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Blitz und Donner Kapitel 43 - 48
Kapitel 43 Die Zweisamkeit
1. September 1875
Der Regen schlug sanft gegen die Fensterscheiben und flüsterte leise: Du wirst es nie mehr wiederbekommen, dein altes Leben. Melanie beobachtete die Wassertropfen dabei, wie sie auf das Glas fielen und dann langsam hinunterflossen. Der Regen wurde stärker und die einzelnen Tropfen bildeten kleine Ströme. Der Geruch nach feuchter Erde und Blättern drang in das Zimmer und der Wind brachte dunkle Wolken herbei. Vorbei war der Traum. Melanie war in der Realität hart aufgeschlagen. Sie und Richard blieben über Nacht in Vincents Schloss. Die Verstoßene hatte für einen Tag genug Emotionen zu verarbeiten. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, war ein möglicher Wutausbruch der Herzoginmutter. Sie fühlte, wie jemand sie an der Schulter berührte und drehte langsam ihren Kopf. Es war ihr Ehemann. Er hatte sich neben sie auf das Bett gesetzt und sie hatte es gar nicht bemerkt. Richard schaute in ihr trauriges Gesicht und Schuldgefühle überkamen ihn. Melanies Familie wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben und sie selbst hatte große Last auf sich genommen, weil sie George verlassen hatte, obwohl sie ihn liebte. Richards Herz wäre beinahe zerbrochen, als er das gehört hatte. Melanie liebte zwar George, aber sie liebte ihn mehr. Dennoch überkamen Richard Zweifel, ob seine Frau ihre Heirat mit ihm nicht mittlerweile bereute. Er wollte sie auf gar keinen Fall verlieren. Darum streichelte er ihr ganz zärtlich übers Gesicht und gab ihr einen langanhaltenden Kuss. Sie stieß ihn nicht zurück und darüber war er äußerst erleichtert. Dann legte er sich zusammen mit ihr seitlich aufs Bett und Melanie kuschelte sich an seine Brust. Sie brauchte jetzt Trost und Richard war gewillt, ihn ihr zu geben. Er umschloss sie mit seinen Armen und hielt sie ganz fest, bis sie zu ihm aufblickte und ihn küsste. Ihre Hände wanderten unter sein Hemd und sie wollte die Wärme seiner Haut spüren. Richard verstand das als Aufforderung für weitere Nähe und zog sie langsam aus. Melanie hinderte ihn nicht daran, denn jede Ablenkung von ihren Gedanken war ihr willkommen. Anschließend entkleidete Richard sich selbst und legte sich neben sie aufs Bett. Sie lagen lange Zeit schweigend da, streichelten sich gegenseitig und sprachen nur mit ihren Augen. Sie lauschten dem beruhigenden Grollen des Sommergewitters, das draußen vorbeizog, und Richard entschied, seiner Frau zu zeigen, dass er anders sein konnte als nur wild und hart. Sie sollte seine liebevolle Facette kennen und nur ihn lieben. Diesen sanften Traumtypen George sollte sie nicht vermissen, sondern am besten komplett vergessen. Richard küsste sie hingebungsvoll und drang ganz langsam in sie ein. Melanie schaute ihn verliebt an und genoss jede Sekunde ihres Beischlafs. So nah wie jetzt waren die beiden sich noch nie gewesen. Denn es war nicht einfach nur Sex, sondern Intimität. Richard liebte Melanie von ganzem Herzen. Wenn sie traurig war, dann war er völlig niedergeschlagen. Wenn sie fröhlich war, dann wollte er sofort lachen. Wenn sie wütend war, dann wurde er zornig. Melanie war sein Gegenstück, dies hatte Richard überdeutlich erkannt, und er wollte sie nie wieder loslassen. Dieses Mal erlebte er seinen Höhepunkt um einiges intensiver und lächelte seine Ehefrau zufrieden an. Sie schliefen nebeneinander ein, während Melanie in seinem Arm lag. Sie prägte sich Richards Geruch unwiderruflich ein, damit sie ihn überall wiederfinden konnte, selbst im tiefsten Wald. Denn er war ihr Seelenverwandter, ohne den ihr Leben nicht mehr möglich war.
Kapitel 44 Die Aufklärung
2. September 1875
Vor nicht allzu langer Zeit hatte Melanie schon einmal vor diesem atemberaubenden Schloss gestanden. An jenem Tag hatte sie Katarina von Crussol kennengelernt. Und nun durchschritt sie zusammen mit Richard die Pforten zu ihrem neuen Zuhause. Die Eingangshalle war aus schwarzem Granit, der im Lichte der Sonne funkelte. Melanie hatte das Gefühl, den Sternenhimmel betreten zu haben. Der Butler grüßte seinen Herrn und ignorierte fast dessen Begleitung, denn seiner Meinung nach waren Richards kurze Liebschaften der großen Aufmerksamkeit nicht wert. Als der junge Herzog die hübsche Dame als die neue Herzogin von Crussol vorstellte, verlor der alte Mann für ein paar Sekunden die Contenance. Er nahm dann schnell wieder Haltung an und bat seine junge Herrin gnädigst um Verzeihung. Melanie schmunzelte über das Verhalten des Dieners. Denn schließlich hatte keiner mit einer Heirat zwischen Richard und ihr gerechnet. Der Hausherr fragte den Butler sogleich nach dem Aufenthaltsort der Herzoginmutter und der alte Mann erklärte ihm, dass Katarina von Crussol oben im ersten Stock in ihrem Atelier arbeiten würde. Das frischvermählte Paar begab sich sofort dorthin. Melanie wurde nervös. Wie würde ihre nichts ahnende Schwiegermutter gleich reagieren? Würde sie wütend werden wie ihre eigene Mutter und Richard sogar eine Ohrfeige für seine Tollkühnheit verpassen? Wobei Melanie sich gar nicht vorstellen konnte, dass Katarina von Crussol zu so einer Handlung fähig wäre. Vermutlich würde die Herzoginmutter sie stattdessen anschreien und aus dem Schloss hinausjagen. Dann dürfte Melanie unter freiem Himmel schlafen, denn sie hatte ihr ganzes Hab und Gut noch im Anwesen ihrer Eltern und absolut gar kein Geld dabei.
Die Eheleute standen nun vor der Tür zum Atelier und Melanie hatte Bange, den Raum zu betreten. Richard bemerkte ihre Anspannung und schlug vor, dass sie hier im Flur warten könne. Er würde seiner Mutter die Neuigkeit zuerst unter vier Augen unterbreiten und damit die erste Welle ihrer Reaktion, wie heftig sie auch ausfallen möge, abfangen. Melanie nahm das Angebot dankbar an. Ihr Mann lächelte ihr aufmunternd zu und betrat dann das Atelier. Qualvolle Minuten vergingen, in denen Melanie regungslos im Flur stand und die Schimpftirade der Herzoginmutter abwartete. Doch stattdessen hörte sie einen lauten Freudenschrei und schallendes Gelächter. Bereits im nächsten Augenblick wurde die Tür zum Atelier aufgerissen und heraus kam Richards Mutter. Sie streckte Melanie die Arme entgegen und strahlte über das ganze Gesicht. Katarina begrüßte ihre neue Schwiegertochter mit einer herzlichen Umarmung und lachte ausgelassen. Die junge Dame lächelte schüchtern zurück und war völlig verwirrt. Sie schaute zur Tür und da standen Richard und der Künstler Konrad Njeschnij, die ebenfalls gut gelaunt wirkten.
„Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Vermählung, Eurer Durchlaucht“, sagte Monsieur Njeschnij und verbeugte sich leicht.
„Danke schön“, entgegnete Melanie und war weiterhin fassungslos, wie liebevoll sie in ihrer neuen Familie willkommen geheißen wurde.
„Ich habe jeden Abend dafür gebetet, dass Richard dich heiratet. Und meine Gebete wurden tatsächlich erhört!“, offenbarte Katarina.
„Warum hast du dafür gebetet?“, fragte ihr Sohn überrascht.
„Weil Melanie deine große Liebe ist und meine Lebensretterin!“, antwortete die Mutter und hielt mit ihren Händen das Gesicht ihrer Schwiegertochter fest.
„Deine Lebensretterin? Wie meinst du das, Mama?“ Richard war neugierig, aber Katarina überhörte ihn gekonnt und sagte stattdessen: „Lasst uns alle gemeinsam zu Mittag speisen. Der Anlass muss gefeiert werden!“
Sie gingen zusammen die Haupttreppe hinunter in den großen Salon und Katarina von Crussol behielt Melanie die ganze Zeit bei sich. Sie war überglücklich und ein fast vergessenes Gefühl überkam sie wieder: das wundervolle Gefühl, eine Tochter zu haben. Urplötzlich flog die Eingangstür auf und zwei Männer in Schwarz kamen hereingestürmt. Katarina zuckte erschrocken zusammen und wurde im gleichen Augenblick schnell von Richard zu Konrad Njeschnij gezogen, der sie schützend hinter sich nahm. Melanie lief ein paar Schritte nach vorn und blickte mit weit aufgerissenen Augen ihren Vater und ihren Bruder an. Der Baron von Bouget und sein Sohn waren mit Säbeln und Pistolen bewaffnet und schauten finster zu Richard herüber. Der junge Herzog wusste, dass Melanies Vater früher in der kaiserlichen Armee gedient hatte. Dieser Mann war ein Ex-Militär, hatte enorme Kriegserfahrung und war damit ein verdammt ernst zu nehmender Gegner. Mit dem Baron von Bouget würde er nicht so leicht fertig werden wie mit George von Bellagarde. Er näherte sich langsam den beiden Männern und wurde sogleich am Arm festgehalten. Dann drehte er sich um und stellte fest, dass Melanie eindringlich den Kopf schüttelte und ihn zurückhielt.
„Ich rede mit ihm“, sagte sie eilig und ging an Richard vorbei. Sie stellte sich genau zwischen ihren Vater und ihren Ehemann und sprach langsam: „Papa, tu das bitte nicht.“
„Aus dem Weg, Melanie“ forderte er sie auf und entsicherte seine Pistole.
„Bitte. Lass es mich zuerst erklären“, redete sie eindringlich auf ihren Vater ein.
„Was willst du mir erklären? Dass dieser Mistkerl die Gunst der Stunde genutzt und dich verführt hat?“, sagte Thomas von Bouget wütend und ließ Richard nicht aus den Augen. Er war außer sich vor Zorn und wollte den Schurken, der seine Tochter entehrt hatte, zu Hackfleisch verarbeiten.
