zu machen, und damit er am Ende die Scheidung von seiner Frau einreicht. Aber jetzt hast du die Kontrolle über das perfide Spiel verloren und hoffst, dass das Duell zu deinen Gunsten ausgeht. Doch was, wenn du dich irrst? Was machst du, wenn Valentin gewinnt?“, stellte Melanie ihr die Frage und atmete schwer.
„Dazu wird es nicht kommen. Vincent ist zu gut im Fechten, um zu verlieren. Der Sieg ist so gut wie seiner“, widersprach Jane und klang äußerst selbstsicher.
„Nein, das ist nicht die Antwort auf meine Frage. Du hoffst, dass Vincent gewinnt, aber du weißt nicht, was du tun wirst, wenn Valentin nicht verliert. Ich sage dir jetzt offen: Falls Vincent bei diesem verdammten Duell etwas zustößt, dann sind wir keine Schwestern mehr“, drohte Melanie.
„Damit kann ich leben“, entgegnete Jane und funkelte sie böse an.
Melanie hatte genug gesagt und gehört. Sie musste auf der Stelle hier raus, bevor sie ihren Mageninhalt auf dem Parkettfußboden hinterließ. Sie stürmte aus dem Anwesen, das nicht vor allzu langer Zeit noch ihr Zuhause gewesen war, und ritt wutentbrannt den Weg wieder zurück. Die Sonne kündigte sich am Horizont an und Melanie spielte mit dem Gedanken, zum Treffpunkt des Duells zu reiten – aber sie hatte Richard versprochen, nicht hinzukommen, egal wie ihr Gespräch mit Jane ablaufen würde. Blieben ihr demnach nur Beten und Hoffen? Konnte überhaupt alles gut gehen? Denn bei einem Kampf gab es immer einen Verlierer und jemanden, der um ihn weinte.
Kapitel 84 Der Knall
2. Oktober 1877
Richard kam eine halbe Stunde vor Beginn des Duells am Rande des Waldes an. Vincent und Henri warteten dort bereits auf ihn. Von der gegnerischen Partei fehlte noch jede Spur. Der Herzog von Crussol sprang von seinem Pferd und stellte sich zu seinen Freunden. Der Boden war von Morgentau überzogen und gelegentlich sah man Nebelbänke direkt auf den Feldern und Wiesen liegen. Der Oktober bemalte den Wald mit feurigen Farben und die Luft hatte sich endgültig von der Wärme des Sommers verabschiedet.
„Hast du die Unterlagen gefunden, um die ich dich gebeten habe?“, fragte Vincent seinen Freund.
„Ja, habe ich. Die Papiere wurden damals sogar notariell beglaubigt, als du sie aufgesetzt hast. Falls dir etwas zustoßen sollte, dann wird dein Sohn Karl in meine Obhut übergehen, und ich bin dann neben seiner Mutter Jacqueline sein Vormund, bis er das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat“, bestätigte Richard und hatte Schwierigkeiten, seine schlechte Laune zu verbergen.
„Ich danke dir“, sprach Vincent und schaute seinen langjährigen Freund nachdenklich an. „Was ist los? Glaubst du etwa, ich verliere gegen diesen Jüngling, so wie du seinerzeit gegen deine Frau verloren hast?“, stichelte er scherzhaft.
„Das könnte durchaus passieren, ja, aber ich befürchte, dass dir diese Niederlage nicht so viel Vergnügen bereiten wird wie mir damals meine gegen Melanie“, entgegnete Richard schroff.
„Ich erinnere mich daran. Das war eure erste Begegnung und sie hat dich sogleich aufs Kreuz gelegt. Wolltest du es ihr damals nicht heimzahlen?“, bemerkte Henri grinsend.
Richard warf ihm von der Seite einen genervten Blick zu. Ihm war momentan nicht nach Späßen zumute.
„Versprich mir, dass, egal was gleich passiert, du mich auf gar keinen Fall rächen wirst“, sagte Vincent plötzlich.
Sein bester Freund schaute verwundert zu ihm und erwiderte prompt: „Das kann ich nicht versprechen.“
Der Herzog von Guise stellte sich Richard direkt gegenüber und blickte ihm mit ernster Miene ins Gesicht.
„Ich kenne dich wie kein anderer und weiß deshalb, wie weit dich deine Gier nach Rache führen kann. Deswegen möchte ich, dass du mir versprichst, keine Vergeltung für mich zu üben“, beharrte Vincent. „Du hast eine Frau und Kinder, die dich brauchen. Bringe dich meinetwegen nicht in Gefahr. Es ist ganz allein meine Entscheidung gewesen, diesem Duell zuzustimmen, obwohl du mir davon abgeraten hast. Deshalb werde nur ich die Konsequenzen davontragen.“
Richard sah ihn stirnrunzelnd an und schwieg.
„Schwöre, dass du nichts unternehmen wirst“, sprach Vincent eindringlich und sah ihm fest in die Augen.
Sein Freund atmete tief ein und wieder aus und sagte höchst widerwillig: „Ich schwöre es.“
Der Herzog von Guise entspannte sich und lächelte leicht.
„Sieh zu, dass du gewinnst. Und bitte töte diesen törichten Burschen nicht“, ermahnte Richard ihn.
„Ich gebe mein Bestes“, entgegnete Vincent mit einem breiten Lächeln und schaute zum wolkenlosen Himmel. „Es scheint heute ein schöner Tag zu werden. Was wollen wir nachher unternehmen?“
„Wie wäre es mit einem Ausflug an den Strand zusammen mit den Kindern?“, schlug Henri vor und wirkte völlig entspannt. Offenbar hatte er keine Bedenken bezüglich des Ausgangs des Zweikampfes.
„Klingt super, das machen wir“, sagte Vincent fröhlich und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der gerade drei Reiter näherkamen. „Ah, da ist ja unser Gegenspieler“, stellte er fest und wurde wieder ernst.
