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Blitz und Donner Kapitel 62 - 67
Kapitel 62 Die Hochzeitsgesellschaft
8. Oktober 1876
Die Braut stand vor dem zwei Meter hohen Spiegel und betrachtete sich in dem bezaubernden Hochzeitskleid, das ein Geschenk ihrer Schwester war. Draußen hinter dem Fenster herrschte ein traumhaftes Oktoberwetter. Der Himmel war strahlend blau, keine Wolken waren zu sehen, und die Bäume erblühten in gelben und orangenen Tönen. Es grenzte schier an Unmöglichkeit, dass Veronika vor genau einem Jahr vor demselben Fenster gesessen, die fallenden Blätter beobachtet und sich unendlich verlassen gefühlt hatte. Und nun würde sie in wenigen Stunden den Mann heiraten, der sie damals im schwangeren Zustand sitzen gelassen hatte. Das Schicksal nahm oft und schnell ungeahnte Wege. Melanie strich die letzten Falten der Schleppe glatt und schaute ihre große Schwester zufrieden an. Im nächsten Moment klopfte jemand an die Tür und die Herzogin erlaubte mit einem kurzen ,Herein’ den Eintritt. Die Tür öffnete sich und die Baronin von Semur betrat den Raum. Sie begrüßte die beiden jungen Damen mit einer herzlichen Umarmung und gab ihnen jeweils einen Wangenkuss. Dann bewunderte sie das Hochzeitskleid.
„Dieses Kleid kommt mir bekannt vor. Gehörte es nicht einst Ihnen, Melanie?“, fragte Rosemarie erstaunt.
„Ja, das stimmt“, gab sie offen zu. „Aber da es nie zu einer Hochzeit getragen worden ist, habe ich Veronika angeboten, es zu tun. Und sie war sofort damit einverstanden.“
„Und wie! Ich finde das Kleid einfach himmlisch und es passt mir ausgezeichnet!“, bestätigte die Braut fröhlich.
„Absolut!“, stimmte die Baronin zu. „Ich bin übrigens zu Ihnen gekommen, um zu fragen, ob Sie noch irgendetwas benötigen.“
„Sehr freundlich von Ihnen, aber wir sind bestens vorbereitet“, antwortete Melanie und lächelte die alte Dame liebevoll an. Eigentlich war es die Aufgabe der Brautmutter, ihrer Tochter während des Hochzeitstages zur Seite zu stehen. Aber Johanna von Bouget hielt ihr Wort und würde erst dann wieder mit Veronika sprechen, sobald sie den Grafen von Ailly geheiratet und damit ihre Ehre wiederhergestellt hatte.
„Wissen Sie zufällig, ob unser Vater und der Rest der Familie von Bouget bereits eingetroffen sind?“, fragte Melanie.
„Ja, ich hatte vorhin das Vergnügen, sowohl mit dem Baron als auch mit seiner Frau und Jane zu sprechen. Und ich muss sagen, dass vor allem Ihre Mutter zwischen den Hochzeitsgästen stolziert, als wäre sie die Kaiserin persönlich“, berichtete Madame von Semur. Sie ergänzte: „Ich werde an dem heutigen Feiertag nachsichtig mit Johanna sein und ihr die Tatsache nicht nachtragen, dass sie Sie zwei in letzter Zeit sehr kaltherzig behandelt hat.“
Melanie und Veronika lächelten schüchtern, denn sie wussten, was Rosemarie damit meinte. Die beiden Schwestern hatten im vergangenen Jahr auf bittere Art und Weise gelernt, auf ihren eigenen Beinen zu stehen und sich von niemandem unterkriegen zu lassen.
„Ist Jakob ebenfalls unter den Gästen?“, fragte Veronika hoffnungsvoll.
„Nein. Mein Enkelsohn Sebastian hat mir berichtet, dass Jakob zusammen mit seinem Freund Valentin anderweitig beschäftigt sei und der heutigen Feier fernbleibe. Was ist zwischen Ihnen vorgefallen, dass er sich weigert, zu der Hochzeit seiner eigenen Schwester zu kommen?“, wollte Rosemarie wissen und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Es ist eine lange Geschichte, aber um es kurz zu fassen: Jakob ist gegen Veronikas und Henris Verbindung“, antwortete Melanie und sah zu ihrer Schwester, die traurig zu Boden schaute.
„Das ist in der Tat sehr bedauerlich“, kommentierte die Baronin von Semur mit leiser Stimme. „Was wäre eine Hochzeit ohne ein Familiendrama? Nun denn, belassen wir es dabei und genießen stattdessen den heutigen Tag. Einen der glücklichsten in Ihrem Leben, Veronika.“
Rosemarie hob mit ihrer rechten Hand Veronikas Kopf und lächelte ihr aufmunternd zu. Die Braut erwiderte das warme Lächeln.
„Apropos! Da ist noch etwas, was ich dir unbedingt sagen muss“, rief Veronika plötzlich und drehte sich abrupt zu Melanie um. Sie wollte gerade weitersprechen, als die Tür erneut aufging und der Butler hereinkam. Er informierte seine Herrin darüber, dass der Standesbeamte soeben eingetroffen war und die Gäste vollzählig auf sie warteten. Melanie nickte ihm kurz zu und sagte dann zu ihrer Schwester: „Du kannst es mir später erzählen. Jetzt wird erst einmal geheiratet!“
Die Braut, ihre Schwester und die Baronin von Semur gingen gemeinsam aus dem Salon und begaben sich in den Garten, wo die Trauung unter freiem Himmel stattfinden sollte. Veronika und Melanie hatten im Vorfeld das Fest organisiert und hinterher festgestellt, wie viel Mühe und Arbeit die Vorbereitungen am Ende gekostet hatten. Melanie erinnerte sich ganz genau an die lange Abarbeitungsliste: die Einladungen an die Gäste verschicken. Das Menü mit dem Koch abstimmen und die Hochzeitstorte zusammen mit dem Konditor kreieren. Ein Musikorchester engagieren. Die Dekoration und den Ablauf der Feier festlegen. Und natürlich die Eheringe bestellen.
In dem Moment hatte Melanie den Wutausbruch ihrer Mutter nachvollziehen können, als Melanie ihre Hochzeit mit George hatte platzen lassen. Es war zu jener Zeit Vieles in den Sand gesetzt und eine Menge Personen waren vor den Kopf gestoßen worden. Ein Kapitel in Melanies Leben, auf das sie nicht unbedingt stolz war, aber das nun mal dazugehörte. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie doch George geheiratet hätte? Diese Frage konnte sie unmöglich beantworten. Und es half nichts, sich zu fragen, was gewesen wäre, wenn. Sie hatte sich damals bewusst für Richard entschieden und ging nun unbeirrt diesen einen Weg. Draußen auf der großen Wiese standen die Gäste in zehn Reihen hintereinander und in der Mitte verlief ein roter Teppich bis zum Altar. Veronika hatte bei der Farbwahl für die Dekoration mit Absicht auf weiße Blumen verzichtet. Sie bevorzugte lieber die Farben Gold und Rot, und da passten die Bäume mit ihrem Herbstlaub perfekt dazu. Die Braut selbst trug einen goldenen Kranz aus Efeublättern auf dem Kopf und ihre braunen Haare waren elegant damit verflochten und nach oben gesteckt. Ihre jüngere Schwester war die Trauzeugin und trug ebenfalls ein traumhaft schönes Kleid. Es war hellrosa mit silbernen Streifen, die diagonal verliefen und mit unzähligen Kristallen versehen waren. Melanie hatte ihre Haare zur rechten Seite gekämmt und sich für ein schlichtes Make-up entschieden.
Als Veronika aus dem Schloss ins Freie trat, nahm ihr Vater sie als Erster in Empfang. Das Orchester spielte ,Nocturne in E flat Major‘ von Chopin und die Hochzeitsgäste erhoben sich von ihren Plätzen. Thomas von Bouget lächelte glücklich, legte Veronikas rechte Hand auf seinen linken Arm und gemeinsam schritten sie über den roten Teppich zum Altar. Melanie folgte ihnen und sah vorne am anderen Ende den Standesbeamten stehen; rechts daneben wartete Henri auf seine Braut und sah gebannt zu ihr. Direkt neben ihm stand sein Trauzeuge Vincent von Guise, der zufrieden dreinblickte. Vorne in der ersten Reihe wartete Richard mit Colette auf dem Arm, die ein weißes Kleidchen mit viel Tüll trug. Melanie stellte sich zu ihnen und übernahm von ihrer Schwiegermutter ihren kleinen Sohn Gabriel, der sich über seine Mama sichtlich freute und laut lachte. Unterdessen übergab der Baron von Bouget seine Tochter an den Grafen von Ailly und ging zu seiner Frau, die vor Stolz platzte. Für Johanna hatte die Schmach endlich ein Ende. Ihre in Ungnade gefallene Tochter Veronika heiratete nun den Vater ihres gemeinsamen Kindes und gab ihrer Familie die verlorene Ehre wieder. Für Melanie war das alles nur Heuchelei. Veronika hätte Colette auch ohne Henri großziehen können und das Gerede der anderen war ihr mittlerweile absolut gleichgültig. Der Standesbeamte begann mit der Zeremonie. Während er über die ewige Liebe sprach, die Henri und Veronika ab sofort miteinander verbinde, sah sich das Hochzeitspaar tief in die Augen und versprach sich gegenseitig, sich niemals zu trennen und in schweren Zeiten stets zusammenzuhalten. Richard schaute verliebt zu seiner Frau, die ihren gemeinsamen Sohn im Arm hielt, und fühlte sich unwillkürlich an seine eigene Hochzeit erinnert. Wie unkonventionell er und Melanie doch geheiratet hatten: auf dem Segelkriegsschiff seines langjährigen Freundes Jacques von Thorotte. Er hatte für sie alles über Bord geworfen und das war die beste Entscheidung seines Lebens gewesen, denn er wäre an der Seite von Elisabeth D'Argies todunglücklich geworden. Henri und Veronika gaben sich gegenseitig das Ja-Wort und tauschten die Eheringe. Dann küssten sie sich vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft und die Gäste applaudierten begeistert. Anschließend gab es ein Riesenfest auf der großen Außenterrasse und im Ballsaal des Schlosses. Es wurde als Erstes fein gegessen und danach ausgiebig getanzt. Das Hochzeitspaar eröffnete zusammen mit ihrer kleinen Tochter den Tanzabend. Henri hielt Colette in seinem linken Arm und umarmten mit dem rechten Veronika und fühlte sich absolut angekommen. Melanie ergriff sogleich Richards Hand und nutzte die Gelegenheit, wieder mit ihm zu tanzen. Sie folgten den Klängen der lateinamerikanischen Musik und tanzten Tango Argentino. Das Paar bewegte sich wie in Trance. Ihre Gesichter waren ganz dicht beieinander. Wange an Wange. Und die beiden verschmolzen miteinander. Nichts auf der Welt konnte sie jetzt voneinander trennen.
„Ich liebe dich, Richard“, flüsterte Melanie und atmete seinen Geruch tief ein. Er presste sie näher an sich und gab ihr einen Kuss. Löste sich dann langsam von ihren sinnlichen Lippen und erwiderte: „Und ich liebe dich, mein Herz.“
Je später der Abend wurde, desto mehr verlagerte sich die Feier in den Ballsaal, denn draußen wurde es allmählich kühl. Die Gäste drängten dichter zusammen und die Stimmung war ausgelassen fröhlich. Veronika beobachtete die Partygesellschaft und sah, wie Vincent sich ausgiebig mit Jane unterhielt. Wie außergewöhnlich. Normalerweise hielt ihre große Schwester nichts von verheirateten Männern. Vermutlich war das nur ein Gespräch unter Freunden. Veronika bemerkte, wie ihre Mutter auf sie zukam und breit lächelnd vor ihr stehen blieb.
„Hallo, mein Schatz, ich gratuliere dir herzlich zur Vermählung mit dem Grafen!“, sagte sie und umarmte ihre Tochter.
„Danke, Mama“, entgegnete Veronika trocken. Sie wusste, dass ihre Mutter nur froh darüber war, dass sie jetzt einen Grund mehr hatte, bei den feinen Damen angeben zu können. Zwei ihrer Töchter waren nun verheiratet und das weit über ihren Erwartungen. Die Tatsache, dass Johanna von Bouget sowohl Melanie als auch Veronika zuvor verstoßen hatte, wurde nie öffentlich diskutiert, aber die Kränkung in Veronikas Herzen würde für immer bestehen bleiben. Sie würde sich ihrer Mutter nie wieder so wie früher anvertrauen können.
„Zeigst du mir bitte meine kleine Enkeltochter? Ich würde sie mir gerne mal genauer anschauen“, fragte Johanna mit butterweicher Stimme.
„Colette ist in einem Nebenraum zusammen mit ihren beiden Tanten und wird gerade gefüttert“, erklärte Veronika und verspürte eigenartigerweise keinerlei Interesse, ihrer Mutter die Kleine vorzustellen.
„Dann lass uns gemeinsam hingehen. Ich habe mit Melanie ebenfalls lange nicht mehr geredet. Heute ist ein guter Tag für einen Neubeginn“, erklärte Johanna von Bouget, hakte sich bei Veronika unter und schritt gemeinsam mit ihr los.
Zur selben Zeit in einem Nebenzimmer unweit der Feier legte Jasmina von Ailly ihre Nichte in das Stubenbettchen und kitzelte die kleine Prinzessin am Bauch. Der jüngste Spross aus dem Hause von Ailly lachte fröhlich und hielt die Finger ihrer Tante mit beiden Händen fest. Jasmina seufzte lächelnd und schenkte Colette einen sehnsüchtigen Blick.
„Alles in Ordnung?“, fragte Melanie sie. Gabriel lag unterdessen friedlich an ihre Brust gekuschelt und verdaute seine soeben eingenommene Milchmahlzeit.
„Ja, es ist nur so: Ich liebe Kinder, aber ich fürchte, dass es mir nie vergönnt sein wird, eigene zu haben“, erklärte Jasmina traurig.
„Darf ich fragen, warum?“, fragte Melanie behutsam. Henris Schwester war äußerst schüchtern und erzählte nur selten etwas von sich. Bei Melanie machte sie eine Ausnahme und öffnete sich ihr wie bei ihrem Bruder. Jasmina hatte bei ihr das Gefühl, verstanden und akzeptiert zu werden. Sie brauchte sich bei ihr nicht zu verstellen, sondern konnte sie selbst sein: eine eigensinnige Naturliebhaberin, die große Menschenversammlungen meistens vermied. Deswegen ging sie nie auf Bälle oder andere Veranstaltungen. Die Hochzeit ihres Bruders bildete dabei einen riesigen Sonderfall. Und trotzdem blieb sie lieber in diesem Nebenzimmer bei ihrer Nichte, als sich in dem großen Ballsaal aufzuhalten. Jasmina atmete tief durch und antwortete dann ehrlich: „Weil ich nie einen Mann finden werde, der mich liebt, wie ich nun mal bin. Damit ist die Sache aussichtslos.“
„Unsinn. Den gleichen Wunsch hat doch jede andere junge Dame. Einen Mann heiraten, den man liebt und der einen vollkommen akzeptiert. Glaube mir, da bist du nicht die Einzige“, munterte Melanie sie auf.
