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Blitz und Donner Kapitel 7 - 13
Kapitel 7 Die Traumprinzen
9. Mai 1875
Johanna und Thomas von Bouget erlaubten ihren Kindern an diesem Abend aller guten Manieren zum Trotz, bis spät in die Nacht eine kleine, private Pyjamaparty zu viert abzuhalten. Denn es gab ordentlich etwas zu feiern. Die drei Schwestern und Jakob hatten sich in Janes Zimmer versammelt. Sie hatten sich auf dem Boden ein gemütliches Lager aus Decken und Kissen errichtet, Kerzen angezündet und sich Obst, Gemüse und Kuchen aus der Küche bringen lassen. Vor allem aber hatte Jakob ohne die Kenntnis der Eltern vier Flaschen Champagner aus dem Weinkeller entwendet und ließ die Korken knallen.
„Jakob, hör auf. Das ist bereits die dritte Flasche!“, bat Jane ihn besorgt.
„Ach, papperlapapp, nicht lange reden, Champagner trinken!“, antwortete Jakob und füllte die vier Gläser mit dem wohlschmeckenden Getränk auf.
„Ich möchte an dieser Stelle einen Toast aussprechen“, verkündete Melanie leicht berauscht. „Auf Nero, den besten Freund, den ich jemals hatte und dem wir alle gemeinsam viel zu verdanken haben.“
„Prost!“, riefen die vier Geschwister im Chor und nahmen einen großen Schluck aus ihren Champagnergläsern.
„Allerdings. Beim Rennen hatte kaum jemand auf seinen Sieg gewettet, abgesehen von mir. Und nun seht her, ich bin ein reicher Mann“, berichtete Jakob lachend und öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes.
Melanie hatte ihr Erspartes ebenfalls um ein kleines Vermögen aufgestockt, denn neben dem Pokal und dem unendlichen Ruhm eines Champions hatte sie eine beträchtliche Summe gewonnen.
Die vier Geschwister hatten bereits ihre Schlafsachen an. Aufgrund der zahlreichen leuchtenden Kerzen und des vielen Alkohols wurde es in dem großen Zimmer allmählich warm. Veronika hielt es nicht mehr länger aus und legte ihren Morgenmantel ab. Darunter hatte sie nur ein kurzes Negligé aus weißer Spitze an.
Melanie folgte ihrem Beispiel und saß entspannt auf dem Boden in ihrem seidenen Zweiteiler aus hellblauen Shorts und dem Top mit Spaghettiträgern. Nur Jane öffnete lediglich den Gurt ihres Morgenmantels und ließ den Blick auf ihr figurbetontes, hellgraues Nachthemd aus Seide frei, das ihr bis zu den Waden reichte.
„Veronika, erzähl Melanie doch von euren Bekanntschaften, die du und Jane während der Sportveranstaltung geschlossen habt“, bat Jakob seine betrunkene Schwester, die sich auf dem Boden rekelte.
Melanies Neugier wurde geweckt. „Welche Bekanntschaften?“
„Also, als Erstes muss ich gestehen, dass unsere Nachbarin Madame von Semur die wundervollste Person auf der ganzen Welt ist“, berichtete Veronika. „Gleich nachdem wir auf der Veranstaltung angekommen waren, hat sie uns beim Eingang zur Tribüne abgefangen. Sie nahm Jane und mich mit sich und stellte uns ein paar jungen Herren aus dem Hochadel vor. Natürlich, sie hat ja Verbindungen zu den besten Kreisen. Und einige dieser jungen Burschen waren schlichtweg zum Anbeißen.“
„Allem voran der Graf von Ailly. Ich habe gesehen, dass ihr euch lange unterhalten habt, und du dich an ihm nicht sattsehen konntest“, bemerkte Jakob und streichelte mit seinem Finger über Veronikas Schulter.
Sie kicherte verlegen und trank ihren Champagner.
„Hat dieser Graf von Ailly auch einen Vornamen?“, wollte Melanie wissen.
„Henri“, hauchte Veronika und schaute dabei verträumt zur Decke. „Er hat blau-grüne Augen mit langen Wimpern. Schwarzes, welliges Haar. Und einen unglaublich guten Modegeschmack. Er sah so adrett aus in seinem dunkelblauen Jackett und der weißen Hose, da konnte ich nicht anders, als mir sein Aussehen einzuprägen.“
„Ihr habt euch recht lange unterhalten. Worüber eigentlich?“, fragte Jakob und ließ seine Hand über Veronikas Schenkel gleiten.
Doch sie hielt ihn am Arm fest, übergab ihm ihr leeres Glas und antwortete: „Über etwas, für das ich definitiv nicht betrunken genug bin, um es dir zu verraten.“
„Uuuhuuu“, sangen Melanie und Jane im Chor und lachten. Jakob verstand Veronikas Aufforderung. Er schenkte ihr weiteren Champagner ins Glas ein und überreichte es ihr wieder.
„Und wer hat dir gefallen, Jane?“ Melanie richtete die Aufmerksamkeit auf ihre große Schwester.
„Richard, der Herzog von Crussol“, antwortete diese knapp.
„Erzähl mir von ihm! Wie ist er so?“, bat Melanie sie und legte sich auf die Seite. Sie war dem Kindsein fast entwachsen und ihre schlanke Taille bildete einen aufregenden Kontrast zu ihrem knackigen, durchtrainierten Po.
„Der Herzog ist ein überaus anmutiger Mann. Groß, schlank, muskulös und mit einer geraden Körperhaltung. Er hat dunkelbraune Augen mit langen Wimpern, ein männliches, kantiges Gesicht und schmale Lippen. Seine Haare sind hellbraun und haben blonde Strähnchen. Als ich mich mit ihm unterhielt, wirkte er nachdenklich. Ich hatte zwischendurch das Gefühl, er sei etwas melancholisch“, erklärte Jane und verlor sich dabei in ihren Gedanken.
Veronika hatte ihr Glas in der Zwischenzeit erneut geleert. Sie stellte sich auf alle viere und schlich ganz langsam auf Jane zu. Als sie nah genug am Gesicht ihrer Schwester war, hauchte sie mit sexy Stimme: „Na, vielleicht solltest du diesem Richard Folgendes ins Ohr flüstern: Küss mich. Küss mich, Richard, auf der Stelle!“
Jane kreischte vor Entsetzen auf und warf Veronika ein Kissen gegen den Kopf. Melanie und Jakob krümmten sich vor Lachen.
„Also, ich kenne diesen Richard zwar nicht, aber ich bin mir sicher, das würde ihn aufmuntern“, stimmte Melanie Veronika zu. Und wieder lachten alle gemeinsam.
„Ich kann es immer noch kaum glauben, dass der Kaiser uns zu seinem Ball am kommenden Wochenende eingeladen hat. Da werden wir Richard und Henri mit Sicherheit wiederbegegnen!“, freute sich Veronika und strahlte übers ganze Gesicht.
„Ja, dank mir und Nero seht ihr eure Traumprinzen bald wieder und werdet mit ihnen auf dem Ball tanzen“, prahlte Melanie selbstbewusst.
„Dieser Herzog von Crussol und der Graf von Ailly haben aber nicht schlecht gestaunt, als du das Rennen gewonnen hast“, bemerkte Jakob. „Sie schauten runter auf das Podest, auf dem du dich der Menge siegreich präsentiert hast, und konnten ihre Augen nicht mehr von dir abwenden.“
„Du meinst, sie waren geschockt“, korrigierte Jane ihn sogleich. „Mama wäre fast in Ohnmacht gefallen, als sie deinen Namen hörte, Schwesterherz. Papa musste sie festhalten. Und die anderen Adligen tuschelten untereinander und waren absolut fassungslos.“
„Natürlich waren sie das. Melanie ist die erste Frau, die das kaiserliche Pferderennen gewonnen hat, und ist somit eine Sensation. Wenn die Leute jetzt nicht über sie reden, dann wäre ich bitter enttäuscht“, regte Jakob sich auf.
„Der Grat zwischen Ruhm und Ruin ist ziemlich schmal. Hätte Kaiser Alexander Melanie nicht so hoch gelobt, sondern sie für ihr Verhalten getadelt, dann wäre ihr Ruf und der unserer gesamten Familie am Ende gewesen“, erklärte Jane.
„Es ist aber ganz anders gekommen und nun gehören wir aufs Siegertreppchen. Prost!“, schloss Melanie das Thema endgültig ab und stieß mit ihren Geschwistern auf eine glorreiche Zukunft an.
Die Stimmung war ausgelassen. Die vier Flaschen des teuren Champagners wurden geleert. Jakob fütterte Veronika, die ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt hatte, mit Weintrauben. Und in der Zeit sangen Jane und Melanie ein Lied. Es war zwei Uhr in der Nacht und alle wurden müde und gähnten vor sich hin. Die Geschwister legten sich nebeneinander auf den Boden so wie früher als Kinder in ihrem alten Zuhause auf dem Lande. Jane schlief Seite an Seite mit Melanie und daneben lagen Jakob und Veronika. Sie hatten sich mit dem Gesicht zueinander gedreht. Seine rechte Hand lag auf ihrer linken und sie träumten von ihrem tiefsten Verlangen.
Kapitel 8 Die Warnung
10. Mai 1875
Die Baronin von Semur stand draußen auf dem Vorhof ihres Anwesens und wartete auf die Kutsche, die gleich eintreffen würde. Sie wollte ihre Gäste unbedingt persönlich in Empfang nehmen, obwohl die Etikette es gebot, dass sie als hochangesehene Dame dies besser unterließ. Aber Madame von Semur kümmerten die Gepflogenheiten der feinen Gesellschaft schon lange nicht mehr. Sie brauchte sich nicht zu beweisen. Denn sie war eine tonangebende alte Dame, die man besser nicht herausforderte. Im nächsten Augenblick kamen zu ihrer Überraschung zwei Kutschen statt einer.
„Willkommen, Monsieur von Bouget! Ich freue mich wahnsinnig, Sie und Ihre bezaubernde Familie bei uns zu haben!“, begrüßte sie den Baron überschwänglich, als dieser aus der Kutsche stieg.
„Schönen guten Tag, Madame von Semur. Ja, da sind wir“, grüßte der Baron zurück und lächelte. Ihm folgten seine Frau und die älteste Tochter. Aus der zweiten Kutsche stiegen die übrigen drei Kinder aus.
