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Blitz und Donner Kapitel 37 - 42

Kapitel 37 Das Fechten

27. August 1875

Der Maestro und Chefdesigner des Kleidersalons Sior, Stefano Aranie, hatte stundenlang an dem Entwurf des Hochzeitskleides der jungen Mademoiselle von Bouget gearbeitet und später selbst beim Schneidern Hand angelegt. Und das Ergebnis wollte er nun den Damen präsentieren, die vor der großräumigen Umkleidekabine auf dem langen, goldenen Sofa warteten.
„Sind Sie bereit?“, fragte Monsieur Aranie die Brautmutter.
„Ja, das sind wir!“, antwortete Johanna von Bouget aufgeregt.
Jane und Veronika warteten ganz gespannt, während Rosemarie und Monika an ihren Sektgläsern nippten. Und dann kam die Braut. Melanie spazierte aus der Umkleidekabine heraus und trug ihr traumhaft schönes Hochzeitskleid. Es war in A-Linie geschnitten. Der voluminöse Rock bestand aus sieben Schichten Tüll. Das Kleid selbst hatte keine Ärmel, aber obenrum einen Herzausschnitt. Auf einem transparenten Stoff, der um den Oberkörper herum verlief, waren zarte, weiße Blüten angenäht, die diagonal von der linken Schulter bis zur Taille angebracht waren. Die Mutter schnappte nach Luft und kämpfte mit den Tränen. Melanies Schwestern waren entzückt und die beiden Damen von Semur klatschten begeistert in die Hände.
„Wie fühlst du dich darin, Liebes?“, fragte Johanna ihre jüngste Tochter.
„Wie eine flauschige Wolke“, antwortete Melanie und zupfte an dem federleichten Tüll ihres Hochzeitskleides. Veronika freute sich für ihre kleine Schwester und war überglücklich. Jane dagegen schaute sie neidvoll an. Wie gern hätte sie an ihrer Stelle dieses Kleid getragen und würde in einer Woche zusammen mit George vor den Traualtar treten.
„Sie sehen zauberhaft aus!“, schwärmte Monika und konnte ihren Blick gar nicht mehr von Melanie abwenden.
Johanna trat näher an ihre Tochter heran und berührte das Kleid vorsichtig. Es fühlte sich sehr hochwertig an. Sie hatte nicht umsonst ein kleines Vermögen dafür ausgegeben. Melanie sollte nur das Beste tragen. Ihr kamen wieder Tränen in die Augen und sie fächerte mit ihren Händen Luft gegen ihr Gesicht, damit die Flüssigkeit schnell trocknete.
„Mama, bitte weine nicht. Und vor allem, weine nicht bei der Trauung, sonst muss ich ebenfalls losheulen!“, ermahnte Melanie ihre Mutter.
„Ich versuch es“, schniefte Johanna.
„Madame von Bouget, wollen wir vielleicht hier weitermachen?“, fragte Stefano Aranie und zeigte auf einen langen Tisch weiter links. „Ich habe, wie von Euch gewünscht, einige Modelle zusammengetragen und würde gerne Eure Meinung dazu hören.“
„O ja, natürlich“, antwortete die Baronin und kam dazu. Dort lagen fünfzehn Kleidungsstücke verteilt. Johanna hielt jedes von ihnen nacheinander hoch, um sie zu begutachten. Melanie stellte verwundert fest, dass es sich um verführerische Dessous handelte, die nicht aus viel Stoff bestanden.
„Mama, ich wusste gar nicht, dass du auf so freizügige Unterwäsche stehst“, sagte Melanie amüsiert.
„Nein, mein Schatz, diese Sachen sind nicht für mich, sondern für dich“, erklärte die Mutter sachlich.
„Wie bitte? Wozu brauche ich so viel Reizwäsche?“ Melanie war überrascht und kam ebenfalls zu dem langen Tisch. Sie nahm eines der Modelle in die Hand und es war, salopp gesagt, ein Hauch von Nichts. Sie könnte genauso gut nackt sein, anstatt dieses Dessous zu tragen.
„Na, für deine Flitterwochen natürlich“, entgegnete Madame von Bouget lächelnd.
„Was erwartet mich denn bitte schön in meinen Flitterwochen, dass ich so etwas tragen soll?“, fragte Melanie schockiert.
„Meine Güte, Johanna. Bitte sagen Sie mir nicht, dass Sie Ihre Jüngste immer noch nicht aufgeklärt haben!“, sagte Rosemarie fassungslos. „Die Ärmste verbringt bald unzählige intime Stunden mit George und weiß nicht einmal, was sie erwartet.“
„Mama, erkläre mir das bitte!“, drängte Melanie, denn sie konnte es nicht ausstehen, unvorbereitet zu sein.
Johanna von Bouget schaute sich um. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Na, was soll’s, dann war der Moment jetzt gekommen, um ihre Tochter aufzuklären. „Weißt du, Liebling, der Mann, der hat da so einen ...“ Die Mutter stockte und wusste nicht, wie sie es am besten beschreiben sollte.
„Einen Degen“, beendete Monika den Satz stattdessen für sie.
„Ja, einen Degen! Danke schön, Monika. Und mit seinem Degen, da macht er ...“ Und wieder fehlten Johanna die Worte.
„Fechten?“, fragte Melanie ungeduldig.
„Fechten ist ein gutes Beispiel! Du magst doch Fechten und das ist im Prinzip genauso“, führte die Mutter ihre eigenartige Beschreibung fort.
„Allerdings. Man kämpft und schwitzt und blutet und liegt danach fix und fertig im Bett“, ergänzte Rosemarie und trank aus ihrem Sektglas.
„Oh, wie wahr; ja, das Bluten ist wirklich lästig, aber es gehört schließlich dazu“, stimmte Johanna ihrer Nachbarin zu.
„Nein, ohne mich“, sagte Melanie entschieden und wedelte wild mit den Armen. „Das hört sich ja zum Fürchten an!“ Sie wollte auf gar keinen Fall ihre Flitterwochen auf diese Weise verbringen und sah die anderen panisch an.
„Ach, nicht doch, das macht Spaß, glaube mir“, widersprach ihre Mutter und lächelte aufmunternd.
„Spaß? So, wie ich das verstanden habe, soll ich die ganze Zeit fechten, dabei schwitzen, bluten und obendrein das Bett hüten. Das soll mir Freude bereiten?“, fragte Melanie aufgebracht.
Die anderen Damen lachten laut.
„Nein, du verstehst das falsch. Fechten ist nur ein Vergleich“, beschwichtigte Veronika und musste sich extrem zusammenreißen, um nicht weiter zu lachen.
„Das soll mich jetzt beruhigen?“, fragte Melanie irritiert. „Wenn ich es mir recht überlege, dann habe ich ungemein viel geblutet, als ein Mann das letzte Mal seinen Degen vor mir rausgeholt hat!“
Alle Personen im Raum schnappten geräuschvoll nach Luft bei Melanies Bemerkung. Sie starrten die Braut an, als hätte ihr weißes Kleid plötzlich einen riesigen Fleck.
„Was?! Wer war das?!“, schrie Johanna von Bouget ihre Tochter an.
„Das weißt du, Mama. Der Herzog von Crussol natürlich“, entgegnete Melanie und wunderte sich darüber, dass ihre Mutter es offensichtlich vergessen hatte.
Johanna von Bouget riss den Mund und die Augen weit auf und war wie erstarrt. Die anderen wirkten nicht weniger schockiert.
„Oh, là, là, dieser Mann ist verdammt heiß, den hätte ich auch nicht von der Bettkante gestoßen“, kommentierte Rosemarie und schaute dabei mit einem vielsagenden Blick zu Melanie herüber.
„Wann?!“ Die Mutter war außer sich vor Wut.
Melanie sah sie ängstlich an. Was hatte sie nur Falsches gesagt?
„Vor einigen Monaten, weißt du das nicht mehr? Das Fechtduell? Seitdem trage ich diese wunderbare Narbe“, entgegnete Melanie zögernd und zeigte dabei auf ihren linken Unterarm.
Johanna von Bouget vergrub ihr Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. „Bitte erschrecke mich nie wieder so“, nuschelte sie in ihre Handflächen und beruhigte sich.
„Würde ich gerne, Mama. Wenn ich wüsste, womit ich dich so erschreckt habe“, entgegnete die Tochter und war verwirrter als vor der vermeintlichen Aufklärung. „Und übrigens, seinen Degen habe ich immer noch.“
„Das glaube ich Euch aufs Wort“, sagte Stefano Aranie belustigt. Er hatte bis jetzt der sonderbaren Unterhaltung schweigend zugehört und am Ende festgestellt, dass die junge Melanie von Bouget in Wahrheit eine echte Lolita war.
„Schluss damit! Kein Wort mehr! Wir reden später zu Hause darüber, aber nicht jetzt und nicht hier!“, wies die Mutter sie zurecht.
Melanie entschied, lieber zu schweigen. Die ganze Geschichte war mehr als konfus. Abgesehen davon warf Jane ihr Blicke zu, die Melanie so gar nicht gefielen. Es schien so, als wäre ihre älteste Schwester sichtlich erfreut darüber, dass sie in die Sache mit dem Herzog von Crussol verwickelt war.
Und das stimmte. Insgeheim wünschte Jane sich, die Hochzeit würde nicht stattfinden und sie könnte George am Ende für sich gewinnen. Es war ihr auf dem Ball auf Jagdschloss Falkennest nicht entgangen, wie innig Richard und Melanie miteinander getanzt hatten. Und das Gerücht, dass ihre kleine Schwester seine Mätresse wäre, spielte ihr in die Karten. Jane schmiedete einen hinterhältigen Plan und musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten, um ihn in die Tat umzusetzen.