„Aber die anderen jungen Frauen sind viel reizvoller als ich und vor allem zeigen sie sich regelmäßig in der Öffentlichkeit. Ich dagegen bleibe lieber zu Hause und verlasse es nur in dringendsten Fällen“, erzählte Jasmina weiter und schaute betrübt zu Boden.
„Dann geh in die Welt hinaus und erobere sie!“, forderte Melanie sie sogleich auf und lächelte über das ganze Gesicht. „Was hält dich davon ab?“
Jasmina betrachtete das fröhliche Gesicht ihrer Freundin und schaute dann wieder herunter auf ihr schlichtes, blaues und bodenlanges Kleid.
„Du musst wissen, dass meine und Henris Eltern vor sieben Jahren bei einem Schiffsunglück auf hoher See ums Leben gekommen sind. Sie reisten damals nach Amerika, um dort neues Land für unsere Familie zu kaufen, aber ihr Schiff hat den Hafen von New York nie erreicht. Stattdessen sank es auf den Meeresboden des Atlantiks und ich habe sie seitdem nie wieder gesehen. Ich habe Angst, dass mir so etwas ebenfalls widerfahren könnte: dass ich hinaus in die Welt gehe und sie mich dann umbringt. Das Leben da draußen ist voller Gefahren, deswegen bleibe ich lieber daheim, wo ich sicher bin.“
„Aber dann stehst du deinem großen Traum, Naturforscherin zu werden, selbst im Weg. Vielleicht ändert sich deine Meinung, wenn du später eigene Kinder hast und sie mit ihren großen Augen die Welt entdecken. Dann wirst du sicherlich dabei sein wollen“, erklärte Melanie und legte ihre Hand auf Jasminas Arm.
„Du vergisst, dass ich zuerst einen Mann brauche, bevor ich überhaupt an Kinder denken kann. Und wie gesagt, meine Chancen, einen Ehemann zu finden, sind eher gering, wenn nicht sogar fast null“, entgegnete Jasmina resigniert.
„Wer weiß, vielleicht begegnest du deinem zukünftigen Gemahl heute Abend und du weißt es noch nicht“, sagte Melanie und wackelte mit ihren Augenbrauen. Jasmina lächelte verlegen und wurde rot.
Wenige Minuten später betraten die Baronin von Bouget und Veronika das Nebenzimmer. Johanna nahm ihre Enkelin sogleich lachend in die Hände. Melanie begrüßte ihre Mutter nur ganz flüchtig und legte Gabriel in sein Bettchen, damit er weiterschlief. Dann beauftragte sie das Kindermädchen, auf ihren Sohn aufzupassen, und begab sich auf den Rückweg in den Ballsaal. Im Gegensatz zu Veronika verabscheute Melanie ihre Mutter mittlerweile. Sie hatte die wahre Natur der Baronin erkannt. Johanna war eine gierige Frau, der ihr guter Ruf am allerwichtigsten war. Sie ging dabei so weit, dass sie sich von ihren eigenen Kindern distanzierte, nur um in der Öffentlichkeit nicht denunziert zu werden. Melanie schwor sich selbst, niemals ihren Nachwuchs auf diese Weise zu behandeln. Sie würde ihre Kinder verteidigen und zu ihnen stehen, komme, was wolle. Während sie den langen Flur entlangschlenderte, bemerkte sie eine männliche Person direkt vor sich. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihr und beobachtete von Weitem das Fest, sodass Melanie sein Gesicht zunächst nicht sehen konnte, aber seine braunen Haare und die Körperhaltung kamen ihr unglaublich bekannt vor. Als sie wenige Schritte von ihm entfernt stehen blieb, bemerkte der Mann, dass jemand hinter ihm war, und drehte sich um. Da erkannte Melanie ihn und starrte ihn entgeistert an.
„George!“, rief sie überrascht. Sie war wie vom Blitz getroffen und konnte sich nicht mehr rühren, geschweige denn sprechen. Ihre letzte Begegnung mit ihm war ein reines Desaster gewesen. Seitdem plagte sie das schlechte Gewissen und sie wollte ihre schändliche Tat wiedergutmachen.
George näherte sich ihr und lächelte leicht.
„Hallo, Melanie“, begrüßte er sie und sah ihr lange ins Gesicht.
„Was tust du hier?“, fragte sie ihn zögerlich, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn in die Gästeliste eingetragen zu haben. Außerdem war sie die ganze Zeit über davon ausgegangen, er wäre im Ausland.
„Hat dir Veronika das nicht erzählt?“, fragte er irritiert. „Henri und ich, wir liefen uns vor einigen Tagen in der Stadt zufällig über den Weg und er lud mich spontan zu seiner Hochzeit ein.“
Melanie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Nein, sie hatte es nicht gewusst. Und vermutlich war das die wichtige Angelegenheit, die ihre Schwester ihr noch erzählen wollte.
„Ich hatte gehört, du seist im Ausland“, sagte sie und war immer noch ganz durcheinander. Sie betrachtete George genauer. Seine Haut war wesentlich bräunlicher und er selbst wirkte gereift. Melanie merkte, wie ihr Herz plötzlich kräftiger schlug.
„Das war ich“, bestätigte er. „Vor zwei Wochen kehrte ich zurück in die Heimat. Ich hatte mich letztes Jahr kurzfristig für ein Auslandssemester eingeschrieben und bin dann mit dem ersten Schiff nach Marokko gesegelt“, erzählte George und Melanie hing an seinen Lippen.
„Marokko?“, wiederholte sie und wollte unbedingt, dass er weitersprach.
„Ja, ich studierte an der Universität von Marrakesch und vertiefte dort mein Wissen in Astrophysik“, erklärte er.
„Marrakesch?“, fragte Melanie und ihre Augen leuchteten auf.
„Diese Stadt solltest du irgendwann mal besuchen. Die Luft dort ist voller Gewürze und die Nächte sind wärmer als so mancher Sommertag hier bei uns“, berichtete George.
Melanie nickte leicht und wollte am liebsten auf der Stelle dorthin.
„Aber wie unhöflich von mir. Ich rede hier nur von mir und dabei warst du in der Zwischenzeit ebenfalls nicht untätig“, sagte George und sah sie interessiert an.
Melanie blickte etwas verwirrt. Und dann fiel es ihr wieder ein: Er meinte mit Sicherheit ihre Organisation ,Ma Grande Sœur‘. Und bei der Gelegenheit sollte sie ihm gleich von ihren politischen Erfolgen mit der FSP berichten. Gerade als sie anfangen wollte zu erzählen, ergänzte George: „Ich habe gesehen, dass du deine eigene Familie gegründet hast.“
Bei dieser Bemerkung schaute Melanie zu Boden und atmete tief aus. Natürlich, sie war doch Mutter geworden. Sie war überaus stolz darauf, aber in Georges Anwesenheit war es ihr eigenartigerweise unangenehm, darüber zu sprechen.
„Das stimmt, mein Sohn Gabriel kam Ende Mai zur Welt und bereitet mir seitdem eine Menge Freude. Er ist ein echter Sonnenschein“, sagte Melanie und lächelte schüchtern.
George sah ihr zunächst nachdenklich ins Gesicht und betrachtete dann schweigend ihr Outfit.
„Du siehst umwerfend aus“, schmeichelte er und spürte tief in sich ein Gefühl wieder auflodern, das er mit all seiner Willenskraft hinter einer dicken Tür aus Wut und Schmerz verschlossen hatte.
„Danke schön. Du hast dich heute ebenfalls sehr schick gekleidet“, gab Melanie ihm das Kompliment zurück und zeigte auf seinen dunkelgrauen Frack mit gleichfarbiger Weste und weißem Hemd.
„Darf ich dich um den nächsten Tanz bitten?“, fragte George und sah sie erwartungsvoll an.
Melanie schaute etwas verlegen. „Gibt es niemanden aus deinem Umfeld, der vielleicht rasend vor Eifersucht werden könnte?“
„Nein“, antwortete er. „Und bei dir?“
„Ich kann mir gut vorstellen, dass das auf Richard zutrifft“, entgegnete sie und malte sich schon das Schlimmste aus.
„Gut, denn er schuldet mir noch einen Gefallen“, bemerkte George und streckte Melanie seine Hand entgegen.
Sie zögerte kurz. Es würde später mit Richard eine Menge Ärger geben, aber andererseits konnte sie George nicht abweisen und ihn wieder verletzen. Es war schließlich nur ein Tanz und nichts weiter. Deswegen legte sie ihre Hand in die seine und betrat gemeinsam mit ihm den Ballsaal. Sie tanzten zwischen den anderen Paaren Walzer und Melanie dachte sofort an ihre Tanzübungen für den Hochzeitstanz im Garten ihrer Eltern zurück. Diese Erinnerungen waren so weit weg, als ob sie aus ihrem früheren Leben stammen würden. Nur dieses Mal beherrschte George die Schritte perfekt und ließ ihre Füße heil.
„Ich sehe, du hast fleißig geübt“, lobte Melanie ihn.
„Nein, ich habe es nur endlich begriffen“, entgegnete George und konnte seine Augen nicht mehr von ihrem Gesicht abwenden. Er hatte im vergangenen Jahr oft an sie gedacht. Meistens waren seine Gedanken voller Wut gewesen. Aber wenn er im Bett gelegen und den wolkenlosen Nachthimmel durch das Fenster beobachtet hatte, war sein Geist sehnsüchtig zu dem einen hellen Stern geflogen, den er versucht hatte zu halten, und an dem er sich am Ende schmerzlich verbrannt hatte. Und genau jetzt strahlte ihn dieser leuchtende Stern wieder an und zog ihn mit aller Gewalt in seinen Bann.
Melanie hörte ihrem ehemaligen Verlobten aufmerksam zu, der von seinen Erlebnissen in Marokko berichtete: wie er zusammen mit den anderen Studenten viele einzelne Nächte in der Sahara verbracht und das weite Universum durch ihre Teleskope beobachtet hatte. Kein Rauch und kein Licht der Straßenlaternen hatten sie bei ihren Studien gestört. George erzählte davon, dass die Sahara ein magischer Ort war, an dem das Leben und der Tod sich begegneten. Wenn man sich ohne Wasser in die Wüste begab, dann erwartete einen der sichere Tod. Und dennoch lebten dort unterschiedliche Tiere wie Skorpione, Schlangen oder Fenneks, kleine Wüstenfüchse. Melanie sah George voller Staunen an und lächelte immer wieder. Sie konnte von seinen Geschichten über den weit entfernten Orient nicht genug bekommen und wollte ihm am liebsten stundenlang zuhören. George redete immer weiter und führte Melanie galant durch den Saal. Dabei musste er sich eingestehen, dass, obwohl sie ihn zutiefst verletzt hatte, er sie immer noch liebte. Sein jämmerlicher Versuch, sich heute Abend von ihr fernzuhalten, war kläglich gescheitert. Denn sie war jetzt bei ihm und schenkte ihm ihre gesamte Aufmerksamkeit. Am Ende tanzten die beiden eine halbe Stunde miteinander, ohne ein einziges Wort über ihre Trennung zu verlieren. Denn sie waren wieder vereint und ungeheuer glücklich darüber, gemeinsame Zeit zu verbringen.
Unterdessen stand der Bräutigam zusammen mit seinen beiden besten Freunden am Rande der Tanzfläche und sie tranken gemeinsam auf die Ehe, denn ab sofort waren sie alle drei verheiratet. Ein Umstand, den sie wohl nicht so schnell erwartet hatten. Das berüchtigte Trio war endlich erwachsen geworden. Sie lachten feuchtfröhlich und machten Späße darüber, wer von ihnen als Erster die Scheidung einreichen würde, als Vincent urplötzlich ernst wurde und seine Augen rieb.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Richard ihn.
„Ich bin mir nicht sicher“, entgegnete er und sah entsetzt auf die Tanzfläche. „Es ist, als ob ich soeben durch ein Zeitportal gefallen wäre und nun in die Vergangenheit blicken würde.“
„Und was genau siehst du da?“, fragte Richard amüsiert und drehte sich um. Und nun sah er es ebenfalls. Sein größter Albtraum war soeben wahr geworden. Er blieb wie gelähmt stehen und starrte fassungslos auf den ganz besonderen Gast..
„Was tut dieser verfluchte George von Bellagarde hier?“, zischte er bedrohlich und ließ seinen Rivalen nicht mehr aus den Augen.
„Ich habe George zu meiner Hochzeit eingeladen“, gestand Henri offen.
„Du hast was?! Und wann wolltest du uns darüber informieren?“, warf ihm Vincent vor.
„Leute, was ist denn schon dabei? Der Mann ist Single, genau wie meine Schwester. Und ich habe vor, die beiden heute Abend zu verkuppeln“, antwortete der Bräutigam unschuldig.
„Toller Verkupplungsversuch, Henri!“, fuhr Vincent ihn an. „Wo ist Jasmina in diesem Augenblick? Und wieso tanzt sie nicht mit George?“
„Keine Sorge, ich gehe sie gleich holen und dann regle ich das schon. Denn schließlich bin ich der beste Verkuppler auf dem gesamten Planeten“, beschwichtigte Henri ihn.
„Nein, du bist der schlechteste Freund auf dem gesamten Planeten“, berichtigte Vincent ihn aufgebracht. „Du kannst doch nicht den Ex von Richards Frau einladen! Besonders nicht, wenn es sich um ihren ehemaligen Verlobten handelt, und dann nach der ganzen Geschichte mit den Dreien!“
„Soll ich George etwa nicht schleunigst unter die Haube bringe?“, fragte Henri vorwurfsvoll. „Ich will den Mann verheiraten, und zwar mit der perfekten Frau für ihn, und ihr Name lautet Jasmina.“
„Es wäre besser, wenn du das George so schnell wie möglich beibringen würdest, denn momentan gilt seine Aufmerksamkeit der falschen Person“, sagte Vincent erzürnt.
Henri hob beschwichtigend die Hände und wollte soeben etwas darauf erwidern, als er Richards gefährlichen Gesichtsausdruck bemerkte und besorgt zu ihm sah.
„Genug jetzt! Die beiden tanzen definitiv zu lange miteinander“, sprach Richard und machte Anstalten, auf die Tanzfläche zu gehen. Vincent und Henri hielten ihn mit voller Kraft zurück.
„Ich weiß, du bist ein professioneller Hochzeits-Crasher, aber diese Feier verdirbst du nicht!“, wies Vincent ihn zurecht. „Nicht diese Hochzeit! Verstanden?“
Es kostete Richard seine gesamte Vernunft und Willenskraft, um nicht sofort auf George zuzustürmen und ihn für immer aus seinem Schloss zu verbannen. Es blieb ihm jetzt nichts anderes übrig, als sich zu beherrschen. Aber eines war ganz sicher: Er würde später mit seiner Frau eine ernste Unterhaltung führen.
