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Blitz und Donner Kapitel 74 - 79

Kapitel 74 Die Alternative

27. März 1877

Der Speisesaal war festlich geschmückt, auf der langen Tafel standen allerlei Köstlichkeiten und zudem eine große Geburtstagstorte. Denn heute feierte die kleine Mademoiselle Colette von Ailly ihren ersten Geburtstag. Seit der Heirat ihrer Eltern trug sie den Nachnamen ihres Vaters. Der stolze Papa hielt sein Töchterchen im Arm und schaute sich im Saal um. Fast alle Gäste waren erschienen; es fehlten nur noch zwei Personen und bei denen war sich Henri nicht sicher, ob sie kommen würden. Daher entschied er, mit dem Festessen zu beginnen. Die Feiergäste waren vertieft in ihre Gespräche und ließen sich das köstliche Essen schmecken, als sich die Tür zum Saal öffnete. Alle Köpfe drehten sich augenblicklich dahin um. Dort stand ein junger Mann, der sich unschlüssig umsah.
„Jakob!“, rief Veronika aufgeregt und sprang sogleich von ihrem Platz auf. Sie lief zu ihrem Bruder und umarmte ihn überschwänglich. „Ich freue mich wahnsinnig, dass du gekommen bist“, sprach sie und lächelte bis über beide Ohren.
„Hallo, Veronika. Niemals hätte ich den heutigen Tag verpasst“, erwiderte Jakob leise. Er hatte große Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, und Veronikas lieblicher Duft weckte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.
„Komm zu uns, Jakob, und setz dich hierhin. Wir haben dir einen Stuhl freigehalten“, rief Richard und winkte ihn zu sich.
Sein Schwager folgte der Aufforderung und nahm neben ihm Platz. Melanie saß ihrem Bruder gegenüber und lächelte ihn freundlich an.
„Glückwunsch zur Schwangerschaft“, sagte er und lächelte zurück.
„Danke schön“, erwiderte sie und war sichtlich erleichtert darüber, dass Jakob wieder mit ihr sprach. „Du hast mir gefehlt.“
„Mir ging es ähnlich“, entgegnete er und sah sich suchend um. „Wo ist eigentlich das Geburtstagskind?“
Colette hatte ihren Onkel bereits wiedererkannt und war langsam zu ihm getapst. Sie stand direkt neben ihm und klatschte mit ihrer kleinen Hand gegen seinen Oberschenkel. Jakob sah verwundert hinunter und strahlte über das ganze Gesicht, als er sie erblickte. Er nahm sie hoch und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Du kannst ja schon laufen“, sagte er hocherfreut und drückte sie an sich. Colette quiekte vergnügt und hielt sein Gesicht mit beiden Händen fest. Jakob fühlte sich so glücklich und entspannt wie schon lange nicht mehr. Seine kleine Nichte blieb die ganze Zeit bei ihm auf seinen Knien sitzen und weigerte sich lautstark, wenn ein anderer sie auf den Arm nehmen wollte.
„Meine Güte. Die beiden sind jetzt unzertrennlich. Gnade demjenigen, der vorhat, sie zu entzweien“, sagte Katarina von Crussol lachend und die anderen Gäste am Tisch lachten mit.
Nach dem gemeinsamen Essen stand Henri von seinem Stuhl auf und bat die Anwesenden, sich nach draußen in den Garten zu begeben mit der Begründung, er habe für sie ein aus England stammendes Spiel vorbereitet, das zurzeit in der Bevölkerung schnell an Beliebtheit gewänne.
„Lass uns gemeinsam draußen spielen“, sagte Jakob zu Colette und sie antwortete zuckersüß: „Ja, ja, ja!“
In diesem Augenblick erkannte Jakob, dass die Kleine ihn brauchte und er sie noch mehr. Und da beschloss er, nie wieder in seinem Leben für so lange Zeit von ihr fernzubleiben wie im vergangenen halben Jahr.
Die Gäste waren fast vollständig im Garten verschwunden, als noch jemand den Saal betrat.
„George! Es freut mich, dass du doch noch gekommen bist“, rief Henri und reichte ihm die Hand zum Gruß.
„Guten Tag, Henri“, entgegnete George von Bellagarde und schaute zu dem verlassenen Esstisch. „Ich bin wohl zu spät“, bemerkte er.
„Unsinn, wir wollen gleich so richtig auf die Pauke hauen. Komm mit mir“, sagte Henri bestens gelaunt und marschierte voraus. Er erreichte den breiten Bogen, der in den Garten führte, bemerkte im Augenwinkel seine Schwester in der Ecke auf einem Sessel sitzen und blieb abrupt stehen.
„Willst du nicht mit rausgehen?“, fragte Henri sie verwundert.
„Nein, ich bleibe hier“, antwortete sie kurz und schaute schüchtern zu George hinüber.
Henri entging ihr interessierter Blick nicht und er ergriff sogleich die Gelegenheit.
„George, darf ich dir meine Schwester Jasmina vorstellen?“, sagte er und führte die beiden zusammen.
„Sehr erfreut“, erwiderte George höflich und verneigte kurz seinen Kopf.
Die junge Dame wurde ganz rot und schaute verlegen auf das Buch in ihren Händen.
„Nein, Vincent, du sollst den Ball in die Tore schießen und nicht drüber!“, rief Henri plötzlich. „Entschuldigt mich bitte, aber die Gäste sind außer Rand und Band“, sagte er schnell und lief hinaus.
George und Jasmina beobachteten schweigend die anderen Gäste bei dem neuartigen Spiel namens Fußball. George entdeckte Melanie, die neben ihrem Ehemann stand. Richard hielt das gemeinsame Kind im Arm und lachte fröhlich. Als die junge Herzogin etwas geradeaus ging, bemerkte George die auffallend runde Wölbung an ihrem Bauch und seufzte. Sie war demnach wieder schwanger. Warum trauerte er ihr überhaupt hinterher? Sie lebte ihr Leben an Richards Seite und würde niemals zu ihm zurückkehren. Das hatte er schmerzhaft begriffen. Er musste sie endlich loslassen und sich verdammt noch mal eine Alternative suchen. Da drehte er sich zu Jasmina um und betrachtete sie genauer. Henris jüngere Schwester war ganz anders als Georges ehemalige Verlobte. Sie war recht mollig und klein. Ihre Figur ähnelte der einer Sanduhr und vom Charakter her wirkte sie eher introvertiert.
„Darf ich fragen, was Sie da lesen?“, fragte George neugierig, als er das Buch in ihren Händen bemerkte.
„Eine Ausgabe über die exotischen Pflanzen, die insbesondere in äußerst trockenen Regionen wachsen“, antwortete Jasmina leise und lächelte zögerlich.
„Tatsächlich? Ich hatte das Vergnügen, vor einigen Monaten die Wüste Sahara mit meinen eigenen Augen sehen zu können“, entgegnete George.
Jasmina sah ihn daraufhin erstaunt an.
„Vielleicht erzählen Sie mir etwas von den Pflanzen, die dort beheimatet sind“, schlug er vor.
„Gern“, erwiderte Jasmina mit klopfendem Herzen.
Er setzte sich auf den zweiten Sessel neben sie und sie beide unterhielten sich recht gut und lange miteinander. George fiel auf, wie intelligent Henris Schwester war. Sie kannte sich auf dem Gebiet der Biologie hervorragend aus. Abgesehen davon war sie eine sehr liebevolle, junge Dame mit ausgezeichneten Manieren. Sie war zwar absolut nicht aufregend wie Melanie, aber vielleicht war sie deswegen die passendere Alternative für ihn. George ging an diesem Tag nicht in den Garten, sondern verbrachte die Zeit bei Jasmina und lernte sie besser kennen. Am Ende verabschiedete er sich von ihr mit dem Wunsch, sie bald wiedersehen zu dürfen. Und sie stimmte seiner Bitte schüchtern zu. George kam zu dem Fazit, dass er für sie niemals so leidenschaftlich glühen würde wie für Melanie, aber dafür würde Jasmina ihn nie enttäuschen. Und genau das wollte George: sich nie wieder verbrennen.



