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Blitz und Donner Kapitel 31 - 36

Kapitel 31 Die Tee-Party

24. Juli 1875

Vincent staunte nicht schlecht, als gleich zwei Hochzeitseinladungen am selben Tag bei ihm eintrafen. Er las sich die hochwertigen Karten durch. Die erste Einladung kam von Melanie von Bouget und George von Bellagarde. Und die Zweite stammte von Elisabeth D'Argies und Richard von Crussol. Die beiden Hochzeitsfeiern waren sogar auf denselben Monat gelegt worden und lagen nur eine Woche auseinander. Zuerst würden am 3. September Melanie und George vor den Traualtar treten und später am 10. September Elisabeth und Richard.
„Na, wie schön“, dachte sich Vincent. Er hätte nur zu gern die Namen der Bräute miteinander vertauscht, dann wäre er vollends zufrieden gewesen und würde auf beiden Hochzeiten ausgelassen feiern. Bedauerlicherweise war seine Meinung in diesem Falle nicht gefragt. Er beschloss daher, ab sofort den Mund zu halten und die jungen Leute ihr Leben führen zu lassen, wie sie es für richtig hielten. Er selbst hatte nicht das Glück im Leben gehabt, die Frau zu heiraten, die er bedingungslos geliebt hatte. Er betrachtete wehmütig ihr Porträt, das in seinem Arbeitszimmer neben dem Bücherregal hing. Auf diesem Gemälde war sie zarte siebzehn Jahre alt und strahlte pure Lebensfreude aus. In dem Alter war er ihr zum ersten Mal begegnet. Und genauso wollte er sie in Erinnerung behalten: als eine zuversichtliche, junge Lady, der keine Herausforderung zu groß war. Nicht kreideweiß wie an dem einen schicksalhaften Tag, an dem er sie zum letzten Mal in seinen Armen gehalten hatte. Vincent atmete ein paar Male tief ein und wieder aus, schüttelte die trüben Gedanken aus seinem Kopf, zog stattdessen einen seiner feinsten Anzüge an und begab sich auf die Spendenparty der FSP.
Der Wahlkampf stand vor der Tür und die berühmten Tee-Partys fanden wieder regelmäßig statt. Auf diesen besonderen Veranstaltungen waren nur Leute aus der Oberschicht vertreten. Die jeweilige Partei erhoffte sich dadurch, großzügige Spendengelder zu sammeln und Wahlkampf in einflussreichen Kreisen zu betreiben. Die geladenen Männer kamen aber selten allein. Viele nahmen eine Begleitperson mit, manche ihren guten Freund, oder wie der junge Monsieur von Bellagarde seine Verlobte. Als Vincent ihnen begegnete, begrüßte er George und Melanie ganz herzlich und gratulierte den beiden zu ihrer Verlobung. Ihm fiel sofort auf, wie glücklich George an der Seite seiner Auserwählten strahlte. Vincent konnte ihn absolut verstehen. Wenig später begegnete er Richard, der ebenfalls in Begleitung seiner Verlobten erschienen war. Auch diesem wunderschönen Paar wünschte er alles Gute für die bevorstehende Hochzeit, allerdings hatte Vincent das Gefühl, dass nur Elisabeth sich darüber freute und ihm für die Glückwünsche dankte. Sein bester Freund Richard stand nur schweigend daneben und schaute zur Seite, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken. Vincent konnte ihn ebenfalls absolut verstehen. Trotzdem würde er am heutigen Tag niemandem einen Ratschlag geben, sondern nur beobachten und die Lage einschätzen.
Willhelm Girard, der Vorsitzender der FSP, war selbstverständlich ebenfalls auf der Tee-Party, die in einem Botanischen Garten stattfand. Die Sonne schien durch das fragile, gläserne Dach und es duftete an jeder Ecke nach exotischen Früchten und Blumen. Der Politiker flanierte durch den Garten und begrüßte die anwesenden Gäste. Bei einem großen Strauch mit Granatäpfeln entdeckte er George von Bellagarde und Melanie von Bouget und begab sich sofort zu ihnen. Er war von diesem jungen Paar besonders angetan. Seiner Ansicht nach war Monsieur von Bellagarde ein äußerst intelligenter junger Mann mit einer außerordentlich modernen Einstellung. Es verwunderte Willhelm nicht im Geringsten, dass George sich mit einer erfolgsorientierten und aufstrebenden, jungen Dame wie Melanie von Bouget verlobt hatte. Willhelm und das junge Paar unterhielten sich über die Umwelt und darüber, dass der Mensch die Natur nicht als seinen Feind, sondern als seinen Freund betrachten sollte, der den größten Respekt verdiente. Die Location für diese Tee-Party war aus einem wichtigen Grund in den Botanischen Garten verlegt worden. Die Natur sollte die Gesellschaft daran erinnern, dass die Pflanzenwelt sehr vielfältig war und jede Art ihre besonderen Bedürfnisse hatte, auf die der Mensch Rücksicht nehmen sollte. Man konnte dieses Prinzip auf die Bevölkerung übertragen. Jeder Bürger hatte seine Wünsche und die Aufgabe der Politik war es, sie zu verstehen.
Das Gespräch dauerte noch an, als drei weitere Personen des Weges kamen und sich zu ihnen gesellten. Willhelm Girard begrüßte Vincent von Guise, Elisabeth D'Argies und Richard von Crussol freundlich. Mit diesen drei Herrschaften verstand er sich weniger gut, aber er respektierte sie. Dies lag vor allem daran, dass die beiden jungen Herzöge aus alten Aristokratenfamilien stammten, die eine konservative Sicht von der Welt hatten. Sie ließen sich nur äußerst schwer von den neuen Ideen aus der Politik begeistern. Und da war auch noch Elisabeth D'Argies. Willhelms Meinung nach verkörperte sie genau das Frauenbild, das er in der Öffentlichkeit zu ändern versuchte.
„Wie schätzen Sie Ihren Erfolg bei der Wahl nächstes Jahr im September ein, Monsieur Girard? Hat die FSP überhaupt eine Chance, sich gegen die konservative Partei des Kaisers durchzusetzen, die gerade an Aufschwung gewinnt und die Mehrheit im Parlament innehat?“, begann Vincent das Thema Politik.
„Ich gebe zu, es wird schwierig, sich zu behaupten. Aber ich bin davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft kurz vor einem Wandel steht und liberale Parteien in Zukunft mehr Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten werden“, erläuterte der erfahrene Politiker.
„Sie setzen sich für die Gleichberechtigung zwischen den Schichten ein. Warum? Es gab schon immer Arme und Reiche. Diejenigen, die wegen ihres Nichtstuns in der Gosse landen und jene, die durch Leistung an die Spitze gelangen. Wieso wollen Sie trotzdem die Bedürftigen unterstützen, die für ihre Armut selbst verantwortlich sind?“, stellte Richard die Frage. An Arroganz fehlte es ihm dabei kaum.
„Weil das Leben einem manchmal übler mitspielt, als es einem lieb wäre, und nur noch der Weg in die Gosse, wie Ihr, Monsieur von Crussol, es beschreibt, offensteht“, antwortete Willhelm Girard freundlich.
„Ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass die Oberschicht Ihre Partei wählen wird, wenn Sie damit öffentlich suggerieren, Projekte für die Armen mit der Reichensteuer zu finanzieren“, gab Richard zu bedenken.
Willhelm sah den jungen Herzog ernst an und gab in seinen Gedanken zu, dass sein Gegenüber leider recht hatte.
„Monsieur Girard, was hielten Sie davon, wenn Frauen das Stimmrecht für die Wahl erteilt bekämen?“, mischte Melanie sich in die Unterhaltung der Männer mit ein.
Die übrigen Anwesenden sahen sie verwundert an. Denn sie hatte damit ein heikles Thema angestoßen. Seit Jahrzehnten befürworteten Aktivistinnen das Wahlrecht für Frauen, das von der Regierung und der Krone auf das Schärfste abgelehnt wurde.
„Wie lächerlich“, spottete Elisabeth über die aberwitzige Bemerkung und kicherte leise.
„Nennt mir bitte einen Grund, warum ich diesen Vorschlag vor das Parlament bringen sollte“, wollte der Politiker gerne wissen.
„Sie setzen sich doch für die Gleichberechtigung in der Bevölkerung ein. Dazu gehört die Gleichstellung von Mann und Frau, oder etwa nicht? Abgesehen davon bekämen Sie die vielfache Anzahl an Stimmen für Ihre Partei, wenn Sie den Bürgerinnen mehr Rechte zusprächen. Der weibliche Anteil würde sich mit den Wählerstimmen bei der FSP bedanken“, antwortete Melanie selbstsicher und ignorierte Elisabeths ständiges Kopfschütteln.
Willhelm Girard überlegte kurz. Diese Idee war äußerst kühn. Damit er sie aber in die Tat umzusetzen konnte, benötigte er enorme Hilfe aus überaus mächtigen Kreisen. Und es wäre von Vorteil, wenn er eine charismatische Vertreterin dieser zukunftsorientierten Vorstellung an seiner Seite hätte.
„Madame von Bouget, sagt Euch die Vereinigung der Freimaurer etwas?“, fragte Monsieur Girard die junge Frau.
Vincent, Richard und George horchten sofort auf und sahen den Vorsitzenden der FSP gebannt an.
„Nein, leider nicht“, gestand Melanie und ärgerte sich über die Wissenslücke.
„Hättet Ihr Interesse, zum nächsten Treffen dieser Loge zu kommen? Ich würde Euch dort einigen Leuten vorstellen, die Euren Vorschlag mit Sicherheit gut fänden“, unterbreitete der Politiker ihr das Angebot.
„Ja, gerne, wenn das Ziel dabei lautet, dass meine Leidensgenossinnen und ich in der Lage sein werden, bei der kommenden Wahl unsere Stimmen abzugeben“, nahm Melanie die Einladung lächelnd an.
„Großartig. Das Treffen findet in zwei Tagen statt. Über den genauen Ort und die Uhrzeit werdet Ihr von mir kurzfristig informiert“, erklärte Monsieur Girard mit einem breiten Lächeln. Er pflückte zwei prächtige Granatäpfel vom Strauch und überreichte einen davon Mademoiselle von Bouget. Melanie nahm die Frucht etwas verlegen entgegen.
„Und Euch möchte ich ebenfalls dazu einladen, Monsieur von Crussol“, sagte Wilhelm Girard und hielt Richard den zweiten Granatapfel hin.
„Wie bitte, mich?“, Richard war über die plötzliche Einladung überrascht.
„O ja, unbedingt! Ein Mann von Eurem Kaliber ist in unseren Reihen immer gut aufgehoben. Ihr müsst kommen“, bestand Willhelm Girard auf seinem Angebot. Er erhoffte sich, den mächtigen Herzog auf seine Seite zu ziehen und somit allmählich Stimmen aus der Oberschicht für die FSP zu gewinnen.
Richard überlegte. Wozu sollte er sich am Wahlkampf der FSP aktiv beteiligen? Er wollte die Einladung von Monsieur Girard bereits ablehnen, als er zu Melanie herüberschaute und erkannte, dass sie ihm direkt ins Gesicht sah. Ihre unwiderstehlich grünen Augen lockten ihn zu sich.
„Ja, ich werde kommen“, antwortete er und konnte seinen Blick nicht mehr von ihr abwenden.
Melanie lächelte leicht und sein Herz schlug schneller. Monsieur Girard legte dem Herzog von Crussol den zweiten Granatapfel in die Hand und Richard erwachte wieder aus seinem Tagtraum.
„Hervorragend! Das wird ein vielversprechendes Zusammentreffen“, sagte Monsieur Girard und hatte das großartige Gefühl, zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten in seinen Wahlkampf eingebunden zu haben.
„Und jetzt entschuldigt mich bitte, die Pflicht ruft. Die anderen Gäste verlangen nach meiner Aufmerksamkeit“, verabschiedete er sich.
Die übrigen fünf Herrschaften nickten sich zum Abschied höflich zu und liefen weiter zwischen den Bäumen und Sträuchern aus fremden Ländern umher. Richard drehte seinen Kopf über die Schulter und sah zu Melanie hinüber, die sich zusammen mit George in die andere Richtung entfernte. Und genau im gleichen Augenblick sah sie ebenfalls kurz zu ihm und hielt ihren Granatapfel ganz nah an ihre Brust.