Kapitel 63 Der Wunsch
9. Oktober 1876
Am Morgen nach der Hochzeit wachte Melanie in ihrem Ehebett auf und stellte überrascht fest, dass sie allein darin lag. Offenbar war ihr Mann ohne sie aufgestanden und hatte das Schlafgemach bereits verlassen. Sie wunderte sich sehr darüber, denn das sah Richard so gar nicht ähnlich. Normalerweise würde er sie mit Küssen wecken oder zumindest warten, bis sie von allein aufwachte, um gemeinsam mit ihr ein Schäferstündchen zu halten. Heute leider nicht. Melanie seufzte und schlenderte etwas enttäuscht ins Bad. Nach der Morgentoilette fand sie Richard schließlich im Salon beim Frühstücken vor.
„Guten Morgen“, begrüßte sie ihn mit einem liebevollen Lächeln. Ihr Ehemann blickte kurz von seiner Zeitung zu ihr hoch und las dann unbeirrt weiter. Richards Verhalten irritierte sie und Melanie wurde langsam unsicher.
„Was liest du da, Liebling?“, wagte sie einen zweiten Versuch, ein Gespräch zu beginnen. Er schwieg weiterhin und ignorierte ihre Frage. Anschließend faltete er die Zeitung sorgfältig zusammen und legte sie beiseite. Dann trank er einen Schluck von seinem Kaffee, lehnte sich in dem Stuhl zurück und sah mit ernstem Gesicht zu seiner Frau herüber.
„Du und George, ihr habt euch gestern sehr lange miteinander unterhalten. Worüber denn?“, fragte er direkt und ließ sie nicht aus den Augen.
Melanie atmete tief aus. Mit einer verbalen Auseinandersetzung mit ihrem Ehemann hatte sie gerechnet, aber nicht gleich so früh am Morgen.
„Er hat mir von seinem Auslandssemester in Marrakesch berichtet“, antwortete sie wahrheitsgemäß.
„Soso, er war also in Afrika. Konnte er dort nicht für immer bleiben?“, bemerkte Richard bissig. „Stattdessen kehrt er wieder und das Erste, was ihm einfällt, ist, sich an dich ranzuschmeißen.“
„Ich versichere dir, dass das nur ein Gespräch unter Freunden gewesen ist“, beteuerte Melanie unschuldig.
„Lüg nicht“, zischte Richard bedrohlich. „Das war hundertprozentig mehr als nur ein Gespräch unter Freunden. Ihr habt recht lange zusammen getanzt.“
Melanie wurde allmählich wütend. Niemand nannte sie eine Lügnerin.
„Nochmal: George und ich sind nur Freunde. Ich will absolut gar nichts von ihm“, sagte sie beherrscht.
Richard schaute leicht belustigt zur Seite, stand auf und stolzierte zum Fenster. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm ein paar Züge, bevor er weitersprach.
„Ich wünsche mir von dir, dass du dich nicht mehr mit George unterhältst“, sagte er in aufforderndem Ton.
„Das kannst du unmöglich von mir verlangen“, antwortete Melanie amüsiert.
„Des Weiteren wünsche ich mir von dir, dass du dich von anderen Männern fernhältst und dich nicht mehr in unsere Unterhaltungen einmischst, wie zuletzt bei der Siegesfeier der FSP“, sprach Richard unbeirrt weiter und sah dabei aus dem Fenster.
„Niemals!“, schleuderte Melanie ihm entgegen. Glaubte er tatsächlich, er könnte ihr vorschreiben, wie sie sich zu verhalten hatte?
„Und zuletzt wünsche ich mir, dass du dich weniger auf deine Organisation und mehr auf deine Rolle als Mutter unseres Sohnes konzentrierst. Meiner Meinung nach überlässt du Gabriel zu oft der Obhut des Kindermädchens. Damit soll Schluss sein“, beendete Richard seine Wunschliste.
„Lächerlich. Ich kann sowohl eine gute Mutter sein als auch eine Organisation leiten. Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe!“, sagte sie laut und verlor endgültig die Beherrschung.
Richard drehte sich abrupt um und marschierte auf sie zu. Er blieb unmittelbar vor ihr stehen, beugte sich hinunter und sah sie warnend an. Melanie wich seinem stechenden Blick nicht aus und ließ sich davon nicht einschüchtern.
„Oh doch, meine Teure, das kann ich“, warnte er sie, richtete sich wieder auf und verließ den Salon.
Melanie atmete schwer. Sie schnellte hoch und lief im Raum wütend auf und ab. Ans Frühstücken war nicht mehr zu denken. Warum zum Donner noch mal wollte Richard sie unterwerfen? Er wusste, dass sie sich niemals geschlagen geben würde. Weshalb verlangte er dann von ihr, dass sie alles für ihn aufgab? Ihre Errungenschaften als Geschäftsfrau, ihren Tatendrang, in der Politik etwas zu bewirken, und ganz besonders ihre Freiheit? Er verbot ihr den Umgang mit George. Und dabei wollte sie ihren Freund nicht erneut verlieren. Und wegen der Sache mit der Mutterschaft musste sie sich selbst eingestehen, dass sie mit ihrer Aufgabe als Mutter nicht vollkommen glücklich war. Melanie liebte ihren Sohn über alles und sie verspürte auch den starken Drang nach beruflicher Erfüllung. Sie war dem Schicksal unendlich dankbar, reich zu sein und rund um die Uhr ein Kindermädchen beschäftigen zu können, sonst hätte sie definitiv keine Zeit für ihre Organisation gefunden. Nein, für Melanie stand es fest: Sie würde Richards Wünschen nicht freiwillig nachkommen. Denn sie hatte ebenfalls einen Wunsch: Sie wollte, dass er ihr vertraute und sie in ihrem Leben nicht einengte. Zum Schluss setzte sie sich doch noch an den Frühstückstisch und nahm etwas zu sich. Danach begab sie sich sofort in das Kinderzimmer. Der kleine Gabriel schlief in seinem Bettchen und Melanie betrachtete sein friedliches Gesicht. Er war für sie das Wertvollste auf der Welt; niemals würde sie ihn vernachlässigen. War sie wirklich eine miese Mutter, die lieber an ihre Arbeit dachte als an ihr Kind? Melanie schaute aus dem Fenster nach draußen und runzelte die Stirn. Warum hatte sie plötzlich ein schlechtes Gewissen? Sie tat nichts anderes als Richard auch: ein Kind großziehen und gleichzeitig ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Wieso wurde es bei ihm einfach akzeptiert, wohingegen sie mit Vorwürfen konfrontiert wurde?
„Gleichheit“, sprach Melanie leise und schüttelte den Kopf. „Davon sind Männer und Frauen noch weit entfernt.“
Im nächsten Augenblick kam Richard ins Kinderzimmer und sah überrascht zu seiner Frau. Er war hergekommen, weil er ebenfalls nach seinem Sohn sehen wollte, bevor er in die Stadt aufbrach.
„Wie, noch nicht bei der Arbeit? Oder bei George?“, fragte er höhnisch.
Melanie sah ihn ernst an und stellte sich ihm gegenüber. Dann gab sie ihm einen innigen Kuss und obwohl Richard immer noch wütend auf sie war, konnte er ihrem Charme nicht widerstehen. Er umarmte sie an der Taille und atmete ihren Duft tief ein.
„Bitte vertraue mir“, flüsterte Melanie und schaute ihm dabei in die Augen.
„Erinnerst du dich noch an mein Versprechen?“, fragte er streng.
„Ja, das tue ich und habe es verstanden. Du musst mir trotzdem vertrauen. Wir beiden müssen uns gegenseitig vertrauen“, erklärte sie sanft.
„Vertrauen ist etwas, das man sich verdienen muss. Kontrolle verschafft einem Gewissheit“, entgegnete Richard trotzig.
„Vor allem verschafft Kontrolle verletzte Gefühle auf beiden Seiten. Sie ist demnach nicht sonderlich hilfreich in einer Beziehung. Bitte vertraue mir, Richard. Ich liebe nur dich“, redete Melanie eindringlich auf ihn ein.
„Nein, das stimmt nicht“, widersprach er ihr. „Du liebst George ebenfalls. Das hast du damals selbst zugegeben und ich habe es nicht vergessen.“ Dann löste er sich von ihr und verließ den Raum.
Seine Frau schaute ihm traurig hinterher und bekam ein noch schlechteres Gewissen. War sie überhaupt in der Lage, es irgendeinem Mann recht zu machen? Sie beschloss, ihre Aufgaben für die Organisation heute ruhen zu lassen und verbrachte stattdessen den gesamten Tag mit ihrem Sohn.
Kapitel 64 Das Leuchten
20. Oktober 1876
Bereits in der ersten Woche nach seiner Rückkehr erkannte George, dass der dunkle Vorlesungssaal in seiner alten Hochschule einen gewaltigen Unterschied zu den hellen Gelehrtenräumen der Universität in Marrakesch darstellte. Er vermisste es, bequem auf einem Teppich zu sitzen und dem Unterricht des Hakims Said bin Rashid zu folgen. Der weise Gelehrte war im Laufe seines Jahres in Marokko ein guter Zuhörer und Freund für George geworden. Der hochgebildete Mann, der stets einen hellen Kaftan trug, hatte bereits zu Beginn ihres Kennenlernens bemerkt, dass seinen neuen Studenten etwas bekümmerte. George wirkte oft gedankenverloren und betrübt. Nach einem Monat sprach Said bin Rashid den jungen Mann aus dem Norden darauf an und er antwortete ehrlich, dass eine Frau ihm die Gedanken vernebele. George erzählte ihm davon, dass er vorgehabt habe, eine junge Dame zu heiraten, die ihn aber am Ende für einen anderen Mann verlassen habe. Der Hakim verstand, dass George an einem gebrochenen Herzen litt und er deswegen aus seiner alten Heimat geflohen war. Said bin Rashid zeigte Mitgefühl und erklärte George, dass er sich früher oder später seiner Angst stellen müsse, egal wie schmerzhaft es auch sein möge; sonst würde er von seiner Furcht auf ewig beherrscht werden. Er könne nie einen Neuanfang wagen, wenn die Vergangenheit ihn weiterhin verfolge. Deshalb war George wieder zurückgekehrt, weil er auf den Rat seines Freundes und Lehrers gehört hatte. Aber wohin hatte ihn das bis jetzt gebracht? Er saß nun in dem alten Vorlesungssaal und hörte dem Professor Joseph Assange zu. Das Thema heute lautete Wahrscheinlichkeitsrechnung, doch George dachte immerzu nur an eine einzige Person: Melanie. Warum tat er sich das freiwillig an? Sie war jetzt verheiratet und Mutter eines kleinen Jungen; da war kein Platz mehr für ihn in ihrem Leben. Trotzdem fragte er sich seit über zwei Wochen, wie er sie bloß wiedersehen könnte. George hatte das Gefühl, er hätte seine Angst nur vergrößert, statt sie zu beseitigen. Aber weswegen? Vermutlich lag es an dem einen Satz, den Melanie ihm damals gesagt hatte, als sie ihn verließ: „George, ich liebe dich.“ Sie liebte ihn. Nicht verachten oder hassen oder verabscheuen, sondern lieben. Und bei ihrem gemeinsamen Tanz auf Henris und Veronikas Hochzeitsfeier hatte sie ihn angesehen wie früher, als sie noch seine Verlobte gewesen war und er sich eine Zukunft mit ihr vorgestellt hatte. Wieso konnte sie ihn nicht wie einen überflüssigen Sack Mehl oder Ähnliches behandeln? Ihn einfach ignorieren und nichts mehr von ihm wissen wollen? Doch das Gegenteil war der Fall. Melanie zeigte Interesse an seinen Erzählungen und schenkte ihm Aufmerksamkeit. Warum? Liebte sie ihn etwa immer noch? Vielleicht hatte dieser gemeine Richard sie zu der Heirat mit ihm gezwungen? Vermutlich hatte sie damals keine andere Wahl gehabt. Der Gedanke ließ George nicht mehr los.
„So, nachdem wir die Formel nach diesem mathematischen Prinzip gelöst haben, lautet das Ergebnis 0,02. Was ziemlich gering ist“, sprach Monsieur Assange laut aus und holte George aus seinen Tagträumen. „Wenn Sie also im Leben ein Vorhaben realisieren wollen, das nur eine Wahrscheinlichkeit von 0,02 Prozent auf Erfolg hat, dann lassen Sie es lieber sein.“
Die Studenten lachten heiter bei dieser Bemerkung und George wurde plötzlich klar, dass seine Erfolgschancen bei Melanie vermutlich ebenfalls von Beginn an aussichtslos gewesen waren.
„Wenn man aber bedenkt, dass vor über einem Jahr die Chancen für Frauen, das Wahlrecht zu bekommen, bei nahezu null standen, dann hat uns die Geschichte eines Besseren belehrt. Denn wie wir alle wissen, haben die Frauen inzwischen das Recht zu wählen, und das bedeutet, dass, obwohl wir eine Sache zuvor als unwahrscheinlich betrachteten, sie nicht automatisch unmöglich sein muss“, erklärte der Professor und blickte in die jungen Gesichter seiner Schützlinge. Sie repräsentierten die Zukunft dieses Landes und deswegen würde Joseph genau hier den Kerngedanken anzustoßen.
„Was denken Sie: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen schon bald eine Universität besuchen dürfen?“, fragte er plötzlich und war nicht überrascht zu sehen, wie die jungen Männer schmunzelten.
„Diese Frage wurde von mir im Ernst gestellt. Also, was schätzen Sie?“, forderte er sie erneut auf.
„In Ordnung, Professor“, begann ein gutaussehender Student mit blonden Locken zu sprechen, der in der ersten Reihe saß. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen genau wie wir Männer den höheren Bildungsgrad erreichen können, ist nicht nur gering, die Sache ist in der Tat unmöglich.“
„Warum?“, hakte Joseph Assange nach.
„Weil sie nicht intelligent genug sind, um komplexere Berufe zu ergreifen, wie die eines Physikers oder Arztes. Man braucht Jahre in der Schule und später auf der Universität, um beispielsweise ein Jurist oder Politiker zu werden. Diese Möglichkeit steht den Frauen schon als kleinen Mädchen nicht zur Verfügung. Sie besuchen entweder keinen Unterricht oder tun es nur bis zum Ende der Grundschule. Somit fehlt ihnen die Hochschulreife, um an einer Universität aufgenommen zu werden. Demzufolge stehen den Frauen einige Hürden im Weg, bevor sie sich Doktorin nennen dürfen“, erläuterte der junge Mann.
„Hört, hört“, stimmte ihm sein Sitznachbar zu, der eine Vorliebe für Schnauzbärte hatte und selbst einen trug. „Die Frauen haben in unserer Gesellschaft eine andere Rolle als Männer. Sie sind für die Kinder und den Haushalt zuständig. Und da kommen wir schließlich auch nicht auf die Idee, uns in deren Angelegenheiten einzumischen.“
Allgemeines Kopfnicken war zu sehen und bejahendes Gemurmel zu hören. Ein Student aus der fünften Reihe ergriff plötzlich das Wort und ergänzte: „Das wäre ja noch schöner, wenn man die Geschlechterrollen tauschen würde. Also, ich hätte keine Lust, den ganzen Tag auf weinende Bälger aufzupassen, während meine Frau als Chemikerin das Geld nach Hause brächte.“
Die anderen Kommilitonen lachten laut.