„Kommt alle mit mir. Ich war so frei und habe den Esstisch draußen auf der Terrasse decken lassen, damit wir ein Barbecue veranstalten können. Trinken Sie Bier, Monsieur?“, fragte Madame von Semur und geleitete ihre Gäste in den Garten.
„Ja, sicher. Als Soldat habe ich früher nur Bier getrunken“, antwortete der Baron ehrlicherweise.
„Großartig! Dann werden wir uns gut verstehen“, witzelte die Gastgeberin.
Die Terrasse war im alten Landhausstil gehalten. Direkt über dem langen Esstisch war ein Stahlgerüst angebracht, an dem sich unzählige Efeuranken wanden und damit Schutz vor der Sonne boten. An den Wänden des Gebäudes wuchsen Wildrosen in verschiedenen Farben und im Garten stand eine große Weide direkt neben einem Teich. Die märchenhafte Umgebung war genau richtig, um zu verweilen. Die Anwesenden waren soeben dabei, an dem Tisch Platz zu nehmen, da traten Monika von Semur und ihr Sohn Sebastian aus dem Haus.
„O mein Gott! Da ist sie ja!“, rief Monika aufgeregt und lief mit ausgestreckten Armen direkt auf Melanie zu. „Mademoiselle Melanie, Sie verdienen meine vollste Bewunderung! Wahrlich, Ihren Mut möchte ich haben. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unglaublich es ist, dass Sie das Pferderennen gewonnen haben!“
„Danke schön, Madame.“ Melanie grinste verlegen.
„Ich gestehe, dass Sie meine Erwartungen übertroffen haben“, sagte die Baronin von Semur. „Bei unserer ersten Begegnung waren Sie so schweigsam, man hätte meinen können, Sie seien stumm. Aber Sie haben mich überrascht und das gelingt nun wirklich nicht jedem.“
„Bitte setzen Sie sich beim Essen neben uns. Ich und mein Sohn würden uns gerne ausführlicher mit Ihnen unterhalten“, bat Monika und zeigte auf ihren Sprössling.
Melanie schaute neugierig zu Sebastian. Er war ein recht großer 15-Jähriger mit leicht brauner Haut, dunklen Locken, wilden braunen Augen und einem verschmitzten Lächeln. Offenbar kam er äußerlich mehr nach seinem Vater, denn zu seiner Mutter bestand keinerlei Ähnlichkeit. Melanie und Sebastian begrüßten sich und nahmen nebeneinander Platz. Sie tauschten ein paar verstohlene Blicke und lächelten freundlich.
Zum Mittagessen gab es gegrillte Forelle und saftiges Entrecôte. Alle Personen aßen sich satt, bis Thomas von Bouget aufstand und gemeinsam mit Jakob und Sebastian rüber zum Teich ging. Der junge Baron von Semur zeigte seinen Gästen die wertvollen Koi-Fische, die im Teich lebten.
Währenddessen saßen die Damen ungestört allein am Tisch und Madame von Semur eröffnete ihr Lieblingsthema: die Männer.
„Nun, meine bezaubernden jungen Ladys, wurden Sie gestern auf der Tribüne fündig, während Ihre Schwester um den Titel galoppierte?“, fragte sie direkt.
Jane und Veronika sahen die Baronin mit großen Augen an. Sie schielten verlegen zu ihrer Mutter hinüber, doch Johanna blieb ruhig und gab ihnen mit einem leichten Kopfnicken zu verstehen, dass sie nichts gegen dieses Thema einzuwenden hatte.
„Ähm, irgendwie schon“, sagte Jane zaghaft.
„Nur keine Scheu. Wir sind hier unter uns. Und es liegt mir am Herzen, Sie beide in guten Händen zu wissen. Nicht jeder feine Herr ist ein guter Fang“, erläuterte Madame von Semur ihr Anliegen.
Mit einem nervösen Blick zu ihrer Mutter sagte Jane: „Da wären der Herzog von Crussol und der Graf von Ailly, die bei uns einen recht guten ersten Eindruck hinterlassen haben.“
Monika und ihre Mutter stöhnten gleichzeitig auf.
„Da haben Sie ja gleich die zwei schlimmsten Schürzenjäger kennengelernt, die es zurzeit gibt!“, offenbarte Madame von Semur.
„O ja, sowohl der Herzog von Crussol als auch der Graf von Ailly sind heißbegehrt. Die Frauen liegen ihnen praktisch zu Füßen. Beide kommen aus steinreichen Familien mit Einfluss am kaiserlichen Hofe. So gesehen wären die Zwei keine schlechte Partie, aber ihr übler Ruf eilt ihnen voraus. Ihre Liebschaften dauern im Durchschnitt nur wenige Monate und enden damit, dass die armen jungen Frauen von ihnen verführt werden und sie ihren Ruf verlieren. Deswegen warne ich Sie ausdrücklich: Verfangen Sie sich nicht in deren Fäden! Sie würden sich nie wieder davon erholen“, beendete Monika das Schauermärchen.
Jane und Veronika schauten entsetzt. Ihre Traumprinzen waren in Wahrheit unverbesserliche Halunken?
„Aber das kann nicht sein. Der Graf von Ailly benahm sich so wohlerzogen und charmant“, versuchte Veronika ihren Schwarm zu verteidigen.
„Verstehe, er hat Ihr Interesse geweckt. Dann hat er sein Ziel fast erreicht. Der Rest ist reinstes Kinderspiel für den erfahrenen Herzensbrecher“, stellte Madame von Semur fest.
Veronika schüttelte ungläubig den Kopf und wirkte niedergeschlagen.
„War da nicht noch ein Dritter im Bunde, Mutter? Ich meine, es gab da einen weiteren Tunichtgut. Wie hieß er? Der Name fällt mir nicht ein“, überlegte Monika angestrengt.
„Herzog Vincent von Guise“, ließ die Baronin verlauten.
„Vincent von Guise?“ Johanna von Bouget mischte sich in das Gespräch ein. „Mein Mann hat sich gestern mit ihm recht freundlich und lange auf der Tribüne unterhalten. Ich stand daneben und konnte das Gespräch mitverfolgen. Monsieur von Guise machte einen gescheiten Eindruck. Außerdem ist er unser Nachbar. Sein Landsitz liegt weiter südlich Richtung Meer. Er erzählte, dass er verheiratet sei und ein Kind habe.“
„Ja, dann reden wir über denselben Mann“, bestätigte Madame von Semur und trank genüsslich ihren Rotwein.
„Genau, Vincent von Guise, so lautet sein Name. Er und die anderen beiden Kandidaten sind eng befreundet und man sollte sich vor diesem Trio in Acht nehmen. Egal ob Frau oder Mann. Denn mehr Macht und Sexappeal sind kaum möglich. Gott bewahre denjenigen, der ihren Zorn heraufbeschwört. Sie vernichten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt“, erzählte Monika weiter. „Besonders der Herzog von Crussol hat eine sehr traditionelle Einstellung bezüglich der Rolle der Frau. Wenn Sie keine devoten und gehorsamen jungen Damen sind, dann liegen Ihre Erfolgsaussichten bei ihm bei nahezu null.“
Veronika wirkte wie vor den Kopf gestoßen und schaute besorgt auf ihren leeren Teller. Jane dagegen behielt wie gewohnt die Fassung und nickte stumm als Zeichen dafür, dass sie die Warnung verstanden hatte.
„Wen ich Ihnen stattdessen wärmstens empfehle, ist der einzige Sohn des Grafen von Bellagarde“, sagte Madame von Semur und versuchte, den Blickkontakt zu den zwei Schwestern aufzubauen, die enttäuscht dreinschauten.
„Er heißt George und ist der Traum jeder Schwiegermutter. Nur leider ist er ein scheues Reh und äußerst selten auf Bällen oder irgendwelchen Veranstaltungen anzutreffen. Man munkelt, es hänge damit zusammen, dass er von den heiratswilligen jungen Damen genervt sei, da sie nur an seinem Vermögen interessiert seien. Also, falls Sie tatsächlich diesem seltenen Diamanten begegnen sollten, dann fragen Sie ihn nicht nach seinem Geld“, scherzte die alte Baronin.
Doch die Aufmunterung schlug fehl. Jane und Veronika sahen weiterhin betrübt aus.
„Wie dem auch sei. Kommen wir zu Ihnen, Mademoiselle Melanie. Der Mann, der Sie zu erobern versucht, muss über beachtliche Ausdauer verfügen, um bei Ihrem rasanten Tempo Schritt zu halten“, bemerkte die Baronin von Semur lachend.
„Wie meinen Sie das, Madame?“, fragte Melanie irritiert und sah verständnislos zu den anderen.
„Na, dass Ihr Zukünftiger das Stehvermögen eines Hengstes besitzen muss, um Sie glücklich zu machen!“, antwortete Madame von Semur und brüllte los vor Lachen. Monika stimmte in das Gelächter ein. Die anderen Anwesenden sahen etwas verlegen drein. Nur Melanie blieb die Bedeutung dieser Aussage schleierhaft.
„Mama, wie ist das gemeint?“, flüsterte sie ihrer Mutter zu, die wiederum mit ihrer Hand eine wegwerfende Geste machte.
„Madame, ich pflege bei meinen Töchtern einen anständigen Erziehungsstil. Weshalb ich Sie bitte, derartige Bemerkungen in ihrer Gegenwart zu unterlassen“, bat Madame von Bouget höflich, aber bestimmt.
Die Gastgeberin und ihre Tochter verstummten. Sie schauten überrascht, jedoch nicht weiter verärgert über diese Zurechtweisung.
„Meine Lieben“, sagte Johanna zu ihren drei Töchtern, „wollt ihr eurem Vater nicht Gesellschaft leisten?“
Die jungen Damen erhoben sich von ihren Plätzen und schlenderten in Richtung des Gartens. Sebastian überreichte Melanie einen Behälter mit getrockneten Maden und gemeinsam fütterten sie die Koi-Fische.
Als Madame von Semur sicher war, dass die jungen Leute außer Hörweite waren, stellte sie eine Frage an die Baronin von Bouget. „Sie haben Ihre Töchter über den geschlechtlichen Akt nicht aufgeklärt?“
„Jane und Veronika schon, weil sie in die Gesellschaft eingeführt wurden. Aber bei Melanie warten wir noch zwei Jahre. Es ist besser, wenn sie davon nichts weiß, bevor sie auf dumme Gedanken kommt. Sie ist ein temperamentvolles Mädchen und ist Experimenten gegenüber nicht abgeneigt“, erklärte Madame von Bouget.