Kapitel 38 Wie Blitze

28. August 1875

Es war womöglich das letzte Mal, dass Melanie zusammen mit Veronika und Jakob abends gemütlich beim Kerzenschein saß und einen warmen Kakao trank. Sie und ihre Geschwister beobachteten draußen die Sterne, wie einer nach dem anderen aufleuchtete, während der Himmel allmählich dunkler wurde. Diese Momente mit ihren Geschwistern gehörten zu Melanies Kindheit und sie würde sie unheimlich vermissen. Schon bald würde sie Georges Frau und zu ihm auf sein Schloss ziehen. Ihre eigene Familie würde sie dann seltener sehen, als ihr lieb war. Wann wohl ihre Geschwister das Elternhaus verließen? Wahrscheinlich würde Veronika ihr als Erste folgen, weil sie insgeheim mit dem Grafen von Ailly liiert war.
„Wann wollt ihr, du und Henri, eure Beziehung eigentlich offiziell machen?“, fragte Melanie ihre Schwester. Jakob hatte ihr zuvor von dem heimlichen Kuss im Labyrinth erzählt, und horchte auf. Veronika war sich darüber im Klaren, dass Jakob über ihre Romanze Bescheid wusste, weil Melanie es ihr berichtet hatte. Somit gab es diesbezüglich keine Geheimnisse zwischen den Dreien.
„Ich schätze mal, nach deiner Hochzeit, sobald sich der ganze Trubel gelegt hat. Bis dahin genießen wir die Freiheiten der unverbindlichen Liebe“, antwortete Veronika kokett.
Jakob verdrehte daraufhin seine Augen.
„Ich hole uns mal was zu naschen“, sagte er und schlenderte aus dem Zimmer.
„Veronika?“, begann Melanie zögerlich ihre Frage zu formulieren. „Wie fühlt es sich an, wenn Henri dich küsst?“
Ihre Schwester schaute verträumt auf die warme Tasse in ihren Händen und antwortete: „Wie Blitze unter meiner Haut. Jede seiner Berührungen verursacht bei mir Gänsehaut und ich schmelze unter der auflodernden Hitze, die in mir aufsteigt, dahin. Am liebsten würde ich niemals aufhören, ihn zu küssen, und auf ewig seine Lippen auf den meinen spüren.“
Veronika legte ihre Fingerspitzen auf ihren Mund und schloss die Augen. Vermutlich dachte sie an Henri und wollte in diesem Moment bei ihm sein. Melanie beobachtete sie intensiv und erinnerte sich an ihren ersten Kuss mit Kaiser Alexander. Es hatte sich definitiv nicht wie Blitze angefühlt und von Hitze konnte keine Rede sein. Nein, Melanie hatte damals ein leichtes Kribbeln wahrgenommen und ein merkwürdiges Gefühl im Unterleib, aber am meisten hatte sie sich gefürchtet, gezittert und gebetet, dass dieser Moment schnell ein Ende finden würde. Sie wollte auf gar keinen Fall den Kaiser erneut küssen. Veronika dagegen sehnte sich nach Henri. Ja, das war eindeutig Liebe, aber auch noch etwas anderes. Melanie wurde neugierig.
„Wie würdest du dieses Gefühl, wenn du bei Henri bist, mit einem Wort beschreiben?“, fragte sie nach.
„Begierde. Verlangen. Leidenschaft. Lust“, nannte Veronika mehrere Begriffe, denn sie konnte sich zwischen diesen Worten nicht entscheiden.
Ihre kleine Schwester dachte angestrengt nach. Hatte sie jemals etwas Ähnliches für jemanden empfunden?
„So, da bin ich wieder.“ Jakob kam zurück. Er reichte Melanie den vollen Teller und sie nahm dankend ein paar Kekse entgegen. Dann legte Jakob Veronika einen Muffin in die flache Hand und berührte dabei ihre Haut. Ihm wurde plötzlich ganz warm und sein Puls beschleunigte sich. Auch Jakob wusste mittlerweile die passende Bezeichnung für dieses Gefühl, das ihn wie eine gewaltige Welle überkam, sobald er Veronika fühlte oder an sie dachte – Sehnsucht. Die vermutlich für immer unerfüllt bleiben würde.

Am darauffolgenden Morgen bekam Melanie unerwarteten Besuch, der ihr überaus willkommen war: George. Sie und ihr Verlobter unterhielten sich im großen Wohnzimmer über ihre bevorstehende Reise ans andere Ende der Welt. Sie freuten sich riesig darauf und lachten zusammen. Ihre Hochzeit fand in sechs Tagen statt und die meisten Vorbereitungen waren inzwischen erledigt. Seit dem letzten Tanzball im Frühlingspalast besuchte George seine Verlobte häufiger. Er hatte das dringende Bedürfnis, Melanie mehr von sich zu beeindrucken.
„Ich habe übrigens ein Geschenk für dich mitgebracht“, offenbarte George und kramte in seiner Tasche.
„Ein Geschenk? Für mich?“ Melanie klang überrascht.
„Ja, ich wollte es dir eigentlich in unseren Flitterwochen überreichen, aber so lange kann ich nicht mehr warten“, erklärte er geheimnisvoll.
„In unseren Flitterwochen? Ist es etwa ein Degen?“, fragte sie besorgt. Ihre Mutter hatte bis jetzt vermieden, mit ihr das aufklärende Gespräch zu Ende zu führen, und somit war Melanie kein bisschen schlauer.
„Ein Degen? Warum denn ein Degen?“ Ihr Verlobter war irritiert. „Hätte ich dir einen schenken sollen? Du magst ja schließlich Fechten, fällt mir gerade ein.“
„Nein!“, rief Melanie schnell. „Bitte keinen Degen. Ich möchte während unserer Flitterwochen nicht fechten!“
„Ich ebenfalls nicht“, stimmte George ihr zu und sah sie verwirrt an.
„Gut, dann sind wir uns in dem Punkt einig“, stellte sie erleichtert fest und sah ihn erwartungsvoll an.
Mit einem Grinsen holte George eine pinke, quadratische Schatulle aus seiner Tasche hervor und übergab sie ihr. Melanie öffnete sie gespannt und erblickte eine Perlenkette mit einem passenden Armband und Ohrringen, alles aus rosa Salzwasserperlen.
„Das ist ja wunderschön! Schmuck, natürlich. Was schenkt man sonst seiner Braut“, bemerkte Melanie und musste lachen. George schaute sie mit einem breiten Lächeln an und sagte: „Das kannst du tragen, wenn wir auf Kuba sind und am Strand liegen.“
„Liebend gern“, entgegnete Melanie und berührte die Perlenkette mit ihren Fingern.
„Möchtest du dein Geschenk jetzt anprobieren?“, bot George ihr an.
„Da sage ich sicherlich nicht nein“, antwortete Melanie und nickte eifrig. Sie nahm die Perlenohrringe und steckte sie sich an die Ohrläppchen, dann legte George ihr das Armband um das linke Handgelenk. Anschließend nahm Melanie ihre Haare zusammen und hielt sie hoch, während George ihr die Perlenkette um den Hals legte und hinten am zierlichen Nacken verschloss. Dabei kam er ihrem Gesicht ziemlich nah und er atmete ihren Duft ein. Sie roch nach frischem Wind und grünem Gras, vermutlich, weil sie viel Zeit draußen bei ihrem Pferd Nero verbrachte. Als er seine Hände wieder zurücknahm, streichelte er über ihren Hals und ihre Schultern. George sah Melanie tief in die Augen und sagte: „Bitte trage nur das, wenn wir am Strand liegen.“
„In Ordnung“, flüsterte sie und ließ ihre Haare wieder fallen.