„Und was halten Sie von der Idee, die Geschlechterrollen zu vermischen?“, warf Joseph Assange die nächste Frage in die Runde.
„Vermischen?“, wiederholte der blondgelockte Student. „Wie soll das funktionieren?“
„Indem jede Familie den Weg einschlägt, den sie für sich als richtig erachtet. Damit meine ich, dass wenn eine Frau sich dafür entscheidet, Anwältin zu werden, sie dies dann tun dürfen sollte. Und wenn ein Mann seine Berufung darin findet, seine Kinder großzuziehen, dann sollte auch er dafür die Anerkennung und Würdigung aus der Gesellschaft erhalten. Es könnten aber auch beide Elternteile berufstätig sein und sich die Betreuung der Kinder teilen.“
Nachdenkliches Schweigen erfüllte den Raum. Joseph Assange suchte in der Menge nach einem bestimmten jungen Mann und fand ihn in der achten Reihe neben dem Fenster sitzend.
„Monsieur von Bellagarde, wie ist Eure Meinung zu diesem Thema?“, wollte der Professor wissen.
George war etwas überrascht, persönlich angesprochen zu werden, antwortete aber: „Ich halte gar nichts davon, dass Frauen die Universität besuchen.“
„Weshalb nicht?“, wollte Monsieur Assange wissen und wirkte sichtlich verwundert über Georges Einstellung, denn bis jetzt hatte er den jungen Studenten für liberal gehalten.
„Weil Frauen intelligenter sind als wir Männer. Und wenn wir ihnen den Zugang zur höheren Bildung erlauben, dann erschaffen wir uns eine neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt“, erläuterte George und erhielt für seine Äußerung ungläubige Blicke von seinen Kommilitonen.
„Habe ich das richtig verstanden?“, fragte der Professor nach. „Ihr seid der Ansicht, dass Frauen klüger seien als wir Männer und uns beruflich übertreffen könnten?“
„Ja, das ist korrekt“, gab George offen zu. Die anderen im Raum tuschelten plötzlich lauter miteinander und einige schüttelten abwertend ihre Köpfe.
„Das ist wirklich interessant“, merkte Joseph Assange an und sah nachdenklich zu George.
Unterdessen war eine hitzige Debatte unter den Studenten entflammt. Die einen gaben George Recht und die anderen wiederum zogen die Vorstellung, dass Frauen den Männern überlegen wären, ins Lächerliche.
„Bevor wir weiter über das andere Geschlecht reden, sollten wir lieber mit den Frauen selbst sprechen und uns ihre Meinung dazu anhören!“, rief Monsieur Assange laut, um die Stimmen zu übertönen. Die Studenten wurden allmählich wieder leiser. Der Professor wartete kurz, bis die letzten Gespräche verstummt waren, schaute dann nach oben in die hinterste Reihe und sagte: „Madame von Crussol, erweist Ihr uns bitte die Ehre und teilt uns Eure Gedanken zu diesem Thema mit?“
George glaubte, sich verhört zu haben, und wirbelte blitzschnell herum. Auch die anderen Studenten drehten ihre Köpfe nach hinten und erblickten eine junge Dame, die ganz oben angelehnt auf einem Stuhl saß und die feurige Diskussion soeben aufmerksam verfolgt hatte. George weitete seine Augen und sein Herz pochte schneller. Es war tatsächlich Melanie. Sie erhob sich langsam von ihrer Sitzgelegenheit und schritt souverän die Treppe hinunter. Schweigend blickten die jungen Männer ihr hinterher und keiner wagte, nur einen Ton von sich zu geben.
„Wahnsinn. Das schwarze Loch höchstpersönlich“, flüsterte ein Student. George saß direkt neben ihm und schaute ihn daraufhin fragend an. Sein Kumpel erklärte ihm leise: „So nennen wir sie, seitdem sie dich kurz vor eurer Hochzeit sitzengelassen hat. Du musst wissen, dass ihr der Ruf einer Männerfresserin anhaftet, und du bist eines ihrer Opfer.“
George starrte ihn fassungslos an. Während er Melanie als hellen Stern betrachtete, bezeichnete der Rest der Uni sie als das schwarze Loch. Noch gegensätzlicher ging es wohl kaum. Inzwischen hatte die Herzogin von Crussol das Podium erreicht und nickte Monsieur Assange dankend zu. Dann drehte sie sich um und sah auffordernd in die Menge. Sie trug einen hellbraunen Mantel mit Stehkragen und dazu schwarze Hosen und Reitstiefel. Melanie stand selbstsicher da und ließ die Kraft der Stille wirken. Alle schauten gebannt zu ihr. Dann ging sie langsam zu der ersten Reihe, wo der Student mit den blonden Locken saß, hielt vor ihm an und sagte: „Nennen Sie mir einen Grund, der mich daran hindern sollte, direkt neben Ihnen Platz zu nehmen und an dieser Vorlesung teilzunehmen?“
Der Angesprochene sah mit offenem Mund zu ihr hoch und wurde von ihrem stechenden Blick gefangen genommen. Ihm viel partout nichts ein, was er auf ihre Frage antworten konnte.
„Keine Einwände? Gut“, stellte Melanie fest und ließ ihren Worten Taten folgen. Sie nahm galant neben ihm Platz und schaute nach vorn, während der blonde Student sie weiterhin angaffte. Sie hatte extra für den heutigen Anlass ihr bestes Parfüm aufgelegt, das nicht aufdringlich roch, sondern erhaben. Nach einigen Sekunden drehte sie ihren Kopf zu dem jungen Mann und lächelte reizvoll.
„Gar nicht mal so schlecht, oder?“, fragte Melanie ihn und der blonde Student grinste. „Können Sie sich vorstellen, dass ich jeden Tag hier neben Ihnen sitze?“
„Vorstellen ja, aber dann hätte ich Mühe, dem Unterricht zu folgen“, antwortete er und erntete dafür das Gelächter der anderen. Auch Melanie schmunzelte.
„Abgesehen davon: Halten Sie mich für intelligent genug, um die Hochschulreife zu erlangen und später zu studieren?“, hakte sie weiter nach. Sie schaute ihn durchdringend an und dem Studenten blieb der Atem weg.
„Ja, Ihr scheint eine aufgeweckte Frau zu sein“, antwortete er und war von ihrem betörenden Duft wie betäubt.
„Das freut mich zu hören“, sprach sie leise und lächelte breit.
Die übrigen Anwesenden wurden von ihrem Strahlen geblendet. Wenn Melanie schon den Ruf einer Männerfresserin hatte, dann wollte sie ihn für sich nutzen und etwas Gutes damit in Gang bringen. Sie stand wieder auf und schritt nach vorn. Anschließend drehte sie sich zum Publikum um und sprach laut und deutlich: „Ich will ehrlich sein. Dass ich hier eines Tages mit Ihnen zusammen studiere, ist eher unwahrscheinlich. Dafür müsste sich noch so einiges ändern. Sie haben recht: Die jungen Frauen brauchen nicht nur die abgeschlossene Grundschule, sondern die Hochschulreife, um sich an einer Universität einschreiben zu können. Und nur Sie haben die Chance, dies wahr werden zu lassen, indem Sie sich dafür einsetzen. Denn wäre es keine gute Vorstellung, wenn später Ihre Töchter und Enkeltöchter das Privileg genössen zu studieren, um beispielsweise den Beruf einer Richterin zu ergreifen? Denken Sie mal darüber nach. Ich persönlich hätte gern studiert und diesen Vorlesungssaal mit Ihnen geteilt.“
Sie beendete ihren Vortrag und sah wieder zu dem hübschen, blonden Mann in der ersten Reihe. Er hielt die Luft an und wünschte sich, sie würde wieder neben ihm Platz nehmen. Stattdessen sah sich Melanie im großen Raum um. Die jungen Männer sahen gebannt zu, so wie Motten zum Licht flogen. Nach einer kurzen Weile entdeckte Melanie George und blickte ihm direkt in die Augen. Ihr Ex-Verlobter schaute sie voller Sehnsucht an und in diesem Augenblick begriff er, dass sie wirklich ein schwarzes Loch war: ein kollabierter Stern, der mehr Anziehungskraft besaß als jedes andere Objekt im Universum, und er war vollends in seinem Sog gefangen.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit“, sprach Melanie schließlich und marschierte galant aus dem Vorlesungssaal hinaus. Ohne Applaus und ohne Empörung. Leise und kraftvoll wie ein Neutronenstern. Als sie nicht mehr zu sehen war, fingen im Saal sofort laute Gespräche an. Die Studenten unterhielten sich aufgeregt darüber, in Zukunft den Frauen den Zugang zu höherer Bildung zu erlauben. Der blonde Mann in der ersten Reihe war immer noch wie in Trance und wollte der jungen Herzogin am liebsten hinterherlaufen. George hingegen saß schweigend auf seinem Platz und schaute aus dem Fenster nach draußen. Er sah, wie Melanie das Gebäude verließ und auf ihr Pferd Nero aufstieg. Dann sah sie in Georges Richtung und lächelte ihn liebevoll an. Und das Gefühl für Raum und Zeit verschwand.
Kapitel 65 Der Fortschritt
1. November 1876
Das grässliche Novemberwetter tobte vor den Fensterscheiben und jagte jeden Spaziergänger schnell ins Innere eines warmen Hauses. Melanie saß an ihrem Schreibtisch in ihrem Arbeitszimmer, das sie sich im Gebäude ihrer Ausbildungsstätte eingerichtet hatte, und ging die Finanzen durch. Sie war vor einem halben Jahr in das Immobiliengeschäft eingestiegen und ihre Geschäfte liefen gut. Die regelmäßigen Mieteinnahmen waren ausgezeichnet und die erworbenen Häuser hatte sie nach den Renovierungsarbeiten mit hohem Gewinn wiederverkauft. Zudem ließ sie zurzeit ein nobles Hotel am grünen Rande der Stadt bauen, um es in Zukunft als sichere Einnahmequelle zu etablieren. Die geplanten Zweck für das Hotel waren Entspannung und Regeneration. Die wohlhabenden Bürger aus der stressigen Großstadt bekämen dann eine Möglichkeit geboten, sich unweit von ihrem Zuhause für ein paar Tage in der Natur zu erholen. Melanie war soeben mit ihrer Berechnung fertig geworden, als es an der Tür klopfte.
„Herein“, rief sie und erblickte eine junge Frau, die schüchtern in das Arbeitszimmer trat. Melanie erkannte ihr Gesicht sofort. Es handelte sich um dieselbe Dame, die sie damals im Armenhaus angesprochen hatte, um ihre Lebensgeschichte zu erfahren. Seitdem hatte sich die Fremde gewandelt. Sie trug saubere Kleidung und ihr Äußeres war sehr gepflegt.
„Guten Tag, Madame. Hoffentlich störe ich Euch im Augenblick nicht“, sagte sie verlegen.
„Nein, keineswegs. Kommen Sie und setzen Sie sich bitte“, entgegnete Melanie und zeigte mit ausgestreckter Hand auf den leeren Besucherstuhl gegenüber ihrem Schreibtisch. Die Frau nahm Platz und die Herzogin fragte sie nach ihrem Namen. Sie hieß Irina Pablova und war mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt.
„Ich bin hier, um mich bei Euch zu bedanken, Madame von Crussol. Dank Eurer Bemühungen haben mein kleiner Sohn und ich ein neues Zuhause gefunden. Die Sozialwohnung ist günstig genug, dass wir sie uns leisten können. Außerdem werde ich in wenigen Monaten meine Ausbildung zur Näherin abschließen und in der Lage sein, eine gute Arbeitsstelle zu suchen, während mein kleiner Stephan in einem Kindergarten betreut wird, und das absolut kostenlos. Ohne Eure Hilfe wäre das gar nicht möglich gewesen. Als wir uns vor einem Jahr im Armenhaus begegnet sind, hätte ich niemals geglaubt, dass mein Sohn und ich ein gutes Leben führen würden. Aber jetzt blicke ich positiv in die Zukunft“, erklärte Irina und strahlte puren Optimismus aus.
Melanie stiegen Tränen in die Augen. Der Dank dieser Frau war ihr mehr wert als jede Ehrung dieser Welt. Endlich erntete sie die Früchte ihrer Arbeit und es motivierte sie, weiterzumachen.
„Danke schön. Es bedeutet mir unglaublich viel, dies zu hören“, sagte Melanie und schenkte der jungen Frau ein warmes Lächeln. Sie sprachen eine ganze Weile über das Muttersein und die damit verbundenen Freuden und Pflichten, als es erneut an der Tür klopfte und Melanie überrascht dahin blickte.
„Sie können eintreten“, sagte sie laut. Die Tür ging auf und George betrat den Raum. Er bemerkte, dass Melanie momentan eine Besucherin empfing, und entschuldigte sich für die Störung. Er wandte sich wieder zum Gehen, aber Melanie hielt ihn zurück.
„Ist schon in Ordnung, bleib hier. Madame Pablova und ich sind fürs Erste fertig“, erklärte sie und verabschiedete sich sogleich von der Frau. „Danke für Ihren Besuch. Wir bleiben in Kontakt, um uns näher auszutauschen.“
„Liebend gerne, Eure Durchlaucht. Auf Wiedersehen“, entgegnete Irina Pablova und verließ daraufhin den Raum.
George schaute sich kurz im Arbeitszimmer um. Es war sehr rustikal eingerichtet: die Möbel dunkelbraun, der Schreibtisch groß und massiv. Und der Chefsessel hinter dem Tisch aus dunklem Leder hatte so gar nichts mit weiblichem Touch am Hut.
„Möchtest du etwas trinken?“, bot Melanie ihm an und ging zu der Minibar.
„Wie schön, Alkohol gibt es ebenfalls. Melanie führt in der Tat ein Leben wie ein Mann“, dachte George insgeheim und antwortete: „Einen Scotch, bitte.“
Sie schenkte ihm etwas vom schottischen Whisky in ein Glas ein und reichte es ihm.
„Woher wusstest du, wo du mich findest?“, fragte Melanie neugierig.
„Ach, ich habe einfach meine Kenntnisse über den aktuellen Klatsch und Tratsch auf den neuesten Stand gebracht und dabei sehr interessante Dinge über dich erfahren“, antwortete George grinsend.
„Da bin ich aber gespannt. Erzähl mal“, forderte sie ihn auf und setzte sich wieder in ihren Chefsessel.
George nahm auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz und berichtete: „Es heißt, du wärst eine Männerfresserin und eine Männerdiebin.“
„Der Klassiker“, kommentierte Melanie gelangweilt und saß lässig in ihrem Sessel.
„Außerdem wäre deine Organisation ,Ma Grande Sœur‘ nur Scharade und solle von deiner wahren Absicht ablenken“, sprach George weiter.
„Und die wäre?“, fragte Melanie stirnrunzelnd.
„Dir einen guten Ruf in der Gesellschaft zu erkaufen. Aber die feinen Damen haben dies schon längst durchschaut und denken gar nicht daran, dich in ihren Reihen zu akzeptieren“, sagte George und trank seinen Scotch.
„Hm, hat dir das deine Mutter erzählt?“, wollte Melanie wissen und schmunzelte.
„Du hast es erraten“, bestätigte George.