„An Ihrer Stelle würde ich es mir noch mal ernsthaft überlegen. Nächstes Wochenende ist der Ball im Palast des Kaisers, zu dem Ihre Familie ebenfalls eingeladen ist. Und es mag sein, dass Jane und Veronika wunderschön sind und den Männern mühelos den Kopf verdrehen, aber es ist Ihre jüngste Tochter, die aus der Menge heraussticht. Die Kavaliere werden Schlange stehen, um sie kennenzulernen, weil Melanie der Champion ist – und somit eine Trophäe. Jeder Mann wird gewillt sein, sich mit ihr zu schmücken. Sie sollten sie deshalb vorwarnen, bevor sich die hungrige Meute auf sie stürzt“, versuchte die alte Dame die Baronin von Bouget zu überzeugen.
„Melanie hat noch nicht vor zu heiraten, deswegen wird sie potenzielle Kandidaten abweisen“, stellte die Mutter klar und schaute dabei entschlossen.
„Wie Sie meinen. Es ist Ihre Tochter“, kapitulierte Madame von Semur. Sie hoffte dennoch, dass sie sich irrte und Melanie den kommenden Ball im kaiserlichen Palast ohne Schaden überstehen würde.
Kapitel 9 Das Duell
12. Mai 1875
Johanna von Bouget wollte nach dem gescheiterten Debütantinnenball einen Erfolg für ihre ältesten Töchter erringen und baute deswegen enormen Druck auf sie auf. Melanie war ebenfalls davon betroffen. Die drei jungen Frauen übten von früh bis spät alle Tänze, die auf Bällen üblicherweise getanzt wurden. Eigneten sich die aktuellen Knigge-Regeln an. Und übten sich selbstverständlich in vornehmer Zurückhaltung, um stets würdevoll aufzutreten. Für Melanie war das alles eine Qual. Sie hatte sich darüber gefreut, dass sie dem ganzen Theater erst in zwei Jahren ausgesetzt sein würde, aber das war endgültig Geschichte. Mit ihrem spektakulären Sieg beim kaiserlichen Pferderennen hatte sie sich selbst ungewollterweise in die Gesellschaft eingeführt. Sie musste nun mit auf alle kommenden Bälle und Partys. Denn sie war für ihre Mutter der Erfolgsschlüssel, der die Türen zu den Adelshäusern öffnete. Melanie hatte es endgültig satt. Seit zwei Tagen redete ihre Mutter ununterbrochen von dem Ball. Johanna kannte kein anderes Thema mehr. Sie war wie besessen von dem Gedanken, in der ersten Liga der Gesellschaft angekommen zu sein und sich vor der ganzen Welt beweisen zu müssen.
Melanie hielt es nicht mehr länger aus. Sie hatte das Gefühl zu ersticken. Sie überredete ihren Bruder, einen Reitausflug an den See zu unternehmen. Jakob willigte ein und schlug vor, ihre Säbel mitzunehmen, damit sie dort ungestört fechten konnten. Melanie war von der Idee sofort angetan. Sie sattelten die Pferde und ritten davon.
„Himmlisch!“, dachte sie sich. Endlich wieder Freiheit genießen. Die Enge des privilegierten Lebens raubte ihr den Verstand. Sie wollte dem ganzen Trubel am liebsten entfliehen, aber das Pflichtgefühl gegenüber ihrer Familie machte es unmöglich.
Es war ein herrlicher Frühlingstag. Ein paar Wolken zogen am Himmel vorbei und es wehte ein angenehm warmer Wind. Es roch nach frischem Gras und Lavendel. Der See lag unberührt und still vor ihnen. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich auf der welligen Wasseroberfläche und wurden als Millionen kleiner Diamanten reflektiert. Auf der anderen Seite des Sees erhob sich ein grüner Hügel und eine große Eiche thronte darauf. Direkt unter dem majestätischen Baum hielten sich drei Fremde auf. Zwei von ihnen waren offenbar in ein Fechtduell verwickelt und man hörte das Klirren ihrer Schwerter. Ein weiterer Mann stand daneben und schaute dem Kampf zu. Melanie und Jakob bemerkten die Unbekannten sofort. Offenbar waren sie nicht die Einzigen mit der Idee, am See zu fechten. Die beiden Geschwister stellten sich einander gegenüber und zogen ihre Säbel. Sie lächelten verschmitzt und freuten sich auf das Gefecht. Ihr Vater hatte ihnen viele nützliche Tricks beigebracht, um ihre Gegner zu schlagen. Aber letzten Endes kam es auf die Situation an.
„Fechten ist wie rasantes Schachspielen“, hatte ihr Vater ihnen erklärt. Intuition, Taktik und Ausdauer waren von entscheidender Bedeutung.
Während Melanie und Jakob fleißig übten, wurden sie von dem stillstehenden Mann oben auf dem Hügel bemerkt. Er drehte sich zum See um und beobachtete die Neuankömmlinge. Der junge Herzog erkannte die beiden Geschwister wieder, denn er hatte sie und den Baron von Bouget vor zwei Wochen genau hier schon einmal gesehen. Er lächelte verträumt und seine Augen ruhten auf Melanie. Er verfolgte ihre geschmeidigen Bewegungen ganz genau. An dem heutigen Tag war der Herzog mit Absicht wieder hierhergekommen. Er hatte gehofft, sie wiederzusehen. Zur gleichen Zeit kämpften hinter ihm seine besten Freunde. Das Fechtduell war nur Spaß, trotzdem wollte keiner von den beiden Männern nachgeben. Nach zehn Minuten hatten die Zwei jedoch genug und einigten sich auf eine Pause. Sie schnauften schwer und tupften sich mit ihren mitgebrachten Handtüchern den Schweiß von der Stirn.
„Wo starrst du eigentlich die ganze Zeit hin, Vincent?“, fragte einer der Männer verwundert. Er stellte sich neben ihn und erblickte nun ebenfalls die Gestalten unten am See.
„Kennst du die Herrschaften?“, hakte er nach.
„Nicht direkt, Henri“, antwortete Vincent leise und ließ seinen Blick weiterhin auf Melanie ruhen.
„Warte mal: Ist das nicht die rothaarige Lady, die das kaiserliche Pferderennen gewonnen hat?“, fragte Henri verblüfft.
Der dritte Mann, der soeben mit Henri gekämpft hatte, wurde sofort hellhörig und stellte sich ebenfalls dazu. Er schaute zu Melanie und Jakob, sah sich die junge Frau genau an und erkannte sie wieder. Seit letzten Sonntag, als er sie auf dem Siegerpodest zum ersten Mal erblickt hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf.
„Ganz genau die ist es. Kommt, lasst uns sie begrüßen“, forderte Vincent seine Kameraden auf.
Sie marschierten auf die zwei Kämpfer zu und blieben einige Meter vor ihnen stehen. Jakob und Melanie bemerkten die drei Fremden und hielten mit dem Fechten inne.
„Einen wunderschönen guten Tag, Mademoiselle von Bouget“, begrüßte Vincent die junge Frau.
„Sie kennen meinen Namen?“, fragte Melanie verblüfft.
„Die ganze Stadt kennt Ihren Namen. Der Kaiser höchstpersönlich hat ihn in die Welt hinausgerufen“, erklärte der Herzog. „Und wer ist der junge Mann neben Ihnen?“
„Mein Bruder, Jakob von Bouget. Darf ich fragen, wie Sie heißen?“ Melanie wollte wissen, mit wem sie es hier zu tun hatte.
„Ich bin Vincent von Guise. Zu meiner Linken Henri von Ailly und rechts neben mir Richard von Crussol“, antwortete er und zeigte mit der Hand auf seine Freunde.
Melanie und Jakob warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Sie standen dem berüchtigten Trio gegenüber, vor dem die Baronin von Semur sie gewarnt hatte. Melanie betrachtete die drei Männer und verstand augenblicklich, was Jane und Veronika gemeint hatten. Henri von Ailly und Richard von Crussol waren die bestaussehendsten Kerle, die Melanie je gesehen hatte. Aber auch ihr Freund Vincent war ein sehr ansehnlicher Mann. Er hatte kurze, blonde Haare und freundlich dreinblickende, blaue Augen. Von den drei Herren war er der größte und dem ersten Anschein nach der Anführer des Dreiergespanns.
„Es freut uns, Sie kennenzulernen“, entgegnete Melanie höflich.
„Die Freude ist ganz unsererseits. Denn wir stehen dem Champion gegenüber. Und nun sehe ich, dass Sie auch noch fechten können. Wer hat Ihnen das Kämpfen beigebracht, Mademoiselle?“, fragte Vincent und lächelte.
„Mein Vater. Er ist ein Fechtmeister“, verkündete Melanie selbstbewusst.
„Alle Achtung. Das ist wirklich beeindruckend. Alle Frauen sollten fechten, das tut ihrer Figur ganz gut. Außerdem schärft es den Verstand und wirkt sich positiv auf den Geist aus“, schmeichelte Vincent seiner Gesprächspartnerin.
„Dieser Meinung bin ich auch, Monsieur von Guise. Glücklicherweise werden Frauen im Fechtsport seit über hundert Jahren anerkannt und geschätzt“, ergänzte Melanie. Sie erwiderte Vincents warmes Lächeln und er war ihr auf Anhieb sympathisch. Was man von seinem Freund Richard von Crussol nicht sagen konnte. Während ihrer Unterhaltung verdrehte er immer wieder die Augen und machte einen genervten Gesichtsausdruck. Melanie wurde sein Verhalten langsam zu bunt und sie richtete ihr Wort direkt an ihn. „Sind Sie nicht der gleichen Ansicht, Monsieur von Crussol?“
„Nein, absolut nicht“, bestätigte Richard.
„Erklären Sie mir, warum?“ Melanie war verwundert.
„Weil Frauen keine Gedanken an Pferderennen und Fechten verschwenden, sondern sich stattdessen den für sie vorgesehenen Tätigkeiten widmen sollten“, antwortete Richard scharf.
„Und diese Aufgaben wären?“ Langsam wurde Melanie ungehalten.
„Dass ich es Ihnen erklären muss! Fein. Da wären zum Beispiel das Stricken oder Sticken, Kochen, die Kindererziehung, Gartengestaltung, Haushalt und so weiter. Ich hoffe, Sie haben schon mal etwas davon gehört. Auf jeden Fall sind Frauen an der Seite ihres Gatten besser aufgehoben als auf der Rennbahn“, antwortete Richard entschieden.
