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Blitz und Donner Kapitel 56 - 61
Kapitel 56 Das Unwetter
28. Mai 1876
Am letzten Wochenende des schönen Monats Mai fand die Feier zur Eröffnung der neuerbauten Einrichtung der Organisation ,Ma Grande Sœur‘ statt. Eingeladen waren selbstverständlich alle Bewohner des Pflegeheimes und des Waisenhauses wie auch die Schüler und Lehrlinge der Ausbildungsstätte und das gesamte Personal und deren Familien. Des Weiteren kamen viele Parteimitglieder der FSP, allen voran Monsieur Willhelm Girard. Auch die Baronin von Semur war mit ihrer Familie anwesend sowie Herzog Vincent von Guise mit seinem fünfjährigen Sohn Karl und Konrad Njeschnij. Die Gastgeberin Melanie von Crussol stellte sich auf ein breites Podest, um eine Ansprache vor dem versammelten Publikum zu halten. Sie nahm das Megafon entgegen, das Richard ihr hinhielt, und begann zu sprechen.
„Ich heiße Sie alle herzlich willkommen am heutigen Frühlingstag! Ich bin kein Mensch von großen Reden, wobei ich mich darin nun üben muss als Geschäftsführerin einer Organisation“, sagte Melanie scherzhaft und die Menge lachte. „Als Erstes möchte ich mich bei meiner Familie und meinen Freunden bedanken, die mich bei der Realisierung dieses Projekts unterstützt haben. Ganz besonderer Dank gilt meinem Ehemann, der an mich geglaubt hat, und meiner Schwester Veronika. Ohne sie wäre ich nie auf diese Idee gekommen und der Name der Organisation ist ihr Verdienst.“
Melanie zeigte mit ausgestreckter Hand in die erste Reihe. Ihre Schwester stand dort zusammen mit Jakob und hielt ihre schlafende Tochter im Arm. Veronika war sichtlich gerührt und hatte Tränen in den Augen.
„Wir sollten auf unserem Lebensweg eines nie vergessen: Er könnte uns in die Gosse führen. Um da wieder rauszukommen, brauchen wir zumeist Hilfe, und dazu dient diese Organisation. Dafür kämpfen unsere Mitarbeiter, damit Menschen in der Not ebenfalls nicht kampflos aufgeben. Lasst uns gemeinsam für eine sozial gerechtere Zukunft einstehen und unseren Kindern ein Vorbild sein. Danke schön“, schloss Melanie ihre Rede ab und das Publikum applaudierte.
Richard half ihr beim Runtergehen vom Podest und nahm sie bei der Hand. Seine Frau war nun hochschwanger und erwartete in wenigen Wochen ihr erstes Kind. Aus diesem Grund behandelte er sie äußerst vorsichtig. Gemeinsam schritten sie durch das Gedränge und beobachteten die Feiernden. Vor allem galt ihre Aufmerksamkeit den spielenden Kindern. Melanie fragte sich, wie ihr Nachwuchs wohl sein würde. Sie machte sich innerlich auf ein kleines Energiebündel gefasst. Plötzlich spürte sie ein leichtes Ziehen im Bauch, das nach ein paar Sekunden wieder aufhörte. Es war demnach nichts Ernstes. Sie und Richard schlenderten mit bester Laune über das Gelände und warfen sich verliebte Blicke zu. Eine extra für den Anlass engagierte Musikband spielte Stücke von Johann Sebastian Bach. Zirkusartisten führten auf einem großen, runden Platz Kunststücke vor. Bei den Kindern waren besonders der Feuerspucker und die Harlekins beliebt. Es wurden kostenloses Essen und Getränke verteilt. Und wer wollte, konnte sein Können beim Bogenschießen auf die Probe stellen. Richard und Melanie begegneten Vincent, der seinem Sohn gerade beim Spannen des Bogens half. Der kleine Karl war genauso hellblond wie sein Papa und hatte sogar seine kristallblauen Augen geerbt. In diesem Moment fragte sich Melanie, warum sie der Herzogin von Guise bis jetzt noch nie begegnet war. Womöglich gab es dafür einen traurigen Grund und sie beschloss deswegen, das Thema nicht in der Anwesenheit des kleinen Karls anzusprechen. Stattdessen beugte sie sich, so weit es ihr runder Bauch ermöglichte, zu dem Jungen hinunter und lobte ihn für seine Bemühungen. Karl lächelte sie breit an und zeigte ihr ganz stolz, wie gut er schon schießen konnte. Der Pfeil verfehlte leider die Zielscheibe und der Junge stand leicht enttäuscht da. Melanie nahm ihn an der Hand und gemeinsam gingen sie los, um den Pfeil zu holen. Dann stellten sie sich näher an die Zielscheibe und Karl schoss erneut. Dieses Mal traf er und hüpfte vor Freude in die Luft. Melanie applaudierte und streichelte ihm über das Köpfchen. Der Junge sah überglücklich aus und umarmte die junge Herzogin an den Beinen. Melanie erwiderte die Umarmung und drückte Karl ganz fest an sich.
„Deine Frau wird eine gute Mutter sein“, sagte Vincent und sah mit einem leichten Lächeln zu seinem Sohn hinüber. „So eine hätte ich mir auch für meinen Jungen gewünscht.“
Richard stand neben ihm und fragte darauf: „Ist deine Frau wieder auf einer spirituellen Reise?“
„Nur Gott weiß, wo sie gerade steckt“, antwortete Vincent ernst. „Für Jacqueline ist ihr Glaube die Erfüllung ihres Lebens; sogar ihr Kind steht dabei nur an fünfter Stelle, wenn überhaupt.“
„Vielleicht solltest du dich einfach nach einer neuen Frau umsehen“, schlug Richard ihm unverblümt vor. „Ich glaube, an Bewerberinnen würde es nicht mangeln.“
„Es liegt nicht daran, dass sich für mich keine Frauen interessieren“, entgegnete Vincent und schaute dabei zu Veronika und Jakob, die unweit von ihnen standen und sich liebevoll um die kleine Colette kümmerten. „Sondern es geht darum, dass ich eine Frau finden möchte, mit der ich mich geistig verbunden fühle.“
Richard sah nachdenklich zu seinem Freund und nickte verständnisvoll. Er wusste wie kein anderer, wie selten es war, einen Menschen zu finden, der einen im Herzen berührte. Er legte Vincent eine Hand auf die Schulter und lächelte aufmunternd.
Währenddessen kehrten seine Frau und der kleine Karl zu ihnen zurück. Und wieder spürte Melanie das eigenartige Ziehen, dieses Mal etwas stärker, aber es ging relativ schnell vorüber. Im nächsten Moment gesellte sich Willhelm Girard zu ihnen und er unterhielt sich mit Richard über Politik. Die Wahlkampagne verlief scheinbar gut. Die FSP gewann in der Bevölkerung immer mehr an Beliebtheit und warb auf Wahlplakaten mit ihren sozialistischen Slogans wie „Männer und Frauen! Gemeinsam sind wir stark! In eine bessere Zukunft mit der FSP!“ oder: „Gleichheit beginnt heute! Wählt die FSP!“
Melanie schaute derweil in den Himmel, an dem vom Westen her dunkle Wolken aufzogen. Sie fasste sich an ihren Bauch, als das eigenartige Ziehen wiederkam. Es war definitiv stärker als zuvor und so langsam machte Melanie sich doch Gedanken. Aber sie konnte als Gastgeberin nicht so schnell wieder von der Feier verschwinden. Sie entschied sich daher, hier noch etwas zu bleiben. Konrad Njeschnij leistete ihr Gesellschaft. Während ihres gemeinsamen Gesprächs gab er offen zu, dass er mit der Farbwahl in den Räumlichkeiten des Waisenhauses nicht einverstanden sei. Viel zu bunt und zu schrill, seiner Meinung nach. Melanie schlug ihm vor, ein paar visuelle Veränderungen vornehmen zu dürfen, wenn er dies umsonst täte. Und überraschenderweise willigte Konrad ein. Sie lachte und trank mit ihm zusammen eine Limonade. Ihr Bauch wurde unterdessen immer härter und das Ziehen kam in regelmäßigen Abständen. Melanie bekam allmählich ein mulmiges Gefühl. Sie drehte sich zu Richard um und bat ihn, zusammen mit ihr nach Hause zu fahren mit der Begründung, sie fühle sich nicht wohl. Er nickte schnell. Sie verabschiedeten sich von ihren Freunden und begaben sich auf direktem Wege zu ihrer Kutsche. Der kleine Karl schenkte Melanie noch eine selbst gepflügte Kamillenblume und einen Wangenkuss zum Abschied. Die junge Herzogin hatte etwas Mühe, sich von dem jungen Kavalier zu trennen, der ihr Herz im Sturm erobert hatte, und steckte sich die Blume ins Haar. Sie war dennoch froh, die Kutsche endlich erreicht zu haben und loszufahren, denn ihre Füße taten ihr unter dem Gewicht langsam weh und ihr Bauch fühlte sich äußerst hart an.
Bis nach Hause erwartete sie eine Strecke von vierzig Minuten. Doch nach ungefähr zehn Minuten Fahrt fing es stark zu regnen an und die Kutsche kam nur langsam voran. Melanie hoffte, dass der Regen bald nachlassen würde, und wollte nicht gleich in Panik verfallen. Der Kutscher lenkte die Pferde zu einer Ruine und stellte die Kutsche in dem hohen Durchgang, der in die Burg führte, ab. Sie warteten dort darauf, dass das Unwetter wieder aufhörte. Richard verband mit diesem Ort unbeschwerte Erinnerungen. Früher in seiner Kindheit war er oft mit seinen Geschwistern hier gewesen. Sie hatten Räuber und Gendarm gespielt. Und somit kannte er alle guten Versteckmöglichkeiten in dieser alten Burgruine. Als Räuber hatte er damals Gabriel geheißen und als Gendarm Robin. Es war eine sorglose Zeit gewesen, die ihm sehr fehlte. Vor allem Karolina und Eduardo vermisste er jeden Tag.
„Richard, hat diese Kutsche ein undichtes Dach?“, fragte Melanie besorgt und brachte ihn aus seinen Kindheitserinnerungen wieder in die Realität zurück.
„Unsinn, ich habe sie erst letzte Woche nagelneu erworben. Sie hat absolut keine Schäden“, antwortete der junge Herzog und sah aus dem Fenster. Das Unwetter schien unterdessen schlimmer zu werden. Der Wind peitschte gegen die alten Mauern und ein Gewitter zog direkt über ihnen vorüber. Richard blickte dann verdutzt auf den Boden der Kutsche und empörte sich: „Was zum Teufel?! Wieso ist hier alles nass?“
„Weil vermutlich ich undicht bin“, entgegnete Melanie und war sich nun absolut sicher, dass sie Wehen hatte und ihre Fruchtblase soeben geplatzt war.
Richard starrte sie mit offenem Mund an.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst?“, fragte er fassungslos. Sie nickte und presste ihre Lippen zusammen, als es wieder zu einer Wehe kam.
Der Herzog öffnete die Tür der Kutsche und fragte seinen Diener panisch: „Können wir weiterfahren?“
„Ungern, Eure Durchlaucht. Wenn wir bei so einem Unwetter rausfahren, könnten wir im Schlamm stecken bleiben und wären dann dem Wind und Regen ausgesetzt. Abgesehen davon fängt es gerade an zu hageln“, antwortete der Mann wahrheitsgemäß.