Am Abend saß Richard an seinem Schreibtisch und ließ die Arbeit ruhen. Er schälte den Granatapfel und dachte dabei an Melanie. Ob sie wohl in diesem Moment das Gleiche tat? Er legte sich ein paar saftige Granatapfelkerne in den Mund und genoss mit geschlossenen Augen den säuerlich-süßen Geschmack der Himmelsfrucht. Er stellte sich Melanies rote Lippen vor und wünschte sich, sie wäre jetzt bei ihm.



Kapitel 32 Das Kerzenlicht

26. Juli 1875

Thomas von Bouget saß gemeinsam mit seiner jüngsten Tochter im Wohnzimmer und er berichtete ihr alles, was er über die Freimaurer-Loge wusste. Als Melanie ihm kurz zuvor offenbart hatte, dass sie zum nächsten Treffen dieser mächtigen Vereinigung eingeladen war, staunte er über alle Maßen. Der Vater erklärte ihr, dass es diesen Bund bereits seit über zwei Jahrhunderten gäbe und die Mitglieder aus den unterschiedlichsten Kreisen wie Politik, Medizin, Kunst, Wissenschaft, Militär, Adel und so weiter stammten. Und sie alle hatten eines gemeinsam: großen Einfluss und Macht, die sie im Verborgenen ausübten. Jemand, der von dieser Loge unterstützt wurde, konnte zu fast hundert Prozent mit Erfolg in seiner Sache rechnen. Frauen war die Mitgliedschaft in dieser Vereinigung untersagt, weshalb sich der Baron ziemlich wunderte, dass seine Tochter eine Einladung erhalten hatte. Wie dem auch sei, Melanie begab sich in einen elitären Kreis und das war ein großes Privileg. Sie verstand nun, dass diese Zusammenkunft ihre Feuerprobe sein würde. Und sie bereitete sich ausgezeichnet darauf vor.
Der Tag der geheimen Versammlung war gekommen. Nur drei Stunden vor dem Beginn erhielt Melanie eine Nachricht von Monsieur Girard bezüglich der Koordinaten. Die Mitglieder würden sich um neunzehn Uhr in der alten Festung am Rande der Stadt treffen. Sie zog sich um und nahm dieses Mal die Kutsche. Es regnete unaufhörlich bereits den ganzen Tag lang und zwischendurch hatte es sogar kräftig geschüttet.
„Nach so langer Trockenzeit bringen die vielen Wassermassen vom Himmel mit Sicherheit nichts Gutes mit sich“, überlegte Melanie während der Fahrt.
Ihre Kutsche kam zum Stehen und sie schaute aus dem Fenster. Die imposante Festung ragte dunkel in den Abendhimmel und strahlte Bedrohung aus. Melanie stieg vorsichtig aus und näherte sich langsam dem beeindruckenden Gebäude. Der Kutscher spannte freundlicherweise den Regenschirm über sie auf, damit sie vom Regen nicht nass wurde, und geleitete sie bis zum hohen Eingang. Melanie durchschritt das große Tor aus massiver Eiche und lief den eindrucksvollen, breiten Gang entlang. Auf dem Boden lag ausgerollt dunkelblauer Teppich und an den Steinwänden hingen brennende Fackeln. Melanie hatte das sonderbare Gefühl, eine alte Gruft betreten zu haben. Die geheimnisvolle Atmosphäre dieses Abends konnte man förmlich mit den Händen greifen. Sie erreichte die große Halle am Ende des Ganges und sah sich um. Überall brannten Kerzen, entweder einzeln an den Fensterbänken platziert oder auf den langen Kerzenständern, die lose in der Halle standen. Sogar an dem großen Kronleuchter, der von der hohen Decke hing, waren Kerzen angebracht. Man bemerkte deutlich den Geruch von heißem Wachs, der in der Luft lag. Es spielte keine Musik, aber die Halle war erfüllt von Menschenstimmen. Die meisten Mitglieder waren schon eingetroffen – so auch Wilhelm Girard, der direkt am Eingang auf Melanie gewartet hatte und bei ihrem Anblick sofort zu ihr eilte.
„Schön, dass Ihr hergekommen seid, Mademoiselle von Bouget. Ich werde Euch gleich einigen Mitgliedern vorstellen. Wir warten nur noch auf den zweiten Gast. Darf ich Euch schon mal etwas zu trinken bringen?“, begrüßte er sie höflich und wirkte äußerst charmant.
„Guten Abend, Monsieur Girard. Ja, ich nehme ein Glas Macallan Whisky“, erwiderte Melanie freundlich und der Vorstandsvorsitzende der FSP begab sich sogleich an die Bar, um das gewünschte Getränk zu besorgen. Melanie schaute sich währenddessen genauer um. Es waren ausnahmslos Männer anwesend, die neugierig zu ihr herüberspähten und tuschelten. Sie schmunzelte. Die Herren fragten sich bestimmt, was sie hier bloß verloren habe.
„Einen wunderschönen guten Abend.“
Die vertraute Stimme weckte Melanies Aufmerksamkeit und sie drehte sich augenblicklich um. Richard stand unmittelbar hinter ihr und lächelte verschmitzt.
„Hallo, Richard“, sagte sie leise und wurde plötzlich nervös. Lag es an der Aufregung vor dem heutigen Abend oder an ihm? Er trug einen dunkelgrauen Anzug und dazu ein weißes Hemd, bei dem er die oberen zwei Knöpfe offengelassen hatte. Er wirkte verwegen und vornehm zugleich. Genau nach ihrem Geschmack. Auch Richard musterte Melanie von oben bis unten. Sie hatte ein hautenges, rosa Kleid angezogen, das mit schwarzer Spitze an den Seiten verziert war. Das machte ihre Silhouette deutlich schmaler und das warme Kerzenlicht schmeichelte ihrer perlmuttschimmernden Haut, sodass sie frisch und sinnlich aussah. Wie hatte er nur eine einzige Sekunde daran glauben können, dass er in der Lage wäre, eine Freundschaft zu ihr aufzubauen? Wenn er doch nur einen einzigen Gedanken zur Zeit im Kopf hätte. Wie Melanie unter diesem Kleid nackt aussah? Es kostete ihn seine gesamte Willenskraft, um lässig zu bleiben.
Im nächsten Moment kam Wilhelm Girard wieder zurück und reichte Melanie ein volles Glas.
„Hier, bitte schön, Macallan Whisky wie von Euch gewünscht. Oh, Monsieur von Crussol! Ihr seid ebenfalls angekommen, wunderbar. Dann gehört dieses Glas Euch“, begrüßte Willhelm Girard seinen Gast und übergab Richard das zweite Glas, das er eigentlich für sich selbst geholt hatte.
Der Herzog erwiderte die Begrüßung und nahm das Getränk dankend entgegen.
„Ein Abend bei Kerzenschein zusammen mit Melanie und Whisky. Kann es überhaupt besser werden?“, fragte Richard sich, nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Unterarm.
Melanie schaute ihn zuerst überrascht an und lächelte dann leicht. Und genau in diesem Moment beschloss Richard, ihr den ganzen Abend nicht mehr von der Seite zu weichen.
„Da wir jetzt vollzählig sind, sollten wir besser anfangen. Kommt mit mir“, sagte Willhelm Girard und forderte seine Gäste auf, ihm zu folgen. Er war ein wenig enttäuscht darüber, dass der Herzog von Crussol die entzückende Mademoiselle von Bouget an seinem Arm hatte, denn eigentlich war das Wilhelms Vorhaben gewesen.
Die Drei schlängelten sich durch die Menschenmenge hindurch ans andere Ende der großen Halle. Vor fünfhundert Jahren hatte dieser Ort den Rittern und Fürsten als Festsaal gedient und war von ihrem Blut und Schweiß durchtränkt. Beim Vorbeigehen erkannte Richard einige Herren wieder. Viele von ihnen waren Wissenschaftler, Juristen und Politiker. Aber nur wenige Adlige tummelten sich hier. Die Gründe dafür waren höchstwahrscheinlich die unterschiedlichen Grundeinstellungen. Während die alten Adelsfamilien für Klassentrennung, Apartheid und Unterdrückung standen, waren die fünf Grundideale der Freimaurer Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Richard hatte sich vor einiger Zeit über diesen mächtigen Bund ausführlich informiert und er hätte nie damit gerechnet, sich selbst irgendwann hier wiederzufinden. Willhelm Girard führte ihn und Melanie zu einem hochgewachsenen Mann im schwarzen Anzug mit Krawatte. Richard erkannte ihn sofort. Sein Name lautete Albert Blauschildt und er stammte aus einer steinreichen Bankiersfamilie. Die Blauschildts waren die wichtigsten Finanziers unterschiedlicher Staaten. Monsieur Blauschildt trug an dem kleinen Finger seiner linken Hand einen goldenen Ring mit der Zahl Dreiunddreißig darauf. Der junge Herzog runzelte leicht die Stirn. Der dreiunddreißigste Rang war der höchste, den man innerhalb dieser Vereinigung erreichen konnte, und so wie der Parteivorsitzende der FSP vor dem älteren Herrn kuschte, war Richard sich absolut sicher, dass sie dem obersten Meister dieser Loge gegenüberstanden. Direkt hinter Albert Blauschildt hing ein großes, hellblaues Banner an der Wand mit dem typischen Symbol der Freimaurer: Zirkel und Winkel in Anordnung einer Raute.