Kapitel 75 Der Patenonkel

28. Mai 1877

Die schwarzglänzende Kutsche hielt vor dem Schloss der Familie von Crussol und Albert Blauschildt stieg aus. Er trug ein Geschenk mit sich, dass in goldenes Papier eingewickelt war. Der Butler nahm ihn augenblicklich in Empfang und geleitete ihn in den Garten hinter dem Schloss. Monsieur Blauschildt stand einige Sekunden still auf dem Weg, der zum Garten führte, und betrachtete von dort die Szenerie. An dem heutigen Tag waren viele Verwandte und Freunde erschienen. Der Baron von Bouget unterhielt sich gerade mit Rosemarie von Semur bei einem Glas Bier, während seine Frau Johanna zusammen mit Monika von Semur die kleine Colette im Kinderwagen spazieren fuhr. Der Graf von Ailly stand gemeinsam mit seiner wunderschönen Frau Veronika und dem Herzog von Guise am Teich und sie schauten dabei zu, wie Jakob von Bouget dem siebenjährigen Karl das Schießen mit einem Jagdgewehr beibrachte. Unterdessen saßen weiter abseits der Künstler Konrad Njeschnij und Sebastian von Semur an einem kleinen, runden Tisch und spielten Karten. Die Herzoginmutter Katarina verwickelte gerade die feenhafte Jane von Bouget in ein Gespräch, als die Herzogin von Crussol mit ihrem Sohn Gabriel aus dem Schloss kam und den kleinen Jungen an seinen Vater übergab. Der Herzog von Crussol zeigte Willhelm Girard und Joseph Assange das Geburtstagskind und lächelte stolz. Die beiden Herren gratulierten dem kleinen Mann zu seinem ersten Geburtstag und kitzelten ihn an der Seite. Als Richard Monsieur Blauschildt erblickte, wandte er sich ihm augenblicklich zu und begrüßte ihn.
„Sieh mal, wer da gekommen ist, Gabriel, dein Patenonkel Albert“, sagte Richard zu seinem Sohn, der neugierig zu dem alten Herrn schaute.
Monsieur Blauschildt nahm sein Patenkind sogleich lächelnd auf den Arm und überreichte ihm das Geschenk. Der kleine Junge schüttelte fröhlich die quadratische Box und war von dem klimpernden Geräusch fasziniert.
„Ich hoffe, da ist nichts Zerbrechliches drin“, befürchtete Richard.
„Unsinn. Man schenkt einem einjährigen Kind doch keine filigranen Spielsachen“, antwortete Albert lächelnd. „Nein, es ist eine stabile Miniaturfestung mit einer Brigade Zinnsoldaten. Richard, ich wollte dir erneut meinen Dank dafür aussprechen, dass du mich zum Patenonkel deines erstgeborenen Sohnes auserkoren hast. Es ist eine große Ehre und ich weiß es zu schätzen“, sagte Monsieur Blauschildt freundlich.
„Mir fiel auf Anhieb kein stärkerer Beschützer für meinen Sohn ein. Abgesehen davon sind wir doch Freunde“, entgegnete Richard und lächelte wissend.
„Ja, das sind wir“, bestätigte Albert und erwiderte seinen Blick. „Bald bekommen du und deine Frau ein weiteres Kind. Ich habe gehört, dass ihr ein Mädchen erwartet. Was macht euch so sicher, dass es kein zweiter Junge wird?“
„Im Grunde genommen ist es eine Fünfzig-zu-fünfzig-Chance und da wir bereits einen aufgeweckten Jungen haben, wünschen wir uns dieses Mal eine hübsche Prinzessin“, antworte Richard.
„Na, hoffentlich wird die kleine Lady irgendwann auf eine Universität gehen dürfen. Wie weit sind unsere Fortschritte diesbezüglich?“, richtete Monsieur Blauschildt seine Frage an die Herren Girard und Assange.
„Wenn es nach meinen Studenten ginge, dann könnten die Damen gleich morgen an den Vorlesungen teilnehmen“, antwortete Joseph Assange wahrheitsgemäß. „Aber leider haben sie nicht die Entscheidungsgewalt, sondern die alten Aristokraten im Führungsgremium. Und die sind in ihrer altmodischen Vorstellung von der Welt gefangen und lassen sich von der Jugend nichts sagen.“
„Kenne ich diese alten Herren zufällig?“, fragte Albert Blauschildt.
„Vermutlich sind sie alle ehemalige Klassenkameraden von Ihnen“, entgegnete Monsieur Assange.
„Dann wird es langsam Zeit für ein Klassentreffen. Und wie stehen die Parteimitglieder der FSP zu diesem Thema?“, wollte der Logenmeister von Willhelm Girard wissen.
„Unterschiedlich. Aber hier kristallisiert sich das gleiche Muster heraus wie an der Universität. Je älter, desto konservativer. Neulich meinte sogar ein fünfzigjähriger Kollege zu mir, dass er lieber seine Dogge auf die Hochschule schicken würde als eine Frau“, antwortete der Parteivorsitzende empört.
„Das muss eine überaus schlaue Dogge sein. Wahrscheinlich ist sie sogar intelligenter als ihr Herrchen“, stellte Monsieur Blauschildt fest. „Nun gut, arbeiten wir uns weiterhin Stück für Stück voran. Als Nächstes beginnen wir mit den Schulen. Der einfachste Weg wäre, wir bauten unsere eigenen Schulen und bildeten die Mädchen dort aus. Am Ende ihrer Schulzeit sollten ihre Abschlüsse an den Universitäten genauso anerkannt werden wie die jeder herkömmlichen Schule. Richard, möchtest du dich vielleicht dieser Sache annehmen?“, richtete Albert sein Wort an den jungen Herzog.
„Ich soll Schulen für Mädchen bauen?“, fragte Richard ungläubig.
„Für Mädchen und Jungen. Sie sollen gemeinsam unterrichtet werden und von Kindesalter an gleichberechtigt sein. Abgesehen davon steht der Name Crussol in der Öffentlichkeit mittlerweile nicht nur für Wohlstand und Reichtum, sondern auch für Nächstenliebe. Wir sollten dem Ganzen noch den Glanz des modernen Fortschritts hinzufügen, indem wir zukunftsorientierte Institute für junge Menschen errichten“, erläuterte Albert Blauschildt und klang äußerst optimistisch.
Richard überlegte kurz und nickte schließlich. „Einverstanden. Die neuen Schulen werden dann als Vorbild für die bereits bestehenden Bildungseinrichtungen dienen, die hoffentlich das moderne Konzept übernehmen“, sprach er.
„Das wird mit Sicherheit erst nach ein paar Jahren geschehen, aber Hauptsache ist, es gibt eine Alternative zum alten Schulsystem. Ich werde mit unserem Bildungsminister sprechen, damit er die neuen Regelungen anpasst“, ergänzte Willhelm Girard sogleich.
„Eine hervorragende Idee. Und wenn wir bei unserem Vorhaben erfolgreich sind, dann wird dieser junge Knabe hier später zusammen mit seiner Schwester und seiner Cousine die Universität besuchen“, schloss Monsieur Blauschildt das Thema ab und kitzelte Gabriel am Bauch.
„Darf ich fragen, weshalb du so erpicht darauf bist, Frauen einen höheren Bildungsgrad zu ermöglichen?“, fragte Richard neugierig.
„Jeder kennt dieses alte Sprichwort: Wissen ist Macht. Aber nur die Hälfte der Menschen in unserem Reich hat den unbegrenzten Zugang zu Wissen“, erklärte Albert kurz.
„Sie möchten im Endeffekt den Frauen an die Macht verhelfen?“, erkannte Joseph Assange und schmunzelte.
„Ja, warum nicht? Eine Welt, die von Frauen regiert wird, kann nicht schlecht sein. Denn sie treffen ihre Entscheidungen mit positivem Ausgang für ihre Familie und Mitmenschen und nicht wie wir Männer aus niederen Beweggründen wie Rache oder Gier“, bestätigte Monsieur Blauschildt. „Dies hat mich übrigens deine Frau gelehrt, Richard. Ich rate dir, stets auf sie zu hören. Sie ist äußerst clever.“
„Ich werde versuchen, deinen Rat zu beherzigen, obwohl es mir sichtlich schwerfallen wird, auf Melanie zu hören. Wir sind nicht selten unterschiedlicher Meinung und geraten deswegen lautstark aneinander“, entgegnete Richard und seufzte. Die anderen drei Männer lachten daraufhin.
„Dieses Problem kenne ich aus meiner eigenen Ehe“, gestand Joseph Assange offen. „Und generell ist es ein männliches Manko, nicht auf Frauen hören zu wollen. Wir sind nun mal Master of the Universe und lassen uns von den Weibern nichts einreden“, sagte er selbstironisch.
„Absolut richtig“, pflichtete Monsieur Blauschildt ihm bei. „In unserer Überheblichkeit liegt genau das Problem. Ein weiser Mann lässt sich von einer selbstbewussten und mündigen Frau nicht einschüchtern, sondern ist bereit, ihr auf Augenhöhe zu begegnen.“
„Eine Frage bleibt dabei offen: Würden die Frauen uns Männer unterwerfen, wenn sie die Macht dazu bekämen?“, bemerkte Richard.
„Hätten Sie denn Spaß daran, von einer Frau dominiert zu werden?“, stellte Monsieur Girard ihm stattdessen die Gegenfrage und schlug mit dem langen Grashalm in seiner Hand wie mit einer Peitsche.
„Das kommt ganz klar auf die Frau an“, antwortete Richard grinsend und die anderen lachten leise.
„Wie wahr. Es kommt darauf an, inwieweit man eine Frau liebt und ob man sich ihr unterordnen möchte. Aber im Grunde genommen sind wir Männer doch allesamt hormongesteuert“, spottete der Parteivorsitzende über sein eigenes Geschlecht.
Richard schmunzelte und sah gleichzeitig im Augenwinkel, wie sein Freund Vincent sich Jane von Bouget näherte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Die unschuldig wirkende Schönheit lächelte schüchtern und schaute seitlich zu ihm. Die Blicke der beiden verrieten, dass sie weiterhin eine Romanze pflegten, und plötzlich verging Richard das Lachen. Es kam definitiv auf die Frau an, ob man sich ihr unterordnete. Und was passierte, wenn die Angebetete ein hungriges Biest war?



