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Blitz und Donner Kapitel 68 - 73

Kapitel 68 Die Auszeichnung

22. November 1876

Die Tage darauf verbrachte Melanie damit, sich wieder zu sammeln. Sie fühlte sich wie ein Bild, das in mehrere kleine Teile zerfetzt worden war. Und auch, wenn sie glaubte, das Bild wäre wieder ganz, war es dennoch nicht mehr das alte Abbild von ihr. Die feinen Risse in ihrer Seele zeugten von der gewaltsamen Erfahrung. Melanie fühlte eine innere Unruhe und es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Sie wusste zwar, dass es wahrscheinlich mit dem Erlebnis im Kaminzimmer zusammenhing, aber sie weigerte sich, es zu akzeptieren. Denn sie ertrug den Gedanken nicht, dass ihre Ehe nicht so glücklich verlief wie erhofft. Das käme nämlich einer Niederlage gleich, weil Melanie zu jener Zeit Richard bevorzugt und George dafür sitzen gelassen hatte. Deswegen bestrich sie das Bild mit mehreren Schichten Lack aus Stolz und Arroganz, damit es stabil blieb, und zeigte sich der Welt ab sofort als selbstbewusste und kühle Herzogin von Crussol.
Eines Morgens während des Frühstücks bekam Melanie eine außergewöhnliche Einladungskarte. Nicht das schlichte, dicke Papier verlieh dem Schriftstück das gewisse Etwas, sondern der Inhalt zusammen mit dem kaiserlichen Siegel darauf. Melanie las die Einladung und übergab sie anschließend ihrem Ehemann, der neben ihr am Frühstückstisch saß.
„Lies dir das bitte durch. Wie es aussieht, möchte mich die Kaiserin ehren“, sagte sie zu ihm.
Richard blickte sie verwundert an, nahm die Einladung und überflog sie.
„Den Orden für besondere Verdienste im karitativen Bereich?“, sprach er laut aus und sah sichtlich verwundert aus.
Katarina von Crussol frühstückte ebenfalls mit am Tisch. Sie hatte ihren Enkelsohn Gabriel auf dem Schoß und fütterte ihn mit Griesbrei und Apfelmus.
„Die Auszeichnung ist bestimmt für dein soziales Engagement durch die Organisation ,Ma Grande Sœur‘“, bemerkte sie voller Begeisterung und blickte zu ihrer Schwiegertochter.
„Davon gehe ich aus, ja“, stimmte Melanie ihr zu – trotzdem hatte sie mit diesem Schritt der Kaiserin nicht gerechnet.
„Hier steht, dass die Verleihung diesen Freitag im Frühlingspalast stattfindet. Das ist in drei Tagen“, sagte Richard.
„Wunderbar. Ich möchte, dass meine gesamte Familie dabei ist, auch die vonseiten meiner Eltern, genauso wie Veronika und Henri. Und vielleicht kann ich sogar Jakob überreden“, sagte Melanie und hoffte inständig, dass ihr Bruder nicht mehr wütend auf sie war, denn sie vermisste ihn ungemein.
Noch am gleichen Tag ritt sie mit Nero aus und besuchte ihre Eltern. Johanna von Bouget freute sich außerordentlich darüber, dass die Herzogin von Crussol zu ihnen kam, und führte sie sogleich in den Salon. Melanie fragte sie nach ihren Geschwistern und ihrem Vater. Ihre Mutter erzählte ihr, dass der Baron für eine Woche auf Dienstreise sei und Jakob ihn dabei begleite. Der jüngste Spross der Familie würde bald achtzehn Jahre alt werden und übernahm immer mehr Pflichten von seinem Vater. Melanie schmunzelte. Ihr kleiner Bruder wurde schneller erwachsen, als ihr lieb war. Jane war ebenfalls nicht zu Hause. Es hieß, sie würde viel Zeit mit Freundinnen auswärts verbringen. Schade, und dabei hatte Melanie vorgehabt, mit ihrer ältesten Schwester endlich in Ruhe zu reden. Die beiden hatten sich in ihrer Beziehung sehr voneinander entfernt und Melanie wollte diesen Umstand so schnell wie möglich ändern. Sie berichtete ihrer Mutter von der Ehrung im Frühlingspalast und bat sie und Jane, ebenfalls dorthin zu kommen. Johanna willigte begeistert ein. Für nichts in der Welt würde sie die Auszeichnung ihrer Tochter verpassen. Ganz besonders nicht, wenn die Kaiserin persönlich ihr den Orden verlieh.
„Und wieder einmal ein großartiger Grund für Mama, bei den feinen Damen anzugeben“, dachte Melanie insgeheim. Wenn es nach ihr ginge, dann sollten sich die ganzen hohen Ladys zum Teufel scheren. Diese wohlhabenden Frauen lebten seit ihrer Geburt in einer reichen Welt und taten nichts außer Lästern. Keine von ihnen wollte sich die weißen Handschuhe schmutzig machen, aber sie taten ihr Bestes, um andere mit ihrem Gerede in den Dreck zu ziehen. Melanie empfand extrem große Verachtung für so viel Falschheit. Nach einem kurzen Gespräch mit ihrer Mutter bei einer Tasse Tee entschied sie sich, wieder zu gehen.