„Papa, ich liebe ihn!“, rief Melanie laut und ihre Stimme hallte vom schwarzen Granit wider. Ihr Vater sah ihr schockiert ins Gesicht. „Richard und ich, wir empfinden seit längerer Zeit etwas füreinander, konnten es aber nicht offen zeigen.“
„Warum hast du dann Georges Heiratsantrag angenommen, wenn du einen anderen Mann liebst?“, fragte er verständnislos.
„Weil ich keine andere Wahl hatte“, erklärte Melanie. Sie atmete tief durch und wusste, dass sie ihm die ganze Wahrheit gestehen musste, damit er Richards Leben verschonte. Auch wenn es bedeutete, sich vor allen Anwesenden bloßzustellen. Denn ihr Vater war ein Meister seines Fachs. Er war ein Killer, der sich ohne Probleme in die Schlacht stürzte und die feindlichen Truppen niedermetzelte. Richard wäre für ihn nur ein Insekt, das er unter seinem Stiefel zerquetschte.
„Welche Wahl meinst du?“, fragte der Baron ernst.
„Ich hatte die Wahl, entweder Georges Frau zu werden oder die Mätresse des Kaisers“, berichtete Melanie langsam. Ihr Vater starrte sie ungläubig an. „Der Kaiser hat mich zu Sachen gezwungen, die ich nicht wollte. Und die Kaiserin hat mir gedroht: Falls ich die Geliebte des Kaisers bleiben würde, dann würde sie meinen Ruf und damit den unserer gesamten Familie zerstören. Ich konnte so etwas nicht zulassen, Papa. Deswegen habe ich Georges Antrag angenommen.“
„Zu welchen Sachen hat der Kaiser dich gezwungen?“, fragte Thomas von Bouget. Ihm wurde beinahe übel bei dem Gedanken, was seiner Tochter widerfahren sein musste.
„Ich möchte dir lieber keine Details nennen“, antwortete Melanie und ließ den Kopf hängen. Monsieur von Bouget kämpfte mit den Tränen.
„Hat er sich körperlich an dir vergangen?“, fragte er leise. Doch seine Tochter blieb stumm. Allein die Vorstellung, dass sein Lieblingskind von einem Mann ausgenutzt worden war, trieb ihn in den Wahnsinn. Er warf erneut einen Blick zu Richard, der wütend die Fäuste ballte und sich auf die Unterlippe biss. Offensichtlich hatte Melanies Ehemann mehr an dieser Geschichte zu knabbern als ihr Vater. Monsieur von Bouget steckte seinen Säbel wieder in die Scheide und sicherte die Pistole. Dann ging er auf Melanie zu und nahm sie ganz fest in die Arme. Er hatte sie unvorstellbar vermisst. Nächtelang nicht richtig geschlafen. Drei Tage damit verbracht, sie zu suchen, um am Ende zu erfahren, dass sie sein Haus für immer verlassen hatte. Wäre er nur gestern zu Hause gewesen, als sie zurückgekehrt war. Er hätte sie niemals verstoßen, wie seine Frau es getan hatte. Aber nun war alles vorbei und er musste seine jüngste Tochter frühzeitig weggeben. Vor Georges plötzlichem Heiratsantrag war Thomas sich absolut sicher gewesen, noch einige Jahre zusammen mit Melanie unter einem Dach verbringen zu können, aber es war alles anders gekommen. Er kämpfte erneut gegen die Tränen an und hielt sein Kind fest.
„Ich werde all deine Sachen herbringen lassen. Und selbstverständlich auch die Pferde. Du möchtest dein Gewerbe sicherlich nicht aufgeben, oder?“, sprach der Vater und sah seine Tochter liebevoll an.
„Ich gebe niemals auf, das weißt du“, entgegnete Melanie und lächelte ebenfalls.
Thomas gab ihr einen Kuss auf die Wange und umarmte sie erneut. Ja, sie würde es auch ohne ihn schaffen. Das hatte sie eindrucksvoll bewiesen.
Jakob trat zu ihnen und sagte: „Es ist mir übrigens egal, was Mutter sagt. Du bist immer bei uns willkommen. Da gebe ich dir als zukünftiger Baron von Bouget mein Wort.“
„Danke, Jakob“, erwiderte Melanie und umarmte ihn ebenfalls.
„Es ist wohl besser, wenn wir jetzt gehen“, sprach Monsieur von Bouget und wollte das Schloss wieder verlassen.
„Nein, bleiben Sie!“, forderte Richard sie plötzlich auf. „Bitte bleiben Sie zum Essen hier. Wir wollten ohnehin gleich anfangen. Melanie und ich, wir würden uns sehr darüber freuen, wenn Sie uns dabei Gesellschaft leisteten.“
Der Baron überlegte und sagte dann: „In Ordnung. Wir bleiben.“
Melanie war überglücklich. Sie hatte doch nicht ihre gesamte Familie verloren. Ihr Vater und Jakob hielten weiterhin zu ihr. Richard geleitete seine Gäste in den Salon und forderte die Diener dazu auf, das Mittagessen zu servieren. Seine Mutter war höchst erstaunt, auf diese aufregende Art und Weise die Familie ihrer Schwiegertochter kennenzulernen, schien aber nicht abgeneigt. Ganz im Gegenteil. Katarina von Crussol und Thomas von Bouget verstanden sich auf Anhieb, sehr zur Freude ihrer Kinder. Während des Essens sah Richard zu Melanie herüber, die stets stark und mutig wirkte, aber offenbar vieles hinter ihrem harten Panzer verbarg. Nun verstand er, weshalb sie den Heiratsantrag des jungen Monsieurs von Bellagarde angenommen hatte. Sie hatte sich in Georges Arme gerettet, als der Kaiser sie bedrängt hatte. Eigentlich müsste Richard seinem Rivalen seinen Dank aussprechen, doch momentan war dafür definitiv der falsche Zeitpunkt. Einen anderen Mann hingegen würde er aber auf ewig verachten: Kaiser Alexander. Dass der Monarch es gewagt hatte, Melanie zu etwas zu zwingen, raubte Richard beinahe den Verstand. Er würde seine Frau niemals darauf ansprechen, was zwischen ihr und dem Kaiser ganz genau abgelaufen war, denn er platzte ohnehin schon vor Eifersucht. Da brauchte er keine weiteren Bilder im Kopf, die ihn verfolgten. Nein, er würde stattdessen einen Weg finden, es dem Kaiser heimzuzahlen.
Kapitel 45 Die Drohung
2. September 1875
Nachdem Richard seinen Schwiegervater und seinen Schwager Jakob verabschiedet hatte, ließ er Melanie mit seiner Mutter allein. Die beiden Frauen entschieden sich, im Rosengarten einen Spaziergang zu unternehmen und dabei in Ruhe miteinander zu reden. Währenddessen begab sich der junge Herzog auf den Weg, um etwas Unaufschiebbares hinter sich zu bringen.
Als er beim Schloss der Gräfin D'Argies ankam, forderte er den Diener, der ihm die Tür geöffnet hatte, dazu auf, ihn sofort zu Elisabeth zu geleiten. Richard fand sie wie zu erwarten im großräumigen Bad vor, wo sie von zwei Frauen gleichzeitig massiert wurde. Überall an den Wänden standen Regale mit Unmengen an unterschiedlichen Parfüms und Duftölen. Die Schränke waren voll mit Schlammpackungen und Gesichtscremes. Und in der Luft lag ein angenehmer Duft nach Avocado-Öl. Die eine Masseurin pflegte gerade Elisabeths Füße, während die andere ihre Hände verwöhnte. Die reiche Tochter öffnete kurz ihre Augen und schaute zur Tür. Sie wirkte sichtlich verärgert darüber, bei ihrer Entspannung gestört zu werden, und verdrehte die Augen.
„Richard, was willst du hier? Siehst du nicht, dass ich momentan keine Zeit für dich habe?“, fragte sie genervt und machte mit einer Handbewegung deutlich, dass er das Bad auf der Stelle wieder verlassen sollte.
„Ich will sofort mit dir reden. Allein“, antwortete Richard direkt. Er schaute auffordernd zu den beiden anderen Frauen, die ihre Arbeit augenblicklich beendeten. Er hatte keine Lust, darauf zu warten, dass Elisabeth mit ihrer Körperpflege fertig wurde, denn sie verbrachte den halben Tag damit, ihre Schönheit zu bewahren.
Die zwei Frauen knicksten vor Richard, bevor sie hastig das Bad verließen und die Tür hinter sich schlossen.
„Was gibt es so Dringendes zu bereden?“, fragte Elisabeth und hielt beide Hände vor sich, um ihre Fingernägel zu begutachten.
Richard atmete tief durch und zögerte.
„Ich weiß nicht, wie ich es dir am besten beibringen soll, deswegen sage ich es dir ganz direkt: Unsere Hochzeit kann nicht stattfinden“, sprach er offen aus. Elisabeth schaute von ihren Händen auf.
„Und warum nicht?“, fragte sie sachlich.
„Weil ich bereits verheiratet bin“, antwortete er und schluckte.
Seine Gesprächspartnerin ließ die Hände langsam auf die Oberschenkel sinken.
„Mit wem?“, wollte Elisabeth wissen und blieb eigenartigerweise recht gelassen.
„Mit Melanie von Bouget“, sagte Richard und machte sich auf einen tränenreichen Wutausbruch gefasst.
Elisabeth schaute ihn hingegen belustigt an und fragte höhnisch: „Du hast deine Mätresse geheiratet?“
„Sie war nie meine Mätresse“, entgegnete Richard gereizt.
„Schluss jetzt, ich will von diesem Unsinn nichts mehr hören“, herrschte Elisabeth ihn an. „Du annullierst die Ehe auf der Stelle und wir reden nie wieder über diesen Vorfall.“
Richard glaubte, sich verhört zu haben, und wurde wütend.
„Hast du mich gerade nicht verstanden? Ich sagte, dass unsere Hochzeit endgültig gestrichen ist“, wiederholte er und musste sein hitziges Temperament zügeln.
„Ich habe dich verstanden“, antwortete Elisabeth von oben herab. „Du bist derjenige, der den Ernst der Lage nicht kapiert. Was, glaubst du, erwartet dich, wenn du dich weigerst, mich zu heiraten?“
Richard fixierte sie mit seinen Augen und malmte mit den Zähnen.
„Werde konkreter. Was genau meinst du?“, forderte er sie auf.
