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Blitz und Donner Kapitel 25 - 30

Kapitel 25 Der Geburtstag

1. Juli 1875

Melanies großer Tag war nun endlich gekommen: Sie wurde volljährig. Zu Ehren ihres Geburtstages hatte der Baron von Bouget eine private Feier im engsten Kreis organisiert. Geladen waren die Familie von Semur und Vincent von Guise sowie George von Bellagarde und Henri von Ailly. Monsieur von Bouget ließ ein großes, weißes, rundes Zelt im Garten aufstellen, das an den Seiten offen war. Darunter standen Tische und Stühle, die von Dienern herbeigebracht worden waren. Es war alles in Melanies Lieblingsfarbe geschmückt worden: marineblau. Und ein kleines Orchester spielte ihre Lieblingsmusikstücke. Die geladenen Gäste wurden mit einem vielfältigen Büffet und reichlich Champagner verwöhnt. Die Stimmung war recht ausgelassen und fröhlich. Es wurde gegessen, getanzt, gesungen, gespielt und zum Schluss wurden Geschenke an das Geburtstagskind überreicht. Melanie freute sich über jedes Präsent, dass es eine Wonne war, und gab den Gästen dafür jeweils einen Wangenkuss. Besonders George war von der zärtlichen Geste sehr angetan. Er hatte ihr eine aufziehbare Spieluhr geschenkt mit der vollständigen Version der Mondscheinsonate von Beethoven. Als Melanie davon ausging, alle Geschenke ausgepackt zu haben, kam der Butler in das Zelt hinein und trug eine mittelgroße, rechteckige Schachtel auf seinen Händen.
„Dies wurde soeben von einem Boten aus dem Palast für Mademoiselle Melanie abgegeben, Monsieur von Bouget“, erklärte er.
Thomas nahm die Schachtel entgegen, die in rotes Papier eingewickelt und mit dem kaiserlichen Siegel versehen war.
„Ein Geschenk Seiner Kaiserlichen Majestät?“, fragte der Baron ungläubig.
Der Butler nickte.
Melanie kam augenblicklich näher und nahm das Präsent entgegen. Sie stellte es auf einem der Tische ab und zerriss das Papier. Die übrigen Anwesenden schauten gespannt zu. Zum Vorschein kam eine dunkelbraune Schatulle aus Leder, die gut gepolstert war. Es musste demnach etwas sehr Wertvolles darin sein. Melanie platzte fast vor Neugier, als sie die Schatulle endlich öffnete, und im nächsten Moment fiel ihr sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Sie nahm das Geschenk vorsichtig mit beiden Händen heraus und alle Übrigen waren geschockt. Ein Diadem. Bestehend aus zwanzig ineinander verschlungenen Ringen, die so groß waren wie Armbänder. In jedem dieser Ringe hing ein Saphir in der Größe einer Himbeere. Das Diadem selbst war aus Weißgold und mit unzähligen kleinen Diamanten versehen.
„Diese Tiara ist einer Königin würdig“, bemerkte Rosemarie von Semur und war somit die Erste, die ihre Stimme wiederfand.
„Melanie, möchtest du uns irgendetwas sagen?“, wollte ihr Vater wissen und starrte fassungslos auf das Geschenk.
„Das ist einfach unglaublich“, sagte seine Tochter und betrachtete das Diadem von allen Seiten. Die Edelsteine funkelten mit der Sonne um die Wette und Melanie war sich sicher, dass dieses Schmuckstück ein Vermögen gekostet haben musste.
„Was Papa damit meint, ist: Warum schenkt dir der Kaiser eine Krone?“, präzisierte Jane und sah ihre kleine Schwester forschend an.
„Warum nicht? Ich bin schließlich sein Günstling.“ Melanie war irritiert.
„Welche Art von Günstling?“, fragte Madame von Semur belustigt und trank genüsslich ihren Champagner.
„Wir sind Geschäftspartner. Der Kaiser unterstützt mich bei der Pferdezucht“, antwortete Melanie knapp. Sie bemerkte, dass allen anderen Anwesenden diese Tiara etwas unmissverständlich sagte, aber sie selbst tappte weiterhin völlig im Dunkeln. Dann entdeckte sie einen zusammengefalteten Brief, der ebenfalls in der Schatulle lag. Sie nahm ihn heraus und las die schwungvoll geschriebenen Zeilen, die vom Kaiser persönlich verfasst worden waren:

Mademoiselle Melanie,
ich gratuliere Ihnen herzlich zum 18. Geburtstag.
Bitte tragen Sie dieses Diadem beim kommenden Ball
auf meinem Schloss Falkennest.
Hochachtungsvoll
Alexander