„Interessant, wie gut Sie sich mit den Aufgaben der Frauen auskennen, Monsieur. Besonders bei den Tätigkeiten, die eigentlich das Personal erledigt. Interessieren Sie sich etwa fürs Stricken?“, fragte Melanie.
Richard schaute sie mit großen Augen an. Wurde sie ihm gegenüber tatsächlich frech?
„Was ich damit meine, ist, dass Frauen körperlich zu schwach sind, um sich den Strapazen eines Pferderennens oder eines Fechtduells auszusetzen“, wagte Richard einen weiteren Erklärungsversuch.
„Ich glaube nicht, dass mein Geschlecht das Schwache ist. Und außerdem glaube ich nicht, dass mein Körper Ihre Sache ist!“, antwortete Melanie wütend. Sie hatte genug gehört. Was bildete sich dieser Kerl ein? Sie war der Champion und er wollte ihr erzählen, wo ihr Platz als Frau wäre!
Richard trat näher an sie heran und sagte: „Es hat den Anschein, man hätte Ihnen nicht beigebracht, sich in Gegenwart eines Mannes zu benehmen.“
„Oh, ich sehe viele Männer und doch so wenig Eier“, entgegnete Melanie und schaute ihm herausfordernd in die Augen.
Ihr Bruder Jakob grinste bei der Bemerkung und blickte kampfeslustig zu Henri. Falls es gleich zu einem offenen Kampf kommen würde, dann würde Jakob sich ihn vornehmen.
Richard war fassungslos, dass sie es wagte, so mit ihm zu reden. Er wollte etwas erwidern, besann sich aber schließlich, drehte sich um und stolzierte davon. Für solchen Kinderkram hatte er definitiv keine Zeit.
„Wo wollen Sie denn hin? Holen Sie jetzt ihr Strickzeug raus und zaubern für sich selbst ein paar kuschlige Socken?“, rief Melanie ihm provozierend hinterher.
Richard streckte seine Hände gen Himmel und ballte sie zu Fäusten. In Ordnung – sie wollte es offensichtlich nicht anders. Er drehte sich schnell wieder um und während er auf sie zuging, schrie er: „Ich wollte Sie behandeln wie eine echte Dame. Aber Sie sind keine Lady, sondern ein verzogenes und vorlautes Gör!“
„Vielen Dank für das Kompliment“, konterte Melanie.
Er blieb direkt vor ihr stehen und funkelte sie böse an.
„Es wird Zeit, dass Ihnen jemand eine Lektion erteilt!“, schleuderte Richard ihr entgegen und zog seinen Säbel.
„Und Sie haben das Zeug dazu?“, fragte Melanie unbeeindruckt.
„Allerdings. Und Sie werden es nicht vergessen“, versprach er.
„Oh, Monsieur von Crussol, ob es unvergesslich bleibt oder nicht, entscheide am Ende immer noch ich“, entgegnete Melanie, zog ebenfalls ihren Säbel und ging in Kampfposition.
Richard schaute sie überrascht an und lächelte dann. Die junge Frau war ziemlich schlagfertig und eigenartigerweise gefiel es ihm. Also gut. Er nahm die Herausforderung an. Oder hatte er sie soeben herausgefordert? Das war mittlerweile unwichtig, denn beide Kontrahenten verteidigten ihre Ehre.
„Ähm, Richard, was tust du da?“, fragte Vincent irritiert. Er hatte die verbale Auseinandersetzung zwischen seinem besten Freund und der Mademoiselle von Bouget sprachlos mitangesehen, und war über die hitzige Dynamik erstaunt.
„Halte dich da raus, Vincent!“, ermahnte Richard ihn.
Vincent schritt auf Jakob zu und erkundigte sich bei ihm: „Monsieur von Bouget, wollen Sie Ihre Schwester nicht davon abhalten, ein Fechtduell mit einem Herrn zu bestreiten?“
„Nein, Monsieur von Guise. Das wäre reinste Zeitverschwendung. In manchen Dingen ist meine Schwester sehr entschlossen“, antwortete Jakob selbstbewusst. Abgesehen davon freute er sich darauf zu sehen, wie Melanie diesem reichen Schnösel gleich sein unverschämtes Mundwerk stopfte. Zu seinem Bedauern blieb der Graf von Ailly ausgesprochen gelassen.
Vincent schaute hilfesuchend zu Henri hinüber, der lediglich mit den Schultern zuckte.
„Lass die beiden. Da haben sich wohl zwei gefunden“, entgegnete Henri mit einem Grinsen und war schon gespannt, wie der Kampf ausgehen würde.
Melanie hielt ihren Säbel in der rechten Hand, während sie die linke auf ihre Hüfte legte. Sie wartete darauf, dass ihr Gegner den ersten Schritt machte, und fokussierte sich auf den Kampf.
Richard hingegen stand selbstsicher und breitbeinig da. Seinen Säbel in der rechten Hand und locker auf der Schulter liegend, betrachtete er Melanie von oben bis unten. Er schätzte sie auf sechzehn oder siebzehn Jahre. Seiner Meinung nach war sie recht hübsch mit ihren honigfarbenen Locken, die ihr bis zu den Schulterblättern reichten. Sie hatte katzenhafte, olivgrüne Augen und einen sinnlichen, roten Schmollmund. Sie war überaus athletisch und temperamentvoll und trotzdem wirkte sie puppenhaft und unschuldig. Wäre Richard ihr an einem anderen Ort begegnet, zum Beispiel auf einem Ball oder in einem Park, dann hätte er sie mit Sicherheit angesprochen. Zu seinem Bedauern konnte er jetzt nicht mehr den charmanten Kavalier spielen. Er beschloss, sie beim Kampf nicht so hart ranzunehmen; vielleicht hätte er dann später noch eine Chance bei ihr. Richard ging nun ebenfalls in Kampfposition und holte zum ersten Schlag aus. Zu seiner Verwunderung parierte Melanie äußerst geschickt. Er wagte einige stärkere Hiebe, denen sie mühelos auswich. Er musste zugeben, dass sie Ahnung vom Fechten hatte. Melanie hingegen wurde schnell klar, dass ihr Gegner sie unterschätzte. Richards Hiebe waren überaus lahm. Sie entschied, dem Duell mehr Würze zu verleihen. Sie ging in den Angriff über und versetzte ihm einige Hiebe, wirbelte herum und schnitt ihn an der linken Schulter. Richard taumelte erschrocken zurück und besah sich den Treffer. Es handelte sich nur um einen Kratzer, aber er machte Richard fassungslos. Seine Gegnerin hatte ihn zum Bluten gebracht und dafür würde sie jetzt büßen. Dieses Mal attackierte er sie, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie eine junge und überaus anziehende Frau war.
Melanie hielt seinem Angriff stand, aber es kostete sie eine Menge Kraft. Der Kampf gewann an Tempo und Brutalität. Richard ging immer wieder auf sie los. Doch Sie wich ihm wie eine Wildkatze aus und zeigte ihre Krallen.
„Sollen wir nicht doch lieber dazwischengehen?“, fragte Henri seinen Freund Vincent besorgt. Allmählich hatte er Angst um die junge Dame.
„Normalerweise würde ich dir zustimmen, aber ich bin doch nicht lebensmüde“, entgegnete Vincent und schaute weiterhin gespannt dem rasanten Fechtduell zu.
Richard und Melanie waren mittlerweile beide außer Atem. Lange hielten sie es nicht mehr durch. Doch der Schmach, aufzugeben, wollte sich keiner von den beiden aussetzen. Richard ging aufs Ganze, verringerte beim Kämpfen den Abstand, um ihr weniger Freiraum zum Ausweichen zu lassen, und verteilte erbarmungslos weitere Schläge mit seinem Säbel. Melanie musste sich schleunigst aus dieser Zwickmühle befreien. Sie wirbelte herum und traf ihren Gegner an der Brust.
Wie benommen starrte Richard sein blutiges Hemd an und wurde rasend vor Zorn. Er krempelte die Ärmel hoch und stellte sich wieder in Kampfposition. Melanie war mit ihrer Energie fast am Ende. Sie kniete sich auf ein Bein und verschnaufte kurz. Richard machte ihr mit einer Handbewegung deutlich, dass sie ihn angreifen sollte.
Melanie spürte etwas Warmes ihren linken Arm hinuntertropfen und schaute nach unten. Ein tiefer Schnitt verlief entlang ihres Unterarms bis zum Handgelenk. Ihr Kontrahent hatte sie offenbar ebenfalls erwischt.
„Verfluchter Mist!“, schimpfte Melanie leise. Sie musste etwas unternehmen, sonst würde sie gleich verlieren. Sie stand auf. Nahm ihren Säbel vors Gesicht. Hob ihren verletzten Arm hoch und ließ ihn langsam von oben nach unten das Schwert hinuntergleiten. Richard bemerkte ihre stark blutende Verletzung und bekam Mitleid, aber er dachte nicht ans Aufgeben. Melanie rannte auf ihn zu. Und in dem Moment, in dem er davon ausging, dass sie ihn gleich mit dem Säbel angreifen würde, rutschte sie stattdessen auf den Boden und traf ihn mit voller Wucht mit den Füßen an den Beinen. Er schrie auf vor Schmerzen und fiel auf den Rücken. Noch bevor er sich wieder aufrappeln konnte, schwang sich Melanie auf ihn und hielt ihn mit ihrem Gewicht auf dem Boden fest. Die Spitze ihres Säbels lag direkt an seinem Hals und er konnte sich aus dieser Position nicht mehr befreien.
„Lassen Sie Ihr Schwert fallen!“, herrschte Melanie ihn an.
„Niemals!“, weigerte Richard sich.
Sie packte den Kragen seines Hemdes und zog ihn näher an ihr Gesicht. „Loslassen, habe ich gesagt“, fauchte sie.
Richard witterte den verführerischen Duft ihrer Haare. Grundgütiger! Roch sie gut! Er schaute ihr tief in die Augen und dann auf ihre roten Lippen, die ihn magisch anzogen. Melanie wartete auf seine Reaktion, bis sie bemerkte, dass er ihrem Gesicht näherkam. Es genügte, sie hatte keine Lust mehr zu warten. Mit einem kräftigen Ruck stieß sie seinen Oberkörper zurück auf die Erde. Richard stöhnte auf, als er auf dem Boden aufschlug, und grinste. Melanie erhob sich auf die Beine, nahm seinen Säbel an sich und marschierte davon.
„Komm Jakob, lass uns gehen“, sagte sie zu ihrem Bruder, der besorgt ihre Wunde am Arm betrachtete.