„Darf ich dich daran erinnern, dass unsere Heirat an einen Vertrag gebunden ist, den dein Vater unterschrieben hat? Wenn du den Handel brichst, dann wirst du wohl mit einer satten Strafe rechnen müssen. Und damit meine ich nicht dein Geld, mein Teuerster“, erläuterte Elisabeth in aller Ruhe.
„Ist das eine Drohung?“, fragte Richard und vergaß die Freundlichkeit endgültig. Er hatte Elisabeth noch nie so verabscheut wie in diesem Augenblick. Jetzt erkannte er ihre wahren Absichten. Es ging ihr nur ums Geschäft; für ihn selbst hatte sie nie etwas Vergleichbares wie tiefe Zuneigung empfunden.
„Ja, allerdings“, antwortete sie trocken. „Also rate ich dir, die Ehe mit deiner Mätresse zu annullieren und unsere Hochzeit nach Plan stattfinden zu lassen. Ich verspreche dir, dass ich dir den Vorfall nicht nachtragen werde, und dass du dich zukünftig weiterhin heimlich mit deiner Hure vergnügen darfst.“
Richard war fassungslos. Wie konnte ein Mensch nur so eiskalt sein?
„Erstens, drohe mir nie wieder“, sprach er leise und beherrscht. „Und zweitens, drohe mir nie wieder!“ Richard wurde lauter. „Die Hochzeit ist Geschichte, akzeptiere das! Suche dir einen neuen Mann, den du vielleicht lieben wirst – wobei ich stark bezweifle, dass du zu solchen Gefühlen überhaupt fähig bist.“
Elisabeth stand von ihrer Liege auf und schritt langsam auf Richard zu. „Letzte Chance. Ansonsten kann ich für nichts mehr garantieren“, warnte sie und sah ihn herausfordernd an.
„Du bist das abgrundtief Böse. Deine Schönheit wird dich in deinem Leben nicht weit bringen, so wie du mit anderen Menschen umgehst“, spie Richard ihr ins Gesicht.
„Und du meinst, in der Hinsicht viel besser zu sein?“, fragte Elisabeth und lachte auf. „Lässt mich kurz vor unserer Hochzeit sitzen und dazu noch für eine billige Geliebte. Welch ausgewachsener Skandal“, deutete sie an.
Richard ahnte, was sie vorhatte. „Deine Intrigen werden dir nichts nützen“, spottete er.
„Kommt auf den Zeitpunkt an“, entgegnete sie und lächelte teuflisch.
„Du willst mir also drohen? Gut, dann drohe ich dir ebenfalls. Falls du mir oder meiner Frau oder jemand anderem aus meinem Umfeld schaden solltest, dann wirst du es bitter bereuen“, versprach er und sah sie hasserfüllt an.
Elisabeth schwieg und überlegte. Wenn Richard jetzt nicht einlenkte, dann würde sie zu harten Mitteln greifen müssen, und außerdem war er ein undurchschaubarer Feind. Der daraus resultierende Kampf wäre nicht kontrollierbar. Sie entschied sich daher, vorerst nichts mehr zu sagen. Sollte Richard die Gelegenheit bekommen, noch ein paar Tage darüber nachzudenken, bevor sie ihre Drohung wahr machte.
Ihr ehemaliger Verlobter schaute sie finster an, drehte sich dann um und verließ das Bad, ohne sich von ihr zu verabschieden. Richard hatte genug gesehen und gehört. Er wollte Elisabeth niemals mehr in seiner Nähe haben, geschweige denn heiraten. Während er zurück zu seiner Kutsche stapfte, wurde ihm der enorme Unterschied zwischen seinem soeben geführten Wortgefecht mit Elisabeth und der ergreifenden Szene zwischen Melanie und George bewusst. Elisabeth war es offensichtlich absolut egal, dass er eine andere Frau liebte, denn ihr bedeutete er genauso viel wie ein stacheliger Kaktus. George hingegen liebte Melanie und sie liebte ihn ebenfalls. Die Trennung war für beide sehr schmerzhaft gewesen. Glühende Eifersucht packte Richard. Obwohl Melanie mittlerweile seine Ehefrau war und sich ihm körperlich hingab, empfand er großen Neid auf George. Denn es war dem Spross aus dem Hause von Bellagarde gelungen, einen Platz im Herzen der Herzogin von Crussol zu ergattern – und das für immer.
Kapitel 46 Die Kunst
18. September 1875
Mittlerweile lebte Melanie seit über zwei Wochen in ihrem neuen Zuhause. Sie und Katarina von Crussol saßen im Atelier und bereiteten die Farben für den Unterricht vor, der in wenigen Augenblicken beginnen würde. Heute stand Aquarellmalerei auf der Tagesordnung und sie benötigten dazu weiche Haarpinsel mit abgerundetem Kopf. Das Aquarellpapier lag ausgebreitet auf den Tischen vor ihnen und sie warteten nur noch auf den Lehrer. Konrad Njeschnij kam heute mit zwanzigminütiger Verspätung. Seine Entschuldigung lautete, dass er zuvor noch eine persönliche Lieferung an einen Kaufmann habe tätigen müssen, die länger gedauert habe als ursprünglich geplant. Dass er seinem Kunden noch ein paar Dienste erotischerer Art geleistet hatte, verschwieg er selbstverständlich. Monsieur Njeschnij war ein allseits beliebter Künstler. Seine Werke wurden nicht nur geschätzt, sondern auch teuer gehandelt. Er konnte von seiner Kunst sehr gut leben und sich eine vornehme Villa außerhalb der Stadt leisten. Es war äußerst selten, dass er jemandem Unterricht erteilte, aber die Familie von Crussol lag ihm sehr am Herzen. Denn es war die Familie seines verstorbenen Freundes und heimlichen Geliebten Eduardo, Richards jüngerem Bruder. Nach Eduardos frühem Ableben hatte sich die Welt für Konrad ein ganzes Stück verdunkelt. Er verstand wie kein anderer, weshalb die Herzoginmutter nach dem Tod ihrer zwei Kinder eine ganze Weile in der Finsternis versunken gewesen war. Deshalb half er Katarina aus der Depression heraus, indem er ihre Leidenschaft für Kunst geweckt hatte und sie regelmäßig unterrichtete.
Seine neue Schülerin, die junge Herzogin von Crussol, hatte er sofort in sein Herz geschlossen. Bereits auf dem Tanzabend beim Herzog von Guise war er von ihr fasziniert gewesen und nahm sie als Inspiration für ein Kunstwerk. Die junge Frau war voller Energie und versprühte Glamour. Abgesehen davon war sie nicht nur sinnlich, sondern auch sehr talentiert. Melanie besaß ein großes Herz und war äußerst mutig, das hatte er sofort erkannt. Konrad war zutiefst beeindruckt davon gewesen, wie sie Richard vor der Vergeltung ihres Vaters bewahrt hatte. Außerdem hatte sie seiner Meinung nach einen sehr exquisiten Männergeschmack, was ihm außerordentlich gut gefiel. Der Kaiser Alexander und der junge Grafensohn George von Bellagarde zählten zu ihren Opfern. Nun war der Herzog von Crussol an der Reihe und Melanie hatte den wilden Kerl mit ihrem gefährlichen Sexappeal komplett um den Finger gewickelt. Es war schon amüsant für Konrad, als homosexueller Mann die Frauen besser durchschauen zu können als seine heterosexuellen Geschlechtsgenossen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er kein Interesse am weiblichen Geschlecht verspürte. Wie dem auch sei, auf jeden Fall war sich Monsieur Njeschnij sicher, dass Melanie hinter ihrem unschuldig wirkenden und puppenhaften Äußeren ein waschechter Vamp war. Und gerade in diesem Moment bemerkte er, wie elegant und zielsicher sie ihren Pinsel übers Papier führte.
„Habt Ihr vorher schon gemalt, Eure Durchlaucht?“, fragte Konrad und schaute seine Schülerin interessiert an.
„Bitte nennen Sie mich doch Melanie. Wir sind hier unter uns. Abgesehen davon sind Sie älter als ich und es fühlt sich für mich komisch an, wenn Sie mich so erhaben betiteln“, bat sie ihn freundlich.
„Daran wirst du dich gewöhnen, meine Liebe“, mischte sich Katarina ein. „Du bist jetzt die neue Herzogin von Crussol. Die Menschen werden immer zu dir aufsehen und dich dementsprechend behandeln. Die einzigen Personen, die dich mit deinem Vornamen ansprechen dürfen, gehören zu deiner Familie und dem engsten Freundeskreis. Sonst niemand. Konrad ist mein Vertrauter und bester Freund, deswegen duzen wir uns. Aber er behandelt Richard, wie es seinem Titel als Herzog gebührt. Dasselbe gilt auch für dich.“
Melanie blickte nachdenklich zu ihrer Schwiegermutter. Katarina war zwar eine liebevolle und freundliche Frau, aber auch traditionsbewusst und bestand auf die Einhaltung des Protokolls. Sie gab ihrer Schwiegertochter nicht nur in Kunst Unterricht, sondern vor allem in gesellschaftlichen Umgangsformen. Nach kurzer Überlegung gab Melanie der Herzoginmutter absolut Recht. Sie musste lernen, sich ihrer gehobenen Rolle als Herzogin bewusst und ihrer Stellung in der High Society gerecht zu werden.
„Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Monsieur Njeschnij: Nein, ich hatte vorher nicht das Vergnügen, mit Aquarell zu malen. Warum fragen Sie?“, entgegnete Melanie neugierig.
„Weil Ihr den Pinsel hervorragend führt. Fechtet Ihr zufälligerweise?“, wollte der Künstler wissen.
„Zufälligerweise ja“, gab Melanie offen zu und war erstaunt, dass er dies sofort bemerkt hatte.
„Das erklärt Euren guten Umgang mit dem Pinsel. Wisst Ihr, dass im fernen Japan die Samuraikrieger ausgezeichnete Schwertkämpfer sind? Und es gehört zu ihrer Ausbildung als Schwertmeister, sich in Kalligrafie zu üben. Deren Überzeugung nach verfeinert das konzentrierte Malen mit dem Pinsel die eigene Schwertführung. Wenn man dieser Ansicht Glauben schenkt, dann verbessert Ihr just in diesem Augenblick Eure Fähigkeiten im Fechten“, erläuterte Konrad und lächelte.
„Dann gehört das Aquarellmalen ab sofort zu meinen Lieblingsfreizeitbeschäftigungen“, entschied Melanie spontan und lächelte zurück.