Die jungen Männer verlangsamten ihre Pferde und hielten nur wenige Schritte von ihnen entfernt an. Sie sprangen galant auf den Boden und kamen dem berüchtigten Trio näher. Vincent fixierte seinen Kontrahenten mit den Augen und versuchte, ihn zu durchschauen. Valentin wirkte äußerst entschlossen und schaute furchtlos zu seinem Gegner.
„Was macht ihn so siegessicher?“, überlegte Vincent. „Ist er womöglich besser im Fechten als angenommen?“
„Nun denn, zeigt eure Waffen“, sprach Henri und streckte den beiden Duellanten seine Hände entgegen. Valentin und Vincent übergaben ihm jeweils ihre Säbel und der Sekundant inspizierte die Fechtwaffen. Sebastian von Semur stand neben ihm und begutachtete die Fechtwaffen ebenfalls. Die Säbel waren von normaler Beschaffenheit und hatten nichts Außergewöhnliches an sich. Am Ende der Überprüfung nickten Henri und Sebastian gleichzeitig und gaben die Säbel an ihren jeweiligen Besitzer zurück. Valentin drehte sich zu Jakob um, der etwas weiter abseitsstand, gab ihm eine freundschaftliche Umarmung und sagte: „Danke für alles. Wir werden uns nicht so schnell wiedersehen.“
„Eines Tages sehen wir uns wieder, mein Freund“, antwortete Jakob und sah ihn traurig an.
Valentin nickte unmerklich und atmete tief durch. Er drehte sich um und begab sich in Kampfstellung. Vincent stand wenige Schritte vor ihm und nahm ebenfalls seine Position ein. Es war für beide ein aufregendes Gefühl, ihrem Gegner während des Duells gegenüberzustehen. Das Herz schlug schneller, man war auf das Äußerste angespannt und musste bei völlig klarem Verstand bleiben. Denn Fechten war wie Schachspielen in Hochgeschwindigkeit. Vincents Strategie war es, seinen Kontrahenten bis zur Erschöpfung zu treiben. Er müsste Valentin lange attackieren, bis dieser müde werden und von allein aufgeben würde. Und er durfte keine schweren Schnittverletzungen oder sogar Stiche kassieren, um selbst bis zum Schluss bei Kräften zu bleiben. Nur so konnte Vincent seinen Rivalen bezwingen, ohne ihm großartig zu schaden. Doch plötzlich bemerkte er etwas Sonderbares an der Art, wie Valentin seinen Säbel hielt: mit ausgestrecktem Arm und direkt auf seinen Gegner zielend. Eine außergewöhnliche Kampfposition mit der Fechtwaffe. Im nächsten Moment erkannte Vincent, was da in Wahrheit vor sich ging, aber dafür war es zu spät. Ein lauter Knall ertönte und er spürte den Schmerz, als etwas seinen Brustkorb durchdrang. Die Krähen, die soeben friedlich oben in den Bäumen des Waldes geschlafen hatten, schreckten auf und flogen kreischend davon. Zunächst blieb Vincent regungslos stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Valentin. Er sah ein leichtes Lächeln auf den Lippen seines Rivalen und den absoluten Triumph in seinem Blick. Wie hatte Vincent sich nur so in ihm täuschen können? Dieser junge Mann kannte keine Skrupel. Die Zeit verlangsamte sich und Vincent fiel wie in Zeitlupe rücklings auf den feuchten Rasen. Richard starrte fassungslos in seine Richtung und sah, wie sich dessen Brust schnell rot färbte. Er beugte sich zu ihm und blickte voller Entsetzen. Vincent spuckte Blut, viel Blut. Richard schaute auf die Einschussstelle in Vincents Weste und begriff in diesem Moment, dass mit einer Pistolenkugel auf seinen Freund geschossen worden war. Aber wie konnte das passiert sein? Er schaute wieder hoch zu Valentin, der zurück zu seinem Pferd rannte und auf dessen Rücken sprang. Der Sieger machte sich schnell aus dem Staub. Seine Freunde Jakob und Sebastian starrten zunächst panisch zu Vincent und ergriffen dann ebenfalls die Flucht. Richard sah ihnen voller Hass hinterher und der einzige Grund, aus dem er ihnen nicht sofort nachjagte, war sein bester Freund, der direkt vor ihm auf dem Boden lag und verblutete. Er nahm sein Jackett ab und versuchte, damit die Blutung zu stoppen, aber es half nicht. Henri kniete ebenfalls daneben und sah hilflos zu Vincent, der immer blasser wurde.
„Richard“, keuchte Vincent. Der Schmerz in seiner Lunge war unerträglich und raubte ihm die Luft. Er ergriff die Hand seines langjährigen Gefährten und die Worte kamen nur noch röchelnd aus ihm heraus: „Sie ist es wert gewesen.“
Doch Richard schüttelte nur den Kopf und sah Vincent flehend an. Sein bester Freund durfte ihn nicht verlassen. Aber sein treuer Begleiter machte den letzten, gurgelnden Atemzug, dann verschwamm die Umgebung um ihn herum und wurde für immer dunkel. Richard verspürte einen dumpfen Schlag in seiner Brust und konnte nicht mehr atmen. Nicht denken. Nicht fühlen. Nicht weinen. Er hörte Henris qequälten Schrei neben sich, aber er selbst war wie gelähmt. Als hätte man ihm sein Herz rausgerissen und es weggeworfen. Nach einer kurzen Zeit spürte er, wie ihn jemand an der Schulter berührte. Er vernahm eine vertraute Stimme, die ihn fragte: „Wie ist das passiert?“
Richard blickte starr auf seinen toten Freund und brachte kein Wort heraus. Vincents Gesicht sah so friedlich aus, als würde er mit offenen Augen träumen.
„Nein, sie ist es nicht wert gewesen. Und ich habe dich nicht aufhalten können“, lautete Richards einziger Gedanke in diesem Augenblick.