Die Zeit bis zur Verleihung verging schnell und Melanie war überglücklich, ihre engsten Verwandten an ihrem großen Tag dabeizuhaben. Die Ehrengäste standen nebeneinander in einer Reihe und Kaiserin Anastasia verlieh einem nach dem anderen den Verdienstorden. Insgesamt waren es zehn Personen. Als sie schließlich bei der Herzogin von Crussol ankam, sah die Kaiserin ihr lächelnd ins Gesicht und sagte: „Sie haben mich überzeugt, Madame. Diesen Orden haben Sie sich wirklich verdient, denn Ihre Arbeit wird in der Bevölkerung mehrere Generationen prägen.“
„Danke schön, Eure Kaiserliche Majestät“, entgegnete Melanie stolz und ihr Lächeln war ehrlich gemeint.
Die Kaiserin steckte ihr den goldenen Orden an die Brust. Die Auszeichnung besaß die Form eines Sterns, der an einer himmelblauen Schleife hing. In der Mitte des Sterns war ein Adler abgebildet, der einen Apfel in der rechten Kralle hielt.
„Kommen Sie später während der Feier noch einmal zu mir. Es gibt da jemanden, der Sie unbedingt persönlich kennenlernen möchte“, forderte die Kaiserin die Herzogin von Crussol auf.
„Wie Ihr wünscht, Eure Kaiserliche Majestät“, erwiderte Melanie und nickte leicht mit dem Kopf.
Nach der Verleihung begaben sich die Teilnehmer in den großen Ballsaal. Richard und Melanie gingen gemeinsam zu der Kaiserin, die gerade in ein Gespräch mit dem Grafen D'Argies vertieft war.
„Ah, wie schön. Das Herzogspaar von Crussol. Wir sprachen soeben über Sie beide“, sagte Anastasia.
Das Herzogspaar verbeugte sich höflich vor der Regentin und Richard fragte sogleich: „Worüber genau habt Ihr gesprochen, Eure Kaiserliche Majestät?“
„Über die Spenden für die Organisation Ihrer Frau. Gustav D'Argies ist verwundert darüber, wie Sie in so kurzer Zeit so eine beachtliche Summe Geld aufbringen konnten. Er wollte schon andeuten, Sie hätten sich illegaler Mittel bedient“, antwortete die Kaiserin amüsiert. Richard lächelte zurück und verengte gleichzeitig seine Augen, als er den alten Grafen ansah.
„Es ist eigenartig, dass Sie das ansprechen, Monsieur D'Argies. Sie sind doch unser großzügigster Spender. Ihre monatlichen Zuwendungen sind enorm. Ich möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen ganz herzlich dafür bedanken. Ohne Sie wäre die Organisation nicht so schnell ins Leben gerufen worden“, erklärte Melanie und schaute Gustav D'Argies anerkennend an.
„Meine monatlichen Zuwendungen?“, fragte der Graf erstaunt.
„Ja, deine monatlichen Zuwendungen, Gustav. Schon vergessen? Du schickst mir regelmäßig einen Scheck“, erinnerte Richard ihn mit versteinerter Miene.
Der Graf wusste sofort, was der Herzog damit meinte, und spannte sich augenblicklich an.
„Ah, jaja, diese Zuwendungen. Jetzt weiß ich es wieder. Es ist schön, zu hören, dass mein Geld gut angelegt wird“, sagte Gustav schnell und fragte sogleich: „Haben Sie noch mehr Spenden dieser Art?“
„Nein, du bist der Einzige“, antwortete Richard und das seltsame Verhalten des Grafen machte ihn misstrauisch. Seit wann ging der alte Mann offen auf Konfrontation, indem er die Organisation ,Ma Grande Sœur‘ bei der Kaiserin als illegal hinstellte? Gustav war ein Strippenzieher, der im Hintergrund agierte, aber kein Kämpfer, der direkt angriff.
„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen so blass aus“, bemerkte Melanie und fasste den Grafen an seinem rechten Oberarm. Gustav zog ihn augenblicklich mit einem schmerzverzerrten Gesicht von ihr weg und antwortete: „Es ist alles bestens. Ich gehe nur schnell an die frische Luft. Das Alter macht mich langsam gebrechlich. Bitte entschuldigen Sie mich.“
Monsieur D’Argies entfernte sich eilends und steuerte direkt auf den langen Balkon zu. Richard beobachtete ihn. Er sah, wie Gustav den Saal durchquerte und sich dabei ständig am linken Oberarm festhielt.
„Ich gehe ebenfalls kurz an die frische Luft“, sagte er und schritt langsam in die gleiche Richtung.
Im nächsten Moment kam die älteste Tochter der Kaiserin. Sie hieß Viktoria und war ein bildhübsches Mädchen mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren und mit Augen so blau wie das Eis. Nach Melanies Einschätzung war Viktoria vermutlich sechzehn Jahre alt. Und als sie die Prinzessin genauer betrachtete, verschlug es ihr die Sprache. Auf ihrem Kopf trug die junge Dame dasselbe Diadem, dass Melanie einst vom Kaiser geschenkt bekommen und später für den guten Zweck versteigert hatte.
„Madame von Crussol, ich freue mich so unglaublich, Sie endlich kennenzulernen“, sagte die Prinzessin aufgeregt.
„Die Freude ist ganz meinerseits“, antwortete Melanie und lächelte sanft.
„Sie müssen wissen, dass ich Ihre größte Bewunderin bin, und zwar seit dem Augenblick, in dem Sie das kaiserliche Pferderennen gewonnen haben. Ich möchte genauso werden wie Sie: stark, mutig und warmherzig“, schwärmte Viktoria und ihre Augen leuchteten.
„Das ehrt mich wirklich sehr. Danke schön, Eure Kaiserliche Hoheit“, entgegnete die Herzogin. „Darf ich fragen, woher Ihr dieses Diadem habt?“
„Das war ein Geburtstagsgeschenk meiner Mutter. Sie gab es mir mit den Worten ,von einer besonderen Frau für eine besondere Frau‘, und erklärte mir, dass dieses Diadem einst Ihnen gehört hat. Stimmt das, Madame von Crussol?“, fragte die Prinzessin interessiert.
„Ja, es stimmt. Und ich finde, es steht Euch viel besser als mir“, bestätigte Melanie und sah dann zu der Kaiserin.
Anastasia hatte demnach die Tiara damals bei der Auktion heimlich über ihre Hofdame ersteigern lassen und somit indirekt zum Aufbau der Organisation beigetragen. So langsam bekam Melanie ein neues und äußerst positives Bild von der Monarchin. Obwohl die Herzogin von Crussol für eine sehr kurze Zeit die Geliebte des Kaisers gewesen war, hatte die Kaiserin es ihr verziehen, und mehr noch: Anastasia war sogar über ihren Schatten gesprungen, hatte Melanies Projekt gefördert und ihre Bemühungen am Ende mit einem Verdienstorden gewürdigt. Diese Frau besaß eindeutig viel mehr Klasse als ihr Ehemann, der Kaiser.
„Danke schön“, sagte Melanie und die Kaiserin nickte wissend.
Währenddessen stand der Herzog von Crussol an der Tür zum Balkon und betrachtete den Grafen D'Argies, wie dieser sich das Jackett auszog und vorsichtig seinen Oberarm betastete. Es bereitete dem alten Mann große Schmerzen, das erkannte Richard sofort. Aber weswegen? Allmählich hatte er einen Verdacht. Er näherte sich langsam dem Grafen und stellte sicher, dass sie auf dem Balkon allein waren. Als Gustav den jungen Herzog hinter sich bemerkte, schrak er zusammen.
„Richard! Was führt dich zu mir?“, fragte er nervös und wollte sogleich sein Jackett wieder anziehen, aber Richard war schneller. Er zog ruckartig an Gustavs Ärmel, sodass der Stoff entlang der Naht riss und eine frische Narbe zum Vorschein kam. Es handelte sich hundertprozentig um eine tiefe Fleischwunde, die erst vor Kurzem zugenäht worden war. Richard starrte finster auf Gustavs rechten Oberarm und mahlte mit den Zähnen.
„Mir ist ein Missgeschick bei der Jagd passiert, da bin ich mit dem Messer ausgerutscht und habe mich selbst am Arm verletzt“, erklärte der Graf schnell und ging ein paar Schritte von ihm weg.
„Wurde dir das Messer etwa in den Arm gerammt? Abgesehen davon gehst du nicht auf die Jagd. Das hast du noch nie getan“, bemerkte Richard trocken und sah Gustav durchdringend an.
„Nun, seit Kurzem tue ich das, aber du hast recht, ich sollte es besser lassen. Denn ich habe definitiv kein Talent dazu. Lässt du mich bitte vorbei? Ich würde gerne wieder reingehen, es ist recht kalt hier draußen“, sagte Monsieur D'Argies und schlotterte am ganzen Körper.
Richard sah ihm einige Sekunden lang drohend in die Augen, ging dann einen Schritt beiseite und erwiderte darauf: „Natürlich.“
Der alte Mann huschte an ihm vorbei, doch Richard rief ihm schnell nach: „Ach, und Gustav, verlaufe dich nicht wieder in einer dunklen Gasse. Es könnte sein, dass du nicht wieder hinausfindest.“
Der Graf blickte entsetzt zu Richard, drehte sich dann wieder um und brachte sich schnell in Sicherheit. Der Herzog stand noch etwas länger in der Kälte, denn er brauchte Zeit, bis seine Wut verraucht war. Er hatte also den Attentäter gefunden, der ihn hinterrücks hatte töten wollen. Richard würde seinem Feind heute kein Haar krümmen, denn schließlich waren sie auf einer öffentlichen Veranstaltung, aber der Augenblick für die Rache würde schon recht bald kommen. Als Gustav in Windeseile an Melanie vorbeirauschte, schaute sie ihm verwundert hinterher.
„Was ist nur los mit ihm?“, fragte sie sich, dachte aber nicht weiter darüber nach. Denn sie hatte ihren Sohn im Arm und wollte ihn endlich seiner großen Tante vorstellen.
„Hallo, Jane“, begrüßte Melanie ihre Schwester und lächelte herzlich.
„Hallo“, erwiderte Jane und verzog keine Miene.
„Danke schön, dass du gekommen bist. Ich hatte gehofft, dass wir uns unterhalten können“, sagte Melanie. „Wie geht es dir?“
„Recht gut, danke der Nachfrage. Hat Richard mit dir gesprochen?“, fragte Jane neugierig.
„Weswegen?“, entgegnete Melanie verwundert.
„Ach, nur so“, antwortete ihre Schwester und machte eine wegwerfende Geste mit der Hand. „Lass mich lieber meinen kleinen Neffen anschauen. Er ist schon so groß geworden.“
„Gabriel ist jetzt ein halbes Jahr alt und wird langsam immer aufgeweckter“, erklärte Melanie und sah ihren Jungen liebevoll an. Er hatte definitiv das hitzige Temperament seines Vaters geerbt und war ein kleiner Sturkopf.
Jane betrachtete das glückliche Gesicht ihrer jüngsten Schwester und machte eine bissige Bemerkung. „Ich hätte jetzt vermutlich ebenfalls ein kleines Kind, wenn meine Schwestern sich nicht dazu entschlossen hätten, sich in der Öffentlichkeit zu ruinieren und damit auch mein Schicksal zu besiegeln.“
„Wie bitte?“ Melanie schaute sie irritiert an. „Jane, wie meinst du das? Veronika und ich, wir sind doch verheiratet und haben beide Kinder. Welchen Ruin meinst du?“
„Den gesellschaftlichen Ruin“, antwortete Jane vorwurfsvoll. „Weißt du eigentlich, wie man euch beide nennt?“
„Ich kann es mir vorstellen, aber es ist mir offenkundig absolut egal“, antwortete Melanie gelassen.
„Mir aber nicht! Hast du eine einzige Sekunde daran gedacht, was es für mein Leben bedeutet, wenn meine Schwestern als billige Prostituierte bezeichnet werden?“, fragte Jane offen und sah sie finster an.
„Steh einfach drüber und führe dein Leben unbeirrt weiter“, gab Melanie ihr den Ratschlag und ließ sich nicht von ihr provozieren.
„Leicht gesagt, wenn man schon alles besitzt! Ehemann, Schloss, Kind und einen Haufen Geld. Aber wenn man noch unverheiratet ist und langsam älter wird, sind diese Voraussetzungen pures Gift“, schleuderte Jane ihr ins Gesicht. „Kein Mann zeigt ernsthaftes Interesse an mir. Sie wollen nur das Eine, weil sie davon ausgehen, ich sei wie meine Schwestern.“
„Wie sind wir denn deiner Meinung nach?“, frage Melanie und wurde langsam wütend.
„Berechnend. Du und Veronika, ihr seid nur auf euren eigenen Vorteil aus. Es interessiert euch nicht, was aus mir wird“, warf Jane ihr vor.
„Und meinst du nicht, dass diese Beschreibung eher auf dich zutrifft?“, entgegnete Melanie kühl. „Du hast immer von uns verlangt, dass wir dir gehorchen. Aber als Veronika und ich uns entschlossen haben, unseren eigenen Weg zu gehen, hast du uns fallen gelassen. Na und? Dann sind wir halt der Abschaum der feinen Gesellschaft, aber dafür frei in unserem Handeln. Wir müssen uns niemandem beweisen oder der ganzen Welt vorspielen, wir seien brave, junge Frauen, denn das sind wir nicht. Und du übrigens ebenfalls nicht. Also hör auf, hier was vorzuheucheln, Jane“, sagte Melanie selbstsicher.
„Du glaubst tatsächlich, ich wäre wie du und Veronika abgrundtief verdorben?“, fragte Jane ungläubig.
„Nein. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass du die Schlimmste von uns dreien bist!“, schmetterte Melanie ihr entgegen und mit der Freundlichkeit war es endgültig vorbei.
Jane schüttelte langsam ihren Kopf, wandte sich angewidert ab und stolzierte davon. Melanie schaute ihr nach. So hatte sie sich das Gespräch mit ihrer Schwester nicht vorgestellt. Sie hatte gehofft, sich ihr wieder anzunähern; stattdessen hatten die beiden sich noch mehr entzweit. Melanie drehte sich mit gesenktem Kopf um und musste sich traurig eingestehen, dass es nie wieder einen engen Zusammenhalt zwischen den vier Geschwistern von Bouget geben würde.



