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Blitz und Donner Kapitel 49 - 55

Kapitel 49 Der Gigolo

26. September 1875

Die Liste war ellenlang. Melanie legte ihren Stift auf den Schreibtisch und las die drei Seiten ihres Notizbuches erneut durch. Sie hatte so einiges vor sich, um ihr neues Projekt auf die Beine zu stellen. Und sie brauchte dafür enorm viel Geld. Sie lief in ihrem kleinen Salon auf und ab und dachte angestrengt nach. Dann hatte sie eine Idee und ging zu der Schublade, in der sie ihren Schmuck aufbewahrte. Sie holte das unglaublich wertvolle Diadem heraus, das der Kaiser ihr einst geschenkt hatte, und überlegte ernsthaft, es zu veräußern. Sie schaute wieder in die Schublade. Was könnte sie noch loswerden? Sie sah die pinke Schatulle und öffnete sie. Darin lag der Schmuck, den sie von George geschenkt bekommen hatte. Melanie streichelte zärtlich über die Perlenkette und den Ring mit der Tulpenblüte. Nein, auf gar keinen Fall würde sie dieses Geschenk weggeben. Sie machte die Schatulle wieder vorsichtig zu und entschied, nur das Diadem für den guten Zweck zu verkaufen. Doch sie brauchte dazu prominente Hilfe.
Heute Nachmittag fand wieder der Kunstunterricht statt. Beim Üben mit den Pastellfarben wagte Melanie einen Überredungsversuch.
„Spenden Sie manchmal für gemeinnützige Organisationen, Monsieur Njeschnij?“, fragte sie.
Der Künstler sah sie verwirrt an.
„Bis jetzt noch nicht“, antwortete er langsam. „Schwebt Euch etwas vor?“
„Ja, meine Organisation. Ich war gestern in einem Armenhaus und war über die Zustände, die dort herrschen, erschüttert. Wir leben in einem reichen Land, da hätte ich niemals erwartet, so etwas zu Gesicht zu bekommen: Menschen an der Grenze ihrer Existenz. Kinder ohne Zukunft. Wir bewohnen riesige Schlösser und Paläste und vergessen dabei völlig, was wirklich im Leben zählt: Mitgefühl; Hilfsbereitschaft; Nächstenliebe. Deswegen habe ich beschlossen, eine Ausbildungsstätte, ein Waisenhaus und ein Pflegeheim zu bauen. Dazu benötige ich eine Menge finanzieller Hilfe. Mir kam der Gedanke einer Auktion, bei der ich äußerst kostbare Gegenstände an den Mann beziehungsweise die Frau bringen könnte. Ich besitze ein Diadem vom Kaiser, das ich dafür nutzen werde. Und ich wollte Sie fragen, ob Sie bereit wären, einige Ihrer Kunstwerke für dieses Vorhaben anzubieten? Als Spende sozusagen“, erklärte Melanie und schaute ihn erwartungsvoll an.
Konrad wirkte erstaunt. „Eine Auktion?“, wiederholte er.
„Also, ich spende auf jeden Fall einige Kunstwerke, die ich von dir besitze“, gab Katarina von Crussol zur Kenntnis und zwinkerte ihrer Schwiegertochter zu. Melanie hatte sie zuvor bereits in ihre Pläne eingeweiht. Konrad sah verwundert zur Herzoginmutter herüber.
„Tatsächlich? Wenn das so ist … In Ordnung, dann werde ich ebenfalls meinen Beitrag dazu beisteuern“, sagte Konrad lächelnd.
„Könnte ich Sie zusätzlich darum bitten, mir für die Auktion Ihren Namen zu leihen? Ich glaube, das würde den Kreis der willigen Käufer ungemein erweitern“, stellte Melanie dem Künstler die Frage. Sie wusste, dass er bei den Reichen und Adligen überaus beliebt war und die Bieterschar aufgrund dessen zahlreich erscheinen würde.
„Kein Problem, ich bin einverstanden“, stimmte Monsieur Njeschnij zu. Er war äußerst beeindruckt. So einen cleveren Einfall hätte er von einer so jungen Frau nicht erwartet. Melanie von Crussol steckte voller Überraschungen. Nach dem Unterricht verabschiedete er sich wieder von seinen beiden Schülerinnen und marschierte aus dem Atelier in den Flur. Dort stand Richard und schaute durch die Tür, wagte aber nicht, einzutreten. Seit seiner Auseinandersetzung mit seiner Frau vor drei Tagen im Wintergarten hatte er kaum mit ihr gesprochen. Sie gingen sich praktisch aus dem Weg. Richard vermisste Melanie dennoch. Er lag in der Nacht neben ihr und verbrachte die Zeit damit, sie schweigend anzusehen und sich nach ihr zu sehnen.
„Guten Tag, Eurer Durchlaucht“, begrüßte Konrad den Herzog und erkannte an seinem Gesichtsausdruck, dass ihm etwas Sorgen bereitete. „Was bekümmert Euch?“
„Die Rufschädigung meiner Frau“, antwortete Richard ehrlich. „Sie hat es nicht verdient. Ich war derjenige, der sie zu der Heirat mit mir überredet hat, nicht umgekehrt.“
„Gewiss“, bemerkte der Künstler. „Aber macht Euch keinen Kopf darum. Die Herzogin ist eine Kämpferin. So leicht lässt sie sich von niemandem unterkriegen. Nicht einmal von einem alten Strippenzieher wie dem Grafe‘ D'Argies.“
Richard schaute ihn daraufhin überrascht an.
„Wisst Ihr, Monsieur von Crussol, ich werde am kommenden Mittwoch eine private Feier in meiner Villa veranstalten und möchte Euch ebenfalls dazu einladen. Bitte kommt allein. Monsieu‘ D'Argies wird selbstverständlich dort anwesend sein, denn er kann für sein hohes Alter noch wunderbar seine Hüften bewegen. Und glaubt mir, er hat eine Vorliebe für junge Männer. Vielleicht solltet Ihr Euch mit ihm unter vier Augen unterhalten“, deutete Konrad an. Dann verbeugte er sich und marschierte den Flur entlang Richtung Ausgang. Der junge Herzog schaute fassungslos hinterher. Wie sollte er Konrads Bemerkung verstehen? Richtig oder falsch? Wenn Richard es richtig verstanden hatte, dann war der alte Gra‘ D'Argies für Melanies Rufschädigung verantwortlich. Und Konrad hatte ihm soeben eine Möglichkeit genannt, wie er sich dafür revanchieren konnte.
Die Villa des Künstlers Konrad Njeschnij lag aus einem speziellen Grund außerhalb der Stadt. Denn der Besitzer dieses weißen Gebäudes im modernen Stil wollte keine neugierigen Nachbarn neben sich haben, wenn er seine freizügigen Partys schmiss. Am heutigen Mittwochabend waren ausschließlich Männer eingeladen, die alle unbekleidet herumliefen und sich miteinander amüsierten. Die Feier fand passend zum Monat September unter dem Motto ‚die Ernte‘ statt. Auf den Tischen standen große Schalen mit reifen Äpfeln und gekochten Maiskolben. Jeder Gast durfte sich daran bedienen und seinen Partner damit füttern. Ein blutjunger Bursche, der noch keine Haare auf der Brust hatte, schlenderte durch die Menge und hielt Ausschau nach einer neuen Bekanntschaft. Er entdeckte Gusta‘ D'Argies und setzte sich zu ihm aufs Sofa. Dabei spielte er mit seinen braunen, schulterlangen Locken und schaute den alten Mann neben sich verführerisch an. Gustav hatte seine Perücke ausgezogen und man sah, dass er nur vereinzelt graue Haare auf dem Kopf hatte. Dann legte der Jüngling seine linke Hand auf den rechten Oberschenkel des Grafen und streichelte ihn zärtlich. Gustav zeigte durch seine Erektion, dass er Gefallen daran fand. Der hübsche Fremde stand auf und streckte Monsieur D’Argies den Arm entgegen. Der alte Mann ergriff die jugendliche Hand und wurde von dem Lustknaben in ein anderes Zimmer gezogen. Es war dunkel darin, aber das war Gustav recht so, denn im Lichte würde man den enormen Unterschied zwischen seinem Körper und dem des jungen Mannes deutlich erkennen. Der Gra‘ D'Argies wollte aber nichts sehen, nur spüren und sich daran erfreuen. Der Jüngling fiel zusammen mit ihm nach hinten aufs Bett und küsste ihn hemmungslos. Er gab dem alten Mann das Gefühl, begehrenswert zu sein, einzigartig und für eine kurze Zeit wieder jung. Dann drehte sich der hübsche Unbekannte um, stellte sich auf alle viere und streckte dem Grafen seinen knackigen Hintern entgegen. Gustav packte ihn mit beiden Händen an den Hüften und steckte seinen Penis in den Anus des jungen Mannes. Er liebte ihn mit voller Hingabe. Stieß immer wieder zu und vergaß alles um sich herum. Bis ganz unerwartet eine Kerze in der hinteren Ecke des Zimmers angezündet wurde und ihr Licht eine weitere männliche Gestalt erkennbar machte.
„Richard?“, fragte der Graf irritiert und hielt mitten im Liebesspiel inne.
„Guten Abend, Gustav“, sagte der Herzog von Crussol. Er trug einen Anzug und fixierte seinen Gegner mit den Augen.
„Ich wusste gar nicht, dass du hier bist“, sprach Monsieu‘ D'Argies und war verwirrt. „Um ehrlich zu sein, wusste ich bis jetzt nicht, dass du solche Partys besuchst.“
„Tue ich auch nicht“, antwortete Richard sachlich. „Ich bin hier, um mit dir unter vier Augen zu sprechen.“
„Kann das nicht etwas warten? Ich bin hier gerade beschäftigt, wie du siehst“, entgegnete Gustav und streichelte dem jungen Mann zärtlich über dessen braunen Rücken.
„Das hier wird warten müssen“, antwortete Richard bestimmt und zeigte kurz auf das Bett mit den beiden sich liebenden Männern. Höchst widerwillig zog Gustav seinen Schwanz aus dem After des hübschen Fremden. Der junge Bursche stand augenblicklich auf und verließ eilig das Zimmer. Der Graf setzte sich auf dem Bett aufrecht hin und bedeckte sich mit der Decke.
„Nun, ich höre“, sagte Gustav und seufzte über das verpasste Finale. Aber keine Sorge, er würde sich später mit dem überaus begabten Jüngling weiter vergnügen.
„Du konntest es einfach nicht lassen“, begann Richard. „Statt zu akzeptieren, dass ich die Hochzeit mit deiner Nichte gestrichen habe und damit aus dem Vertrag ausgestiegen bin, hast du den Ruf meiner Frau zerstört.“
„Also, erstens hast du keinerlei Beweise dafür, dass ich es war“, entgegnete der Graf. „Und zweitens: Warum konntest du den Vertrag nicht einfach erfüllen?“