„In dem verfluchten Säbel war eine kleine Pistole eingebaut. Ich habe die Fechtwaffen vorher überprüft, aber Valentin hat seinen Säbel kurz nach der Inspektion gegen einen anderen bei Jakob ausgetauscht, ohne dass wir es bemerkt haben“, erzählte Henri unter Tränen. Er warf sich auf Vincent und war völlig in seiner Trauer aufgelöst.
Die Hand auf Richards Schulter fing an zu zittern und formte sich zu einer Faust.
„Ich bringe diese verdammte Schlampe um!“, schrie die Stimme und weckte den Herzog von Crussol aus seiner Schockstarre. Er drehte sich zu ihr um und erkannte seine Frau wieder.
„Warum ist sie hier?“, fragte er sich.
Melanie marschierte zurück zu ihrem Pferd und schwang sich in den Sattel. Dann galoppierte sie davon, als gehe es um einen Sieg, der aber bereits verloren war. Nero rannte so schnell wie noch nie in seinem Leben. Er fühlte den Zorn seiner Reiterin und das machte ihn rasend. Er schnaufte und beschleunigte immer weiter. Wäre er jetzt auf einer Rennstrecke, dann hätte er jedes andere Pferd gnadenlos geschlagen. Nero sah sein Ziel vor Augen: das gelbe Anwesen, in dem das Böse lebte. Er hatte es gerochen, als er vor wenigen Stunden hier gewesen war. Er bremste und kam direkt vor dem Eingang zum Stehen. Melanie sprang von ihm ab, zog ihren Säbel aus der Scheide und begab sich auf die Jagd. Sie öffnete selbst die Eingangstür und lief hinein.
„Jane!“, rief sie laut.
Ihre Mutter kam angelaufen und starrte sie entsetzt an.
„Melanie, was ist passiert?“, fragte sie irritiert.
Doch ihre Tochter ignorierte sie, lief die große Treppe hoch und stürmte in Janes Zimmer. Niemand war da, nur die Balkontür stand offen. Melanie ging sofort dorthin und schaute hinaus, aber da war ihre Schwester ebenfalls nicht. Sie kehrte wieder zurück auf den Flur und suchte die anderen Schlafzimmer ab.
„Wo bist du, Hexe? Komm sofort raus!“, schrie sie in ihrem Wahn. Doch sie begegnete nur den verwirrten Bediensteten und schließlich ihrem Vater, der im Foyer stand und sie ernst anguckte.
„Wo ist Jane?“, fragte sie ihn laut und lief die Haupttreppe wieder hinunter.
„Kannst du mir vorher sagen, was überhaupt geschehen ist?“, stellte er ihr stattdessen die Gegenfrage.
Melanie bemerkte sofort, dass hier etwas nicht stimmte.
„Bring sie sofort her!“, forderte sie ihn auf.
„Jane ist soeben mit einem jungen Mann hier rausgelaufen, als würde es um ihr Leben gehen. Sage mir zum Donnerwetter noch mal, was passiert ist!“, schrie Thomas laut.
Aber Melanie hatte keine Zeit für Erklärungen. Sie lief an ihrem Vater vorbei ins Freie und sah, wie zwei Reiter schnell davongaloppierten. Sie erkannte sofort Janes blonden Haarschopf und lief zurück zu ihrem Pferd, um ihrer Schwester nachzujagen. Jane würde ihr nicht entkommen. Niemals! Doch plötzlich versperrte ihr jemand den Weg. Es war Jakob und er hielt ein Schwert in der Hand. Er sah Melanie flehend an und wollte bereits etwas sagen, aber sie stürzte sich voller Wut auf ihn. Sie attackierte ihn erbarmungslos mit ihrem Säbel und Jakob hatte Mühe, die schweren Hiebe zu parieren. Seine Schwester war wie von Sinnen. Sie verpasste ihm einen Schlag nach dem nächsten, bis Jakob mit dem Rücken an einem Baum stand und ihr völlig ausgeliefert war. Melanie schlug ihm den Säbel aus der Hand und presste ihn mit dem linken Arm gegen den Stamm.
„Gib es zu! Das war deine Idee, Jakob“, zischte sie. „Vater hat dich viel über Waffen gelehrt, ganz besonders über die Hinterlistigen. Wie bist du an das raffinierte Teil rangekommen? Hast du jetzt Verbindungen zu illegalen Waffenlieferanten oder hat dir Vater ein paar seiner alten Kollegen vorgestellt, die in dem Beruf tätig sind?“
Jakob blieb stumm und versuchte, sich von ihr zu befreien – vergebens. Melanie hielt ihm ihren Säbel an seine Kehle und war bereit, zuzustechen.
„Antworte mir!“, brüllte sie ihn an.
„Ja, es war meine Idee!“, gab Jakob zu. „Sollte ich etwa zusehen, wie mein Freund beim Duell verliert?“
„Stattdessen habt ihr meinen Freund umgebracht!“, schrie Melanie laut.
„Das war so nicht geplant. Valentin sollte den Herzog nur verletzten, aber nicht töten“, erklärte Jakob.
Seine Schwester schüttelte heftig den Kopf und donnerte: „Wie hinterrücks kann man sein? Das war kein faires Duell, sondern ein feiger Mord!“
Sie presste Jakob noch stärker gegen den Baum und holte mit dem Säbel aus. Ihr Bruder riss seine Augen auf und schnappte nach Luft. Sie stach blitzschnell zu, und genau im gleichen Augenblick packte sie jemand von hinten und zerrte sie weg von ihm. Jakob zitterte am ganzen Körper. Der Säbel hatte seinen Kopf nur um wenige Millimeter verfehlt und steckte nun direkt neben seinem Gesicht im Baum.
„Lass mich los!“, schrie Melanie und schlug um sich. Aber die unbekannte Person war stärker als sie und hielt sie weiterhin fest im Griff. „Jakob, wie konntest du das nur tun?“, rief sie ihrem Bruder zu, während sie weiter fortgeschleppt wurde. „Wieso hast du zugelassen, dass er stirbt?!“, kreischte sie laut und Tränen liefen ihr übers Gesicht.