Konrad mochte die junge Dame immer mehr. Sie war eine Kämpferin. Und er war überzeugt davon, dass sie diese Charaktereigenschaft schon recht bald im Überfluss brauchen würde.
Nach dem Malunterricht machte sich Melanie für den Abend ausgehfertig. Denn heute fand die Geburtstagsfeier zu Ehren von Henri von Ailly auf seinem Schloss statt und das Herzogspaar von Crussol war selbstverständlich dazu eingeladen. Melanie zog ein asymmetrisches, tiefgrünes Kleid an, das auf der einen Seite schulterfrei war. Es betonte ihre schlanke Figur, hatte vorne einen Beinschlitz und hinten eine runde Schleppe. Dazu trug Melanie hautfarbene Stöckelschuhe und Smaragdohrringe, die Richard ihr vor wenigen Tagen geschenkt hatte. Sie wählte ein sehr verführerisches Make-up für ihre grünen Augen, damit sie noch katzenhafter wirkten, und einen dezenten Lippenstift, um ihren Look edler aussehen zu lassen. Als Richard in ihr Ankleidezimmer kam, schaute er sie gierig an, musste sich aber bei der ausführlichen Begutachtung ihres sensationellen Outfits beherrschen. Denn schließlich waren sie spät dran und Melanie wollte nicht, dass er ihre Bemühungen beim Styling ruinierte.
Die Feier auf Henris Schloss begann mit einem Champagnerempfang und Melanie war sehr erfreut, Veronika dort wiederzutreffen. Die beiden Schwestern umarmten sich und waren überglücklich, einander zu sehen. Seit dem Tag, an dem Melanie von ihrer Mutter verstoßen worden war, hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt. Melanie bemerkte sofort, dass Veronika heute schöner wirkte als sonst. Vielleicht lag es an ihren Gefühlen für Henri, dass sie an seinem Geburtstag so strahlte. Die beiden hatten ihre heimliche Romanze immer noch nicht publik gemacht, weswegen sie sich in der Öffentlichkeit nicht ungezwungen verhalten konnten und vorgaben, nur gute Freunde zu sein. Melanie lernte an diesem Abend Henris jüngere Schwester Jasmina kennen. Sie war einundzwanzig Jahre alt und das komplette Gegenteil von Melanie. Jasmina war recht mollig, aber das schmeichelte ihrer fraulichen Figur. Sie hatte obenrum einen großen Vorbau und ausladende Hüften mit voluminösem Hintern. Ansonsten war die Ähnlichkeit mit ihrem Bruder Henri unverkennbar. Sie hatte ebenfalls schwarze Haare, die ihr bis zur Taille reichten, und große, hellblaue Augen. Jasmina war eher introvertiert und schüchtern, aber sehr intelligent. Das merkte Melanie sofort, als die beiden sich über Jasminas Lieblingsthema, die Naturforschung, unterhielten. Henris Schwester hatte ein enormes Wissen auf diesem Gebiet. Jasmina kannte sich mit allen Pflanzen und Tieren, die hier beheimatet waren, hervorragend aus, und es war ihr sehnlichster Wunsch, noch unbekannte Arten zu entdecken.
„Was würdest du mit all deinem neuen Wissen anstellen?“, fragte Melanie sie interessiert.
Jasmina war sehr ungezwungen und hatte ihr gleich zu Beginn ihres Kennenlernens angeboten, sich mit Vornamen anzusprechen. Außerdem mochte Jasmina die neue Frau an Richards Seite, denn Melanie war klug und interessierte sich für viele Themen außerhalb der blendend schönen Welt der Reichen. Themen, die wirklich im Leben zählten – wie zum Beispiel die Natur. Jasmina hatte keine Freunde, nur ihren Bruder Henri, aber zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte sie das Gefühl, eine Person auf gleicher Wellenlänge gefunden zu haben.
„Ich würde ein Buch darüber schreiben und es schließlich veröffentlichen, damit alle von meinem Wissen profitieren“, antwortete Jasmina und lächelte verlegen.
„Das klingt nach einer ausgezeichneten Idee! Wann willst du anfangen? Ich würde dein Buch gerne noch in diesem Jahr in meinen Händen halten und darin lesen.“ Melanie war von Jasminas Plänen begeistert. Endlich begegnete sie einer anderen Frau, die sich mehr zutraute als nur zu kochen und Blumen zu arrangieren.
„Irgendwann ... hoffe ich ... wenn Henri es mir gestattet. Oder wenn ich mich traue, alleine zu verreisen. Vermutlich müsste ich mit jemandem zusammen auf meine Forschungsreise gehen, sonst könnte ich nicht ...“ Jasmina stockte mehrmals. Sie wirkte verunsichert und ängstlich. Melanie runzelte leicht die Stirn und versuchte, die junge Frau zu verstehen.
„Vielleicht wird dich jemand, der dir nahesteht, auf deiner Expedition begleiten. Womöglich schon recht bald“, sagte Melanie mit einer sanften Stimme, woraufhin Jasmina ihren Kopf hob und sie hoffnungsvoll ansah.
Das Geburtstagskind selbst wurde an diesem Tag siebenundzwanzig Jahre und damit genauso alt wie sein guter Freund Richard. Henri hatte für seine achtzig geladenen Gäste etwas Besonderes vorbereitet. Er bat alle, in den großen Saal zu kommen. Melanie und Jasmina entschieden sich, ihr Gespräch später fortzuführen, und stellten sich genau wie die anderen Gäste entlang der langen Wand im Festsaal auf. In der Mitte des Saals wurde ein Stück aus der Mozart-Oper „Don Giovanni“ aufgeführt. Der Tenor verkörperte den unverbesserlichen Frauenverführer und um ihn herum schwirrten die Tänzerinnen und Tänzer, die allesamt hautenge, beige Kostüme trugen. Wenn es nach Melanie ginge, dann waren diese exklusiven Kleidungsstücke absolut überflüssig. Richard stand während der Vorstellung direkt neben ihr und flüsterte ihr leise ins Ohr: „Man könnte meinen, sie wären alle nackt.“
Scheinbar ging ihm gerade das Gleiche durch den Kopf wie Melanie. Sie bejahte seine Beobachtung mit einem Kopfnicken und einem vielsagenden Blick. Eigenartigerweise fand sie ihn heute ganz besonders anziehend. Richards Kleiderwahl war an diesem Abend komplett in Schwarz gehalten. Auf eine Krawatte oder eine Fliege hatte er bewusst verzichtet, denn er verabscheute alles, was ihn einengte; dafür hatte er sich für goldene Manschettenknöpfe entschieden. Melanie fühlte das Kribbeln wieder in sich emporsteigen und sie lächelte aphrodisierend. Richard erwiderte ihren Blick.
„Wollen wir uns ein ruhiges Plätzchen suchen, an dem wir ungestört sind?“, schlug er vor und musste zugeben, dass Melanies grünes Kleid einen sexy Kontrast zu ihren roten Haaren bildete.
„Unbedingt“, antwortete sie und streichelte ihn mit zwei Fingern vorne an seinem Hemd.
Er nahm ihre Hand und gemeinsam schlichen sie langsam aus dem Saal hinaus in den langen Flur. Sie suchten sich weiter hinten ein Nebenzimmer, schlüpften schnell hinein und schlossen die Tür ab. Richard nahm Melanie fest in die Arme und küsste sie leidenschaftlich. Sie wollte ihn sofort noch näher haben, öffnete seinen Hosenschlitz und griff beherzt hinein. Sie streichelte seinen Penis, bis er ganz hart war, und holte ihn dann an die frische Luft. Richard fand immer mehr Gefallen an Melanies neuer verwegenen Art und ihrem feurigen Blick. Er führte sie sachte zum offenen Kamin und drehte sie mit dem Rücken zu sich. Dann bewegte er seine linke Hand durch den vorderen Schlitz ihres Kleides und zog ihr den Slip aus. Melanie hielt sich währenddessen am Kaminsims fest und spürte, wie Richards Hand sie vorne an ihrem Unterleib streichelte. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und er küsste sie am Hals. Dann nahm er das Kleid hoch und drang von hinten in sie ein. Melanies Atem beschleunigte sich. Seine pralle Männlichkeit machte sie süchtig. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen. Sie spannte ihre Scheidenmuskeln an und wollte seinen Schwanz am liebsten einsaugen. Offenbar bemerkte Richard die plötzliche Enge, stöhnte lustvoll und kam schließlich. Melanie fühlte die schleimige Flüssigkeit ihr rechtes Bein hinunterlaufen und drehte sich mit dem Gesicht zu ihrem Mann um, der ihr freundlicherweise bereits ein Taschentuch entgegenhielt.
„Danke schön“, sagte sie, nahm das Tuch und legte es zwischen ihre Beine. „Erkläre mir bitte, wozu diese eigenartige Flüssigkeit da ist.“
„Hauptsächlich, um Kinder zu zeugen“, antwortete Richard grinsend und ergänzte mit einem warnenden Blick: „Und um verräterische Flecken auf Kleidung und Möbeln zu hinterlassen.“
Melanie schaute ihn überrascht an. „Du möchtest Kinder mit mir haben?“, fragte sie lächelnd.
„Unbedingt!“, erwiderte Richard und gab ihr einen innigen Kuss.
Zur gleichen Zeit auf der großen Terrasse standen sich Henri und Veronika gegenüber und hielten sich an den Händen fest. Kurz zuvor hatte sie ihn mit dem Vorwand aus dem Saal gelockt, sie hätte ein Geschenk für ihn.
„Was ist es? Zeige es mir!“, sagte Henri ungeduldig und bewunderte Veronikas zarte Haut und ihr pralles Dekolleté. Sie zögerte. Er bemerkte ihre Unsicherheit und legte seine beiden Hände auf ihre Oberarme. „Ist schon in Ordnung. Du kannst mir alles sagen“, beruhigte er sie.
Veronika fasste Mut und sprach langsam: „Henri, ich bin schwanger.“
Ihr Gegenüber starrte sie entgeistert an und rührte sich nicht mehr.
„Das Kind ist von dir“, erklärte sie und wartete sehnsüchtig auf seine Reaktion.
Henri blieb immer noch sprachlos stehen und sah sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er nahm langsam seine Hände von ihr weg und bewegte sich einen Schritt zurück.
„Das ist jetzt echt eine Überraschung“, sagte er, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hatte, und klang dabei wenig erfreut.
„Was machen wir jetzt?“, wollte Veronika wissen und schaute hilfesuchend zu ihm.