„Monsieur Blauschildt, darf ich Ihnen Richard, den Herzog von Crussol, und Melanie von Bouget vorstellen? Die beiden sind auf meine Einladung hin hier erschienen“, sagte Willhelm Girard und zeigte auf das charismatische Paar.
„Guten Abend“, begrüßte der Logenmeister die Neuankömmlinge. „Ich habe über Euch beide so einiges gehört. Welchen Umständen verdanken wir es, dass Ihr heute bei uns seid?“
„Primär einer revolutionären Idee von Mademoiselle von Bouget. Ihr Vorschlag lautet, der weiblichen Bevölkerung Stimmrecht bei der Regierungswahl zu erteilen, um auf diese Weise Frauen mehr Gleichberechtigung zuzusprechen, und die Wählerstimmen für die FSP enorm zu steigern“, erklärte Monsieur Girard und sah zu Melanie herüber.
„Soso, Wahlrecht für Frauen. Erläutert mir bitte, weshalb es sinnvoll wäre, wenn Frauen mitabstimmen dürften, und zwar dauerhaft“, wollte Monsieur Blauschildt wissen und richtete damit seine Frage direkt an die junge Dame.
Melanie hatte sich zu Hause genau überlegt, wie sie ihren Vorschlag mit Argumenten untermauern würde, und hatte die passende Antwort sofort parat. „Geben Sie einer Mutter einen gewissen Geldbetrag zur freien Verfügung. Sie werden sehen, dass sie zuerst überlegt, wie sie das Geld sinnvoll für ihre Familie einsetzen kann und es erst dann ausgeben beziehungsweise einen Teil davon sogar sparen wird. Das Ergebnis ist, dass alle Familienmitglieder von ihrer Entscheidung profitieren. Verbessert man demnach die Situation der Mutter, dann verändert man auch die Lage der gesamten Familie zum Besseren. Selbstverständlich ist nicht jede Frau, die das Wahlrecht besitzt, gleichzeitig eine Mutter. Wie ich zum Beispiel. Aber ich würde eine Partei wählen, die sich für Frauenrechte einsetzt, und wäre damit eine sichere Wählerin. Abgesehen davon machen die Frauen die Hälfte der gesamten Bevölkerung in unserem Reich aus. Sie hätten somit Wählerstimmen en masse. Ich finde, dass es sich überaus lohnt, sich dieser noch unberührten Wählergruppe intensiver zu widmen.“
Melanie beendete ihre Erklärung und schaute selbstbewusst dem Monsieur Blauschildt ins Gesicht. Sie hielt dem Blick seiner eisblauen und durchdringenden Augen stand.
„Ihr wollt mir damit sagen, dass Frauen diese Welt definitiv verbessern würden, wenn sie die Möglichkeit dazu bekämen?“, hakte Albert Blauschildt nach.
„Auf jeden Fall, ja! Frauen entscheiden intuitiv und sind sehr klug. Sie handeln aus anderen Gründen als die Männer und ihre Ansichtsweisen sind meistens von positiver Natur“, bestätigte Melanie selbstsicher und ließ ihren Gesprächspartner nicht aus den Augen.
„Was sagt Ihr dazu, Monsieur von Crussol? Teilt Ihr die Meinung von Mademoiselle von Bouget? Sollen Frauen das Wahlrecht erhalten und damit den Männern in diesem Punkt gleichgestellt werden? Und was würde Eurer Meinung nach mit dem Geld geschehen, wenn man es dem Vater anstatt der Mutter gäbe?“, fragte der Logenmeister den Herzog.
Melanie schluckte. Sie erinnerte sich an die Auseinandersetzung am See zwischen ihr und Richard und kannte daher seine Einstellung gegenüber einer souveränen Frau. Er verabscheute selbstständige Damen. Vermutlich würde er gleich all ihre Bemühungen niederreißen.
„Ja, ich bin derselben Ansicht“, antwortete Richard stattdessen und Melanie staunte über alle Maßen darüber, ließ sich aber nichts anmerken. „Frauen bringen uns Männer weiter. Ich für meinen Teil verdanke Mademoiselle von Bouget die Tatsache, heute hier vor Ihnen zu stehen. Hätte sie Monsieur Girard den kühnen Vorschlag nicht unterbreitet, dann würden wir jetzt nicht miteinander reden. Und bezüglich Ihrer Frage mit dem Geld denke ich, dass der Vater die Summe als Erstes in seine eigenen Pläne investierte, bevor er die Familie in Betracht zöge. Die Mütter haben einen effizienteren Umgang mit Geld.“
Albert Blauschildt betrachtete sowohl Richard als auch Melanie eindringlich. Er hatte schon lange kein vergleichbares Paar mehr gesehen, das so viel Präsenz ausstrahlte. Monsieur von Crussol hatte dieses gewisse Etwas, dass seinem Gegenüber sofort Respekt einflößte. Man hatte Schwierigkeiten, ihn zu durchschauen, und er hatte eine stolze und selbstsichere Haltung. Und Melanie von Bouget war eine äußerst mutige junge Frau. Sie traute sich, sich vor den Männern zu behaupten und blieb ihrer Weiblichkeit dennoch treu. Sie würde es im Leben weit bringen, wenn man ihr die Chance dazu gäbe. Monsieur Blauschildt erkannte, dass der Herzog von Crussol für seinen geheimen Plan äußerst nützlich sein könnte, und dessen hübsche Begleiterin war der Funke dazu.
„In Ordnung, ich werde über Euren Vorschlag gründlich nachdenken, Mademoiselle. Ihr könnt noch etwas hierbleiben, aber ich muss Euch bitten, die Versammlung gleich wieder zu verlassen. Wir werden in einer halben Stunde mit der Zeremonie beginnen und den Nichtmitgliedern ist der Zugang normalerweise nicht gestattet“, ließ der Meister verlauten, nahm Willhelm Girard dann zur Seite und verwickelte ihn in ein Gespräch.
Melanie und Richard sahen einander vielsagend an. Er stieß mit seinem Glas gegen das ihre an und sprach leise mit tiefer Stimme: „Das verlief doch ausgezeichnet.“
Melanie betrachtete intensiv sein Gesicht und erwiderte: „Warum hast du das getan?“
„Was genau meinst du?“ Richard war irritiert.
„Mich unterstützt. Es ist noch nicht lange her, da wolltest du mir eintrichtern, mein Platz als Frau sei in der Küche. Und nun kämpfst du zusammen mit mir für mehr Frauenrechte. Wieso?“, fragte sie verwundert.
Richard lächelte. Er wollte Melanie für ihre scharfsinnige Argumentation Anerkennung zeigen und suchte nach den passenden Worten. Und ihm fiel auf, dass er bis jetzt immer das Falsche zu ihr gesagt hatte. Ständig waren seine Äußerungen verkehrt und führten dazu, dass Melanie sich am Ende mehr von ihm entfernte. Warum tat er das? War er schon immer so gewesen? Und da erschien plötzlich wieder das Gesicht einer jungen Frau in Richards Kopf. Er hatte sie nie vergessen. Ihr unbeschwertes Lachen kam anschwellend aus den Erinnerungen hoch und verursachte einen tiefen Schmerz in seiner Brust. Er spürte den Verlust und die Erlebnisse aus seiner Vergangenheit lähmten ihn. Richards Blick verlor sich in der Leere und er stand gedankenverloren da und starrte auf den Boden. Melanie erkannte ihn kaum wieder. Was war mit ihm los? So melancholisch hatte sie ihn nie erlebt. Sie hatte das Gefühl, neben einem Ertrinkenden zu stehen und das dringende Bedürfnis, ihn aus den Fluten herauszuziehen. Statt Richard anzusprechen, legte Melanie ihre Hände vorsichtig auf seine Wangen und schaute ihm fest in die Augen. Er erwachte wieder aus seinem Albtraum und sah sie verwirrt an. Der Geruch ihrer Haut holte ihn aus den Tiefen zurück ans Licht. Nach ein paar Sekunden legte Melanie eine Hand unter Richards Kinn und hob seinen Kopf an. Mit dieser kleinen Geste verdeutlichte sie ihm, sich nicht hängen zu lassen. Ihr Gegenüber verstand die Aufforderung und straffte sich sofort. Melanie lächelte aufmunternd und Richard erwiderte das warme Lächeln. Sie hatte ihn für den Augenblick gerettet.
Albert Blauschildt und Willhelm Girard traten wieder näher an sie heran. Die Herren unterbreiteten dem jungen Herzog das Angebot, heute Abend als neuestes Mitglied dem Bund der Freimaurer beizutreten. Richard bedankte sich für diese Ehre und willigte ein. Melanie schaute ihn voller Bewunderung an. Sie trank zusammen mit ihm den Whisky zu Ende und bekam immer wieder Gänsehaut, wenn sie seinen Atem an ihrem Hals spürte, sobald er sich beim Sprechen zu ihr beugte. Sie rückte dann unwillkürlich näher an ihn heran und berührte mit ihrer Brust seinen Arm, an dem sie sich festhielt. Richard schenkte ihr daraufhin einen betörenden Blick und streichelte zärtlich über ihre Hand. Melanie atmete tief aus und fand, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Sie verabschiedete sich von den drei Herren und verließ die mittelalterliche Festung auf dem gleichen Wege, wie sie gekommen war. Allein.