Sie verdrehte daraufhin die Augen. Die Gräfin von Bellagarde verachtete die Herzogin von Crussol außerordentlich, wenn sie so etwas über sie behauptete.
„Wie läuft eigentlich dein Geschäft mit der Pferdezucht?“, wechselte George das Thema.
„Schlecht“, entgegnete Melanie. „Meine Stuten haben zwar kerngesunden und prächtigen Nachwuchs auf die Welt gebracht, aber mögliche Interessenten sind nicht vorzufinden. Denn wie du bereits weißt, bin ich zurzeit nicht salonfähig. Und deswegen meide ich Soiréen. Mein soziales Netzwerk innerhalb der Upperclass lässt zu wünschen übrig. Ich habe jetzt insgesamt fünf junge Pferde, weil eine der Stuten Zwillinge geboren hat, aber keinen einzigen möglichen Käufer.“
„Verstehe“, sagte George und schaute kurz auf den Schreibtisch. „Soll ich für dich den Vertrieb übernehmen? Ich bekomme die Fohlen bestimmt zu einem guten Preis verkauft“, schlug er vor.
„Das würdest du tun?“ Sie war sichtlich überrascht.
„Ja, das wäre sozusagen mein Beitrag für deine Organisation“, machte George ihr das Angebot.
Melanie schaute ihn eine kurze Weile nachdenklich an und sagte dann: „Einverstanden. Ich erlaube dir auch, eine Vermittlungsprovision einzustreichen.“
George lächelte zufrieden und dachte: „Geschäftspartner wie in alten Zeiten.“
„Gut, dann ist es abgemacht. Ich muss langsam wieder los, eine Verabredung wartet auf mich und ich bin nur für ein kurzes Gespräch zu dir gekommen“, erklärte er und machte Anstalten zu gehen.
„Natürlich, kein Problem“, erwiderte Melanie lächelnd und begleitete ihn zur Tür. George blieb stehen und schaute ihr in die Augen, während sie ihm direkt gegenüberstand. Sie hatte sich äußerlich kaum verändert, aber ihr Charakter war wesentlich erwachsener geworden.
„Du hast übrigens einen gewaltigen Eindruck bei den Studenten an meiner Universität hinterlassen“, sagte er unerwartet. „Sie reden immer noch davon, dass sie dich gerne als Kommilitonin haben würden.“
„Tatsächlich? Auch der blonde, junge Mann mit den Locken?“, fragte Melanie belustigt.
„Vor allem der“, witzelte George und sie beide grinsten. Und wieder verspürte er großes Verlangen nach ihr. Wie gern würde er sie jetzt in seine Arme schließen und ihre vollen Lippen küssen.
„Auf Wiedersehen, George“, sagte sie leise.
„Auf Wiedersehen, Melanie“, verabschiedete er sich und schritt mit schmerzendem Herzen zur Tür hinaus. Er schlenderte langsam den Flur Richtung Hauptausgang entlang und während er die rechte Drehtür nach draußen nahm, ging im selben Augenblick durch die linke der Herzog von Crussol in das Gebäude hinein. Die beiden Männer bemerkten einander und blieben stehen. Und wenn Blicke töten könnten, dann hätten sie sich jetzt gegenseitig massakriert. Die zwei Erzrivalen drehten sich wieder um und gingen weiter ihres jeweiligen Weges. Richard raste vor Wut. Ursprünglich hatte er geplant, seine Frau bei ihrer Arbeit zu besuchen, weil er sie unglaublich vermisste, aber jetzt war er stinksauer auf sie. Ohne Aufforderung öffnete er die Tür zu ihrem Arbeitszimmer und stand wutentbrannt vor ihr. Melanie sah ihren Ehemann entgeistert an und hätte beinahe ihre Unterlagen fallen lassen.
„Was hatte George von Bellagarde hier verloren?“, herrschte er sie sogleich an. Melanie verdrehte entnervt die Augen.
„Wir hatten geschäftlich etwas zu besprechen. Er hat mir angeboten, die neugeborenen Fohlen an meiner Stelle zu verkaufen und das Geld anschließend in die Organisation einfließen zu lassen. Ich habe seinen Vorschlag angenommen. Das ist alles“, erklärte Melanie und setzte sich wieder hin.
„Wieso? Kannst du das nicht selbst? Bist du nicht mehr in der Lage, Pferde zu verkaufen?“, fragte er spöttisch.
„Nein, Richard, bin ich nicht. Wie du weißt, ist mein Ruf immer noch am Boden. Da finde ich keine Käufer“, entgegnete sie gereizt.
„Kann nicht jemand anderes für dich den Verkauf übernehmen? Muss es ausgerechnet dein Ex-Verlobter sein?“, warf Richard ihr vor.
„Nun, es hat sich zuvor niemand freiwillig gemeldet und ich habe auch niemanden gefragt“, gab Melanie offen zu. „George ist der Einzige, der mit dieser Idee zu mir kam.“
„Wieso mischt er sich in dein Leben ein? Muss ich ihn erst beseitigen, damit er endlich Ruhe gibt?“, fragte Richard wütend.
Melanie stand von ihrem Sessel auf und ging schnell auf ihn zu.
„Du wirst George kein Haar krümmen. Hast du mich verstanden?“, sagte sie drohend.
„Ich werde ihm den Hals umdrehen, wenn es sein muss, und du wirst mich nicht daran hindern!“, rief er laut.
„Dann wirst du mich unwiderruflich zu deinem Feind erklären, wenn du meinem Freund etwas antust“, zischte sie und ballte die Hände zu Fäusten.
Richard biss die Zähne zusammen. Er konnte kaum glauben, dass Melanie sich schützend vor diesen Vollidioten stellte – genau wie damals vor ihren Ehemann, als der Baron von Bouget ihm an den Kragen gewollt hatte.
„Bedeutet er dir wirklich so viel, dass du dafür unsere Ehe aufs Spiel setzt?“, fragte Richard sie und sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt.
Melanie sah ihn irritiert an. Sie hatte nie vorgehabt, ihre Ehe zu gefährden. Wie kam er jetzt darauf? Das Einzige, was sie wollte, war, dass er George keinen Schaden zufügte.
Richard bemerkte ihre Unsicherheit, kam noch näher an sie heran und flüsterte: „Ist er es wert, dass wir uns streiten?“
Sie bemerkte seinen Geruch und wurde plötzlich weich. Er legte seine Hände um ihre schlanke Taille und wisperte ihr ins Ohr: „Willst du, dass ich gehe?“
„Nein, du bleibst“, antwortete sie entschieden und umarmte ihn ganz fest. Sie fühlte, wie die Begierde sie übermannte. Richard nahm ihr Gesicht und küsste sie leidenschaftlich.
„Dann lass uns jetzt nach Hause fahren, Liebling“, sagte er und Melanie nickte. Sie verließen gemeinsam die Ausbildungsstätte und flanierten durch den Park zu Richards Kutsche, die am Straßenrand auf sie wartete.
Währenddessen stand George nicht weit vom Eingang an einen Baum gelehnt und sah verzweifelt zum grauen Himmel hoch. Seine Emotionen waren völlig aufgewühlt. Er schalt sich selbst dafür, Melanie soeben aufgesucht zu haben, denn er war im Begriff, sich vollends lächerlich zu machen. Er begehrte eine verheiratete Frau und sehnte sich mehr nach ihr als jemals zuvor. George sah, wie Melanie zusammen mit ihrem Ehemann seelenruhig spazieren ging, und seine Seele weinte. Eiskalte Regentropfen fielen auf sein Gesicht und vermochten die brennende Wut in seinem Kopf dennoch nicht zu löschen. Er hasste Richard aus ganzem Herzen dafür, dass er ihm sein Glück geraubt hatte. Und er wünschte sich, er könnte ihn von der Bildfläche verschwinden lassen. Plötzlich schlich sich ihm ein grässlicher Gedanke in den Sinn – er wollte seinen Widersacher töten.
Kapitel 66 Verborgene Kräfte
2. November 1876
Die Morgensonne brauchte im späten Herbst viel länger, um aufzustehen und ihre Sternendecke beiseitezuschieben. Die Nächte waren still und der Winter kündigte sich durch leichten Bodenfrost an. Die Fenster zum Schlafgemach des Herzogs und der Herzogin von Crussol waren beschlagen und drinnen brannte kein Licht. Richards Zunge bewegte sich von Melanies Hals hinunter zu ihrem Busen, umkreiste ihre Brustwarze und saugte dann leicht daran. Seine Frau warf ihren Kopf vor Erregung nach hinten und biss sich auf die Unterlippe. Dann liebkoste er ihre andere Brust und wanderte anschließend zu ihren Beinen. Er knabberte leicht an der Innenseite ihres linken Oberschenkels, legte dann ihr Bein auf seine Schulter und bedeckte ihre Wade mit Küssen. Melanie hielt ihre Augen geschlossen und genoss lächelnd das Vorspiel. Ihr Mann ließ das linke Bein langsam aufs Bett sinken und kam wieder zu ihr. Er nahm sie am Oberkörper hoch und setzte sie auf seinen Schoß, während er auf seinen Knien saß. Melanie spürte, wie er in sie eindrang, und stöhnte auf. Sie bewegte sich auf und ab. Streifte mit ihren Fingern durch seine Haare und küsste immer wieder seine Lippen. Richard hielt sie mit dem Arm an ihrem entzückenden Rücken fest und mit seiner Hand an ihrem knackigen Hintern. Er schenkte ihr seine ganze Liebe und Melanie brannte vor Leidenschaft. Ihre anschmiegsame Wärme, ihr betörender Geruch, ihre unwiderstehliche Stimme, ihr sinnliches Aussehen, einfach alles an ihr machte Richard süchtig. Und er wollte, dass dieser Moment niemals endete.
„Liebst du mich?“, flüsterte er und schaute sie voller Verlangen an.
„Ja, ich liebe dich“, antwortete Melanie und warf ihr Haupt nach hinten. Sie bebte vor Lust.
„Mehr als jeden anderen?“, fragte er.
„Wie keinen anderen“, sagte sie.
Richard verspürte die Explosion zwischen seinen Lenden und stöhnte auf. Er fühlte sich wie von der Erde losgelöst und zusammen mit seiner Seelenverwandten im Himmel angekommen. Er umarmte sie fest und legte seinen Kopf auf ihre Brust. Das kräftige Klopfen ihres Herzens war deutlich zu hören und Richard verliebte sich augenblicklich in das rhythmische Pochen. Dann ließen sie sich seitlich aufs Bett fallen, blieben weiterhin miteinander verschmolzen – und erfreuten sich an den ruhigen Wellen des Glücks, die über ihnen brachen. Nach einer Weile machte Richard langsam seine Augen auf und schaute Melanie an, die ganz friedlich dalag und ein leichtes Lächeln auf den roten Lippen hatte. Er berührte sie mit dem Zeigefinger zärtlich an ihrem Mund und sie öffnete die Augen.
„Ich muss los“, sagte er und machte damit deutlich, dass er sie gleich verlassen würde.
„Wohin so früh?“, fragte Melanie enttäuscht.
„Ich habe einen wichtigen Termin in der Stadt und möchte dort pünktlich erscheinen“, erklärte Richard und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Ich finde es äußerst schade, dass du jetzt aufstehen willst“, entgegnete Melanie und bewegte ihre Hüfte. Richard steckte mit seinem Penis immer noch in ihr und wurde allmählich wieder scharf. Er schloss seine Augen und genoss das feuchte Gefühl.
„Nicht will, sondern muss“, berichtigte er sie.
„Bleibe doch lieber hier bei mir“, flüsterte sie verführerisch und er war gewillt, dem nachzugeben. Er legte sich auf sie und begann, sie aufs Neue zu lieben. Melanie lächelte zufrieden und streichelte über seine muskulöse Brust und den harten Bauch. Richard richtete sich auf, nahm sie an den Oberschenkeln und glitt mit schnellen Bewegungen in sie hinein und wieder heraus. Sie krallte sich an ihrem Kopfkissen fest und versank in einem Orgasmus. Als sich ihr Körper allmählich entspannte, hörte Richard mit dem Liebesspiel auf und legte sich zu ihr auf die Seite. Melanie lag mit geschlossenen Augen da und nahm die Welt um sich herum nur gedämpft wahr, bis sie sanft ins Land der Träume schwebte. Richard betrachtete sie kurz. Mit keiner anderen Frau hatte er vorher so viel Freude am Sex gehabt wie jetzt mit ihr. Klar hatte er als erfahrener Womanizer viele heiße Affären gehabt, aber keine seiner ehemaligen Freundinnen hatte er so wahnsinnig geliebt wie Melanie. Der Geschlechtsakt verbunden mit aufrichtiger Liebe war tausendmal intensiver. Es berührte einen viel emotionaler und man verband sich mit dem geliebten Menschen zu etwas Ganzem. Richard deckte seine Frau vorsichtig zu und gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. Dann stand er auf und machte sich fertig. Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und leichter Morgennebel tauchte die Landschaft in Zwielicht. Richard stieg in seine Kutsche und nannte dem Fuhrknecht sein Ziel. Während der gesamten Fahrt dachte er an Melanie. Sein Herz gehörte ihr. Er würde für sie sterben und konnte auf gar keinen Fall ohne sie leben. Bevor er sie kennengelernt hatte, war sein Alltag sehr trist gewesen. Er hatte das Gefühl gehabt, ständig auf der Suche nach etwas oder jemandem zu sein, aber nichts von beidem zu finden. Durch einen Zufall war es ihm gelungen, Melanie zu einer Heirat mit ihm zu überreden, und seitdem dankte er dem Schicksal jeden Tag für dieses Glück.
Als die Kutsche zum Stehen kam, war es bereits Mittag und Richard war an dem vereinbarten Treffpunkt angekommen. Er stieg aus und begab sich zu der dunkelgrauen Stadtvilla, die sich über drei Etagen erstreckte und längliche Fenster besaß, ähnlich wie die in einer alten Burg. Richard berührte den massiven Türklopfer in Gestalt eines zähnefletschenden Gargoyles und klopfte zwei Mal. Ein Diener öffnete ihm und der Herzog ging unaufgefordert hinein. Er übergab dem Mann seinen Mantel und sagte selbstbewusst: „Richard von Crussol. Ich werde bereits erwartet.“
„Selbstverständlich, Eure Durchlaucht. Bitte folgt mir“, sagte der Mann und geleitete den Herzog in den obersten Stock. Beim Durchqueren der Stadtvilla stellte Richard fest, dass ihr Besitzer eine Vorliebe für das Mittelalter hatte. In den Fluren standen alte Ritterrüstungen und an den Wänden hingen Schilder aus Eisen, allerlei Schwerter, Kampfäxte und Morgensterne. Letztere waren eine Art Schlagwaffen. Der Bedienstete ließ den jungen Herzog in ein großes Arbeitszimmer eintreten, das wie eine Bibliothek eingerichtet war. Entlang der Wände standen hohe Bücherregale und die Möbel waren allesamt dunkelbraun. Auf dem Boden lag ein moosgrüner Teppich und vor den Fenstern hingen graue Gardinen aus schwerem Stoff. Der Herr des Hauses saß an seinem Schreibtisch in der Mitte des Raumes und stand augenblicklich auf, als er Richard bemerkte.