Richard sah weiße Hagelkörner in der Größe von Pistolenkugeln auf die Erde prasseln. Er setzte sich schnell zurück in die Kutsche und schloss die Tür wieder zu. Was sollte er jetzt bloß machen? Sie könnten hier stundenlang festsitzen. Melanie stöhnte auf und lehnte sich nach hinten. Die Abstände zwischen den Wehen waren nun deutlich kürzer und sie musste die Schmerzen veratmen.
„Leg dich am besten mit dem Rücken auf die Sitzbank“, schlug Richard vor, stand auf und machte ihr Platz.
Melanie legte sich vorsichtig hin und kniff die Augen zusammen, als der Schmerz sie wieder überkam.
„Halte durch. Dieses Gewitter wird nicht ewig andauern. Danach fahren wir weiter“, sprach Richard leise und berührte ihre Stirn.
„Und was machen wir, wenn das Baby gleich kommt?“, fragte Melanie ängstlich und wurde von einer weiteren Wehe erfasst.
„Ich weiß es nicht“, gestand Richard besorgt. Woher sollte er wissen, wie man bei einer Geburt half? Er war schließlich noch bei keiner einzigen dabei gewesen. Sie mussten so schnell wie möglich zum Schloss. Doch ein kurzer Blick aus dem Fenster verriet ihm, dass es dazu momentan keine Chance gab. Es tobte ein gewaltiges Unwetter da draußen und machte das Weiterfahren unmöglich. Währenddessen versuchte Melanie, die Schmerzen wegzuhecheln, die allmählich unerträglich wurden. Bei der nächsten gewaltigen Wehe musste sie sogar kurz aufschreien. Richard hielt ihre Hand fest und hoffte, das Wetter würde sich bald wieder beruhigen. Sein frommer Wunsch blieb unerhört. Sie warteten bereits seit über einer Stunde und Melanie schrie bei jeder Wehe auf.
„Ich glaube, das Baby kommt“, sagte sie panisch und verspürte das dringende Verlangen, zu pressen. Sie tat es und fühlte, wie sich etwas in ihr seinen Weg nach draußen bahnte. Richard kniete direkt neben ihr und wusste vor lauter Aufregung nicht, was er tun sollte.
„Los, du musst es rausziehen“, befahl sie ihm unter Schmerzen und presste weiter. Ihr Ehemann starrte sie entsetzt an.
„Mach schon, tue es!“, brüllte Melanie ihn an.
Er atmete tief aus, nahm ihren langen Rock hoch und sah bereits das Köpfchen. Ganz vorsichtig zog er daran und mit der nächsten Presswehe kam das Kind komplett heraus. Richard nahm das Neugeborene in seine Arme und war absolut sprachlos. Das Baby schrie und war voller Käseschmiere. Der Herzog schaute völlig perplex auf das kleine Geschöpf und konnte kaum glauben, was gerade passiert war. Dann zog er mit einem Arm sein Sakko aus und wickelte das Baby darin ein. Melanie sah nun zum ersten Mal ihr Kind und wurde von den Gefühlen überwältigt. Sie fing an zu lachen und Richard lachte mit. Er war unendlich erleichtert darüber, dass alles gut verlaufen war. Die beiden frischgebackenen Eltern stellten fest, dass sie einen kleinen Sohn bekommen hatten. Richard sah Melanie daraufhin dankend an und gab ihr einen Kuss.
„Wie wollen wir ihn nennen?“, fragte die junge Mutter.
„Gabriel“, antwortete der Vater stolz.
„Ein schöner Name. Ich bin damit einverstanden“, entgegnete Melanie.
Das Gewitter hörte erst nach zwei weiteren Stunden auf, aber das war dem Herzogspaar gleichgültig. Sie hatten gemeinsam die Geburt überstanden und nur das zählte.
Kapitel 57 Der Zeitungsartikel
30. Mai 1876
Zwei Tage nach dem großen Unwetter saßen die Kaiserin Anastasia und der Kaiser Alexander gemeinsam am Frühstückstisch und nahmen schweigend ihr Essen ein. Der Oberdiener brachte im nächsten Augenblick zwei Exemplare der aktuellen Morgenzeitung und legte jeweils eine Ausgabe der Kaiserin und dem Kaiser hin. Er verbeugte sich tief und entfernte sich wieder aus dem Saal. Anastasia nahm sogleich die Zeitung in die Hand und blätterte darin herum. Auf der dritten Seite entdeckte sie einen Beitrag, der ihre Aufmerksamkeit weckte, und begann, den Zeitungsartikel unter der Überschrift ,Ein Herz für Bedürftige‘ zu lesen:
Freud und Leid liegen im Leben manchmal nah beieinander. Aus diesem Grund gründete Herzogin Melanie von Crussol die Organisation ,Ma Grande Sœur‘, die sich der Not der Armen und Schwachen widmet. In dem dafür neuerbauten Zentrum können alleinerziehende Frauen Berufe wie zum Beispiel Näherin, Töpferin, Buchhalterin, Verkäuferin und sogar Apothekerin erlernen. Ihre Kinder werden während der Ausbildungszeit in Kindergärten und Schulen betreut. Frauen, denen die schulischen Vorkenntnisse fehlen, um einen Beruf zu erlernen, haben die Möglichkeit, ihren Schulabschluss nachzuholen. Des Weiteren werden in einem Waisenhaus Kinder von der Straße aufgenommen, die in der neuen Einrichtung eine ungestörte Kindheit genießen dürfen. Ärzte und Erzieher sorgen stets für ihr Wohlergehen. Alle Kinder nehmen ab dem sechsten beziehungsweise siebten Lebensjahr am Schulunterricht teil. Außerdem befindet sich auf dem weiten Gelände, das wie ein Park angelegt ist, noch ein Pflegeheim für Kranke und Gebrechliche. Das Gebäude liegt direkt neben dem Waisenhaus: somit erfreuen sich die alten Bewohner an fröhlichen Kinderstimmen und verbringen mit den Kindern gemeinsame Zeit. Ein generationsübergreifendes Konzept, das sehr viel Zuspruch erntet. Die Jungen lernen von den Alten und umgekehrt. Eine Pflegeheimbewohnerin hat es mit ihrer Aussage elegant auf den Punkt gebracht. „Man fühlt sich als alte Frau weiterhin gebraucht, wenn man von kleinen Kindern umringt wird und sie einen bitten, etwas vorgelesen zu bekommen.“ Seit Kurzem gehören fast einhundert Sozialwohnungen ebenfalls zu der Organisation ,Ma Grande Sœur‘ und werden zu niedrigen Preisen an sozial schwache Familien vermietet. Vor zwei Tagen fand ein Fest zur offiziellen Eröffnung dieses Zentrums statt. Die Feierlichkeiten wurden zum Ende hin von dem gewaltigen Unwetter überschattet, das über unser Land hinwegzog, aber alle Teilnehmer hatten sich in die umliegenden Gebäude gerettet und es kam niemand zu Schaden. Unserer Redaktion wurde außerdem berichtet, dass am gleichen Tag der Sohn des Herzogspaares von Crussol das Licht der Welt erblickt hat. Wir möchten an dieser Stelle dem Herzog und der Herzogin unsere Glückwünsche überbringen und wünschen der jungen Familie weiterhin alles Gute.
Die Kaiserin guckte erstaunt und legte die Zeitung neben ihren Teller. Sie schaute zu ihrem Ehemann hinüber, der gerade denselben Artikel durchlas. Sie stellte überrascht fest, dass er stirnrunzelnd die Seite umblätterte und weiterlas, ohne einen Kommentar abzugeben.
„Die frühere Mademoiselle Melanie von Bouget feiert offenbar Erfolge als die neue Herzogin von Crussol. Wer hätte gedacht, dass diese Person ein gewisses Maß an Intelligenz besitzt?“, sagte Anastasia höhnisch.
„Hmm“, war Alexanders knappe Bemerkung und er sah unbeirrt auf die Zeitung.
„Möchtest du dieses Engagement nicht irgendwie würdigen?“, hakte sie nach und lächelte hämisch.
„Nein“, antwortete er gelangweilt.
„Warum nicht?“, wollte die Kaiserin wissen und war über so viel Desinteresse verwundert.
„Weil das noch keine großartige Leistung ist. Mal schauen, wie lange sich diese Organisation über Wasser hält. Das Ganze wird mit Sicherheit durch Spenden finanziert und wenn die versiegen, dann findet es schnell ein Ende“, antwortete der Kaiser hochnäsig.
„Aber gerade deswegen sollte die öffentliche Aufmerksamkeit für dieses Projekt bestehen bleiben. Und wenn du als Kaiser zeigst, dass du ebenfalls diese Organisation unterstützt, dann werden bestimmt noch weitere Spenden eintreffen. Und ganz nebenbei würdest du als Monarch bei deinen Untertanen an Beliebtheit gewinnen“, deutete Anastasia an.
„Sie wird bereits medienwirksam unterstützt“, erwiderte Alexander ernst. „Auf der nächsten Seite steht geschrieben, dass die Freie und Sozialistische Partei voll hinter ,Ma Grande Sœur‘ stehe und dass die Organisation ein fester Bestandteil ihres Wahlkampfs sei.“
Anastasia weitete ihre Augen. Jetzt verstand sie den Unmut ihres Mannes. Die FSP gehörte innerhalb des Parlaments der Opposition an. Damit befürworteten die Gegner des Kaisers die Organisation der Herzogin von Crussol. Für die Kaiserin war dies aber kein Grund, den Einsatz für Arme und Schwache nicht wertzuschätzen. Sie selbst war die Schirmherrin des Krankenhauses der Hauptstadt und förderte die medizinische Forschung – und wusste wie keine andere Person im Lande, wie dankbar ihre Untertanen waren, wenn man ihnen eine helfende Hand reichte. Anastasia beschloss daher, auf eigene Faust die Herzogin von Crussol zu kontaktieren.
Kaiser Alexander hingegen blieb bei seiner Äußerung und verschwendete keinen Gedanken daran, Melanie je wiedersehen zu wollen. Er nahm ihr weiterhin übel, dass sie ihn einst abgewiesen hatte. Stattdessen hatte sie diesen Richard, den Herzog von Crussol, geheiratet und ihm ein Kind geschenkt. Auf gar keinen Fall würde er die Organisation ,Ma Grande Sœur‘ jemals in der Öffentlichkeit erwähnen; das verbat ihm sein männlicher Stolz. Abgesehen davon war da noch die FSP. Die gegnerische Partei hatte bei der letzten Sitzung des Parlaments das Wahlrecht für Frauen durchgerungen und das Gesetz wurde nun dementsprechend geändert. Sehr zum Ärgernis der konservativen Partei. Die Opposition ging nun gestärkt in die letzte Phase des Wahlkampfs über und das missfiel Alexander sehr.