Genau in diesem Augenblick fiel auch jegliche Beherrschung von George ab und er küsste sie. Es war ein zärtlicher Kuss und erfüllt von Liebe. George hielt seine Augen geschlossen und genoss das Gefühl. Er war wie losgelöst von der Erde und umkreiste seinen Stern. Die Wärme und das Licht durchströmten ihn und er war in seiner Umlaufbahn angekommen. George ließ wieder von seiner Braut ab und schaute sie voller Begierde an. Wie gern würde er jetzt weitermachen und ihr alle ihre Kleider ausziehen, aber er musste sich noch etwas gedulden. In ein paar Tagen gehörte Melanie ihm, für immer. Es war demnach besser, jetzt zu gehen. Deshalb verabschiedete George sich höflich von ihr und Melanie geleitete ihn bis zum Haupteingang. Sie schaute ihm hinterher, wie er auf seinem Pferd davonritt und in ihrem Kopf brannte nur eine einzige Frage: Warum hatte sie soeben nichts gefühlt? Sie hatte die Lust in Georges Augen eindeutig erkannt. Er hatte sie genauso angeschaut, wie Veronika es bei ihrem Gedanken an Henri getan hatte. Aber warum hatte Melanie verdammt noch mal nichts gefühlt? Absolut gar nichts. Kein Kribbeln, keine komischen, unbekannten Gefühle und schon gar keine Blitze unter der Haut. Sie drehte sich ruckartig um und lief zurück ins Wohnzimmer. Dort öffnete sie die pinke Schmuckschatulle und legte die Perlenkette, das Armband und die Ohrringe behutsam ab und verschloss vorsichtig den Deckel. Sie nahm das liebevolle Geschenk, ging damit auf ihr Zimmer und öffnete ihren Schrank. Sie stellte die Schatulle in ein Regal, auf dem bereits zwei andere Gegenstände lagen: ein Säbel und ein kostbares Diadem. Melanie überlegte. Wann hatte sie das eigenartige Gefühl tief in sich am stärksten empfunden? Dann fiel es ihr wieder ein und die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. Sie stand einige Sekunden wie erstarrt da und verarbeitete den ersten Schock. Ihr Atem ging immer schneller. Melanie hatte die Befürchtung, gleich zu hyperventilieren. Sie musste auf der Stelle hier raus, sofort! Als würde es um ihr Leben gehen, zog sie rasch ihre Reitsachen an, schnappte sich ihren Regenmantel, um für einen plötzlichen Wetterumschwung vorbereitet zu sein, und zum Schluss den Säbel aus dem Regal, den sie einst im Kampf gewonnen hatte. Sie spurtete aus ihrem Zimmer, eilte die Haupttreppe hinunter und verließ ihr Elternhaus. Sie lief zum Pferdestall und holte Nero. Während sie ihn sattelte, kam Erik, der Stallbursche, angerannt und flehte sie an: „Mademoiselle Melanie, bitte, Eure Mutter hat mich angewiesen, Euch die letzten Tage vor der Hochzeit nicht mehr ausreiten zu lassen.“
„Sehe ich so aus, als ob mich das interessiert?“, fragte Melanie schnippisch.
„Bitte, bleibt hier und lasst Nero stehen“, beschwor er sie mit einem flehenden Blick.
„Aus dem Weg, Erik, oder du wirst es bitter bereuen“, drohte sie ihm und hielt den Säbel hoch.
Er bekam es mit der Angst zu tun und lief aus dem Stall hinaus in Richtung des Anwesens. Vermutlich würde er gleich die Baronin informieren. Melanie durfte demnach keine Zeit verlieren. Sie sattelte Nero zu Ende und marschierte mit ihm nach draußen. Dann sprang sie auf seinen Rücken und sah ihre Eltern auf sich zu stürmen.
„Melanie! Komm sofort runter!“, schrie ihre Mutter sie an. Doch für Melanie gab es kein Halten mehr. Sie warf ihren Eltern einen letzten Blick zu, drehte und gab Nero die Sporen. Der schwarze Hengst galoppierte davon. Melanie floh Richtung Osten und ließ eine dichte Staubwolke hinter sich.
„Tu doch was!“, rief Johanna ihrem Ehemann im Befehlston zu. „Steig auf ein Pferd und hole sie ein!“
„Ich soll sie einholen?“, fragte Thomas von Bouget ungläubig. „Das ist der Champion, der da soeben davon galoppiert ist! Den holst du nicht mehr ein.“
Die Mutter fasste sich mit beiden Händen an den Kopf und lief aufgeregt in der Gegend herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. „Das ist eine Katastrophe!“, schrie sie entsetzt.
„Absolut. Die Braut ist soeben verschwunden, das ist ein Desaster!“, bestätigte der Vater und schüttelte den Kopf. Was war nur in sie gefahren? Warum hatte Melanie plötzlich kalte Füße bekommen? Was war bloß geschehen? Thomas betete, dass seine Tochter bald wieder zur Vernunft kommen würde.
Melanie ritt wie besessen immer weiter geradeaus. Sie wusste nicht, wohin Nero sie gleich bringen würde, aber sie wollte auf gar keinen Fall wieder zurück. Das Gefühl, von meterhohen Mauern eingesperrt zu sein, nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie wollte sich sofort von der unendlichen Enge befreien, die an ihrer Lebensfreude nagte. Nach einer Weile sah sie, dass sich der Weg vor ihr gabelte, doch Nero nahm keine der beiden Richtungen und galoppierte stattdessen direkt in den Wald hinein. Sie passierten das kleine Waldstück und kamen auf einer weiten, grünen Fläche mit hohem Gras wieder heraus. Nero galoppierte schneller und die Sonne stand ganz oben am Himmel. Schließlich endete das Land und sie erreichten das Meer. Nero lief eine Kurve und weiter an der Steilküste entlang. Melanie schaute seitlich auf das blaue Wasser hinaus. Große Wellen schlugen gegen die Felsen und verursachten ein Donnern. Nero verlangsamte seine Schritte und blieb schließlich stehen. Frische Seeluft wehte ihm durch die Mähne und er wusste, dass er am richtigen Ort angekommen war. Melanie schloss ihre Augen und lauschte dem Lied des Windes, dem Gesang der Möwen und dem rhythmischen Rauschen des Meeres. Das Donnern der Wellen gegen die Steilküste gab ihr langsam das Gefühl der Freiheit wieder. Nach einigen Minuten war sie mit sich im Reinen und hatte kein Bedürfnis mehr wegzurennen, sich zu verstecken und nie wieder zurückzukehren. Dieser Ort beruhigte sie und gab ihr Zeit, sich zu besinnen. Melanie ergründete ihre Gefühle und kam schließlich zu einer unfassbaren Erkenntnis: Sie liebte George, und zwar so, wie sie Jakob liebte. Er bedeutete ihr demnach so viel wie ihr eigener Bruder. Sie begehrte ihn nicht. Nein, sie empfand keine Leidenschaft für den Mann, den sie heiraten sollte. Stattdessen fühlte sie sich zu jemand anderem hingezogen, der ihre Lust auf außergewöhnliche Art und Weise entfacht hatte: Richard.
Seit dem Tanzabend beim Herzog von Guise ging er Melanie nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte ihr damals im Wald Angst eingejagt und sie verletzt, aber sie wollte ihn trotzdem. Oder vielleicht sogar deswegen? Sie verstand dieses eigenartige Empfinden selbst nicht. Abgesehen davon hatte sie ihn nie geküsst, weswegen sie sich in ihren Gefühlen für ihn womöglich irrte. Melanie hatte stets das Verlangen nach ihm unterdrückt, weil sie nicht seine Geliebte sein wollte. Wie viel Richard ihr nun letzten Endes bedeutete, würde sie niemals erfahren. Aber eines wusste sie hingegen überdeutlich: dass sie George nicht begehrte. Melanie stieg von ihrem Pferd ab und legte sich ein Stück weiter abseits ins Gras. Sie schaute in den blauen Himmel und wollte am liebsten die Zeit zurückdrehen und einiges anders machen. Ein Wunsch, der nicht zu erfüllen war, weil niemand die Vergangenheit ändern konnte. Dafür aber die Zukunft. Vielleicht, wenn sie hier liegen bliebe, einfach nur liegen, würde Richard zu ihr kommen und gemeinsam mit ihr die Welt um sie herum vergessen? Sie schloss die Augen und dachte an die bittere Tatsache, dass er bald Elisabeth heiraten würde und damit für sie auf ewig unerreichbar bliebe.