Kapitel 69 Die Rachsucht
2. Dezember 1876

Der Dezember zeigte sich von seiner schönsten Seite. Der erste Wintermonat hatte vor wenigen Tagen begonnen und es lag ein halber Meter Schnee auf dem Boden. Die Bäume im Kanarienvogel-Park waren von Eiskristallen bedeckt und glitzerten in der Sonne. Der Fluss Laine war bereits zugefroren. Erwachsene und Kinder fuhren auf dem dicken Eis Schlittschuh und lachten vergnügt. Es war an diesem späten Vormittag besonders kalt und man musste die eisige Luft langsam einatmen, damit einem die Lunge nicht brannte. Albert Blauschildt und der Herzog von Crussol hatten sich zu einem Spaziergang verabredet und standen am Flussufer.
„Diese Kulisse erinnert mich an früher, als ich mit meinen eigenen Kindern hier gewesen bin“, sagte Monsieur Blauschildt nachdenklich und ein verträumtes Lächeln schlich sich auf seine dünnen Lippen.
„Sie haben Kinder?“, fragte Richard interessiert.
„Ich hatte welche“, antwortete Albert und wurde wieder ernst. „Sie sind leider vor Jahren gestorben. Zusammen mit meinen Enkelkindern.“
Der junge Herzog weitete seine Augen und ihm fehlten die Worte. Albert drehte seinen Kopf zu ihm und sagte: „Erinnert Ihr Euch an den Anschlag auf Kaiser Alexander vor zehn Jahren?“
Richard nickte stumm.
„An diesem grauenvollen Tag haben sechsundfünfzig Personen ihr Leben gelassen, darunter meine gesamte Familie. Meine Frau, meine Kinder und meine Enkelkinder. Es war ein Zufall, dass ich zum Zeitpunkt der Detonation nicht auf der Zuschauertribüne saß, sondern draußen vor dem Zirkustheater stand und eine Zigarette geraucht habe. Hätte mich meine Nikotinsucht nicht ins Freie gelockt, dann wäre ich heute tot“, berichtete Albert und schaute sehnsüchtig in den Himmel. „Aber eigentlich bin ich damals ebenfalls gestorben. Ich bin ein wandernder Leichnam, dem das Leben nichts mehr wert ist.“ Dann drehte er seinen ganzen Körper zu Richard um und sah ihn eindringlich an. „Es waren nicht die Attentäter, die meine Familie getötet haben“, sagte er mit verbitterter Stimme, „sondern Kaiser Alexander mit seiner Politik. Es war dumm von ihm, den Leibeigenen die Freiheit zu schenken. Er hat sie damit in die Armut verbannt. Ein richtiger Anführer hätte sein Volk nicht einfach sich selbst überlassen, sondern sich um die Notleidenden gekümmert. Wie viele Menschen sind seitdem an Hunger gestorben? Wie viele wurden und werden immer noch auf dem Arbeitsmarkt ausgebeutet? Es geht den Leibeigenen nicht besser als früher. Nein, sie sind zwar frei, aber bitterarm und am Rande der Existenz. Und der Kaiser tut nichts, um das zu ändern. Er und seine Familie leben in ihren Palästen, in ihren Kokons aus Privilegien und wenden ihren Blick von der grausamen Realität ab, die sich jeden Tag in unserem Land abspielt. Eure Frau, Richard, gehört zu den wenigen feinen Damen, die sich auf die unterste Stufe der Gesellschaft gewagt haben, um das Elend mit eigenen Augen zu sehen. Melanie hat etwas Außergewöhnliches bewirkt und die Kaiserin hat es erkannt. Kaiser Alexander kann sich glücklich schätzen, eine Gemahlin wie sie an seiner Seite zu haben. Seitdem Anastasia sich öffentlich zu der Organisation der Herzogin von Crussol bekennt, steigt die Beliebtheit der Kaiserfamilie in der Bevölkerung weiter an. Sie nutzen den Glanz des Sterns für sich, um nicht eines Tages in der Finsternis zu versinken. Ein äußerst cleverer Schachzug der Kaiserin, ganz ohne Zweifel“, beendete Albert Blauschildt seinen Monolog.
„Der Kaiser wird nicht immer von seiner Frau profitieren. Eines Tages macht er einen Fehler und dann schlagen wir zu“, bemerkte Richard.
Monsieur Blauschildt nickte nachdenklich und seufzte: „Ja, irgendwann.“
Eine kurze Weile schauten sie wieder schweigend dem Treiben auf dem Eis zu, bis Richard ein Thema ansprach, das ihn seit geraumer Zeit verfolgte.
„Haben Sie Kontakte zur Unterwelt?“, fragte er sachlich.
„Welche benötigt Ihr?“, stellte Monsieur Blauschildt ihm die Gegenfrage.
„Die zu einem Auftragskiller.“
Albert nickte stumm. „Ich könnte für Euch ein Treffen arrangieren. Ihr müsst wissen, ein echter Profikiller arbeitet äußerst diskret. Ihr bekommt von mir einen Ort genannt, dann erscheint Ihr dort zur vereinbarten Zeit und werdet von dem Auftragskiller angesprochen. Ihr kennt weder seinen Namen noch sein Aussehen, bis Ihr ihm begegnet“, erklärte Monsieur Blauschildt.
„Einverstanden“, stimmte Richard zu.
„Darf ich fragen, wer auf Eurer Abschussliste steht?“, wollte Albert wissen.
Doch Richard schüttelte nur den Kopf und sagte: „Keine Zeugen. Abgesehen davon soll niemand erfahren, dass Sie mein Komplize sind.“
„Ihr lernt schnell“, bemerkte der Bankier und lächelte verschmitzt.