„Was WIR machen? Du meinst eher, was DU jetzt machst“, entgegnete Henri und sah verärgert aus.
„Wie bitte? Henri, ich erwarte ein Kind von dir. Willst du mich mit der Verantwortung alleine lassen?“ Sie war fassungslos.
„Ich will jetzt keine Kinder haben!“, sprach er wütend.
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen, als du ohne Verhütung mit mir geschlafen hast!“, schleuderte Veronika ihm entgegen.
„Ich habe verhütet! Aber du wolltest ja immer wieder, sodass ich am Ende keine Kondome mehr übrig hatte!“, warf er ihr vor.
„Du hättest ja auch nein sagen können!“ Veronika war außer sich, weil Henri ihr die ganze Schuld gab.
„Und vielleicht war das deine Absicht! Mich zu verführen und mir am Ende ein Kind unterzujubeln!“, schrie Henri sie an.
Veronika wurde zornig. Er unterstellte ihr doch tatsächlich, hinterlistig gehandelt zu haben.
„Was soll das jetzt alles bedeuten?“ Sie musste die Wahrheit hören, obwohl sie innerlich am Zerbrechen war.
„Das bedeutet, dass ich dich nie wiedersehen will und dein Kind ebenfalls nicht“, antwortete Henri entschieden und marschierte wutentbrannt fort.
Veronika stand wie vom Donner gerührt da und kämpfte mit den Tränen. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggerissen und sie würde nun im freien Fall in eine tiefe Schlucht stürzen. Veronika konnte sich nicht mehr lange beherrschen. Sie lief die Treppe hinunter, die von der Terrasse in den Garten führte, und setzte sich dort auf eine einsame Bank. Sie weinte bitterlich und schluchzte. Was sollte sie jetzt bloß machen? Auf den Rückhalt ihrer Familie konnte sie nicht zählen. Nicht, nachdem ihre Mutter Melanie so kaltherzig verstoßen hatte, nur weil ihre Schwester den Mann geheiratet hatte, den sie am meisten liebte. Wie würde ihre Mutter auf die Nachricht reagieren, dass ihre zweite Tochter ungewollt schwanger war und der Vater des ungeborenen Kindes sie im Stich gelassen hatte? Zudem wollte sie sich die Reaktion ihres eigenen Vaters nicht einmal ausmalen. Wie konnte Henri sie in genau der Situation verlassen, in der sie ihn am meisten brauchte? Sie hatte felsenfest geglaubt, dass er sie liebe. Denn er hatte es ihr so oft zugeflüstert, wenn sie miteinander geschlafen hatten. Hatte er nur so getan? Veronika wusste nicht, wie ihr Weg weitergehen würde, aber er sah unheimlich düster aus.
Richard und Melanie waren mit ihrem kurzen und heißen Techtelmechtel mittlerweile fertig und schlenderten Hand in Hand wie zwei frisch verliebte Jugendliche kichernd zurück. Die Vorstellung war beendet und die Gäste verstreuten sich im Ballsaal. Der junge Herzog entschied, seine Frau einigen Anwesenden persönlich vorzustellen. Jeder, den er ansprach, wirkte freundlich und interessiert, die neue Herzogin von Crussol kennenzulernen. Die alten Aristokraten stellten Melanie Fragen, die sie wortgewandt und sicher beantwortete. Richard wusste genau, warum er sie zu seiner Ehefrau genommen hatte: nicht nur wegen ihrer Schönheit und ihrer aufregenden Art, sondern wegen ihrer Intelligenz und Schlagfertigkeit. Sie würde das alles brauchen, um in diesem Haifischbecken zu überleben. Er lächelte zufrieden und ging mit ihr weiter zum nächsten Paar. Melanie verabschiedete sich höflich von dem alten Grafen und seiner Gemahlin und ließ sich von Richard weiterführen. Sie hatte jetzt die Gelegenheit, ihren Kundenkreis auszubauen, denn zwei ihrer Stuten waren bereits trächtig und Melanie könnte in naher Zukunft hervorragende, junge Pferde verkaufen. Sie drehte sich noch einmal zu dem Paar um, mit dem sie und Richard sich soeben unterhalten hatten, und stellte verwundert fest, dass der Graf und die Gräfin miteinander tuschelten und Melanie dabei herablassend ansahen. Was hatte dieses Paar nur gegen sie? Beim nächsten Baron und seiner Frau verhielt es sich gleichermaßen. Vor Richard und Melanie blieben die Leute höflich, aber hinter ihrem Rücken tuschelten sie. Was ging hier vor sich? Melanie war verwirrt. Sie schaute sich im Saal genauer um und stellte schockiert fest, dass fast alle anwesenden Gäste mit vorgehaltener Hand miteinander redeten und ihr abwertende Blicke zuwarfen. War das Techtelmechtel zwischen ihr und Richard doch nicht unbemerkt geblieben und nun sprachen alle darüber? Melanie schalt sich in Gedanken. Es war absolut falsch gewesen, sich auf dieser Soirée so dermaßen obszön zu benehmen. Wieso hatte Richard ihr nur den Vorschlag unterbreitet? Jetzt wurde sie ungewollt zum Tratschthema, und die Leute nahmen sie offensichtlich nicht ernst! Und ein schlechtes Image war nicht gut fürs Geschäft. Melanie müsste viel Überzeugungsarbeit leisten, um dem entgegenzuwirken. Beim Vorbeigehen an dem großen Balkon bemerkte sie, dass jemand im Garten auf einer Bank saß. Sie erkannte Veronika, die völlig aufgelöst war. Melanie lenkte Richards Aufmerksamkeit auf ihre Schwester und gemeinsam eilten sie schnell zu ihr.
„Was ist passiert?“, fragte Melanie sie besorgt und legte ihre Hände auf Veronikas Schultern. Das Make-up ihrer Schwester war komplett verwischt und sie weinte bittere Tränen.
„Henri hat mich verlassen“, schluchzte sie. Melanie seufzte und fühlte mit ihrer Schwester. Sie nahm Veronika tröstend in ihre Arme. Richard verdrehte die Augen. Es war nicht das erste Mal, dass Henri eine Liebschaft beendet hatte. Aber musste es ausgerechnet an seinem eigenen Geburtstag sein? Und dazu noch die mit Veronika? Richard hatte mehr Taktgefühl von einem erfahrenen Frauenhelden wie Henri erwartet.
„Es tut jetzt sicherlich weh, aber irgendwann wird der Liebeskummer vergehen“, versuchte Melanie, sie zu trösten.
„Ich erwarte ein Kind von ihm!“, ließ Veronika die Bombe platzen. „Aber er will nichts mehr von mir wissen!“
Melanie war sprachlos. Sie starrte ihre weinende Schwester an und ihr Kopf war plötzlich völlig leer.
„Ach, du heilige Scheiße!“, hörte sie Richard laut sagen und kam wieder zu sich.
„Du bist schwanger?!“, wiederholte sie und es war weniger eine Frage als vielmehr eine Feststellung. Veronika nickte und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Melanie streichelte ihr über die Haare und versuchte krampfhaft, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Richard, rede mit ihm!“, forderte sie ihren Ehemann auf, der kopfschüttelnd danebenstand.
„Wie bitte?“, fragte Richard ungläubig. Denn er ging nicht davon aus, dass er Erfolg haben würde. Melanie sah ihn eindringlich an, während Veronika an ihrer Schulter heulte. Er drehte sich schimpfend um und suchte nach Henri. Er fand ihn im Saal neben Vincent stehen und kam sofort zur Sache. „Hatte ich dir nicht gesagt, dass du sie nicht schwängern sollst?“
Vincent guckte irritiert. „Wovon redest du da bitte?“, fragte er.
„Von Veronika, die sich gerade die Augen aus dem Kopf weint, weil du sie schwanger sitzen gelassen hast, Henri!“, entgegnete Richard energisch.
„Ist halt passiert, aber das ist nicht mein Problem“, antwortete der Angesprochene gleichgültig.
„Nicht dein Problem?“ Richard dachte, sich verhört zu haben. „Weißt du eigentlich, was dir blüht, wenn du sie einfach so fallen lässt?“, fragte er seinen Freund und erinnerte sich dabei an den Baron von Bouget in seiner schwarzen Kleidung, der bereit gewesen war, für seine Tochter zu morden.
„Der gesellschaftliche Skandal ist mir Schnuppe. Abgesehen davon bin ich mit Veronika fertig. Sie bedeutet mir nichts“, antwortete Henri gelassen.
Früher hätte Richard mehr Verständnis für Henris Verhalten gezeigt, denn er war keinen Deut besser gewesen. Aber jetzt empfand er großes Mitleid mit Veronika. Sie war seine Schwägerin und gehörte zur Familie; dass ihr so etwas widerfuhr, traf ihn sehr.
„Ich muss schon zugeben, dass du die Kunst des Casanovas besser beherrschst als jeder andere von uns“, zischte Richard und stampfte wieder zurück in den Garten. Henri sah ihm kurz hinterher und schaute dann zu Vincent, der ihn mit einem strafenden Blick ansah.
„Was ist?“, fragte Henri genervt. Er konnte nicht fassen, dass seine Geburtstagsfeier zu einem Fiasko geworden war.
„Ich bin enttäuscht von dir wegen deiner Feigheit“, antwortete Vincent ernst und folgte Richard nach draußen. Das Geburtstagskind blieb allein stehen. Henri verdrehte die Augen und ging in die andere Richtung. Er dachte nicht daran, zu Veronika zurückzukehren. Sie war wunderschön und er hatte mit ihr tolle Stunden verbracht. Die beiden hatten sich gut miteinander amüsiert, aber mehr als Spaß war es für Henri nie gewesen. Dabei ignorierte er mit aller Gewalt das große Verlangen, Veronika in seine Arme zu schließen. Er liebte sie nur körperlich, redete Henri sich ein. Sie würde bald aus seinen Gedanken verschwinden, hoffte er. Und das Kind wollte er niemals zu Gesicht bekommen, dessen war er sich zu hundert Prozent sicher.
Kapitel 47 Der tiefe Fall
23. September 1875
Das ganze Wochenende lang hatte es gestürmt. Als die Wolken sich wieder verzogen hatten, trockneten allmählich Veronikas Tränen. Sie und Melanie lagen draußen auf einer Picknickdecke und schauten in den unverschämt blauen Himmel. Keine einzige Wolke war mehr zu sehen und Veronikas Gedanken wurden allmählich klarer.