Kapitel 76 Der Klärungsbedarf

2. Juni 1877

„Du wolltest mich sprechen? Dann schieß mal los, wir sind hier ganz unter uns“, sagte Vincent und schaute zu Richard.
Sie ritten zu zweit nebeneinander über die weite Wiese. Die Luft war erfüllt von Blumenduft und zarte Schleierwolken zogen am Himmel vorbei. Es war ein gewöhnlicher, freundlicher Sommertag, aber etwas Finsteres kündigte sich am Horizont an.
„Ja, es geht um Jane“, kam Richard sogleich zum Thema, denn er hasste es, um den heißen Brei herumzureden.
Vincent schaute daraufhin wieder nach vorn und wirkte abgeneigt.
„Hast du mit ihr bezüglich des anderen Liebhabers gesprochen?“, fragte Richard.
„Das habe ich. Und um dich zu beruhigen: Sie war ehrlich und hat mir versprochen, keine weiteren Männer neben mir zu haben“, antwortete Vincent sachlich.
Richard starrte ihn daraufhin fassungslos an.
„Und das glaubst du ihr? Jane ist so selbstsüchtig, sie ist bereits mehrgleisig gefahren, bevor du etwas davon wusstest. Und jetzt braucht sie ebenfalls keine Erlaubnis dazu“, redete er auf seinen Kumpel ein.
„Vorsicht, was du sagst. Du sprichst über die Frau, die ich liebe“, ermahnte Vincent ihn sogleich im ruhigen Ton.
Verdammt – Richards schlimmste Befürchtung hatte sich bewahrheitet. Sein Freund liebte das selbstsüchtige Miststück bereits; das machte die Angelegenheit nur komplizierter.
„Gut; was glaubst du wohl, warum sie an dir interessiert ist?“, versuchte Richard es auf die andere Weise.
„Weil sie mich ebenfalls liebt. Mal daran gedacht?“, entgegnete Vincent gereizt.
„Falsch: Sie hat ihre Augen nur für dein prallgefülltes Portemonnaie. Und lieben tut sie deine hohe gesellschaftliche Stellung als Herzog von Guise“, widersprach Richard ihm vehement.
„Du glaubst also nicht, dass mich jemand wegen meines attraktiven Äußeren und meiner inneren Werte liebt?“, warf Vincent ihm vor und sah ihn schief an.
„So habe ich das nicht gemeint. Du bist ein guter Fang und jede Lady kann sich mit dir glücklich schätzen, aber was ich damit meine ist, dass Jane dich nicht wirklich liebt. Sie benutzt dich nur“, erklärte Richard im sanften Ton.
Vincent schüttelte seinen Kopf und schaute unbeirrt weiter geradeaus.
„Bitte, glaube es mir. Ich will doch nur das Beste für dich“, flehte Richard ihn an.
„Dann lass mich mein Leben führen, wie ich es für richtig halte, und mische dich da nicht ein“, sagte der junge Herzog entschieden und gab seinem Pferd die Sporen. Richard sah ihm entgeistert hinterher. Er hatte seinen besten Freund schon sehr lange nicht mehr so erlebt. Vincent benahm sich wie ein naiver Heranwachsender und ließ überhaupt nicht mit sich reden. Wie sollte er ihn nur davon überzeugen, dass Jane ihn für ihre Zwecke ausnutzte?
Vincent galoppierte immer schneller. Richards Worte hallten in seinem Kopf nach und er wurde bei dem Gedanken, dass Jane ihn vielleicht nicht liebte, fast wahnsinnig. Er dachte an sie. An ihren unwiderstehlichen Körper, den er so gern spürte. An die weichen, blonden Haare, die er bei jedem gemeinsamen Kuss mit den Händen berührte. An ihre himmelblauen Augen, in denen er sich verlor. Und natürlich an ihre engelsgleiche Erscheinung, die ihn bei jedem ihrer Treffen von der Erde davontrug. Aber vor allem sehnte er sich nach ihrer Stimme, die seinen Namen flüsterte und ihm damit den Willen raubte. Ja, Vincent gab es zu: Jane war eine mörderische Frau, aber genau das reizte ihn. Sie war zwar vornehm und elegant, aber auch völlig unangepasst wie seine erste große Liebe Karolina. Er hatte bis vor einigen Monaten seine verstorbene Verlobte jeden Tag vermisst. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett stand ein Porträt von ihr. Doch seitdem Vincent mit Jane liiert war, verblasste Karolinas Gesicht allmählich in seinen Gedanken. Nein, er wollte seine Liebe nicht erneut verlieren, und deswegen stand sein Entschluss fest. Er wendete sein Pferd und begab sich auf dem direkten Wege zum Anwesen der Familie von Bouget. Als er dort ankam und beim Butler nach Jane verlangte, war er sichtlich erleichtert zu erfahren, dass sie im Moment zu Hause war. Sie kam zu ihm in das Foyer herunter und blickte leicht verärgert.
„Vincent, was machst du hier? Waren wir uns nicht darüber einig, dass unser Verhältnis vor meiner Familie geheim bleibt?“, raunte sie ihm zu.
„So ist es, aber ich muss dringend mit dir reden“, antwortete Vincent aufgeregt.
„Gut, dann treffen wir uns gleich in der Stadt, im Hotel Morgenröte. Ich begebe mich augenblicklich mit meiner Kutsche dorthin. Bitte gehe jetzt, bevor dich noch jemand aus meiner Familie sieht“, entgegnete sie und drehte sich wieder um.
Vincent nickte und ging hinaus. Er war sich darüber im Klaren, dass Janes Eltern ein Liebesverhältnis zwischen ihrer Tochter und einem verheirateten Mann nicht dulden würden; deswegen wusste niemand von ihrer Verbindung. Insgesamt wartete Vincent eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Treffpunkt, bis Jane endlich mit der Kutsche ankam. Er half ihr auszusteigen und gemeinsam gingen sie auf das Hotelzimmer, das er zuvor reserviert hatte. Sofort, nachdem sie den Raum betreten hatten, nahm Vincent seine Liebe sogleich in die Arme und küsste sie leidenschaftlich. Jane entkleidete ihn langsam und er riss ihr förmlich die Kleider vom Leib. Sie lachte vergnügt und er bekam Gänsehaut. Dann setzte Jane sich aufs Bett, streckte ihre linke Hand aus und sagte: „Komm zu mir, Liebster.“
Vincent stand nun komplett nackt vor ihr und kam über sie wie ein fast verhungerter Löwe. Er liebte sie mit voller Hingabe und konnte sich an ihrem betörenden Körper nicht sattsehen. Jane stöhnte vor Lust und drückte ihn noch näher an sich. Ihr gemeinsames Liebesspiel war lang und heiß, bis beide am Ende erschöpft und völlig ausgelaugt nebeneinanderlagen und die Decke anstarrten.
„Willst du mich heiraten?“, machte Vincent ihr unerwartet den Antrag.
Jane drehte ihren Kopf zu ihm und fragte verwundert: „Wie soll das funktionieren? Du bist bereits verheiratet.“
„Ich werde mich von meiner Frau scheiden lassen. Dann bräuchten wir uns nicht mehr zu verstecken. Du wärst die neue Frau an meiner Seite“, sagte Vincent und schaute sehnsüchtig zu ihr.
Jane drehte sich zu ihm und legte ihr Bein angewinkelt auf ihn. „Ich wäre dann die Herzogin von Guise?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Ja, du wärst dann die neue Herzogin von Guise und würdest alle Vorteile einer feinen Dame in der Gesellschaft genießen, so wie deine Schwestern“, erklärte er und streichelte ihr übers Gesicht.
„Damit bin ich einverstanden. Ja, ich will deine Frau werden“, lautete ihre Antwort und sie gab ihm einen innigen Kuss. Vincent strahlte vor Glück und wollte seine Liebe nie wieder loslassen. Und Jane? Sie war ihrem Ziel so nah wie noch nie.