„Weil ich nicht zulassen konnte, wie die Frau, die ich liebe, beinahe einen anderen Mann geheiratet hätte. Ich wollte Melanie nur für mich haben. Abgesehen davon hat mir Elisabeth nie etwas bedeutet und umgekehrt genauso“, lauteten Richards Gedanken. Doch stattdessen antwortete er wie ein professioneller Geschäftsmann. „Weil ich mit dem Inhalt des Vertrages nicht mehr einverstanden war. Eine Heirat mit Elisabeth kam für mich nicht infrage.“
„Sehr bedauerlich. Und dabei hatte Melanie bereits einen so tollen Kerl an ihrer Seite: George von Bellagarde. Schade, dass die beiden nicht zusammengeblieben sind. Mein Verkupplungsversuch war so gesehen ein voller Erfolg, bis du dazwischengefunkt hast“, stellte Gustav enttäuscht fest.
Richard schaute ihn überrascht an und nun erkannte er es: Der alte Fuchs hatte Melanies Aufmerksamkeit mit Absicht auf einen anderen Mann gelenkt, damit Richard an den Heiratsplänen mit Elisabeth weiter festhielt. Gra‘ D'Argies war derjenige gewesen, der George und Melanie beim Dinner seiner Schwester Angeliqu‘ D'Argies einander nähergebracht hatte. Und ab dem Moment war George zu Melanies Verehrer geworden und hatte ihr Avancen gemacht. Gustav war folglich daran schuld, dass George in Melanies Leben getreten war und sie Gefühle für ihn entwickelt hatte. Richard spürte Wut in sich aufsteigen und er wollte mehr als je zuvor dem Grafe‘ D'Argies seine hinterlistige Intrige heimzahlen. Er holte aus der Innentasche seines Jacketts eine Pistole hervor und richtete sie auf den alten Mann.
Gustav erschrak beim Anblick der Waffe und sagte ängstlich: „Richard, wir können über alles reden, aber bitte stecke das Ding wieder weg!“
„Wir verhandeln jetzt und ich rate dir, mein Angebot anzunehmen“, fing Richard an. „Unsere gemeinsamen Geschäfte und Verträge gehören mit sofortiger Wirkung der Vergangenheit an. Das Einzige, was du mir monatlich schicken darfst, ist ein Viertel deiner monatlichen Erträge als Schadensersatz für meine Frau.“
„Warum sollte ich dieses wahnwitzige Angebot annehmen? Dem werde ich niemals zustimmen“, lachte Gustav. Denn er hatte sich durch die Verbindung zwischen Richard und Elisabeth erhofft, an das gesamte Vermögen der Familie von Crussol zu gelangen. Sein Plan war es gewesen, mit der Zeit Richard in den Hintergrund zu drängen und sich als neuer Geschäftsführer zu etablieren. Und jetzt ging ihm nicht nur das große Geschäft durch die Lappen, sondern er müsste seinem Konkurrenten auch noch monatlich Geld abgeben. Für den Grafen D'Argies absolut lächerlich.
„Weil du sonst ins Gefängnis kommst“, antwortete Richard und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Weswegen? Ich habe nichts verbrochen“, wollte Gustav wissen und sah verwirrt zu ihm.
Richard lächelte teuflisch und sagte nur ein Wort: „Hebephilie.“
Der Graf verstand nicht, was der junge Herzog damit meinte, und sah ihn weiterhin fragend an.
„Was denkst du, wie alt der hübsche Kerl ist, mit dem du gerade eben hier Sex hattest?“, führte Richard weiter aus.
Der alte Mann war entsetzt und blieb stumm.
„Er ist fünfzehn Jahre alt und damit minderjährig. Du hast dich soeben direkt vor meinen Augen strafbar gemacht. Willst du, dass diese Information an die Justizbehörde gerät?“
Der Graf schüttelte langsam den Kopf und sagte kein Wort. Er war nichts ahnend in Richards Falle getappt und ihm jetzt völlig ausgeliefert.
„Gut. Unser Deal steht also. Ich erwarte deine erste Zahlung bereits diesen Monat“, forderte der Herzog. Er steckte die Pistole zurück in sein Jackett und stand vom Stuhl auf. Anschließend ging er langsam zu Gustav, der seine Niederlage nicht fassen konnte, und baute sich vor ihm auf.
„Und solltest du noch ein Mal die Ehre meiner Frau oder die meiner Familie beschmutzen ...“, zischte Richard, holte aus und schlug Gustav mit geballter Faust ins Gesicht. Der alte Mann fiel seitlich aufs Bett und hob seine Hände schützend vor sich. Er zitterte am ganzen Körper und flehte um Gnade. Richard musste sich beherrschen, um nicht erneut zuzuschlagen. Er blieb noch einen kurzen Augenblick stehen und sah seinen ehemaligen Geschäftspartner drohend an. Gustav D'Argies verstand die Warnung unmissverständlich und Richard verließ daraufhin das Zimmer. Er marschierte auf direktem Wege aus der Villa hinaus. Draußen überreichte ihm ein Diener die Zügel seines Pferdes und Richard nahm sie entgegen. Er stieg auf sein Pferd und ritt los. Kurz nachdem er das große Gittertor passiert hatte, erblickte er eine Person im Dunkeln. Es war der junge Mann mit den braunen Locken. Er hatte in der Zwischenzeit seine Kleidung wieder angezogen und wartete auf seinen Auftraggeber. Richard hielt an und reichte ihm wie vereinbart die Bezahlung. Sein Gegenüber nahm das schwarze Säckchen entgegen und öffnete es. Darin befanden sich kostbare Diamanten.
„Nochmal zur Erinnerung: Niemand weiß etwas von unserer Abmachung. Falls es jemand erfahren sollte, dann war das heute dein letzter Auftrag – für immer“, sagte der Herzog drohend.
„Jawohl, Monsieur“, antwortete der Gigolo schüchtern und verneigte sich vor ihm.
Richard gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon. Den ganzen Weg über dachte er an Melanie. Er hatte für sie Rache an dem Grafen D'Argies genommen, aber er durfte es ihr nicht sagen. Niemand sollte es wissen. Als er wieder zu Hause ankam, war es bereits zehn Uhr abends. Er übergab einem Diener sein Pferd und begab sich auf der Stelle zu seinen Gemächern. Das Schlafzimmer war verlassen, aber Richard hörte aus dem Bad nebenan Wasser plätschern. Er öffnete die Tür einen Spalt breit und sah, wie Melanie soeben aus der Wanne stieg und ihren nassen Körper mit einem Handtuch abtrocknete. Das warme Wasser hatte ihre Durchblutung angeregt und nun schimmerte ihre Haut leicht rosa. Melanie kämmte sich die Haare und stand mit dem Rücken zur Tür. Währenddessen entkleidete sich Richard leise und betrachtete ihren leckeren Hintern, in den er am liebsten hineinbeißen wollte. Sobald er das letzte Kleidungsstück abgelegt hatte, schlich er ins Bad und näherte sich langsam dem Objekt seiner Begierde. Melanie bemerkte ihn im Spiegel und drehte sich zu ihm um. Sie sah ihn fragend an und wollte etwas sagen, aber Richard nahm sie sanft an der Taille, setzte sie dann mit ihrem Po auf die steinerne Platte, die um das Waschbecken herum angebracht war, und spreizte ihre Beine. Melanie legte ihre Arme auf seine Schultern und sah ihm direkt in die Augen. Als ihr Mann in sie eindrang, schaute sie ihn weiterhin an und Richard erwiderte den intensiven Blick. Er verzehrte sich nach ihren grünen Augen, den süßen Sommersprossen und dem roten Schmollmund, der vor Verlangen leicht geöffnet war und leise seinen Namen stöhnte. „Richard.“ Er glitt in ihrer feuchten Vagina langsam hin und her und konnte seine Augen nicht von den ihren abwenden. Die ganze Zeit sahen sie sich gegenseitig an, während sie sich liebten. Als würden sie auf diese Weise ,Entschuldigung‘ sagen. Dann zog Richard Melanie fest an sich und legte sie auf den weichen Badezimmerteppich. Seine Bewegungen wurden wilder und er stieß heftiger zu. Melanie schloss ihre Augen und fühlte mit all ihren Sinnen, wie ihr Mann sie verwöhnte. Sie hatte ihn die letzten Tage ebenfalls vermisst. Und obwohl sie wütend auf ihn war, verrauchte ihr Zorn und sie empfand nur noch unbändige Lust, sobald Richard sie berührte. Sie streichelte mit den Fingerspitzen ihren Hals, umkreiste dann ihre Brust und glitt weiter zu ihrem flachen Bauch, auf dem sich kleine Schweißperlen gebildet hatten. Doch plötzlich spürte sie Richards Hand an ihrem Hals und er drückte zu. Es war zwar ein leichtes Drücken, trotzdem würgte er sie und Melanie sah ihn verwundert an. Er kam näher an ihr Gesicht und flüsterte: „Du gehörst mir.“ Und stieß noch tiefer in sie hinein. Melanie berührte seinen Arm und lächelte, woraufhin Richard seinen Griff wieder lockerte.
„Wem sonst?“, sagte sie belustigt und erwartete keine Antwort. Sie fand es unendlich anziehend, wenn er sie auf die dominante Weise nahm. Ganz unerwartet stoppte er mitten im Liebesspiel, stand auf und zog Melanie an ihren Armen hoch auf die Beine. Er nahm ihre linke Hand und führte sie ins Schlafgemach, setzte sich dann aufs Bett und lehnte sich am Kopfende an.
„Setze dich auf mich, aber mit dem Rücken zu mir“, forderte er Melanie auf.
Sie neigte ihren Kopf leicht zur Seite und war wegen der neuen Position etwas überrascht, aber nicht abgeneigt. Sie schwang sich gekonnt über ihn und setzte sich auf sein Glied.
„Reite mich“, befahl Richard und knetete ihren Hintern.
Während Melanie sich auf und ab bewegte, erinnerte sie sich wieder an den Begriff, den Veronika ihr einst gesagt hatte: Betthüpfer. Und musste dabei schmunzeln. Sie fing an, ihre Hüfte lasziv zu kreisen. Dann streckte sie sich nach oben, legte ihren Kopf in den Nacken, nahm ihre leicht feuchten Haare hoch und ließ sie langsam Strähne für Strähne zurück auf den Rücken fallen. Richard schaute der Darstellung lustvoll zu und lächelte gierig. Er hatte nichts anderes von einer Tänzerin erwartet. Die visuelle Anregung tat die ganze Arbeit und er erlebte seinen Höhepunkt. Melanie stieg langsam von ihm ab und legte sich neben ihn. Er rutschte weiter runter zu ihr und umschloss sie mit seinen Armen. Niemals würde er zulassen, dass sie ihn verließ, für niemanden. Melanie positionierte ihren Kopf auf Richards Brust und hörte dem Rhythmus seines Herzens zu. Und sie beide schliefen friedlich nebeneinander ein.