Melanie dachte scharf nach. Das teure Präsent war definitiv eine Art Auszeichnung für sie. Vielleicht wollte der Kaiser auf diese Weise für alle Augen sichtbar machen, dass sie sein Günstling war. Aber weshalb versetzte es den anderen so einen Schock? Vor allem die Reaktionen der drei jungen Herren bereiteten ihr Kopfzerbrechen. Vincents Gesichtsausdruck war ziemlich ernst. Henri schien sprachlos zu sein und schüttelte ungläubig den Kopf. Und George war völlig blass geworden und sah bestürzt aus. Was brachte sie so dermaßen aus der Fassung? Melanie musste es herausfinden, denn der Ball würde bereits in drei Tagen stattfinden.
Der Baron von Bouget bat das Orchester, die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi zu spielen – als erstes den Winter. Während die angespannte Situation sich wieder lockerte, nahm Johanna ihre jüngste Tochter zur Seite und stellte sie zur Rede. Rosemarie von Semur gesellte sich ebenfalls zu ihnen.
„Melanie, erkläre mir augenblicklich, warum der Kaiser dir ein so kostbares Geschenk überreicht hat!“ Die Mutter klang besorgt.
„Womöglich, weil er mich als Person sehr schätzt. Was weiß ich. Mama, wieso bist du so aufgebracht?“ Melanie verstand die Welt nicht mehr.
„Hat der Kaiser jemals geäußert, dass er Gegenleistungen für seine Geschenke von dir erwartet?“, fragte Johanna sie weiter aus.
„Nein! Warum sollte er? Es ist doch ein Geschenk zu meinem Geburtstag“, antwortete Melanie hastig.
„Und was ist mit den vier Stuten? Diese Pferde sind reinrassig und unfassbar teuer. Er hat sie dir ebenfalls geschenkt. Was macht ihr während der Audienzen bei ihm?“ Madame von Bouget gab nicht nach. Sie wollte die ganze Wahrheit erfahren.
„Über das Geschäft reden“, entgegnete Melanie und so langsam bekam sie ein mulmiges Gefühl.
„Hat sich der Kaiser dir jemals körperlich genähert oder dich ungewöhnlich berührt?“, fragte Johanna beschwörend.
Melanie verstand nicht, was ihre Mutter mit dieser Frage genau meinte, antwortete aber: „Nein, nie.“
Johanna runzelte die Stirn. Es ergab alles keinen Sinn. Weshalb beschenkte der Kaiser ihre Tochter mit einem Diadem, wenn er nichts dafür von ihr verlangte? Das Präsent zurückzugeben, war unmöglich. Sie würden den Kaiser nur verärgern und ihre gute Stellung bei Hofe verlieren.
„Melanie, sei bitte ab sofort vorsichtig in der Gegenwart des Kaisers“, warnte Rosemarie die junge Frau.
„Wieso? Vor was soll ich mich denn hüten?“ Melanie war alarmiert.
„Vor gar nichts!“, sprach ihre Mutter dazwischen und hinderte Madame von Semur daran, eine Antwort zu geben. Rosemarie verdrehte die Augen und schüttelte nur den Kopf. Sie verstand nicht, wie Johanna ihr eigenes Kind so dermaßen blind durchs Leben laufen lassen konnte. Die frischgebackene Achtzehnjährige musste so schnell wie möglich über gewisse Dinge aufgeklärt werden, bevor sie wie ein naives Lamm in einen Käfig voller hungriger Wölfe tappte.
„Solange ihr über die Geschäfte redet, ist alles in Ordnung“, beschwichtigte die Mutter. Sie nahm ihre Tochter an der Hand und führte sie zum Büffet, um zwei Stücke von der Geburtstagstorte zu essen.
Das Orchester wechselte zum nächsten Musikstück, dem Sommer. Der dramatische Beginn dieses Meisterwerks klang wie ein herannahendes Gewitter.
„Also eines muss man dem Kaiser ja lassen: Geschmack hat er“, bemerkte Henri und schaute dabei zuerst auf das Diadem und dann auf Melanie. „Aber warum will er es öffentlich machen?“ Er grübelte und hoffte, sein Freund würde ihm bei der Antwortfindung weiterhelfen. Aber Vincent stand nur nachdenklich da und beobachtete George, wie er sich mit dem Baron von Bouget unterhielt. Täuschte er sich oder war George gerade dabei, zu verhandeln?
„Meinst du, es liegt an George?“ Henri führte seinen Monolog weiter fort. „Oder an dem allseits bekannten Gerücht, dass Richard mit Melanie eine Affäre haben soll?“, fragte er und stupste Vincent leicht am Arm an.
„Wie auch immer. Auf jeden Fall hat sich der Kaiser als neuer Mitstreiter am Tisch offenbart und er hat viele Trümpfe. Er könnte das Spiel gewinnen“, erläuterte Vincent seine Überlegungen.
„Was unser Kumpel Richard wohl zu dem Ganzen hier sagen wird ...“, stellte Henri amüsiert fest. Im Grunde genommen war Richards Wutausbruch vorprogrammiert, aber das war nebensächlich. Für Vincent war es höchste Zeit zu handeln. Der Ball im Schloss Falkennest war bei diesem Wettkampf entscheidend und er hatte eine Idee, wie Richard das Blatt zu seinen Gunsten wenden konnte.