Kapitel 33 Die Wunde

1. August 1875

Frische Morgenluft, leichter Wind, saftiges, grünes Gras und eine weite Prärie vor ihm. Genau das liebte Nero. Der schwarze Hengst galoppierte der aufgehenden Sonne entgegen und fühlte sich großartig. Die Freiheit war das Einzige, was in seinem Leben zählte. Plötzlich vernahm er ein fremdes Geräusch und wurde langsamer. Er lauschte und erkannte eine Stimme, die um Hilfe rief. Melanie streichelte Nero am Hals.
„Was ist los, mein Freund? Warum hältst du an?“, fragte sie ihn.
Das schlaue Pferd bewegte sich allmählich in die Richtung, aus der die Rufe stammten. Und je näher Nero der Quelle dieser Stimme kam, desto deutlicher erkannte er die Angst darin. Melanie vernahm die Schreie nun ebenfalls. Sie kamen direkt von einer langen Reihe von Büschen, die sehr dicht nebeneinander wuchsen. Sie stieg von Neros Rücken ab und marschierte schnell dorthin. Sie umkreiste einen Busch und wäre beinahe abgerutscht. Sie konnte sich noch in letzter Sekunde an den Zweigen festhalten und fand das Gleichgewicht wieder. Vor ihr erstreckte sich eine breite und tiefe Erdspalte. Und mitten in diesem Schlund entdeckte sie eine Frau. Melanie sah entsetzt zu ihr. Die Ärmste stand auf einem Felsvorsprung und drohte, noch tiefer zu fallen. Wie lange sie da schon so hatte ausharren müssen? Melanie überlegte schnell, wie sie der Frau helfen konnte. Weit und breit waren keine Bäume zu sehen; demnach kam ein langer Ast nicht infrage. Sie brauchte dringend einen Einfall, sonst würde die in Not geratene Frau in die Tiefe stürzen. Melanie benötigte ein Seil oder Ähnliches. Sie entschied kurzerhand, ihr Hemd auszuziehen, und zerriss es. Dann verknotete sie die Streifen miteinander, sodass sie ein längliches Tau ergaben, und warf das eine Ende der Frau entgegen. Dabei roch sie die feuchte Erde und betete, dass diese Erdspalte heute kein Grab werden würde.
„Halten Sie sich gut daran fest!“, rief sie ihr zu und die Fremde ergriff das improvisierte Seil. Dann befestigte Melanie das andere Ende an Neros Sattel und gemeinsam zogen sie die Frau aus der Erdspalte hoch. Die Fremde war beinahe wieder oben, als der Stoff plötzlich riss und die Frau vor Schreck aufschrie. Melanie sprang nach vorne und packte sie an einem Arm. Sie stemmte ihre Beine gegen den Boden und verlagerte das Gewicht nach hinten. Sie durfte jetzt nicht loslassen. Die Unbekannte suchte mit ihren Füßen nach einer Möglichkeit, sich abzustützen, aber sie baumelte hilflos herum. Dann kam Nero und packte mit seinen Zähnen Melanie hinten an ihrem Hosenbund und zog daran. Mit gemeinsamen Kräften halfen sie der Frau aus der lebensgefährlichen Situation. Die Unbekannte stand schweratmend und voller Dreck vor ihnen und sah ziemlich erschöpft aus. Melanie stützte sie an den Armen und überprüfte, ob die Fremde verletzt war. Erleichtert stellte sie fest, dass die Gerettete den Vorfall ohne Verletzungen überstanden hatte.
„Vielen Dank, meine Liebe. Sie haben mich dem Tode entrissen!“, bedankte sich die Frau und war furchtbar erleichtert.
Melanie bemerkte sofort, dass die Fremde einen südländischen Akzent hatte. Womöglich kam sie ursprünglich aus Spanien. Melanie betrachtete sie genauer. Die unbekannte Frau war schätzungsweise im gleichen Alter wie ihre Mutter Johanna. Ihre schwarzen Haare waren zur Hälfte grau und zu einer adretten Frisur hochgesteckt. Ihrer Kleidung nach zu urteilen stammte sie aus reichem Hause und sonderbarerweise kam sie Melanie bekannt vor.
„Darf ich den Namen meiner Retterin erfahren?“, fragte die Fremde freundlich.
„Natürlich. Ich heiße Melanie von Bouget“, antwortete sie und stellte sogleich die Gegenfrage. „Und wie lautet Ihr Name, Madame?“
„Mein Name ist Katarina von Crussol“, entgegnete die Frau lächelnd.
Melanie schaute sie mit großen Augen an.
„Sind Sie zufällig mit dem Herzog von Crussol verwandt?“, wollte sie wissen.
„Ja, ich bin seine Mutter“, offenbarte die Angesprochene und Melanie öffnete erstaunt den Mund. Sie konnte kaum glauben, dass sie Richards Mutter gegenüberstand. Hatte er noch mehr Familie? Vermutlich ja. Und jetzt verstand sie auch, warum ihr diese Frau so bekannt vorkam: weil Richard ihr äußerlich sehr ähnelte. Die gleichen großen, braunen Augen und die bräunlichere Haut.
„Ich bin heute Morgen losgegangen, um etwas an der frischen Luft spazieren zu gehen, und da habe ich dieses Erdloch völlig übersehen und bin hineingefallen. Es war vor einer Woche noch nicht hier gewesen. Wahrscheinlich haben die langanhaltenden Regengüsse der letzten Tage die Erde weggeschwemmt. Ich hatte großes Glück, dass Sie des Weges kamen, Mademoiselle von Bouget. Sonst hätte ich da noch länger gestanden und um mein Leben gebangt. Sie schauen mich so verwundert an. Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Madame von Crussol und legte sich besorgt eine Hand aufs Gesicht.
„Nein, nein. Es ist alles gut. Ich hätte nur nie gedacht, der Mutter des Herzogs von Crussol auf diese Weise zu begegnen“, gestand Melanie und riss sich wieder zusammen.
„Kennen Sie meinen Sohn?“, fragte die Mutter neugierig.
Melanie überlegte, was sie sagen sollte. Ja, sie kannten sich, aber in welcher Beziehung standen sie zueinander? Nach dem erfolgreichen Abend beim Treffen der Freimaurer-Vereinigung hatte sie auf jeden Fall mehr Achtung vor ihm. Und er behandelte sie neuerdings äußerst zuvorkommend.
„Wir sind Freunde“, antworte sie und empfand die Vorstellung, mit Richard befreundet zu sein, als sehr angenehm.
„Sie sind eine Freundin von Richard?“, stellte Madame von Crussol verwundert fest. „Wie aufregend. Bis jetzt waren seine weiblichen Bekanntschaften eher anderer Natur. Dann sind Sie auf jeden Fall etwas Besonderes.“
Melanie schmunzelte. Wie recht seine Mutter doch hatte. Katarina von Crussol bestaunte Nero und sah sich seine junge Reiterin von Kopf bis Fuß an.
„Waren Sie mit Ihrem Pferd allein ausreiten? In Hosen und mit einem normalen Reitsattel?“, fragte sie verwundert.
„Ja“, lautete Melanies kurze Antwort und sie zuckte mit den Schultern.
„Wissen Sie, an wen mich das erinnert? An meine Tochter Karolina“, sagte Madame von Crussol und lächelte traurig.
„Reitet Ihre Tochter ebenfalls gerne? Und vor allem schnell?“, fragte Melanie grinsend und fand es spannend zu erfahren, dass Richard eine Schwester hatte.
„Sie war die schnellste Reiterin weit und breit. Keine Herausforderung war ihr zu groß. Sie probierte alles aus, was mit Pferdesport zu tun hatte. Pferderennen und Dressur. Sie war in beiden Disziplinen mit Abstand die Beste. Wobei mein Mann ihr nie erlaubte, bei echten Wettkämpfen teilzunehmen. Seiner Meinung nach schickte es sich nicht, sich als junge Dame aus gutem Hause öffentlich so zu benehmen. Die beiden hatten deswegen oft Streit miteinander. Karolina war sehr rebellisch und trug meistens Hosen und weigerte sich, einen Damensattel auch nur anzusehen“, erzählte Madame von Crussol und schaute dabei verträumt zu Nero hinüber. Melanie lauschte entzückt. Richards Schwester war genau nach ihrem Geschmack.
„Wann darf ich Ihre Tochter kennenlernen? Ich würde mich nur zu gern mit ihr unterhalten und außerdem möchte ich wissen, wer von uns beiden hier die schnellste Reiterin ist“, sagte Melanie erregt und sie wollte Karolina von Crussol am liebsten auf der Stelle zu einem Rennen herausfordern.
„Das wird leider nicht funktionieren“, antwortete die Mutter leise. „Meine Tochter ist seit über neun Jahren tot.“
Melanie war erschüttert. „Mein Beileid. Es tut mir so leid, ich hätte besser zuhören sollen“, stotterte sie. Und ihr fiel auf, dass Madame von Crussol von ihrer Tochter in der Vergangenheitsform erzählt hatte.
„Es ist Jahre her. Und ich habe den schlimmsten Schmerz bereits verkraftet, aber sie fehlt mir jeden Tag. Wissen Sie, es war ein tragischer Reitunfall. Nicht beim Training, sondern während eines banalen Ausfluges mit ihrem Bruder Richard und ihrem damaligen Verlobten Vincent von Guise. Als die beiden Jungs den leblosen Körper meiner Tochter nach Hause gebracht haben, fiel ich in Ohnmacht. Die ersten Tage danach war ich gar nicht ansprechbar. Ich stand unter extremem Schock. Richard hat mich später tausend Mal um Verzeihung gebeten. Er fühlte sich für Karolinas Tod verantwortlich, weil er sie zu dem verhängnisvollen Wettrennen überredet hatte. Ich glaube, er tut es bis heute. Ich selbst gebe ihm keine Schuld an dem Unfall. Es war einfach Schicksal, wie hart es auch klingen mag“, erzählte Madame von Crussol und sie schaute gedankenverloren zum Horizont.
Eine Windböe kam auf und brachte die Blätter an den Büschen in Bewegung. Melanie lauschte diesem Geräusch und Tränen stiegen ihr in die Augen.
„So hört sich der Verlust eines geliebten Menschen an“, dachte sie. „Wie das Rascheln der Blätter im Wind.“ Melanie verstand nun, warum Richard sie bei ihrer ersten Begegnung wie ein Chauvinist behandelt hatte. Seine Schwester war Melanie vom Charakter her gar nicht unähnlich gewesen. Und er hatte sie verloren, weil Karolina seiner Meinung nach körperlich zu schwach gewesen war, um sich bei einem Rennen gegen einen Mann zu behaupten, und deswegen tödlich verunglückt war. Richard hatte Melanie beim Fechtduell eine Lektion erteilen wollen. Ihr zeigen, dass sie physische Grenzen besaß. Er hatte nur nicht mit ihrem starken Siegeswillen gerechnet und dass sie sich nicht davor scheuen würde, zu schummeln. Außerdem war Karolina mit Vincent verlobt gewesen. Es war für den Herzog von Guise mit Sicherheit ein äußerst schmerzvoller Verlust gewesen, seine Liebe so früh im Leben zu verlieren. Melanie fürchtete sich vor dieser Vorstellung und bekam Gänsehaut.
„Darf ich Sie nach Hause begleiten, Madame von Crussol?“, fragte Melanie nach einer Weile. Sie wollte Richards Mutter unbedingt unversehrt in Sicherheit bringen.
„Sehr gerne“, erwiderte Katarina erfreut. Melanie half ihr, in den Sattel zu steigen, und führte anschließend Nero an den Zügeln.
Während der gesamten Zeit unterhielten sie sich über die Familie von Crussol. Melanie erfuhr, dass Richard einen Bruder namens Eduardo gehabt hatte, der nur ein halbes Jahr nach dem Tod der Schwester an einer Hirnhautentzündung verstorben war. Er war zum Zeitpunkt seines Todes gerade mal fünfzehn Jahre alt gewesen und Karolina war mit nur zwanzig Jahre gestorben. Richard war damals achtzehn und wurde auf eine bittere Art und Weise zum Einzelkind. Melanie rechnete nach und kam zum Ergebnis, dass er jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sein musste und damit neun Jahre älter als sie. François von Crussol war vor gerade mal drei Monaten ganz unerwartet an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben und hatte seine Frau und den einzigen verbliebenen Sohn hinterlassen. Melanie erschauderte beim Gedanken, dass auch Richards Mutter hätte heute sterben können; dann wäre er ganz allein gewesen. Nach einer halben Stunde kamen sie beim prächtigen Schloss an, das bereits seit über zweihundert Jahren der Wohnsitz der Familie von Crussol war. Katarina unternahm den Versuch, ihre Lebensretterin zu einer Tasse Tee zu überreden. Aber Melanie lehnte die Einladung höflich ab. Sie genierte sich, Richard in schmutziger Hose und nur in einem knappen Oberteil vor die Augen zu treten. Sie musste Madame von Crussol hoch und heilig versprechen, ein anderes Mal zu Besuch zu kommen, und verabschiedete sich von ihr. Melanie stieg auf ihr Pferd und galoppierte davon. Katarina schaute ihr lange lächelnd hinterher und wünschte sich innigst, dass aus der Freundschaft zwischen ihrem Sohn und der reizenden Mademoiselle von Bouget mehr werden würde.