Bereits einen Tag später erhielt der Herzog von Crussol einen versiegelten Brief von Monsieur Blauschildt mit nur einer Zeile:

Heute Abend im Varieté Glückszahl 69 um 22 Uhr.

Richard kannte dieses Lokal, denn er war als Zwanzigjähriger oft da gewesen. Man fand dort Unterhaltung jeglicher Art. Er zog einen dunklen Anzug an und einen schwarzen Wintermantel mit Stehkragen und machte sich mit seiner Kutsche auf den Weg. Das Varieté Glückszahl 69 war bei allen Männern, egal welcher Altersstufen, beliebt, aber besonders amüsierten sich dort junge Erwachsene. Das Theater war in gedämpftes Licht getaucht. Vor der Bühne standen über zwanzig runde Tische, die jeden Abend vollbesetzt waren. Die Gäste tranken viel harten Alkohol, wie beispielsweise Wodka, und lachten vergnügt. Als Richard das Varieté betrat, war es recht voll, deswegen stellte er sich unauffällig an die lange Bar, bestellte sich ein Glas Cognac und sah sich um. Auf der Bühne wurde eine sehr aufreizende Show gezeigt. Acht Burlesque-Tänzerinnen in violetten Röcken bewegten sich lasziv im Kreis. Sie hatten ihre Oberteile bereits ausgezogen und Ihre Brustwarzen waren lediglich von rosafarbenen, glitzernden Blüten bedeckt. Jede der Frauen hielt zwei große Federfächer, die sie für ihre Darbietung präsentierte. Die Zuschauer erfreuten sich an der erotischen Vorstellung und pfiffen oder johlten vor Begeisterung. Nach einer Weile entdeckte Richard an einem runden Tisch Jakob von Bouget. Er feierte zusammen mit zwei weiteren jungen Männern. Den einen von ihnen erkannte Richard wieder: Es war Baron Sebastian von Semur. Den dritten Burschen kannte er nicht. Die jungen Männer hatten jeweils eine weibliche Begleitung dabei. Nach der Garderobe der drei Frauen zu urteilen, handelte es sich um Prostituierte. Richard fühlte sich augenblicklich an seine eigene wilde Jugend erinnert, als er so alt gewesen war wie Jakob, und zusammen mit Henri und Vincent das Nachtleben genossen hatte. Offenbar entwickelte sich soeben ein neues Trio, dass die Frauenwelt unsicher machte. Der Cognac schmeckte gut und Richard bestellte sich sogleich noch ein Glas. Doch dieses Mal bekam er es nicht von dem Barkeeper überreicht, sondern von einer überaus attraktiven Bedienung. Er nahm das Glas von ihr entgegen und nickte zum Dank. Die junge Frau mit schwarzen Locken und gelbem Kleid sah ihn eindringlich an und begann die Unterhaltung. „Ich habe erfahren, Ihr möchtet meine Dienste in Anspruch nehmen?“
Richard grinste und antwortete: „Nein, heute nicht.“
„Gewiss doch. Wir müssen uns nur einig werden“, entgegnete die Fremde mit den schwarzen Augen. Sie legte ihren Kopf schief und umrundete mit einer roten Kirsche ihren Mund.
„Hör mal, gibt es nicht genug Freier für dich heute? Ich sagte doch, dass ich nicht möchte“, wiederholte Richard und schickte sie mit einer Handbewegung fort.
„Ich rede nicht von körperlicher Liebe“, antwortete die Frau ernst, „sondern davon, die Seele eines Menschen zurück zu ihrem Schöpfer zu schicken.“
Richard starrte sie überrascht an. Er betrachtete sie von oben bis unten. Ihr Erscheinungsbild passte absolut gar nicht zu einer Profikillerin.
„Sind Sie die Person, die ich beauftragen möchte, oder nur die Mittelsfrau?“, stellte Richard ihr die Frage.
„Vielleicht beides“, erwiderte die Dame und streichelte mit den Fingern ihren Hals. „Also kommen wir zum Geschäft. Wer ist die Zielperson?“
Richard zögerte. Konnte er dieser Frau wirklich vertrauen oder spionierte sie ihn nur aus? Er sah sie durchdringend an und versuchte, sie einzuschätzen.
„Monsieur, dieses Treffen wurde von den obersten Reihen organisiert. Ihr könnt demnach zuversichtlich sein, dass Euer Anliegen bei mir sicher ist“, erklärte die junge Dame und hatte offensichtlich seine Gedanken richtig gedeutet.
„In Ordnung, kommen wir zum Geschäft. Ihre Zielperson ist Graf Gustav D'Argies“, antwortete Richard.
„Soll er auf eine bestimmte Art und Weise aus dem Leben scheiden oder ist Euch das gleich? Hauptsache, der Auftrag ist erledigt?“, fragte sie weiter.
Richard schaute hinab auf sein volles Glas und sagte: „Gift. Er darf damit nicht rechnen und niemand soll denken, dass jemand dahinterstecke.“
Die zierliche Frau nickte und fuhr fort. „Soll er an einem bestimmten Ort getötet werden oder überlasst Ihr das mir?“
„Das überlasse ich Ihnen, aber bitte gehen Sie dabei sehr diskret vor. Es soll nicht so viel Aufsehen erregen“, forderte Richard.
„Einverstanden. Kommen wir nun zu der Bezahlung: Ich akzeptiere nur Gold. Bei einer so wichtigen Person wie dem Grafen D'Argies verlange ich einen Goldbarren von eintausend Gramm“, nannte die Auftragsmörderin ihren Preis.
Richard nickte zustimmend.
„Wir treffen uns in einer Woche zur gleichen Zeit hier wieder. Bis dahin wird der Auftrag erfüllt sein und Ihr bringt mir meine Belohnung“, sprach die junge Frau und drehte sich zum Gehen um. „Ach, und übrigens: Lebt bis dahin vorsichtig. Wer weiß: Womöglich hat die Zielperson die gleiche Idee wie Ihr.“ Die Profikillerin zwinkerte ihm zu und schwebte davon.
Richard sah ihr überrascht hinterher. Dann stellte er das Cognacglas unberührt zurück auf den Tresen und beschloss, diese Woche nur die Lebensmittel zu essen und zu trinken, bei denen er sicher war, dass sie nicht vergiftet waren. Der Herzog von Crussol verließ daraufhin augenblicklich das Varieté und fuhr zurück nach Hause. Währenddessen schlenderte die Auftragsmörderin durch die Menge und blieb bei einem runden Tisch stehen. Sie beugte sich zu dem jungen Mann mit den dunkelblonden Haaren hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich benötige bis morgen Abend ein schnell wirksames Nervengift, am besten in flüssiger Form. Was verlangst du dafür?“
„Zweihundert Gramm Gold“, antwortete Jakob von Bouget sachlich.
„Einverstanden. Wo treffen wir uns für die Übergabe?“, wollte sie wissen.
„Morgen im Kanarienvogel-Park gegen vierzehn Uhr“, antwortete er.
Die junge Frau richtete sich daraufhin wieder auf und ging unauffällig weiter. Die brünette Prostituierte neben Jakob sah ihn verführerisch an und fragte: „Eine neue Bestellung?“
Doch er erwiderte nichts darauf und ignorierte sie. Seine Geschäfte gingen sie nichts an. Für ihn war sie nur ein Mittel zum Zweck. Er würde sie heute Abend benutzen, für ihre Leistung bezahlen und wieder loswerden. Und sobald er mit der Nutte an seiner Seite heute Nacht Sex haben würde, würde er den Namen der einzigen Frau wispern, die er über alles liebte: Veronika.