Jakob stand regungslos da und schaute auf seine hysterische Schwester, die sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Sie tat ihm unendlich leid, aber was geschehen war, konnte niemand mehr rückgängig machen.
„Warum, Jakob? Warum musste Vincent sterben?“, fragte Melanie verzweifelt und weinte bitterlich. Sie schaute hinunter auf die Arme, die sie an der Taille umklammert hielten, und erblickte blutverschmierte Ärmel und Hände. Sie drehte ihren Kopf um und erkannte Richard. Er war ihr nachgeritten, um sie aufzuhalten. Sie gab ihren Kampf schlagartig auf und sackte in sich zusammen. Melanie heulte und konnte den Schmerz des Verlusts nicht ertragen. Ihr Mann hielt sie so lange fest, bis sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Dann stellte er sie auf die Beine und nahm ihr Gesicht in die Hände. Melanie schluchzte und sah ihn qequält an. Richards Gesichtsausdruck zeigte keine Regung. Er sah ihr tief in die Augen und erklärte: „Die Zeit für die Rache ist nicht hier und nicht jetzt.“
Sie nickte und vergrub ihr Antlitz in seiner Brust. Er umarmte sie, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Dann nahmen sie ihre Pferde an den Zügeln und gingen langsam den Weg zurück. Sie hatten im Kampf um das Leben ihr Bestes gegeben und am Ende auf ganzer Linie verloren.
Kapitel 85 Das Blätterrascheln
4. Oktober 1877
Die Beerdigung des Herzogs von Guise fand bereits zwei Tage nach seinem Tod statt. Die Trauergesellschaft stand um den Sarg des Verstorbenen herum und hörte den Worten des Pfarrers zu. Vincent sollte auf dem Privatfriedhof seiner Familie auf deren Landsitz beigesetzt werden. Der Herzog von Crussol und seine Frau standen in der ersten Reihe und waren praktisch nur körperlich anwesend. Während der gesamten Zeremonie hielten sie sich an den Händen und zeigten keine Regung. Melanie schaute zu den Bäumen mit den gelben und roten Blättern und hörte das Rascheln im Wind. Für sie war es das Geräusch der Vergänglichkeit und sie betete dafür, dass Vincents Seele ihren Frieden finden würde. Als der Sarg zusammen mit dem Leichnam der Erde übergeben worden war, waren Richard und Melanie die Letzten, die von der Grabstelle weggingen. Der Abschied fraß ihre Freude auf und es gab kein Wort, das den Verlust nur annähernd beschreiben konnte. Die Beerdigungsfeier wurde im Schloss des neuen Herzogs von Guise abgehalten, dem siebenjährigen Karl. Er hatte all das Vermögen und den Besitz seines verstorbenen Vaters geerbt. Melanie schaute auf den hübschen, blonden Jungen, der neben seiner Mutter auf einem Sofa saß und dabei unendlich verloren wirkte. Sie ging zu ihm und umarmte ihn. Dann wandte sie sich an Jacqueline von Guise und sprach zum allerersten Mal mit ihr. „Ich kann nicht in Worte fassen, welche Lücke Vincents Tod bei uns hinterlässt. Er wird uns auf ewig fehlen. Sein Wunsch war es, dass mein Mann Karls Vormund wird. Und ich bin mir absolut sicher, dass der Herzog von Crussol diese Aufgabe mit viel Verantwortung übernimmt. Trotzdem möchte ich Ihnen meine Hilfe anbieten. Bitte zögern Sie nicht, mir zu sagen, wenn ich etwas für Sie tun kann.“
Die Witwe nickte leicht und antwortete matt: „Danke, aber Sie müssen wissen, dass ich bereits seit Jahren meinen Frieden im Glauben zu Gott gefunden habe. Ich hege schon lange den Gedanken, als Nonne in einem Kloster zu leben, und nun ist der Augenblick dafür gekommen.“
„Aber was ist mit Karl? Wollen Sie nicht lieber bei ihm bleiben?“, fragte Melanie einfühlsam.
„Ich könnte ihn niemals zu einem Herzog erziehen, wie sein Vater es getan hätte. Nein, es ist besser, wenn mein Sohn von einem Mann wie Monsieur von Crussol erzogen wird. Dann kann er später in dieser Welt voller Leid und Schmerz bestehen“, entgegnete die Mutter. „Ich werde ab sofort nur noch dem Allmächtigen dienen.“
Melanie atmete tief durch und betrachtete Jacqueline eindringlicher. Die Herzogin von Guise hatte ein schlichtes, bodenlanges Kleid aus Wolle angezogen und darüber eine lange, schwarze Strickjacke. Ihre Haare waren recht kurz geschnitten und sie trug keinerlei Schmuck. Madame von Guise hatte den irdischen Gelüsten komplett entsagt und wollte sich sogar nicht um ihr eigenes Kind kümmern. Ihr Aussehen wirkte eintönig und es war nichts Aufregendes an ihr. So langsam verstand Melanie, weshalb ihre älteste Schwester es so leicht gehabt hatte, Vincent zu verführen. Jane war im Vergleich zu Jacqueline wie eine Sirene, die mit ihrem Lockruf die Männer ins Verderben stürzte, während die Herzogin von Guise grau und unscheinbar war und niemals das Verlangen eines Mannes wecken wollte. Melanie stand wieder auf und nahm Karl lächelnd an der Hand. Zusammen schlenderten sie durch die Menge der Gäste und begegneten dem Baron von Bouget. Melanies Vater war mit seiner Frau allein erschienen. Jakob blieb der Trauerfeier fern. Melanie wusste nicht, ob sie ihm das, was geschehen war, jemals verzeihen würde. Ihr Bruder hatte ihren Eltern zuvor alles erzählt. Thomas von Bouget war daraufhin außer sich vor Zorn gewesen, aber was hätte er noch tun können? Seine Kinder hatten die Katastrophe selbst herbeigerufen. Jetzt mussten sie dieses Kreuz bis ans Ende ihrer Tage mit sich tragen.