Kapitel 34 Der Hochzeitstanz

5. August 1875

Es blieb nur noch ein Monat bis zur Vermählung ihrer jüngsten Tochter und Johanna von Bouget war komplett im Vorbereitungsstress. Sie wollte, dass bei der ersten Hochzeit eines ihrer Kinder alles nach Plan verlief. Abgesehen davon stand sie unter Konkurrenzdruck, denn gerade Mal eine Woche später würde Elisabeth D'Argies den Herzog von Crussol heiraten. Johanna arbeitete darauf hin, dass die Feier ihrer Tochter die Schönste und Prächtigste werden sollte. Auf jeden Fall besser als die Hochzeit von Elisabeth D'Argies. Die Baronin von Bouget organisierte alles, angefangen bei der Torte und Dekoration bis hin zum Blumenschmuck und den kleinen Geschenken für die Gäste. Dazu sollte ein ausgezeichnetes Essen serviert werden und Johanna stellte sich vor, dass neben einem Orchester auch Sänger und Sängerinnen den Abend musikalisch begleiteten. Die Abarbeitungsliste war extrem lang und Melanie bewunderte ihre Mutter für so viel Hingabe. Die Baronin verlangte allerdings, dass ihre Tochter auf ihre Figur achtete und ab sofort auf Kuchen und anderen Naschkram verzichtete. Die Braut sollte rank und schlank in dem atemberaubenden Hochzeitskleid aussehen, das extra für sie vom Maestro Stefano Aranie persönlich angefertigt wurde. Während die Mutter die Sitzordnung der Hochzeitsgäste durchging, übte das Brautpaar im Garten seinen Hochzeitstanz. Die beiden hatten sich für einen Walzer entschieden und lernten die Schritte. Seit dem Ball im Jagdschloss Falkennest wusste Melanie, dass George nicht der begabteste Tänzer war. Aber heute stellte er sich besonders ungeschickt an. Er stolperte oder trat ihr aus Versehen auf die Füße und wirkte nervös.
„Alles in Ordnung mit dir? Ich habe das Gefühl, etwas belastet dich“, fragte Melanie nach einer Weile, als ihre Füße eine Pause vom ständigen Treten brauchten.
„Es ist nur so, dass ich langsam aufgeregt wegen der Hochzeit werde“, gab George offen zu. „Deine Mutter ist mit vollem Eifer bei den Vorbereitungen, und meine Eltern ebenfalls. Es wird extrem viel von uns erwartet und ich habe die Befürchtung, etwas falsch zu machen und dass am Ende alles schiefläuft.“
Melanie nahm liebevoll sein Gesicht in ihre Hände und schaute ihm in die Augen. „Mache dir bitte keine Gedanken. Wir schaffen das. Du hast mich an deiner Seite und ich bin ein Garant für den Erfolg, glaube mir!“, sagte sie zu ihm und klang dabei fest entschlossen.
George sah sie verliebt an und fühlte sich schon etwas selbstsicherer. Sie übten weiter und dieses Mal klappte es um einiges besser.
Am selben Tag fand wieder ein Ball im Frühlingspalast statt. Melanie und George entschieden sich, ebenfalls dorthin zu gehen, denn es war die beste Gelegenheit, ihre Tanzübungen fortzuführen.
Die Soirée war recht gut besucht und es tummelten sich viele, junge Paare auf der Tanzfläche. George, dem die Bälle früher verhasst waren, amüsierte sich köstlich und schwebte im siebten Himmel. Dies lag vor allem an seiner bildschönen Verlobten, der Quelle seiner Freude. Sie tanzten unaufhörlich miteinander und Georges Schritte wurden dabei immer sicherer. Melanie bemerkte im Augenwinkel Richards Anwesenheit. Er stand weiter hinten außerhalb des Tanzparketts und war in ein Gespräch mit Willhelm Girard vertieft. Er sah nur kurz zu ihr herüber und drehte sich dann komplett um. Denn er ertrug es nicht, sie zusammen mit George zu sehen. Eher würde er Glassplitter kauen.
Nach einer Weile brauchten George und Melanie eine Verschnaufpause und standen lachend am Rande der Tanzfläche. Sie beobachteten die anderen Tanzpaare und scherzten über so manchen vermeintlichen Supertänzer. Melanie zupfte George ein Haar vom Jackett und stellte verwundert fest, dass es ihr eigenes war.
„Du markierst mich, damit die anderen Ladys nicht auf dumme Ideen kommen“, witzelte George und schaute auf das gelockte Haar in ihrer Hand.
„Ist das denn nötig? Muss ich mir etwa Gedanken machen?“, scherzte Melanie zurück und spielte die eifersüchtige Verlobte.
„Nein, dafür bedeutest du mir zu viel“, entgegnete George und sah sie voller Sehnsucht an. Sie schenkte ihm daraufhin das wundervolle Lächeln, das er so unendlich liebte. Gemeinsam schritten sie durch den Saal und hörten der bittersüßen Melodie zu und sangen mit. Sie begrüßten beim Vorbeigehen andere Gäste, bis George einigen Studienkollegen begegnete, die ihn in eine Unterhaltung verwickelten. Melanie bemerkte, dass das Gespräch zwischen den Männern etwas länger dauern würde und entfernte sich höflich von ihnen. Sie nutzte die Gelegenheit und begab sich zur nächstgelegenen Toilette, um sich kurz frisch zu machen. Auf dem Rückweg begegnete sie unerwartet Katarina von Crussol. Melanie war äußerst erstaunt, sie hier zu treffen, denn bis jetzt war die alte Herzoginmutter Bällen ferngeblieben. Katarina nahm sie sogleich bei der Hand und ging mit ihr Arm in Arm zurück in den Saal. Während sie sich fröhlich unterhielten, kam Richard ihnen entgegen und war sichtlich überrascht, die beiden Damen so vertraut miteinander zu sehen.
„Ihr kennt euch bereits?“, fragte er verwundert.
„Wir haben uns vor ein paar Tagen bei einem morgendlichen Spaziergang kennengelernt“, erklärte Melanie und verschwieg den Vorfall mit der Erdspalte und der darauffolgenden Rettungsaktion.
„Das stimmt. Und ich habe schon lange keine liebreizendere junge Dame mehr getroffen als Mademoiselle von Bouget“, gestand Katarina von Crussol und vermied es ebenfalls, den Zwischenfall zu erwähnen.
Richard war ziemlich erstaunt darüber, dass seine Mutter so lebensfroh und gut gelaunt wirkte. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr so erlebt.
„Hat Richard Ihnen schon erzählt, dass er ein begnadeter Tänzer ist?“, richtete die Mutter die Frage an Melanie.
„O ja, das weiß ich, Madame. Wir beide hatten das Vergnügen, gemeinsam einen Tanzwettbewerb zu gewinnen“, antwortete Melanie und lächelte Richard zu, der das Lächeln liebend gern erwiderte.
„Tatsächlich? Das will ich jetzt sehen! Los, ihr beiden, zeigt mir, was ihr drauf habt!“, forderte die Mutter sie auf und schubste die Zwei Richtung Tanzfläche.
„Ich glaube, aus der Sache kommen wir nicht mehr raus“, stellte Richard fest und ergriff Melanies Hand. Er fühlte sich sofort lebendig und es wurde ihm warm ums Herz.
„Ja, da gebe ich dir Recht. Dann zeigen wir deiner Mama, wie gut wir als Tanzpaar funktionieren“, bestätigte Melanie und kam näher an Richard heran.
Er legte seine rechte Hand auf ihre Hüfte und führte sie mit der linken. Sie bewegten sich perfekt im Takt der Musik. Jeder Schritt saß und die Füße schwebten mühelos über das Parkett. Richard und Melanie strahlten einander an wie damals auf Vincents Tanzabend. Sie fühlten sich frei und unbeschwert. Richard genoss Melanies Gegenwart. Sie erfüllte ihn. Wenn er bei ihr war, dann verschwand die Welt um ihn herum und er sah nur sie vor sich. Am liebsten wollte er für immer mit ihr weitertanzen, ihr dabei in die Augen schauen und sie dann küssen. Katarina von Crussol beobachtete ihren Sohn und sah sofort, dass er tiefe Gefühle für ihre Lebensretterin empfand, und lächelte sanft. Als der Tanz zu Ende war, strahlten die beiden einander überglücklich an. Doch dann besann sich Melanie wieder und entfernte sich langsam rückwärts von ihm. Sie ließ Richards Hände los und ihr Lächeln wurde schwächer. Sie drehte sich um und ging immer weiter, bis sie bei ihrem Verlobten angelangt war. George stand mit dem Rücken zur Tanzfläche. Er hatte zuvor miterlebt, wie graziös seine Braut mit Richard von Crussol getanzt hatte, und hatte vor lauter Eifersucht seinen Blick davon abwenden müssen. Als er Melanie neben sich bemerkte, schaute er sie ernst an. Es war unverkennbar, dass er wütend auf sie war. Melanie legte daraufhin ihre Hand auf seinen Arm und sah ihm fest in die Augen. Ihr Blick verriet, dass sie ihm stets die Treue halten würde. Und nicht nur George wurde dies mit einem Mal bewusst, sondern auch Richard, der allein auf der Tanzfläche zurückgeblieben war, und atemlos Melanie nachschaute. Er hatte sich noch nie in seinem Leben verlassener gefühlt als in diesem Augenblick.