Kapitel 50 Die Auktion

2. Oktober 1875

Im Auktionshaus waren alle Sitzplätze des großen Saals besetzt. Sogar entlang der Wände standen Kauffreudige und warteten ungeduldig auf den Beginn der Versteigerung. Vor einer Woche hatte Konrad Njeschnij in der Tageszeitung angekündigt, einige seiner besten Kunstwerke versteigern zu wollen und den Erlös für eine wohltätige Organisation zu spenden. Der Künstler selbst stand rechts hinter der Bühne, auf der gleich der Auktionator die wertvollen Gegenstände präsentieren und die Angebote entgegennehmen würde. Neben Konrad standen schweigend der Herzog und die Herzogin von Crussol. Alle drei warteten gespannt auf das Ergebnis der Veranstaltung. Der Auktionator betrat das Podium und ließ die Versteigerung beginnen.
Als Erstes wurden die Bilder zum Kauf angeboten. Ganz besonders hoch gehandelt wurde ein Gemälde, das der Künstler erst vor Kurzem angefertigt hatte. Darauf zu sehen war ein aufrecht stehendes, schwarzes Schwert, auf dessen Spitze eine goldene Krone thronte. Das Schwert und die Krone verschmolzen ineinander und beim Farbverlauf waren alle Farben des Regenbogens eingearbeitet, die dezent zum Vorschein kamen.
„Wisst Ihr, Madame von Crussol, dass Ihr mich zu diesem Kunstwerk inspiriert habt?“, fragte Monsieur Njeschnij die Herzogin, die ihn daraufhin verwundert ansah. „Ja, und zwar als Ihr zusammen mit dem Herzog um den Titel des Tanzkönigs kämpftet.“
Richard grinste und fragte: „Und wer von uns beiden steht auf diesem Bild für das Schwert?“
Konrad lächelte wissend und antwortete: „Das liegt im Auge des Betrachters, Eure Durchlaucht.“
Nach der erfolgreichen Versteigerung der Bilder folgten die Skulpturen und Melanie staunte nicht schlecht, als sie die fünfzig Zentimeter große Figur von einem Mann wiedererkannte, der sich ausgiebig streckte.
„Du lässt unsere Siegestrophäe versteigern?“, fragte Melanie überrascht und sah Richard vorwurfsvoll an.
„Als ob du sie vermissen würdest“, entgegnete er. „Abgesehen davon ist es für den guten Zweck.“
In Wahrheit war das nicht der einzige Grund. Nachdem Melanie ihren Mann in ihr neues Projekt eingeweiht hatte, wollte er sie bei der Realisierung finanziell unterstützen, aber sie weigerte sich vehement, von ihm Geld anzunehmen. Daher hatte er schließlich nachgegeben. Richard sah nur noch die Möglichkeit, durch den Erlös für die Siegestrophäe etwas beizusteuern.
Melanie lächelte wieder und stimmte Richard zu. An dem legendären Abend bei Vincent von Guise hatten sie etwas viel Wertvolleres gewonnen, nämlich das gegenseitige Interesse und die daraus entstandene Liebe.
Zum Schluss wurde das kaiserliche Diadem versteigert und die Gebote hörten nicht auf, bis am Ende eine vornehme Dame um die dreißig Jahre den kostbaren Kopfschmuck ergatterte, und zwar für den doppelten Preis, der vorher von Experten geschätzt worden war. Melanie war davon mehr als begeistert. Außerdem hatte sie die neue Besitzerin des kostbaren Diadems wiedererkannt. Sie gehörte zu den Hofdamen der Kaiserin. Das letzte Mal, als Melanie ihr begegnet war, war sie von ihr wie ein schmutziger Waschlappen im Garten des Kaiserpalasts angesehen worden.
„Was wohl Anastasia davon halten wird, dass eine ihrer Hofdamen nun ein Geschenk des Kaisers besitzt?“, dachte Melanie hämisch.
Im Großen und Ganzen war sie mit dem Ergebnis der Auktion zufrieden. Sie konnte die Baukosten damit sehr gut decken, aber sie benötigte zusätzlich Personal, das regelmäßig entlohnt werden wollte. Dafür brauchte sie weitere Einnahmen und müsste sich daher etwas überlegen.
„Hier, bitte schön“, sprach Richard und überreichte Melanie einen Scheck.
Sie sah die enorme Summe, die darauf geschrieben stand, und erwiderte aufgebracht: „Richard, ich sagte doch bereits, dass ich kein Geld von dir annehme.“
„Das ist nicht von mir“, antwortete er unschuldig.
Seine Frau war verwirrt und sah sich den Bankscheck genauer an, der offensichtlich vom Grafen D'Argies ausgestellt und unterschrieben worden war.
„Betrachte dies als großzügige Spende für deine Organisation. Diese Zuwendung bekommst du übrigens monatlich“, ergänzte Richard und lächelte.
Melanie war absolut sprachlos. Der Graf D'Argies war ein überaus barmherziger Mann und ein viel besserer Mensch, als sie angenommen hatte. Sie nahm sich vor, ihm bei der nächstmöglichen Gelegenheit dafür zu danken.



Kapitel 51 Das Versprechen

8. Oktober 1875

Die Blätter an den Bäumen hatten sich gelb und rot verfärbt. Sie fielen langsam zu Boden und bildeten einen bunten Teppich auf dem grünen Rasen. Veronika saß in ihrem Sessel, schaute den Herbstblättern beim Dahingleiten zu und streichelte über ihren Bauch. Allmählich konnte man da eine kleine Wölbung unter ihrem Kleid erkennen. Sie hatte ihr Buch zur Seite gelegt und ihre Gedanken kreisten mal wieder um Henri. Mittlerweile hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass er zu ihr zurückkommen und sich entschuldigen würde. Aber ihre Gefühle für ihn blieben unverändert. Melanie saß währenddessen im gleichen Zimmer am Schreibtisch und setzte Häkchen auf ihre To-do-Liste. Mit Richards Hilfe und Einfluss hatte sie ein großes Grundstück gekauft und die Baugenehmigung erworben. Soeben hatte sie mit dem Architekten eine Besprechung gehabt und ihm ihre Wünsche und Vorstellungen unterbreitet. Jetzt wartete sie auf seinen ersten Entwurf, der vermutlich Ende nächster Woche fertig sein würde. Der Butler kam in das Zimmer und kündigte an, dass der Baron von Bouget soeben eingetroffen sei. Die Schwestern schauten sich alarmiert an. Veronika war bereits seit drei Wochen bei Melanie und ihr Vater glaubte immer noch, es sei nur ein längerer Besuch. Thomas von Bouget betrat den Raum und lächelte breit. Die junge Herzogin ging als Erste zu ihm und umarmte ihren Vater, den sie unheimlich vermisst hatte. Auch Veronika stand auf und marschierte zu ihnen herüber. Thomas schaute sie an und etwas Bestimmtes fiel ihm sofort auf. Er war vierfacher Vater und ihm entging nicht die geringste Veränderung an seinen Kindern. Er erwiderte Veronikas herzliche Umarmung. Als er sie wieder losließ, streichelte er über ihren Bauch und guckte ernst.
„Zu viel Kuchen und leckeres Essen“, log Veronika und lächelte zaghaft.
Doch der Baron von Bouget war nicht dumm. Er erkannte schnell den wahren Grund für Veronikas langen Besuch bei ihrer jüngeren Schwester.
„Wer ist der Vater?“, fragte er und versuchte, dabei ruhig zu klingen, wobei er innerlich fast vor Zorn platzte. Veronika schaute mit versteinernder Miene zu ihm. Sie sah im Augenwinkel, wie Melanie sie anstarrte und fast unmerklich den Kopf schüttelte. Veronika verstand die Geste. Sie sollte den Namen nicht preisgeben, dann würde ihr Vater nichts unternehmen können.
„Veronika, sage mir auf der Stelle, wie der Kerl heißt, der dich geschwängert hat!“ Der Baron wurde ungeduldig, doch seine Tochter schwieg weiter. „Warum beschützt du ihn? Verdammt noch mal, er muss sich seiner Verantwortung stellen und dich so schnell wie möglich heiraten!“, erklärte er laut.
„Das wird er nicht“, entgegnete Melanie.
„Warum nicht? Ist er etwa tot? Wenn nicht, dann wird er das bald sein, dafür sorge ich“, entgegnete der Vater hitzig.
„Papa, du würdest einen Mord begehen und man wird dich dafür inhaftieren“, redete seine jüngste Tochter auf ihn ein.
„Melanie, merke dir folgende wichtige Regel fürs Leben: Es ist erst dann eine Straftat, wenn man Zeugen hat. Also mache dir um mich keine Sorgen. Ich frage dich jetzt zum letzten Mal, Veronika! Wer ist der Vater deines ungeborenen Kindes?“ Der Baron meinte es bitterernst.
Veronika konnte ihn nicht mehr anlügen und sagte im Flüsterton: „Es ist Graf Henri von Ailly.“
„Natürlich ist er das“, dachte Thomas. So viel Zeit, wie sie mit diesem Mann verbracht hatte!
„Gut, dann fahren wir jetzt gemeinsam zu dem werdenden Vater und verlangen von ihm, dass er dich zur Frau nimmt; ansonsten rede ich mit ihm später erneut, aber allein“, sagte Monsieur von Bouget und wollte sogleich aufbrechen.
„Papa, nein“, hielt Veronika ihn auf. „Ich möchte keinen Mann heiraten, der nichts mehr von mir wissen will.“
„Hast du daran gedacht, dass du wahrscheinlich gar keinen Mann heiraten wirst, weil du bereits ein uneheliches Kind hast?“, gab der Vater zu bedenken.
„Das ist mir egal“, antwortete Veronika trotzig.
„Mir aber nicht. Ich will nicht, dass du dein Leben für einen Egoisten opferst, der dich im Stich gelassen hat“, erklärte Thomas und plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr die Zukunft seiner Tochter auf der Kippe stand, und Tränen kamen ihm in die Augen.
„Wir finden einen Weg für Veronika, das verspreche ich“, sagte Melanie entschieden und berührte ihren Vater am Arm, der mit seinen Gefühlen kämpfte.
„Ja, wir versprechen es, Papa!“ Es war Jakob, der das laut wiederholte. Er verbrachte den heutigen Tag bei Melanie und hatte die Unterhaltung zwischen den Dreien von Anfang an auf dem Flur belauscht.
„Ich schwöre, dass ich Veronika niemals im Stich lassen werde“, sagte er entschlossen.
„Ich ebenfalls nicht“, bestätigte Melanie. „Wir werden sie mit allen Mitteln unterstützen, die uns zur Verfügung stehen.“
„Ihr beide seid noch zwei Grünschnäbel, die gerade erst in der großen Welt das Laufen lernen. Ein Kind großzuziehen bedeutet, sein Leben komplett auf dessen Bedürfnisse umzustellen. Glaubt ihr wirklich, dass ein Schüler und eine junge Herzogin, die selbst so einige Herausforderungen vor sich haben, das wuppen können?“, fragte der Vater und war immer noch nicht überzeugt.
„Ich bin doch ebenfalls da und als Mutter die wichtigste Person“, warf Veronika dazwischen. Sie war sich absolut sicher, dass sie für ihr Kind alles tun würde.
Thomas von Bouget schaute den drei jungen Menschen nacheinander ernst in die Augen.
„Gut, einverstanden. Ich werde diesen Henri nicht umbringen. Vorerst“, sprach er und gab seinen Kindern damit eine Chance, sich zu bewähren. Trotzdem hatte er mit dem Grafen von Ailly noch ein Hühnchen zu rupfen.
Jakob streckte Veronika seine Hand entgegen und sah sie erwartungsvoll an. Sie lächelte liebevoll zurück und legte ihre Hand in die seine. Sie war ihrem Bruder unendlich dankbar, weil er felsenfest zu ihr stand. Jakob wollte und würde sie am liebsten nicht mehr loslassen. Und vielleicht öffnete sich gerade für die beiden eine neue Tür für eine gemeinsame Zukunft.