Einige Tage später saßen Melanie und Veronika gemeinsam auf dem Sofa im großen Salon ihres Zuhauses und beobachteten vergnügt, wie Richard und Jakob mit den Kindern spielten. Richard hielt Gabriel im Arm und zeigte ihm eine Rassel. Sein kleiner Sohn, der nur wenige Tage alt war, würdigte das Spielzeug keines Blickes, sondern sah fasziniert das Gesicht seines Vaters an. Jakob hingegen hatte mit der zwei Monate alten Colette bereits mehr Spaß. Er schnitt für sie Grimassen und die Kleine lachte vergnügt und berührte mit ihren winzigen Händen seine Wangen. Die jungen Männer wirkten überglücklich und wollten sich von den zwei Engeln am liebsten nicht mehr trennen. Im nächsten Augenblick betrat der Butler den Salon und überreichte der Herzogin einen versiegelten Briefumschlag.
„Dies wurde soeben für Euch abgegeben, Eure Durchlaucht“, sagte er kurz und entfernte sich wieder.
Melanie öffnete den Umschlag und las den Briefinhalt durch.
„Von wem ist dieses Schreiben?“, fragte Veronika neugierig.
„Von Kaiserin Anastasia“, antwortete Melanie stirnrunzelnd.
Richard horchte sofort auf und sah zu ihr.
„Was will sie?“, wollte er sogleich wissen.
„Sie lädt mich zu sich in den Frühlingspalast ein, um mit mir zu sprechen“, entgegnete Melanie überrascht. Damit hatte sie definitiv nicht gerechnet: dass ausgerechnet die Kaiserin, die sie wie Ungeziefer aus dem kaiserlichen Palast gejagt hatte, nun mit ihr reden wollte.
„Weswegen?“ Richard klang erbost.
„Das hat sie leider nicht geschrieben“, entgegnete seine Frau und sah besorgt aus. War Anastasia auf Rache gegen sie aus wegen des heimlichen Verhältnisses mit dem Kaiser? Melanie wollte der Aufforderung der Monarchin am liebsten gar nicht nachkommen.
„Schreib ihr, dass du krank wärst und deswegen nicht kämst“, sagte Richard gereizt und wollte das Kapitel so schnell wie möglich abschließen.
„Dauerhaft?“, fragte Melanie sarkastisch. „Ich werde wohl kaum für immer krank bleiben oder irgendwie anders verhindert sein können. Mir bleibt keine andere Wahl. Ich werde hingehen müssen.“
„Warum bist du überhaupt abgeneigt, hinzugehen?“, fragte Veronika verwirrt. „Die Kaiserin schreibt sicherlich nicht jeden an und lädt ihn persönlich zu sich in den Palast ein. Das ist doch eine Ehre.“
„Nicht, wenn man vorher ein heimliches Verhältnis mit dem Kaiser hatte“, bemerkte Jakob und erntete dafür böse Blicke von Richard.
„Wie bitte?!“, rief Veronika fassungslos. „Melanie, das hast du mir gar nicht erzählt! Ich dachte, du warst des Kaisers Günstling, aber offensichtlich war da zwischen euch mehr.“
Melanie seufzte und schaute betrübt zu ihrer Schwester.
„Du gehst da nicht hin“, sagte Richard entschieden. Er hasste den Gedanken, seine Frau wieder in die Nähe des Kaisers zu lassen.
„Liebend gern sogar“, stimmte Melanie ihm zu und ergänzte entmutigt: „Aber ich muss.“
Richard verdrehte den Kopf vor lauter Wut und zischte: „Wenn der Kaiser dich nur mit dem Finger berührt, dann hacke ich ihm persönlich den Arm ab.“
„Ich reiche dir vorher die Axt“, antwortete Melanie.
Veronika war entsetzt über diese feindselige Äußerung und fragte ihre Schwester schockiert: „Weshalb bist du so wütend auf den Kaiser?“
„Weil ich nicht seine Geliebte sein wollte. Er hat mich dazu gezwungen“, antwortete sie und schaute verschämt zu Boden. Veronika konnte kaum glauben, dies soeben gehört zu haben. Sie legte ihre Hand auf Melanies Schulter und sah sie voller Mitgefühl an. Richard biss die Zähne zusammen und schloss kurz seine Augen. Die Vorstellung, dass ein anderer Mann seine Ehefrau intim berührt hatte, trieb ihn in den Wahnsinn.
Das Treffen mit der Kaiserin fand drei Tage später statt. Melanie trug einen eleganten, weißen und taillierten Hosenanzug mit goldenen Knöpfen, die in zwei Reihen angenäht waren, und dazu königsblaue High Heels. Anastasia empfing ihren Gast im Garten des Palasts. Die Herzogin von Crussol knickste höflich vor ihr und nahm auf dem gepolsterten Stuhl gegenüber der Kaiserin Platz. Es wurde schwarzer Tee serviert, aber Melanie rührte ihre Tasse nicht an. Nicht, bevor sie den Grund ihrer Vorladung erfahren hatte.
„Ich gratuliere Ihnen zur Geburt Ihres Kindes, Madame von Crussol“, begann die Kaiserin die Unterhaltung.
„Danke schön, überaus freundlich von Euch, Eure Kaiserliche Majestät“, bedankte sich Melanie sachlich und blieb ernst.
„Vermutlich fragen Sie sich, weshalb ich Sie herbestellt habe“, sagte die Regentin und lächelte verschmitzt.
Ihre ehemalige Rivalin erwiderte nichts darauf und sah Anastasia schweigend an.
„Nun, ich möchte mich mit Ihnen über Ihr soziales Engagement unterhalten“, offenbarte die Kaiserin und sah, wie Melanie skeptisch die Stirn runzelte. „Ich habe von Ihrer Organisation in der Zeitung gelesen und bin positiv überrascht. Ich hätte Ihnen gar nicht zugetraut, dass Sie so einen enormen Einsatz im gemeinnützigen Bereich zeigen.“
„Offen gesagt, kennen wir uns nicht wirklich“, entgegnete Melanie trocken.
„Das ist korrekt“, bemerkte Anastasia und sah ihre Gesprächspartnerin durchdringend an. „Wie dem auch sei, wie werden Sie ihr Projekt weiter ausbauen?“
„Indem wir weitere Einrichtungen in anderen Städten des Landes gründen und Sozialwohnungen vermieten“, antwortete Melanie knapp.
„Haben Sie denn so viele Gelder dafür?“, fragte die Kaiserin skeptisch nach.
„O ja, die haben wir“, erwiderte die junge Herzogin selbstbewusst. Sie brauchte sich bei der Monarchin nicht einzuschleimen. Daher verriet sie ihr nicht, dass sie vorhatte, in Immobilien zu investieren, um weitere Einnahmen zu sichern. Denn ihr Plan war es, die Organisation dauerhaft von Spenden unabhängig zu machen.
„Alle Achtung. Ich habe Sie wohl falsch eingeschätzt, Madame von Crussol. Um ehrlich zu sein, ging ich noch bis vor Kurzem davon aus, dass Sie sich mithilfe anderer nur bereichern wollen würden, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie teilen Ihren Reichtum mit bedürftigen Menschen“, merkte die Kaiserin an.
„Diesen Eindruck haben die meisten aus der Upperclass, aber das interessiert mich nicht im Geringsten“, entgegnete Melanie und blickte weiterhin entschlossen zu der Kaiserin.
Anastasia lächelte listig und ahnte, dass die Herzogin die niederträchtigen Gerüchte um ihre Person meinte.
„Nun, vielleicht können wir dem etwas entgegenwirken“, sagte die Regentin geheimnisvoll. Dann stand sie unerwartet auf und beendete die Unterhaltung.
Melanie knickste erneut zum Abschied und sah der Kaiserin mit einem fragenden Blick hinterher. Wie meinte Anastasia das mit dem Entgegenwirken? Früher oder später würde Melanie es wohl erfahren und beschloss, sich besser ohne weitere Kommentare zurückzuziehen. Während sie an den Türen vorbeiging, die von der Terrasse in das Innere des Schlosses führten, sah sie den Kaiser dort stehen. Er hatte offenbar das Treffen zwischen der Kaiserin und ihr beobachtet. Melanie grüßte Alexander mit einem Knicks, wie es das Protokoll verlangte, und schritt elegant weiter Richtung Haupttor, wo ihre Kutsche auf sie wartete. Der Kaiser erwiderte den Gruß mit einem Kopfnicken und schaute ihr nach. In seinen Augen sah sie immer noch so unverschämt gut aus wie das letzte Mal, als er sie getroffen hatte. Und nun kam neuerdings diese Aura der Macht hinzu. Sein ehemaliger Günstling war mittlerweile erwachsen geworden und eine richtige Geschäftsfrau, die ihn sicherlich nie wieder um Hilfe zu bitten brauchte.
Kapitel 58 Der Sinneswandel
9. Juni 1876
Der Sommer begann dieses Jahr sehr sonnig. Auch am zweiten Donnerstag im Juni, dem legendären Tag, an dem die feine Gesellschaft ihr berühmtes Picknick im Kanarienvogel-Park abhielt, strahlte der gigantische Feuerball vom wolkenlosen Himmel und wärmte die Mutter Erde. Die Familie von Crussol saß gemeinsam mit der Baronin von Semur und ihrer Tochter auf einer großen Decke und aß frisches Obst und Wassermelone. Melanie schaute sich mehrmals suchend um, aber von der Familie von Bouget war niemand anwesend. Sie wusste, dass ihr Vater wichtige Angelegenheiten zu erledigen hatte und dass ihr Bruder Jakob mit seinen Freunden unterwegs war. Sie hoffte dennoch auf das Erscheinen ihrer Schwester Jane und ihrer Mutter. Doch bis jetzt leider vergebens. Bloß ihre Nichte Colette saß fröhlich auf ihrem Schoß und war somit die einzige Namensvertreterin aus dem Hause von Bouget. Veronika hatte eine leichte Sommergrippe erwischt und war deswegen daheim geblieben. Die Kleine nuckelte an ihrem Daumen und schmiegte sich an die Brust ihrer Tante. Katarina von Crussol hielt unterdessen ihren Enkelsohn Gabriel und zeigte ihn stolz Rosemarie und Monika. Die beiden Damen waren ganz vernarrt in den hübschen, kleinen Kerl, der die Gesichtszüge seines Vaters und die roten Haare seiner Mutter geerbt hatte. Anschließend bewunderten sie Melanies kleine Nichte.
„Sie hat definitiv die grünen Augen von Veronika und ihre Haare sind so schwarz wie die vom Grafen von Ailly. Und das überaus reizende Gesicht ... hmm ... schwierig. Etwas von beiden Elternteilen, würde ich sagen“, äußerte Monika ihren ersten Eindruck.
„Hat sich der abtrünnige Vater dieser kleinen Prinzessin inzwischen bei Ihnen blicken lassen?“, fragte Rosemarie neugierig.
„Nein“, antwortete Melanie niedergeschlagen.
„Vielleicht wird es Zeit, stattdessen ihn aufzusuchen?“, schlug die alte Dame vor.
„Das entscheidet Veronika, aber ich gehe stark davon aus, dass sie es nicht will“, erklärte Melanie wahrheitsgemäß.
„Schade, dabei ist der junge Graf in diesem Moment nicht weit entfernt“, bemerkte die Baronin von Semur und zeigte mit ihrer Zigarette in Richtung des Flusses Laine. Melanie folgte sogleich ihrem Blick und erkannte Henri, wie er zusammen mit Richard und Vincent am Flussufer stand. Die Gedanken rasten ihr durch den Kopf. Sollte sie es wagen, ihn anzusprechen? Würde er ihr überhaupt zuhören? Schließlich stand Melanie auf, hielt weiterhin ihre Nichte im Arm und schritt langsam auf die drei Herren zu. Richard bemerkte als Erster ihr Kommen und lächelte sanft.