Sie gingen ohne ein weiteres Wort zu ihren Pferden und ritten davon. Vincent und Henri sahen den beiden Geschwistern hinterher, bis sie hinter dem kleinen Wäldchen verschwunden waren.
„Wow, das war echt unerwartet“, bemerkte Henri anerkennend.
„Ja, diese Frau hat Feuer. Also, ich bin verliebt“, gab Vincent offen zu.
Die beiden Freunde näherten sich langsam Richard, der weiterhin auf dem Rasen lag. Er hatte alle viere von sich gestreckt und atmete schwer.
„Junge, sie hat dich ja komplett flachgelegt!“, resümierte Henri belustigt.
Richard machte daraufhin die Augen auf und sprang auf die Beine.
„Allerdings. Schau dich mal an: die Haare völlig zerzaust, die Kleidung zerfetzt. Du bist vollkommen außer Atem. Als hätte sie dich die ganze Nacht durchgeritten, du geiler Hengst“, sagte Vincent und zupfte an Richards blutigem Hemd.
„Haha, sehr witzig. Sie hat geschummelt, falls es euch entgangen ist!“, antwortete der Verlierer genervt.
„Ja, das hat sie. Und gewonnen!“, sagte Vincent laut.
Richard schaute ihn böse an.
„Dennoch, hättest du nicht etwas zärtlicher zu ihr sein können? Die Ärmste hat geblutet.“ Henri machte ein vorwurfsvolles Gesicht. Er und Vincent mussten sich ordentlich zusammenreißen, um nicht in schallendes Gelächter zu verfallen.
„Könnt ihr beide vielleicht die Klappe halten?“ Richard war sichtlich verärgert. Es kratzte an seinem Ego, dass er von einer Frau besiegt worden war, vor allem von Melanie von Bouget. Denn eigentlich hatte er vorgehabt, ihr eine Lektion zu erteilen – und nicht umgekehrt. Wie er diese eingebildete Zicke in diesem Augenblick hasste! Er stapfte wütend zurück zu seinem Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und ritt im leichten Galopp davon. Seine Freunde folgten ihm lachend.
Henri und Vincent machten sich den Rest des Tages über Richard lustig und betitelten ihn als Versager. Sie brachten ihm Tee und weichten Kekse darin auf, wie es sich für einen alten, zahnlosen Mann wie ihn gehörte, der einem jungen Hüpfer nicht mehr zeigen konnte, wo es langging. Richard hatte genug von diesen Späßen. Für ihn stand es fest: Sobald er Melanie von Bouget das nächste Mal begegnete, würde er ihr seine unfaire Niederlage heimzahlen.
Kapitel 10 Der Streit
12. Mai 1875
Jakob schaute in den langen Flur, der von der Haupttreppe zu den Schlafzimmern führte. Es war niemand zu sehen. Er gab seiner Schwester ein Handzeichen, dass sie ihm folgen solle. Kurz zuvor waren die beiden durch den Hintereingang nach Hause gekommen und schlichen jetzt in Jakobs Zimmer. Melanie hatte es geschafft, die Blutung zu stillen, indem sie einen Lederriemen fest um ihren linken Oberarm geschnürt hatte. Der Schmerz war unerträglich, aber dafür hinterließ sie keine Blutspuren mehr. Die zwei schlüpften schnell ins Schlafzimmer und Melanie legte sich auf den Boden. Sie fühlte sich völlig schlapp. Ihr wurde schon fast schwindelig. Jakob holte währenddessen den Verbandskasten und etwas zu trinken. Wenig später kam er wieder und überreichte Melanie ein volles Glas Wasser, das sie in einem Zug leerte. Jakob sah sich ihre Wunde genauer an. Der Schnitt war glücklicherweise nur oberflächlich. Es handelte sich nicht um eine tiefe Fleischwunde. Wenn er den Arm ordentlich mit einem Kompressionsverband versorgte, dann würde sich die Wunde von allein schließen und man müsste sie nicht nähen. Höchstwahrscheinlich würde trotzdem später eine Narbe davon zurückbleiben.
„So ein verdammter Mist!“, fluchte Melanie und biss die Zähne zusammen. „Wieso hat mich dieser Vollidiot nur provoziert?“
„Dem Angeber hast du es ordentlich gezeigt“, sagte ihr Bruder grinsend, während er die Wunde versorgte.
„Jakob? Bist du wieder da? Hast du Melanie gesehen?“, rief Veronika durch die Tür, öffnete sie und sah das Schreckensszenario: Ihre kleine Schwester lag mit blutüberströmter Kleidung auf dem Boden. Melanie sah blass aus und Jakob war gerade dabei, einen Verband an ihrem Unterarm anzulegen.
„O mein Gott! Was ist passiert?!“, schrie Veronika entsetzt. „Jane, komm sofort her!“
„Nein, bitte nicht Jane“, flehte Melanie in ihren Gedanken. Ihre älteste Schwester würde mit Sicherheit gleich ausflippen. Jane kam schnell angelaufen und starrte auf den Boden.
„Jakob, erzähl mir auf der Stelle, was passiert ist!“, fuhr sie ihn an und half ihm mit dem Verband.
„Melanie und ich waren Fechten“, erklärte er kurz.
„Willst du mir etwa sagen, dass du für ihre Verletzung verantwortlich bist?“ Sie sah ihn ernst an und tadelte weiter. „Ist dir klar, dass in drei Tagen der Ball im kaiserlichen Palast ist und deine Schwester dort Ehrengast sein wird? Glaubst du wirklich, dass ein dicker Verband am Arm genau das richtige Accessoire für ihr Ballkleid sein wird?!“
„Jane, bitte lass Jakob in Ruhe. Er ist es nicht gewesen“, mischte Melanie sich ein.
„Wer war es dann?“, fragte Jane erneut und legte ihr die Hand auf die Stirn. Ihre jüngste Schwester hatte kaum Farbe im Gesicht.
Melanie überlegte schnell, ob sie die Wahrheit sagen sollte, aber es half nichts zu lügen. Früher oder später würde ihre Familie es ohnehin erfahren. „Es war Richard von Crussol“, gestand sie.
Jane hielt sofort inne und starrte Melanie an. „Wie bitte?“, fragte sie entsetzt.
„Es stimmt. Jakob und ich waren am See fechten, aber dann kamen Vincent von Guise, Richard von Crussol und Henri von Ailly zu uns. Monsieur von Crussol hat mich provoziert und zum Duell herausgefordert. Und während des Kampfes ist es dann zu der Verletzung gekommen“, berichtete Melanie wahrheitsgemäß.
„Warum hattet ihr eine Auseinandersetzung?“, fragte Jane langsam.
„Weil er ein verdammter Chauvinist ist. Alles, was er mir gesagt hat, triefte nur so vor Frauenfeindlichkeit. Er wollte mir doch tatsächlich erklären, ich sei körperlich zu schwach für Pferderennsport und Fechten“, berichtete Melanie und setzte sich aufrecht hin.
„Tja, aber nun weiß dieser Richard es besser, denn du hast ihm ordentlich den Hintern versohlt“, ergänzte Jakob und klopfte leicht auf ihre Schulter. Seine Schwester erwiderte sein hämisches Grinsen.
Jane stand langsam auf und legte sich eine Hand auf den Mund. Sie ging einige Schritte im Zimmer auf und ab, bis sie dann beschwörend sagte: „Melanie, weißt du eigentlich, was du da getan hast?“
Melanie überlegte kurz. Was meinte ihre Schwester damit? Doch Jane wartete ihre Antwort nicht ab und fuhr wütend fort. „Du hast dich vor den drei einflussreichsten Herren des Hochadels wie eine Furie aufgeführt. Ist dir klar, welches Licht du damit auf unsere Familie geworfen hast?“
„Mich wie eine Furie aufgeführt? Hätte ich deiner Meinung nach nichts unternehmen und diesem Schwachkopf Recht geben sollen?“, fragte Melanie fassungslos.
„Ja! Von mir aus hättest du ohne ein Wort gehen sollen, aber auf gar keinen Fall ein Duell bestreiten!“ Jane wurde lauter.
„Wieso verteidigst du ihn überhaupt? Ach, stimmt ja, du stehst ja auf diesen Kerl!“, warf Melanie ihr vor.
Angelockt von dem lauten Geschrei kam die Mutter in Jakobs Zimmer und sog scharf die Luft ein.
„Um Himmels willen, Melanie! Wie siehst du aus? Was ist hier vorgefallen?“ Madame von Bouget schaute abwechselnd ihre Kinder an.
„Melanie hat sich mit dem Herzog von Crussol duelliert und sich dabei wie eine Verrückte benommen! Sie will unsere gesamte Familie blamieren!“, platzte es aus Jane heraus.
„Wie bitte? Melanie, sag mir, dass das nicht wahr ist!“ Die Mutter schüttelte ungläubig den Kopf.
„Was soll dieses Gerede von Entehrung?“, regte Melanie sich stattdessen auf. „Ich habe dem Herzog von Crussol lediglich eine Lektion erteilt.“
„Das darf doch alles nicht wahr sein! Die ganze Zeit geben wir uns Mühe, um in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Du, Melanie, gewinnst sogar das kaiserliche Pferderennen und ergatterst damit eine Eintrittskarte zum Ball im Kaiserpalast. Und nun reißt du alles wieder nieder, indem du dich mit dem Herzog von Crussol duellierst?“, rief die Mutter fassungslos. „Sieh dich doch mal an! Als kämst du geradewegs von einer Schlacht! Und dabei musst du am Samstag makellos aussehen! Außerdem: Wie sollen deine Schwestern einen guten Ehemann finden, wenn du die potenziellen Kandidaten bis aufs Blut bekämpfst? Glaubst du, das erhöht ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt? Hast du nur einen Moment daran gedacht, wie es für uns weitergehen soll?“
Melanie stand schweigend da und überlegte. Das Gefühl des schlechten Gewissens überkam sie.