Kapitel 77 Das Glück

15. August 1877

Der Sommer verging in diesem Jahr wie im Flug. Melanie verbrachte viel Zeit im Garten zusammen mit ihrem Sohn. Richard gesellte sich zu ihnen, und zwar so oft seine Arbeit es zuließ. Gabriel liebte es, mit dem Gummiball zu spielen, und lief immer sicherer seinen Eltern lachend davon. Veronika kam gelegentlich zusammen mit Colette zu Besuch und berichtete voller Freude darüber, dass Jakob mehrmals die Woche bei ihnen vorbeischaue, um nach seiner Nichte zu sehen. Richards Mutter umsorgte ihre Schwiegertochter, wo immer sie nur konnte, und überwand allmählich ihre Depression ganz. Eines Tages saß Melanie auf einem Sessel und beobachtete ihren Ehemann dabei, wie er Gabriel beibrachte, sicher auf dem Schaukelpferd zu sitzen. Sie lächelte sanft und fühlte sich gesegnet. Dann schnappte sie plötzlich nach Luft und verspürte einen merkwürdigen Druck im Unterleib. Sie hielt sich mit der Hand am Bauch fest und schaute entsetzt auf das Blut, das sich unter ihr sammelte.
„Richard“, sagte sie ängstlich und wagte nicht, sich zu bewegen.
Ihr Ehemann sah fröhlich zu ihr hoch und im nächsten Moment wurde sein Gesicht kreidebleich. Er stand blitzschnell auf und eilte zu ihr.
„Was ist mit dir?“, fragte er zutiefst besorgt. „Hast du etwa deine Wehen bekommen?“
„Nein, ich verspüre überhaupt keine Schmerzen. Irgendetwas stimmt nicht“, antwortete sie panisch.
Er rief sofort einen Diener herbei und befahl ihm, augenblicklich medizinische Hilfe herzubringen. Eine Gouvernante kam einige Minuten später und nahm Gabriel auf sein Kinderzimmer mit. Der Arzt brauchte etwas weniger als eine halbe Stunde, bis er endlich eintraf. In der Zwischenzeit hatte Richard seine Frau auf ein Bett gelegt und Katarina von Crussol saß mit besorgtem Gesicht neben ihr. Melanie blutete weiterhin und der Arzt bat alle Anwesenden, rauszugehen, um sie genauer zu untersuchen. Während dieser Zeit lief Richard verzweifelt im Flur hin und her. Seine Mutter stand am Fenster und hielt ihre Hände gefaltet. Ihre Lippen bewegten sich stumm; offenbar sprach sie leise ein Gebet. Als der Arzt wieder aus dem Zimmer trat, stand Richard sofort vor ihm und flehte das Schicksal an, dass der Mann gleich etwas Positives sagen würde.
„Es tut mir leid, Eure Durchlaucht, aber ich habe keine guten Nachrichten“, begann der Doktor zu sprechen. „Die Plazenta des ungeborenen Kindes liegt direkt vor dem Geburtskanal.“
Katarina von Crussol schrie kurz auf und hielt sich die Hände vor den Mund.
„Was soll das bedeuten?“ Richard verstand die Erklärung des Arztes nicht.
„Das bedeutet, dass wenn wir die Geburt künstlich einleiten, Ihre Frau trotzdem nicht in der Lage sein wird, das Kind zur Welt zu bringen. Am Ende würden wir sie und das Baby verlieren“, sprach der Arzt langsam.
„Sie würden sterben?“, begriff Richard und sein Atem wurde schneller.
„Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist ein Notkaiserschnitt. Das Problem dabei ist ...“ Der Doktor stockte und sah beunruhigt zu Richard, der am Hyperventilieren war. „Monsieur von Crussol, bitte setzt Euch schnell. Am besten gleich hier auf den Boden“, sagte er.
Der Herzog brach auf dem Teppich zusammen. Seine Mutter legte ihre Hände auf seine Schultern und sah den Arzt flehend an.
„Was wollten Sie soeben sagen?“, fragte sie ihn in der Hoffnung, es gäbe einen Ausweg aus diesem Unglück.
„Das Problem beim Notkaiserschnitt ist, dass wir höchstwahrscheinlich das Kind retten, aber ich nicht für das Leben der Herzogin garantieren kann, denn der Eingriff wird sie viel Blut kosten und sie hat bereits eine Menge davon verloren“, erklärte der Arzt schnell. Richard hielt sich beide Hände an die Stirn und stöhnte leise. „Nein, nein.“
„Wir haben im Grunde genommen keine Wahl“, stellte Katarina fest. „Wir müssen den Kaiserschnitt wagen, ansonsten verlieren wir beide.“
„Das ist richtig, Madame“, bestätigte der Arzt traurig. Die Herzoginmutter streichelte ihrem Sohn, der den Tränen nahe war, über den Rücken.
„Monsieur von Crussol, möchten Sie mit der Herzogin sprechen, bevor wir mit dem Eingriff beginnen?“, fragte der Arzt und Richard wusste genau, was er damit meinte. Er sollte die Möglichkeit bekommen, ein letztes Mal mit ihr zu reden, bevor sie starb. Er stand langsam auf und ging wie ein Mann, der zum Tode verurteilt worden war, in das Zimmer. Das Bettlaken war voll Blut und Melanie atmete schwer. Sie schaute mit angsterfülltem Blick zu ihrem Mann. Richard kniete sich zu ihr ans Bett und konnte nicht sprechen. Er ergriff ihre Hand und spürte, wie sie zitterte.
„Ich sehe dir an, dass es etwas Schlimmes ist“, bemerkte Melanie. „Bitte sag es mir.“
Richard schaute durch sie hindurch, als wäre das alles nur ein böser Traum, und als er sprach, glaubte er, die Stimme eines Fremden zu hören. „Der Arzt sagt, dass er einen chirurgischen Eingriff bei dir durchführen müsse, um das Leben des Kindes zu retten, aber du selbst dabei verbluten könntest.“
Es vergingen einige Augenblicke, bis beide das Gesagte realisiert hatten. Melanie kämpfte mit den Tränen und atmete ein paar Mal tief durch. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sagte mit bebender Stimme: „Für den Fall, dass ich sterbe ...“