„Weiß man schon, wohin Jane verschwunden ist?“, fragte Melanie ihre Eltern.
„Nein“, antwortete Thomas von Bouget ehrlich. „Sie ist zusammen mit ihrem jungen Liebhaber auf und davon. Niemand hat nur den geringsten Verdacht, wohin. Sogar Jakob weiß keinen Rat.“
Melanie nickte enttäuscht. Ihre Rache musste demnach warten, aber sie würde sie niemals vergessen.
Johannas Auftreten in der Gesellschaft war auffällig um einiges bescheidener geworden. Denn Jane war ihr Lieblingskind gewesen. Und seitdem ihre älteste Tochter sich auf so niederträchtige Art und Weise in der Öffentlichkeit in Verruf gebracht hatte, zeigte die Mutter mehr Demut. Es war nicht mehr ihr oberstes Ziel, vor den anderen Leuten zu prahlen, sondern unauffällig zu bleiben.
Etwas weiter entdeckte Melanie die Baronin von Semur mit ihrer Tochter Monika. Sie gesellte sich zu ihnen und begrüßte sie freundlich.
„Es ist immer eine Tragödie, wenn junge Menschen so früh von uns gehen“, sagte Rosemarie und Monika nickte seufzend. „Es tut uns aufrichtig leid, was geschehen ist. Die Verstrickungen meines Enkels in die ganze Angelegenheit sind ...“
„Ist schon gut, Madame“, unterbrach Melanie die alte Dame. „Die Verantwortlichen für den Mord an Vincent von Guise werden früher oder später zur Rechenschaft gezogen, aber Sebastian zählt nicht zu diesen Personen. Er trägt keinerlei Schuld an dieser Sache.“
Monika wirkte zutiefst erleichtert und sagte sogleich: „Danke schön. Sie glauben nicht, wie viel uns Ihr Freispruch bedeutet. Ich denke dabei an meinen Sohn. Wenn man ihn als Mittäter am Mord an dem Herzog von Guise bezichtigen würde, dann wäre seine Zukunft verwirkt. So wie es beim Haupttäter, diesem Valentin Martin, der Fall ist. Seine reiche Familie ist seit dem desaströsen Vorfall gesellschaftlich tief gefallen. Valentin ist ihr einziger Sohn und Erbe und nun ist er verschwunden. Irgendwo untergetaucht. An seiner Stelle würde ich mich nie wieder hier blicken lassen. Denn der einflussreiche Herzog von Crussol wird ihm sicherlich keine Ruhe gönnen.“
„Da irren Sie sich“, entgegnete Melanie kühl. „Nicht vor meinem Mann sollte sich Valentin Martin fürchten, sondern vor mir.“
Monika und Rosemarie sahen die junge Herzogin von Crussol verwundert an und trauten sich nicht, etwas zu erwidern. Melanie verabschiedete sich höflich von den beiden Damen, ging anschließend weiter, stets Karl an ihrer Seite, und entdeckte Jasmina.
„Melanie, darf ich dir meinen Mann vorstellen?“, fragte ihre Freundin und zeigte mit der flachen Hand nach links. Melanie schaute dorthin und war völlig überrascht, George zu erblicken.
„Wir haben erst vor Kurzem geheiratet und es noch nicht jedem erzählt“, erklärte die frischgebackene Madame von Bellagarde zögerlich.
Nach einigen Sekunden fand Melanie die Fassung wieder und erwiderte Jasminas freundliches Lächeln.
„Ich freue mich aufrichtig für euch“, sagte sie ehrlich und legte zuerst Jasmina und danach George ihre Hand auf die Schulter. George sah sie zunächst etwas traurig an, lächelte dann aber wieder, als sie ihm direkt ins Gesicht sah. Und er stellte fest, dass sie für ihn weiterhin das süßeste Lächeln auf dieser Welt besaß. Melanie schwebte ganz nah an ihm vorbei, um sich dann wieder von ihm zu entfernen. So, wie sie es immer tat. Er würde sie niemals festhalten können.
Melanie blickte sich im großen Saal um und entdeckte ihre Familie etwas abseitsstehen. Sie stellte sich zu Richard, der seinen jüngsten Sohn im Arm wiegte und ihm zärtlich über die Finger streichelte. Nikolai war völlig entspannt und schlummerte. Katarina von Crussol stand direkt daneben und hielt Gabriel an der Hand, der neugierig zu dem Jungen neben seiner Mama guckte. Melanie kniete sich zu Vincents Sohn herunter und sprach liebevoll zu ihm: „Karl, du lebst ab heute bei uns. Dein Onkel Richard und ich, wir sind jetzt deine Eltern, und unsere zwei Söhne sind deine jüngeren Brüder. Ich bin mir sicher, dass ihr euch gut verstehen werdet.“
Karl nickte schüchtern und lächelte leicht. Und genau in diesem Moment erkannte Melanie Vincent in seinem Gesicht wieder. Der kleine Junge gehörte nun zur Familie von Crussol und sie würde ihn genauso bedingungslos lieben wie ihre eigenen Kinder.