„Wenn du unbedingt deinen gerade erst erkämpften guten Ruf zerstören willst, bitte, dann tu das, aber ziehe die anderen da nicht mit rein“, beendete die Mutter ihre Predigt und lief wutentbrannt aus dem Zimmer hinaus. Jane folgte ihr wortlos. Veronika war dabei, den Raum ebenfalls zu verlassen. Sie blieb in der Tür stehen und sagte: „Melanie, du hast dieses Mal großen Mist gebaut.“
Jakob und Melanie blieben allein im Zimmer. Keiner von ihnen sagte auch nur ein Wort. Nachdem ihr Bruder mit dem Verband fertig war, bedankte Melanie sich bei ihm und ging langsam in ihr Zimmer. Mehr als die Wunde an ihrem Arm quälte sie der Gedanke, dass ihre Schwestern und ihre Mutter recht hatten. Sie legte sich auf ihr Bett und schaute zur Decke. Wie sehr sie Richard von Crussol in diesem Augenblick verabscheute. Es war alles seine Schuld.
Kapitel 11 Das Kleid
13. Mai 1875
Die letzten Tage vor dem Ball waren die reinste Qual. Melanie wurde sowohl von ihrer Mutter als auch von Jane völlig ignoriert. Veronika wechselte kaum ein Wort mit ihr und Jakob war ständig beschäftigt und hatte keine Zeit für sie. Der Baron von Bouget erfuhr durch seinen Sohn von dem Vorfall am See und sparte sich seine Wutrede, nachdem seine Ehefrau bereits alles gesagt hatte. Abgesehen von der Ignoranz ihrer Familie hatte Melanie am ganzen Körper einen gewaltigen Muskelkater und die Verletzung am Arm schmerzte bei jeder Bewegung. Und zu allem Übel hatte sie immer noch kein Kleid für den Ball. Ihre Mutter und die beiden älteren Schwestern hatten vor zwei Tagen ihre maßgeschneiderten Abendkleider aus der Stadt abgeholt und kümmerten sich nicht um Melanies Belange. Sie beschloss daher, selbst in die Innenstadt zu reiten und sich ein Kleid auszusuchen. Sie besorgte sich bei der Zofe ihrer Mutter die genaue Adresse des Kleiderladens Sior und machte sich auf den Weg. Es war das erste Mal für Melanie, dass sie in der prachtvollen Hauptstadt flanierte, die eines Kaisers wahrlich würdig war. All die großen Häuser, die dicht an dicht standen und jeweils in einer anderen Farbe bestrichen waren. An jedem öffentlichen Platz entdeckte Melanie eine majestätische Bronzestatue eines Generals oder eines berühmten Königs. Die Stadtbewohner trugen allesamt teure Kleider und sogar ihre Hunde waren von tadellosem Benehmen. Sie liefen brav neben ihren Besitzern her und waren ganz still; nicht wie die unverbesserlichen Köter vom Lande, die Melanie ständig nur angebellt hatten. Nach einer Weile kam sie endlich an ihrem Ziel an: dem Kleiderladen Sior. Normalerweise gehörte Kleider kaufen nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, aber dieser Laden gefiel ihr auf Anhieb. Er war recht groß und erstreckte sich über drei Etagen. Im Erdgeschoss gab es hauptsächlich Bekleidung für den Alltag, im ersten Stock war die Abendgarderobe zu finden und im Dachgeschoss die Hochzeitsmode. Melanie stieg die Treppe rauf in den ersten Stock und schaute sich zuerst die Kleider für Debütantinnen an. Leider entsprach keines der Kleidungsstücke ihrem Geschmack. Zu viele Rüschen oder Schleifen. Und vor allem die Farben Weiß, Rosa und Silber gefielen ihr so gar nicht. Sie schlenderte weiter durch den Laden und seufzte vor sich hin. Es hatte langsam den Anschein, dass sie hier nicht fündig werden würde, doch dann sah sie es: ihr Traumkleid. Es hing auf einer Schaufensterpuppe und ließ alle anderen Kleidungsstücke verblassen. Melanie trat näher und bewunderte es mit großen Augen. Das Kleid war figurbetont, schulterfrei, besaß einen Trompetenumriss unten und einen Herzausschnitt oben. Es war dunkelblau wie die Nacht mit Schichten Tüll darüber, an dem kleine, glitzernde Kristalle funkelten wie die Sterne am Himmel. Melanie war sich absolut sicher. Sie würde dieses Kleid auf dem Ball tragen und kein anderes. Sie bat eine Verkäuferin, es von der Schaufensterpuppe zu nehmen, doch die Dame zögerte zunächst.
„Dieses Kleid tragen für gewöhnlich reife und verheiratete Frauen, Mademoiselle. Sie sagten doch, dass Sie ein Outfit für Ihren ersten Ball suchen. Deshalb rate ich Ihnen, ein Kleid in helleren Farben auszusuchen, die die Reinheit symbolisieren“, erklärte die Frau.
„Nein. Mein Entschluss steht fest. Bitte nehmen Sie das Kleid ab und bringen Sie es zur Anprobe“, antwortete Melanie und marschierte los. Sie besorgte sich zusätzlich lange, schwarze Handschuhe aus Seide, die ihre Unterarme komplett bedeckten. Nachdem sie das Kleid anprobiert hatte und mit ihrer Wahl absolut zufrieden war, bezahlte sie ihre Einkäufe vom Preisgeld, das sie beim Pferderennen gewonnen hatte, und begab sich glücklich auf den Heimweg.
Am Abend des großen Balls bat Melanie eine Zofe, ihr beim Styling behilflich zu sein. Die junge Frau hieß Jessika Petit und sie war äußerst geschickt im Frisieren und Schminken. Jessika zauberte Melanie eine elegante Hochsteckfrisur und trug ihr ein dunkles Augen-Make-up auf. Zum Schluss zog Melanie das Kleid an und betrachtete sich im Spiegel. Sie war selbst erstaunt über das Ergebnis, denn sie wirkte jetzt um mindestens fünf Jahre älter. Das Ballkleid stand ihr ausgezeichnet. Es betonte ungemein gut ihre schlanke Taille und umschmeichelte ihren Po. Der Herzausschnitt verlieh ihrem Dekolleté optisch mehr Volumen. Dank der langen Handschuhe war die Verletzung am Arm komplett verdeckt. Zu ihrem Outfit zog Melanie schwarze, hochhackige Schuhe an und wählte schlichte Ohrringe aus jeweils fünf Karat großen Diamanten.
Kurz vor der Abreise versammelte sich die Familie im Foyer. Melanie war die Letzte, die dazu kam. Sie ging langsam die Haupttreppe hinunter und strahlte Erhabenheit aus. Ihre Geschwister sahen sie zunächst sprachlos an.
„Melanie, du siehst so anders aus“, bemerkte Jakob.
„Ja, als wärst du über Nacht erwachsen geworden“, sagte Veronika verblüfft.
Jane näherte sich ihrer jüngsten Schwester und betrachtete sie von oben bis unten.
„Ich wollte euch etwas mitteilen: Es tut mir leid, was passiert ist. Ich habe jetzt Zeit gehabt, um in Ruhe darüber nachzudenken. Ich werde mein Temperament in Zukunft mehr zügeln und an meinem Benehmen arbeiten. Denn ich möchte unserer Familie Ehre bringen und vor allem, dass ihr, Jane und Veronika, gute Ehemänner findet. Deswegen hier mein Versprechen an euch: Ich werde mich heute Abend absolut manierlich verhalten, mir alle Mühe beim Tanzen geben und dieses charmante Lächeln auf meinen Lippen wird wie einbetoniert sein“, gab Melanie ihr Wort.
„Entschuldigung angenommen“, sagte Jakob mit einem breiten Grinsen.
Veronika umarmte ihre jüngere Schwester und lächelte.
Zum Schluss kam Jane. Sie sah ihr fest in die Augen und sagte: „Du hältst dich heute Abend vom Herzog von Crussol fern. Ist das klar?“
„Glasklar“, antwortete Melanie sicher. Denn nichts läge ihr ferner, als die Nähe von diesem Scheusal zu suchen.
Kapitel 12 Der Günstling
15. Mai 1875
Der kaiserliche Palast war atemberaubend. Vier kolossale Atlasse standen wie riesige Säulen und trugen auf ihren Schultern die tonnenschwere Decke über dem Haupteingang. Der Boden im Inneren des Palasts war hochglanzpoliert und spiegelte das Licht der Kerzen und Lampen wider. Die Türen und Fenster waren allesamt vergoldet. Und die hohen Decken waren mit herausragenden Freskos bemalt. Melanie bestaunte die Meisterwerke und erkannte die Darstellungen der Götter des Olymps. Vermutlich war sie jetzt genau da angekommen: im Himmel. Ein erhabener Duft lag in der Luft, weich und süßlich. Er verwöhnte die Sinne und Melanie musste beim Einatmen unwillkürlich lächeln. Nie zuvor hatte sie so viel Luxus gesehen. Der Anblick all der Schönheit war überwältigend. Auf dem Ball waren nur Mitglieder des Hochadels eingeladen und dementsprechend war die Stimmung. Auch einige hochrangige Politiker und Juristen waren zu Gast. Als die Familie von Bouget den großen Ballsaal betrat, verschlug es Melanie den Atem. Die Wände waren aus weißem Marmor und zum Teil verspiegelt, wodurch der riesige Raum optisch noch gewaltiger wirkte. Von der Mitte der hohen Decke hing ein gigantischer Kronleuchter mit echten Smaragden, die so groß waren wie Mandarinen. Links von der Tanzfläche führte eine breite Treppe mit rotem Teppich nach oben auf eine weitere Ebene. Dort saß der Kaiser mit seiner Familie und überblickte das Geschehen. Melanie blieb stehen und betrachtete die Herrlichkeit des Ballsaals. Die anderen Familienmitglieder waren schon weitergegangen und somit stand sie allein da und staunte.
„Mademoiselle von Bouget?“
Melanie drehte ihren Kopf zur linken Seite, von der die Stimme gekommen war. Sie erkannte das Gesicht des Zeremonienmeisters vom Pferderennen wieder.
„Der Kaiser wünscht, mit Euch zu sprechen. Bitte folgt mir“, forderte der gut genährte Mann sie auf und ging voraus.
Melanie war im ersten Moment überrascht, gehorchte aber sofort. Sie kamen an der großen Treppe an und der Zeremonienmeister signalisierte mit einer höflichen Handbewegung, dass Melanie ab hier allein weitergehen solle. Sie bedankte sich bei ihm und nickte leicht mit dem Kopf. Während sie die Treppe hochging, kamen ihr Richard von Crussol und Vincent von Guise in eleganten, schwarzen Fracks entgegen. Sie waren in ein Gespräch vertieft und bemerkten die hübsche junge Dame im nachtblauen Kleid zunächst nicht. Doch kurz, bevor Melanie sie rechts passierte, drehten sie ihre Köpfe nach ihr um. Die beiden Kavaliere schauten ihr mit offenen Mündern hinterher und verfolgten sie mit ihren Blicken, bis sie oben angelangt war und weiter geradeaus schritt.