„Guten Tag, Melanie“, begrüßte Vincent sie.
Die junge Herzogin grüßte zurück und schaute dann erwartungsvoll zu dem Grafen von Ailly.
„Hallo, Henri“, sagte sie zögerlich. Wie sollte sie nur am besten anfangen?
„Hallo, Melanie“, erwiderte er verlegen. Er sah interessiert zu dem Kind auf ihrem Arm und fragte verwundert: „Ich wusste gar nicht, dass Gabriel schon so groß ist. Müsste er nicht gerade mal ein paar Wochen alt sein?“
„Das ist nicht mein Sohn“, antwortete Richard und schmunzelte. „Sondern deine Tochter Colette.“
Melanies Herz schlug ihr bis zum Hals. Würde Henri sich jetzt umdrehen und weggehen? Der Graf von Ailly weitete hingegen überrascht seine Augen und gab keinen Ton von sich. Das kleine Mädchen wurde unterdessen putzmunter und machte Anstalten, die Arme seiner Tante zu verlassen und lieber zu seinem Onkel zu springen. Richard nahm sie lächelnd entgegen und hielt sie liebevoll im Arm, während Colette lachend versuchte, ihre kleinen Finger in seinen Mund zu stecken. Henri beobachtete die beiden und schwieg. Vincent fiel sofort etwas an ihm auf: Henris sehnsüchtiger Blick.
„Möchtest du das Baby mal halten?“, schlug er vor und Richard reagierte augenblicklich. Er trat näher an Henri heran und sah erwartungsvoll zu ihm.
„Ähm, ja, wieso nicht?“, entgegnete der junge Graf unsicher und nahm den kleinen Sonnenschein auf seinen Arm. Colette schaute ihn überrascht an. Ein neues Gesicht, das sie noch nicht kannte, und ihr dennoch sonderbar vertraut vorkam. Auch Henri konnte seinen Blick nicht mehr von der Kleinen abwenden. Er erkannte sofort Veronikas Augen wieder und ansonsten war seine Tochter ein hübscher Mix aus ihnen beiden geworden. Colette streckte ihm ihre Hand entgegen und er umschloss sie zärtlich mit seinen Fingern. Der kleine Engel strahlte ihn an und Henri lächelte zurück. Für den Grafen von Ailly war seine Tochter das schönste Mädchen, das er je in seinem bisherigen Leben gesehen hatte. Richard und Melanie blickten sich daraufhin vielsagend an. Womöglich würde ihre Nichte etwas schaffen, was zuvor keiner jungen Dame jemals gelungen war: den wilden Henri zu zähmen.
Der Graf von Ailly verbrachte den gesamten Nachmittag mit der kleinen Lady im Park und spürte, wie die unbändige Kraft der Liebe sein Herz umschloss.
Am Tag darauf gingen der Herzog von Guise und der Graf von Ailly auf die Pirsch und stürzten sich in das Nachtleben. Die attraktiven Frauen umschwirrten Henri und tanzten um ihn herum, aber keine von ihnen weckte sein Interesse. Sogar der Wein schmeckte ihm nicht mehr. Denn in jeder freien Minute flogen seine Gedanken zu Colette. Er wollte sie am liebsten wieder auf den Arm nehmen und ihre putzigen Bäckchen knuddeln. Egal, was er im Moment tat, sie fehlte ihm unheimlich. Henri vermisste ihr süßes Lachen und ihre kleinen Hände. Vincent entging die ständige Grübelei seines Freundes nicht und er sprach ihn direkt darauf an. „Henri, was ist los? Schmeckt dir das Steak vom Hirsch heute nicht?“
Sie saßen gerade in einem feinen Restaurant und das Essen war ihnen bereits vor zehn Minuten serviert worden. Aber Henri stocherte nur auf seinem Teller herum, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen. Er atmete schwer aus und antwortete: „Es ist wegen Colette. Sie ist die ganze Zeit in meinen Gedanken.“
„Was hält dich auf? Geh doch zu ihr. Gleich morgen früh kannst du sie wiedersehen“, stellte Vincent klar.
Sein Freund seufzte und fasste sich an die Stirn.
„Ich schätze, ihre Mutter wird mich nicht empfangen wollen“, sagte Henri traurig.
„Das weißt du erst, wenn du es versucht hast. Ich begleite dich. Uns zwei wird Veronika sicher nicht wegschicken. Außerdem ist es Richards Schloss, in dem sie wohnt. Demnach kann nur er uns davonjagen“, erklärte Vincent und trank den Weißwein aus seinem Glas.
Sein Gegenüber dachte scharf nach. Wenn Veronika sich dennoch weigerte, was hatte er für eine Wahl? Er nahm sich vor, es trotzdem zu versuchen.
„In Ordnung, du hast mich überzeugt. Wir reiten morgen früh hin und dann ...“ Henri stockte kurz, als ob er sich über die Bedeutung der folgenden Worte erst klar werden müsste. „... sehe ich mein Kind wieder.“
Vincent lächelte zufrieden und wusste, dass sein Freund endlich genau das Richtige tat.
Zur gleichen Zeit stand Jakob in seinen Privatgemächern in Richards Schloss und überreichte Veronika ein großes Päckchen.
„Was ist das?“, fragte seine Schwester überrascht.
„Ein Präsent für meine teuersten Schätze“, antwortete Jakob geheimnisvoll.
Veronika packte es langsam aus und erblickte Kinderkleidung. Sie machte ein erstauntes Gesicht und betrachtete die hübschen Kleidchen eins nach dem anderen. Dazu gab es noch weiche Strumpfhosen und niedliche Schühchen aus weichem Leder. Jakob hatte eine sehr hochwertige Auswahl getroffen. Veronika war absolut entzückt und gab ihrem Bruder einen Wangenkuss. Dann entdeckte sie in dem Päckchen noch eine längliche Schatulle und öffnete sie. Darin lag ein kostbares Armband aus Roségold, das mit unzähligen Brillanten versehen war.
„Das ist für dich“, sagte Jakob, nahm das Schmuckstück und legte es Veronika um das linke Handgelenk. „Es soll dich immer daran erinnern, wie wertvoll du bist.“
„Es ist wunderschön. Woher hast du die Mittel dazu?“, fragte sie und sah ihm dabei tief in die Augen.
„Ich habe das Geld, das ich beim Pferderennen gewonnen habe, dazu benutzt. Abgesehen davon werde ich bald mein eigenes Geld verdienen und damit dich und Colette unterstützen. Es wird euch an nichts fehlen, das verspreche ich“, erklärte er und hielt ihre Hand fest.
Veronika schenkte ihm ein liebevolles Lächeln und streichelte ihm zärtlich über die Wange.
„Danke, Jakob“, sagte sie leise.
„Ihr seid für mich das Wichtigste. Es gibt nichts, was ich für euch nicht tun würde“, flüsterte er und kam Veronikas Gesicht näher. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und umarmte ihn. Jakob umschloss sie mit seinen Armen und hielt sie ganz fest an sich gedrückt. Und genau in diesem Augenblick entschied er, sie nie wieder loszulassen.
Kapitel 59 Der Kampf
10. Juni 1876
Jakob war gerade mit dem Frühstück fertig geworden. Er verabschiedete sich von den anderen, die noch am Tisch saßen, nahm seine Nichte in den Arm und drückte sie hingebungsvoll an sich. Colette schenkte ihm ein Lächeln und schmuste ihren Onkel an der Wange. Jakob liebte solche Momente mit der Kleinen am allermeisten. Es kostete ihn viel Überwindung, sie zurück an ihre Mama zu reichen. Jakob gab Veronika zum Abschied noch einen Wangenkuss und machte sich auf den Weg zum Unterricht. Er holte seine Schultasche, die in seinem Schlafgemach neben dem Schreibtisch stand, und spazierte bestens gelaunt durch den Vordereingang nach draußen. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und die Freude in seinem Gesicht wich dem puren Hass. Er starrte feindselig auf den Mann, der soeben von seinem Pferd abstieg und dann die Treppe zum Haupteingang hinaufging. Es war der Graf von Ailly und ihm folgte sein treuer Freund, der Herzog von Guise. Als die beiden Herren direkt vor ihm stehen blieben, begrüßten sie ihn, doch Jakob grüßte nicht zurück. Stattdessen wollte er Henri auf der Stelle die Treppe hinunterstoßen.
„Was willst du hier?“, herrschte Jakob seinen Widersacher an.
Etwas irritiert über die barsche Begrüßung antwortete Henri: „Ich will meine Tochter sehen. Deswegen bin ich hier.“
„Verschwinde, du hast hier nichts verloren!“, erwiderte Jakob böse und stellte sich vor den Treppenaufgang wie ein wildgewordener Bär vor den Eingang zu seiner Höhle.
„Wie bitte? Du weißt wohl nicht, mit wem du hier sprichst. Abgesehen davon bist du nicht dazu befugt, mir den Zutritt zu verweigern; schließlich bist du nicht der Herr dieses Schlosses“, wies Henri ihn zurecht.
„Und du bist noch lange kein Vater!“, schleuderte Jakob seinem Gegner ins Gesicht und ballte die Fäuste. „Wo hast du dich die letzten Monate versteckt? Elender Feigling! Warst du bei der Geburt des Kindes dabei? Nein! Du verdienst es nicht, Colette zu sehen!“
Henri sah Jakob schuldbewusst an, aber er wollte nicht aufgeben.
„Colette ist meine Tochter“, sagte Henri ruhig und begann von Neuem. „Ich gebe zu, dass ich bis jetzt kein guter Vater gewesen bin, aber nun möchte ich es sein. Also bitte, lass mich vorbei.“
„Nein! Du kriegst Colette nicht. Weder sie noch Veronika! Also dreh um und verzieh dich!“, fauchte Jakob ihn wütend an. Er dachte nicht daran, sich auch nur einen Millimeter zur Seite zu bewegen.
Vincent hatte die hitzige Auseinandersetzung bis jetzt schweigend mitverfolgt, denn er hatte offenkundig nicht mit Jakobs massiver Gegenwehr gerechnet; doch nun beschloss er, sich einzumischen.
„Jakob, Colette ist Henris leibliches Kind. Er hat das Recht, sie zu sehen, wenn er es will“, sagte er in gemäßigtem Ton.
„Ich sagte, ihr sollt euch verziehen, sonst werdet ihr mich gleich so richtig kennenlernen“, drohte Jakob den beiden Männern und funkelte sie gefährlich an.
Sowohl Henri als auch Vincent waren nicht nur überrascht über so viel Bosheit, sondern auch über Jakobs Mut, den zwei einflussreichen Edelmännern die Stirn zu bieten.