Kapitel 70 Die Erbin

4. Dezember 1876

Elisabeth D'Argies war mit ihrem Äußeren nach zwei Stunden Styling endlich zufrieden. Sie stand von ihrem Schminkspiegel auf, schritt grazil aus ihren Gemächern auf den langen Flur hinaus und schwebte wie ein bezaubernder Engel zum Speisesaal: Dort erwarteten sie bereits ihre Mutter und ihr Onkel. Sie begrüßten sich gegenseitig mit Wangenküssen und nahmen am Esstisch Platz.
„Wie geht es dir, meine Liebe?“, fragte Gustav D'Argies seine Nichte.
„Recht gut, Onkel. Ich kann mich nicht beklagen“, antwortete sie selbstzufrieden.
„Und wie steht es mit den Verehrern? Hast du wieder einen neuen Heiratskandidaten?“, fragte er weiter.
„Vorgestern hat mir ein ranghoher Politiker einen Heiratsantrag gemacht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn annehmen soll“, berichtete sie und rümpfte die Nase.
„Was lässt dich zögern?“, wollte er wissen.
„Er ist bereits über vierzig Jahre alt. Etwas zu alt für meinen Geschmack. Abgesehen davon war er schon einmal verheiratet und hat bereits drei Kinder. Nein, ich möchte einen jungen Mann, der attraktiv und reich ist. Und am besten mit einem Adelstitel. Was soll ich mit einem Herrn aus dem normalen Volk?“, entgegnete sie amüsiert.
„Liebling, so langsam wird es aber Zeit, dass du dich entscheidest. Du wirst in einer Woche sechsundzwanzig Jahre alt und mit jedem weiteren Jahr wird es für dich immer schwieriger, eine gute Partie zu finden“, bemerkte Angelique D'Argies und trank ihren Weißwein.
Ihre Tochter schaute sie daraufhin finster an und sagte empört: „Mama, willst du mir damit andeuten, dass ich alt und hässlich werde?“
„So ist es, mein Schatz. Wir Frauen haben eine Altersgrenze, ab der wir für die Männer nicht mehr heiratsfähig sind. Sie beginnt bereits bei fünfundzwanzig Jahren und du bist demnächst ein Jahr drüber. Daher würde ich an deiner Stelle nicht lange zögern und den Heiratsantrag des geschiedenen Politikers annehmen. Du brauchst keinen gutaussehenden, jungen Ehemann. Was du stattdessen brauchst, ist beachtliches Vermögen, damit du bis zum Lebensende abgesichert bist. Das ist alles“, erklärte die Gräfin und verdeutlichte den Dienern mit einer Handbewegung, das Essen zu servieren.
„Niemals!“, sagte Elisabeth laut. „Schon bei dem Gedanken, dass ein alter, schrumpeliger Mann meine Haut berührt, wird mir speiübel. Nein, ich will einen jungen, wohlhabenden Kavalier wie Richard.“
Gustav D'Argies zuckte plötzlich zusammen und ließ seine Gabel klirrend auf den Teller fallen.
„Elisabeth, ich gebe deiner Mutter recht. Verabschiede dich allmählich von der Vorstellung, einen jungen Ehemann zu finden, und begnüge dich mit etwas weniger Glamour“, sagte er schnell.
„Onkel? Du bist auch der Meinung, ich sollte mich mit weniger zufriedengeben?“ Seine Nichte war fassungslos und würdigte die Suppe, die soeben serviert wurde, keines Blickes.
Der Graf und die Gräfin aßen schweigend von ihren Tellern. Elisabeth schaute die beiden mit offenem Mund abwechselnd an und wurde zornig.
„Es reicht, ich will nichts mehr davon hören! Ich werde auf gar keinen Fall einen alten, geschiedenen Mann heiraten, der noch Bälger im Schlepptau hat. Ihr könnt mich nicht dazu zwingen“, sagte sie hochnäsig.
„Doch, das wirst du, sonst werde ich dich enterben“, entgegnete Gustav D'Argies kalt.
„Ich sagte ‚nein‘ und dabei bleibt es!“, sprach Elisabeth laut und erhob sich. Sie wollte gerade wutentbrannt rausstürmen, als Gustav von seinem Stuhl aufstand, den Zeigefinger drohend auf sie richtete und ihr hinterherrief: „Ich werde heute mit meinem Anwalt sprechen und er wird mein Testament umändern. Du bist dann nicht mehr meine alleinige Erbin. Hast du das verstanden?“
Elisabeth schaute hasserfüllt zu ihrem einst geliebten Onkel und verließ den Speisesaal. Sie war soeben durch die Doppeltür hinausgegangen, als sie ein merkwürdiges Geräusch hinter sich hörte. Sie drehte sich um und sah, wie der Graf auf dem Boden zusammenbrach und unkontrolliert zuckte.
„Gustav!“, schrie Angelique D'Argies und eilte zu ihrem Bruder. „Was hast du?“
Im nächsten Augenblick hörte bei ihm das Zucken auf und alle seine Muskeln waren angespannt. Er sah mit einem schmerzverzerrten Gesicht seine Schwester an und bewegte seine Lippen, aber es kam kein Ton heraus.
„Schnell, rufe sofort nach dem Arzt!“, forderte Angelique ihre Tochter auf.
Doch Elisabeth rührte sich nicht von der Stelle und wartete ab, was passierte. Gustav nahm all seine Kraft zusammen, um etwas zu sagen, und seine Schwester kam näher an sein Gesicht.
„Richard“, presste er zwischen den Zähnen hindurch, dann wurden seine Augen leer und sein Körper erschlaffte.
Angelique schrie vor Entsetzen und hielt sich die Hände vor den Mund. Ihre Tochter hingegen stand völlig ruhig hinter ihr und sah die sterblichen Überreste ihres Onkels an. Elisabeth realisierte in diesem Augenblick, dass sie nun die neue Gräfin D'Argies war und die alleinige Erbin. Sie brauchte demnach niemanden mehr zu heiraten, denn sie hatte jetzt das Vermögen ihres Onkels geerbt. Urplötzlich war sie am Ziel und lächelte zufrieden.

Eine halbe Stunde später trugen die Diener ihren einstigen Herrn auf einer Trage aus dem Schloss und legten ihn in einen Leichenwagen. Der Arzt hatte kurz zuvor den Tod von Gustav D'Argies bestätigt und der völlig aufgelösten Angelique erklärt, dass die mögliche Todesursache ein Herzinfarkt gewesen sein könnte. Das hundertprozentige Ergebnis würde aber die Obduktion bringen. Elisabeth nahm den Arzt daraufhin zur Seite und bat ihn, das Resultat der Untersuchung später nur ihr mitzuteilen, um ihre Mutter psychisch zu entlasten. Der Arzt stimmte dem zu und verabschiedete sich.