Kapitel 39 Der Spielerwechsel

28. August 1875

Zigarrenrauch hing in der Luft. Zahlreiche Männer waren heute im Gentlemen’s Club der FSP erschienen. Richard saß auf einer Ledercouch und unterhielt sich mit einem langjährigen Freund bei einem Glas Scotch. Der Name dieses Freundes lautete Jacques von Thorotte und er war der Kapitän des großen Segelschiffs ,Liberté’, das vor zwei Tagen zusammen mit seiner Crew in der Hafenstadt angekommen war. Die Liberté war eine Fregatte und hatte vor einigen Jahren unter der Führung von Kapitän von Thorotte ihre Jungfernfahrt angetreten. Das Schiff und seine Mannschaft waren manchmal monatelang im Einsatz und blieben ihrer Heimat so lange fern. Es war daher ein seltenes Vergnügen für Richard, mit Jacques persönlich zu sprechen. Die beiden verstanden sich ausgezeichnet, denn sie teilten den gleichen Sinn für Humor, liebten das Meer und waren tief in ihren Herzen Piraten. Im Gegensatz zu Jacques hatte Richard die Laufbahn eines Marineoffiziers nie einschlagen können, weil er als ältester Sohn die Pflicht und die Verantwortung hatte, das Herzogtum als sein Erbe fortzuführen. Eine Tatsache, die er manchmal bedauerte. Aus ihm wäre mit Sicherheit ein guter Seemann geworden. Kennengelernt hatten sich die beiden über Monsieur von Guise, der mit Jacques von Thorotte entfernt verwandt war. An diesem Abend saß Vincent ebenfalls mit im Club und rauchte genüsslich auf dem Sessel neben ihnen eine Zigarre. Die Stimmung war entspannt und der Abend hätte so schön weiterlaufen können, hätte nicht eine fünfköpfige Gruppe von Studenten das Lokal betreten. Sofort verengte Richard seine Augen zu Schlitzen, als er seinen Widersacher unter ihnen erblickte: George von Bellagarde. Das Letzte, was er jetzt brauchte, war die Präsenz jenes Mannes, den er am liebsten umbringen wollte. Warum tat er das nicht einfach? George war die einzige Person, die zwischen ihm und der Frau seiner Träume stand. Wenn er ihn beseitigte, dann hätte er das Problem doch gelöst! Derweilen unterhielt sich George bestens gelaunt mit seinen Freunden und trank Bourbon. Das Hochgefühl, das er seit dem Kuss mit Melanie empfand, hielt immer noch an.
„Das Lachen wird dir bald vergehen“, dachte Richard hämisch.
„Wieso starrst du diesen jungen Mann so boshaft an?“, fragte Jacques von Thorotte seinen Freund, denn er hatte Richards tödlichen Blick bemerkt.
Vincent drehte sich ebenfalls in die Richtung der fünf Studenten und war augenblicklich alarmiert.
„Bleib entspannt, Richard. Bitte veranstalte hier gleich keine Schlägerei“, bat Vincent ihn in ruhigem Ton.
„Warum? Wer ist dieser Mann?“, fragte der Kapitän erneut.
„Ein Dieb“, zischte Richard mit zusammengepressten Zähnen.
„Was hat er denn gestohlen?“, hakte Jacques nach. Richard schwieg und überlegte ernsthaft, George den Garaus zu machen.
„Richards Libido“, antwortete Vincent stattdessen und sah besorgt zu seinem hitzköpfigen Freund.
„Oh, das ist ein ernst zu nehmendes Problem“, stellte Monsieur von Thorotte fest und grinste. „Und was gedenkst du, dagegen zu tun, Richard?“
„Diesen Mistkerl zu einem Duell herausfordern“, sagte der Angesprochene laut und stand auf. Vincent schnellte hoch.
„Hast du den Verstand verloren?“, fuhr er ihn an und hielt seinen besten Freund an der Kleidung fest.
Auch Jacques hatte sich erhoben und sah fassungslos zu ihm.
„Ich werde George bei einem Duell besiegen und dann gehört Melanie mir. Verstehst du das denn nicht?“, antwortete Richard wie von Sinnen.
„Und du glaubst, das würde sie an dich binden? George zu einem Duell herausfordern und ihn besiegen? Das Gegenteil wird der Fall sein. Sie wird dich dafür hassen, dass du ihren Bräutigam verletzt, wenn nicht sogar getötet hast!“, erklärte Vincent und betete, dass sein wild gewordener Kumpel wieder zur Vernunft kommen würde. Jetzt verstand Jacques, um was es hier genau ging. Offenbar liebten Richard und dieser George dieselbe Frau, aber der junge Student war im Vorteil, weil er mit der Unbekannten verlobt war.
„Er hat recht. Gewalt ist in diesem Falle keine Lösung. Du wirst nur verlieren“, stimmte Jacques mit Vincent überein und legte seine Hand auf Richards Schulter.
„Ich soll eurer Meinung nach zusehen, wie die einzige Frau, die ich will, den da heiratet?“, fragte Richard aufgebracht und zeigte mit seinem Finger auf George, der mittlerweile den Tumult mitbekommen hatte und ernst zu ihnen herüberblickte.
„Ganz genau. Es ist Melanies Entscheidung, nicht deine! Kapiere das endlich!“, herrschte Vincent ihn an und baute sich direkt vor ihm auf. „Es ist für alle Beteiligten das Beste, wenn du jetzt gehst und den Club verlässt!“
Richard sah Vincent herausfordernd an. Er wusste, dass sein bester Freund ihn vor einer törichten Tat bewahren wollte, aber eine kampflose Niederlage kam für ihn nicht infrage.
„Richard, ich verstehe, wie du dich gerade fühlst“, sagte Jacques mit sanfter Stimme. „Ich war vor mehr als einem Jahrzehnt in einer ähnlichen Situation. Es ging um das Herz einer jungen Dame, das ich zu erobern versuchte, und es gelang mir nur mit Liebe. Meinen Kontrahenten zu beseitigen, brachte mich nicht weiter.“
Nach einigen qualvollen Sekunden musste Richard die Tatsache akzeptieren, dass er verloren hatte. Er schaute das letzte Mal zu seinem Rivalen hinüber, der sich leise mit seinen Freunden unterhielt. Die fünf jungen Männer warfen Richard immer wieder verstohlene Blicke zu und George ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Verdammt! Richard musste auf der Stelle hier weg, bevor er etwas Dummes anrichtete. Er stellte sein Glas auf einem Tisch ab und stürmte wortlos aus dem Club. Vincent und Jacques atmeten erleichtert aus. Sie hatten fast mit dem Schlimmsten gerechnet.
Draußen auf der Straße zündete Richard sich eine Zigarette an und nahm ein paar Züge. Verflixt und zugenäht! Die Situation war mehr als verfahren. Er sollte also die Frau seines Herzens durch Liebe gewinnen? Aber wie sollte er Melanie jemals davon überzeugen, George nicht zu heiraten? Er sah langsam ein, dass es für heute besser war, nach Hause zu fahren und eine Nacht darüber zu schlafen. Richard drehte sich zum Gehen um und sah eine Gestalt aus einer Kutsche aussteigen. Eine junge Frau, schlank und so grazil wie eine Elfe, schritt langsam auf ihn zu.
„Mademoiselle von Bouget? Was machen Sie hier?“, fragte Richard verwundert.
„Guten Abend, Monsieur von Crussol“, grüßte Jane ihn. Sie wirkte nervös und bekümmert. „Ich suche nach George von Bellagarde. Könnten Sie mir bitte sagen, ob er sich in dem Club dort aufhält, aus dem Sie soeben herausgekommen sind?“
„Ja, er ist dort“, antwortete Richard trocken. Er bemerkte, dass sie angespannt wirkte und den Tränen nahe. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er sie vorsichtig.
Jane zögerte kurz und schaute zu Boden. Eine Träne floss ihr über die Wange und ihr Mund zitterte. „Es geht um Melanie. Sie ist seit heute Vormittag verschwunden und bis jetzt nicht mehr nach Hause zurückgekehrt“, erzählte sie schluchzend.
„Verschwunden?“, fragte Richard schockiert und runzelte die Stirn. Jane nickte.