Henri wusste, dass, wenn er es sich jetzt mit Jakob verscherzte, dies seine Chancen schmälerte, sich bei Veronika gut zu stimmen. Deswegen war es besser, in diesem Augenblick das Feld zu räumen und sich eine andere Strategie zu überlegen. Er musste sich vorerst geschlagen geben und machte höchst widerwillig auf dem Absatz kehrt. Vincent bedachte Jakob noch eines finsteren Blickes und folgte seinem Freund zurück zu den Pferden. Jakob schaute ihnen nach und rührte sich erst dann wieder, als die beiden in der Ferne verschwunden waren. An Schule war nicht mehr zu denken. Er musste heute hierbleiben und aufpassen, dass die zwei Halunken nicht wiederkamen. Jakob drehte sich um und lief auf dem geraden Wege zu Veronikas Gemächern. Er bemerkte beim Reingehen gar nicht, dass Richard am Fenster rechts neben dem Eingang stand und den Streit soeben mitverfolgt hatte. Der Herzog von Crussol hatte nicht vorgehabt, sich in den Wortwechsel zwischen Henri und Jakob einzumischen. Der junge Graf hatte damals seine Chance vertan, mit Veronika und dem Kind glücklich zu werden. Nun musste er an Jakob vorbei. Und obwohl Richard für seinen Kumpel nur das Beste wünschte, musste Henri diesen Kampf allein bestreiten, denn er würde ihm nicht helfen.
Unterdessen war Jakob bei Veronikas Privatgemächern angekommen und ging schnell hinein, ohne vorher angeklopft zu haben. Vor wenigen Minuten hatte seine Schwester ihr Töchterchen schlafen gelegt und wollte sich nun im Bad erfrischen. Sie hatte bereits ihr Kleid ausgezogen und stand nur in Unterwäsche da, als ihr Bruder völlig unerwartet das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss. Jakob sah sie an und die Begierde kam wie eine übermächtige Gewalt über ihn. Er ging auf sie zu und schaute ihr ins Gesicht. Veronika war die Frau seiner Träume. Alles an ihr war perfekt: ihr Aussehen und ihr Charakter. Das Einzige, was ihn davon abhielt, sich ihr körperlich zu nähern, war der Verwandtschaftsgrad. Bis jetzt. Jakob legte seine Arme um Veronikas Brustkorb und küsste sie innig. In den ersten dreißig Sekunden blieb die Zeit stehen. Als wären die beiden in einer anderen Dimension und nicht in dieser Welt, in der sie Bruder und Schwester waren. Doch dann löste sich Veronika abrupt von ihm und sah ihn fragend an.
„Jakob, was wird das hier?“, wollte sie wissen und kämpfte gegen das starke Gefühl in ihrer Brust an.
„Könntest du dir ein Leben mit mir vorstellen?“, fragte Jakob sie unerwartet.
Veronika weitete ihre Augen und war sprachlos.
„Ich liebe dich. Und ich möchte mit dir mein Leben verbringen. Die letzten Monate waren für mich wie ein wunderbarer Traum. Wir beide haben so viel Zeit miteinander verbracht und die kleine Colette ist wie die Krönung unseres Glücks. Ihr beide seid meine Familie. Ich möchte nicht mehr ohne euch leben. Bitte, Veronika, lass uns zusammenbleiben. Ich werde deine Tochter wie mein eigenes Kind großziehen.“
Seine Schwester hatte aufmerksam zugehört und nahm Jakobs Gesicht vorsichtig in ihre Hände.
„Aber die Welt wird uns niemals akzeptieren. Und wir dürften keine gemeinsamen Kinder haben. Es wäre eine Liebe im Verborgenen, ohne Tageslicht“, erwiderte Veronika und hielt die Luft an, als Jakob sie näher an sich heranzog und sie sich gegenseitig an der Stirn berührten.
„Das ist mir egal. Dann werde ich dich nur lieben, wenn die Welt nicht zusieht. Und Colette reicht mir als gemeinsames Kind mit dir aus. Sie wird später alles von mir erben: den Titel, das Vermögen und den Landsitz. Sie wird ein behütetes Leben führen und vorteilhaft heiraten. Darauf gebe ich dir mein Wort“, schwor Jakob und küsste sie erneut. Dieses Mal war der Kuss leidenschaftlicher und es bereitete Veronika höchste Mühe, sich von ihm zu lösen.
„Jakob, das ist verboten“, flüsterte sie und ihre Lippen bebten vor Verlangen.
„Ich tue viele verbotene Dinge“, sagte er leise und zog ihr langsam die Unterwäsche aus. Als Veronika komplett unbekleidet vor ihm stand, betrachtete Jakob ihren betörenden Körper und öffnete sein Hemd. Dann näherte er sich ihr wieder und sie legte ihre Hände auf seine entblößte Brust. Sie wollte ihn spüren und das prickelnde Gefühl in ihr flüsterte ihr sündhafte Gedanken zu. Aber sie hatte Angst vor dem nächsten Schritt. In dem Moment, in dem Jakob sie wieder feurig küsste, ging plötzlich die Tür zum Schlafgemach auf und Melanie kam herein.
„Veronika? Ich wollte mit dir ...“ Sie stockte mitten in ihrem Satz und starrte entsetzt zu ihren beiden Geschwistern hinüber, die in einer eindeutigen Pose ihre Körper aneinanderschmiegten. Ihre schlimmste Vermutung hatte sich demnach bewahrheitet: Jakob und Veronika waren ein Liebespaar. Sie schloss eilends die Tür hinter sich zu und zischte aufgebracht: „Was zum Henker macht ihr hier? Seid ihr verrückt geworden?“
Veronika wollte sich sogleich von Jakob lösen, aber er hielt sie fest bei sich und antwortete stattdessen: „Das geht dich nichts an, was wir machen. Und jetzt geh wieder raus.“
Melanie sah ihn schockiert an und sagte: „Das ist Inzest! Wie lange läuft das zwischen euch?“
„Wir haben bis jetzt nicht miteinander geschlafen“, beteuerte Veronika und war mit ihren Gefühlen völlig durcheinander.
„Wie ich sehe, wollt ihr diesen Zustand gerade ändern“, bemerkte Melanie und zeigte mit den Händen auf die beiden. „Wohin wird euch das bringen? Habt ihr mal darüber nachgedacht? Ja, in Ordnung, ihr liebt euch. Das kann ich irgendwie noch verstehen, aber werdet ihr damit glücklich, indem ihr euch vor der Öffentlichkeit versteckt, und zwar bis zum Ende eurer Tage?“
„Unser Liebesleben geht niemanden etwas an und es ist mir egal, was die Leute über uns sagen“, gab Jakob selbstsicher zur Kenntnis.
„Mir nicht“, sagte Veronika traurig und starrte auf seine Brust.
Er schaute verwundert zu ihr und hob mit der einen Hand ihr Gesicht, sodass sie sich gegenseitig ansahen.
„Veronika, ich liebe dich“, wiederholte er und sah ihr tief in die Augen.
„Und ich liebe dich, Jakob. Aber Melanie hat recht. Unsere Liebe wird von der Gesellschaft niemals akzeptiert werden“, erklärte sie zögerlich. „Ich kann mir meine Zukunft nicht so vorstellen. Immerzu im Schatten. Und für dich wünsche ich so ein Leben ebenfalls nicht.“
Jakob schüttelte seinen Kopf und flehte sie im Flüsterton an: „Nein. Tu das bitte nicht.“
Veronika brachte es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass nun alles vorbei war. Sie würde ihn niemals wieder so nah an sich heranlassen wie gerade eben. Ihr Bruder war in den letzten Monaten ihre größte Stütze gewesen. Ohne ihn hätte sie die Trennung von Henri nicht so gut verkraftet. Und die Schwangerschaft war dank ihm ausgezeichnet verlaufen. Niemals würde sie Jakob seine liebevolle Hingabe vergessen, aber es gab keine gemeinsame Zukunft für sie beide. Egal, wie sehr sie sich das auch wünschte.
Zur gleichen Zeit standen Henri und Vincent mitten auf der Straße, die durch den Wald führte, und dachten nach. Ihre Pferde aßen währenddessen das saftige Gras am Straßenrand und warteten, bis ihre Besitzer endlich ihr nächstes Ziel vor Augen hatten.
„Was überlegst du noch?“, fragte Vincent ungeduldig. „Du weißt, was du jetzt zu tun hast.“
„Tue ich das?“, stellte Henri ihm die Gegenfrage. „Ist das dein Ernst? Veronika heiraten? Nur dann bekomme ich mein Kind?“
„So sieht es aus. Du hast doch Jakob soeben gehört. Er wird dir seine Schwester und Nichte auf gar keinen Fall überlassen. Aber das gilt nicht für den Baron von Bouget. Wenn du Veronikas Vater auf deine Seite ziehst, dann ist dir der Sieg garantiert“, erklärte Vincent ihm erneut.
„Aber ich halte nichts von der Ehe! Abgesehen davon bin ich mir nicht mal sicher, ob ich Veronika überhaupt treu bleiben könnte“, widersprach Henri und lief aufgebracht hin und her. „Ich werde mit Sicherheit Affären bis zum Abwinken haben. Soll ich ihr deiner Meinung nach so ein Leben mit mir zumuten?“
„Wenn es dir deine Tochter wert ist, dann wirst du deiner Frau wohl treu bleiben“, redete Vincent ihm ins Gewissen.
„Sicher, und du bist das beste Beispiel dafür. Bist seit über sechs Jahren verheiratet und die treueste Seele auf Erden“, spottete Henri.
„Meine Ehe mit Jacqueline ist ein Sonderfall und du weißt, warum. Das brauchen wir hier nicht weiter zu diskutieren. Es geht hier um deine Zukunft und dein Leben, Henri. Möchtest du es zusammen mit deinem Kind verbringen oder nicht?“, fragte Vincent laut.
„Ja, will ich!“, antwortete Henri mit hundertprozentiger Sicherheit. Nun erkannte er, dass es nur einen Weg für ihn gab, um sein Ziel zu erreichen. Er stieg wieder auf sein Pferd und galoppierte zusammen mit dem Herzog von Guise zum Anwesen von Thomas von Bouget.
Kapitel 60 Die Entscheidung
11. Juni 1876
Am darauffolgenden Tag saß Richard an seinem Schreibtisch und las ein paar Unterlagen, als im nächsten Moment der Butler in sein Arbeitszimmer kam und ihn darüber informierte, dass soeben Besuch für ihn eingetroffen war. Richard stand von seinem Sessel auf und begab sich in den Salon, wo die Gäste auf ihn warteten.
„Guten Tag, Thomas. Hallo, Henri. Welche Überraschung, euch beide hier bei mir zu sehen“, begrüßte Richard die zwei Herren und bot ihnen an, auf den Sesseln Platz zu nehmen. Er war eigentlich felsenfest davon ausgegangen, dass sein Schwiegervater Henri ordentlich verdreschen würde, sobald er ihm begegnete. Umso mehr verwunderte es ihn, dass sein Kumpel sich bester Gesundheit erfreute.
„Was bringt euch zu mir?“, fragte er und reichte jedem von ihnen ein volles Glas Wasser.
„Der Graf von Ailly hat mich um Erlaubnis gebeten, Veronika zu seiner Frau zu nehmen. Und ich bin damit einverstanden“, erklärte der Baron von Bouget sogleich. Richard sah erstaunt zu Henri hinüber, der seine Heiratspläne offensichtlich ernst meinte, denn er sah fest entschlossen aus.
„Das freut mich zu hören. Weiß Veronika bereits darüber Bescheid?“, wollte sein Schwiegersohn wissen.