Kapitel 52 Die Neuigkeit

26. Oktober 1875

Höchst zufrieden stand Melanie auf dem großen Acker und sah zu, wie die Bauarbeiter den Boden ebneten, um später das Fundament zu gießen. Sie wollte unbedingt, dass die Wände und die Dächer von allen drei Gebäuden bereits standen, bevor in ungefähr einem Monat der erste Schnee fiele. Melanie war eine großzügige Bauherrin und entlohnte die Bauarbeiter überaus gut, weshalb die Männer ihre Tätigkeiten tadellos und schnell verrichteten. Umso besser für den straffen Zeitplan. Jeden Tag bekamen die Arbeiter zum Mittag etwas Warmes zu essen und zu trinken, denn Melanie wollte, dass die Männer stets mit guter Laune auf der Baustelle erschienen. Das würde das Endergebnis des Bauprojekts extrem beeinflussen. Sie selbst hatte seit Tagen wenig gegessen. Vielleicht lag es an der Aufregung wegen des Baus, dass sie sich unwohl fühlte und nichts herunterbekam. Zudem hatte sie sich wieder mit Richard gestritten, weil er der Meinung war, sie würde mehr Zeit auf dem Feld verbringen als zu Hause. Das stimmte. Melanie war ständig unterwegs. Sie musste regelmäßig mit dem Architekten über den Baufortschritt sprechen. Zudem war sie bei der Redaktion der regionalen Zeitung gewesen, um eine Anzeige zu schalten, denn sie suchte fähiges Personal für ihre Einrichtung. Alle ihre vier Stuten waren mittlerweile trächtig und benötigten besonderes Futter. Diese Aufgabe konnte Melanie glücklicherweise dem Stallburschen übertragen. Nur blieb die Frage, wie sie die neugeborenen Fohlen jemals verkaufen sollte, wenn sie keine Kunden hatte. Es bereiteten ihr demnach so einige Themen Kopfzerbrechen und der zusätzliche Streit mit ihrem Ehemann verursachte weiteren Stress.
Als Melanie am Abend wieder nach Hause kam, war sie ausgelaugt und hungrig. Sie bat das Dienstmädchen, ihr etwas zu essen in den Salon zu bringen, in dem normalerweise die Mahlzeiten serviert wurden, und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen. Im nächsten Augenblick kam Richard hereingelaufen und Melanie sah an seinem finsteren Gesichtsausdruck, dass er auf Ärger aus war.
„Es ist bereits zwanzig Uhr. Wir haben schon vor zwei Stunden zu Abend gegessen. Wo warst du so lange?“, herrschte er sie sogleich an.
Melanie seufzte. Ihr war gerade absolut nicht nach Streit zumute. Sie hatte kaum Energie und brauchte dringend etwas zu essen.
„Ich hatte noch ein etwas länger andauerndes Gespräch mit einem Professor von der Universität, der in meiner Ausbildungsstätte anfangen möchte. Ich musste den Bewerber ausführlich befragen, bevor ich ihn einstelle“, erklärte Melanie müde und hoffte, er würde sie damit in Ruhe lassen.
„Du triffst dich am Abend mit irgendwelchen Männern?“, empörte sich Richard und glaubte, sich verhört zu haben. „Konntest du das Gespräch nicht früher am Tag stattfinden lassen?“
„Nein, das ging nicht, weil der Professor tagsüber Vorlesungen hielt. Bitte, können wir nicht morgen darüber sprechen?“, bat Melanie ihn und fühlte, wie die Kräfte sie langsam verließen.
„Wann morgen? Du verschwindest, sobald du aus dem Bett aufstehst und kehrst erst spät abends wieder zurück. Und am Ende des Tages bist du immer so kaputt, dass du in der Nacht nur schläfst. Ich habe seit über zwei Wochen kaum etwas von dir“, beklagte er sich.
„Das ist absolut normal für eine Geschäftsfrau“, entgegnete Melanie müde.
„In erster Linie bist du meine Ehefrau und ich erwarte von dir, dass du deine ehelichen Pflichten erfüllst“, verlangte Richard.
„Und die wären?“, wollte Melanie wissen. Wie gerne hätte sie jetzt eine Tafel Schokolade und einen Teller voll mit Geflügelwürstchen. Und zum Nachtisch ein paar scharfe Chilis.
„Mich jeden Abend glücklich zu machen“, antwortete Richard herrisch.
„Gib mir eine halbe Stunde fürs Essen und danach mache ich dich superglücklich“, beschwichtigte Melanie ihn und fragte sich, wo das Dienstmädchen bloß blieb.
„Das ist mein Ernst. Ich erwarte von dir, dass du ab sofort mehr Zeit daheim verbringst und deinen Pflichten hier nachgehst. Du bist spätestens bis siebzehn Uhr wieder auf dem Schlossgelände und nimmst jede Mahlzeit zu Hause ein. Hast du mal in den Spiegel geschaut? Du hast deutlich abgenommen. Der ganze Stress ist nicht gut für dich“, schloss Richard seine Forderungen ab.
Melanie hatte ihm bis zum Ende zugehört, aber so langsam hatte sie keine Geduld mehr. Dafür war sie zu erschöpft, zu hungrig und zu selbstbewusst.
„Weißt du, was ich erwarte?“, sagte sie und stand von ihrem Stuhl auf. „Verständnis und Toleranz. Ich bin nicht deine Dienerin, die du nach Belieben herumkommandieren kannst. Ich komme und gehe, wann ich will. Du kannst mir nichts vorschreiben!“
Richard weitete seine Augen und schritt auf Melanie zu. Er würde ihr gleich zeigen, was er ihr alles vorschreiben konnte. Melanie hatte eigentlich keine Lust auf den Streit, aber wenn ihr Ehemann es unbedingt wissen wollte ... Doch plötzlich wurde ihr schwindelig und ihre Beine gaben nach. Sie hielt sich an der Tischkante fest, als alles um sie herum schwarz wurde und sie zu Boden fiel. Richard konnte mit einem schnellen Hechtsprung in letzter Sekunde verhindern, dass sie mit dem Kopf auf dem Parkett aufschlug und starrte entsetzt auf ihren bewusstlosen Körper. Das Dienstmädchen kam im selben Moment in den Salon und hätte vor lauter Schreck das Tablett fast fallen gelassen.
„Schnell, hol sofort den Arzt!“, rief Richard ihr zu.
Die Frau stellte das Essen auf dem Tisch ab und eilte aus dem Salon. Richard nahm Melanie hoch und trug sie in das nächste Zimmer, in dem eine Couch stand, und legte sie vorsichtig darauf ab. Er rief mehrmals ihren Namen, aber sie reagierte nicht. Richard fühlte an ihrem Hals den Puls. Ihr Herzschlag war kaum zu spüren. Melanie sah ziemlich blass aus. Ihr Mann blieb die ganze Zeit bei ihr und versuchte unaufhörlich, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen; leider ohne Erfolg. Als der Arzt nach zwanzig Minuten endlich kam, stand Richard kurz vor einer Panikattacke. Der Doktor nahm den Herzog vorsichtig zur Seite und versicherte ihm, er werde sich um Melanie kümmern. Richard musste das Zimmer verlassen, damit der Arzt seine Frau untersuchen konnte. Er lief im Flur auf und ab und konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Was, wenn sie stirbt?“, dachte er panisch. Er konnte nicht noch jemanden verlieren, den er liebte. Er hatte schon zu viele Menschen verloren, die ihm etwas bedeutet hatten. Wenn Melanie sterben sollte, dann würde er es ebenfalls tun. Wenn nicht körperlich, dann auf jeden Fall geistig. Wenig später wurde Melanie auf einer Trage in das private Schlafgemach des Herzogspaares gebracht und die Diener legten sie vorsichtig auf das große Bett. Richard hörte, wie der Arzt dem Dienstmädchen die Aufgabe erteilte, der Herzogin ab sofort ausreichend Wasser zu trinken zu geben. Zudem sollte der Koch nur noch vitaminreiche Speisen zubereiten. Abgesehen davon benötigte die Herrin viel Ruhe. Richard näherte sich dem Doktor und sah ihn hilflos an.
„Wird sie wieder gesund?“, fragte er zögerlich und fürchtete sich vor der Antwort.
„Ja, es wird ihr wieder gut gehen. Bitte gebt auf Eure Ehefrau Acht. Sie soll zukünftig Stress vermeiden“, antwortete der Arzt ruhig.
„Was hat meine Frau denn?“, wollte Richard wissen und war erleichtert zu hören, dass es Melanie bald wieder besser gehen würde.
„Die Herzogin erwartet ein Kind“, offenbarte der Arzt und Richard starrte ihn mit großen Augen an. „Ihr habt es wohl noch nicht gewusst, wie ich sehe. Nun, herzlichen Glückwunsch“, sagte der Mann lächelnd.
„Danke“, erwiderte sein Gegenüber entgeistert und war von der unerwarteten Entwicklung total überrumpelt. Der Doktor verneigte sich höflich und entfernte sich wieder. Richard ging in das Schlafgemach und schritt langsam auf das Bett zu, in dem Melanie lag. Sie hatte ihre Augen mittlerweile wieder leicht geöffnet. Er nahm behutsam ihre Hand und küsste sie auf die Wange.
„Wir bekommen ein Baby“, sagte Richard lächelnd.
„Ja, einfach unglaublich“, erwiderte Melanie erschöpft. Ihr Ehemann sah sie liebevoll an und streichelte ihr übers Gesicht.
„Ich verstehe gar nicht, warum du dich vorhin so aufgeregt hast. Ich erfülle meine ehelichen Pflichten ungemein gut“, sprach sie leise, denn sie hatte sich kurz nach dem Aufwachen an die verbale Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden erinnert.
Richard grinste und antwortete daraufhin: „Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich ebenfalls“, sagte sie.
Der Herzog befahl den anwesenden Bediensteten, sich zu entfernen, und blieb mit seiner Frau allein. Er half ihr beim Umziehen. Und während Melanie völlig entblößt vor ihm lag, betrachtete sie ihren makellosen und schlanken Körper. Ob er nach der Schwangerschaft immer noch so aussehen würde? Richard küsste sie zärtlich unterhalb des Bauchnabels und schenkte ihr ein liebevolles Lächeln. Dann zog er ihr das Nachthemd über, wechselte seine Kleidung ebenfalls und legte sich zu ihr ins Bett. Vor einer halben Stunde fürchtete er noch, dass er Melanie verlieren könnte, und nun wusste er, dass in naher Zukunft ihr gemeinsames Kind in sein Leben treten würde. Und er war unendlich dankbar dafür.
Am nächsten Morgen während des Frühstücks verkündete Richard ganz stolz Melanies Schwangerschaft. Katarina von Crussol war absolut entzückt über die Neuigkeit und Veronika war völlig aus dem Häuschen.
„Melanie, stelle dir das mal vor: Wir beide sind gleichzeitig schwanger! Unsere Kinder werden zusammen aufwachsen, so wie wir früher!“, rief ihre Schwester aufgeregt.
„Ja, das wird ein Spaß“, entgegnete Melanie fröhlich und erinnerte sich wieder an den Schabernack, den sie als Kind zusammen mit ihren Geschwistern getrieben hatte.
„Das ist einfach wundervoll! Zwei kleine Engel unter einem Dach. Ich freue mich jetzt schon auf das Kinderlachen!“, jubelte Katarina und klatschte in die Hände.
„Ja, vor allem freue ich mich auf das Geschrei in der Nacht“, bemerkte Melanie und seufzte.
„Damit wirst du klarkommen. Sobald dich unser Kind anlächelt, wirst du die Strapazen schnell wieder vergessen“, beruhigte Richard sie und zwinkerte ihr zu.
„Wahrscheinlich“, kommentierte Melanie leise und schaute auf ihren vollen Obstteller. Sie konnte ihre Schwangerschaft noch gar nicht richtig fassen. Es ging alles so wahnsinnig schnell. Vor einem halben Jahr hatte sie keinen einzigen Gedanken an Heirat und Kinderkriegen verschwendet. Und nun war sie mittendrin in der eigenen Familiengründung. Was würde jetzt aus ihrem Geschäft als Pferdezüchterin und ihrem neuen Projekt werden, das sie gerade mühevoll aufbaute? Würde sie ihre Karriere aufgeben müssen oder konnte sie gleichzeitig Geschäftsfrau und Mutter sein? Ihr Leben verlief absolut anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Melanie nahm den Rat des Arztes ernst und genehmigte sich eine ausgiebige Erholungspause von ihrer Arbeit. Sie delegierte die Aufgaben vorübergehend an ein paar Diener und erhielt von ihnen regelmäßig Rückmeldungen. Sie und Veronika verbrachten ab sofort viel Zeit gemeinsam an der frischen Luft und ernährten sich gesund. Richard verwöhnte die beiden Schwangeren mit Geschenken, brachte jeden Tag Blumen, Schmuck oder neue Umstandskleidung. Melanie fand es außerordentlich zuvorkommend von ihrem Mann, dass er nicht nur sie auf Händen trug, sondern auch ihre Schwester. Aber auch Jakob war ein echter Kavalier. Er bespaßte Veronika und Melanie in jeder freien Minute und erzählte ihnen lustige Geschichten. Und wenn sich abends die Herzogin und der Herzog in ihre Privatgemächer zurückzogen, dann leistete Jakob Veronika Gesellschaft und spendete ihr Trost. Sie unterhielten sich und lachten oder saßen ganz dicht beieinander auf dem Sofa und lasen gemeinsam ein Buch.
Während dieser Zeit legte Veronika ihren Kopf auf die Schulter ihres Bruders und gewöhnte sich langsam an seine Wärme.