„Ist das nicht Melanie von Bouget? Unsere Siegerin?“, fragte Vincent grinsend und stupste seinen Kameraden leicht in die Seite.
„Ja, das ist sie“, presste Richard zwischen den Zähnen hervor und verengte seine Augen. Sie war also hier. Umso besser. Dann bot sich ihm heute die Gelegenheit für eine Revanche. Er sah, wie sie vor den Kaiser trat, und aufrecht wie eine Heldin dastand. Sie drehte anmutig ihren Kopf und schaute über die Schulter zu Richard. Ihre Blicke trafen sich und sie sahen sich einige Sekunden lang direkt in die Augen.
„Ah, der Champion! Es freut mich außerordentlich, Sie wiederzusehen, Mademoiselle von Bouget“, sagte Kaiser Alexander und ging auf sie zu. „Darf ich anmerken, dass Sie heute Abend hinreißend aussehen?“
„Guten Abend, Eure Kaiserliche Majestät. Vielen lieben Dank für das großzügige Kompliment“, bedankte sich Melanie mit einem tiefen Knicks.
„Soso, das ist die berühmte Melanie von Bouget“, sagte eine Frauenstimme. Kaiserin Anastasia saß auf ihrem Thron und musterte den Champion wie ein Stück Fleisch.
„Eure Kaiserliche Majestät“, begrüßte Melanie die Herrscherin und knickste erneut.
„Kommen Sie näher, ich will Sie mir genauer ansehen“, befahl die Monarchin.
Melanie schritt anmutig zum Thron und stand lächelnd davor.
„Ich muss gestehen, ich habe Sie mir anders vorgestellt. Adretter und größer“, kommentierte die Kaiserin abwertend.
„Nun, für den Eröffnungstanz wird es reichen“, sagte der Kaiser amüsiert.
„Eröffnungstanz?“, fragte Melanie irritiert.
„Ich habe mir leider den rechten Fuß verstaucht und deshalb werden Sie den Tanzabend zusammen mit meinem Gemahl eröffnen“, erklärte die Kaiserin und verzog das Gesicht, als würde sie an etwas Stinkendem riechen.
Melanie schaute ungläubig. Sie sollte gleich zu Beginn mit dem Kaiser persönlich tanzen? Das hätte sie sich niemals träumen lassen. Sie wurde leicht nervös. Würde sie diesen großen Auftritt ohne Fehler überstehen? Sie durfte sich heute keine Entgleisungen leisten, das hatte sie ihrer Familie versprochen.
„Darf ich bitten?“, fragte Alexander und hielt Melanie seine rechte Hand entgegen.
„Komm schon, du schaffst das“, dachte sie.
Melanie legte vorsichtig ihre Hand auf seine und gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter auf die Tanzfläche. Alle Augenpaare waren auf den Kaiser und seine junge Begleiterin gerichtet. Melanie erkannte aus dem Augenwinkel, wie einige Damen mit vorgehaltenem Fächer tuschelten und erstaunt die Köpfe schüttelten. Sie schmunzelte und ließ sich vom Gerede der Leute nicht verunsichern. Das Orchester begann zu spielen und der Kaiser und Melanie tanzten einen langsamen Walzer. Zur gleichen Zeit stand das berüchtigte Trio am Rande der Tanzfläche. Ihnen war die Tanzpartnerin des Monarchen ebenfalls nicht entgangen.
„Mademoiselle von Bouget ist offenbar nicht nur im Pferdereiten die Beste. Nein, sie schafft es sogar im Spitzentempo an die Seite des Kaisers. Alle Achtung“, kommentierte Henri von Ailly und nippte an seinem Weinglas.
„Wundert dich das? Wäre ich der Kaiser, dann hätte ich sie mir auch sofort geschnappt“, entgegnete Vincent von Guise mit einem verschmitzten Lächeln.
Richard hingegen sagte nichts. Sein Blick ruhte auf Melanie und er verfolgte jede ihrer Gesten. Sie bewegte sich geschmeidig wie ein Puma und ließ sich von Kaiser Alexander über das Parkett führen. Und diese Wahnsinnsfigur! Wie gerne würde er jetzt mit dem Regenten die Plätze tauschen. Plötzlich hatte Richard eine Idee. Er lächelte listig und leckte sich die Lippen.
Währenddessen hatte Melanie die Möglichkeit, ihren Tanzpartner in Ruhe anzuschauen. Alexander war ein recht großer Mann. Seine hellblonden Haare trug er kurz. Seine faszinierend tiefblauen Augen strahlten sie an. Und über seinen gleichmäßigen Lippen wuchs ihm ein Schnauzbart. Der Kaiser betrachtete Melanies Gesicht und sagte: „Mademoiselle von Bouget, Sie sind ein wahres Phänomen. Mit Ihrem spektakulären Sieg sind Sie hier eingeschlagen wie ein gleißender Blitz! Und es ist allgemein bekannt: je heller der Blitz, desto lauter der Donner. Und ich hoffe inständig, Sie sind bereit für den Donner, den Sie verursacht haben.“
Melanie schaute den Kaiser einige Sekunden lang an. Was genau meinte er damit? Sie traute sich nicht, nachzufragen, und antwortete stattdessen: „Ich werde mich dem Donner mutig entgegenstellen.“
Der Kaiser lachte kurz auf. „Das ist genau die richtige Einstellung. Behalten Sie das bei. Nehmen Sie die abweisende Art meiner Frau bitte nicht zu persönlich. Wissen Sie, die Kaiserin unternahm vor einigen Tagen den Versuch, sich auf einen normalen Reitsattel zu setzen. Sie wollte nämlich genau wie Sie reiten, Mademoiselle von Bouget. Das Experiment ging gleich am Anfang schief und endete mit einer Fußverletzung.“
„Verstehe“, entgegnete Melanie. „Und keineswegs nehme ich der Kaiserin etwas übel, Eure Kaiserliche Majestät. Ich betrachte es eher als großes Lob.“
„Verraten Sie mir bitte Ihr Erfolgsgeheimnis? Wie haben Sie es geschafft, das Rennen zu gewinnen?“, fragte der Kaiser höchst interessiert.
„Dieselbe Frage habe ich mir ebenfalls gestellt, Eure Kaiserliche Majestät. Mittlerweile denke ich, dass es vor allem daran lag, dass mein Pferd Nero gewinnen wollte, und dass es durchtrainiert und unfassbar schnell ist. Unmittelbar vor dem Rennen war mir aufgefallen, dass sich einige andere teilnehmenden Pferde ängstlich auf der Rennbahn verhielten. Eines von ihnen war sogar panisch. Es war übrigens das gleiche Pferd, das später während des Rennens schwer stürzte und zu meinem Bedauern kurz darauf erschossen wurde. Nero blieb von Anfang an konzentriert und gelassen, vermutlich weil er die Strapazen eines echten Profirennens bis dahin nicht kannte. Ich habe beschlossen, an keinem weiteren Rennen teilzunehmen, um Nero dem Risiko und dem Stress nicht erneut auszusetzen. Denn er ist mein bester Freund und bedeutet mir eine ganze Menge“, erklärte Melanie.
Der Kaiser hatte ihr aufmerksam zugehört und schenkte ihr daraufhin ein anerkennendes Lächeln.
„Nun, egal was Sie jetzt auch vorhaben, ich habe soeben beschlossen, Sie zu unterstützen. Sie sollen die Vorteile des Günstlings des Kaisers genießen. Ein Jammer, dass mein Sohn mit seinen neun Jahren zu jung ist, um Ihre Bekanntschaft zu machen. Und ich bin definitiv zu alt.“
„Das verstehe ich nicht, Eure Kaiserliche Majestät. Wir beide kennen uns doch bereits?“ Melanie war irritiert.
„Ich meine eine weitaus intimere Bekanntschaft“, ergänzte Kaiser Alexander schon fast im Flüsterton. Melanie schaute weiterhin verwirrt.
„Du meine Güte. Sie wissen gar nicht, was ich damit meine. So gänzlich unverdorben. Das macht Sie noch reizvoller“, sagte der Kaiser und lächelte sanft. „Bitte seien Sie heute Abend zu den anderen Kavalieren nicht allzu offen. Die jungen Herren sollen sich ordentlich anstrengen, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen.“
„Ich versichere Euch, Eure Kaiserliche Majestät, dass ich nicht leicht zu beeindrucken bin“, erklärte Melanie selbstsicher. Alexander lachte und bedauerte, dass der Eröffnungstanz nun zu Ende war. Er verabschiedete sich von ihr mit einem Handkuss, drehte sich um und verließ sie. Die Musik ertönte wieder und die Tanzfläche wurde prompt von anderen Paaren gefüllt. Melanie suchte in der Menge nach ihrer Familie und fand sie unweit stehend. Sie eilte zu ihr. Ihre Eltern umarmten sie und waren sichtlich stolz darauf, dass ihre Tochter soeben mit dem Kaiser persönlich getanzt hatte, vor allem ihre Mutter. Wenig später kamen die ersten Kandidaten und baten Jane und Veronika um den nächsten Tanz. Die beiden Schwestern tanzten ohne Unterbrechung und weckten das Interesse vieler junger Herren. Melanie hingegen willigte nur gelegentlich in einen Tanz mit einem gutaussehenden Kavalier ein. Dabei verwickelte sie die wohlhabenden Männer in ein Gespräch, um sie besser kennenzulernen. Irritierenderweise beschrieb jeder von ihnen ausführlich seine edle Herkunft und sein jährliches Einkommen, obwohl Melanie sie überhaupt nicht danach fragte. Stattdessen versuchte sie, die Konversation in eine andere Richtung zu lenken und sprach Themen wie Politik und Wirtschaft an. Sie interessierte sich für deren berufliche Ambitionen und welche Ziele sie im Leben verfolgten. Doch jedes Mal hielten die Herren sich bei ihrer Antwort recht kurz und erzählten lieber ausführlich davon, was sie von ihrer zukünftigen Frau alles erwarteten.
Nach einiger Zeit standen Jane und Melanie etwas abseits der Tanzfläche und erfrischten sich mit einer Limonade.