„Ich dachte, er liebe mich wirklich“, sagte sie leise und klang dabei überaus ernüchtert.
Melanie drehte ihren Kopf zu ihr und schwieg. Henri hatte sich die letzten Tage nicht blicken lassen, obwohl Richard ihm gesagt hatte, dass Veronika ab sofort bei der Familie von Crussol wohne. Aber es blieb dabei: keine Nachricht, kein Brief und kein Henri. Melanie hatte unterdessen einen Boten zu ihrem Vater schicken lassen, um den Baron von Bouget darüber zu informieren, dass Veronika sich kurzerhand entschlossen hätte, eine Weile bei ihr zu Besuch zu bleiben. Den wahren Grund würde sie ihm auf gar keinen Fall offenbaren, bis sich die Angelegenheit geklärt hatte. Sie hoffte inständig, dass sich alles zum Guten wenden würde und Henri zu Veronika zurückkäme. Aber diese Hoffnung schwand mit jedem weiteren Tag, der verging. Das Leben war leider kein Märchen. Der Traumprinz entpuppte sich in Wahrheit als ein gemeiner Hund.
„Hätte ich dich nicht, Melanie, würde ich jetzt sicherlich in einem Armenhaus landen“, stellte Veronika resigniert fest.
„Ich glaube nicht, dass Vater dies zulassen würde“, entgegnete ihre Schwester.
„Er wird Henri dafür töten, das weiß ich“, redete Veronika weiter und sie wollte auf gar keinen Fall, dass dies passierte. Erstens wegen der Straftat, die ihr Vater damit begehen würde, und zweitens wegen ihrer Liebe zu Henri. Auch wenn er für sie keine wahren Gefühle empfand: Veronika liebte ihn über alles. Und deshalb sollte ihm kein Leid geschehen.
„Melanie, versprich mir, dass du das nicht zulassen wirst! Papa darf Henri nicht umbringen“, flehte sie ihre Schwester an. Sie wusste, dass Melanie wie keine andere Person auf dieser Welt einen enormen Einfluss auf ihren gemeinsamen Vater hatte.
„Ich verspreche es“, gab die Herzogin ihr Wort. Sie nahm Veronikas Hand und drückte sie ganz fest. Ihre Schwester lächelte müde, doch die Traurigkeit wollte einfach nicht aus ihrem Gesicht verschwinden.
„Eure Durchlaucht, es ist Besuch für Euch eingetroffen“, sagte der Butler, der soeben in den Garten gekommen war, um seine Herrin zu informieren. „Es handelt sich um Jakob von Bouget. Soll ich den Gast hierher in den Park geleiten oder möchtet Ihr ihn drinnen empfangen, Madame?“
„Mein Bruder soll zu uns kommen“, ordnete Melanie an. Denn sie wollte nicht, dass irgendwelche Bediensteten ihr Gespräch belauschten.
Der Butler verbeugte sich und tat, wie ihm geheißen. Wenig später kam Jakob über den perfekt gepflegten Rasen spaziert und lächelte breit. Er freute sich, seine beiden Schwestern wiederzusehen – besonders Veronika. Er hatte sie die letzten Tage zu Hause ziemlich vermisst. Die Geschwister umarmten sich zur Begrüßung. Ihr Bruder hatte Melanie sehr gefehlt. Sie waren früher als Kinder unzertrennlich gewesen wie Pech und Schwefel. Bis heute war die enge Verbindung zwischen ihnen geblieben. Sie fragte ihn sogleich nach seiner neuen Schule. Jakob besuchte seit diesem Monat die Eliteschule der Hauptstadt, die für den Baron von Bouget ganz schön kostspielig war, aber sein einziger Sohn war es wert. Jakob ging in dieselbe Klasse wie Sebastian von Semur. Und der Unterricht gefiel ihm sehr, vor allem wegen der Tatsache, dass man auf dieser Schule darauf gedrillt wurde, später im erwachsenen Leben der Chef zu sein und sich auf diese Rolle bestmöglich vorzubereiten. In diesem Augenblick bedauerte Melanie die Tatsache, dass die Eliteschulen nur den Jungs vorbehalten waren. Sie selbst hatte als Mädchen nur die Grundschule abgeschlossen. Der Zugang zur weiteren Bildung war ihr verwehrt geblieben, genau wie der übrigen weiblichen Bevölkerung. Jakob erzählte außerdem von seinem neuen Kumpel namens Valentin Martin. Er war der Sohn eines reichen Kaufmannes und von gleicher Gesinnung wie Jakob. Gemeinsam mit Sebastian unternahmen die zwei jungen Burschen nach der Schule jede Menge Ausflüge miteinander und waren mit der Zeit enge Freunde geworden. Während Jakob weiter erzählte, bemerkte er, dass seine beiden Schwestern sich sonderbar still benahmen. Besonders Veronikas eigenartiges Verhalten beunruhigte ihn. Sie strahlte nicht mehr so wie früher und schaute andauernd betrübt zu Boden. Etwas bekümmerte sie. Er beobachtete sie eindringlich und stellte fest, dass sie sich öfters über den Bauch streichelte. Hatte sie vielleicht Schmerzen? Oder etwas anderes? Plötzlich hatte Jakob einen schlimmen Verdacht. Er musste auf der Stelle herausfinden, ob er recht hatte, sonst würde er nachts keinen Schlaf finden.
„Veronika, wie geht es Henri?“, fragte er beiläufig und merkte sofort, dass seine Schwester sich beim Klang des Namens anspannte.
„Ganz gut, hoffe ich“, antwortete sie und schaute dabei runter auf ihr Kleid.
„Wie war seine Geburtstagsfeier?“, hakte Jakob nach und sah, wie sie mehrmals blinzelte und seufzte.
„Die Feier verlief nicht ganz wie geplant“, entgegnete sie und kämpfte gegen die Tränen an.
„Wieso, was ist passiert?“, fragte er scheinheilig. Veronika schwieg und schaute in die andere Richtung. Sie litt, das erkannte er sofort. Und nun musste er die Wahrheit aus ihr rauskitzeln, obwohl er sie lieber nicht hören wollte. Denn Jakob wusste wie kein anderer, wie nah sie Henri an sich herangelassen hatte.
„In welchem Monat bist du mittlerweile?“, stellte Jakob unerwartet die Frage.
Veronika und Melanie starrten überrascht zu ihm herüber.
„Glaubst du etwa, ich weiß es nicht? In letzter Zeit war dir morgens immer übel. Dazu bist du ständig müde und klagst über merkwürdiges Ziehen im Bauch. Das sind alles Symptome einer möglichen Schwangerschaft. Ich nehme mal an, Henri weiß bereits davon, aber es interessiert ihn nicht“, stellte Jakob fest und las die Antwort in den schockierten Gesichtern seiner Schwestern. Die beiden hatten nicht mit seinem Scharfsinn gerechnet.
„Weiß Papa davon?“, fragte Veronika besorgt.
„Natürlich nicht. Sonst wäre Henri schon längst tot“, antwortete er. Die Vorstellung, dass dieser Bastard bald nicht mehr am Leben sein könnte, gefiel Jakob außerordentlich. Trotzdem quälte ihn die Tatsache, dass Veronika von Henri ein Kind erwartete.
„Wirst du es ihm sagen?“, stellte Melanie die Frage.
Jakob überlegte, wie er aus dieser Situation etwas Positives für sich gewinnen könnte, und antwortete schließlich: „Nein, werde ich nicht. Aber nur unter einer Bedingung: Ich darf zu euch kommen, wann immer es mir beliebt. Und ich habe ein eigenes Zimmer in deinem Schloss, Melanie, das nur zu meiner Verfügung steht.“
„Klar, kein Problem“, stimmte Melanie zu. Sie freute sich sogar, ihren Bruder nun häufiger zu sehen und mit ihm unter einem Dach zu leben. Es war beinahe wie früher – vor ihrer Heirat mit Richard.
„Und jetzt entschuldigt mich bitte, ihr zwei, aber ich muss noch in die Stadt und mir neue Kleider besorgen. Die Pflichten einer Herzogin verlangen nach einer neuen Garderobe“, erklärte sie und ließ ihre Geschwister allein im Garten sitzen. Während sie fortging, beobachtete sie, wie Jakob Veronika umarmte und sie tröstete. Melanie war froh darüber, dass ihre Schwester so viel emotionalen Halt bekam.
Anschließend begab sie sich mit der Kutsche zu ihrem Lieblingsladen Sior und fand dort sechs Outfits. Dann suchte sie sich eine Umkleidekabine aus und probierte die Kleidungsstücke nacheinander an. Nach ein paar Minuten hörte sie Frauenstimmen hinter dem Vorhang ihrer Kabine, die sich unweit der Anprobe unterhielten, und der Inhalt ihres Gesprächs raubte Melanie den Atem.
„Hast du die neue Herzogin von Crussol schon gesehen?“, begann die erste Frau die Unterhaltung.
„Allerdings. Sie ist ja nicht zu übersehen. Kleidet sich genauso, wie ihr Ruf ist: skandalös“, antwortete die zweite Frau.
„Was du nicht sagst. Es heißt, dass sie mit ihrem aufreizenden Äußeren den Herzog von Crussol hinterhältig verführt hätte, damit er seine Verlobte für sie verlässt. Die arme Elisabeth D’Argies. Sie tut mir so wahnsinnig leid. Sie wurde von einer heimtückischen Männerdiebin ihres Verlobten beraubt, und das kurz vor der Hochzeit!“, lästerte die erste Frau weiter.
„Manche Menschen haben eben keinen Anstand und diese Melanie schämt sich nicht im Geringsten dafür. Hast du gesehen, wie sie auf der Feier des Grafen von Ailly herumstolziert ist? Als wäre sie noch der Champion. Ha, dass ich nicht lache! Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Sie ist eine selbstgefällige und geldgeile Männerfresserin, das weiß mittlerweile jeder“, tratschte die zweite Frau.
„Da gebe ich dir absolut recht. Denk doch mal an George von Bellagarde! Sie hat ihn einfach abserviert, sobald der steinreiche Herzog sein Interesse an ihr gezeigt hat. Der arme Grafensohn hat den Titel seines Vaters noch nicht geerbt und das Vermögen der Familie von Bellagarde gehört ihm ebenfalls nicht. Der völlig gedemütigte junge Mann hat das Land vor Kurzem verlassen, habe ich gehört. Ja, er ist auf und davon. Keiner weiß, wohin, abgesehen von seinen Eltern. Armer Kerl. Ich hoffe, dass er ein anständiges Fräulein findet, das nicht mit seinen Gefühlen spielt“, erzählte die andere.