Kapitel 53 Die Anerkennung

20. Januar 1876

Es war tiefster Winter und die offene Kutsche fuhr auf Kufen durch den platt getretenen Schnee. Die Herzogin von Crussol hatte entsprechend dem kalten Wetter einen dicken Mantel angezogen und wärmte ihre Hände unter ihrer Decke aus braunem Nerzfell. Der Kutscher hielt neben drei vierstöckigen Gebäuden an, die u-förmig angeordnet waren, und Melanie stieg vorsichtig aus. Sie hatte mittlerweile einen kleinen Bauch, der sie beim Gehen noch nicht behinderte, wie es hingegen bei ihrer Schwester der Fall war. Veronika konnte oder wollte sich an ihre neue Körperfülle partout nicht gewöhnen und stieß oft aus Versehen mit ihrer großen Bauchkugel an Türrahmen oder Möbeln an.
Die Herzogin schritt auf dem vom Schnee geräumten Weg zu der neu erbauten Einrichtung und betrat als Erstes das ganz linke Gebäude. Dies sollte am Ende der Fertigstellung die Ausbildungsstätte für Erwachsene werden und eine Grundschule für Kinder. Die Maler liefen mit Eimern voll weißer Farbe herum und bestrichen die Wände. Die obersten zwei Stockwerke waren bereits fertig und der Boden wurde nun mit Parkett ausgelegt. Melanie war mit den Renovierungsarbeiten zufrieden und ging in das zweite Gebäude hinein, das später ein Waisenhaus sein würde. Hier wurden die Wände in fröhlichen Farben bemalt, wie Himmelblau oder Mintgrün. Die Schlafbereiche für die Mädchen waren in Gelb und Rosa gehalten. Dieses Gebäude war komplett fertig und die ersten Möbel wurden von den Monteuren gerade aufgebaut. Melanie lobte die Arbeiter für das gelungene Ergebnis und begab sich in das letzte Bauwerk, das Pflegeheim. Hier stand bereits alles an seinem Platz: die Möbel und das Equipment. Die junge Herzogin hatte vor, diese Einrichtung bereits morgen zu eröffnen. Eine offizielle Feier würde sie aber erst Ende diesen Frühlings veranstalten, sobald die anderen beiden Gebäude in Betrieb genommen wurden und das Wetter wesentlich wärmer sein würde. Als sie wieder aus dem Pflegeheim hinausschritt, begegnete sie überraschenderweise Willhelm Girard, der neben ihrer Kutsche auf sie wartete.
„Monsieur Girard, schön, Sie wiederzusehen!“, begrüßte Melanie den Politiker. Seit ihrer letzten Begegnung beim Treffen der Freimaurervereinigung hatten sie sich nicht mehr gesehen.
„Die Freude ist ganz meinerseits, Madame von Crussol“, begrüßte Willhelm sie ebenfalls und gratulierte ihr sogleich zur Schwangerschaft. Melanie bedankte sich lächelnd und fragte ihn, welchen Umständen sie seinen Besuch zu verdanken habe.
„Ich wollte mit meinen eigenen Augen sehen, was Ihr hier geschaffen habt. Euer Mann, der Herzog von Crussol, hat mir im Gentlemen’s Club der FSP von Eurem ehrgeizigen Projekt berichtet und damit meine Neugier geweckt. Ich muss gestehen, dass ich beeindruckt bin. Wie kamt Ihr auf diese Vision?“, wollte Monsieur Girard wissen.
„Durch Sie“, antwortete Melanie ehrlich.
„Durch mich?“, fragte ihr Gegenüber verwundert. „Würdet Ihr mir das bitte erklären?“
„Sie haben recht: Der Weg in die Gosse ereilt einen schneller, als es einem lieb wäre. Und ich habe das dringende Bedürfnis, den Menschen zu helfen, die leider das Pech im Leben hatten, in der Gosse zu landen. Deshalb habe ich meine wohltätige Organisation gegründet“, berichtete Melanie.
„Wirklich sehr nobel“, bemerkte Willhelm und verneigte seinen Kopf. „Hat Eure Organisation auch einen Namen?“
„Um ehrlich zu sein, noch nicht“, gestand sie und fragte sich prompt, warum sie nicht schon früher daran gedacht hatte. „Aber ich werde mir einen passenden Namen überlegen.“
„Bitte informiert mich umgehend darüber, denn ich bin gewillt, Euer Projekt zu unterstützen – wenn Ihr mir im Gegenzug erlaubt, Eure Organisation im Wahlkampf für meine Partei zu nutzen“, schlug der Politiker vor.
„Wie sähe Ihre Unterstützung denn aus? Sie müssen wissen, dass meine Organisation finanziell gut aufgestellt ist.“ Melanies Neugierde war geweckt.
„Ich würde Euch weitere Einrichtungen zur Verfügung stellen und die Werbetrommel für Euch rühren, damit Euer Projekt in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt“, erläuterte Willhelm und hoffte, dass die Herzogin seinem Vorschlag zustimmte.
Melanie überlegte kurz. Das Angebot von Monsieur Girard klang recht vernünftig und sie hätten am Ende beide etwas davon.
„In Ordnung, ich bin einverstanden“, sagte sie schließlich und reichte Willhelm ihre Hand. Sie besiegelten ihre Vereinbarung mit einem Handschlag und Monsieur Girard lächelte zufrieden.
„Ach, und übrigens“, sagte Melanie, nachdem sie wieder in ihrer Kutsche Platz genommen hatte, „ich habe soeben entschieden, dass der Name meiner Organisation ,Ma Grande Sœur‘ lauten soll.“
Der Politiker zeigte mit einem knappen Kopfnicken, dass er mit der Namensgebung einverstanden war, und verabschiedete sich von der jungen Herzogin, die wieder zurück zu ihrem Schloss fuhr.