„Noch nicht“, gestand Henri. „Richard, wir brauchen deine Hilfe bezüglich Jakob. Er ist wie von Sinnen. Er lässt uns nicht an Veronika ran. Weder seinen Vater noch mich. Wir können nicht vernünftig mit ihm reden, aber vielleicht du.“
Richard atmete tief durch. Genau das wollte er vermeiden. Denn er wusste, dass sein junger Schwager für seine eigene Schwester mehr empfand, als ein Bruder es tun sollte. Momentan belagerte Jakob Veronika wie ein eifersüchtiger Ehemann und das konnte Richard absolut nachvollziehen. Dennoch war er der Ansicht, dass, wenn Henri es nicht allein schaffte, Jakob zu bezwingen, er Veronika nicht verdiente. Plötzlich kam Melanie in das Zimmer und sagte entschlossen: „Letzten Endes sollte Veronika über ihre Zukunft und die ihrer Tochter selbst entscheiden dürfen.“
Sie hatte die Unterhaltung zwischen den drei Männern zufällig im Flur mitverfolgt und unbedingt ihre Meinung äußern wollen.
„Henri, wenn ich dir helfe, an Jakob vorbeizukommen, dann musst du Veronika auf jeden Fall von dir überzeugen“, sprach sie ihn direkt an und machte damit klar, dass Henri selbst für den Ausgang seines Unterfangens verantwortlich war.
Der Angesprochene nickte eifrig. Er würde dieses Mal auf gar keinen Fall aufgeben und sich nicht zurückziehen.
„In Ordnung, dann lasst uns sogleich aufbrechen“, sagte Melanie.
Thomas von Bouget und der Graf von Ailly standen von ihren Plätzen auf und folgten ihr nach draußen in den Garten. Richard hingegen blieb in seinem Arbeitszimmer und dachte nicht daran, auch nur einen Schritt zu tun.
Die Herzogin führte die beiden Männer außen herum zum Wintergarten, wo sich ihre Schwester mit den beiden Kindern gerade aufhielt. Melanie wusste, dass der direkte Weg dorthin von Jakob bewacht wurde wie von einem Rottweiler. Und selbst, wenn sie jetzt von außen herkamen, würde er sie trotzdem frühzeitig bemerken und aufhalten. Aber das nahm Melanie in Kauf. Die Hauptsache war, dass man aus dem Wintergarten nach draußen sehen konnte, und genau darauf spekulierte sie. Wie von ihr befürchtet, kam Jakob sogleich auf sie zugestürmt, als sie sich der Eingangstür näherten. Ihr Bruder stellte sich ihnen in den Weg und brauchte nichts zu sagen; allein seine Körperhaltung verriet, was er von den Besuchern hielt.
„Jakob, ich weiß, wie du dich fühlst“, begann Melanie ihn zu überreden. „Aber bitte lass uns vorbei. Es geht hier um Veronikas Zukunft.“
„Mit ihrer Zukunft ist alles bestens. Sie braucht diesen Mistkerl da nicht“, schimpfte Jakob und zeigte mit seinem Finger auf Henri.
„Weil sie dich hat, richtig?“, stellte Melanie fest und sah Jakob durchdringend an. Ihr Bruder hielt dem Blick stand und schwieg.
„Du wirst Veronika und Colette nicht verlieren. Sie werden für immer ein Teil deines Lebens bleiben“, erklärte Melanie einfühlsam.
„Das heißt aber noch lange nicht, dass dieses Arschloch da ein Teil ihres Lebens sein wird“, sagte Jakob entschieden und rührte sich weiterhin nicht vom Fleck. Währenddessen wartete Henri dicht hinter Melanie und schaute zum Wintergarten. Er stellte verblüfft fest, dass Veronika an der Fensterfront stand und sie beobachtete. Sie sah ihn direkt an und er blickte zu ihr zurück. Seine Liebste hatte sich seit ihrer letzten Begegnung kaum verändert. Nur ihre schönen, hellbraunen Haare waren etwas länger geworden; aber ansonsten war sie immer noch so unwiderstehlich wie eine frisch aufgeblühte Rose. Die Schwangerschaft hatte ihrer schlanken Figur nichts anhaben können. Veronika war so grazil, wie er sie kennengelernt hatte. Henri lächelte sie an wie früher, als sie sich getroffen und er ihr kleine Geschenke mitgebracht hatte. Eines davon trug sie in diesem Augenblick um den Hals. Es handelte sich um ein Medaillon aus Weißgold, auf dem schwungvoll die Buchstaben V und H eingraviert waren. Veronika erwiderte das Lächeln und berührte mit ihren Fingerspitzen das Schmuckstück. Henri ließ sie nicht mehr aus den Augen und verspürte den Drang, bei ihr zu sein. Sie bewegte sich seitlich an der Fensterfront entlang und erreichte den Ausgang Dann näherte sie sich langsam Jakob und als sie unmittelbar hinter ihm stand, legte sie ihre Hand vorsichtig auf seine Schulter. Ihr Bruder wirbelte herum und sah sie überrascht an. Veronika sagte kein Wort und das brauchte sie auch nicht. Jakob verstand sie auch so. Sie blickte ihm tief in die Augen und in ihren Gedanken sprach sie zu ihm: „Lass mich bitte durch.“
Ihr Bruder schüttelte den Kopf und sah sie mit flehendem Blick an. „Bitte verlass mich nicht.“
Doch Veronika ging schweigend an ihm vorbei und ergriff Henris Hand. Gemeinsam flanierten sie in den Garten, genau wie damals, als sie sich vor den Augen der Öffentlichkeit im Labyrinth versteckt hatten. Dort setzten sie sich auf eine Bank neben einem kleinen Teich. Die Seerosen auf dem Wasser blühten und der frische Wind ließ die langen Blätterzweige der großen Weide wehen. Henri betrachtete Veronikas Gesicht und stellte überrascht fest, dass er nie aufgehört hatte, sie zu lieben. Er hatte die starken Gefühle nur mit aller Macht verdrängt. Und hatte versucht, die Leere in seinem Herzen mit Alkohol und Sex mit anderen Frauen zu füllen, aber ohne Erfolg. Er empfand für sie tiefe Zuneigung und dies wollte er ihr endlich sagen. „Veronika, ich war ein unbeschreiblicher Egoist. Bitte vergib mir. Ich möchte dir und unserer Tochter alles geben, was ich habe. Und ich werde euch für den Rest meines Lebens treu ergeben sein. Deswegen bin ich hergekommen: um dich zu fragen, ob du meine Frau werden möchtest.“
Veronika schaute ihn intensiv an und statt ihm etwas darauf zu erwidern, gab sie Henri einen Kuss. Diese Antwort galt aber nicht primär ihm, sondern Jakob, der das Paar von Weitem beobachtete und sein Gesicht bei ihrem gemeinsamen Kuss vor lauter Qual abwandte. Er drehte sich mit hängenden Schultern um und trottete zurück in den Wintergarten, wo Melanie mittlerweile mit den beiden Kindern auf dem Boden spielte. Die kleine Colette erkannte ihren Onkel sofort und lächelte ihn an. Jakob nahm sie behutsam in seine Arme und ihm kamen die Tränen. Melanie fühlte mit ihm und berührte ihn am Arm, aber er zog sich von ihr zurück und sah sie finster an.
„Ich werde euch nie vergeben, dass ihr mir mein Glück genommen habt“, sagte er wütend.
„Jakob, es geht hier ganz allein darum, dass Colette glücklich ist und ihre Eltern zusammen sind“, sprach Melanie in ruhigem Ton.
„Sie hatte bereits ihre Eltern. Der Typ da draußen ist nur der Erzeuger“, entgegnete ihr Bruder und drückte seine kleine Nichte ganz fest an sich. Er gab ihr einen Abschiedskuss auf die Stirn, legte sie vorsichtig auf den Teppich und stand auf. Als er fortging, hörte er, wie Colette anfing zu weinen und genau in diesem Moment zersprang sein Herz in tausend Splitter. Jakob holte seine ganzen Sachen und verließ das Schloss des Herzogs von Crussol für immer.
Kapitel 61 Das Jonglieren
5. September 1876
Der Weg zu der Veranstaltung war milde ausgedrückt etwas holprig. Melanie hatte das Gefühl, in der Kutsche komplett durchgerüttelt zu werden, und kämpfte damit, ihren Mageninhalt bei sich zu behalten.
„So fühlt sich mit Sicherheit die Seekrankheit an“, dachte sie und hoffte, dass die Fahrt bald ein Ende nehmen würde.
Auch Richard, der ihr gegenübersaß, sah wenig erfreut über das ständige Geschaukel aus. Nach schätzungsweise einer halben Ewigkeit blieben sie endlich stehen. Melanie schaute verdutzt aus dem Fenster. Es war kurz nach acht Uhr am Abend und dennoch konnte man die Umgebung recht gut im Lichte der Abenddämmerung erkennen.
„Sind wir hier richtig?“, fragte sie irritiert und erblickte eine riesengroße Scheune.
In dem großen Tor war eine Tür eingebaut, die soeben aufging, und zwei lachende Männer kamen heraus. Sie waren vornehm gekleidet und hatten vor, an der frischen Luft zu rauchen. Durch die offene Tür konnte man erkennen, dass im Inneren der Scheune ein Riesenfest stattfand und die Gäste feuchtfröhlich feierten.
„Offensichtlich ja“, antwortete Richard und konnte es selbst kaum glauben. Er stieg als Erster aus der Kutsche und half anschließend seiner Frau. Gemeinsam betraten sie den außergewöhnlichen Veranstaltungsort. Innen war vorher ordentlich aufgeräumt und der Holzboden sauber geputzt worden. An den Wänden hingen rote Banner mit den drei Großbuchstaben ,FSP‘. Überall standen Tische und Bänke, die von den Besuchern voll besetzt waren. Es wurde literweise Bier ausgeschenkt und wenn man Hunger verspürte, dann konnte man sich ein richtiges Bauernessen gönnen: Erbseneintopf mit frischem Weißbrot. Insgesamt waren mehr als tausend Leute anwesend, sowohl Männer als auch Frauen, und sie alle waren bestens gelaunt.