„Niemals! Das lasse ich nicht zu!“, unterbrach Richard sie forsch.
„Für den Fall, dass ich sterbe“, setzte sie wieder an, „musst du für unsere Kinder da sein. Sie brauchen dich dann.“
„Nein! Ich sagte dir gerade, dass du nicht stirbst. Du darfst es nicht!“ Richard weigerte sich, die Tatsachen zu akzeptieren. „Ich weiß sonst nicht, was ich ohne dich tun soll.“
Melanie streichelte ihm durch das Haar und legte ihre Hand auf seine Wange. „Du wirst ein Vater für unsere Kinder sein. Sie werden dich am dringendsten brauchen. Bitte versprich mir, dich um sie zu kümmern“, sprach sie leise.
„Nein, ich lasse nicht zu, dass du stirbst“, sagte er entschieden und schaute sie verzweifelt an.
„Bitte versprich es mir, Richard“, bat sie und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Im nächsten Augenblick kam der Arzt mit zwei Krankenschwestern herein, die das Zimmer für die Operation vorbereiteten.
„Wir müssen jetzt anfangen, Eure Durchlaucht, bevor es zu spät ist“, erklärte der Doktor und stand direkt hinter dem Herzog.
Richard schüttelte heftig den Kopf und Tränen strömten ihm übers Gesicht. Er konnte seine Frau nicht verlassen, denn er wusste, dass er nie wieder mit ihr sprechen würde. Es war das letzte Mal.
„Ich liebe dich“, flüsterte Melanie und Richard erlitt einen Nervenzusammenbruch. Er weinte in das Bettlaken und nahm das gesamte Umfeld nur schemenhaft wahr. Er bekam gar nicht mit, wie er von seiner Mutter aus dem Raum hinausgeführt wurde. Sie gingen den Gang hinunter und betraten ein Zimmer am Ende des Flurs. Katarina setzte ihren Sohn auf ein Sofa und nahm neben ihm Platz. Sie blieb dort, bis er sich wieder beruhigt hatte. Stunden später, vielleicht sogar Tage, Richard konnte es nicht genau sagen, denn er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, berührte ihn jemand an der Schulter und er erkannte ein vertrautes Gesicht.
„Vincent“, stellte er verwundert fest.
„Hallo“, sagte sein bester Freund und schaute ihn mitfühlend an.
Katarina von Crussol hatte nach ihm schicken lassen und er war sofort hergeeilt, um Richard in diesem schweren Moment beizustehen.
„Ich habe sie verloren, Vincent“, sprach Richard langsam. „Die einzige Frau, die ich geliebt habe. Du weißt, wie sich das anfühlt, seine Liebe zu verlieren. Das Glück ist so zerbrechlich.“ Er schloss die Augen und fühlte nur Leere.
„Möchtest du deinen Sohn sehen?“, fragte Vincent vorsichtig.
Richard sah kurz aus dem Fenster und schüttelte dann den Kopf. „Nein, es ist bereits dunkel draußen. Gabriel schläft vermutlich schon“, antwortete er beinahe gleichgültig.
„Ich meine deinen zweiten Sohn“, ergänzte Vincent und sah ihn erwartungsvoll an.
Sein Freund blickte irritiert zu ihm.
„Meinen zweiten Sohn?“, fragte Richard ungläubig. Vincent nickte. „Er wartet schon auf dich“, erklärte er und lächelte.
Der Herzog von Crussol stand langsam auf und folgte ihm. Sie betraten das Zimmer direkt neben dem, in dem Melanie gelegen hatte, und Richard sah, wie die Herzoginmutter ein Neugeborenes im Arm wiegte. Der Kleine schaute auf das Gesicht seiner Großmutter und gab seine ersten Laute von sich. Als Katarina ihren Sohn erblickte, kam sie sofort näher zu ihm.
„Er heißt Nikolai“, offenbarte sie ihm.
Richard nahm das Baby in seine Arme und betrachtete es. Der hübsche Junge war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.
„Nikolai“, wiederholte er nachdenklich. „Wer hat ihm diesen Namen gegeben?“, wollte er wissen.
„Seine Mutter“, antwortete Vincent.
Der Vater des Jungen lächelte leicht und verliebte sich augenblicklich in seinen kleinen Sohn.
„Richard?“, fragte plötzlich eine schwache Stimme. Der Angesprochene drehte sich sogleich in ihre Richtung und erblickte Melanie, die kreidebleich auf dem Bett im anderen Zimmer lag und ihn ansah. Die Doppeltür zwischen den beiden Räumen stand offen und Richard schritt vorsichtig zu seiner Frau und beugte sich zu ihr hinunter.
„Du lebst“, stellte er fassungslos fest und eine Woge an Emotionen brach über ihn herein. Er fühlte übermäßige Freude und Erleichterung, aber auch tiefen Verlustschmerz, der langsam nachließ.
„Ich brachte es nicht übers Herz, dich allein zu lassen“, antwortete sie erschöpft und selbst das Sprechen verlangte ihr viel Energie ab.
Richards Gesicht hellte sich auf und er spürte, wie die Lebensgeister wieder zu ihm zurückkamen. Er hatte befürchtet, sie für immer verloren zu haben, und wollte dem Leben abschwören, aber Melanie lebte. Sie war da und redete mit ihm. Richard hielt ihr gemeinsames Kind im Arm und dankte dem Universum für die Gnade, sein Glück nicht genommen zu haben. Er setzte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Ich liebe dich mit jeder Faser meines Körpers“, flüsterte er liebevoll. „Und ich werde dich niemals gehen lassen, sogar wenn der Tod nach dir ruft.“
Melanie lächelte müde und war glücklich, am Leben zu sein.
Die Tage darauf verbrachte die Herzogin ihre Zeit im Bett und erholte sich. Richard lag jede Nacht bei ihr und wachte über sie. Er wollte am liebsten keine einzige Sekunde mehr ohne sie sein. Sie und die Kinder waren sein Leben und er würde alles für seine Familie tun.