„Wir suchen bereits den ganzen Tag nach ihr und haben sie bis jetzt nicht gefunden. Sie ist mit ihrem Pferd von zu Hause Richtung Osten weggeritten und wurde seitdem nicht mehr gesehen. Das Suchgebiet ist groß und die Zeit rennt. Was, wenn Melanie etwas zugestoßen ist? Dann müssen wir schnell zu ihr! Bitte helfen Sie uns, Monsieur. Ich bitte Sie!“ Jane war völlig in Tränen aufgelöst. Sie faltete ihre Hände vor der Brust und sah Richard flehend an.
„Natürlich, ich begebe mich sofort auf die Suche“, sagte er und eilte zu seiner Kutsche. Er wies seinen Diener an, eines der Pferde von der Kutsche loszubinden und ihm zu überlassen. Der Mann tat wie befohlen und Richard sprang galant hoch auf den braunen Hengst.
Jane stand da und schaute ihm hinterher, als er davonritt. Sie lächelte zufrieden. Ihre Scharade hatte vollends funktioniert. Falls Richard es tatsächlich schaffen sollte, Melanie zu finden und zurück nach Hause zu bringen, dann würde Jane den nichts ahnenden George sofort darüber in Kenntnis setzten, dass der Herzog von Crussol zusammen mit seiner Mätresse stundenlang allein unterwegs gewesen war.
Es war bereits mitten in der Nacht, als Richard durch die Landschaft ritt. Der Vollmond schien vom wolkenlosen Himmel herab und dennoch gestaltete sich die Suche mehr als schwierig. Man erkannte den Weg und die Umgebung ganz deutlich, aber eine einzelne Person zu Pferd könnte überall sein. Richard galoppierte zunächst zum Anwesen der Familie von Bouget und nahm von dort aus den Weg Richtung Osten, wie Jane es beschrieben hatte. Nach einer Weile kam er an eine Weggabelung. Er schaute sich um und überlegte.
„Warum sagt mir mein Herz, dass ich dich dort finde? Im Wald“, sprach Richard leise und sah zu den Bäumen vor sich. Er führte sein Pferd langsam durch das Geäst und rief Melanies Namen, aber es blieb still um ihn herum. Trotzdem: Sein Gefühl flüsterte ihm zu, dass er auf der richtigen Spur war. Er durchquerte den düsteren Wald und kam an einer weiten Fläche mit hohem Gras heraus. Der Himmel wurde langsam heller. Und da erkannte Richard eine Schneise, die geradewegs durch das hohe Gras führte. Jemand war vor Kurzem hier entlanggeritten. Er folgte dieser Spur und kam nach einer Weile an die Steilküste. Das Meer war spiegelglatt und die Morgensonne kündigte sich am Horizont an. Die Schneise verlief weiter nach links und dort in der Ferne sah Richard etwas Schwarzes. Je näher er dem Objekt kam, desto deutlicher wurden dessen Umrisse. Es war ein Pferd, das im Stehen schlief. Richards Herz machte einen Hüpfer. Er erkannte den pechschwarzen Hengst wieder, der definitiv Melanie gehörte. Er galoppierte schneller und kam kurz vor dem anderen Pferd zum Stehen. Und dann sah er eine Person reglos auf dem Boden liegen und plötzlich hatte Richard eine schreckliche Vorahnung. Erinnerungen kamen in ihm hoch. Er sah seine leblose Schwester vor sich und der Schmerz raubte ihm den Atem. Was, wenn Melanie schwer gestürzt war? Vielleicht war sie bereits tot! Richard sprang von seinem Pferd und eilte zu ihr. Sie hatte sich in ihren Regenmantel eingewickelt und lag bewegungslos auf dem Boden.
„Melanie!“, rief er und kniete sich neben sie. Er nahm ihren Körper und drehte sie zu sich in der Hoffnung, dass sie lebte. Sie erwachte langsam aus ihrem Schlaf und sah ihn verwundert an.
„Richard?“, fragte sie irritiert. „Träume ich?“ Sie legte ihre Hand auf sein Gesicht und spürte seine Wärme. Er war zweifellos hier.
Richard atmete erleichtert aus. Sie lebte! Aber war sie auch unversehrt?
„Bist du verletzt?“, fragte er besorgt.
„Nein, alles bestens“, antwortete Melanie langsam und schaute ihm tief in die Augen.
„Deine Familie sucht nach dir! Es heißt, du seist verschwunden. Warum bist du nicht nach Hause zurückgekehrt?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Ich musste über etwas nachdenken“, antwortete Melanie ruhig und betrachtete Richards gewelltes Haar.
„Kannst du nicht in eurem Garten nachdenken wie jeder normale Mensch auch? Stattdessen verschwindest du einfach und machst alle verrückt!“ Richard wurde wütend. Melanie atmete tief aus. Sie kannte mittlerweile sein Temperament und blieb daher gelassen.
„Ich brauchte etwas Abstand“, erklärte sie und fuhr mit der Hand langsam durch sein Haar. Richard betrachtete ihr Gesicht und entspannte sich.
„Entschuldige bitte, dass ich laut wurde. Ich brauche einen kurzen Augenblick, um mich wieder zu sammeln“, erklärte er und legte sich mit dem Rücken ins Gras. Melanie schaute ihn verwundert an, wie er mit geschlossenen Augen dalag und tief durchatmete. Dann legte sie sich auf die Seite mit dem Gesicht zu ihm, schloss ebenfalls die Augenlider und genoss die friedliche Stille. Die Sonne ging auf und die ersten Lichtstrahlen des Tages fielen auf das Meer und ließen es silbern glänzen. Richard öffnete wieder seine Augen und drehte seinen Kopf zu Melanie, die seelenruhig neben ihm lag. Sie war ganz nah bei ihm. Und da erkannte er seine Chance. Er nahm all seinen Mut zusammen und sagte: „Melanie, ich liebe dich.“
Sie öffnete ihre Augen und sah ihn überrascht an.
„Ich glühe und brenne vor lauter Begierde nach dir. Es zerreißt mir das Herz zu wissen, dass du bald George heiratest. Es fühlt sich an, als würde mir jemand meinen rechten Arm abreißen und ich schaute tatenlos dabei zu. Es tut mir unendlich leid, dich in der Vergangenheit schlecht behandelt zu haben. Es war dumm von mir anzunehmen, dich einfach zu meiner Geliebten machen zu können. Denn nun erkenne ich deine wahre Schönheit: Du bist ein seltener Diamant. George kann sich überaus glücklich schätzen, dich zu haben“, sprach Richard zu Ende und schloss seine Augen wieder. Die Vorstellung, auf Melanie verzichten zu müssen, schmerzte ihn. Doch dann spürte er eine zarte Hand auf seiner Wange und er blinzelte überrascht. Melanie strich ihm übers Gesicht und lächelte. Er schaute verwundert zu ihr. Plötzlich richtete sie sich auf und streckte ihm ihre Hände entgegen. Er ergriff sie und sie zog ihn zu sich hoch. Sie standen sich schweigend gegenüber und betrachteten sich im Lichte der Morgensonne. Richard streichelte über ihr Gesicht und versank in ihren Augen, während Melanie ihre Hände auf seine Brust legte und seinen Herzschlag spürte. Sie liebte seine braunen Augen und ihr Blick blieb an seinen Lippen hängen. Sie musste es jetzt unbedingt wissen. Was empfand sie wirklich für ihn? Sie kam näher und gab ihm einen Kuss.
Zunächst blieb Richard wie elektrisiert stehen. Jedes Haar auf seinem Körper stellte sich vor Spannung auf. Und dann umschloss er Melanie mit seinen Armen und küsste sie voller Leidenschaft. Er drückte sie ganz fest an sich und es war ihm scheißegal, was die Welt davon hielt. Melanie legte ihre Arme um seinen Hals und atmete seinen Duft ein. In ihr loderte ein Vulkan, der kurz vorm Explodieren war. Und sie wollte nie wieder andere Lippen küssen als die seinen.
„Werde mein“, sagte Richard nur wenige Millimeter von ihrem Mund entfernt.
„Ja“, hauchte Melanie. Sie war gar nicht mehr fähig, klar zu denken.
„Komm mit mir“, sagte er weiter und schaute sie an wie ein Räuber seine Beute.
„Ja“, gab sie nach und fiel in seinen süßen Honigtopf.
Richards Atem beschleunigte sich. Er ergriff ihre Hand und zog sie mit sich zu den Pferden. Er hatte sie geknackt. Melanie hatte sich ihm geöffnet und nun musste er sie fest an sich binden, damit George nicht mehr in der Lage sein würde, sie jemals wieder voneinander zu trennen.