An diesem Abend saß Jakob von Bouget allein an der Bar im Varieté Glückszahl 69. Er trank gedankenverloren ein Glas Wodka und fühlte sich unendlich einsam. Um ihn herum feierten die Gäste ausgelassen und verfolgten die frivole Vorstellung. Zwei Tänzerinnen hatten aus der Zuschauermenge einen Mann herausgesucht und zu einer gemeinsamen Darbietung auf die Schaubühne eingeladen. Der junge Herr hatte sich nicht lange bitten lassen und war sogleich zu den beiden leicht bekleideten Damen gesprungen. Während er aus dem Bauchnabel einer der Tänzerinnen Champagner schlürfen durfte, jubelten ihm seine Freunde aus dem Publikum zu. Die heitere Stimmung berührte Jakob nicht im Geringsten. Früher hätte er sich ebenfalls zusammen mit seinen Kumpels köstlich amüsiert, aber diese Zeiten waren endgültig vorbei. Er hatte Valentin und Jane zur Flucht verholfen, denn sonst hätten sie vom Herzog und der Herzogin von Crussol keine Gnade erwarten können. Seine älteste Schwester und sein bester Freund waren in dieser Stadt nicht mehr willkommen. Sebastian von Semur hatte sich vorerst komplett von Jakob abgewandt, denn er befürchtete, dass seine Verbindung zu ihm die gesamte Familie von Semur in Verruf bringen würde. Jakobs Eltern waren von ihm zutiefst enttäuscht und wechselten mit ihm kaum ein Wort. Er fühlte sich zu Hause nicht mehr wohl. Niemand war da, mit dem er reden konnte. Der Graf von Ailly würdigte seinen Schwager keines Blickes, denn schließlich war Jakob für den Tod seines Freundes mitverantwortlich. Somit konnte Jakob nicht mehr jederzeit zu Veronika und Colette, um sie zu sehen. Die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben fehlten ihm unglaublich und gerade jetzt bräuchte er ihre seelische Unterstützung am dringendsten. Er war zur Einsamkeit verdammt. Aber besonders schmerzte Jakob der Verlust seiner Schwester Melanie. Die Beziehung zwischen ihm und ihr war gestorben. Sie würde ihm den Mord an Vincent von Guise niemals verzeihen, das hatte sie ihm unmissverständlich gezeigt. Sie hätte ihn mit ihrem Säbel umgebracht, wenn Richard nicht gewesen wäre. Jakob musste unwillkürlich schmunzeln, als er an den Herzog von Crussol dachte, und trank aus seinem Glas. Vermutlich schmiedete Richard bereits Pläne, wie er ihn für sein Vergehen büßen lassen könnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Jakob mit einer Gewehrkugel in seiner Brust im Matsch liegen würde und die letzten jämmerlichen Sekunden seines Lebens aushauchte. Sein Schicksal war besiegelt. Ganz unerwartet setzte sich eine junge Frau im roten Seidenkleid auf einen Hocker neben ihn und rauchte verführerisch.
„Guten Abend, Jakob“, begrüßte sie ihn und ließ den Blick ihrer tiefschwarzen Augen auf seinem Gesicht ruhen.
„Hallo, Sofia“, grüßte er knapp zurück und sah die Auftragskillerin nicht an.
„Heute ganz allein hier?“, fragte die junge Frau und nahm noch einen Zug von ihrer Zigarette.
„Was benötigst du?“, stellte Jakob die Gegenfrage und ging davon aus, dass sie wieder wegen etwas Geschäftlichem zu ihm gekommen war. Außerdem war er nicht in Stimmung für eine Unterhaltung mit ihr.
„Ich gebe zu, du weißt, wie man als Waffenhändler Werbung für sich macht. Der allseits beliebte Herzog von Guise liegt jetzt bei den Würmern und verfault. Ein präparierter Säbel mit einer eingebauten Pistole ist ein einfallsreiches Mordinstrument“, sagte Sofia anerkennend.
„Möchtest du etwa ebenfalls einen erwerben? Kein Problem – für zwei Goldmünzen“, entgegnete Jakob gleichgültig und schaute auf die Theke.
„Nein, mein Lieber, ich bin heute nicht hier, um ein Geschäft abzuschließen, sondern um dir eine Nachricht zu überbringen“, sprach Sofia und legte ihren Kopf auf die Seite. „Der Boss will dich sprechen.“
Jakob runzelte die Stirn. „Könntest du bitte etwas konkreter werden? Welchen Boss meinst du?“, fragte er und hatte eine böse Vermutung.
Die Profikillerin neigte sich zu ihm und antwortete: „Der Boss.“
Jakob drehte seinen Kopf und schaute sie ernst an. „Ganz recht, der Boss der Unterwelt. Ein äußerst seltenes Vergnügen. Eher könntest du eine Audienz beim Kaiser erhalten“, erklärte Sofia geheimnisvoll.
„Weshalb will er mich sehen?“ Jakob klang beunruhigt.
„Er möchte dich in sein Team aufnehmen. Du scheinst ein schlaues Köpfchen zu sein, mit frischen Ideen“, schmeichelte Sofia und lächelte leicht. „Über den Lohn werdet ihr euch sicherlich einigen. Der Boss ist äußerst großzügig zu seinen Leuten.“
Jakob überlegte angestrengt. Ein Mitglied in der Gang von Le Fou zu werden bedeutete, sich dem Teufel persönlich anzuschließen. Andererseits bot es Schutz. Es könnte sehr warm unter dem Flügel eines Drachen werden, der seine Feinde mit Feuer erbarmungslos zu Asche verbrannte.
„Hast du es dir überlegt, kommst du mit mir?“, fragte die junge Frau und streichelte reizvoll mit ihrem Zeigefinger über Jakobs Oberarm.
Er sah in ihre schwarzen Augen und wusste nicht, wo die Pupillen und die Iriden aneinandergrenzten. Sofias Augen waren wie zwei tiefe Brunnen bei Nacht. Wenn man hineinfiel, dann ohne zu wissen, wann man auf dem Grund aufschlagen würde. Vielleicht wäre es ein nie endender Fall ins Nichts. Jakob nickte stumm und Sofia stand von ihrem Hocker auf. Sie bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, ihr zu folgen, und er erhob sich von seinem Platz. Gemeinsam verließen sie das Varieté und bestiegen draußen eine Kutsche. Die Luft war frostig und es schien kein Mond in dieser finsteren Nacht.
„Zum Boss. Wir werden bereits erwartet“, befahl die Profikillerin dem Kutscher und setzte sich Jakob gegenüber. Sie lächelte ihn an und er hatte das Gefühl, soeben seine Seele verkauft zu haben.