Eine Woche nach der dramatischen Geburt sprach Richard mit dem Arzt, der Melanie operiert hatte, unter vier Augen.
„Was sagen Sie? Meine Frau wird wahrscheinlich keine weiteren Kinder mehr bekommen können?“, fragte er schockiert.
„Ja, Monsieur. Der Eingriff musste schnell passieren. Dabei wurde die Gebärmutter irreparabel verletzt. Die Narben verheilen gut, dennoch befürchte ich, dass es zu keiner weiteren Schwangerschaft mehr kommen wird“, erklärte der Mediziner mit ernster Miene.
Richard nickte langsam und sagte: „Ich verstehe.“
Wie sollte er diese schreckliche Nachricht bloß Melanie beibringen? Der Arzt legte eine Hand auf Richards Schulter und sagte aufmunternd: „Sie können von Glück reden, dass die Herzogin Ihnen bereits zwei gesunde Kinder geschenkt hat. Einige Paare müssen mit dem Schicksal der ungewollten Kinderlosigkeit leben.“
Der Herzog nickte nachdenklich und dankte dem Arzt schließlich für alles, was er getan hatte, und verabschiedete sich von ihm. Er begab sich auf das Zimmer, in dem Melanie sich befand, und trat ein. Zur gleichen Zeit saß Gabriel neben seiner Mutter und schaute neugierig seinen kleinen Bruder an, der auf Mamas Schoß lag. Die Herzogin sah hoch und erkannte ihren Mann.
„Kinder sind ein Segen, nicht wahr?“, sagte sie und strahlte wie die Sonne.
Richard setzte sich zu ihnen aufs Bett und streichelte Nikolai zärtlich übers Köpfchen.
„Hat der Arzt noch etwas gesagt?“, wollte seine Frau wissen.
„Nichts Wichtiges. Hauptsache ist, dass du wieder auf die Beine kommst und es unseren Kindern gut geht“, antwortete Richard und verschwieg ihr die grausame Wahrheit.



Kapitel 78 Das Training

20. September 1877

Der Wind war kräftig an diesem Nachmittag. Die aufgetürmten Wolken zogen schnell am Himmel weiter und machten Platz für die Sonne. Melanie saß im Schneidersitz auf einer Decke im Freien und betrachtete die riesigen Gewitterwolken, die von Weitem sehr majestätisch aussahen. Sie roch den Regen und war angespannt, obwohl alles um sie herum friedlich war.
„Schließe deine Augen, dann kannst du dich besser konzentrieren“, riet ihr Vincent. Er saß direkt neben ihr und war die Ruhe selbst.
„Was hat das hier bitte schön mit dem Training zu tun? Sollten wir nicht lieber fechten?“, fragte Melanie stattdessen.
Endlich hatte sie Zeit gefunden, um das von Vincent versprochene Fechttraining in Anspruch zu nehmen. Abgesehen davon war es die beste Gelegenheit, die letzten Schwangerschaftspfunde loszuwerden.
„Die Meditation gehört zum Training“, erklärte Vincent sachlich. „Sie verschafft deinen Gedanken Klarheit und dir innere Gelassenheit. Beim Kämpfen musst du einen ruhigen Kopf bewahren, um nicht aus der Emotion, sondern aus der Intuition heraus zu entscheiden. Wenn dein Gegner es schafft, dich vor dem Kampf in Rage zu bringen, dann ist sein Sieg zur Hälfte sicher. Denn im wütenden Zustand bist du unkonzentriert und willst nur angreifen. Manchmal ist es aber besser, zuerst den Gegenangriffen auszuweichen, um im richtigen Moment deinen Kontrahenten zu attackieren. Deswegen lerne, in entscheidenden Augenblicken einen kühlen Kopf zu bewahren, egal wie schwer es dir fällt. Das Meditieren hilft dir dabei, Stress abzubauen und mit dir im Reinen zu sein.“
Melanie atmete tief ein und wieder aus. In Ordnung, er hatte sie überzeugt. Sie schloss ihre Augen und hörte dem Vogelgesang zu. Sie fühlte, wie ihre Füße leicht zuckten, und runzelte die Stirn. Warum war sie so hibbelig? Sie öffnete ihre Augen wieder und sah seitlich zu ihrem Trainer, der völlig entspannt wirkte.
„Ich kann das nicht“, sagte sie enttäuscht. „Können wir bitte eine Runde fechten?“
Vincent öffnete nun ebenfalls seine Augen und sah sie eindringlich an. „Was macht dir zu schaffen?“, fragte er stirnrunzelnd.
„Gar nichts“, antwortete Melanie verdutzt.
„Doch, da ist irgendetwas. Ich sehe es ganz deutlich“, erwiderte er und drehte sich komplett zu ihr um. „Machst du dir Gedanken wegen deiner letzten Niederkunft? Die Geburt war äußerst kompliziert. Du wärst beinahe verblutet. Ist es das, was dich beschäftigt?“
Melanie dachte angestrengt nach. Nein, das war es nicht. Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Hat dich ein anderes Erlebnis aus der Vergangenheit emotional aufgewühlt, welches du bis heute nicht verarbeitet hast?“, fragte er weiter.
Ja, da gab es so einiges, gestand Melanie sich selbst. Sie nickte fast unmerklich und schaute auf den grünen Rasen.
„Vielleicht möchtest du mir davon erzählen und dich davon befreien?“, schlug er vor.
„Da gab es zuallererst den Wald“, sagte Melanie und ihr Blick war leer. „Dann das Gästehaus und zum Schluss das Kaminzimmer.“
Vincent runzelte die Stirn und sah sie irritiert an. „Was war in dem Wald?“
Sie schaute ihm ins Gesicht und plötzlich wurde ihr bewusst, mit wem sie hier sprach. „Das kann ich dir nicht sagen“, entgegnete sie schnell und stand auf. „Können wir lieber fechten?“
Ihr Trainer erhob sich ebenfalls und sah sie besorgt an. „Melanie, unverarbeitete Emotionen können dich krank machen. Ich werde dich nicht zu einem Gespräch mit mir drängen, aber vielleicht hast du jemand anderen, dem du dich öffnen kannst“, erklärte er einfühlsam.
Melanie nickte und antwortete: „In Ordnung. Ich werde mit jemandem darüber reden. Wollen wir jetzt fechten?“ Sie wirkte aufgedreht und versuchte, ihre Unsicherheit mit Stärke zu überspielen. Vincent schaute sie nachdenklich an und erkannte deutlich, dass etwas mit ihr nicht stimmte.
„Das bringt nichts“, sagte er. „Du bist unkonzentriert und ich würde dir innerhalb weniger Sekunden den Säbel aus der Hand schlagen. Melanie, bitte erzähle mir davon. Was bringt dich so dermaßen durcheinander? Was war im Wald?“ Sie schaute zur Seite und atmete schwer aus. „Das geht nicht. Du bist sein bester Freund. Du würdest es mir sowieso nicht glauben.“
Vincent kam näher an sie heran und legte seine Hände auf ihre Oberarme. „Was ist im Wald, im Gästehaus und im Kaminzimmer geschehen? Hat Richard etwas damit zu tun?“, fragte er besorgt.
Melanie spürte die Emotionen wieder in sich aufsteigen und atmete schneller. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie fühlte Wut, Verletzung, den Drang, sich selbst zu beschützen, und das eigenartige Bedürfnis nach Liebe. Sie fing an zu weinen und senkte ihren Kopf. Vincent umarmte sie sogleich und spendete ihr Trost.
„Ist schon gut. Du musst mir jetzt nichts sagen. Wenn es dir hilft, es zu verarbeiten, indem wir miteinander fechten, dann helfe ich dir dabei“, sprach Vincent leise und streichelte ihr über den Kopf.
Melanie legte ihre Arme um ihn und weinte an seiner Brust. Es vergingen ein paar Minuten, bis sie sich wieder gefasst hatte. Sie fühlte sich danach schon etwas besser und wagte ein zaghaftes Lächeln.
„Du bist wahrlich eine Kämpfernatur“, sagte er und lächelte tröstend. „Versprich mir, dass du mit einer nahestehenden Person über deine Gefühle sprichst. Mit jemandem, dem du vertraust.“
„Versprochen“, antwortete sie und wischte sich die Tränen weg. Sie lösten sich wieder voneinander und gingen in Kampfposition. Melanie zog ihren Säbel und wartete auf die erste Anweisung. Vincent stand zwei Schritte von ihr entfernt und zog ebenfalls seine Waffe. Er nahm sich vor, ihr heute ein paar sehr gute Tricks beizubringen, um sie aufzumuntern. Und das Training begann.