„Monsieur von Crussol, schön, dass Ihr gekommen seid. Bitte nehmt Platz“, begrüßte Albert Blauschildt seinen Gast und bat den Diener sogleich, frischen Kaffee zu servieren.
Der Herzog und der steinreiche Bankier setzten sich ans Fenster auf zwei Ohrensessel. Der Diener stellte währenddessen den Kaffee auf einem kleinen, runden Tisch ab, der zwischen den beiden Sesseln stand, und verbeugte sich, bevor er den Raum verließ.
„Raucht Ihr?“, fragte der Gastgeber und reichte dem Herzog eine Schachtel mit kubanischen Zigarren.
„Ja, gerne“, antwortete Richard und nahm eine entgegen. Monsieur Blauschildt zündete zuerst Richards Zigarre und anschließend seine eigene an.
„Ihr fragt Euch bestimmt, weshalb ich Euch hergebeten habe“, begann Albert Blauschildt die Unterhaltung.
„Sie wollten mit mir über ein paar Prioritätspunkte bezüglich der Erneuerung des Landes reden und wie Sie dabei die Werte der Adelsfamilien bewahren können“, entgegnete Richard und wiederholte somit die Aussage von Monsieur Blauschildt vom Abend der Siegesfeier der FSP.
„Ja, so habe ich es in der Öffentlichkeit formuliert“, gestand Albert und lächelte leicht.
„Der wahre Grund ist demnach ein anderer“, schlussfolgerte Richard sachlich.
„Korrekt“, bestätigte sein Gegenüber. „Ich möchte Euch noch besser kennenlernen und schauen, ob wir beide uns verstehen.“
„Zu welchem Zweck?“, fragte der Herzog direkt. Monsieur Blauschildt gefiel die forsche Art des jungen Mannes.
„Um festzustellen, ob ich Euch vertrauen kann“, antwortete der Logenmeister.
Richard verstand nun, was Monsieur Blauschildt vorhatte. Er wollte ihm Geheimnisse anvertrauen, aber das hing davon ab, inwieweit er ihn bei ihrem jetzigen Gespräch überzeugte.
„Erzählt mir bitte: Ist die Familie von Crussol ein altes Adelsgeschlecht oder wurde sie vor wenigen Jahren erst zum Adel erhoben?“, fragte der Bankier.
„Wir sind eine alte Adelsfamilie. Unser Ursprung reicht bis ins Mittelalter um die Jahrtausendwende zurück“, antwortete Richard wahrheitsgemäß.
„Und was waren Eure Vorfahren zu Beginn ihrer Karriere?“, wollte der alte Mann wissen.
„Sie waren Ritter und kämpften an der Seite des ersten Kaisers, um die zahlreichen Provinzen zu einem großen Reich zu einigen“, berichtete der junge Herzog.
„Bemerkenswert“, sagte Monsieur Blauschildt nachdenklich. „Seid Ihr mit der Regentschaft unseres Monarchen, des Kaisers Alexander, zufrieden?“, fragte der Bankier weiter.
„Nicht im Geringsten. Seine politischen Ziele kann ich nicht unterstützen und seine Persönlichkeit ist mir zuwider“, sagte Richard offen.
„Welche politischen Ziele meint Ihr ganz genau?“ Monsieur Blauschildt wirkte äußerst interessiert.
„Die Befreiung der Leibeigenen vor einigen Jahren war ein Fehler. Die Bevölkerung hat jetzt mit mehr massiven Problemen zu kämpfen als zuvor. Der Kaiser hatte das Konzept nicht ordentlich durchdacht, als er sein Vorhaben in die Tat umgesetzt hat“, erklärte Richard allgemein, ohne dabei näher ins Detail zu gehen.
„Und weshalb mögt Ihr ihn als Person nicht?“, fragte Albert nach.
„Zu überheblich und er hat definitiv keinen Anstand“, erklärte sein Gesprächspartner kurz.
„Sie meinen, weil er Eure Frau unsittlich berührt hat, und zwar ohne ihr Einverständnis?“, fragte Monsieur Blauschildt offen.
Richard sah ihn überrascht an. Woher wusste der alte Mann etwas davon?
„Ihr solltet wissen, dass der Palast des Kaisers voller Verräter ist – und ich habe meine Spione überall“, sprach Albert und schaute Richard durchdringend an.
„Ich nehme mal an, dass Sie die Geschichte meiner Familie ebenfalls bereits kannten und mich aus einem bestimmten Grund trotzdem danach gefragt haben“, stellte Richard fest.
„Ganz recht. Ich wollte wissen, ob Ihr mir die Wahrheit sagen oder den getreuen Anhänger des Kaisers vorspielen würdet“, antwortete Monsieur Blauschildt. „Ich mag Euren Charakter. Ihr seid mutig, stark und äußerst intelligent. Und dazu noch ein sehr gefährlicher Gegner, wenn man es sich mit Euch verscherzt. Monsieur von Crussol, ich möchte mit Euch einen Pakt schließen, der uns erlauben soll, über eine streng geheime Angelegenheit zu sprechen.“
„Streng geheime Angelegenheit?“, wiederholte Richard stirnrunzelnd. „Worum geht es dabei?“
„Wenn ich Euch jetzt etwas darüber berichte, dann gibt es für Euch kein Zurück mehr“, warnte der Logenmeister ihn vor.
„Monsieur Blauschildt, dank Ihnen habe ich innerhalb der Freimaurervereinigung bereits den zweiunddreißigsten Grad inne. Ich habe bei der Aufnahmezeremonie zum Meistergrad feierlich geschworen, alle mir anvertrauten Geheimnisse für mich zu behalten“, erklärte Richard.
Albert Blauschildt sah ihn daraufhin warnend an und nickte leicht. „Es geht hier um nichts weniger als den Landesverrat“, offenbarte er.
Sein Freimaurer-Bruder weitete ungläubig die Augen.
„Sturz des Kaisers“, fuhr Monsieur Blauschildt fort. Sein Gesprächspartner öffnete entsetzt den Mund, sagte aber kein Wort.
„Revolution“, konkretisierte der einflussreiche Bankier und es wurde ganz still im Raum.
Richard atmete tief ein und fragte dann beherrscht: „Und was wollen Sie anstelle der Monarchie?“
„Autoritären Kapitalismus mit einer freien Regierung, die vom Volk gewählt wird, die aber von ihren Bürgern und Bürgerinnen Gehorsam fordert“, erklärte Albert.
„Wo ist da der Unterschied zu der jetzigen Staatsform? Wir haben momentan einen absoluten Herrscher und eine Regierung, die vom Volk gewählt wird.“ Richard klang skeptisch.
„Ganz einfach: Der Kaiser wäre nicht mehr an der Macht und hätte somit keinerlei Einfluss auf die Politik“, antwortete Monsieur Blauschildt sachlich.
„Sie scheinen ein ernstes Problem mit Kaiser Alexander zu haben, wenn Sie seinen Kopf fordern“, bemerkte Richard.
Sein Gegenüber schmunzelte und schwieg geheimnisvoll.
„Warum ich?“, fragte der junge Herzog verwundert. „Weshalb fragen Sie mich, ob ich Ihrem Pakt beitreten möchte, und damit Landesverrat begehen soll?“
„Erstens, weil ich ein alter Mann bin. Ich bin realistisch und weiß, dass man einen Kaiser nicht von heute auf morgen stürzen kann. Es erfordert viel Geschick und politische Stärke. Es könnten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte vergehen, bis wir unser Ziel erreicht haben. Und Ihr seid jung genug, um das Ergebnis am Ende mit Euren eigenen Augen zu sehen. Zweitens, weil Eure Familie dazu in der Lage ist, sowohl die adlige Oberschicht als auch die allgemeine Bevölkerung zu mobilisieren. Ihr als angesehener Herzog habt den Schlüssel zu den Schlössern und Palästen der feinen Gesellschaft. Und Eure Frau erlangt momentan viel Sympathie beim Volk und gewinnt somit die Herzen der Menschen auf ungeahnte Weise. Ihr beide seid ein unschlagbares Team. Und ich bin mir sicher: Wenn die Familie von Crussol weiterhin hinter der Freien und Sozialistischen Partei steht, wird der Funke der Revolution auf das Volk übergreifen und ein Feuer entfachen, dass die alte Monarchie niederbrennen wird, um Platz für eine neue Ordnung zu schaffen. Und drittens, weil Ihr den Kaiser insgeheim verachtet und Euch an ihm rächen wollt, genau wie ich“, erklärte Albert Blauschildt und offenbarte damit seine Passion.
„Das Feuer müsste man sorgsam kontrollieren, sonst fräße es seine eigenen Verursacher“, merkte Richard an und sah nachdenklich aus dem Fenster.
„Absolut richtig. Wir müssen zuerst für das Feuer einen beherrschbaren Rahmen schaffen, bevor wir es entfachen, sonst können wir diese Naturgewalt nicht mehr aufhalten, wenn sie Überhand gewinnt“, stimmte der Bankier ihm zu.
„Ob Sie die Beziehungen und die Geldmittel für so ein gewaltiges Unterfangen haben, brauche ich Sie wohl nicht zu fragen“, sagte Richard und sah verschmitzt zu dem gerissenen Logenmeister.
Monsieur Blauschildt nickte wissend und schwieg. Nach einer Weile fragte Albert seinen Gesprächspartner: „Haben wir nun unseren Pakt, Richard?“
Der Angesprochene überlegte kurz. Landesverrat war eine ernste Sache. Er würde damit nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie in Gefahr bringen. Wenn Richard sich aber dem Bündnis verweigerte, bliebe die Frage offen, ob der mächtige Bankier ihn danach in Ruhe lassen oder ihn für das gefährliche Wissen auf ewig zum Schweigen bringen würde.
„Ich bräuchte ein paar Sicherheiten für meine Familie, bevor ich zustimme. Für den Fall, dass ich wegen Landesverrats verurteilt oder sogar hingerichtet werden sollte, möchte ich, dass meine Familie eine garantierte Möglichkeit erhält, im Ausland ein unbeschwertes Leben zu führen“, stellte Richard seine Bedingung auf.
„Das lässt sich einrichten“, antwortete Albert Blauschildt ernst.
Daraufhin nickte der Herzog und sagte: „Unser Pakt steht, Albert.“
Der Logenmeister lächelte zufrieden und sie besiegelten ihren Geheimbund mit einem Handschlag.
„Was ist mit unserem neuen Minister Monsieur Girard? Weiß er über Ihre wahren Absichten Bescheid?“, wollte Richard wissen.
„Willhelm weiß momentan so viel wie Ihr, aber in Zukunft werdet Ihr deutlich mehr erfahren“, sagte Albert und zog an seiner Zigarre.
Dem Herzog von Crussol wurde plötzlich bewusst, in welchen schwarzen Teer er sich soeben begeben hatte. Wenn selbst der regierende Minister und langjährige Freund von Monsieur Blauschildt nicht die ganze Wahrheit erfahren sollte ...
„Möchtet Ihr zum Essen bleiben? Es gibt heute warme Kohlsuppe à la Russe“, fragte Albert.
„Sehr gern“, entgegnete Richard und zog an seiner Zigarre. Denn er wollte seinen Gastgeber nicht kränken.
Nach seinem Treffen mit Monsieur Blauschildt fuhr der junge Herzog mit seiner Kutsche in die Innenstadt, um ein Geschenk für seine Frau zu besorgen. Er kaufte ihr einen neuen Säbel und einen Dolch. Als er aus dem Waffengeschäft ins Freie hinaustrat, war es draußen bereits dunkel. Der Wind war eisig und Richard schlang seinen Mantel enger um seinen Körper. Er ging die Straße entlang, auf der nur noch vereinzelt Passanten unterwegs waren. Seine Kutsche stand circa hundert Meter weiter vor ihm in einer Nebenstraße, als Richard plötzlich Schritte hinter sich hörte. Er verlangsamte seinen Gang und der Fremde hinter ihm tat es ebenfalls. Dann lief er wieder schneller und der Unbekannte machte es ihm nach. Offenbar verfolgte ihn jemand. Gut, wenn derjenige mit ihm Katz und Maus spielen wollte, dann war Richard der Jäger. Er bog in eine dunkle Seitengasse ein und schritt noch ein Stück weiter. Er zog langsam den soeben gekauften Dolch aus der Scheide und machte sich bereit. Blitzschnell beugte er seine Knie und drehte sich gleichzeitig um hundertachtzig Grad. Sein Blut gefror ihm in den Adern, als er in der Dunkelheit den Lauf einer Pistole erblickte, die auf ihn gerichtet war. Den Schützen dahinter konnte er in der Finsternis leider nicht erkennen. Noch bevor der Unbekannte seine Schusswaffe abfeuern konnte, warf Richard den Dolch zielsicher auf ihn und traf seinen Gegner am Oberarm. Der Fremde schrie auf vor Schmerz und ließ seine Waffe zu Boden fallen. Richard stand in Windeseile wieder auf und rannte auf die Person zu, die sich eilends aus dem Staub machte. Er wurde kurz etwas langsamer, blieb neben der Pistole stehen und hob sie auf. Dann streckte er seinen Arm mit der Waffe aus und zielte auf den elenden Schuft, der aber bereits in der Dunkelheit verschwunden war. Der Angreifer hatte es geschafft, zu entkommen. Richard ließ die Pistole wieder sinken und atmete schwer. Wer zum Donner noch mal hatte ihn hinterrücks erschießen wollen und warum? Er ging schnell zu seiner Kutsche und die Gedanken rasten in seinem Kopf. Wer auch immer der verschlagene Feigling war, er würde sich wünschen, niemals geboren worden zu sein, sobald Richard ihn in seine Finger bekäme.
Kapitel 67 Die Strafe
5. November 1876
Die Klinge glänzte in der Sonne und der Griff des Säbels lag äußerst bequem in der Hand. Melanie übte ein paar Hiebe mit ihrem neuen Geschenk, das Richard ihr vor einigen Tagen mit den Worten überreicht hatte: „Möge es dich stets beschützen.“
Es war eine überaus elegante Waffe. Ihre stolze Besitzerin tanzte damit geschmeidig auf dem Rasen und machte ein paar kräftige Schläge – bis ganz unerwartet jemand ihren Hieb parierte. Es war Richard, der ebenfalls seinen Säbel rausgeholt hatte und nun kampfeslustig seine Frau ansah.
„Möchtest du mich wirklich erneut herausfordern, mein Liebster?“, fragte Melanie lächelnd. „Du weißt, wie unser letztes Duell endete. Ich erinnere mich genau daran, wie du auf dem Boden gelegen hast, besiegt von einer vorlauten Göre.“
Richard schmunzelte. „Geschummelt hast du, nichts weiter. Lass uns jetzt herausfinden, ob du gut genug bist, um mich fair zu schlagen“, entgegnete er und glitt mit seiner Klinge an ihrem Säbel entlang.
„Und was, wenn ich dich wieder zum Bluten bringe?“, fragte Melanie mit betörender Stimme und warf ihm einen verführerischen Blick zu.
„Ich bitte darum. Aber zuerst werde ich dich hart rannehmen“, antwortete Richard und hob kurz seine linke Augenbraue.