Kapitel 35 Von Schwarz zu Blau

6. August 1875

Der Wald legte sich dunkel über ihn. Die meterhohen Bäume mit den kahlen Zweigen sahen aus wie dürre Finger eines Skeletts und zeigten von oben auf ihn herab. „Du warst es“, flüsterten sie von allen Seiten. Die Finsternis war beklemmend und Richard bekam kaum Luft. Seine Kehle war wie zugeschnürt und er konnte sich nicht von dem Würgegriff des schlechten Gewissens befreien. Er drehte sich hilfesuchend um und sah eine blasse Gestalt hinter sich. Schnellen Schrittes näherte er sich ihr und erkannte die Person. Es war Melanie. Sie trug eine Reituniform und stand mit verlorenem Blick da. Ihr linker Arm war blutüberströmt und die rote Lebensflüssigkeit tropfte unaufhaltsam auf die schwarze Erde. Richard wollte ihr helfen und sie an der Schulter berühren, doch genau in diesem Moment zerfiel Melanie in tausend verwelkte Blätter, die vom Wind verweht wurden. Er blieb im düsteren Wald allein zurück und hörte sein pochendes Herz wie das dumpfe Ticken einer Turmuhr schlagen, die ihm sagte, dass die Zeit ablaufe. Schwer atmend schnellte Richard hoch. Er blinzelte mehrmals und erkannte erst nach einigen Sekunden, dass er sich in seinen Gemächern befand.
„Was für ein schrecklicher Albtraum“, dachte er, nahm die Decke zur Seite und stand vom Bett auf. Er brauchte etwas, um sich wieder zu beruhigen. Er kramte in seiner Jackentasche nach dem silbernen Etui, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Er sah Melanies Gesicht wieder vor sich, wie ihr die Tränen die Wangen hinabflossen und sie ihn anflehte, sie loszulassen. Was hatte er damals im Wald nur angerichtet? Er hätte sie niemals so behandeln dürfen. Er hatte sie verletzt und bedrängt. Und hinzu kam noch dieses verdammte Fechtduell. Melanie würde davon jetzt ihr Leben lang eine Narbe am linken Arm tragen. Warum akzeptierte er sie nicht so, wie sie war? Widerspenstig und meinungsstark. Verflixt, sie fehlte ihm so über alle Maßen. Richard würde sie jetzt gerne bei sich haben. Sie fest an sich drücken und ihr immer wieder sagen, wie leid es ihm täte. Aber er würde sie niemals in seinen Armen halten. Stattdessen würde sie bald bei George liegen und sich ihm hingeben. Richard atmete tief aus, legte das Etui zurück in seine Jackentasche und da bemerkte er den seidigen Stoff an seinen Fingern. Er zog daran und zum Vorschein kam der weiße Damenhandschuh, den er wie einen Talisman stets bei sich trug. Richard platzierte ihn vorsichtig auf der Fensterbank und legte seine Hand darauf. Er stellte sich vor, wie er Melanies Hände festhielt und sie ihm sagte: „Wenn wir gewinnen wollen, dann müssen wir unsere Grenzen überschreiten und die Komfortzone verlassen.“
War Richard dazu imstande, seine Komfortzone zu verlassen? Er hatte als Herzog große Verpflichtungen und eine Verantwortung seiner Mutter gegenüber. Er konnte den letzten Wunsch seines Vaters nicht ignorieren, das kam für ihn nicht infrage. Richard bekam kein Auge mehr zu und legte sich somit nicht wieder hin. Stattdessen nahm er ein ausgiebiges Bad und dachte dabei an Melanie und ihre weiche Haut. Sie beherrschte seine Gedanken unaufhaltsam. Anschließend unternahm er einen Spaziergang auf dem Gelände seines Schlosses und beobachtete den Himmel, wie er allmählich von Schwarz zu Blau wechselte. Der neue Tag brach herein und Richard begab sich auf den Rückweg. Seine Mutter stand meistens früh auf und er beschloss, ihr beim Frühstück Gesellschaft zu leisten.
Katarina von Crussol freute sich darüber, mit ihrem Sohn nach langer Zeit wieder gemeinsam zu essen. Sie begrüßte ihn mit einer Umarmung und einem liebevollen Kuss auf die Wange. Richard befahl den Dienern, das Frühstück draußen auf der überdachten Terrasse zu servieren, damit er und seine Mutter den Sonnenaufgang ansehen konnten. Von dort überblickte man den gesamten Park und am wolkenfreien Horizont kündigte sich bereits die Sonne an. Majestätisch erhob sie sich und überflutete die Erdoberfläche mit ihrem lebensspendenden Licht. Ihre Wärme jagte die letzten Nachtgeister aus Richards Kopf fort und er begriff in diesem Augenblick, warum die alten Ägypter sie als den höchsten Gott Ra verehrt hatten. Nichts auf dieser Welt war so kraftvoll wie die Sonne. Sie schenkte der Erde Licht und Wärme und damit Feuer und neue Energie. Die Sonne war unbesiegbar und sie gab Richard das starke Gefühl, seine Hoffnung nicht aufgeben zu müssen und das lang ersehnte Ziel am Ende doch zu erreichen. Katarina von Crussol betrachtete das nachdenkliche Gesicht ihres Sohnes und fand, dass jetzt die beste Gelegenheit war, um ein wichtiges Thema anzusprechen.
„Liebling, warum heiratest du eigentlich Elisabeth D'Argies?“, fragte sie Richard, der daraufhin erstaunt zu ihr blickte.
„Weil es meine Pflicht ist, Mama“, antwortete er und schaute dabei hinunter auf seinen Kaffee.
„Deine Pflicht? Wem gegenüber?“, hakte Madame von Crussol nach.
„Dir gegenüber – und vor allem Papa. Er ist diesen Handel mit dem Grafen D'Argies eingegangen und ich habe ihm mein Wort gegeben, Elisabeth zu heiraten. Ich kann ihn nicht enttäuschen“, erklärte Richard trocken.
„Aber liebst du sie überhaupt? Ich habe das Gefühl, dass euch rein gar nichts miteinander verbindet. Ihr seht euch recht selten und unternehmt kaum etwas miteinander“, äußerte die Mutter offen ihre Bedenken.
„Das ist zweitrangig. Gefühle spielen bei dieser Angelegenheit eine untergeordnete Rolle. Es geht ums Geschäft“, brachte Richard es auf den Punkt.
„Und bist du glücklich damit? Kannst du so dein Leben verbringen – indem du dein Herz vernachlässigst und nur an das Geschäftliche denkst?“, wollte die Mutter wissen.
„Wie gesagt, es ist meine Pflicht gegenüber meinem Vater und dir“, wiederholte Richard und klang dabei etwas gereizt.
„Mein Schatz, dein Vater wollte immer, dass du glücklich bist. Er ist diesen Deal mit Gustav D'Argies eingegangen, damit du für die Zukunft ausgesorgt hast. Du würdest keine finanziellen Sorgen haben und eine schöne Frau an deiner Seite. Aber ich bezweifle, dass Elisabeth dich jemals glücklich machen wird. Sie ist offen gestanden nicht die Richtige für dich“, gestand Katarina.
„Und wer ist es dann deiner Meinung nach?“, fragte Richard sarkastisch.
„Oh, ich glaube, die Antwort darauf weißt du bereits selbst“, entgegnete Katarina und sah ihm dabei fest in die Augen.
Er war überrascht und wollte sie gerade fragen, wen sie damit meine, aber da stand die Mutter auf, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und flanierte langsam in den Park. Sie schnitt ein paar rote Rosen von einem Strauch ab und roch ihren zarten Duft, der vom Morgentau verstärkt wurde. Richard beobachtete sie dabei und ihm kam nur ein einziger Name in den Sinn: Melanie.