In dieser Woche trafen Melanie und Vincent sich jeden zweiten Tag. Der Herzog von Guise gab zu, dass seine Schülerin äußerst schnell lernte und mit Begeisterung dabei war. An ihrem dritten Trainingstag, nachdem sie über eine Stunde intensiv miteinander gekämpft hatten, fand Vincent, dass sein Schützling eine Pause mehr als verdient habe. Sie setzten sich wieder nebeneinander auf die Decke und Melanie schenkte Wasser in zwei Trinkbecher ein. Sie verschnaufte kurz und hatte dann den inneren Drang, sich auszusprechen. In den letzten Tagen hatte sie immer wieder vorgehabt, zu Veronika zu reiten, um mit ihr über ihre persönlichen Gefühle zu reden, aber etwas hatte sie davon abgehalten. Wenn sie ihrer Schwester von sehr intimen Erfahrungen aus ihrer Ehe berichten würde, wie würde Veronika dann darauf reagieren? Womöglich würde sie ihren Schwager mit ganz anderen Augen sehen und ihn wahrscheinlich sogar verachten. Melanie schaute zu Vincent. Er und Richard waren seit Jahren eng befreundet. Wenn sie ihn in das Geheimnis einweihte, würde er vermutlich keine Abscheu gegenüber seinem Freund empfinden, sondern Melanie einen Rat geben. Also gut – sie hatte ihrem Trainer schließlich versprochen, dass sie mit jemandem darüber reden würde. Deswegen atmete sie tief ein und sagte: „Vincent, würdest du deiner Partnerin alle Demütigungen verzeihen, wenn du sie aus ganzem Herzen liebst?“
Der Angesprochene schaute verwundert zu ihr und erkannte im nächsten Augenblick, dass sie sich ihm gerade öffnete. Vincent überlegte ein paar Sekunden lang und antwortete schließlich: „Wahrscheinlich ja. Ich bin ein großer, romantischer Narr. Aber ...“ Er zögerte kurz und ergänzte: „Wenn meine Partnerin mich ebenfalls von ganzem Herzen liebt, dann sollte sie niemals etwas tun oder sagen, das mir in irgendeiner Form schadet.“
„Und wenn sie es doch tut? Würdest du trotzdem weiterhin bei ihr bleiben?“, fragte Melanie.
„Ganz ehrlich? Ja, das würde ich“, erwiderte er.
Sie sah ihn überrascht an. „Warum?“, wollte sie wissen.
„Weil ich ein optimistischer Dummkopf bin, der nur das Gute in den Menschen sieht und glaubt, dass sie sich mit der Zeit ändern können, wenn man geduldig mit ihnen umgeht“, antwortete er.
„Dann geht es dir genauso wie mir“, resümierte Melanie. „Die Liebe macht einen auf gewisse Weise blind und handlungsunfähig. Man erduldet viel im Namen der Liebe.“
Sie und Vincent tranken ihre Becher leer, sahen sich an und lächelten. Melanie fühlte sich in der Tat schon ein Stück besser und vermutlich würde sie eines Tages den Mut aufbringen, ihrem Trainer alles zu berichten.
„Was wäre die Welt nur ohne uns, den fröhlichen Narren?“, sagte er selbstironisch.
„Vermutlich voll von dunklen, kalten und sehr ernsten Gestalten“, entgegnete sie.
„Also bleiben wir besser fröhlich. Komm, lass uns weiter fechten“, forderte Vincent sie auf und stellte sich auf die Beine. Melanie folgte seinem Beispiel und sie setzten ihr Training fort.