Kapitel 71 Die Vorahnung

5. Dezember 1876

Die Sonne schien durch die Tüllvorhänge und beschien Richards Gesicht, während er entspannt auf dem Boden lag und seine Augen geschlossen hielt. Er spürte zarte Berührungen auf seinem Oberkörper und roch den lieblichen Duft des Parfüms, das er so gut kannte.
„Bist du glücklich?“, hörte er eine vertraute Stimme.
„Ja, das bin ich“, gab er offen zu und lächelte selig.
„Wie sehr?“, fragte die Stimme erneut und klang heiter.
„So sehr wie noch nie in meinem Leben“, antwortete er und streichelte mit seiner Hand über den schönen Rücken.
„Richard, ich erwarte ein Kind von dir“, offenbarte die sanfte Stimme.
Er öffnete sogleich seine Augen und erblickte Melanie, die über ihm lag und ihren nackten Körper an den seinen schmiegte. Sie lächelte ihn an und er sah überrascht zu ihr.
„Oh.“ Das war alles, was er herausbekam.
Melanie blickte ihn amüsiert an und sagte: „Das ist nicht unbedingt die Reaktion, die ich erwartet habe.“
„Ist das Kind überhaupt von mir?“, wollte er wissen. Seine Frau schnellte sofort hoch und sah ihn mit offenem Mund an.
„Das meinst du doch nicht im Ernst?“, warf sie ihm vor und klang belustigt.
„Na ja, so viel Zeit, wie du mit George verbracht hast, ist die Frage berechtigt. Aua!“, rief Richard und hielt sich an der rechten Brustwarze fest, in die Melanie ihn soeben gekniffen hatte.
„Lass den Quatsch, sonst werde ich sauer“, sagte sie warnend und lächelte.
Richard setzte sich auf und sah sie verschmitzt an.
„Wir bekommen ein zweites Baby“, sprach er und streichelte ihr übers Gesicht. „Hoffentlich wird es dieses Mal ein Mädchen, das seiner wunderschönen Mama ähnlichsieht.“
„Du hast die Kurve gerade so noch bekommen“, entgegnete Melanie mit mürrischem Gesichtsausdruck. „Oder hattest du Angst, dass ich dich als Reaktion in die linke Brustwarze kneife?“
„Ja, genau das ist der Grund“, antwortete Richard und wurde sogleich von ihr am Oberarm leicht geboxt. Er lachte und gab seiner Frau einen Kuss. „Ich freue mich“, sagte er und schaute sie verliebt an.
„Ich mich ebenfalls“, erwiderte Melanie.
Zärtlich streichelten sie sich gegenseitig und waren von Glück erfüllt. Sie verbrachten noch einige Minuten eng beieinander, bis Richard aufstand und seiner Frau hochhalf.
„Lass uns uns fertig machen und dann suchen wir beim Juwelier in der Stadt etwas Teures für dich aus“, schlug er vor und sie war damit einverstanden.
Sie nahmen ein ausgiebiges Schaumbad zu zweit. Richard saß in der Badewanne und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, während Melanie seine Lippen liebkoste. Wie sehr würde er den Sex mit ihr in der nächsten Zeit vermissen. Er hatte sie während der ersten Schwangerschaft nicht angerührt. Das Gleiche würde auch in den nächsten zehn Monaten geschehen und er war überaus traurig darüber. Richard umarmte sie innig und fasste jeden Zentimeter ihres betörenden Körpers an. Melanie genoss seine feurigen Berührungen. Die heißen Nächte mit ihm würden ihr ebenfalls fehlen. Als das Badewasser langsam zu kalt wurde, stiegen die beiden aus dem Wasser aus und zogen sich an. Sie ritten gemeinsam in die Stadt und schlenderten durch die voll belebten Einkaufsstraßen. Melanie lachte vergnügt und Richard warf ihr verliebte Blicke zu. Sie unternahmen gerade einen Schaufensterbummel, als die Baronin von Semur ihnen unerwartet über den Weg lief und das Paar begrüßte.
„Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich Ihnen beiden. Haben Sie schon das Neueste gehört?“, fragte Rosemarie sogleich und wirkte etwas aufgeregt. Das Ehepaar von Crussol sah sie fragend an und die Baronin fügte leise hinzu: „Der Graf D'Argies ist gestern gestorben.“
Melanie nahm ihre Hand vor den Mund und war schockiert. „Wie ist das passiert?“, wollte sie wissen und war über die Nachricht bestürzt.
„Er soll während des Mittagessens bei seiner Schwester zusammengebrochen sein. Angeblich ist er an einem Herzinfarkt gestorben, aber es halten sich hartnäckig die Gerüchte, es sei ein Mord gewesen“, erzählte Madame von Semur mit vorgehaltener Hand.
„Mord?“, fragte Melanie ungläubig. „Aber warum sollte jemand so etwas tun?“
„Meine Liebe, der Graf D'Argies war kein Kind von Traurigkeit. Er hatte sich im Laufe seines Lebens viele Freunde und Feinde gemacht. Vielleicht wurde jetzt eine alte Rechnung beglichen, wer weiß“, antwortete Rosemarie und zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Monsieur D'Argies war immer so überaus freundlich zu mir. Seinen Tod bedaure ich sehr“, sprach Melanie entsetzt. „Hoffentlich wurde er nicht ermordet. Welche hinterhältigen Menschen tun so etwas?“
„Gehen Sie mit den Leuten nicht so hart ins Gericht. Schließlich kannten Sie Gustav nicht so gut wie ich. Glauben Sie mir, der Täter hatte mit Sicherheit einen triftigen Grund. Natürlich sollte man einen Mord niemals befürworten, verstehen Sie mich bitte nicht falsch“, ergänzte die alte Dame und berührte Melanie an der Schulter, die wiederum ungläubig mit dem Kopf schüttelte.
„Nein, so ein Verbrechen ist unverzeihlich. Egal, was der alte Graf auch getan hat, er hat das meiner Meinung nach nicht verdient“, sagte Melanie entschieden und legte sich eine Hand auf die Brust.
„Sie haben vermutlich recht. Bitte verzeihen Sie, ich muss dann weiter. Alles Gute Ihnen beiden und bleiben Sie gesund“, trällerte Madame von Semur und verabschiedete sich schnell.
Während der Herzog und die Herzogin zunächst schweigend nebeneinander weitergingen, schaute Melanie ihren Mann verwirrt an und bemerkte: „Du hast vorhin rein gar nichts gesagt. Ist dir der Tod des Grafen D'Argies gleichgültig? Ihr habt euch doch so lange gekannt. Du warst mit seiner Nichte verlobt und dein Vater ist ein guter Freund von ihm gewesen.“
„Gustav war ein Mensch mit vielen Gesichtern. Um ehrlich zu sein, haben wir uns nicht immer gut verstanden und in letzter Zeit überhaupt nicht“, antwortete Richard kalt.
Melanie erwiderte nichts darauf und sah nachdenklich zu Boden. Natürlich war Richards Verhältnis zum alten Grafen gestört gewesen, nachdem er Elisabeth kurz vor der Hochzeit sitzengelassen hatte. An dem heutigen Tag verloren Melanie und Richard kein weiteres Wort über den plötzlichen Tod von Monsieur D’Argies und die unfassbare Wahrheit blieb verborgen.

Drei Tage später wurde der Körper des alten Grafen D’Argies der Erde übergeben. Viele Adlige waren auf der Trauerfeier erschienen und sogar Kaiserin Anastasia war gekommen und erwies Gustav die letzte Ehre. Katarina von Crussol stand während der Beisetzungszeremonie neben ihrer Schwiegertochter und sah besorgt aus. Sie neigte ihren Kopf näher zu Melanie und flüsterte ihr zu: „Liebes, ich finde, dass es keine gute Idee von dir ist, im schwangeren Zustand zu einer Beerdigung zu gehen. Das bringt Unglück.“
Richard hatte zuvor seiner Mutter von der frohen Nachricht erzählt und Katarina war überglücklich darüber, bald ein weiteres Enkelkind im Arm zu halten. Ihre Schwiegertochter berührte sie zärtlich an der Hand und erwiderte leise: „Das ist nur ein Aberglaube und ich schenke dem keine Beachtung.“
„Ich bete dafür, dass deine törichte Einstellung keine schlimmen Folgen mit sich bringt“, entgegnete die Herzoginmutter und faltete ihre Hände zum Gebet.
Während der Trauerfeier im Schloss der neuen Gräfin D'Argies unterhielt sich Richard soeben mit Henri, als sich die Schlossherrin persönlich zu ihnen gesellte.
„Mein aufrichtiges Beileid, Mademoiselle D’Argies. Das plötzliche Ableben Ihres Onkels hat uns zutiefst geschockt. Gibt es irgendetwas, was wir für Ihre Familie tun können?“, erkundigte sich Henri.
„Vielen Dank, Monsieur von Ailly. Das ist überaus freundlich von Ihnen, aber seien Sie versichert: Es ist bereits alles erledigt“, erwiderte Elisabeth mit einem leichten Lächeln und sah dann zu Richard.
„Manchmal nimmt das Leben sonderbare Wege, nicht wahr? In dem einen Augenblick ist man noch voller Tatendrang und bereits im nächsten liegt man tot auf dem Boden“, sagte sie geheimnisvoll.
„Ja, man kann Vieles nicht vorhersehen“, kommentierte Richard sachlich.
„Und manchmal wartet man nur darauf, dass etwas geschieht, und es kommt doch nichts voran“, sagte die junge Gräfin weiter und ließ ihn nicht aus den Augen.
„Stillstand ist ungesund“, bestätigte ihr Gesprächspartner kühl.
„Weißt du, ich habe lange Zeit auf unsere Hochzeit gewartet und sie kam nicht. Stattdessen ist mein Onkel plötzlich von uns gegangen und nun stehe ich hier vor dir als die neue Gräfin D'Argies und nicht als Herzogin von Crussol. Und ich glaube, das Schicksal wollte es so. Gibst du mir da Recht?“, fragte sie und neigte ihren schönen Kopf leicht zur Seite.
„Das Schicksal haben wir selbst in der Hand“, entgegnete Richard gelangweilt.
„Absolut richtig“, stimmte Elisabeth mit leichtem Kopfnicken zu. „Mein Onkel hat dich übrigens sehr geschätzt. Sogar kurz, bevor er starb, hat er deinen Namen gerufen. Ich danke dir dafür, dass du stets ein guter Freund für ihn gewesen bist, und zwar bis zum Tod.“ Sie lächelte leicht und ging dann langsam an ihm vorbei.
Richard stand da wie versteinert. Hatte dieser hinterlistige, alte Graf noch etwas angedeutet, bevor er verreckt war? Verdammt. Wie viel wusste Elisabeth? Er schaute ihr mit finsterem Blick hinterher. Musste er sie etwa auch beseitigen? Eigentlich gehörte dies nicht zu seinem Plan und er wollte es auch nicht, aber falls sie ihm in Zukunft Schwierigkeiten bereiten sollte, dann würde er es ohne zu zögern tun.