„Ich verstehe das nicht, Jane. Warum wollen diese Männer eine Frau haben, die sich nur im Haus auskennt, aber ansonsten dumm wie Stroh ist?“, fragte Melanie genervt. „Ich konnte mich mit keinem von ihnen über Weltpolitik unterhalten. Stattdessen musste ich mir ihre Vorlieben bei den Speisen anhören. Und sie fragten mich nach meinen Vorstellungen bei der Gartengestaltung. Warum sollten mich irgendwelche Petunien mehr interessieren als die Konflikte anderer Länder? Was soll das Ganze?“
„Weil sie eine Ehefrau suchen und keinen Geschäftspartner oder einen Sportsfreund“, erklärte Jane grinsend.
„Ach ja, Sport! Das darf man als verheiratete Frau ebenfalls vergessen. Keiner von diesen Burschen wollte, dass ich dem Pferdesport weiterhin nachgehe, obwohl ich dadurch erst überhaupt berühmt geworden bin. Was darf ich bitte schön stattdessen tun?“ Melanie klang entnervt.
„Dein Heim schön gestalten und auf die Kinder aufpassen“, antwortete Jane geduldig.
„Sieht so das Leben einer feinen Dame aus? Zuhause sitzen wie ein Hund und auf ihr Herrchen warten, ohne jegliche Leidenschaften?“, hakte Melanie nach.
„Ein paar Freizeitaktivitäten sind erlaubt, wie zum Beispiel das Klavierspielen oder die Malerei“, erklärte Jane.
Melanie seufzte. Sie musste sich schleunigst etwas einfallen lassen, um nicht als zahmes Schoßhündchen in einem Schloss zu enden. Vielleicht sollte sie Pferdezüchterin werden und ihr eigenes Geld verdienen? In ihrem Blickfeld erschien plötzlich der Herzog von Guise und riss sie aus ihren Gedanken.
„Darf ich Sie um den nächsten Tanz bitten, Mademoiselle von Bouget?“, fragte er und hielt Melanie seine Hand entgegen. Die Angesprochene war sichtlich überrumpelt, willigte aber ein. Gemeinsam betraten sie die Tanzfläche und stellten sich einander gegenüber. Unterdessen bemerkte Jane Richard von Crussol unweit stehen. Er ließ seinen besten Freund und dessen Tanzpartnerin nicht aus den Augen. Jane ging langsam auf Richard zu in der Hoffnung, dass er sie ebenfalls zum Tanzen auffordern würde. Aber er würdigte sie keines Blickes, drehte sich um und entfernte sich wieder.
Nachdem Melanie und Vincent eine kurze Weile schweigend zusammen getanzt hatten, begann der Herzog eine Unterhaltung. „Genießen Sie den heutigen Abend?“
„Er ist äußerst aufschlussreich“, antwortete Melanie.
„Das klingt so gar nicht nach Freude“, bemerkte er. „Hätten Sie Lust auf eine richtige Feier? Ich gebe heute eine private Party in meinem Schloss und würde mich über Ihr Kommen überaus freuen. Ich versichere Ihnen, dass Sie sich dort mehr amüsieren werden als hier.“
„Ich bin verwundert darüber, dass Sie mich einladen, Monsieur von Guise. Nach unserer ersten Begegnung ging ich davon aus, dass Sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen“, gestand Melanie.
Der Herzog lachte kurz und erwiderte: „Keineswegs. Ich finde Sie unglaublich erfrischend. Bitte nehmen Sie es meinem Freund Monsieur von Crussol nicht übel, dass er so grob zu Ihnen war. Er wird sich damit abfinden müssen, dass es immer mehr selbstbewusste junge Frauen gibt, die sich ihm widersetzen. Kann ich demnach mit Ihrem Erscheinen rechnen?“
Melanie überlegte kurz. Das sanfte Lächeln des Herzogs von Guise und seine aufgeschlossene Art gefielen ihr. Trotzdem war es besser, wenn sie nicht gleich an ihrem ersten Tanzabend über die Stränge schlug.
„Vielen Dank für die Einladung, aber ich lehne ab. Eine Soirée pro Tag reicht mir“, antwortete sie.
„Bedauerlich. Vielleicht erweisen Sie mir beim nächsten Mal die Ehre?“ Vincent gab nicht auf.
„Beim nächsten Mal“, versprach Melanie mit einem Lächeln.
Der Tanz endete und Vincent verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Wie gern hätte er Melanie heute Abend bei sich zu Hause umgarnt, ihr dabei ins Ohr geflüstert und sie zärtlich berührt. Leider musste er sich in Geduld üben, aber er wusste, dass das Warten sich am Ende lohnen würde. Melanie entfernte sich von ihm und suchte schnell nach einem Ort, an dem sie ungestört sein konnte. Sie schritt den langen Flur entlang und fand ein menschenleeres Nebenzimmer, in dem das Feuer im Kamin loderte, und schlich hinein. Sie ging zum Ledersofa, das direkt vor dem Kamin stand, und zog ihren linken Handschuh aus. Sie sah ihren blutverschmierten Verband. Melanie machte ein gequältes Gesicht und nahm ihre kleine Handtasche. Sie holte neues Verbandzeug heraus, entfernte vorsichtig den alten Verband und begutachtete die Wunde. Sie verheilte nur langsam. Hinzu kam, dass sie ihre Hand beim Tanzen ständig hochhalten musste, und das war auf Dauer ungeheuer anstrengend. Melanie schaute sich um und entdeckte auf einem kleinen Tisch neben dem Sofa eine Flasche Macallan Whisky. Daneben standen vier Gläser. Sie nahm eines davon und füllte es zur Hälfte mit dem alkoholischen Getränk auf. Dann setzte sie sich aufs Sofa, legte ihren linken Arm ausgestreckt auf die lange Rückenlehne, um ihn etwas auszuruhen, und trank einen ordentlichen Schluck aus dem Glas. Der Whisky schmeckte vollmundig und war überaus stark. Melanie genoss den Augenblick der Ruhe und schaute ins Feuer. Sie bemerkte gar nicht, dass sich jemand von hinten an sie heranschlich. Erst als sie ihren Kopf wieder zu ihrem Arm drehte, entdeckte sie die Person, die nun unmittelbar hinter ihr stand, und erschrak. Es war Richard. Er hatte sie den ganzen Abend lang beobachtet und war ihr in das Nebenzimmer gefolgt. Melanie spannte ihre Muskeln an und starrte ihn herausfordernd an. Was hatte er vor? Er besah sich ihre offen gelegte Wunde und fragte: „Wie geht es Ihrem Arm?“
„Ist am Verheilen. Wie geht es Ihrer Brust?“, konterte Melanie.
„Ist am Verheilen“, antwortete Richard. Er nahm sich ebenfalls ein Glas und füllte es mit Whisky auf. Dann setzte er sich ans andere Ende des Sofas und trank einen ordentlichen Schluck.
Melanie ließ ihn nicht aus den Augen. Er führte aller Wahrscheinlichkeit nach etwas im Schilde. Sie musste auf der Hut bleiben. Eine Weile saßen sie schweigend da, nippten immer wieder an ihren Gläsern und sahen einander misstrauisch an. Das Knistern des Holzes war zu hören und das warme Licht des Feuers schmeichelte Melanies zarter Haut. Richard lächelte leicht. Endlich war der Augenblick gekommen, in dem er zuschlagen konnte.
Völlig unerwartet kam Veronika in das Zimmer gelaufen und rief: „Ah, da bist du ja, Melanie! Ich habe dich schon überall gesucht.“
Sie blieb erschrocken stehen, als sie Richards Anwesenheit bemerkte.
„Was macht ihr hier ganz allein?“, fragte sie alarmiert.
„Ähm, Whisky trinken“, antwortete Melanie wahrheitsgemäß. Und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich eine Zeit lang ganz allein mit Richard in einem Raum aufgehalten hatte. Was wäre geschehen, wenn jemand anderes als ihre Schwester sie hier entdeckt hätte? War Richards Absicht, sie in Verruf zu bringen?
„Whisky?“, wiederholte Veronika ungläubig. Dann machte sie eine wegwerfende Bewegung mit ihrer Hand und kam näher. Sie kniete sich neben Melanie hin und sagte: „Hör zu, du musst mir einen Gefallen tun. Der Graf von Ailly hat mich gefragt, ob ich mit ihm auf die Feier des Herzogs von Guise mitkommen möchte. Und ich habe ja gesagt. Papa lässt mich aber nur gehen, wenn ich jemanden als Begleitperson mitnehme und deswegen frage ich dich.“
„Wieso fragst du nicht Jane? Ihr seid doch hier auf Männersuche, nicht ich“, entgegnete Melanie verwundert.
„Sie hat keine Lust. Außerdem ist Jane der Meinung, dass es auf der Feier des Herzogs etwas ungesittet zugehen könnte“, antwortete Veronika und verdrehte die Augen.
„Da hat sie vermutlich recht. Deswegen solltest du deine jüngere Schwester nicht dazu überreden mitzukommen“, sagte Melanie.
Veronika schaute verärgert und versuchte es erneut. „Du schuldest mir noch einen Gefallen nach der Sache mit du-weißt-schon-wem.“ Sie warf Richard einen kurzen Blick zu und guckte dann auffordernd ihre Schwester an. Melanie stöhnte leise. Sie überlegte einige Sekunden lang und nickte kapitulierend.
„Und wie sieht es aus?“, fragte Henri, der soeben ebenfalls ins Zimmer getreten war.
„Großartig, meine Schwester kommt mit uns“, verkündete Veronika hocherfreut.
„Ausgezeichnet! Dann lasst uns aufbrechen. Bis gleich, Richard“, sagte Henri und war gerade dabei, mit den beiden jungen Damen den Raum zu verlassen.
„Wie bitte? Sie sind ebenfalls auf dieser Feier?“, fragte Melanie erschrocken und drehte sich abrupt zum Herzog von Crussol um.
Der Angesprochene erhob sich von seinem Platz, kam langsam auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
„Der Herzog von Guise ist mein bester Freund. Es wäre unhöflich von mir, auf seiner Feier nicht zu erscheinen, nicht wahr?“, antwortete er und schritt zur Tür hinaus.
Na, wunderbar! Noch vor wenigen Sekunden hatte Melanie sich gefreut, diesen Raum verlassen zu können und den Blicken von diesem Scheusal zu entkommen. Aber jetzt stellte sie bedauerlicherweise fest, dass er noch engere Kreise um sie zog. Warum hatte sie Veronikas Bitte nur nachgegeben? Sich zu weigern, dafür war es zu spät. Melanie musste ab jetzt Haltung bewahren und sich dem Donner mutig entgegenstellen.