Kapitel 36 Der flotte Dreier

12. August 1875

Die Kutsche blieb stehen und sowohl Vincent als auch Henri konnten sich das Lachen nicht mehr verkneifen, als sie Richards perplexen Gesichtsausdruck sahen. Kurz zuvor hatten sie den Griesgram mit dem Vorwand aus seinem Schloss herausgelockt, dass sie mit ihm zu einem Fechtturnier fahren würden, aber jetzt stellte Richard überrascht fest, dass sie sich vor einem Bordell befanden. Und es war nicht irgendein Freudenhaus, sondern das teuerste und nobelste in der ganzen Stadt.
„Warum halten wir hier an?“, wollte Richard wissen und schaute irritiert zu seinen Freunden, die sich vor lauter Lachen die Hände vor die Bäuche hielten.
„Weil wir heute deinen Junggesellenabschied feiern!“, offenbarte Vincent und holte ein paar Flaschen Wein hervor, die er hinter dem Sitz versteckt hatte.
„Ist nicht euer Ernst?“, fragte Richard verdutzt.
„Doch, ist es. Und jetzt raus mit dir! Wir haben heute so einiges vor uns. Oder besser gesagt: so EINIGE!“, rief Henri laut und schubste seinen Kumpel aus der Kutsche. Vincent und er bugsierten den Junggesellen durch die Eingangstür und betraten das Etablissement. Im Inneren war es eingerichtet wie zu Zeiten des Barocks und an jeder Ecke liefen freizügige Damen herum. Und in der Luft schwebte der unverwechselbare Duft nach Aprikosen.
„Willkommen im ,Panier De Pêches’!“, grüßte eine etwas ältere Dame die neu eingetroffenen Kunden. Sie trug ein langes, schwarzes Kleid aus Spitze, das beinahe jeden Zentimeter ihrer Haut bedeckte. Nur ihre Hände und das Gesicht waren frei, aber ansonsten glich die Madame Josephine Poison einer Krähe. Ihre schwarzen, glatten und schulterlangen Haare trug sie offen und ihre Lippen waren mit feuerrotem Lippenstift angemalt.
„Guten Abend“, begrüßte Vincent die Puffmutter. „Wir haben eine Suite reserviert. Und zwar auf den Namen von Crussol.“
„Selbstverständlich. Bitte folgt mir“, entgegnete Madame Poison und führte die Herren in die oberste Etage des dreistöckigen Gebäudes. Die Suite war überaus geräumig und bot viele Möglichkeiten zum Sitzen und vor allem zum Liegen an.
„Welche Wünsche habt Ihr für heute Abend?“, fragte die Bordellchefin professionell.
„Wir hätten gerne ein paar talentierte Tänzerinnen, zehn Flaschen Champagner und drei der hübschesten Damen aus Ihrem Sortiment, die bestenfalls um die achtzehn Jahre alt sind“, antwortete Vincent und schaute kurz zu seinen Freunden, um sicherzugehen, dass sie mit seiner Wahl einverstanden waren.
Henri nickte zufrieden und Richard schüttelte fassungslos den Kopf.
„Alles zu Eurer vollsten Befriedigung, Messieurs“, entgegnete Madame Poison mit einer leichten Verbeugung und entfernte sich wieder aus der Suite.
„Männer, konntet ihr mich vorher nicht darüber informieren?“, machte Richard seinen Kumpanen sogleich Vorwürfe und stemmte die Hände in die Hüften.
„Dann wäre es keine Überraschung gewesen“, konterte Henri, setzte sich auf ein breites Sofa und öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes.
Wenig später kamen wie bestellt sechs äußerst attraktive junge Frauen, die allesamt das gleiche kurze rosa Kleidchen trugen, nur in unterschiedlichen Nuancen. Da waren sie nun, die Pfirsiche. Zusätzlich betrat eine Harfenspielerin den Raum und setzte sich in die hintere Ecke der Suite. Sie begann, auf ihrem Musikinstrument erotische Lieder zu spielen und drei der jungen Frauen fingen sofort an, miteinander zu tanzen. Sie streichelten sich gegenseitig an den Armen, kreisten mit ihren Hüften und spielten mit ihren langen Haaren.
„Welche wählst du?“, stellte Henri die Frage an Richard, während sie vor den übrigen drei Frauen standen, die allesamt umwerfend aussahen.
„Ist mir egal, irgendeine“, antwortete Richard gleichgültig.
„Gefallen sie dir nicht? Sollen wir nach einer anderen für dich fragen?“, wollte Vincent wissen, denn heute Abend war sein oberstes Ziel, Richard übermäßige Freude zu bereiten.
„Nein, lass mal. Ich bin gerade irgendwie nicht in Stimmung“, antwortete Richard leicht genervt.
„Keine Sorge, du wirst gleich vor Lust platzen. Setz dich hin, trinke ein Glas Wein oder Champagner und genieße die Vorstellung“, sagte Henri und ging zu der heißen Brünetten, nahm sie an der Hand und machte es sich mit ihr auf dem Sofa gemütlich. Vincent nahm sich die beiden Blonden und setzte sich auf das zweite Sofa gegenüber. Richard saß allein auf einem Sessel zwischen ihnen und schaute direkt auf die Tänzerinnen vor sich. Er folgte ihrer lasziven Darbietung. Beobachtete sie dabei, wie sie sich langsam gegenseitig auszogen. Zuerst fielen die Kleider zu Boden und die jungen Damen schmiegten sich aneinander, bis sie sich der knappen Slips entledigt hatten. Richard betrachtete die Frauen, wie sie tänzerisch an ihren nackten Körpern spielten, und merkwürdigerweise regte sich bei ihm rein gar nichts.
„Ah, bevor ich es vergesse, ich habe da noch jemanden, der deine Laune heben könnte“, sagte Vincent geheimnisvoll und holte ein kleines Päckchen aus der rechten Tasche seines dunkelblauen Sakkos. „Ihr Name ist Kokaina“, offenbarte er und grinste.
Freudige Zurufe kamen ihm von allen Seiten entgegen. Vincent legte das Päckchen vor sich auf den Couchtisch, öffnete das dicke Papier und zum Vorschein kam feinstes, weißes Pulver.
„Ich versichere euch, es ist von bester Qualität und nicht gestreckt“, beteuerte Vincent und teilte das Pulver in zehn Lines auf. Dann kramte er die großen Geldscheine aus seinem Portemonnaie und gab jedem im Raum einen davon.
„Ihr alle dürft übrigens das Geld behalten“, zwinkerte er den Frauen zu, die sich allesamt gierig um den Couchtisch setzten und die Droge eine nach der anderen durch die Nase einnahmen. Henri und Vincent gönnten sich ebenfalls eine Portion und die Stimmung wurde mit einem Mal geiler. Henri legte noch eine ganze Packung Kondome auf den Tisch, um Hinterlassenschaften jeglicher Art zu vermeiden, und ließ sich von der brünetten Prostituierten die Brust streicheln, während er mit ihren Beinen spielte. Vincent wurde von seinen zwei Huren langsam entkleidet und massierte die Blondine vor sich an ihrem Busen. Der Einzige, der sich weiterhin in Enthaltsamkeit übte, war Richard. Die Brünette setzte sich auf Henri und knutschte ihn ab, zur gleichen Zeit knetete er ihren prallen Hintern. Vincent war mittlerweile fast nackt und trug nur noch seine Hose. Und Richard trank seinen Wein und dachte stattdessen an jemand anderen.