Kapitel 72 Die Freunde

9. Dezember 1876

Eine Woche, nachdem Richard das Varieté Glückszahl 69 aufgesucht hatte, begab er sich wieder dorthin. Er durchquerte das Theater, das wie zu erwarten von Besuchern nur so wimmelte, und setzte sich an einen Tisch an der Wand direkt gegenüber dem Haupteingang, um jedes Geschehen im Blick zu behalten. Eine Bedienung fragte ihn, ob er etwas zu trinken haben wolle, aber er lehnte dankend ab. Stattdessen beobachtete er die Leute um sich herum mit größter Wachsamkeit. Es war ihm früher nie aufgefallen, aber jetzt bemerkte er die leisen Gespräche in der feiernden Menschenmenge. Die ernsten Gesichter. Und das vorsichtige Händeschütteln. Das Varieté Glückszahl 69 war in Wahrheit ein Treffpunkt für zwielichtige Gestalten, die so gar nicht danach aussahen. Er entdeckte die junge Frau mit den schwarzen Haaren wieder. Sie saß überraschenderweise neben Jakob von Bouget und unterhielt sich mit ihm. Richard runzelte die Stirn. Was hatte sein Schwager mit dieser Frau am Hut? Dann stand die zierliche Profikillerin auf und bewegte sich anmutig zwischen den Tischen und anderen Gästen. Die jungen Männer drehten ihre Köpfe nach ihr um und riefen ihr Anmachsprüche zu, aber sie ignorierte jeden Einzelnen von ihnen. Stattdessen ging sie unbeirrt auf den Herzog von Crussol zu und setzte sich zu ihm. Die beiden saßen unverschämt eng beieinander, nur eine braune Ledertasche lag zwischen ihnen. Richard öffnete sie und zum Vorschein kam ein Goldbarren. Die Auftragsmörderin nahm sogleich einen schwarzen Ring von ihrem rechten Mittelfinger ab und hielt ihn gegen das Edelmetall. Der Ring war ein Magnet, der jedes minderwertigere Metall entlarven konnte, aber in diesem Fall blieb er nicht haften; somit war die Echtheit des puren Goldes bestätigt. Die junge Frau lächelte und akzeptierte die Bezahlung.
„Seid Ihr mit dem Ergebnis meiner Arbeit zufrieden?“, fragte sie mit betörender Stimme und lehnte sich auf der gepolsterten Bank zurück.
„Ich gebe zu, Sie waren schnell. Nur zwei Tage nach unserem Gespräch haben Sie den Mann zur Strecke gebracht“, antwortete Richard. „Aber Ihre Diskretion war offenkundig miserabel. Die Gerüchte über einen Mord klingen nicht ab und wenn es zu einer Untersuchung kommt, dann könnte der Giftanschlag aufgedeckt werden.“
„Wird er nicht“, entgegnete die junge Dame beiläufig, holte eine Zigarette aus ihrer Handtasche und zündete sie an. „Ich habe mit dem Arzt, der die Obduktion geleitet und das Protokoll angefertigt hat, unter vier Augen gesprochen. Und wir waren uns am Ende der Unterhaltung einig, dass Gustav D'Argies offiziell an einem Herzinfarkt gestorben ist. Zugegeben, das Skalpell in meiner Hand hat etwas an Überzeugungskraft beigesteuert, sonst hätte der feine Doktor sein Augenlicht verloren.“
„Was macht Sie da so sicher? Die Justiz könnte Verdacht schöpfen und trotzdem ein Verfahren in Gang bringen“, sagte Richard ernst.
„Ihr missversteht da etwas, Monsieur. Ihr seid nicht mein einziger Klient und zudem habt Ihr ziemlich einflussreiche Freunde. Es liegt nicht in deren Interesse, dass Ihr einen Schaden von dieser Sache davontragt“, erwiderte die Auftragsmörderin und zog langsam an ihrer Zigarette.
„Freunde?“, wiederholte Richard überrascht.
„Ja, und sie sorgen dafür, dass jeder mögliche Verdacht, der auf Euch hindeutet, im Keim erstickt wird. Daher braucht Ihr nichts mehr zu befürchten. Das Kapitel Gustav D'Argies ist endgültig abgeschlossen und wird Euch nie wieder Kummer bereiten“, versicherte sie und lächelte sinnlich.
Richard schaute sie etwas länger an und fragte: „Würden Sie mir bitte die Namen meiner sogenannten Freunde verraten?“
Die schwarzhaarige Schönheit schüttelte langsam den Kopf und sagte: „Ich nenne niemals Namen, denn sie haben zu viel Gewicht; daher ist es äußerst gefährlich, sie laut auszusprechen. Aber ich glaube, dass Ihr die Antwort auf Eure Frage bereits selbst kennt.“
Sie nahm die braune Ledertasche an sich, stand langsam auf, warf Richard einen letzten aufreizenden Blick zu und schwebte davon.
Der Herzog sah ihr hinterher. Er spürte förmlich, wie er in einen pechschwarzen Schlund hineingezogen wurde, und war gar nicht gewillt, dem zu widerstehen. Dann blickte er wieder geradeaus an den Tisch, an dem Jakob saß, und erkannte, dass sein Schwager ihn ebenfalls entdeckt hatte. Der Herzog stand von seinem Platz auf und ging auf den jungen Mann zu.
„Guten Abend, Jakob“, begrüßte er ihn.
„Schönen guten Abend auch dir, Richard“, grüßte sein Schwager zurück.
„Kommst du oft hierher?“, wollte der Herzog wissen.
„Gelegentlich. Und du?“, fragte Jakob und sah dem Mann seiner Schwester fest in die Augen.
„Ebenfalls“, antwortete Richard grinsend. „Ich wollte das Lokal aber gleich verlassen. Soll ich dich in meiner Kutsche irgendwohin mitnehmen?“
„Sehr gern. Ich wollte ebenfalls gerade wieder nach Hause“, erwiderte Jakob und stand auf.
Gemeinsam marschierten sie nach draußen und stiegen in die Kutsche des Herzogs von Crussol. Während der Fahrt saßen die beiden Männer sich gegenüber und sahen einander abschätzend an.
„Wie geht es der Familie?“, begann Jakob vorsichtig das Gespräch.
„Gut. Melanie ist erneut schwanger“, antwortete Richard stolz.
„Herzlichen Glückwunsch. Ihr beide seid fleißig dabei, euren Nachwuchs zu zeugen“, sagte Jakob mit einem etwas abwertenden Unterton.
„Danke. Was ist mit deinem eigenen Sprössling? Wann hast du Colette das letzte Mal gesehen?“, stellte Richard ihm die Frage.
„Sie ist nicht meine Tochter“, entgegnete Jakob.
„Wir beide wissen, dass dem nicht so ist. Henri mag der biologische Vater der Kleinen sein, aber du bist der wahre“, widersprach Richard.
Sein Schwager atmete daraufhin schwer aus und sah aus dem Fenster in die kalte Nacht. Die Schneeflocken trieben dahin und fielen federleicht auf den schneebedeckten Boden.
„Wie geht es Veronika? Ist sie glücklich?“, fragte Jakob nachdenklich.
„Ja, aber sie vermisst dich“, antwortete Richard wahrheitsgemäß.
Jakobs trauriger Blick war weiterhin auf die winterliche Landschaft gerichtet und er fühlte den kalten Eispanzer, der sein Herz umschloss, wieder aufbrechen.
„Colette wird in wenigen Monaten ein Jahr alt und sie würde sich sehr darüber freuen, wenn ihr Onkel sie zum Geburtstag besuchte. Generell spräche nichts dagegen, wenn sie mehr Zeit mit dir verbrächte“, sagte Richard einfühlsam.
Jakob nickte unmerklich und nahm einen tiefen Atemzug. Wenig später hielt die Kutsche vor dem Anwesen der Familie von Bouget an und er stieg sogleich aus.
„Ich danke dir“, sprach Jakob und sah seinen Schwager an. Richard meinte, den Anflug von Freude auf seinem Gesicht zu erkennen.
„Gern geschehen“, antwortete der Herzog und lächelte sanft. Er schaute Jakob hinterher, bis er in dem prächtigen, gelben Anwesen verschwunden war. Und gerade, als Richard dem Kutscher Bescheid geben wollte weiterzufahren, sah er eine Gestalt vom Balkon im ersten Stock auf die Erde hinunterklettern. Er guckte genauer hin und erkannte einen jungen Mann. Gleichzeitig kam Jane von Bouget aus ihrem Zimmer nach draußen und warf dem Burschen einen Mantel und Stiefel zu. Es war derselbe Kerl, der vor einer Woche zusammen mit Jakob und Sebastian von Semur im Varieté Glückszahl 69 gefeiert hatte. Aber wenn dieser junge Mann ein Freund von Jakob war, warum schlich er sich dann heimlich aus dem Haus der Familie von Bouget? Richard sah, wie Jane dem Fremden einen Luftkuss zuwarf und danach im Inneren des Anwesens verschwand. Der Unbekannte zog flink seine Sachen an und lief davon. Und da erkannte Richard, was hier vor sich ging. Er schluckte geschockt, denn Jane war ein noch tieferes Gewässer, als er angenommen hatte.