Kapitel 86 Die Reise
Winter und Frühling 1878
Die Trauer war ein eigenartiger und schwieriger Prozess, aber so, wie sie Richard veränderte, gefiel es Melanie nicht. Absolut nicht. Sie erkannte ihren Ehemann nicht wieder. Als sich die dunkle Jahreszeit über das Land legte, verfinsterte sich das Gemüt des Herzogs von Crussol ein für alle Mal. Er lachte nicht mehr. War immer ernst. Ständig sah Melanie ihn entweder in seinem Arbeitszimmer oder er war unterwegs und kam abends recht spät nach Hause. Richard bekam oft Besuch von Monsieur Blauschildt, mit dem er sich stundenlang unterhielt. Melanie suchte immer wieder seine Nähe, aber er wirkte distanziert und kalt. Sogar das Spielen mit seinen drei Söhnen munterte ihn nicht auf. Er war mit seinen Gedanken ständig woanders. Versunken in Finsternis. Eines Morgens, als der Monat März den Frühling ankündigte, nahm Katarina von Crussol Melanie für ein ernstes Gespräch zur Seite.
„Liebes, ich mache mir große Sorgen um meinen Sohn. Das letzte Mal, als ich ihn so erlebt habe, war, als Karolina gestorben ist. Er ist zutiefst melancholisch und ich habe Angst, dass die Verbitterung bei ihm die Oberhand gewinnt. Nach dem Tod meiner Tochter ist Vincent derjenige gewesen, der zusammen mit ihm diesen Schicksalsschlag verarbeitet hat. Aber nun ist sein bester Freund seit fast einem halben Jahr tot und Richard ist schon fast wie ein Fremder geworden. Was sollen wir bloß tun?“, fragte Katarina hilflos.
Melanie dachte nach. Sie musste es irgendwie schaffen, zu ihrem Mann durchzudringen. Egal, wie oft er sie abweisen würde. In den darauffolgenden Tagen suchte sie mehrmals das Gespräch mit Richard, aber er lehnte jedes Mal ab und stolzierte genervt von ihr weg. Sogar abends, wenn sie im Bett lagen, wollte er nicht reden und vermied jeglichen Körperkontakt zu ihr. Er drehte sich dann zumeist auf die andere Seite und schlief wenig später ein. Richard kehrte sich immer mehr in sich und zeigte niemandem gegenüber seine Gefühlswelt. Melanie war der Verzweiflung nahe. Als das Herzogspaar eines Abends im Bett lag und Melanie dem Versuch zu einem weiteren Gespräch widerstand, fragte Richard sie plötzlich: „Warum bist du damals zum Duell gekommen?“
Melanie schaute ihn überrascht an. Richard lag mit dem Rücken zu ihr und sah gedankenverloren auf den Boden.
„Wie bitte?“, fragte sie irritiert.
„Warum bist du zum Duell gekommen? Ich hatte dich ausdrücklich gebeten, es nicht zu tun“, wiederholte er.
Jetzt verstand Melanie, was er meinte, und antwortete ruhig: „Ich bin nicht wirklich dabei gewesen. Nach dem erfolglosen Gespräch mit Jane konnte ich nicht einfach nach Hause zurückkehren und abwarten. Ich hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und behielt leider Recht. Ich stand mit Nero unweit von euch im Wald, ohne zu sehen, was passierte. Erst als ich den Schuss gehört habe, bin ich sofort zu euch geritten.“
„Aber ich hatte dich doch gebeten, nicht zu kommen. Warum hast du nicht auf mich gehört?“, beharrte er und seine Stimme wurde zornig.
„Weil ich es nicht konnte. Ich musste einfach in eurer Nähe sein“, versuchte Melanie ihm zu erklären.
Richard drehte sich mit einem Mal blitzschnell zu ihr um und sah sie wütend an. Sie zuckte zusammen und blickte erschrocken zu ihm.
„Warum hast du nicht auf mich gehört?“, fragte er sie laut.
Melanie war durch die Wucht seiner Reaktion verunsichert und blieb stumm.
„Wieso hört niemand auf mich, wenn ich um etwas bitte?“, fragte Richard und ballte seine Fäuste zusammen. „Warum hat Karolina nicht auf mich gehört, als ich sie gebeten habe, nicht so schnell zu reiten? Warum hast du nicht auf mich gehört, als ich dich gebeten habe, nicht zum Duell zu erscheinen? Und warum zum Teufel noch mal hat Vincent nicht auf mich gehört, als ich ihm gesagt habe, er solle sich von Jane fernhalten?!“, donnert er und stand aus dem Bett auf. „Weil ihr nicht anders konntet?!“ Richard lief aufgebracht im Zimmer hin und her und sein ganzer Körper war auf das Äußerste angespannt. „Hättest du auf mich gehört, dann wärst du nicht wie eine Verrückte in das Haus deiner Eltern gestürmt! Du hättest fast deinen eigenen Bruder erstochen! Hätte Karolina auf mich gehört, dann wäre sie heute noch am Leben und mit Vincent verheiratet! Und er hätte sich niemals auf Jane eingelassen! Wieso konnte er nicht einfach auf mich hören?!“, sprach Richard wütend. „Warum verflucht noch mal hat er nicht auf mich gehört? Jane ist es absolut nicht wert gewesen, dass er für sie starb!“
Er blieb auf einer Stelle stehen und kämpfte mit den Tränen.
Melanie saß weiterhin im Bett und ließ seinem Gefühlsausbruch freien Lauf. „Warum hast du nicht auf mich gehört, Vincent?“, sagte er leise und bittere Tränen liefen ihm übers Gesicht.
Seine Frau eilte schnell zu ihm und legte ihre Arme um seinen Hals.
„Du hast recht. Er hätte auf dich hören sollen. Und ich ebenfalls“, flüsterte Melanie ihm ins Ohr und Richard erwiderte ihre Umarmung. Sie war ihm in diesem Moment unendlich dankbar dafür, dass er sie davor bewahrt hatte, ein Monster zu werden, indem sie ihren eigenen Bruder umbrachte.
„Er fehlt mir so sehr“, schluchzte Richard und vergrub sein Gesicht in Melanies Haaren.