„Apropos Graf von Ailly: Er soll ja ebenfalls regelmäßig eine Tochter aus dem Hause von Bouget getroffen – und nun halt dich fest – sogar geschwängert haben!“, sagte die zweite Dame aufgeregt.
„Ist nicht dein Ernst!“ Die erste Frau war völlig aus dem Häuschen über die Neuigkeit.
„O ja! Veronika heißt diese billige Nutte. Sie will dem jungen Grafen ein Kind unterjubeln, um sich an seinem Vermögen zu bereichern. Ich sage dir, die Töchter des Barons von Bouget sind allesamt verdorben. Wäre ich ein Mann, dann würde ich einen weiten Bogen um sie machen, denn sie bringen nichts als Unglück“, ließ die zweite Dame wissen und klang dabei überaus entschieden.
„Nur leider denken die Männer nicht so wie wir und gehen solchen hinterhältigen Schlampen reihenweise in die Falle. Also sind sie selbst schuld“, resümierte die erste Frau.
Melanie hörte, wie sich die zwei Fremden wieder von der Umkleidekabine entfernten und ihren Einkaufsbummel fortführten.
Eine ganze Weile saß sie sprachlos auf dem Stuhl in der Anprobe und verdaute das üble Gerede über ihre Familie. Sie wurde also als selbstgefällige Männerdiebin und geldgeile Männerfresserin abgestempelt? Und ihre arme Schwester Veronika, die gerade die schlimmste Zeit ihres Lebens durchstand, wurde als billige Nutte bezeichnet, die nur auf Geld aus war? Alles blanker Unsinn. Aber die Leute glaubten das und erzählten es eifrig weiter. Das erklärte die missbilligenden Blicke der Gäste auf Henris Geburtstagsfeier. Abgesehen davon dachte Melanie wieder an George. Die fremde Frau hatte davon erzählt, dass er das Land verlassen hätte.
„Wohin bist du gegangen, George? Und werde ich dich jemals wiedersehen?“, flüsterte sie und vermisste ihren ehemaligen plötzlich Verlobten über alle Maßen. Am liebsten würde sie jetzt mit ihm sprechen und sich bei ihm entschuldigen in der Hoffnung, er würde ihr verzeihen und dass sie beide am Ende Freunde werden könnten. In diesem Augenblick fehlte er ihr ungemein. Melanie schloss ihre Augen und sah wieder sein gequältes Gesicht mit der aufgeplatzten Lippe. Verdammt, was hatte sie nur angerichtet? Es half jetzt alles nichts. Sie nahm ihre Sachen zusammen, marschierte damit zur Kasse, bezahlte die ausgewählten Kleidungsstücke und fuhr mit ihrer Kutsche zurück nach Hause. Während der gesamten Fahrt überlegte sie angestrengt. Sie war als heller Stern in der Öffentlichkeit aufgegangen und nun ganz tief gefallen. Wie sollte sie es schaffen, ihr Ansehen und das ihrer Familie in der Gesellschaft zu rehabilitieren? Sie hatte absolut keine Ahnung. Und dann war da noch George, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Sie fühlte sich unendlich schuldig ihm gegenüber.
Zuhause angekommen ging Melanie eine Runde im Garten spazieren. Sie musste sich abreagieren. In ihr kochte es und die Wut wollte hinaus. Nach einer halben Stunde glaubte sie, nun wieder gefasst zu sein, und betrat das Schloss durch den Eingang im Wintergarten. Sie entdeckte ihren Mann auf einem Sessel sitzend und blieb stehen. Er hatte sie von dort aus bereits eine ganze Weile beobachtet.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt. „Du bist gerade rumgelaufen wie ein Stier, der gleich jemanden aufspießen will.“
„Hast du gehört, was die Leute über mich und Veronika erzählen?“, fragte sie ihn stattdessen.
Richard schwieg und schaute wieder aus dem Panoramafenster.
„Du weißt es“, stellte Melanie verwundert fest. „Bekümmert dich das gar nicht, dass deine Frau und ihre Schwester in der Öffentlichkeit herabwürdigt werden?“
„Ich interessiere mich nicht für das Gerede der Leute. Das Thema ist in ein paar Wochen sowieso vorbei“, beschwichtigte Richard.
„Unser Ruf wird dauerhaft geschädigt! Ich werde keine Kunden an Land ziehen können – mein Geschäft als Pferdezüchterin ist am Ende, noch bevor es richtig an Fahrt gewonnen hat! Und meine Schwester wird vermutlich nie einen vernünftigen Ehemann finden, weil sie als billige Nutte beschimpft wird!“ Melanie redete sich in Rage.
„Wozu brauchst du ein eigenes Gewerbe? Du bist doch jetzt mit mir verheiratet und wir haben Geld im Überfluss. Und bezüglich Veronika bin ich mir sicher, dass Henri eines Tages zu ihr zurückkommen wird“, entgegnete Richard gelassen.
„Ich will dein Vermögen aber gar nicht! Ich will selbstständig sein und mein eigenes Geld verdienen. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass dein Freund so viel Mut besitzt, sich wieder einer Frau zu nähern, deren Ruf er völlig zerstört hat. Er ist nämlich ein verdammter Feigling!“, schrie Melanie. Sie war außer sich vor Zorn.
„Beruhige dich wieder“, bat Richard sie und hob seine Hände. „Wir finden schon eine Lösung.“
„Lösung? Du hast das doch alles erst verursacht!“, warf Melanie ihm vor.
„Wie meinst du das?“, fragte Richard überrascht.
„Hätte ich mich nicht auf dich eingelassen, dann wäre das alles nie geschehen! Meine Mutter hätte mich nie verstoßen. Das Ansehen meiner Familie hätte nicht gelitten. Und ich hätte George nicht so dermaßen verletzt!“, erklärte Melanie aufgebracht.
Richard war bis gerade eben noch recht entspannt gewesen. Denn schließlich hatte er seit Jahren mit einem schlechten Ruf als Womanizer gelebt; deswegen bereitete ihm das Getratsche der Öffentlichkeit keinen Kummer. Aber die Erwähnung seines Rivalen machte ihn wütend. Er stand von seinem Sessel auf und bewegte sich langsam auf Melanie zu.
„Du glaubst also, dass du jetzt besser dran wärst, wenn du George geheiratet hättest?“, wollte er wissen und spürte den Zorn in sich aufflammen.
„Zumindest hätte ich denetwegen nicht so viel Schaden angerichtet“, entgegnete Melanie hitzig.
Richard stand nun direkt vor ihr, schaute sie kampfbereit an und sie blickte ihm herausfordernd ins Gesicht.
„Melanie, schreibe dir Folgendes hinter die Ohren: Du bist meine Frau“, erinnerte Richard sie an die Tatsache. „Und daran wird sich niemals etwas ändern!“, schrie er im aggressiven Ton.
Melanie zuckte zusammen und sah ihn dann verunsichert an. Sie war weiterhin wütend auf ihn, wollte aber den Streit nicht weiter eskalieren lassen und schwieg. Richard schaute warnend zu ihr, drehte sich anschließend um, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden, und verließ den Wintergarten. Während er zurück in sein Arbeitszimmer stampfte, versuchte er sich wieder zu beherrschen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ihm sein schlechter Ruf unangenehm und er verfluchte denjenigen, der das üble Gerede um seine Frau ausgelöst hatte. Er wollte diese Person dafür büßen lassen, dass Melanies Gedanken wieder um George kreisten und sie für diese Zeit ihren Ehemann vergaß.
Kapitel 48 Die Gosse
25. September 1875
Die Kutsche hielt vor dem Schloss des Herzogs von Crussol und Rosemarie von Semur stieg zusammen mit ihrer Tochter aus. Melanie hatte ihre alte Nachbarin zu sich eingeladen, um sich mit jemandem auszutauschen, dem sie vertraute. Sie begrüßte die beiden Frauen herzlich und Rosemarie und Monika waren hocherfreut, Melanie wiederzusehen. Die Wärme des Sommers hatte sich endgültig verabschiedet. Die kühle Luft machte ein gemütliches Beisammensitzen draußen auf der Terrasse unmöglich. Deswegen entschieden sich die Frauen, stattdessen im Wintergarten Platz zu nehmen. Wenig später kamen Veronika und Katarina von Crussol hinzu. Melanies Schwiegermutter wusste über Veronikas Umstände bereits Bescheid und das seit dem Abend, an dem Richard nicht mit einer, sondern gleich mit zwei Frauen zurück nach Hause gekommen war. Eigenartigerweise empörte sich Katarina nicht im Geringsten darüber, dass eine junge, unverheiratete Frau, die ungewollt schwanger war, Zuflucht bei ihnen fand. Ganz im Gegenteil: Sie freute sich über ein weiteres Familienmitglied und über die Tatsache, dass recht bald kleine Babyfüßchen auf dem Boden des viel zu leeren Schlosses laufen würden. Ein Dienstmädchen servierte Zitronentee und Apfelkuchen – wobei Veronika sie darum bat, ihr ein Thunfischsandwich und dazu noch einen Vanillepudding zu bringen. Melanie schaute irritiert zu ihrer Schwester herüber. Seit wann litt Veronika unter derartiger Geschmacksverirrung?
„Madame von Semur, ich nehme an, Sie kennen die Gerüchte über Veronika und mich bereits, die momentan im Umlauf sind?“, fing Melanie sogleich mit dem unangenehmen Thema an.
„Natürlich. Ich kenne alle Gerüchte und Geschichten“, antwortete Rosemarie und ihre Tochter Monika nickte eifrig.
„Gut. Wissen Sie zufällig, wer sie verbreitet?“, fragte Melanie weiter.
„Nein, nicht direkt. Aber zum ersten Mal hörte ich es von meiner Zofe, die es wiederum von einem Küchenjungen erfahren hatte, der auf dem Markt einkaufen gewesen war und sich zuvor mit einer Dienerin aus dem Hause von Bellagarde unterhalten hatte“, berichtete Rosemarie von Semur. Melanie seufzte, als sie das hörte. Natürlich war die Familie von Bellagarde furchtbar enttäuscht von ihr und wütend auf sie. Das konnte sie ihr wahrlich nicht übel nehmen.
„Das bestätigt aber noch lange nicht, dass die Bellagardes das Gerede losgetreten haben“, warf Katarina von Crussol dazwischen.