„Worauf warten wir dann noch? Lass uns augenblicklich damit anfangen“, forderte sie ihn auf und war schon ganz erregt.
Die beiden stellten sich in Position und Richard griff sogleich an. Melanie parierte unaufhörlich und wich einige Schritte nach hinten. Ihr Mann meinte es ernst und zeigte kein Erbarmen, denn er wollte sie auf die Zukunft vorbereiten: Richard hatte seiner Ehefrau nichts von dem Attentat auf ihn erzählt, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Abgesehen davon wollte er nicht, dass sich Gerüchte darüber verbreiteten. Seine Absicht war es, dass der Täter sich in Sicherheit wiegte, dadurch unvorsichtiger wurde und einen verräterischen Fehler beging. Unterdessen drehte sich Melanie und versuchte, ihm zu entkommen, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Sie ging zum Gegenangriff über und verpasste Richard zwei heftige Hiebe. Doch ihr Gegner war stark und besaß eine Menge Kraft, die er sofort nutzte. Sein nächster Schlag besaß so viel Energie, dass er ihr den Säbel aus der Hand schlug. Melanie starrte ihn zunächst fassungslos an und hechtete im nächsten Augenblick jedoch sofort zu ihrer Waffe. Mit einer eleganten Rolle stand sie wieder auf und hielt ihren Säbel hoch. Sie wollte soeben attackieren, als Richard seine Hand hob und ihr zurief: „Das genügt.“
Melanie hielt mitten im Laufen inne und fragte verwirrt: „War ich etwa so schlecht?“
„Das war in der Tat ausbaufähig“, entgegnete er. „Aber du gibst nicht auf und kämpfst weiter. Das finde ich gut.“
„Danke für die Aufmunterung“, sagte Melanie höhnisch. Die Tatsache, dass sie Richard beim Fechten unterlegen war, kratzte an ihrem Stolz.
„Möchtest du heute Nachmittag zusammen mit mir zu einem Fechtturnier reiten und einen richtigen Profikampf sehen? Unser Freund Vincent nimmt daran teil“, erklärte Richard und sah Melanie erwartungsvoll an.
„Tatsächlich? Ja, ich bin dabei!“, sagte sie begeistert. Gemeinsam begaben sie sich voller Vorfreude zu den Stallungen, sattelten ihre Pferde und machten sich auf den Weg in die Hauptstadt. Das Fechtturnier fand in der Sporthalle der Universität statt. Es waren viele Zuschauer dort anwesend, die allesamt auf der Tribüne Platz genommen hatten. Das Herzogspaar von Crussol setzte sich ganz nach oben in die letzte Reihe, um alles überblicken zu können. Melanie sah sich im Publikum um und entdeckte weiter rechts ihre Geschwister Jakob und Jane nebeneinandersitzend. Sie waren offensichtlich gemeinsam hergekommen und warteten gespannt auf den Wettkampf. Melanie seufzte. Wie gerne würde sie jetzt zu ihnen gehen und reden, wenn da nur nicht die gekränkten Gefühle von Jane und Jakob wären. Das Verhältnis zwischen den beiden und Melanie war momentan eher angespannt.
Im nächsten Augenblick begann das Turnier. Die ersten acht Kämpfer stellten sich auf die Fechtbahn. Sie fochten jeweils in vier Zweierpaaren gleichzeitig. Insgesamt traten bei diesem Wettkampf vierundzwanzig Teilnehmer an. Vincent von Guise war beim zweiten Durchgang dabei. Melanie verfolgte seine Bewegungen und musste neidlos zugeben, dass er überragend war. Der Herzog von Guise schlug jeden seiner Gegner mit Bravour. Im Finale stand er einem ebenbürtigen Kämpfer gegenüber. Die Kontrahenten schenkten sich nichts, doch Vincent landete mehr Treffer als der andere Fechter und wurde somit Erster. Das Publikum applaudierte laut, als er seine Medaille entgegennahm. Nach der Verleihung gesellten sich Richard und Melanie zu ihm und gratulierten ihrem Freund zum verdienten Sieg.
„Meine Glückwünsche, Vincent. Ich bin wirklich beeindruckt von deinem Talent“, sagte Melanie anerkennend. „Darf ich dich um Privatunterricht bitten? Dann habe ich beim Fechten gegen meinen geliebten Ehemann eine Chance.“
„Keine schlechte Idee“, bemerkte Richard. „Vincent ist der beste Fechtmeister weit und breit und wäre der perfekte Lehrer für dich.“
„Grundsätzlich bin ich dem nicht abgeneigt, dir Unterricht zu erteilen, Melanie. Aber weshalb wollt ihr euch wieder duellieren? Habt ihr beide nicht genug Narben am Körper? Wollt ihr euch noch ein paar Weitere hinzufügen?“, fragte Vincent amüsiert.
„Es geht hauptsächlich darum, dass Melanie in der Lage sein soll, es mit jedem Gegner aufzunehmen. Und ich kann mir beim besten Willen keinen besseren Trainer vorstellen als dich“, verdeutlichte Richard.
„Selbstverständlich trainiere ich dich. Das wäre mir ein Vergnügen“, erwiderte Vincent und schaute dabei auf die junge Herzogin. Sie lächelte glücklich bis über beide Ohren.
„Ah, und übrigens wollte ich euch fragen, ob ihr heute Abend euren Titel als Tanzkönig und Tanzkönigin verteidigen wollt.“
„Veranstaltest du etwa wieder deinen legendären Tanzwettbewerb?“ Melanie klang begeistert.
„Ganz genau. Und ich wäre sehr enttäuscht, wenn ihr beide nicht kämt“, entgegnete Vincent und lächelte sie warm an.
„Wir werden da sein, verlass dich drauf“, versicherte Richard und legte seinen Arm um seine Frau, die zustimmend nickte.
„Wunderbar, dann bis später. Ab zweiundzwanzig Uhr geht es los!“, sagte Vincent laut und verabschiedete sich von ihnen mit einem fröhlichen Winken.
„Er scheint in letzter Zeit glücklicher zu sein. Meinst du nicht auch?“, merkte Melanie an.
„Ja, eigenartigerweise wirkt er in der Tat wie ausgewechselt“, bemerkte Richard und legte seinen Kopf schief, als er seinem Freund nachschaute.
„Vielleicht ist er verliebt“, sagte Melanie mit einem breiten Lächeln und wackelte mit ihren Augenbrauen. Richard grinste. Vincent war nur ein einziges Mal in seinem bisherigen Leben verliebt gewesen und das lag bereits zehn Jahre zurück. Womöglich hatte Melanie recht und er hatte wirklich jemand Besonderen gefunden. Auf jeden Fall würde sich Richard darüber freuen.
„Was ist eigentlich mit Vincents Ehefrau? Ich habe sie bis jetzt nie gesehen oder getroffen. Lebt sie überhaupt noch?“ Melanie sah ihn fragend an.
„Ja, Jacqueline von Guise lebt, aber sie und Vincent führen eine lieblose Ehe. Sie leben getrennt voneinander, jeder in seinem eigenen Schloss. Vincent hat sie nur aus reinem Pflichtgefühl geheiratet, weil er einen Erben für seine Familie brauchte. Und seitdem sein Sohn Karl auf der Welt ist, teilt er mit Jacqueline nicht mehr das Ehebett. Du solltest wissen, dass Vincent früher unsterblich in meine Schwester Karolina verliebt war und sogar mit ihr verlobt gewesen ist. Seit ihrem tragischen Tod hält er sich mit zahlreichen Affären über Wasser, aber die große Liebe war bis heute nicht dabei“, erzählte Richard.
Melanie schaute mitfühlend zu ihm hoch. Sie wollte sich nicht einmal ausmalen, wie es war, seine Liebe zu verlieren.
Der Nachthimmel lag mit seinen zahlreichen Sternen über dem Schloss des Herzogs von Guise und das Ehepaar von Crussol kam gerade auf dem Tanzabend an. Richard trug eine dunkelblaue Stoffhose und ein weißes Hemd. Die langen Ärmel hatte er bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. Und natürlich hatte er seine dunkelbraunen Lackschuhe angezogen, in denen er am besten tanzen konnte. Seine Frau trug ein knielanges und figurbetontes Paillettenkleid, mit fließendem Farbverlauf von cremeweiß oben bis bordeauxrot unten. Das umwerfend aufreizende Kleid hatte einen kurzen, seitlichen Beinschlitz, der für mehr Bewegungsfreiheit sorgte, und lange Ärmel. Dazu trug sie hautfarbene Tanzschuhe, die ihre Beine optisch länger wirken ließen. Kurz gesagt, Richard und Melanie sahen aus wie zwei heiße Schnitten, die bereit waren, ihren Ehrentitel als Tanzkönig und -königin um jeden Preis zu verteidigen. Auf der Feier begegneten sie Henri und Veronika, die vor Kurzem aus ihren Flitterwochen zurückgekehrt waren. Das frischvermählte Paar hatte über einen Monat lang die Mittelmeerküste Italiens bereist. Ihr kleines Töchterchen Colette hatte ihre Eltern auf der langen Reise begleitet und war von einem Kindermädchen versorgt worden, wenn ihre Mama und ihr Papa ein paar Stunden für intime Zweisamkeit benötigt hatten. Veronika und Henri wirkten äußerst entspannt und einander sehr zugetan. Offenbar hatten sie sich wieder innig ineinander verliebt. Zwar waren ihre Gefühle zueinander nie erloschen, aber das eine Trennungsjahr hatte an ihrer Liebe gewaltig gekratzt. Nun waren der Graf und die Gräfin von Ailly dabei, ihre Liebe neu zu beleben, und wirkten äußerst innig miteinander.
Melanie freute sich sehr für Veronika, dass sie nach so viel Herzschmerz nun endlich die Erfüllung ihrer Träume erlebte.
Die zwei Paare begaben sich gemeinsam auf die Tanzfläche, um sich für den Tanzwettbewerb schon einmal warm zu machen. Der Gastgeber, der sich im Ballsaal noch nicht hatte blicken lassen, hatte für den heutigen Abend eine Musikergruppe aus echten, spanischen Zigeunern engagiert, die eifrig ausschließlich spanische Flamenco-Musik spielten – perfekt für das Paar von Crussol. Denn Melanie hatte in der Zwischenzeit erfahren, dass ihre Schwiegermutter aus Andalusien stammte. Katarina war eine ehemalige spanische Prinzessin, die an den Herzog François von Crussol verheiratet worden war. Und somit hatte Richard zur Hälfte feuriges südländisches Blut. Das Tanzen war seine große Leidenschaft und er dominierte wie kein anderer das Tanzparkett. Dennoch war dieses Jahr etwas anders. Das Herzogspaar von Crussol tanzte viel erotischer miteinander und das lag vor allem an Melanie. Sie umgarnte Richard mit ihren Händen, schenkte ihm verführerische Blicke, kreiste aufregend mit ihrer Hüfte und bewegte voller Hingabe ihre sexy Beine. Denn schließlich war sie keine ahnungslose Jungfrau mehr, sondern eine erfahrene Herzensbrecherin. Richard hatte sichtlich Mühe, sich zu beherrschen und sich nur auf das Tanzen zu konzentrieren, das immer mehr einem Vorspiel für den Akt glich.
„Lass uns etwas trinken, bevor ich mich vergesse“, flüsterte Richard ihr ins Ohr, während Melanie ihren geilen Hintern an seinen Schoß presste.
Sie strich sich elegant mit den Fingern der linken Hand von der rechten Schulter über das Schlüsselbein bis zur linken Schulter und drehte sich geschmeidig wie eine Katze mit dem Gesicht zu ihm um. Dann berührte sie mit der Hand seine Lippen und antwortete: „Mach mich betrunken.“
Richard seufzte und hätte sie am liebsten auf der Stelle flachgelegt; stattdessen ergriff er ihre Hand und zog sie mit sich zu der nächsten Bar. Sie nahmen sich zwei Gläser voller prickelndem Champagner und leerten sie in einem Zug. Ob aus Durst oder Lust, war in diesem Moment gleichgültig. Sie tauschten feurige Blicke und Richard presste ihren Körper an den seinen.
„Du gehörst mir“, sprach er erregt aus.
„Das sagtest du mir bereits“, entgegnete sie und knöpfte sein Hemd oben auf.
„Dann hast du es nicht vergessen“, erinnerte er sie und streichelte ihr zärtlich über die Wange.
„Fest in meinem Kopf verinnerlicht“, bestätigte sie und sah ihn intensiv an. Dann nahm sie sachte seinen Daumen zwischen die Zähne und berührte ihn mit ihrer feuchten Zunge.
Richard schloss kurz seine Augen und flüsterte: „Du machst mich wahnsinnig.“
„Dann höre ich besser damit auf“, bemerkte Melanie und entfernte sich langsam von ihm.
„Wo willst du hin?“, fragte Richard irritiert.
„Mich kurz frisch machen“, antwortete sie und zwinkerte ihm zu.
„Bleibe nicht zu lange fort“, ermahnte er sie.
Melanie schüttelte daraufhin nur leicht den Kopf und lächelte. Sie begab sich ins Gästebad und überprüfte dort ihr Aussehen im Spiegel. Dann atmete sie mehrmals tief durch und beruhigte ihre Emotionen. Denn auch sie hatte soeben mit ihrem Verlangen nach Richard gekämpft. Als sie wieder zurück in den Ballsaal schwebte, wurde sie plötzlich am Arm festgehalten. Melanie schaute sich verwundert um und erblickte George.
„Komm mit mir“, sagte er aufgeregt und zog sie am Arm den Flur entlang. Sie erreichten einen kleinen Salon, der momentan verlassen war, und er führte sie hinein. Dann schloss er die Tür hinter sich ab und blickte zu ihr. Er betrachtete sie von oben bis unten und kam anschließend langsam auf sie zu.
„George, was wird das hier?“, fragte Melanie verwirrt.
„Sage mir: Liebst du mich noch immer?“, stellte er ihr stattdessen die Frage.
Melanie weitete ihre Augen und wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
„Ich will dich nach wie vor“, gestand George und umfasste ihr Gesicht.
Melanie war sprachlos.
„Jeden Augenblick denke ich nur an dich und möchte dir nahe sein“, sagte er und berührte ihre Hände. Allmählich kam Melanie aus ihrer Starre wieder zu sich und antwortete: „George, ich bin verheiratet, ich habe ein Kind.“
„Das meins hätte sein sollen“, sagte er aufgebracht. „Du hättest mein sein sollen.“
Melanie schüttelte langsam ihren Kopf und flehte ihn an: „Nein, George, bitte lass uns wieder hinausgehen.“
„Wozu? Damit du zurück zu Richard gehen kannst und er dich beim Tanzen verführt?“, fragte er sie und Melanie sah den Schmerz in seinen Augen. „Er hat dich mir weggenommen, kurz bevor ich dich heiraten konnte.“
George nahm sie in seine Arme und kam ihrem Gesicht immer näher. Melanie legte eilends ihre Hand auf seine Lippen und flüsterte: „George, bitte nicht.“
„Lass mich dich küssen und dann sage mir, ob du mich liebst“, sprach er und umklammerte sie fester.