Vier Tage später fand im Rathaus der Stadt eine Wahlkampfveranstaltung der Freien und Sozialistischen Partei statt. Es waren alle Bürger willkommen, die das achtzehnte Lebensjahr bereits vollendet hatten. Der Vorstand der FSP hatte zuvor völlig unerwartet das Teilnahmeverbot für Frauen an deren Veranstaltungen aufgehoben und somit waren vereinzelt auch einige Damen in dem großen Saal anwesend. Die Mehrheit bildeten aber weiterhin die Männer. Melanie schaute sich um und schätzte die Anzahl der Frauen auf ungefähr fünfzig bei insgesamt siebenhundert Teilnehmern. Vor einigen Tagen hatte Richard ihr angeboten, ihn auf die Veranstaltung zu begleiten und sie hatte sofort ,Ja‘ gesagt. Als Monsieur Girard sich hinter das Podium stellte, wurden die Eingangstüren zum großen Saal geschlossen und der Veranstaltungsabend begann.
„Mesdames et Messieurs, ich heiße Sie alle herzlich willkommen und danke, dass Sie so zahlreich erschienen sind“, begrüßte Willhelm Girard das Publikum. „In acht Monaten findet die Wahl der neuen Regierung statt und wir als Partei haben uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, beim kommenden Wahlgang die Mehrheit zu holen. Mit Sicherheit kein leichtes Unterfangen, denn die konservative Partei ist zurzeit stärker denn je, nicht zuletzt wegen der guten Politik des Kaisers. Wir, die Freie und Sozialistische Partei, sind der Ansicht, dass man Traditionen durchaus bewahren sollte, aber nicht, wenn sie uns in der Entwicklung als Gesellschaft hindern. Wie Sie alle wissen, sind Frauen in unserem Land den Männern nicht gleichgestellt. Sie haben weniger Rechte und Freiheiten, obwohl sie ebenfalls Menschen sind. Die Freie und Sozialistische Partei möchte dies in Zukunft ändern.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
„Wir fordern das Wahlrecht für Frauen und das bereits für die anstehende Wahl im September. Unsere Partei hat den dazugehörigen Entwurf dem Parlament diese Woche vorgelegt und bei der nächsten Sitzung wird darüber entschieden, ob das Gesetz dementsprechend geändert werden soll.“
Die Stimmen der Zuhörer wurden lauter. Einer der anwesenden Männer konnte seine Meinung nicht mehr für sich behalten und rief sie hinaus. „Weshalb sollen Frauen mehr Rechte bekommen? Sie kamen bis jetzt auch ohne sie klar.“
Zustimmendes Gemurmel war zu hören. Willhelm Girard musste lauter sprechen, damit man ihn verstand. „Ich bitte um Ruhe! Bevor ich Ihre Frage beantworte, Monsieur, stelle ich Ihnen zuerst ein paar Gegenfragen. Warum darf eine Frau keine Universität besuchen? Wieso darf sie nicht jeden Beruf ergreifen, den sie gerne ausüben möchte? Weshalb sollte eine Frau nicht die Regierung wählen dürfen, die sie für richtig hält?“
Das Gerede hörte auf und alle warteten gespannt.
„Weil sie nun mal Frauen sind! Ihre Tätigkeiten sind häuslicher Natur. Die Gebiete der Männer sollten sie besser meiden. Wir mischen uns schließlich auch nicht in deren Aufgaben ein“, entgegnete der Mann erbost.
Wieder wurde es im Saal unruhig.
Melanie schaute ihren Ehemann an und fragte amüsiert: „Ist der Herr da vorne dein Verwandter im Geiste?“
Richard schmunzelte und warf ihr von der Seite einen kurzen Blick zu. Der Vorsitzende der FSP schlug mit seinem Holzhammer gegen das Podium und das Getuschel verstummte.
„Nun, wie es mir scheint, Monsieur, sind Sie der Ansicht, dass Frauen weniger wert seien als Männer, deshalb dürften sie auch nur im Haushalt ihren Tätigkeiten nachgehen und sonst nirgends. Doch ich frage Sie ernsthaft: Ist Ihre Mutter weniger wert als Sie? Oder Ihre Schwester? Oder sind Sie der Meinung, dass Ihre Tochter es nicht verdient, gleichermaßen behandelt zu werden wie Sie? Vorhin stellten Sie mir die Frage, weshalb Frauen mehr Rechte bekommen sollten. Ich sage Ihnen, warum: weil sie es wert sind. Sie haben es verdient, gleichberechtigt behandelt zu werden, und sollten aufgrund ihres Geschlechts nicht diskriminiert werden. Frauen und Mädchen sind Menschen und bilden die Hälfte der gesamten Bevölkerung. Wir benachteiligen somit die Hälfte unseres Landes. Und aus welchem Grund?“ Willhelm Girard baute eine Pause ein, um die Spannung zu erhöhen. „Weil wir an einer alten Tradition festhalten, die härter ist als ein Diamant, und die uns trotzdem eines Tages wie dünnes Glas zerbrechen wird, weil wir unsere Überzeugungen nicht rechtzeitig geändert haben.“ Das gesamte Publikum hörte aufmerksam zu. „Eines Tages werden die Frauen sich erheben und die Fesseln ablegen, die wir ihnen auferlegt haben. Es wird zu einem Kampf kommen, der das Volk entzweien könnte. Ich frage Sie, wollen wir das? Wollen wir in einem Zwiespalt untergehen oder wollen wir als Einheit über uns hinauswachsen? Wir als die FSP sagen, dass jetzt der Augenblick gekommen ist, um richtig zu handeln. Die Weichen für eine glorreiche Zukunft zu stellen, die besser sein wird als die Vergangenheit, indem wir die Frauen den Männern gleichstellen. Wir beginnen mit dem Wahlrecht und mit der Zeit werden weitere Rechte hinzukommen.“
Eine hochgewachsene, blonde Frau hob ihre Hand. Willhelm erteilte ihr die Erlaubnis zu sprechen.
„Warum sollte die weibliche Bevölkerung Ihre Partei wählen, außer wegen der Tatsache, dass Sie ihnen mehr Rechte erteilen wollen?“, fragte sie.
„Weil wir Frauen und Kinder in ihren schwierigen Lebenssituationen unterstützen möchten. Wir haben Stiftungen und Organisationen, die sich damit befassen: wie beispielsweise die Organisation ,Ma Grande Sœur‘, die von der Herzogin von Crussol ins Leben gerufen worden ist. Sie umfasst Ausbildungsstätten und Schulen, Waisenhäuser und Pflegeheime, und seit Kurzem auch Kindergärten und Sozialwohnungen. Alles auf dem neuesten Stand und top modern. Wie Sie sehen, geht unsere Partei mit der Zeit und hat das Wohlergehen der Bevölkerung als oberstes Ziel“, beantwortete Monsieur Girard die Frage.
Die blonde Frau schien mit der Erklärung zufrieden zu sein und lächelte. Der Vorsitzende der FSP erläuterte danach noch weitere Wahlkampfschwerpunkte und das Publikum hörte ihm gebannt zu. Währenddessen drehte sich Richard zu seiner Ehefrau um und hielt ihre Hand fest.
„Ich war noch nie so stolz auf dich wie in diesem Augenblick“, sagte er anerkennend.
Melanie schenkte ihm daraufhin ihr schönstes Lächeln und flüsterte: „Danke, mein Liebster.“