„Ich fühle mich wie auf einem Volksfest in der Provinz“, bemerkte Melanie scherzhaft und die Erinnerung an ihre Kindheit kam wieder hoch. Damals hatten sie und Jakob sich gern unter den Tischen versteckt und dort die Unterhaltungen der Erwachsenen belauscht. Seitdem ihr Bruder Richards Schloss vor drei Monaten verlassen hatte, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er fehlte ihr unheimlich. Melanies Vater hatte ihr davon berichtet, dass Jakob zwar zu Hause schlafe, aber ansonsten die meiste Zeit draußen verbringe. Niemand wusste, wo er sich dann rumtrieb. Thomas von Bouget meinte, dass sich Jakobs Wesen zum Negativen verändert hätte, ganz zur Besorgnis seiner Eltern. Er lachte nicht, war fast ausschließlich sarkastisch und ernst. Und das Schlimmste war, dass Jakob auf niemanden mehr hörte. Er tat, wozu er Lust hatte. Meistens war er bis spät in den Abend unterwegs und kam nicht selten im Rausch wieder heim. Melanie wusste genau, was in ihm vor sich ging. Er litt unter Liebeskummer und dem Verlust seines Glücks. Mit seinem Verhalten erinnerte Jakob sie an ihren eigenen Ehemann. Zu Beginn ihres Kennenlernens war Richard genauso gewesen. Ständig auf Achse. Auf der Suche nach einer Betäubung gegen den seelischen Schmerz und nach einem Ersatz für die Leere in seinem Herzen. Melanie betete, dass Jakob irgendwann eine andere Frau finden würde, die seine Liebe wecken und er endlich über Veronika hinwegkommen könnte. Unterdessen rümpfte Richard die Nase und fragte: „War das hier früher ein Kuhstall?“
Seine Frau grinste. Richard war seit seiner Geburt ein privilegierter Edelmann und hatte mit Landvieh wenig am Hut. Kein Wunder also, dass sein feiner Riecher jeden kleinsten Geruch wahrnahm. Melanie blickte auf ihren schicken, schwarz glänzenden Hosenanzug und ihre hautfarbenen Stöckelschuhe herunter und überlegte, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, wenn sie ihre Reitsachen angezogen hätte. Im nächsten Augenblick kam Willhelm Girard auf sie zu geschlendert. Der Vorsitzende der Freien und Sozialistischen Partei war bereits angetrunken; das machte sich durch seine roten Wangen und den ungewohnt lockeren Umgang mit den beiden bemerkbar.
„Ah, da sind ja meine Lieblingsgäste!“, rief Monsieur Girard fröhlich und reichte Richard und Melanie nacheinander die Hand zur Begrüßung. „Willkommen auf unserer Siegesfeier!“, sagte er lachend und breitete seine Arme aus. Und er hatte allen Grund zu strahlen. Seine Partei hatte am gestrigen Wahltag einen Erdrutschsieg errungen. Die FSP hatte zwei Drittel der Wählerstimmen geholt und war somit in der absoluten Mehrheit. Das erste Mal in der Geschichte des Landes war eine liberale und volksnahe Partei von der Bevölkerung mehrheitlich gewählt worden. Die FSP bildete nun die Regierung und löste damit die konservative Partei ab. Wenn man dabei bedachte, dass die FSP vor einem Jahr noch um jede Stimme hatte kämpfen müssen und kein ernst zu nehmender Gegner gewesen war, dann war ihr bei dieser Wahl definitiv ein sensationelles und politisches Kunststück gelungen.
„Kommt mit mir, wir gesellen uns zu ein paar anderen Parteimitgliedern“, erklärte Willhelm und führte sie zu einem Stehtisch, der mitten im Gedränge stand. Er wies eine Kellnerin an, ihnen zwei weitere Krüge Bier zu bringen, und das Herzogspaar begrüßte die anderen am Stehtisch freundlich. Neben Albert Blauschildt standen die Herren Joseph Assange und Julien Gebels.
„Es ist schön, Euch beide wiederzusehen“, begann Monsieur Blauschildt die Unterhaltung. „Mittlerweile seid Ihr miteinander verheiratet. Um ehrlich zu sein, habe ich bei unserer ersten Begegnung bereits erkannt, dass Ihr wie füreinander geschaffen seid. Äußerst charismatisch, charmant, intelligent und attraktiv. Das sind die wichtigsten Eigenschaften, die man als Politiker vorweisen sollte, um Erfolg zu haben.“
„Das gilt dann aber nicht für mich, denn ich sehe bei Weitem nicht so gut aus wie unser Herzog von Crussol“, bemerkte Willhelm Girard und lachte.
„Du hast einflussreiche Freunde, die deinem Äußeren mehr Ausdruck verleihen“, entgegnete der Logenmeister.
„Wie wahr, wie wahr“, bestätigte der Parteivorsitzende und trank sein Bier.
„Danke übrigens an Euch, Madame von Crussol, dass Ihr uns von der Idee überzeugt habt, Frauen das Wahlrecht zu ermöglichen. Wir hatten es rechtzeitig vor der Wahl geschafft, das Gesetz vom Parlament dementsprechend ändern zu lassen. Sonst hätte die FSP vermutlich nicht so haushoch gewonnen. Denn die Mehrheit der Stimmen kam tatsächlich von den Frauen“, erläuterte Albert Blauschildt und nickte der Herzogin anerkennend zu.
„Gern geschehen“, entgegnete Melanie lächelnd. „Sehen Sie? Gleichberechtigung lohnt sich immer.“
„Eine Frage bleibt da aber offen“, merkte Richard an. „Wie haben Sie das Parlament auf Ihre Seite gezogen, wenn doch die alte Regierung die Interessen des Kaisers vertrat und er gegen die Gesetzesänderung war?“
„Durch besondere Zuwendung und Überzeugungskraft“, erwiderte Monsieur Blauschildt sachlich.
Richard ließ sich von dessen vornehmer Art nicht täuschen, denn er wusste, dass der Logenmeister ein unglaublich mächtiger und gerissener Mann war. Was Albert Blauschildt mit seiner Erklärung eher meinte, waren Korruption und Erpressung, aber Richard hütete sich, dies öffentlich zu behaupten. So ging es in der Welt der Reichen und Mächtigen nun mal zu. Alles wurde im Verborgenen organisiert. Politische Manöver gestartet. Gegner durch Druckmittel beseitigt. Gesetze mithilfe von Bestechungsgeldern angepasst. Wer das meiste Geld hatte, der war am Ende der Stärkste. Und keiner war reicher als Albert Blauschildt auf dieser Seite der Welt – selbst Kaiser Alexander nicht. Doch die Zeiten änderten sich. Es reichte nicht mehr aus, nur in der obersten Liga seinen Einfluss auszuüben. Man musste die Masse der Bevölkerung hinter sich bündeln, um am Ende zu gewinnen. Und Melanie von Crussol hatte ihnen den Weg gezeigt, wie sie den weiblichen Teil des Volkes für ihre politischen Ziele mobilisieren konnten und die FSP hatte ihn schließlich in die Tat umgesetzt.
„Werter Monsieur Girard, würden Sie mir bitte verraten, wie Sie auf die sonderbare Idee gekommen sind, die Feier in einer Scheune auf dem Lande stattfinden zu lassen?“, fragte Melanie amüsiert.
„Aus einem ganz einfachen Grund, Madame: weil wir uns als Partei nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich vom Adel lossagen möchten“, antwortete Willhelm. Er ergänzte seine Aussage sogleich, als er die entgleisten Gesichter des Herzogs und der Herzogin bemerkte. „Ich weiß, Ihr beide gehört zum Hochadel, aber Ihr seid jung und dynamisch. Ihr steht nicht starr in alten Werten verankert, sondern öffnet Euch für etwas Neues. Ihr wollt eine modernere Zukunft – genau wie wir. Und um ehrlich zu sein, würden wir es sehr begrüßen, wenn weitere Adelsfamilien Eurem Beispiel folgten.“
„Also feiern wir deswegen in einem ehemaligen Kuhstall, weil Sie die Zeit langsam für gekommen sehen, dass die Bauern bald das Sagen haben, und nicht mehr der Adel?“, stellte Melanie scharfsinnig fest.
„Sie haben voll ins Schwarze getroffen! Besser hätte ich es nicht formulieren können“, bestätigte der alte Politiker und hielt ihr seinen Bierkrug entgegen. Die junge Herzogin stieß mit ihrem Maßkrug dagegen und gemeinsam tranken sie auf eine glorreiche Zukunft für jeden Bürger und jede Bürgerin dieses Landes.
„Wie soll das bitte schön funktionieren? Bauern an der Macht?“, fragte Richard skeptisch. „Die Menschen sind wie Schafe. Sie brauchen Anführer, sonst verfallen sie in Anarchie.“
„Absolut richtig“, bemerkte Joseph Assange. Er war ein angesehener Mathematikprofessor an der renommierten Eliteuniversität der Hauptstadt. „Aber es ist ein Unterschied, ob ein Tiger über seine Schafe wacht, der sie jederzeit verschlingen kann, oder ob alle gemeinsam eine große Familie bilden. Die Eltern achten auf ihre Kinder und sorgen dafür, dass es ihnen gut geht. Im Gegenzug erwarten sie von ihren Kleinen Gehorsam und Loyalität.“
„Und was passiert, wenn die Kinder unartig werden?“, wollte der Herzog wissen und sah Monsieur Assange durchdringend an.
„Das, was immer passiert: Die Kinder werden bestraft und umerzogen“, antwortete der Professor mit samtweicher Stimme.
Richard gab daraufhin ein lachendes Geräusch von sich. Seiner Meinung nach war das alles nur ein Witz.
„Sie wollen mich wirklich davon überzeugen, dass eine Regierung basierend auf dem allgemeinen Volkswillen bessere Chancen auf Erfolg hätte als die Monarchie?“, spottete er.
„Ja, genau so ist es“, gab Joseph Assange offen zu und lächelte. „Und ich sage Euch auch, warum: weil der Reichtum des Landes nicht mehr auf ein paar Wenige verteilt wäre, wie es momentan ungerechterweise ist, sondern auf die gesamte Bevölkerung. Somit würde jeder Bürger von seiner großen Familie profitieren und die Regierung gleichzeitig ihre Kinder behüten.“
„Sie sprechen von Enteignung und absoluter Kontrolle durch den Staat. Keine Adelsfamilie dieser Welt wird diese Absichten jemals unterstützen. Sie werden bei Ihrem Vorhaben scheitern, noch bevor es richtig an Fahrt aufgenommen hat“, stellte Richard klar und zeigte mit seiner Äußerung deutlich, dass er die Zukunftspläne der FSP durchschaut hatte.
„Ihr vergesst dabei, dass der Adel in der gesamten Bevölkerung nicht die Mehrheit bildet, sondern die armen Bauern. Und um die Menschen aus den niedrigen Gesellschaftsschichten zu mobilisieren, benötigt es guter Propaganda“, erläuterte Julien Gebels, der von Beruf Journalist und Zeitungsverleger war.
„Und Sie, Monsieur Gebels, blenden dabei völlig aus, dass die Presse stets nur das veröffentlicht, was die Regierung ihr vorher diktiert hat. So ist es schon immer gewesen“, deutete Richard an.
„Richtig. Und wer ist seit gestern die neue Regierung? Ganz genau, die FSP!“, schloss Melanie das Thema ab und alle Gesprächspartner, außer Richard, lachten mit ihr.
„Madame von Crussol, Ihr müsst unbedingt zu uns in die Redaktion kommen und ein Interview geben. Am besten ist, ich stelle Euch persönlich die Fragen, dann schaffen wir es sicherlich auf die Titelseite der Zeitungsausgabe“, schlug Monsieur Gebels vor.
„Sehr gern!“, antwortete Melanie begeistert.
„Und vielleicht haltet Ihr einen Vortrag an unserer Universität. Ich erinnere mich, wie Ihr einst auf dem Uni-Gelände bei uns aufgetaucht seid und die gesamte Aufmerksamkeit auf Euch gezogen habt. Das müsst Ihr unbedingt bald wiederholen“, ergänzte Joseph Assange und lächelte die junge Herzogin an.
„Auch Ihr Angebot nehme ich gerne an“, erwiderte Melanie und schenkte dem smarten Professor ein breites Lächeln.