„Was willst du, Richard? Sag es mir und ich besorge es“, bat Vincent ihn und konnte seinen besten Freund nicht mehr so frustriert dasitzen sehen. Er wusste, dass Richard sich nicht sonderlich auf seine Hochzeit mit Elisabeth D'Argies freute, aber er sollte wenigstens seinen Junggesellenabschied genießen.
„Melanie von Bouget“, antwortete Richard nachdenklich.
„Tut mir leid, aber sie arbeitet hier nicht“, entgegnete Vincent und verdrehte dabei die Augen. „Da kommt mir eine Idee. Habt ihr hier eine schlanke junge Dame mit roten Locken?“, fragte er die fleißige Angestellte, die im gleichen Moment den Gürtel langsam von seiner Hose entfernte.
„Höchstwahrscheinlich. Ich kann Madame Poison mal fragen“, antwortete sie und war nun an seinem Hosenstall zugange.
„Ich sagte doch, dass ich nicht in Stimmung bin“, wiederholte Richard gereizt.
„Wer ist diese Melanie von Bouget?“, wollte die Brünette wissen, glitt langsam vor Henri herunter auf den Boden und zog an seiner Hose.
„Die Verlobte eines anderen Mannes“, antwortete der junge Graf. Für diese Bemerkung hätte Richard ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst.
„Das klingt nach einem flotten Dreier“, bemerkte die zweite Blondine hinter Vincent und streichelte seinen Rücken.
„Ja, das ist kein schlechter Einfall“, warf Vincent in den Raum. „Richard, du könntest später mit Melanie eine Affäre haben.“
„Und wie stellst du dir das bitte vor? George hat sie am Morgen und ich kriege sie am Abend? Allein die Vorstellung daran macht mich krank! Abgesehen davon würde sie George niemals betrügen, das weiß ich“, sagte Richard aufgebracht und war sich absolut sicher, dass er selbst nicht in der Lage wäre, Melanie mit jemandem zu teilen. Er wollte sie für sich allein haben.
„Dann musst du sie halt entführen und verführen“, schlug Henri vor und zeigte der Brünetten sein bestes Stück.
Richard schaute zu ihm hinüber und dachte ernsthaft darüber nach, wie er diesen Plan in die Tat umsetzen könnte.
„Vergiss es. So kurz vor der Hochzeit werden die Bräute von ihren Müttern zu Hause eingesperrt und wie von einem Drachen bewacht. Es ist unmöglich, an Melanie ranzukommen. Die Burg ist uneinnehmbar“, machte Vincent alle Hoffnungen wieder zunichte.
„Dann locken wir die Prinzessin halt aus ihrer Festung heraus“, erwiderte Henri.
„Und wie?“, fragte Vincent belustigt.
„Mit ganz viel Eiscreme“, antwortete Henri und verdeutlichte der Hure, sich auf ihn draufzusetzen. Sie tat es und er stöhnte vor Lust. Vincent war mittlerweile komplett nackt und nahm die erste Blondine von hinten, während sie auf allen vieren auf dem Sofa stand. Die zweite Frau ließ von Vincent ab und krabbelte verführerisch auf Richard zu, der in seine Gedanken versunken war. Sie streichelte seine Oberschenkel, schaute voller Verlangen in sein Gesicht und wollte ihn küssen, doch er hielt ihre Arme fest. Was war nur mit ihm los? Früher hätte er, ohne zu zögern, bei dieser Orgie mitgemacht. Aber jetzt war das pure Gegenteil der Fall. Er stand wortlos auf und war dabei, den Raum zu verlassen.
„Richard, wenn du Melanie ernsthaft entführen willst, dann musst du dir darüber im Klaren sein, dass du damit zwei Hochzeiten ruinierst!“, rief Vincent ihm hinterher, bevor sein bester Freund endgültig aus der Suite verschwand.
„Ja, da hast du absolut recht“, sagte Richard leise. Er wäre dann der Böse. Seine eigene Trauung war ihm mittlerweile egal, aber er wollte Melanies großen Tag nicht zerstören. Sie sollte an Georges Seite glücklich werden und ihr Leben mit ihm verbringen. Richard musste sie loslassen. Sich mit dem Gedanken abfinden, nur mit ihr befreundet zu sein, aber sie niemals körperlich lieben zu dürfen.
Er fuhr mit der Kutsche nach Hause und schickte sie daraufhin wieder zurück zum Bordell Panier De Pêches, damit seine Freunde später heimkehren konnten. Was sicherlich erst am frühen Morgen geschehen würde. Denn Henri und Vincent würden sich mit den Damen die ganze Nacht vergnügen. Richard war definitiv nicht nach Feiern und anderen Frauen zumute. Er schlenderte lustlos in seine Gemächer und legte sich schlafen.
Dieses Mal träumte er vom Strand. Die Morgendämmerung tauchte die Welt in Zwielicht. Richard stand am Wasser und ließ die leichten Wellen seine Füße umspielen. Das Gefühl des kühlen Meerwassers vermengt mit dem Sand wirkte unendlich beruhigend und er war völlig entspannt. Ganz unerwartet nahm jemand seine linke Hand und hielt sie fest. Richard drehte verwundert seinen Kopf und erblickte Melanie, die ebenfalls die aufgehende Sonne beobachtete und dabei lächelte. Sie trug ein schulterfreies, hautenges Glitzerkleid in Türkis, das ihr bis zu den Knöcheln reichte, und sie wirkte darin wie eine Meerjungfrau. Melanie schaute Richard an und der leichte Wind erfasste ihre roten Locken, die dann ihr Gesicht zur Hälfte verdeckten. Er strich ihr die Haare vorsichtig hinters Ohr und betrachtete sie voller Sehnsucht. Ihre Augen verzauberten ihn und sie zog Richard sanft mit sich. Die beiden gingen langsam den breiten Strand entlang und waren dabei ganz allein. Die Sonne stieg währenddessen unaufhaltsam am Himmel hoch und siegte über die Finsternis.
Am Morgen wachte Richard auf und setzte sich in seinem Bett aufrecht hin. Er bemerkte Flüssigkeit auf seiner Wange und stellte überrascht fest, dass es Tränen waren. Er wischte sich übers Gesicht und besah sich die Tropfen auf seinem Finger. Weinte er vor Glück oder vor Kummer? Das konnte er unmöglich sagen. Aber er wünschte sich innigst, dass dieser Traum wahr werden möge.

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