Kapitel 40 Die Segel

29. August 1875

Melanie war das erste Mal in der Hafenstadt und dazu aus einem triftigen Grund. Sie betrachtete sich im Spiegel. Das ausgewählte, schulterfreie Kleid saß wie angegossen. Es betonte ihre Figur und glitzerte silbern im oberen Teil wie das Meer heute Morgen. Ab der Mitte ihrer Oberschenkel bot das Kleid mehr Beinfreiheit und verlief aus fließendem Stoff in mintgrüner Farbe. Es hatte einen Schlitz auf der linken Seite und über Melanies rechter Schulter hing ein durchscheinendes Cape in pastellfarbenem Türkis. Dazu suchte sie sich silberne Schuhe mit flachem Absatz aus und ihre Haare ließ sie wie zumeist offen. Sie verließ den schicken Kleiderladen, nachdem sie an der Kasse überrascht festgestellt hatte, dass die Sachen bereits bezahlt worden waren. Draußen auf der Straße wartete Richard ungeduldig auf sie. Als er sie erblickte, fehlten ihm die Worte. Sie sah aus, als wäre sie soeben aus seinem Traum entsprungen.
„Bist du so weit?“, fragte er und legte seine Hände auf ihre Oberarme.
„Ja, das bin ich“, antwortete Melanie aufgeregt.
Richard nahm sie an der Hand und führte sie Richtung Hafen. Es war mittlerweile fast Mittag und das Wetter war angenehm warm und sonnig. Für das glückliche Paar war es der erste gemeinsame Spaziergang, aber es fühlte sich nicht danach an. Ganz im Gegenteil. Am Hafen angekommen, liefen sie die lange Promenade entlang und betrachteten die Boote und Yachten in der Bucht. Richard suchte nach einem bestimmten Schiff und entdeckte es schließlich: die Liberté. Die Matrosen waren gerade dabei, die Fregatte mit neuen Vorräten zu beladen. Und deren Kapitän stand unten an der Spaziermeile und überblickte das Treiben.
„Guten Morgen, Jacques!“, rief Richard und winkte seinem Freund zu.
„Guten Morgen, Richard! Schön, dich so schnell wiederzusehen. Und wer ist diese reizende junge Dame neben dir?“, grüßte Jacques von Thorotte zurück und guckte voller Staunen auf Richards Begleitung.
„Darf ich vorstellen: Melanie von Bouget“, antwortete der junge Herzog und wirkte äußerst entspannt. Kein Vergleich zum Vorabend, als Jacques ihn vor einem Duell bewahrt hatte.
„Sehr erfreut“, bemerkte er und ließ seinen Blick über Melanies Outfit schweifen. Sie war wahrlich eine Augenweide. Die hinreißende Lady begrüßte ihn höflich und Jacques überlegte, ob es sich um dieselbe Melanie handelte, um die es beim gestrigen Streit gegangen war.
„Jacques, Melanie und ich möchten dich fragen, ob du uns die Ehre erweist, uns heute zu trauen.“, kam Richard sofort zum Thema, denn er hatte keine Zeit zu verlieren. Sein Freund schaute ihn überrascht an.
„Sind Sie sicher, dass Sie diesen Burschen heiraten wollen, Mademoiselle von Bouget?“, fragte der Kapitän und sah die junge Dame forschend an.
„Ja, das will ich“, antwortete Melanie mit absoluter Entschlossenheit.
Richard blickte verliebt zu ihr und wäre am liebsten vor Freude in die Luft gesprungen.
„Nun, wenn das so ist, dann kommt an Bord meines Schiffes. Heute wird Hochzeit gefeiert!“, entgegnete Jacques von Thorotte fröhlich und zeigte mit ausgestrecktem Arm in Richtung der Liberté.
Richard übergab seinem Freund die Heiratspapiere, die er zuvor beim Rathaus besorgt hatte, während Melanie mit dem Aussuchen ihres Hochzeitskleides beschäftigt war. Dann lächelte er seine Braut glücklich an und begab sich gemeinsam mit ihr auf das Schiff. Der Kapitän trommelte seine Mannschaft zusammen. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen und alle gingen an Bord.
Das Segelkriegsschiff Liberté war ein großer Dreimaster. Und mit rund siebenhundert Besatzungsmitgliedern hatten Melanie und Richard eine stattliche Zahl an Gästen auf ihrer Hochzeit, die sich über den überraschenden Grund für den Aufbruch freuten. Der Kapitän ließ den Smutje wissen, dass er ein Festmahl für die Offiziere und das Brautpaar zubereiten solle. Die Matrosen und Soldaten durften zur Feier des Tages einen Teil der frischen Essensvorräte verzehren, die sie erst vor wenigen Stunden aufgestockt hatten. Jacques von Thorotte delegierte das Kommando an seinen jungen Lieutenant. Der gutaussehende Offizier in der blau-weißen Uniform befahl den Matrosen, die Leinen loszulassen und die Segel zu hissen. Die Männer kletterten auf die drei hohen Masten und setzten zuerst die Großsegel und danach das Vorsegel. Das Schiff stach in See. Der Wind stand heute günstig; somit kam die Liberté schnell voran und sie erreichten bald die internationalen Gewässer. Gegen vierzehn Uhr versammelten sich alle auf dem Oberdeck rund um den majestätischen Hauptmast, um der Zeremonie beizuwohnen, die von ihrem Kapitän persönlich abgehalten wurde.
„Sehr geehrte Anwesende“, begann Monsieur von Thorotte seine Rede, „wir haben uns heute hier versammelt, um diesen Mann und diese Frau im Angesicht des weiten Ozeans zu trauen. Wer gegen diese Verbindung ist, ist hier und jetzt nicht gegenwärtig und wird auch später schweigen müssen. Denn die beiden Menschen vor uns haben ihre Entscheidung bewusst getroffen und tragen allein die Verantwortung dafür. Das Einzige, was ich euch auf eurem gemeinsamen Lebensweg mitgeben möchte, ist: gegenseitiges Vertrauen, Toleranz und Respekt. Tragt diese drei Anker stets bei euch, damit ihr nie vom Kurs abkommt. Und nun frage ich als Erstes Sie, Melanie von Bouget: Möchten Sie Richard von Crussol zum Mann nehmen?“
Melanie schaute Richard in die Augen und verspürte das große Verlangen, ihm nahe zu sein. „Ja, ich will!“, antwortete sie.
„Richard von Crussol, möchtest du Melanie von Bouget zur Frau nehmen?“, stellte der Kapitän die Frage an seinen Freund.
Der Bräutigam sah seine Braut an und er wusste, dass er die Richtige an seiner Seite hatte. „Ja, ich will!“, gab er zurück.
„Damit erkläre ich euch zu Mann und Frau“, verkündete Jacques feierlich.
Richard nahm Melanies Gesicht in seine Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Eine Geste, die man nur der Frau seines Herzens gab. Die Zuschauer jubelten und applaudierten ihnen. Die Braut strahlte ihren Ehemann an und sagte: „Das ist das Verrückteste, was ich je gemacht habe. Mit dir durchzubrennen und dich zu heiraten.“
„Ich verspreche dir, du wirst es niemals bereuen“, gab Richard ihr sein Wort und küsste sie auf den Mund. Der Kuss dauerte lange und die Hochzeitsgäste ließen die Champagnerkorken knallen. Die Matrosen brachten den langen Esstisch aus der Offizierskajüte auf das Oberdeck und zusätzlich ein paar Stühle. Der Schiffskoch servierte das leckere Festessen. Es gab köstlichen Fisch in verschiedensten Variationen und es wurde reichlich Rum und Champagner ausgeschenkt. Vier der Matrosen waren musikalisch überaus begabt und holten ihre Akkordeons und Gitarren herbei. Sie spielten Liebesballaden und Seemannslieder, während die übrige Besatzung ausgelassen mitsang. Nach dem Essen und einem Glas Champagner nahm Richard Melanies Hand und führte sie auf die freie Fläche vor den vier Musikanten. Zusammen tanzten sie Tango zu einem argentinischen Liebeslied und vergaßen für einen kurzen Augenblick die Welt um sich herum. Es gab nur sie beide und das war genug. Die Matrosen waren gesättigt und angetrunken. Sie folgten dem intimen Hochzeitstanz und kamen selbst in Stimmung. Sie holten zwei Trommeln hervor und ließen es krachen. Es wurde ausgelassen gesteppt und gesungen und sogar der Kapitän hielt es nicht mehr länger auf seinem Platz aus und stand auf.
„Darf ich Sie um diesen Tanz bitten, Madame von Crussol?“, bat Jacques und streckte Melanie seine Hand entgegen.
Die Frischangetraute schaute kurz zu ihrem Ehemann, der lächelnd nickte und damit einverstanden war. Während der Kapitän und Melanie zusammen tanzten, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln: „Vielen Dank, dass Sie uns diesen riesigen Gefallen getan haben, Monsieur von Thorotte. Sie glauben mir gar nicht, wie glücklich ich in diesem Augenblick bin. Am liebsten würde ich die ganze Welt umarmen.“
„Gern geschehen“, erwiderte der Kapitän. „Und wer weiß, vielleicht wird einer ihrer Sprösslinge später mal ein Seemann, den ich auf meinem Schiff anheuere.“
Melanie lächelte entzückt und Jacques gab insgeheim zu, dass er auf Richard neidisch war, denn seine junge Frau hatte die Anmut einer bezaubernden Nixe. Die Wahl des Herzogs war vortrefflich und sein Freund hätte nur zu gern mit ihm getauscht. Der Kapitän erteilte seiner Mannschaft den Befehl, die komplette rechte Batterie für das Brautpaar abzufeuern. Die Kanonen verursachten einen ohrenbetäubenden Lärm und sowohl Richard als auch Melanie waren von dem Donner begeistert. Sie umarmten sich und mit jedem Kanonenschuss rückten ihre Gesichter näher aneinander, bis sie sich an der Stirn berührten und ihre Augen schlossen. Sie waren endlich beieinander angekommen.
Die Sonne näherte sich allmählich dem Horizont. Der Lieutenant ordnete einen Kurswechsel an, um vor Sonnenuntergang wieder zurückzukehren. Als die Liberté vor der Hafenstadt schließlich den Anker warf, dämmerte bereits der Abend. Richard und Melanie verließen das Schiff als Ehepaar. Sie winkten der Besatzung zum Abschied zu, die johlend an der Reling stand. Vor dem Gehen hatte Jacques von Thorotte dem Frischvermählten die Heiratspapiere unterschrieben zurückgegeben. Noch am gleichen Abend reichte Richard die Dokumente beim Rathaus ein und damit war die Ehe amtlich.