Kapitel 79 Der Rivale

29. September 1877

Jakob von Bouget schubste seinen Gefangenen unsanft aus der Kutsche und der Mann fiel seitlich auf den kahlen Boden. Um seinen Kopf war ein Kartoffelsack gebunden und seine Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt. Sebastian von Semur nahm den Mann wieder hoch und hielt ihn am Arm fest. Inzwischen sprang Valentin Martin vorne vom Kutschbock herunter und stellte sich direkt vor den Mann. Er nahm ihm den Sack vom Kopf und Monsieur Stefano Aranie schaute sich verwirrt um. Sie befanden sich mitten im Wald und die Sonne war vor wenigen Minuten untergegangen. Sebastian befreite Stefanos Hände und gab ihm eine Schaufel. Währenddessen holte Jakob eine Pistole aus seiner Jackentasche und zielte damit auf Monsieur Aranie.
„Grabe“, befahl er und entsicherte gleichzeitig die Waffe.
Der Modedesigner sah ängstlich zu ihm und fragte: „Wie bitte?“
„Du sollst hier ein tiefes Loch graben!“, wies Jakob ihn laut an.
Monsieur Aranie nickte schnell und begann zitternd zu schaufeln. Die übrigen drei Männer schauten ihm dabei zu. Sebastian ging mit einem langen Stock um ihn herum und zeichnete auf den Boden ein großes Viereck, das die Ausmaße der Grabstelle darstellte.
„Es war äußerst dumm von dir, unsere Forderungen zu ignorieren“, sprach Valentin und legte seinen Kopf schief, als Stefano Aranie die Hälfte der Erde bereits zur Seite geschaufelt hatte.
„Ich sagte doch, dass ich euch am Ende des Monats bezahle. Abgesehen davon ist der Umsatz in meinem Laden eingebrochen. Ich erziele kaum Gewinne“, erklärte Monsieur Aranie nervös.
„Du lügst. Dein Kleiderladen läuft besser als je zuvor und deine gefälschten Bilanzbücher sind echte Romane. So viel Unfug, wie dort geschrieben steht, glaubst du doch selbst nicht“, entgegnete Jakob kalt.
„Ich verstehe nicht, was ihr von mir wollt! Meine Zahlung ist doch erst am Ende des Monats fällig“, erwiderte Stefano und breitete hilflos seine Hände aus. Sebastian verdeutlichte ihm mit einer Handbewegung, dass er nicht mit dem Schaufeln aufhören solle, und Monsieur Aranie gehorchte sofort.
„Wir wollen das Gleiche wie du. Zum Beispiel, dass dir nichts passiert und du bei bester Gesundheit bleibst, und dass dein Laden nicht plötzlich unter mysteriösen Umständen komplett niederbrennt – oder von irgendwelchen Kriminellen überfallen wird“, erläuterte Valentin und zuckte mit den Schultern.
„Ihr seid doch die Gesetzesbrecher und erpresst von mir Schutzgeld“, warf Stefano den drei jungen Männern vor.
„War das dein Plan, als wir dich auf dem Weg zur Justiz-Behörde abgefangen haben? Uns zu melden?“, fragte Valentin mit höhnischem Gesichtsausdruck und warf eine Handvoll Erde nach ihm.
Stefano stand nun bis zum Bauch im Erdloch und Jakob trat näher an ihn heran. „Wir fahren gleich zurück zu deinem noblen Kleiderladen und du übergibst uns die geforderte Summe. Falls du dich jetzt weigerst, dann solltest du wissen, dass du bereits in deinem eigenen Grab stehst, und ich nur den Abzug meiner Pistole zu betätigen brauche“, offenbarte Jakob ihm seine Absicht.
Der Modedesigner schaute entsetzt zu ihm und sah sich dann hilfesuchend um. Aber wer sollte ihm hier im düsteren Wald zur Hilfe eilen, wenn er um sein Leben schrie? Er hatte somit keine andere Wahl. Monsieur Aranie hatte das Trio komplett unterschätzt und für idiotische Rotzlöffel gehalten. Den Fehler würde er nicht erneut begehen.
„In Ordnung, ich bin einverstanden. Bitte tut mir nichts“, flehte Stefano.
Jakob erlaubte ihm daraufhin, aus dem Erdloch herauszuklettern. Sebastian zog ihm wieder den Kartoffelsack über den Kopf und fesselte ihm die Hände hinterm Rücken. Danach bugsierte er ihn in die Kutsche und sie kehrten zurück in die Stadt. Direkt vor dem Kleiderladen Sior befreiten sie Monsieur Aranie von seinen Fesseln und der außergewöhnlichen Kopfbedeckung und sie begaben sich zu viert auf sein Arbeitszimmer. Dort übergab der Modedesigner ihnen die vereinbarte Geldmenge und Jakob sagte: „Es ist immer eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Monsieur. Auf Wiedersehen.“
Stefano Aranie nickte eingeschüchtert und erwiderte kurz: „Ebenfalls.“
Die drei jungen Männer verließen den Laden wieder und fanden, dass heute ein erfolgreicher Geschäftsabend gewesen war. Sie hatten mehrere solcher Partner wie Stefano Aranie an der Angel und ihre Fantasie bezüglich illegaler Geschäfte kannte mittlerweile keine Grenzen mehr. Und dabei gingen sie äußerst smart und mit ungeahnter Brutalität vor, falls sich jemand weigerte zu kooperieren. Sie hatten die besten Kontakte, sowohl in der glamourösen Welt der Reichen als auch in der kriminellen Unterwelt. Und sie wurden allmählich zu einer Art Vermittler zwischen den Welten. Ihre besonderen Geschäfte machten sie nebenbei wohlhabend und sie verschafften sich vor allem in den finsteren Kreisen einen Ruf als feine Gangster. An diesem Abend fuhren sie zunächst zum Schloss der Familie von Semur und brachten Sebastian als Ersten wieder heim. Danach begaben sich Jakob und Valentin zu dem gelben Anwesen der Familie von Bouget. Als sie dort ankamen, verabschiedete Jakob sich von seinem besten Freund mit einer Umarmung und ging lässig nach Hause. Sein Kumpel fuhr anschließend weiter. Er führte das Kutschengespann hinter die nächste Biegung in ein kleines Wäldchen und ließ es dort stehen. Dann schlich er sich heimlich zurück zum Anwesen der Familie von Bouget. Valentin schaute sich um, vergewisserte sich, dass ihn niemand sah, und kletterte leise auf den Balkon im ersten Stock. Er stand vor dem Fenster und blickte hinein. Drinnen brannte das Licht einer Kerze und die Umrisse einer jungen Frau waren deutlich zu erkennen. Sie saß vor ihrem Schminkspiegel und kämmte sich die Haare. Valentin klopfte sachte an die Fensterscheibe und die hübsche Blondine erschrak leicht. Sie ging sofort zum Fenster und zog die Tüllvorhänge zur Seite. Als Jane ihren Liebsten erkannte, lächelte sie breit und öffnete ihm die Balkontür. Valentin schlüpfte schnell hinein und sie legte ihm sogleich ihren Zeigefinger auf die Lippen.
„Es darf uns niemand hören“, flüsterte sie und umarmte ihn fest.
„Soll ich heute Nacht bei dir bleiben?“, fragte er voller Sehnsucht.
„Damit würdest du mir eine Freude machen“, antwortete sie lächelnd und küsste ihn. Dann pustete sie die Kerze aus, die auf der Kommode stand, und ging zusammen mit ihm zu Bett. Sie zogen sich gegenseitig langsam aus und Valentin bedeckte ihren ganzen Körper mit glühenden Küssen. Jane liebte die Nächte mit ihrem jungen, heißen Lover, denn sie waren unglaublich intensiv und sprühten vor Leidenschaft. Sie gab sich ihm ganz hin und genoss jede seiner Berührungen. Als sich die Sonne wieder am Horizont ankündigte, war es für Valentin allmählich an der Zeit zu verschwinden, bevor jemand ihn entdeckte. Er gab seiner Flamme einen letzten Kuss und zog sich an. Jane beobachtete ihn dabei und warf ihm verführerische Blicke zu. Sie legte sich auf den Bauch und biss sich auf die Unterlippe, während er seinen geilen Schwanz wieder in der Hose verschwinden ließ. Zum Schluss stand er fertig angezogen vor ihr und fragte sie hoffnungsvoll: „Sehen wir uns morgen wieder?“
Doch Jane schaute plötzlich zur Seite und ihr Gesichtsausdruck wurde ernst. „Was ist los?“, wollte er sogleich wissen.
„Ich habe mich verlobt“, gestand sie traurig und vermied den Augenkontakt zu ihm.
„Was? Mit wem?“ Er klang bestürzt.
„Mit Vincent von Guise“, antwortete sie und sah ihn weiterhin nicht an. Valentin kniete sich zu ihr und nahm ihr Gesicht in seine Hände, damit Jane ihn endlich anschaute.
„Warum? Du liebst doch mich!“, fragte er verzweifelt.
„Valentin, das zwischen uns hat keine Zukunft. Du bist noch so jung. Deine Familie würde dir niemals erlauben, eine ältere Frau zu ehelichen, und ich kann nicht fünf Jahre darauf warten, bis du reif genug bist, um mir einen Antrag zu machen. Deswegen heirate ich den Herzog von Guise, solange ich die Chance dazu habe“, erklärte Jane und jedes der gesagten Worte schmerzte sie in der Brust.
„Aber der Herzog von Guise ist doch bereits verheiratet. Wie kannst du dann seine Frau werden?“, fragte er ungläubig.
„Er hat vor wenigen Tagen die Scheidung eingereicht“, antwortete sie wahrheitsgemäß und sah, wie Valentin mit blassem Gesicht aufstand. Er schüttelte langsam seinen Kopf und taumelte ein paar Schritte rückwärts.
„Nein, das kann nicht sein. Der Herzog würde sich niemals scheiden lassen, das wäre ein gesellschaftlicher Skandal“, bemerkte er. „Und du glaubst ihm das trotzdem?“
„Natürlich. Er ist ein Edelmann, der zu seinem Wort steht“, entgegnete sie und setzte sich auf dem Bett aufrecht hin. Sie hielt die Decke vor ihren nackten Körper und strich sich die blonden Haare hinters Ohr. Valentin kam wieder zu ihr und sagte mit fester Stimme: „Ich bin ebenfalls ein Edelmann und möchte, dass du meine Frau wirst.“
Jane verdrehte ihre Augen und erwiderte: „Du bist vor Kurzem erst achtzehn Jahre alt geworden und ich bin inzwischen vierundzwanzig. Glaubst du ernsthaft, dass du mich heiraten kannst? Was meinen deine Eltern dazu?“
„Es ist mir egal, was sie sagen. Ich will dich“, sprach er beschwörend und legte seine Hände auf ihre Oberarme, aber Jane löste sich von ihm, stand auf und zog ihren Morgenmantel an.
„Willst du meine Frau werden?“, fragte Valentin erneut und sah sie flehend an.
Sie drehte sich zu ihm um und sagte mit qequälter Stimme: „Es ist vorbei zwischen uns. Und jetzt geh.“
Doch er weigerte sich und blieb vor ihr stehen. Jane musste die Trennung durchziehen, egal, wie sehr es ihre Seele zerriss.
„Geh jetzt!“, sagte sie laut und lief aus ihrem Zimmer hinaus in den Flur.
Valentin konnte ihr nicht folgen, ohne entdeckt zu werden. Er musste sich vorerst zurückziehen, obwohl er beinahe am Verzweifeln war. Er ging auf den Balkon und kletterte wieder hinunter. Bei jedem weiteren Schritt, mit dem er sich von dem gelben Anwesen entfernte, schrie sein Herz vor lauter Qual. Er durfte seine Geliebte nicht verlieren. Was konnte er jetzt bloß tun? Niemals würde er zulassen, dass der Herzog von Guise sie bekäme. Jane gehörte ganz allein nur ihm.

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