Kapitel 54 Die Nichte

27. März 1876

Der Frühling kam wie jedes Jahr mit viel Sonnenschein, der den Schnee zum Schmelzen brachte. Vogelgezwitscher erfüllte von früh bis spät die Luft und die Frühblüher tauchten den Garten in zarte Farben. Dennoch war dieser Frühling anders als die Jahre zuvor. Denn Veronika und Melanie waren beide zum ersten Mal schwanger. Sie saßen gemeinsam mit Jakob und Katarina auf der großen Terrasse und tranken Tee. Veronikas Niederkunft war nicht mehr weit entfernt und sie streichelte liebevoll über ihre riesengroße Bauchkugel.
„Was denkst du? Welches Geschlecht wird dein Kind haben?“, fragte sie ihre Schwester, die mit ihrer Schwangerschaft circa zwei Monate hinter Veronika lag.
„Bei meinem Glück wird es bestimmt ein Mädchen. Ich denke, dass ich noch ein paar Versuche mehr benötigen werde, bis ich einen Sohn zur Welt bringe“, antwortete Melanie.
„Ein kleines Mädchen ist doch wunderbar“, mischte sich ihre Schwiegermutter ein. „Mein ältestes Kind war ebenfalls eine Tochter und ich habe es von der ersten Sekunde an geliebt.“
„Ich werde mit Sicherheit ebenfalls alle meine Kinder lieben“, fügte Melanie schnell hinzu. „Aber frage mal deinen Sohn, wie er darüber denkt. Der Herzog redet fast jeden Tag davon, dass er einen Stammhalter brauche.“
„Auch eine Tochter kann den Familiennamen fortführen. Wenn ich mich an Karolina erinnere, dann war sie genauso mutig und tapfer wie ein junger Mann. Sie stand Richard in nichts nach und das weiß er“, entgegnete Katarina selbstsicher.
„Hätte dein verstorbener Mann François von Crussol das genauso gesehen und Karolina den Titel weitervererbt statt seinem ältesten Sohn?“, hakte Melanie nach, denn sie war von Katarinas Aussage nicht überzeugt.
„Das hätte er nicht, weil wir nun mal zwei Söhne hatten“, gab die Schwiegermutter offen zu. „Aber hätten wir nur Töchter gehabt, dann wäre die älteste von ihnen die Erbin des Titels geworden.“
„Ganz genau, nur dann wäre es möglich gewesen. Mein Bruder Jakob erbt ebenfalls den Titel des Barons, obwohl er der Jüngste von uns Vieren ist. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Sohn gegenüber einer Tochter bevorzugt wird. Wie viele Könige sind an der Aufgabe gescheitert, einen männlichen Nachkommen zu zeugen? Am Ende hatten sie ihre Töchter an die Prinzen des Nachbarlandes verheiratet und damit ihre Königreiche den Händen einer anderen Königsfamilie übergeben. Es wurde von der Gesellschaft als Schmach angesehen und die Könige verloren ihr Gesicht“, berichtete Melanie kopfschüttelnd. „Eine ziemlich veraltete Einstellung, meiner Meinung nach.“
„Es gab in der Geschichte auch Herrscherinnen, die sehr erfolgreich regiert haben. Wie zum Beispiel Königin Elisabeth I oder Kaiserin Katharina die Große. Sie verhalfen ihren Ländern zu mehr Blüte und Fortschritt“, hielt die Herzoginmutter dagegen.
„Ja, die gab es“, stimmte Melanie ihr zu. „Aber leider nur eine Handvoll. Wären mehr Königinnen an der Macht gewesen, dann hätte es bestimmt weniger Kriege auf der Welt gegeben, denn die Kriegstreiber sind definitiv männlich.“
„Also ich denke, dass ich einen Sohn gebäre“, redete Veronika dazwischen und wollte damit auf das ursprüngliche Thema zurückkommen.
„Was der Graf von Ailly davon halten wird, dass sein erster Sohn den Nachnamen ,von Bouget’ und nicht den seinen tragen wird?“, witzelte die Schwiegermutter und nippte an ihrer Teetasse.
Jakob schaute interessiert von seinem Buch auf und überlegte. Was, wenn Veronika tatsächlich einen Jungen zur Welt brächte und er den Nachnamen des Barons von Bouget tragen würde? Könnte er vielleicht das Kind später adoptieren und als seinen Erben bestimmen? Das klang für Jakob nach einer guten Perspektive.
„Henri hat mir unmissverständlich gesagt, dass er unser Kind niemals sehen will. Es ist ihm daher vollkommen gleichgültig, ob es ein Junge oder ein Mädchen sein wird“, antwortete Veronika traurig.
Melanie nahm ihre Hand und drückte sie leicht. Es war ihr weiterhin schleierhaft, wie Henri so kaltherzig sein konnte. Er hatte Veronika in den letzten sieben Monaten kein einziges Mal besucht, geschweige denn ihr einen Brief geschrieben. Richard hatte seiner Frau versichert, dass Henri noch lebe und er ihn regelmäßig sähe. Denn eine Zeit lang hatte Melanie befürchtet, ihr Vater hätte seine Drohung womöglich wahr gemacht und Henri heimlich zur Strecke gebracht. Plötzlich richtete sich Veronika auf dem Stuhl auf, sah entsetzt auf ihren Bauch und spürte warme Flüssigkeit unter sich.
„Ach, du Schreck!“, schrie sie. „Meine Fruchtblase ist geplatzt!“
Und wieder mal starrte Melanie sie fassungslos an und alle ihre Gedanken waren verschwunden – wie damals im Garten, als Veronika ihr offenbart hatte, dass sie schwanger war.
„Rebecca!“, rief Katarina von Crussol eines der Dienstmädchen, das sogleich herbeigeeilt kam. „Lass bitte sofort nach dem Arzt rufen und bereite Veronikas Schlafgemach für die Niederkunft vor. Du weißt ja, reichlich Handtücher, Krüge voller warmen Wassers und Seife und alles andere, was der Arzt benötigt. Los, schnell! Beeil dich!“
Das Dienstmädchen lief aufgeregt los. In der Zeit half Jakob seiner Schwester, aufzustehen, und ging mit ihr langsam in Richtung der Treppe zum oberen Stockwerk. Melanie war mittlerweile wieder aus ihrer Starre erwacht und fragte, wie sie helfen solle. Die Herzoginmutter befahl ihr, bis Richards Heimkehr auf der Terrasse zu bleiben. Sie dürfe sich auf gar keinen Fall in die Nähe von Veronikas Schlafgemach begeben. Als Melanie sie nach dem Grund dafür fragte, antwortete Katarina schnippisch: „Du willst doch nicht, dass deine Fruchtblase vor lauter Schreck frühzeitig platzt und die Wehen ausgelöst werden.“
Also blieb Melanie völlig aufgewühlt auf der Terrasse sitzen. Sie konnte ihrer Schwester jetzt nicht beistehen. Und sowohl Katarina als auch Jakob ließen sich nicht mehr blicken. Wenig später kam Richard zurück und wurde von seiner Frau regelrecht überfallen. Sie erzählte ihm aufgeregt, was passiert war, und dass sie nun nicht wisse, was sie tun solle. Sie könne nicht ruhig sitzen und ein Buch lesen, dafür wäre sie im Moment viel zu zappelig. Richard nahm sie auf einen Spaziergang durch den Garten mit und als Melanie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, begaben sie sich gemeinsam in das Gästehaus. Während sie vor dem Kamin saßen und sich eng aneinander kuschelten, sagte Richard aufmunternd: „Mache dir bitte keine Sorgen. Es wird bei der Geburt alles gut laufen. Jakob ist bei Veronika. Einen zuverlässigeren Partner als ihn gibt es für sie nicht.“
„Ja, da hast du recht“, stimmte Melanie ihm zu. Dann überlegte sie plötzlich und schaute ihren Ehemann verwundert an. Wie meinte er das? Partner in welchem Sinne?
Zur gleichen Zeit kämpfte die werdende Mutter mit den Schmerzen der Geburt. Veronika war umringt von einem Arzt und zwei assistierenden Krankenschwestern. Draußen auf dem Flur wartete Katarina und hielt Wache – nicht, dass Melanie vor lauter Sorge um ihre Schwester doch noch hier aufkreuzen würde. Jakob war bei Veronika geblieben. Er saß neben ihr auf dem Bett und hielt ihre Hand, während sie mit jeder Wehe presste. Die Geburt neigte sich langsam dem Ende zu und Veronika schrie vor lauter Qual. Jakob litt mit ihr. Er konnte ihr nicht helfen, nur Trost spenden. Sie schaute immer wieder zu ihm und er lächelte sie aufmunternd an. Dann verspürte sie ein extremes Ziehen. Sie kniff die Augen zusammen, hielt die Luft an und presste, so doll sie nur konnte. Jakob nahm ihre Hand an seinen Mund und drückte sie fest an seine Lippen. Er hatte seine Augen ebenfalls geschlossen und betete, dass diese unmenschliche Folter bald vorbei sein würde. Und dann hörten sie ihn: den ersten Schrei. Veronika atmete schwer, war aber zutiefst erleichtert. Nachdem der Arzt dem Baby die Nabelschnur durchtrennt und das Kind von Blut und Fruchtwasser gereinigt hatte, übergab er das Neugeborene an Jakob.
„Ich gratuliere Euch. Es ist ein gesundes Mädchen“, verkündete der Arzt erfreut.
Sowohl Veronika als auch Jakob sahen ihn kurz überrascht an, lachten dann vor Glück und hießen die kleine Prinzessin auf dieser Welt willkommen.
„Wie soll das Kind heißen?“, fragte der Arzt sogleich.
„Gib du ihr den Namen“, bat Veronika ihren Bruder, der das kleine Mädchen liebevoll in seinen Armen hielt. Jakob war sichtlich überrascht darüber, dass ihm diese Ehre zuteilwurde, und zögerte.
„Du bist die letzten Monate immer für mich da gewesen. Deswegen steht es dir zu“, erklärte Veronika und lächelte.
Jakob dachte nach. Ihm fiel nur ein einziger Name ein, der für seine Nichte passte, und sagte schließlich: „Sie soll Colette heißen. Colette von Bouget.“
Der Arzt trug den Namen in ein offizielles Formular ein, setzte seine Unterschrift darunter und damit war die Geburt von Colette von Bouget bestätigt. Veronika und Jakob lagen gemeinsam auf dem Bett und schauten dem Engelchen dabei zu, wie es seine ersten Saugversuche an Mamas Brust machte. Sie fühlten sich wie eine richtige kleine Familie und in Wahrheit waren sie es auch.



Kapitel 55 Der Gangster

28. März 1876

Der Baron von Bouget hielt voller Stolz sein erstes Enkelkind in den Armen. Er lächelte das kleine Mädchen an und streichelte ihm über die kurzen, schwarzen Haare. Sein Sohn Jakob hatte ihm an diesem frühen Morgen die frohe Nachricht persönlich überbracht. Danach waren sie gemeinsam zum Schloss des Herzogs von Crussol geritten. Melanie, Katarina und Jakob standen um sie herum und bewunderten ebenfalls den kleinen Engel.
„Wollte die Baronin von Bouget nicht mit Ihnen kommen?“, fragte die Herzoginmutter verwundert.
„Nein. Meine Frau hat gesagt, dass sie erst dann wieder gewillt sei, mit Veronika ein Wort zu wechseln, wenn sie den Grafen von Ailly geheiratet habe“, antwortete Thomas von Bouget und atmete tief aus.
Melanie verdrehte daraufhin die Augen. Ihre Mutter war nicht viel besser als der Graf von Ailly selbst. Zudem enttäuschte sie das Verhalten ihrer Schwester Jane, die ebenfalls nicht gekommen war. Melanie hatte die beiden Frauen seit ihrer Heirat mit Richard nicht mehr gesehen und so langsam hatte sie auch kein Bedürfnis mehr danach. Ihr Mann und Veronika kamen unterdessen in den Salon spaziert und Richard stützte die frischgebackene Mama beim Gehen. Die Bediensteten servierten gerade das Mittagessen. Thomas übergab seine Enkeltochter an die Amme und die Herrschaften setzten sich an den Esstisch.
„Ich muss gestehen, dass ich von Henri mehr Charakterstärke erwartet habe“, gab Katarina offen zu und führte das Thema weiter aus. „Ich hätte nie gedacht, dass er sich seiner Verantwortung gegenüber dem Kind entziehen würde.“
„Ist doch egal, Mutter“, entgegnete Richard. „Wir sind für Colette da. Es wird ihr an nichts fehlen.“
„Dessen bin ich mir absolut sicher“, sagte Katarina schnell. „Aber einen Vater kann niemand so leicht ersetzen. Das Kind wird später nach seinem Papa fragen und was willst du ihm darauf antworten, Veronika?“
Die Angesprochene schwieg, denn sie wusste es selbst nicht genau.
„Wenn die Kleine nach ihrem Vater fragt“, betonte Jakob stattdessen.
„Natürlich wird sie das. Es stimmt schon: Colette hat mit dir und Richard zwei starke Beschützer, aber ein Onkel bleibt nun mal ein Onkel. Ihr werdet in Zukunft eigene Familien gründen und Kinder haben. Richard ist bereits eifrig dabei. Colette wird mit ihren Cousins und Cousinen zusammen aufwachsen, aber ihr wird der Vater für immer fehlen“, erklärte Katarina eindringlich.
„Keine Sorge, wir kriegen den Burschen noch überredet“, sagte Thomas von Bouget und knackte geräuschvoll den Panzer seines Hummers. Richard schaute mit gerunzelter Stirn zu ihm. Die Überredungskünste seines Schwiegervaters waren mit Sicherheit sehr überzeugend.
„Schluss jetzt! Wir brauchen uns bei diesem Schleimbeutel nicht aufzudrängen! Wenn er nicht will, dann kriegt er auch nichts!“, sprach Jakob laut aus.
Alle Anwesenden am Tisch sahen ihn verwundert an. Jakob wirkte äußerst aufgebracht. Veronika saß direkt neben ihm und legte ihre Hand behutsam auf die seine. Ihr Bruder atmete sofort flacher und beruhigte sich wieder. Während des gesamten Mittagessens beobachtete Melanie ihre beiden Geschwister. Veronika und Jakob gingen unglaublich zärtlich miteinander um und schauten sich gegenseitig liebevoll an, beinahe so wie Melanie und Richard. Und allmählich schlich sich bei ihr ein Gedanke ein, den sie absolut nicht wahrhaben wollte: Waren die beiden etwa ein Liebespaar?