Kapitel 41 Der Säbel

29. August 1875

Richard hob lachend seine Frau hoch und trug sie auf Händen über die Türschwelle in die Hochzeitssuite des Albatros Hotels. Es war ein sehr vornehmes Gasthaus mit edlem Ambiente und lag direkt am Hafen. Melanie schaute sich mit großen Augen um und ging dann zum Fenster. Sie betrachtete den Abendhimmel und die Passanten unten auf den Straßen. Währenddessen zündete ihr Ehemann einige Kerzen im Raum an und begab sich ins Badezimmer, um sich kurz zu erfrischen. Danach folgte Melanie.
„Lass mich aber nicht zu lange warten“, sagte Richard ihr beim Vorbeigehen und schaute ihr hungrig hinterher. Sie lächelte verlegen und schlüpfte durch die Tür ins Bad. Nachdem die Frischangetraute ihre Notdurft verrichtet hatte, setzte sie sich auf den Rand der Badewanne und überlegte. Was würde jetzt passieren? Sie wurde nervös. Das ausführliche Gespräch mit ihrer Mutter hatte sie in der Zwischenzeit nicht mehr nachgeholt, weil Johanna von Bouget davon ausgegangen war, es blieben dafür noch einige Tage Zeit bis zur Hochzeit. Eine Tatsache, die sich schnell geändert hatte. Nun war Melanie verheiratet und wusste absolut gar nichts! Sie atmete tief durch.
„Komm schon, sei mutig!“, sagte sie zu sich selbst und verließ das Bad.
Richard stand am Fenster und schaute hinaus. Er hörte Melanies leise Schritte hinter sich und spürte ihre Hand auf seinem Arm. Dann drehte er sich zu ihr um und zog sie ganz nah zu sich. Er führte seinen Zeigefinger über ihr Gesicht und zeichnete es nach. Dabei berührte sein Daumen ihre Lippen. Melanie nahm ihn zwischen ihre Zähne und biss leicht hinein. Richard lächelte begehrlich und schaute sie an wie ein Tiger, bereit für den Sprung. Endlich war der Augenblick gekommen, in dem er sie verspeisen konnte. Er küsste sie voller Leidenschaft und Melanie schmolz in seinen Armen. Richard öffnete den Reißverschluss ihres Kleides und ließ es zu Boden fallen. Sie sah ihn verwundert an. Warum entkleidete er sie? Er ignorierte ihren irritierten Gesichtsausdruck und zog sein Jackett und anschließend seine Weste und das Hemd aus. Er stand mit entblößtem Oberkörper vor ihr und war dabei, ihr die Unterwäsche auszuziehen. Melanie fühlte das eigenartige Gefühl in sich auflodern. Es gewann an Intensität und hinderte sie daran, sich zu wehren. Sie war nun völlig nackt, körperlich und seelisch. Richard nahm sie hoch und legte sie vorsichtig aufs Bett. Er küsste sie den Hals abwärts, an ihren Brüsten entlang, auf den flachen Bauch, spreizte dann ihre Schenkel und leckte ihren Unterleib. Melanie wurde ganz heiß und sie krallte sich an der Bettdecke fest. Noch nie zuvor war sie auf diese intime Weise von einem Mann berührt worden. Dann stand Richard plötzlich auf und zog sich die Hose und die Unterwäsche aus. Melanie sah lächelnd zu ihm hinüber und erstarrte im nächsten Moment. Voller Staunen glotzte sie ihm zwischen die Beine. Was war denn das?! Sie erinnerte sich schnell an die Unterhaltung im Kleiderladen Sior: Der Mann hätte einen Degen zum Fechten und man selbst müsste schwitzen und bluten. Was geschah gleich mit ihr? Allmählich begann Melanie, sich zu fürchten. Und ihre bittere Erfahrung beim ersten Kuss mit dem Kaiser machte die Sache nur schlimmer. Richard kam zu ihr zurück und positionierte sich direkt über ihr. Er schaute sie voller Fleischeslust an und freute sich auf das gemeinsame Liebesspiel. Doch dann merkte er, dass Melanie zitterte. Sie hatte ihre Augen fest verschlossen und verkrampfte sich.
„Hast du Angst?“, fragte er sie verwirrt.
„Nein, ich bin nur aufgeregt“, log sie, denn sie wollte vor ihm keine Schwäche zeigen.
Richard sah ihr aber eindeutig an, dass sie Angst hatte. Er musste schleunigst etwas dagegen unternehmen, bevor es für sie gleich äußerst schmerzhaft werden würde.
„Gib mir deine Hand“, bat er sie und nahm ihr rechtes Handgelenk. „Öffne deine Augen und schaue mich an.“ Melanie tat, wie ihr geheißen. Dann führte er ihre Hand an sein Glied und ließ sich da von ihr berühren.
„Spürst du, wie hart er ist?“, fragte er mit tiefer Stimme. Melanie nickte zaghaft. „Führe ihn dir selbst ein“, forderte Richard sie auf. Doch sie sah ihn ratlos an.
„Einführen? Wo denn?“, wollte sie wissen.
In diesem Moment begriff er, dass sie absolut keine Ahnung vom Geschlechtsverkehr hatte, also würde er es ihr schonender beibringen müssen. Er streichelte sie zuerst zärtlich an den Außenlippen ihrer Vagina und steckte dann langsam zwei seiner Finger in ihre Scheide. Anschließend bewegte er seine Hand vor und zurück und gab ihr einen innigen Kuss. Melanies Atem beschleunigte sich. Sie genoss das kribbelnde Gefühl und das Zittern verschwand. Richard ließ von ihren Lippen ab und fragte: „Weißt du jetzt, wo?“
Sie nickte. Melanie zog ihn näher an sich und führte seinen Penis in sich ein. Am Anfang verspürte sie ein leichtes Ziehen, aber der Schmerz tat nicht weh, nein, er gefiel ihr sogar. Sie nahm ihre Hand wieder weg und verdeutlichte Richard, dass er weitermachen solle, und das tat er nur zu gern. Er steckte sein Glied ganz tief in sie hinein und Melanie saugte den süßen Schmerz in sich auf. Sie stöhnte auf und verlor sich in Ekstase. Richard genoss ihre feuchte Wärme und jegliche Beherrschung fiel von ihm ab. Er stemmte seine beiden Arme aufrecht auf das Bett, damit er mehr Schwung nehmen konnte, und fickte sie. Nicht zärtlich, nicht lieb und nicht sanft. Sondern hart, grob und dominant. Er fraß sie auf, biss sie am Hals und labte sich an ihren lustvollen Schreien. Melanie spürte, wie der Vulkan in ihr explodierte, und sie von der heißen Lava überrollt wurde. Sie wollte mehr. Mehr von diesem überwältigenden Gefühl, mehr von dieser Hitze, mehr von Richard. Sie begab sich mit ihren Fingerspitzen auf die Suche und streichelte damit über seinen Körper. Angefangen bei den Unterarmen, dann weiter an den muskulösen Oberarmen und den breiten Schultern, anschließend weiter vorne an der behaarten Brust und dem durchtrainierten Bauch, wechselte dann zu dem starken Rücken und krallte sich dort fest. Richard bekam überall Gänsehaut, als Melanies Finger ihn ausforschten, und konnte seine Lust nicht mehr zurückhalten. Er kam mit einem lauten Stöhnen in ihr und fühlte, wie der Druck von ihm abfiel. Dann legte er sich wild schnaufend auf sie und roch an ihren Haaren. Sie dufteten nach dem verlockenden Parfüm von Meeresluft und Salz. Seine gefangene Meerjungfrau war keine Jungfrau mehr. Jetzt gehörte sie ganz allein ihm. Richards Atem wurde wieder flacher, er schloss seine Augen und die Müdigkeit überkam ihn. Er war die vergangene Nacht auf der Suche nach Melanie durchgeritten, hatte am Tag seine Hochzeit ausgiebig gefeiert und nun forderte die Erschöpfung ihren Tribut. Er schlief friedlich ein, während er noch in ihr steckte.
„Richard?“, fragte Melanie verwundert, nachdem sie eine Weile so mit ihm gelegen und sich ausgeruht hatte. „Schläfst du?“
Er antwortete nicht. Ja, er träumte und seine Frau schmunzelte. Sie streichelte über seine Haare und betrachtete eindringlich sein schlafendes Gesicht. Er war der schönste Mann auf Erden. Dann drehte sie ihn liebevoll auf den Rücken und deckte ihn zu. Dabei bemerkte sie die Narbe auf seiner linken Brust, die bis zur Schulter verlief, und erinnerte sich an den Tag, als er sich diese zugezogen hatte. Besser gesagt, als Melanie ihm diese Narbe verpasst hatte. Sie und Richard hatten vor ihrer Hochzeit keine Zeit gehabt, sich ihre Eheringe auszusuchen, aber nun erkannte Melanie, dass sie gar keine brauchten. Sie hatten sich gegenseitig bereits mit Narben gekennzeichnet, die niemals vergingen. Als Melanie vom Bett aufstand, stellte sie überrascht fest, wie viel Blut sie soeben bei dem Akt verloren hatte. Das Bettlaken hatte einen tellergroßen roten Fleck. Plötzlich verstand sie die Erklärung mit dem Degen und musste leise lachen, wobei es sich in Richards Fall eindeutig um einen Säbel handelte.
Der nächste Tag brach herein und die Sonne schien zwischen den Vorhängen hindurch auf das Bett. Richard wachte langsam wieder auf und konnte sich an keinen einzigen Traum der vergangenen Nacht erinnern. Er schaute sich irritiert in der Suite um. Wo war er? Im nächsten Moment erblickte er die schlafende Melanie neben sich und erinnerte sich wieder. Sie beide hatten gestern geheiratet und die Hochzeitsnacht zusammen verbracht. Er drehte sich lächelnd zu ihr und betrachtete sie. Ihre Haare waren leicht feucht und sie duftete nach Apfel. Wahrscheinlich hatte sie sich in der Zwischenzeit gebadet. Richard nahm ihre Decke ein Stück hoch und schaute lustvoll auf ihren splitternackten Körper. Er wurde augenblicklich wieder geil – aber nein, er wollte sie schlafen lassen. Abgesehen davon irritierte ihn das Handtuch, auf dem Melanie schlief. Warum lag es da überhaupt? Er schob es ein wenig zur Seite und erschrak vor dem Blutfleck, der sich darunter verbarg. Hatte er das etwa während des Beischlafs verursacht?
„Du Vollidiot!“, schalt Richard sich selbst in Gedanken. „Wieso habe ich sie so grob genommen? Vermutlich wird sie mich nicht mehr an sich ranlassen!“
Er stand auf und schlich mit unendlich schlechtem Gewissen ins Badezimmer. Was war er nur für ein Tier? Für gewöhnlich ging er mit Frauen beim Sex einfühlsamer um. Er zwang sie niemals zu etwas. Warum hatte Melanie ihm nicht verdeutlicht, dass es ihr wehgetan hatte? Wahrscheinlich hatte sie es sogar versucht und er hatte es in seiner Wollust nicht mitbekommen. Richard war völlig niedergeschlagen und entschied, es wieder gut zu machen. Sobald er mit der Körperpflege fertig war, zog er sich leise an und ging vorsichtig aus der Suite hinaus. Nach einer Viertelstunde kam er wieder zurück und trug ein volles Tablett. Er stellte die Frühstückssachen auf dem Tisch ab und bewegte sich langsam zu Melanie ans Bett. Dann setzte er sich neben sie und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Sie erwachte von der liebevollen Berührung und lächelte ihn an.
„Guten Morgen, mein Engel. Zeit fürs Frühstück“, sagte er sanft, stand wieder auf und holte das Tablett. Sie nahmen die erste Mahlzeit des Tages zusammen im Bett ein und unterhielten sich über den gestrigen Tag auf See. Melanie kam das alles vor wie ein nicht enden wollender Traum. Ihr Herz war erfüllt von Glück und sie hatte das Gefühl, in Richard ihren Traumprinzen gefunden zu haben. Der Moment konnte nicht seliger sein, bis ihr Mann plötzlich ernst wurde.
„Tut mir leid wegen gestern Abend. Ich hätte sanfter zu dir sein müssen“, sagte er und sah sie schuldbewusst an. Melanie wusste sofort, was er damit meinte, aber er lag mit seiner Vermutung absolut falsch. Sie schob das Tablett zur Seite und kroch nackt auf allen vieren zu ihm ans andere Ende des Bettes. Dann setzte sie sich auf ihn und knöpfte langsam sein Hemd auf.
„Lust auf eine zweite Runde?“, fragte sie verführerisch.
Richard starrte sie fassungslos an.
„Und ob ich Lust habe“, antwortete er und warf sich zusammen mit ihr nach vorne, sodass sie auf dem Rücken landete. Er riss sofort seine Kleidung von sich und verfing sich dabei in Melanies Haaren. Sie lachte und sah voller Gier zu ihm. Dann nahm er sie hoch und trug sie zum Sideboard, das an der Wand stand. Setzte sie darauf ab und drang mit Kraft in sie ein. Melanie hielt sich mit beiden Händen am Kerzenhalter über sich an der Wand fest und warf ihren Kopf lustvoll nach hinten. Es fühlte sich verdammt gut an, wie er sie an den Beinen festhielt und immer wieder zustieß. Richard schaute auf ihre wohlgeformten Brüste, die von den lockigen Haaren leicht verdeckt wurden und bei jedem Stoß erzitterten.
„Liebst du mich?“, fragte er sie.
„Ja“, hauchte sie mit geschlossenen Augen.
„Dann sage es mir!“, forderte er sie auf und wurde wilder.
„Ich liebe dich, Richard“, stöhnte sie und wollte, dass er sie noch doller nahm.
„Du liebst nur mich, vergiss das nicht“, hämmerte Richard in sie hinein.
„Ja“, sprach sie und ihre Stimme war voller Verlangen. „Ich will mehr.“
„Du kriegst mehr“, sagte Richard und überschüttete sie mit so viel Leidenschaft, dass Melanie schweißgebadet auf dem Boden lag und vollends erschöpft war.