„Junge, Junge! Die bildschöne Herzogin kann sich vor Angeboten kaum retten, wie ich sehe“, schmeichelte Willhelm Girard. „Darf ich Euch auf eine Schüssel des deftigen Erbseneintopfs einladen? Wir müssen dringend etwas für unsere schlanke Linie tun“, fragte er in die Runde und streichelte dabei seinen leichten Bauchansatz.
„Da sage ich definitiv nicht nein‘“, antwortete Melanie grinsend und die Herren Assange und Gebels stimmten ihr zu. Sie folgten dem Politiker an die Essensausgabe und unterhielten sich weiterhin scherzend miteinander. Richard sah ihnen finster hinterher und atmete schwer aus, als er plötzlich am Arm berührt wurde.
„Monsieur von Crussol, könnte ich kurz mit Euch alleine sprechen?“, fragte Albert Blauschildt ernst.
„Sicherlich. Worüber möchten Sie mit mir reden?“, erwiderte Richard interessiert und spähte immer wieder zu seiner Frau und den drei Herren hinüber, die er eigentlich nicht allein lassen wollte.
„Ich gebe Euch in dem Argument Recht, dass keine Adelsfamilie die neue Regierung freiwillig unterstützen wird, sobald wir unsere Vision von der zukünftigen Gesellschaftsordnung veröffentlichen. Und dabei ist es für uns wichtig, die unterschiedlichen Bevölkerungsschichten zu vereinen, und nicht unbedingt auf allen Ebenen gleichzustellen. Denn das Volk braucht starke Anführer, die es gewohnt sind zu herrschen. Und da kommen wir ins Spiel“, deutete der Logenmeister an und schaute seinen Gesprächspartner durchdringend an. „Das Land benötigt dringend eine Erneuerung und deswegen wollte ich Euch fragen, ob wir uns diesbezüglich regelmäßig treffen könnten, um uns auszutauschen. Ich würde gerne mit Euch über ein paar Prioritätspunkte reden, um die Werte der einflussreichen Adelsfamilien zu bewahren.“
„Gewiss“, antwortete Richard knapp und fragte sich, weshalb Albert Blauschildt mit ihm in Dialog trat und er diese Aufgabe nicht seinem Handlanger, dem Monsieur Girard, überließ. Hatte der durchtriebene Bankier Themen mit ihm zu besprechen, die womöglich sonst niemanden etwas angingen?
Der Logenmeister hatte die Unterhaltung zwischen Richard und den anderen vorhin genau mitverfolgt und es war ihm etwas Wichtiges an dem Herzog von Crussol aufgefallen: Der junge Mann benahm sich in der Öffentlichkeit ziemlich galant und sein ansprechendes Äußeres wirkte außerordentlich charismatisch, aber das war nur der erste Eindruck. Seine dunkle Facette zeigte sich, wenn ihm etwas missfiel. Er wurde augenblicklich direkter und es war schwer, ihn während einer Diskussion hinters Licht zu führen, denn er war äußerst clever und wortgewandt. Monsieur Blauschildt konnte sich den Herzog als erbarmungslosen Gegner gut vorstellen, denn in seinen Augen war Richard wie eine eiserne Faust im Samthandschuh. Ein gefährliches Unterfangen für die Feinde des Herzogs, die ihn unterschätzen. Deswegen hatte Albert Blauschildt beschlossen, dass es langsam Zeit wurde, ihn in seine Pläne einzuweihen.
Unterdessen schaute Richard zu Melanie und den Herren Girard, Assange und Gebels hinüber. Sie warteten in der kurzen Schlange vor der Essensausgabe und unterhielten sich dabei prächtig. Offensichtlich hatte seine Ehefrau mit ihrer überzeugenden Art die drei Männer fest um den Finger gewickelt. Sie jonglierte mit ihnen wie mit drei Bällen und wirkte dabei äußerst souverän. Monsieur Blauschildt bemerkte Richards stechenden Blick und fragte schmunzelnd: „Habt Ihr auch Hunger?“
„Allerdings. Bitte entschuldigen Sie mich“, erwiderte Richard kurz und marschierte los.
Der Logenmeister gab mit einem knappen Nicken zur Kenntnis, dass er für ihn volles Verständnis hatte. Richard ging mit ausholenden Schritten auf seine Frau zu und packte sie sogleich am Arm.
„Wir müssen reden, sofort“, raunte er ihr ins Ohr. Melanie sah seitlich zu ihm und war überrascht über die plötzliche Aufforderung. Noch bevor sie sich von den anderen verabschieden konnte, zog er sie mit sich nach draußen. Richard schaute sich um und entdeckte unweit eine zweite, viel kleinere Scheune und steuerte sie augenblicklich an. Nachdem sie hineingetreten waren, erkannten sie, dass es sich offenbar um einen Lagerort für frisches Heu handelte. Denn überall stapelten sich Strohballen und mittelgroße Heuhaufen lagen locker auf dem Boden verteilt. Das Mondlicht schien durch die kleinen Fenster, aber ansonsten war es stockduster hier drin.
„Richard, was ist los? Warum sind wir hier?“, fragte Melanie ihn verwirrt und riss sich von ihm los.
„Wann hörst du jemals damit auf, mit anderen Männern zu flirten?“, fuhr er sie sogleich an.
„Ähm, wie bitte? Mit wem habe ich deiner Meinung nach geflirtet?“, wollte sie überrascht wissen.
„Da fragst du noch? Mit den drei Herrschaften, die dich mit ihren Blicken fast ausgezogen haben. Und du hast vor ihnen rumkokettiert wie eine Sechzehnjährige!“, antwortete er aufgebracht.
„Kokettiert?“, wiederholte Melanie ungläubig. „Weshalb sollte ich denen gefallen wollen?“
„Weil du ständig nach Anerkennung suchst und gern mit deinen körperlichen Reizen lockst. Glaubst du, es wäre mir nicht aufgefallen, wie du in deren Gegenwart an deinen Haaren gespielt hast?“, griff er sie weiter an.
„Du meinst so?“, fragte sie unschuldig, nahm lasziv eine Haarsträhne und zwirbelte sie um ihren Zeigefinger.
„Ganz genau. Mach doch gleich deine Beine für sie breit, dann sparst du dir das Rumrekeln“, zischte Richard und wurde langsam zornig.
Melanie schmunzelte. Allmählich begriff sie, was hier vor sich ging. Ihr Mann war unheimlich eifersüchtig. Sie konnte es absolut nachvollziehen, denn während der Schwangerschaft hatte Richard sie nicht angerührt, und bis jetzt hatten die beiden nicht miteinander geschlafen. Aufgrund der außergewöhnlichen Geburt ihres Sohnes hatte der Arzt ihr geraten, drei volle Monate auf Sex zu verzichten, um alles verheilen zu lassen und das Infektionsrisiko zu senken. Mittlerweile waren sie sogar über die empfohlene Zeitspanne hinaus.
„Hör auf zu grinsen, ich meine es ernst. Das Flirten hat ab sofort ein Ende. Sonst ... Wie ...? Was tust du da?“, fragte Richard irritiert und hielt Melanies Hand fest, als sie ihm über die Brust strich und ihn küssen wollte.
„Lass das. Wir reden gerade“, herrschte er sie an.
„Dann rede weiter, Liebling, ich höre dir aufmerksam zu“, beteuerte Melanie und glitt langsam auf ihre Knie.
„Was soll das jetzt werden? Steh sofort wieder auf!“, sprach er laut, aber sie ließ sich nicht mehr aufhalten. Sie öffnete seinen Gürtel und den Hosenschlitz. Holte Richards Glied aus seiner Unterwäsche und nahm es ganz langsam in den Mund. Sie streichelte mit ihrer flinken Zunge darüber und saugte. Es dauerte nicht lange, bis sein Penis ganz prall geworden war und sie ihn mit ihren Lippen liebkoste. Dann richtete sie sich wieder auf und sah ihren Mann auffordernd an.
„Woher kannst du so etwas?“, fragte Richard misstrauisch und konnte seine Erregung nicht mehr verbergen.
„Darüber habe ich mal in einem Buch gelesen“, antwortete Melanie und sah ihn verrucht an.
„In einem Buch?“, wiederholte Richard sarkastisch.
„Möchtest du noch weiterreden oder es mir auf diesem Heuhaufen so richtig besorgen?“, entgegnete Melanie. Sie knöpfte ihren Blazer und die dunkelblaue Bluse darunter auf.
Richard sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. Er war zwar weiterhin wütend auf sie, aber er entschied sich, seinen Ärger auf eine andere Weise loszuwerden. Er legte sie etwas unsanft mit dem Rücken auf den Heuhaufen und zog ihr die Hose und das Unterhöschen aus. Melanie spreizte für ihn die Beine und konnte das Liebesspiel schon kaum abwarten. Richard begab sich in Position und streichelte mit der Spitze seines Gliedes ihre Muschi. Es war fast ein Jahr her, dass er so intim mit ihr geworden war. Seine Frau genoss das Vorspiel und lächelte gierig. Richard konnte sich nicht mehr zurückhalten und drang in sie ein. Er liebte sie genauso heftig wie in ihrer Hochzeitsnacht. Melanie hatte sichtlich Mühe, nicht laut zu stöhnen, damit sie draußen keiner hörte. Wie sehr hatte sie den Sex mit Richard vermisst. Seine rabiate Art kam wie eine Naturgewalt über sie und Melanie wollte sie nicht beherrschen, sondern nur spüren.
„Was hast du dich bloß über den Kuhstall vorhin so aufgeregt? Deine animalischen Triebe passen ausgezeichnet hier rein, du Stier!“, warf Melanie ihm vor und schnappte nach Luft, als Richard sie wie ein Wahnsinniger durchnahm.
„Das liegt an dem ganzen Heu. Der Geruch törnt mich unglaublich an“, erwiderte er und kam im nächsten Moment. Sowohl er als auch Melanie verschnauften ein paar Sekunden, bis sie dann beide zu lachen anfingen. Sie waren völlig verrückt, ganz ohne Zweifel. Richard stand auf und half anschließend seiner Frau wieder auf die Beine. Er lächelte sie an, gab ihr dann einen leidenschaftlichen Kuss und biss sie zum Schluss leicht auf die Unterlippe. Danach zogen sie sich wieder an und als sie beinahe fertig waren, sagte Richard ernst: „Melanie, wenn ich dich dabei erwischen sollte, wie du mit einem anderen Mann Dinge tust, die du normalerweise nur mit mir machst, dann bringe ich diesen Schweinehund um. Und dich mit ihm.“
Melanie starrte ihn fassungslos an. „Ist das eine Drohung?“, wollte sie wissen und sah warnend zu ihm.
„Ein Versprechen“, entgegnete Richard beiläufig, als würde er so etwas jeden Tag sagen. Er machte seinen Gürtel wieder zu, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ die Scheune.
Seine Frau sah ihm mit offenem Mund hinterher. Hatte er ihr soeben tatsächlich gedroht? Abgesehen davon: Warum sollte sie ihn betrügen wollen? Die ganzen anderen Männer interessierten sie gar nicht, egal was er sich da einbildete. Sie beschloss daher, sein sogenanntes ,Versprechen‘ nicht ernst zu nehmen, denn schließlich würde sie niemals einen anderen Mann so nah an sich ranlassen wie Richard.