Kapitel 73 Die Affäre

15. Dezember 1876

Viele Monate waren vergangen, seitdem sich das berüchtigte Trio das letzte Mal am Abend getroffen hatte, um gemeinsam zu trinken. Die drei Freunde saßen an einem Tisch im Gentlemen’s Club der FSP und tranken Wodka. Henri lehnte sich in seinem Stuhl zurück und seufzte.
„Verheiratet zu sein, ist echt harte Arbeit. Ständig muss man seine Frau zufriedenstellen. Und Veronika ist äußerst anspruchsvoll“, beklagte er sich.
„Wie meinst du das? Ist sie allgemein anspruchsvoll – oder im Bett?“, witzelte Vincent.
„Beides“, antwortete Henri mit einem schiefen Lächeln.
„Du armer Teufel“, bemerkte sein Kumpel höhnisch.
„Ja, das haben die Schwestern aus dem Hause von Bouget alle gemeinsam: Sie verlangen von ihren Männern den vollen Einsatz“, kommentierte Richard und trank sein Glas leer.
Seine Freunde nickten daraufhin zustimmend. „Apropos, was läuft da zwischen dir und Jane von Bouget, Vincent?“, wollte er von Vincent wissen.
„Ach, wir verbringen gelegentlich Zeit miteinander, nichts weiter“, wimmelte Vincent ihn schnell ab.
„Zum Beispiel halbnackt auf einem Schreibtisch?“, deutete Richard an.
„Wie bitte? Du hast eine Affäre mit Jane von Bouget am Laufen?“, fragte Henri entgeistert.
„Na ja, als Affäre würde ich es nicht bezeichnen“, entgegnete Vincent verlegen.
„Sondern?“ Richard ließ nicht locker.
„Eine dauerhafte Romanze“, antwortete sein Kumpel, der vollends ins Kreuzverhör geriet.
„Jane ist also deine Geliebte“, stellte Henri fest und grinste.
Woraufhin Vincent ihn schweigend anlächelte.
Richard sah seinen besten Freund eindringlich an und fragte: „Ist dir bewusst, dass sie einen weiteren Liebhaber hat?“
Die anderen zwei schauten daraufhin verdutzt.
„Wie bitte? Einen weiteren Liebhaber?“, fragte Henri ungläubig.
„Ja. Ich habe letztens gesehen, wie ein junger Mann von ihrem Balkon runtergestiegen ist, und sie ihm dann seine Kleidung hinterherwarf“, berichtete Richard und schenkte sich Wodka ins Glas ein. „Und wer weiß, wie viele Männer sie insgesamt parallel glücklich macht“, sprach er weiter.
Vincent schaute ernst zu ihm und schwieg.
„Verdammte Scheiße! Hast du das gehört?“, fragte Henri laut und stupste Vincent am Arm an. „Du bist an eine echte Femme fatale geraten!“
Der Angesprochene erwiderte nichts darauf und fragte stattdessen Richard: „Bist du dir sicher, dass es ein Liebhaber war und nicht jemand anderes?“
„Absolut sicher“, antwortete der Herzog von Crussol, der sich mit heimlichem Rausschleichen aus den Fenstern von Affären sehr gut auskannte. Sein bester Freund wurde mit einem Mal ernst und schaute nachdenklich zu Boden.
„Was ist los mit dir? Bist du etwa verliebt in sie?“, wollte Henri wissen, als er das betrübte Gesicht seines Freundes bemerkte.
Vincent antwortete nicht und wurde plötzlich melancholisch.
„Beende diese sogenannte Romanze auf der Stelle. Sie wird dich nur ins Unglück stürzen“, riet ihm Richard.
„Ich werde zuerst mit Jane reden. Wahrscheinlich ist alles nur ein Missverständnis.“, entgegnete Vincent und sah ihn direkt an.
„Vermutlich irre ich mich da nicht“, sprach Richard dagegen. „Du weißt selbst am besten darüber Bescheid, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, wenn ein Mann zwei Damen parallel am Laufen hat, oder wenn eine Frau zwei Liebhaber bedient.“
„Hinzu kommt die Tatsache, dass sie vom Verhalten her einer Edelhure gleicht“, bemerkte Henri und wurde von Vincents strafendem Blick fast durchbohrt.
„Männer teilen ungern eine Frau, die ihnen etwas bedeutet. Und du hast tiefe Gefühle für Jane entwickelt, also erzähle mir nichts“, fuhr Richard Vincent an. „Beende diese Romanze, Affäre, oder wie auch immer du es nennst, auf der Stelle, bevor sie schlimmer wird.“
Vincent schwieg und dachte nach. Es bereitete ihm Herzschmerzen, wenn er sich eine Trennung von Jane vorstellte. Und dass sie noch mindestens einen weiteren Liebhaber neben ihm hatte, verursachte bei ihm Bauchkrämpfe.
„Was überlegst du noch? Richard hat recht. Lass sie fallen, und zwar bevor sie das Elend über dich bringt“, beschwor Henri ihn.
„Ihr beide übertreibt es“, sagte Vincent entschieden und stand auf. „Ich rede mit Jane und dann wird sich alles aufklären.“ Damit marschierte er aus dem Club und ließ seine Freunde sprachlos zurück.
„Glaubst du, er wird sich von Jane fernhalten, nachdem er mit ihr gesprochen hat?“, fragte Henri seinen Kumpel Richard besorgt.
„Eher unwahrscheinlich. So, wie ich ihn kenne, wird er alles daransetzen, sie für sich zu gewinnen in der Hoffnung, sie würde ihr Interesse an dem anderen Kerl verlieren“, antwortete Richard und schaute betrübt. Er hatte sonderbarerweise ein äußerst ungutes Gefühl bei der ganzen Sache, das ihn nicht mehr losließ.

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