Am nächsten Morgen bereitete Jakob sich auf den Unterricht vor und ritt anschließend zu der hochangesehenen Eliteschule. Nur Söhne aus adligen und reichen Familien hatten das Privileg, dort unterrichtet zu werden. Auf dem Schulgelände traf er auf seine besten Freunde Sebastian von Semur und Valentin Martin. Sie begrüßten sich gegenseitig mit einer Umarmung und gingen gut gelaunt ins Gebäude. Während des Mathematikunterrichts hatte Jakob Schwierigkeiten, dem Thema Algorithmen zu folgen. Er dachte immer wieder an Colette und Veronika. Die beiden waren für ihn das Wichtigste auf der Welt. Außerdem beschäftigten ihn die Worte von Katarina von Crussol. Das Kind brauchte einen Vater. Was, wenn er diese Rolle übernehmen würde? Jakob war im vergangenen Januar siebzehn Jahre alt geworden. Um ein Kind zu adoptieren, müsste er die Volljährigkeit erreicht haben und damit noch bis zum nächsten Jahr warten. Trotzdem könnte er für Colette bereits jetzt ein Vaterersatz sein. Sie würde sich an seine Anwesenheit gewöhnen und ihn von Anfang an Papa nennen – und nicht Onkel Jakob. Die Kleine würde später gar nicht nach ihrem leiblichen Vater fragen, weil sie bereits einen hätte. Ja, diese Vorstellung gefiel ihm.
Während der Pause standen Sebastian und Valentin draußen unter einer Buche und verspeisten ihre Sandwiches. Ihr Freund Jakob saß schweigend daneben auf einer Bank und grübelte.
„Jakob, was geht in deinem Kopf vor?“, fragte Sebastian verwundert. „Du bist heute andauernd in Tagträumen versunken.“
„Meine Schwester Veronika ist vorgestern Mutter geworden“, antwortete Jakob gedankenverloren.
„Herzlichen Glückwunsch!“, gratulierten Sebastian und Valentin ihm Chor. Sie klopften ihrem Freund auf die Schultern und waren sichtlich erfreut.
„Danke“, gab Jakob lächelnd zurück und wurde schnell wieder ernst.
„Also, so richtig glücklich siehst du aber nicht aus“, bemerkte Valentin und schaute verwirrt zu seinem Kumpel. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
„Der leibliche Vater meiner Nichte hat sie und ihre Mutter im Stich gelassen. Deswegen versuche ich gerade, einen Weg zu finden, wie ich die beiden bestmöglich finanziell unterstützen könnte. Als siebzehnjähriger Schüler hat man da nicht viele Möglichkeiten“, erläuterte Jakob und kratzte sich am Kopf.
„Also, wenn es um das rein Finanzielle geht, dann kann ich dir zinsfrei Geld leihen. Als Baron von Semur habe ich bereits mein eigenes Vermögen, über das ich verfüge“, machte Sebastian ihm den Vorschlag.
„Du Glücklicher“, gab Jakob offen zu. Bis er seinen Titel des Barons von Bouget erbte, würden mit Sicherheit noch einige Jahre vergehen. Dennoch könnte sein Vater ihm bereits jetzt eine Geldsumme überlassen, wenn er ihn darum bäte, aber das wollte Jakob nicht.
„Mit was verdient deine Familie eigentlich ihr Geld?“, fragte er stattdessen Sebastian.
„Mit Marihuana. Wir pflanzen es zu medizinischen Zwecken an“, antwortete sein Freund grinsend.
„Uh, ein echter Drogenbaron also“, lachte Valentin.
„Und was ist mit dir?“, fragte Sebastian seinen Kumpel mit hellblonden Haaren und zupfte ihn am Kragen seiner Schuluniform. „Womit ist deine Familie reich geworden?“
„Mit Warenhandel. Mein Großvater und mein Vater sind großartige Kaufleute. Sie haben ein gutes Gespür für kostbare Ware und wissen genau, wo sie die Käufer dafür finden. Wir handeln mit teuren Orientteppichen im Süden und mit Pelzkleidung hier im Norden. Und noch andere hochwertige Artikel gehören zu unserem Sortiment, zum Beispiel das Safrangewürz“, erklärte Valentin schmunzelnd. Er war ein ziemlich fröhlicher Zeitgenosse, mit dem man Pferde stehlen konnte.
„Also bist du für den In- und Export zuständig“, deutete Sebastian mit einem schiefen Grinsen an, woraufhin der aufgeweckte Kaufmannssohn selbstsicher mit dem Kopf nickte.
„Was ist mit dir, Jakob? Was macht deine Familie?“, fragte Valentin.
Jakob überlegte. Sein Vater verwaltete sein Land und war somit seit Kurzem ein Landwirt. Aber vor seinem Leben als Baron von Bouget war er ein Oberstleutnant gewesen und hatte ein ganzes Kavallerie-Bataillon befehligt. Er hatte seinem einzigen Sohn so einiges über die Kunst des Krieges beigebracht, insbesondere über die Kriegswerkzeuge.
„Meine Familie hat eine lange Militärtradition. Und ich bin ein Waffennarr“, antwortete Jakob nachdenklich.
„Also, ich muss sagen, das klingt wirklich vielversprechend!“, bemerkte Valentin lachend.
„O ja, das ist es in der Tat“, dachte Jakob. Und er hatte gerade eine glänzende Idee im Kopf, wie er an sehr viel Geld kommen könnte, um Veronika und Colette ohne fremde Hilfe ein schönes Leben zu ermöglichen.

Direkt nach der Schule suchte Jakob seinen Vater in dessen Büro auf und bat ihn um ein Gespräch. Thomas von Bouget erlaubte ihm selbstverständlich, in das Arbeitszimmer einzutreten und auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen.
„Worüber möchtest du mit mir sprechen?“, fragte der Vater freundlich.
„Über dein altes Geschäft“, antwortete Jakob.
Thomas schaute seinen Sohn verwundert an und sagte: „Das alte Geschäft gehört der Vergangenheit an. Der Kaiser war so großzügig, uns ein neues Leben zu ermöglichen.“
Jakob schaute kurz auf den Boden und entgegnete: „Könntest du mich trotzdem deinen alten Kontakten vorstellen?“
Der Baron atmete geräuschvoll aus und ließ Jakob nicht aus den Augen.
„Warum willst du damit anfangen? Du betrittst damit eine Welt, die unberechenbar ist, und vor allem gefährlich. Wieso?“, wollte er wissen.
„Vater, wir leben zwar in diesem schönen Anwesen, gehen auf Bälle und treffen vornehme Menschen, aber in meinem Inneren weiß ich, dass wir nicht dazugehören. Unsere Familie ist anders. Wir sind weit entfernt davon, adelig zu sein. Und das weißt du. Sieh dir Melanie und Veronika an. Die beiden gehen einen Weg, der so gar nicht mit der feinen Gesellschaft zu vereinbaren ist. Ihr Ruf ist am Boden und Veronika hat keinen Mann, der ihr zur Seite steht. Deswegen will ich ihr helfen. Ich möchte für sie und ihre Tochter sorgen“, erklärte Jakob.
„Durch unser altes Geschäft. Das ist deine Lösung?“, fragte Thomas skeptisch.
„Das ist die beste Lösung. Denn du hast sowohl die richtigen Kontakte in der Armee als auch in der Regierung. Und ich weiß, wie ich die Sachen auf sicherem Wege transportieren kann, ohne dass jemand Verdacht schöpft“, erläuterte Jakob.
„Welche Vertriebswege hast du anzubieten?“ Der Vater war neugierig geworden.
„Ich habe einen Freund, dessen Familie mit Waren handelt und verschiedene Transportmöglichkeiten besitzt, sowohl zu Land als auch zur See. Er hat mir zugesichert, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen“, erzählte Jakob.
„Verstehe. Und weiß dein Freund auch darüber Bescheid, auf welches Terrain er sich damit begibt?“, bemerkte Thomas und klang wenig überzeugt.
„Ja, das weiß er, und er möchte seinen Anteil am Geschäft mitverdienen“, gab Jakob offen zu. Er hielt dem Blick seines Vaters stand, der ihn eindringlich musterte.
Der Baron war wenig davon begeistert, dass ausgerechnet sein Sohn das Leben führen wollte, von dem er geglaubt hatte, es endlich hinter sich gelassen zu haben. Andererseits kannte er Jakob zu gut, um nicht zu wissen, dass er seinen Weg gehen würde, ob nun mit seiner Hilfe oder ohne.
„Trotzdem: Meine Antwort lautet nein. Wir sind jetzt adelig und rein. Habe ich mich da klar ausgedrückt?“, entgegnete Thomas von Bouget streng. Sein Sohn schien darüber wenig erfreut zu sein und sagte nichts. Stattdessen ging Jakob ohne ein weiteres Wort aus dem Arbeitszimmer hinaus und dachte nicht daran, seinen Plan aufzugeben. Im Gegensatz zum Rest seiner Familie verabscheute er insgeheim das Leben auf der hellen Seite. Am liebsten würde er alles niederreißen und ins Dunkle treiben. Er fühlte sich in dieser noblen Welt gefangen und wollte endlich frei sein.
Am darauffolgenden Tag wartete Jakob ab, bis sein Vater das Anwesen verlassen hatte, und schlich sich in sein Büro. Er durchsuchte die Regale und den Schreibtisch. Anschließend durchwühlte er die Schränke, fand aber nicht, was er suchte: Vaters schwarzes Adressbuch. Vielleicht hatte der Baron es bei sich? Nein, dafür war dieses Adressbuch zu gefährlich, um es überallhin mitzunehmen. Jakob überlegte. Womöglich war es im Schlafzimmer seiner Eltern. Er begab sich unbemerkt dorthin und durchforschte jede Ecke, leider ohne Erfolg. Vermutlich hatte sein Vater das Adressbuch schon längst verbrannt.
„Verbrannt. Schwarz wie verbranntes Papier. Was war noch mal das lateinische Wort für Schwarz? Nero! Ja, das ist es! Vater hat Melanie den Hengst geschenkt und ihr stets viele Geheimnisse anvertraut!“, sagte Jakob laut. Ihm war eine Idee gekommen. Er lief in das ehemalige Zimmer seiner Schwester und suchte dort alles ab. Er sah sogar klischeehaft unter der Matratze nach und wurde überraschenderweise fündig. Er holte langsam das schwarze Buch hervor und öffnete es. Jakob las sich die Namen darin durch und wusste, dass er das richtige Adressbuch in den Händen hielt. Auf den vergilbten Seiten standen Kontaktdaten hochrangiger Offiziere und einflussreicher Politiker. Der Baron von Bouget hatte alles Wichtige in diesem Buch aus schwarzem Leder notiert und, anstelle es zu verbrennen, hatte er es in dem ehemaligen Zimmer seiner Lieblingstochter versteckt. Jakob lächelte zufrieden. Er hatte sich für seinen weiteren Weg entschieden, noch bevor er mit der Suche begonnen hatte, und jetzt gab es für ihn kein Zurück mehr.

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