Kapitel 42 Die Herzensbrecher

1. September 1875

Die Uhr an der Wand schlug vierzehn Mal und Johanna von Bouget blickte besorgt auf das Ziffernblatt. Sie hatte die letzten zwei Nächte kaum geschlafen, denn ihre jüngste Tochter war immer noch spurlos verschwunden. Die ganze Gegend wurde bereits nach ihr abgesucht, aber es gab absolut kein Lebenszeichen von ihr. Die Mutter befürchtete das Schlimmste: dass Melanie etwas zugestoßen sein könnte und sie irgendwo verletzt und hilflos auf der kalten Erde liegen würde, wenn nicht sogar schon tot war! Nein, daran wollte sie nicht einmal denken. Veronika und Jane saßen bei ihr im Wohnzimmer und schauten betrübt. Thomas von Bouget und sein Sohn Jakob waren zusammen mit allen Bediensteten ihres Hauses draußen unterwegs, auf der Suche nach der Vermissten, und waren heute noch nicht zurückgekehrt. Johanna stand von ihrem Platz auf und lief im Zimmer auf und ab. Ihre Nerven lagen blank. Sie erschrak förmlich, als es am Haupteingang klingelte. Sie stürmte zum Eingang, dicht gefolgt von ihren beiden Töchtern, und riss die Tür auf. Dahinter stand George und lächelte sie freundlich an.
„Guten Tag, Madame von Bouget. Dürfte ich reinkommen?“, begrüßte George seine zukünftige Schwiegermutter und war etwas irritiert darüber, dass sie ihn sprachlos anstarrte. Normalerweise hätte sie ihn schon längst hereingebeten.
„Guten Tag, George. Selbstverständlich“, antwortete die Mutter gedankenverloren.
Er merkte sofort, dass sie völlig durch den Wind war. Der Grafensohn begrüßte Jane und Veronika ebenfalls, die außergewöhnlich still und traurig wirkten. Abgesehen davon war es unheimlich leise im Haus. Niemand sonst war zu sehen. Selbst der Butler, der üblicherweise die Tür für Besucher öffnete, ließ sich nicht blicken.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte George die Baronin und sein Gefühl sagte ihm, dass hier etwas nicht stimmte.
Madame von Bouget überlegte, ob sie ihn anlügen oder ehrlich zu ihm sein sollte. Sie entschied sich für die Wahrheit. „Melanie ist seit drei Tagen spurlos verschwunden und wir suchen nach ihr, aber bis jetzt ohne Erfolg“, gestand die Mutter und Tränen fanden wieder ihren Weg auf ihr Gesicht.
George starrte sie entsetzt an.
„Verschwunden?!“, wiederholte er laut.
„Ja. Sie ist mit ihrem Pferd weggeritten und seitdem hat sie niemand mehr gesehen“, erklärte Johanna und weinte in ihr Taschentuch.
George fasste sich mit der Hand an die Stirn und war völlig vor den Kopf gestoßen. Warum erfuhr er erst jetzt davon, wenn Melanie doch seit mehr als drei Tagen fort war?
„Wohin ist sie losgezogen?“, wollte er sofort wissen, denn er musste sie finden.
„Richtung Osten. Das ist alles, was wir sagen können“, erklärte die Mutter trostlos.
Jane trat näher und wollte gerade etwas erzählen, da stürmte George bereits aus dem Haus und marschierte schnellen Schrittes zurück zu seinem Pferd. Die drei Damen folgten ihm. In diesem Augenblick kamen zwei weitere Reiter dem Anwesen näher und hielten unmittelbar vor Madame von Bouget an.
„Guten Tag, Monsieur von Guise und Monsieur von Ailly. Können wir Ihnen irgendwie helfen?“, fragte Johanna und war sichtlich überrascht über das plötzliche Auftauchen der beiden Herren.
„Wir suchen jemanden“, antwortete Vincent knapp. Denn er wollte in Georges Anwesenheit nicht den Namen der vermissten Person nennen.
„Ihr sucht ebenfalls nach jemandem?“, bemerkte Veronika verwundert und trat an Henri heran.
„Warum ebenfalls? Wen sucht ihr?“, stellte Henri ihr stattdessen die Gegenfrage.
„Unsere Schwester Melanie. Sie ist seit drei Tagen nicht mehr nach Hause zurückgekehrt“, berichtete Veronika besorgt.
Vincent und Henri sahen sich vielsagend an. Könnte es vielleicht sein, dass die beiden vermissten Personen mit Absicht nicht wieder auftauchten?
George kam zu den zwei Reitern und fragte forsch: „Wen sucht ihr?“ Denn er hatte eine böse Vorahnung. Vincent zögerte kurz und antwortete schließlich: „Unseren Freund Richard von Crussol.“
George schnappte nach Luft. Das hatte er befürchtet. Ausgerechnet diesen Halunken! Er hoffte inständig, dass es nur ein Zufall war und dass seine Verlobte und dieser Richard nicht gemeinsam unterwegs waren. Denn George kannte die brisante Geschichte bezüglich der beiden. Das Gerücht, das ihm seine Mutter erzählt hatte. Angeblich war Melanie von Bouget die heimliche Geliebte des Herzogs von Crussol. George war kein Mensch, der an Gerüchte glaubte, aber gerade jetzt bekam er Zweifel. Abgesehen davon hatte Melanie ihn mit ihrer Art von Beginn an umgehauen. Er hatte sie kennenlernen müssen, obwohl er von Richards tatsächlicher Buhlerei um sie spätestens seit dem Ball auf dem Jagdschloss des Kaisers wusste. Und wie der Herzog ihn vor einigen Tagen im Gentlemen’s Club der FSP angestiert hatte: als ob er sich gleich auf ihn stürzen und ihm den Hals umdrehen wollte. Wenn dieser Tunichtgut für Melanies Verschwinden verantwortlich war, dann wusste George nicht, wie er reagieren würde, sobald er es herausfände. Er drehte sich wütend um und sah plötzlich, wie zwei Personen langsam auf ihren Pferden näherkamen. George erkannte sofort Melanies rote Locken und lief ihr entgegen. Auch die Übrigen hatten die Neuankömmlinge bemerkt und eilten zu ihnen. Plötzlich sah George das Gesicht der zweiten Gestalt. Er hörte augenblicklich auf zu rennen und hatte Angst vor dem, was kommen würde.
Johanna von Bouget und ihre beiden ältesten Töchter stürmten an ihm vorbei und liefen direkt auf Melanie zu.
„Melanie! Du lebst!“, rief sie überglücklich und umarmte ihre Tochter. „Was ist mit dir passiert? Bist du verletzt?“, fragte sie besorgt.
„Nein, es geht mir gut, Mama“, antwortete Melanie und lächelte schuldbewusst.
„Wo bist du gewesen?“, fragte Veronika vorwurfsvoll. Melanie ignorierte ihre Schwester. Stattdessen schaute sie hinüber zu George, der abseits auf dem Gehweg stehen geblieben war und das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete. Sie ging an den anderen vorbei, direkt zu ihm, und sammelte innerlich Kraft.
Vincent und Henri hielten mit ihren Pferden neben Richard und sahen ihn forschend an.
„Hast du es tatsächlich getan?“, fragte Vincent ihn und Richard wusste genau, was er damit meinte. Er nickte leicht und Henri sah ihn entgeistert an.
„Willst du uns weismachen, dass du sie verführt hast?“, wollte Henri es genau wissen.
„Geheiratet“, korrigierte Richard ihn.
Seine Freunde starrten ihn fassungslos an.
„Du bist ein toter Mann“, stellte Vincent klar und schaute ernst.
„Übertreibst du da nicht etwas?“, fragte Henri verwirrt.
„Wie bitte? Wie würdest du reagieren, wenn dir deine Braut kurz vor der Hochzeit gestohlen würde?“, stellte Vincent ihm die Gegenfrage, woraufhin Henri und Richard tief seufzten.
„Wir bleiben besser hier bei ihm. Er braucht gleich mit Sicherheit ein paar Leibwächter“, erklärte Vincent und stieg von seinem Pferd. Henri und Richard taten es ihm gleich. Sie sahen, wie Melanie und George sich unterhielten und der Verschmähte dabei immer blasser wurde. Irgendwann ging er zwei Schritte von seiner ehemaligen Verlobten zurück und schüttelte ungläubig den Kopf. Seine Augen wurden rot und er ballte die Fäuste. George starrte hasserfüllt zu Richard herüber und rannte auf ihn zu. Vincent und Henri stellten sich schützend vor ihren Freund, doch dieser ging zwischen ihnen hindurch und war bereit für das Duell. Endlich konnten sie wie echte Männer miteinander kämpfen. Richard hätte dies gerne noch vor seiner Hochzeit hinter sich gebracht, aber dann wäre der mögliche Sieg nicht seiner gewesen, denn schließlich entschied Melanie, wer sie bekam. Mittlerweile stand ihr Entschluss unwiderruflich fest und nun musste der Verlierer es akzeptieren, notfalls mithilfe von Richards rechter Hand. George holte aus und schlug zu. Sein Gegner wich ihm geschickt aus und rammte ihm stattdessen seine Faust in den Bauch. George keuchte und hielt mit dem Arm seinen Bauch fest, aber er gab nicht auf. Er drehte sich um und versuchte wieder, einen Treffer zu landen: vergebens. Richard war ein erfahrener Kämpfer und mit allen Wassern gewaschen. George verfehlte seinen Kontrahenten immer wieder, bis es ihm reichte und er sich mit dem ganzen Körper auf ihn stürzte. Richard nutzte die Energie des Angriffs aus, drehte sich zusammen mit seinem Rivalen um hundertachtzig Grad und beförderte ihn auf den Boden. George blieb von dem harten Aufprall die Luft weg.
„Gib auf“, sagte Richard und meinte es ernst; sonst würde er ihn gleich windelweich prügeln.
George stand wieder auf und schrie ihn an: „Warum hast du sie mir nicht gegönnt?! Obwohl du mit Elisabeth verlobt warst, hast du trotzdem Melanie geheiratet! Wieso?!“
Madame von Bouget und ihre beiden älteren Töchter schnappten geräuschvoll nach Luft, als sie dies hörten.
„Weil sie nicht deine Kragenweite ist, George. Du hättest sie niemals glücklich gemacht“, antwortete Richard selbstbewusst.
George lief mit Gebrüll auf ihn zu und kassierte einen kräftigen Schlag ins Gesicht. Er taumelte zurück und wischte sich das Blut von der aufgeplatzten Lippe. Unbändiger Zorn überkam ihn. Er drehte sich um und suchte mit seinen Augen nach der Frau, die das alles überhaupt verursacht hatte. Melanie stand immer noch an der Stelle, an der sie ihm offenbart hatte, dass sie statt seiner Richard geheiratet hatte. Die Ehe hatten sie bereits vollzogen. Somit war jede Hoffnung für George dahin. Er schritt wutentbrannt auf sie zu und Richard lief ihm nach. Wenn George es wagen sollte, Melanie auch nur ein Haar zu krümmen, dann würde Richard ihn mit bloßen Händen erwürgen! Doch George blieb kurz vor ihr stehen und schaute sie mit tränenunterlaufenen Augen an. Sie hatte ihm unendlich viel bedeutet und tat es immer noch. Er konnte ihr nichts antun, dafür liebte er sie zu sehr.
„War das alles nur gelogen? Hast du nie etwas für mich empfunden?“, fragte er sie laut und Tränen liefen ihm übers Gesicht.
Melanie sah ihn voller Mitgefühl an. Wie konnte sie George nur so etwas antun? Er war ihr bester Freund. Sie hatten gemeinsam gelacht und sich immer gut verstanden. Er hatte sie stets respektvoll behandelt und ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht. Keiner hatte es sonst getan, nur George. Und jetzt brach sie ihm das Herz. Es tat ihr in der Seele weh, ihn so leiden zu sehen. Sie spürte Tränen auf ihren Wangen und dann sagte sie: „George, ich liebe dich.“
Richard blieb stehen und starrte sie geschockt an. Das hatte sie nicht wirklich gerade gesagt?
„Aber ich liebe Richard mehr“, erklärte Melanie weiter. „Es tut mir schrecklich leid, was ich dir angetan habe. Ich wünschte, es wäre alles anders verlaufen. Du bist ein guter Mensch, George, und ich tue dir so furchtbar weh.“
Sie ging langsam auf ihn zu und streckte ihm ihre Hand entgegen. Auf ihrer Handfläche lag der Verlobungsring, den sie ihm nun zurückgeben wollte. Doch George schüttelte energisch den Kopf und sprach mit bebender Stimme: „Ich sagte doch, dass er dir gehört, egal, wie du dich entscheidest.“
Und damit ging er schnell an ihr vorbei zurück zu seinem Pferd, stieg auf und ritt davon, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen. Melanie legte eine Hand auf ihre Brust und fühlte einen tiefen Schmerz in ihrem Herzen. Sie hatte soeben einen sehr guten Freund verloren und konnte es nicht mehr ungeschehen machen.
Johanna von Bouget hatte sich das Ganze schweigend angesehen und war nun feuerrot im Gesicht angelaufen. Sie starrte Melanie an, als wäre sie eine Fremde.
„Hau ab!“, schrie ihre Mutter sie an. „Hast du das kapiert?! Geh und lebe dein verdammtes Leben, wie du es für richtig hältst, aber hier bist du nicht mehr willkommen!“
Die Baronin von Bouget drehte sich zornig um und stolzierte zurück zu ihrem Anwesen. Melanie schaute ihr fassungslos hinterher. War sie soeben von ihrer eigenen Mutter verstoßen worden? Sie sah ihre Schwestern an. Veronika war ebenfalls geschockt und rührte sich nicht. Jane dagegen schüttelte verständnislos den Kopf, drehte sich um und folgte ihrer Mutter. Melanie schloss kurz ihre Augen und atmete tief aus. Sie war nun endgültig vorbei, ihre Zeit im Elternhaus. Sie sah zu Richard hinüber, der genauso erschüttert aussah wie sie selbst. Er kam langsam zu ihr, nahm sie vorsichtig an der Hand und zog sie mit sich. Sie folgte ihm wortlos und glaubte, alles um sich herum einstürzen zu sehen. Was hatte sie erwartet? Als abtrünnige Herzensbrecherin hatte sie es nicht anders verdient, als dass man sie davonjagte. Richard setzte Melanie auf ihr Pferd und zusammen mit Vincent ritten sie langsam weg.
Veronika und Henri standen noch eine ganze Weile schweigend da und schauten sich gegenseitig an. Ihre Blicke waren voller Sehnsucht. Wie würde es jetzt für sie beide weitergehen? Denn was niemand zu diesem Zeitpunkt wusste, war, dass Veronikas ein Geheimnis in sich barg, und von dem sie Angst hatte, es ihrem Liebsten zu offenbaren.
Henri lächelte ihr aufmunternd zu, drehte sich dann um und galoppierte auf seinem Pferd seinen Freunden hinterher.

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