„Da haben Sie absolut recht“, stimmte Monika mit ihr überein. „Ich tippe eher auf die Familie D'Argies. Es ist allseits bekannt, wie sehr Angelique D'Argies die Verbindung zwischen ihrer Tochter und dem Herzog von Crussol herbeigesehnt hatte. Dass nun alles vorbei ist, muss ein Riesenschock für sie sein. Ich vermute stark, dass Angelique deswegen den Ruf der neuen Herzogin von Crussol dem Erdboden gleichmachen will.“
„Das ist nur eine Vermutung“, entgegnete Katarina und trank ihren Tee. „Wir brauchen handfeste Beweise für die Rufschädigung.“
„Danach können wir lange suchen“, lachte Rosemarie. „Sie wissen doch, wie das abläuft. Keine der feinen Damen verliert öffentlich ein schlechtes Wort über eine andere Familie. Die Gerüchte und üblen Geschichten werden fast ausschließlich über die Bediensteten in die Welt getragen und weiter verstreut, damit man nichts nachweisen kann.“
„Glauben Sie, dass sich die Lage irgendwann wieder normalisieren und unser Ruf wiederhergestellt wird?“, fragte Veronika besorgt.
„Normalerweise würde dies nach einer gewissen Zeit von selbst geschehen, wenn man sich aus der Öffentlichkeit zurückzieht und nicht mehr dauerhaft im Gespräch bleibt. Aber falls jemand wirklich auf Rache gegen Melanie aus ist, dann wird diese Person immer wieder für neuen Zündstoff sorgen“, erklärte Rosemarie und nahm sich ein weiteres Stück Apfelkuchen.
„Das heißt, wir müssen die Person, die dafür verantwortlich ist, ausfindig machen“, stellte Melanie klar.
„Was äußerst schwierig ist“, bemerkte Monika und schlug stattdessen etwas anderes vor. „Sie kennen doch dieses alte Sprichwort: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Nutzen Sie Ihren schlechten Ruf und gewinnen Sie etwas Positives daraus. Ich für meinen Teil habe das auch getan. Wissen Sie, ich weiß selbst nicht, wer der leibliche Vater meines Sohnes Sebastian ist, dafür hatte ich eine viel zu wilde Jugend. Und die Leute haben sich zu jener Zeit darüber furchtbar die Mäuler zerrissen. Aber ich habe erkannt, dass ich ohne einen Mann besser dran bin. Denn durch Sebastians Geburt habe ich den zukünftigen Baron von Semur zur Welt gebracht und damit meine Pflicht als Tochter erfüllt. Jetzt bin ich frei in meinen Entscheidungen und kann tun und lassen, was ich will.“
Veronika schaute Monika interessiert an. Vielleicht war doch nicht alles so hoffnungslos, wie sie dachte.
Melanie hingegen blieb skeptisch. Madame von Semur hatte recht. Falls jemand ihr langfristig schaden wollte, dann würde er oder sie nicht nachgeben. Abgesehen davon war Melanie nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Monika. Sie wollte etwas erreichen, ihr eigenes Gewerbe aufbauen. Nur zu Hause zu bleiben und von Richard finanziell abhängig zu sein, kam für sie nicht infrage. Deshalb brauchte sie eine bessere Lösung als das dauerhafte Zurückziehen aus der Öffentlichkeit.
„Aber mal ein anderes Thema. Jetzt, wo Sie und Richard verheiratet sind, würde ich gerne erfahren, ob das ursprüngliche Gerücht bezüglich Sie beiden stimmte? Hatten Sie tatsächlich eine heimliche Liebschaft miteinander?“, fragte Rosemarie neugierig.
„Nein, das Gerücht stimmte nicht“, antwortete Melanie kurz.
„Und wie kam das jetzt, dass Sie plötzlich geheiratet haben, obwohl Sie beide doch mit anderen Personen verlobt waren?“, fragte Monika verwundert.
Melanie überlegte und erwiderte dann: „Richard und ich, wir lieben uns schon seit unserer ersten Begegnung, haben es nur recht spät erkannt.“
Und plötzlich bereute sie den letzten Streit zwischen sich und Richard. Sie war dermaßen aufgebracht gewesen, dass sie aus Wut Dinge zu ihrem Mann gesagt hatte, die sie nun bedauerte.
Nach dem Besuch der beiden Semur-Damen schlenderte Melanie zu Nero auf die große Weide und bürstete sein Fell. Der Hengst freute sich über die Pflege und Streicheleinheiten und ganz besonders über die leckeren Äpfel, die seine Besitzerin ihm mitgebracht hatte. Und während sie sein pechschwarzes Fell intensiver betrachtete, kam ihr ein Gedanke: Das Leben spielte einem manchmal sehr übel mit und der Weg in die Gosse ereilte einen schneller, als es einem lieb war. Diesen Satz hatte sie vor einiger Zeit auf der Teeparty im Botanischen Garten gehört. Und es stimmte. Hätte Veronika nicht die Möglichkeit gehabt, bei ihrer jüngeren Schwester unterzukommen, dann wäre sie wahrscheinlich in der Gosse gelandet. Plötzlich hatte Melanie eine Eingebung. Vielleicht war das ja der richtige Weg? In die Gosse. Sie wurde von einem Hochgefühl erfasst und wollte auf der Stelle aufbrechen. Sie führte Nero zurück in den Pferdestall, sattelte ihn dort und begab sich anschließend sofort in die Stadt.
Das nächstgelegene Armenhaus lag eine Reitstunde entfernt und als Melanie direkt davorstand, hatte sie noch keinen blassen Schimmer, was sie gleich erwartete. Bereits beim Betreten des dreistöckigen Gebäudes nahm sie den unangenehmen Geruch von Schweiß und Fäkalien wahr. Überall liefen verwahrloste Waisenkinder herum. Mütter mit schreienden Säuglingen in den Armen saßen auf alten Bänken oder Stühlen und sahen völlig erschöpft aus. Auf manchen Betten lagen Bettler oder alte Menschen, bei denen Melanie sich nicht sicher war, ob sie noch lebten. Das angestellte Personal wirkte entkräftet und überfordert. Manche Mütter sahen zu ihr herüber und wunderten sich über ihre hochwertige Bekleidung, die so gar nicht zu den Lumpen passte, die sie am Leibe trugen. Melanie ging zu einer dieser Frauen und setzte sich neben sie.
„Werte Frau, darf ich Sie darum bitten, mir Ihre Geschichte zu erzählen?“, fragte sie freundlich.
„Meine Geschichte?“, fragte die Fremde verwundert, die ungefähr im Alter von Melanies ältester Schwester Jane war.
„Ja. Wie sind Sie in die Situation geraten, dass Sie und Ihr kleines Kind Zuflucht in einem Armenhaus suchen mussten?“, wollte Melanie wissen.
„Glauben Sie mir: Das hier ist eine Verbesserung für mich“, begann die Frau zu erzählen. „Ich wurde mit neunzehn Jahren an einen Mann verheiratet, der mich fast täglich schlug. Sogar, als unser gemeinsamer Sohn geboren worden war, hörte er nicht damit auf. Ich bin zwar arm, aber ich wollte nicht mehr so weiterleben. Ich hatte die Wahl zwischen Selbstmord oder Flucht. Ich entschied mich für das Zweite, nahm mein Kind und floh. Eigentlich komme ich aus einer anderen Stadt. Ich bin hier, damit mein gewalttätiger Mann mir nicht auf die Spur kommt. Zuerst habe ich versucht, hier Arbeit zu finden. Aber Tätigkeiten im Niedriglohnsektor sind rar gesät. Und um eine gute Anstellung zu bekommen, muss man eine Ausbildung vorweisen, die ich leider nicht habe. Somit habe ich keine Arbeit, kein Zuhause und kein Geld. Aber dafür meine Freiheit. Lieber lebe ich so als bei meinem Ehemann.“
Melanie nickte stumm und sah die Frau voller Mitleid an.
„Das sagst du jetzt. Warte, bis dein Kind größer ist und mehr von dir fordert“, mischte sich plötzlich eine andere Frau ein, die das Gespräch belauscht hatte. „Mein Sohn ist jetzt acht Jahre alt und fragt mich ständig, ob er dies oder jenes haben dürfe. Aber ich kann ihm nicht das geben, was er braucht. Ich fühle mich deswegen wie eine beschissene Mutter.“
Wegen so viel Offenheit musste Melanie schlucken.
„Es ist schon interessant, dass hier so viele alleinerziehende Mütter sind“, bemerkte ein alter Bettler, der auf einem Auge blind war, und auf einem rostigen Bett lag. „Man könnte fast meinen, das sei der Hauptgrund für den Weg in die Armut. Abgesehen davon sind viele Kranke und Menschen mit Behinderung ebenfalls von Armut betroffen. Wer mittlerweile zu alt für den Arbeitsmarkt ist und keine familiäre Unterstützung besitzt oder einfach nur Pech hat, landet schnell auf der Straße, weil er die hohen Mietpreise nicht bezahlen kann.“
Schweigend hörte Melanie zu. Sie sah zwei Betten weiter, wie eine Krankenschwester einem Mann seine eitrige Wunde versorgte, und fragte sie: „Madame, welche Perspektive haben die jungen Menschen, die hier zu Ihnen kommen? Und damit meine ich vor allem die Kinder.“
Die Krankenschwester seufzte und erwiderte deprimiert: „Gar keine. Aus ihnen werden potenzielle Kriminelle und einige von ihnen landen später im Gefängnis. Den Mädchen bleibt oft nur der Weg in die Prostitution und die Arbeit in den Bordellen der Stadt. Nur wenige schaffen es aus der Gosse.“
„Ich verstehe“, sagte Melanie ernüchternd. Sie schaute auf den Boden und schämte sich zutiefst. Sie hatte sich über ihren schlechten Ruf aufgeregt und dachte, damit wäre ihr Leben vorbei. Diese Menschen hier hatten fast gar nichts und waren trotzdem froh, am Leben zu sein.
„Warum fragen Sie uns das alles?“, wollte die junge Frau mit dem Baby wissen.
„Weil ich helfen will“, antwortete Melanie nachdenklich.
„Und Sie haben die Möglichkeit dazu?“, sagte die zweite Frau belustigt und erwartete keine Antwort.
„Ja, die habe ich und die werde ich nutzen“, entgegnete Melanie. Gut, ihr Ruf war ruiniert, aber nun würde sie sich so richtig schmutzig machen. Denn sie war es als Herzogin den Menschen in diesem Armenhaus schuldig.