„Mir auch“, sagte sie und weinte mit ihm.
Nachdem sie beide eine ganze Weile so gestanden und die Trauer ein kleines Stück verarbeitet hatten, nahm Melanie Richard behutsam an der Hand und führte ihn zurück ins Bett. Sie legte seinen Kopf auf ihre Brust und streichelte über seine Haare, bis er einschlief. Sie betrachtete sein friedliches Gesicht und plötzlich kam in ihr eine Erinnerung wieder hoch. Melanie hielt sie gedanklich fest, wie einen Hoffnungsschimmer, und ihre Augenlider fielen zu.
Gleich am nächsten Morgen, direkt nach dem Frühstück, hinderte Melanie Richard daran, sich im Arbeitszimmer zu verkriechen, und führte ihn stattdessen zum Pferdestall.
„Was hast du vor? Ich muss arbeiten“, sagte ihr Mann grimmig.
Aber Melanie hielt ihn unbeirrt fest und antwortete: „Eine kleine Pause kannst du dir wohl gönnen.“
Sie gab ihm die Reitausrüstung und verlangte von ihm, sein Pferd selbst zu satteln, was normalerweise der Stallbursche für ihn erledigte. Richard atmete tief durch und ließ sich überreden. Melanie unternahm zusammen mit ihm einen Reitausflug. Sie waren lange unterwegs, bis der Herzog sich langsam fragte, wohin die Reise eigentlich gehe. Sie durchquerten ein kleines Waldstück und kamen schließlich auf einer großen Ebene heraus. Richard erkannte den Ort sofort wieder. Melanie steuerte unbeirrt weiter geradeaus und endlich sah man es: das Meer. Es schimmerte bläulich am Horizont und die Sonne spiegelte sich darin. Melanie und Richard galoppierten entlang der Steilküste und schauten immer wieder aufs Wasser. Leichte Wellen brachen an den Felsen und der frische Seewind wehte mit aller Kraft die Sorgen für ein paar Minuten weg. Melanie hielt Nero an und betrachtete lächelnd das tiefblaue Wasser. Richard stand mit seinem Pferd direkt neben ihr und folgte ihrem Blick. In einem Monat würde Melanie einundzwanzig Jahre alt werden. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, in ihrem jetzigen Alter zu debütieren und sich einen Ehemann auszusuchen, aber sie war schon längst verheiratet und hatte inzwischen zwei leibliche Kinder und einen adoptierten Sohn. Ihr Plan war es gewesen, mit der Pferdezucht ihr eigenes Einkommen zu verdienen, aber ihr schlechter Ruf in der High Society hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Melanie hatte Georges großzügiges Angebot, die Fohlen an ihrer Stelle zu verkaufen, am Ende doch abgelehnt und somit waren die fünf prachtvollen jungen Pferde weiterhin ohne einen Käufer geblieben. Die Besitzerin hatte sich entschieden, sie nicht mehr zu verkaufen, sondern zu verschenken. Melanie hatte Veronika und Henri eine Stute für ihre gemeinsame Tochter Colette übergeben. Für George und Jasmina hatte sie ebenfalls ein junges Pferd liefern lassen, denn die beiden würden mit Sicherheit eines Tages eigenen Nachwuchs bekommen. Und die übrigen drei Stuten hatte sie Karl, Gabriel und Nikolai geschenkt.
„Erinnerst du dich, wie du mir an diesem Ort deine Liebe gestanden hast?“, fragte sie Richard und sah ihn liebevoll an.
„Natürlich. Das werde ich niemals vergessen“, antwortete er und ein leichtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
„Lass uns über das Meer davonsegeln“, schlug Melanie plötzlich vor und Richard schaute sie daraufhin fragend an. „Lass uns ein Schiff kaufen und eine Crew anheuern. Wir bereisen dann die Länder der Mittelmeerküste von Portugal bis in die Ägäis und wieder zurück bis nach Marokko, und vergessen die Probleme und Aufgaben, die uns zu Hause gefangen halten, für ein paar Monate. Unsere Pflichten können in der Zwischenzeit von den Dienern fortgeführt werden. Wir beide hatten niemals Flitterwochen. Seit unserer Hochzeit sind wir von einer Geschichte in die nächste gerutscht und hatten keine einzige Sekunde Ruhe. Was wir brauchen, ist Urlaub.“
„Ist das dein Ernst?“, fragte Richard ungläubig.
„Ja, ich könnte nicht aufrichtiger sein. Wir nehmen unsere Kinder mit und segeln davon“, sagte Melanie selbstsicher und strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Mann schaute wieder auf das Meer hinaus. Und je länger er es betrachtete, desto lauter rief es nach ihm. Er lächelte breit und nickte langsam. „Ja, lass uns der Finsternis hier entfliehen und dem hellen Licht des Südens entgegensegeln.“
Melanie streckte daraufhin Richard ihre Hand entgegen und er ergriff sie.
Zwei Wochen später standen die Herzogin und der Herzog von Crussol an der Reling am Heck ihres Schiffes und betrachteten die Steilküste, die hinter ihnen langsam kleiner wurde. Sie hatten einen günstigen Wind und die weißen Segel waren voll gespannt. Karl, Gabriel und Nikolai spielten gemeinsam mit ihrer Großmutter Katarina Fangen auf dem Oberdeck des großen Zweimasters und lachten vergnügt. Melanie sah wieder zu Richard, der nachdenklich in die Ferne schaute und die frische Meeresluft tief einatmete. Er war weiterhin melancholisch und die Trauer hatte ein paar Falten in seinem Gesicht hinterlassen, aber nun hatte Melanie es geschafft, ihn aus dem tristen Alltag herauszureißen und ihn auf eine Reise mitzunehmen. Sie wusste zwar nicht, wo diese Reise sie überall hinbringen würde, aber eines ganz sicher: Sie hatte den besten Gefährten auf ihrem Weg, den sie sich nur wünschen konnte.