Melanie schlug in ihren Gedanken Alarm. Ihr kam Richards Versprechen wieder in den Sinn. Nein, das durfte nicht passieren. George durfte kein Leid geschehen.
„Nein“, sagte sie entschieden und presste ihre rechte Hand gegen seine Brust. „Wenn mein Mann uns hier findet, dann bringt er uns um.“
„Nicht, wenn ich ihn vorher umlege. Ich habe keine Angst vor Richard“, erwiderte George und nahm ihre Hand langsam von seinen Lippen.
Melanie starrte ihn entsetzt an.
„Ja, das werde ich tun. Und dann können wir beide zusammen sein. Du und ich, endlich vereint“, sprach er weiter.
Melanie schüttelte heftig den Kopf und wurde ernst. „Keiner legt hier jemanden um. George, bitte verzeih mir. Ich allein habe dir entsetzlich weh getan. Es ist nicht Richards Schuld. Ich war diejenige, die damals kurz vor unserer Hochzeit von zu Hause weggeritten ist, weil ich verzweifelt einen Ausweg gesucht habe“, gestand sie.
George schaute sie irritiert an. „Einen Ausweg?“, wiederholte er.
„Ja. Bitte lass mich jetzt gehen. Ich will dir nicht noch mehr Leid und Schmerz zufügen“, flehte sie ihn an.
„Das hast du bereits getan! Und jetzt will ich wissen, warum!“, herrschte George sie an und seine Augen waren weit aufgerissen.
„Weil ich dich nicht begehre“, sagte sie beinahe im Flüsterton.
Doch George war von dieser Erklärung nicht überzeugt und presste sie noch enger an sich.
„Küss mich. Und sage mir dann, dass du nichts für mich fühlst“, forderte er sie auf. Sein Verlangen nach ihr wurde immer stärker.
Melanie atmete schwer und bekam Panik.
„Aber das ist es ja, George. Ich empfinde etwas für dich, deswegen kann ich dich nicht küssen. Ich darf es nicht! Es wäre Ehebruch. Und das will ich auf gar keinen Fall!“, erklärte sie und versuchte vergebens, sich von ihm zu befreien.
„Das geschieht Richard recht, dass du ihn mit mir betrügst. Er hat es nicht anders verdient, nachdem er dich mir hinterhältig gestohlen hat“, zischte George und blanke Wut sprach aus ihm. „Melanie, lasse mich deine Lippen mit den meinen berühren wie das eine Mal.“ George schloss seine Augen und kam ihr mit seinem Gesicht gefährlich nah.
„Bitte, George. Ich bitte dich. Bitte vergib mir, dass ich dir falsche Hoffnungen gemacht habe. Ich hätte dich niemals so lieb und freundlich behandeln sollen, als du aus Marokko wiedergekehrt bist. Ich wollte eine Freundschaft zu dir aufbauen, das ist alles. Niemals wollte ich dir damit zeigen, dass ich immer noch etwas von dir wollen könnte. Ich bin glücklich mit Richard und es war ganz allein meine Entscheidung, seine Frau zu werden. Er hat mich zu nichts gezwungen. Ich wollte doch nur, dass du und ich Freunde bleiben. Aber nun erkenne ich, dass das unmöglich ist“, erklärte sie und Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Melanie, ich liebe dich von ganzem Herzen“, sprach er und sah ihr dabei direkt in die Augen.
„Und genau deswegen können wir keine Freunde sein“, stellte sie fest und weinte. Er strich ihr die Tränen weg und wurde unsicher. Melanie nutzte den Moment und befreite sich von ihm. Sie wollte den Salon verlassen, da hielt George sie an der Hand fest und seine Stimme zitterte: „Bitte geh nicht.“
„Ich bin bereits gegangen. Du musst mich endlich loslassen“, antworte sie und stand mit dem Rücken zu ihm.
George lockerte langsam seinen Griff, da riss Melanie sich endgültig von ihm los und lief aus der Tür hinaus. Er blieb allein zurück. Tränen strömten ihm übers Gesicht und er begriff, dass sein Traum von einem gemeinsamen Leben mit ihr nun endgültig vorbei war. Er würde sie niemals zurückbekommen.
Melanie rannte den Flur zurück zum Ballsaal. Die Tanzfläche war rappelvoll, als sie sich in das Getümmel stürzte. Sie atmete kurz durch, um sich zu beruhigen. Die Tanzpaare kreisten um sie herum und lachten. Die Stimmung war fröhlich und heiter. Der Raum war erfüllt mit Freude, doch Melanie fühlte sich davon überfordert. Sie wollte auf der Stelle hier weg, aber nicht ohne Richard. Sie suchte mit ihren Augen nach ihm, fand ihn aber nirgends. Nicht an der Bar und nicht auf der Tanzfläche oder am Rande des Saals. Er war einfach verschwunden. Sie entdeckte Henri und Veronika, wie sie lachend auf einer Couch saßen und Wein tranken.
Melanie eilte schnell zu ihnen und fragte die beiden Turteltauben: „Habt ihr Richard gesehen?“
„Er ist bereits nach Hause gegangen“, antwortete Henri irritiert.
„Gegangen?“, wiederholte Melanie ungläubig.
„Ja, wir dachten, ihr wolltet lieber allein sein, nachdem ihr hier so eine aufreizende Show abgezogen habt“, erklärte Veronika.
Melanie war verwirrt. Warum hatte Richard ohne sie die Soirée verlassen? Sie verabschiedete sich von ihrer Schwester und ihrem Schwager und lief nach draußen. Dort stellte sie fest, dass ihre Kutsche tatsächlich weg war. Sie bat stattdessen den Kutscher des Grafen von Ailly, sie nach Hause zu bringen. Während der gesamten Fahrt dachte sie an ihren Mann. Was war bloß mit ihm geschehen? Sonst fuhr er nie einfach ohne sie nach Hause..
Kurz zuvor hatte Richard bestens gelaunt an der Bar gestanden und ein weiteres Glas Champagner getrunken. Er hatte sehnsüchtig zum Eingang in den Ballsaal geblickt und darauf gewartet, dass seine Frau endlich wieder zurückkommen würde. Dann endlich hatte er sie gesehen, doch jemand hatte sie am Arm gepackt und sie mit sich gezogen. Richard ballte die Fäuste, als er George von Bellagarde erkannt hatte. Er stürmte daraufhin sofort von der Bar auf den breiten Flur und suchte überall nach ihnen. Seine Gedanken kreisten darum, George in die Finger zu bekommen und ihn zu Brei zu verarbeiten. Er überquerte den langen Flur und gelangte schließlich in den Garten, doch da war niemand zu sehen. Alle Gäste waren noch im Schloss und warteten ungeduldig auf den Beginn des Wettbewerbs. Richard drehte sich um und marschierte wieder zurück, als er plötzlich hinter einer Tür Stimmen vernahm. Er kam näher und hörte eindeutig das lustvolle Stöhnen einer Frau – und ein Mann war bei ihr. Blanke Wut stieg in Richard auf. Er war bereit, diesem verdammten George den Kopf einzuschlagen. Und Melanie würde diese Nacht definitiv ebenfalls nicht überleben. Er trat mit voller Wucht gegen die Tür und was er dann erblickte, übertraf seine wildesten Vorstellungen.
„Vincent?!“, rief er überrascht und sah, wie sein Freund mit heruntergelassener Hose eine junge Frau auf dem Schreibtisch vögelte. Richard schaute zu der Dame hinüber und ihm fiel die Kinnlade herunter. „Jane?!“, sprach er entsetzt und starrte auf ihren entblößten Oberkörper. Er glaubte nicht, was er da sah. Melanies älteste Schwester, die sich immer so vornehm und gesittet verhielt, trieb es heftig mit dem verheirateten Herzog von Guise.
„Richard, was willst du hier? Bitte geh wieder raus, wir sind beschäftigt“, forderte Vincent ihn genervt auf, nachdem sein Kumpel sich nach ein paar Sekunden immer noch nicht gerührt hatte.
Richard war fassungslos. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, schloss die Tür vorsichtig zu und lehnte sich dagegen. Er hörte, wie Vincent und Jane mit ihrem leidenschaftlichen Liebesspiel fortfuhren, und erschrak vor seinen eigenen Gedanken. Was wäre geschehen, wenn er Melanie und George hier vorgefunden hätte? Er war vor wenigen Augenblicken bereit gewesen, jemanden zu töten. Er hatte vorgehabt, seine eigene Frau umzubringen. Die Mutter seines Sohnes! Er hatte verzweifelt seinen Kopf geschüttelt und nur noch weg von hier gewollt, bevor er etwas Unverzeihliches täte.
Henri war ihm über den Weg gelaufen und dabei gewesen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, aber Richard hatte ihn abgewimmelt und zu ihm gesagt, dass er sofort nach Hause müsse. Er hatte so schnell wie möglich diese Veranstaltung verlassen wollen, sonst hätte er für nichts mehr garantieren können.
Die Herzogin von Crussol war soeben in ihrem Schloss angekommen und durchstreifte sogleich die Räume auf der Suche nach ihrem Ehemann. Es war überall dunkel, nur in einem Raum flackerte noch Licht. Melanie näherte sich langsam dem Kaminzimmer und fand Richard schließlich dort zusammen mit einer Flasche Whisky vor dem Feuer sitzend. Sein Blick war glasig und es war offenkundig, dass er die halbe Flasche in sehr kurzer Zeit geleert hatte. Melanie kam auf ihn zu und fragte vorwurfsvoll: „Du bist ohne mich gegangen?“
Richard starrte weiterhin in das Feuer und erwiderte: „Wie viel Zeit ist verstrichen, bis du meine Abwesenheit bemerkt hast, nachdem George dich gefickt hat?“
Melanie glaubte, sich verhört zu haben. „Was redest du da, bitte?“
Er drehte langsam seinen Kopf zu ihr um und sagte: „Ich habe euch beide gesehen. Beantworte meine Frage: Wie lange hast du gebraucht, um festzustellen, dass ich nicht mehr da bin?“
Melanie kam näher zu ihm und antwortete ernst: „Ich bin keine Hure, die mit jedem schläft. Also behaupte nicht, dass George mich gefickt hätte.“
Richard stand vom Boden auf und trat an sie heran. „Doch, genau das bist du. Ein Flittchen, das nur dann zufrieden ist, wenn sie einen Mann um den Verstand gebracht hat!“, brüllte er ihr ins Gesicht und erntete dafür eine schallende Ohrfeige.
Melanie sah voller Wut zu ihm hoch, drehte sich um, und war dabei, den Raum zu verlassen. Sie hatte keine Lust, sich mit einem betrunkenen Vollidioten abzugeben, der nicht mehr der Herr seiner selbst war. Doch Richard hielt sie unsanft am Arm fest, zog sie ruckartig an sich und küsste sie auf den Mund. Melanie befreite sich wieder von ihm und stieß ihn von sich weg; vergebens, denn er packte sie an den Armen und schleuderte sie auf den Teppich vor dem Kamin. Sie drehte sich auf die Seite und blickte zornig zu ihm. Richard starrte auf ihre nackten Beine im warmen Licht des Feuers und konnte seine Gier nach ihr nicht mehr zügeln. Er zog schnell sein Hemd aus, kam zu ihr herunter und drückte sie mit ihrem Rücken auf den Boden. Dann zerriss er ihr das Kleid und zog ihr gewaltsam die Unterwäsche vom Leib. Melanie schlug mit ihren Fäusten auf seinen Oberkörper ein, doch das machte ihn nur noch geiler. Er öffnete blitzschnell seine Hose und drang grob in sie ein. Richard hatte kein Mitleid mit ihr und vergewaltigte sie. Er drückte ihr mit einer Hand die Kehle zu und Melanie bekam keine Luft mehr. In diesem Augenblick fühlte sie sich genau wie damals im Wald, als Richard sie gegen den Baum gedrückt hatte und sie gewaltsam hatte nehmen wollen. Zu jener Zeit hatte sie Angst bekommen, aber heute war es anders. Sie war anders. Es geschah etwas Seltsames mit ihr. Etwas sehr Dunkles in Melanies Geist nahm Gestalt an und brach aus ihr heraus. Sie krallte sich an Richards Oberarmen fest, bohrte ihre Fingernägel hinein und kratzte wie eine Tigerin. Er schrie auf vor Schmerz und ließ ihren Hals wieder los. Dann betrachtete er die langen, blutigen Kratzspuren an seinen Armen und sah fassungslos zu Melanie herunter.
„Hast du nicht mehr zu bieten?“, spottete sie und sah ihn verachtend an.
Richard biss die Zähne zusammen und drehte sie unsanft auf den Bauch. Er stieß wie ein wildgewordenes Tier in sie hinein und wollte sie erst dann wieder loslassen, wenn er sie vollends verspeist hatte.
„Wer ist dein Mann?“, wollte er von ihr wissen und zog heftig an ihren Haaren, sodass Melanie vor Schmerz aufschrie. „Sag es!“
„Richard“, wimmerte sie und zitterte.
„Lauter! Ich kann dich nicht hören. Wer ist dein Mann?!“, befahl er ihr.
"Richard!", kreischte sie.
Dann ließ er ihre Haare wieder los und umklammerte sie fest an der Hüfte, während er sie wie besessen fickte. Der Akt tat Melanie höllisch weh. Es brannte wie Feuer zwischen ihren Beinen, aber sie wollte nicht, dass er aufhörte; denn sie hatte sich soeben verändert.
„Tiefer!“, sagte sie laut.
Richard blickte verwundert zu ihr.
„Doller!“, forderte sie ihn auf und schlug mit der Faust gegen den Boden.
Richard bohrte seine Finger in ihr Fleisch und fühlte sich befreit. Er konnte sie auf das Heftigste durchnehmen und beendete erst dann den Missbrauch an seiner Frau, als er seinen Höhepunkt erlebt hatte und völlig erschöpft von ihr abließ. Er fiel neben sie auf den Teppich und atmete schwer wie nach einem Höllenritt. Sie beide lagen wild schnaufend da, dann nahm Richard ihre Hand und hielt sie an seiner Brust fest.
„Was tust du mir nur an?“, fragte er schweratmend.
Melanie hob leicht ihren Kopf und antwortete: „Dich lieben.“
„Tust du das? Oder liebst du in Wirklichkeit George?“, fragte er verzweifelt.
„Ihn könnte ich niemals so lieben wie dich. Du bist mein Meister“, sprach sie mit betörender Stimme und küsste ihn auf die Schulter.
„Du bist verrückt“, stellte Richard fest und dachte dabei an seine soeben vollbrachte, abscheuliche Tat.
„Verrückt nach dir“, hauchte sie unheimlich und legte sich mit ihrem nackten Körper auf ihn, setzte sich dann auf und streichelte mit ihren Fingerspitzen über seine Brust. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und summte mit geschlossenen Augen eine Melodie.
„Du bist völlig durchgeknallt“, sagte Richard und fürchtete sich vor ihr.
„Und wer ist dafür verantwortlich?“, fragte Melanie unschuldig, beugte sich zu ihm hinunter und wisperte: „Richard.“
Sie lachte schauderhaft und es war der Beginn einer wahnsinnigen Liebe.