Kapitel 26 Der Whisky

4. Juli 1875

Das Schloss Falkennest lag außerhalb der Stadt mitten in einem Wald. Es handelte sich um ein Jagdschloss und seine Außenwände waren komplett mit rosa Farbe bestrichen. Es hatte vier Türme und erinnerte mehr an eine mittelalterliche Burg als an ein Schloss. Im Inneren dieses märchenhaften Gebäudes waren alle Wände mit Geweihen und Präparaten von ausgestopften Wildtieren behangen, die von der Jagdgesellschaft in den letzten fünfzig Jahren erlegt worden waren. Am beeindruckendsten waren die Exemplare von Bären und Hirschen. Und nicht selten entdeckte man einen täuschend echt wirkenden Wolf, der seine Zähne fletschte und die Gäste fast zu Tode erschreckte. Aber all diese armen Geschöpfe waren seit langem tot und deren sterbliche Hüllen von einem Tierpräparator, manchmal auf groteske Weise, in Szene gesetzt worden.
Die Kutsche des Herzogs von Guise näherte sich langsam auf dem holprigen Weg dem Schloss Falkennest. Vincent schaute aus dem Fenster und sah nur dicht stehende Bäume. Während der Abenddämmerung wirkten sie wie stumme Zeugen des Grauens, das regelmäßig in diesem Wald stattfand. Der Kaiser liebte die Jagd. Er verbrachte manchmal Tage auf Schloss Falkennest und ging täglich auf die Pirsch. Er kam dann stets mit Beute zurück, denn er war ein ausgezeichneter Schütze.
Der Herzog von Crussol begleitete seinen Freund auf die Veranstaltung und saß ebenfalls in der Kutsche. Vincent sah zu Richard hinüber, der nachdenklich ins Leere starrte. Es war mühselig gewesen, seinen griesgrämigen Kumpanen zu überreden, heute Abend mitzukommen, aber Vincent hatte aus einem guten Grund nicht aufgegeben.
„Richard, versprich mir bitte, dass du heute Abend mit Melanie von Bouget tanzt“, forderte er ihn auf.
Sein Gegenüber sah ihn überrascht an. Mit diesem Thema hatte Richard nicht gerechnet.
„Wozu? Sie wird heute ohnehin wieder nicht erscheinen. So wie auf den letzten Bällen“, entgegnete Richard seufzend. Abgesehen davon war es eher unwahrscheinlich, dass Melanie ihn auch nur ansehen wollte. Da konnte von Tanzen keine Rede sein.
„Doch, sie wird kommen. Also versprich mir, dass du sie zum Tanzen aufforderst“, drängte Vincent ihn.
„Warum bist du so hartnäckig? Ist etwas auf Melanies Geburtstagsfeier vorgefallen, dass du mir besser sagen möchtest?“, fragte Richard stattdessen und traf mit seiner Vermutung voll ins Schwarze. Denn Vincent atmete geräuschvoll aus und sah ihn durchdringend an.
„Der Kaiser hat Melanie zu ihrem Geburtstag ein kostbares Geschenk überreicht. Ich finde, das solltest du wissen, bevor du es gleich auf dem Ball selbst siehst“, berichtete Vincent ernst.
„Was für eine Art von Geschenk?“ Richard runzelte die Stirn und spannte sich an.
„Ein Warnzeichen. Sichtbar für jeden, der es auch nur wagen sollte, sich ihr zu nähern“, antwortete Vincent und schaute seinem Freund fest in die Augen. „Du musst mit ihr tanzen, bevor alles zu spät ist. Hast du mich verstanden?“
Richard war alarmiert. Offenbar hatte er keine Zeit mehr zu verlieren, aber aus welchem Grund? Am Ende nickte er stumm, bevor sein bester Freund weiter auf ihn einreden konnte.
Der Ballsaal im Schloss Falkennest war im Vergleich zum prunkvollen Saal im Frühlingspalast um einiges rustikaler. Er hatte einen männlichen Touch und es roch eindeutig nach Weihrauch. Entlang der Wände standen dunkelbraune Tische und Stühle und Sitzgelegenheiten aus braunem Leder. Richard gefiel dieser Ballsaal auf Anhieb, vor allem wegen der langgezogenen Bar, die sich links über die gesamte Wand erstreckte. Die beiden teuflisch gutaussehenden Herzoge durchquerten den großen Raum und zogen alle Blicke der anwesenden Damen auf sich. Sie nahmen auf einer Ledercouch direkt gegenüber dem Eingang Platz und überblickten von Weitem das Geschehen wie zwei Falken ihr Revier von einem Ast.
Als Nächstes betrat George von Bellagarde die Arena und war ebenfalls ein überaus attraktiver Augenschmaus für die Frauenwelt. Bei seinem Anblick verzog Richard sofort das Gesicht.
„Was hat dieser Bücherwurm hier verloren? Er soll sich aus dem Staub machen, und zwar schleunigst!“, dachte er boshaft.
Kurz darauf erschien Kaiser Alexander gemeinsam mit seiner Gemahlin. Seine Untertanen applaudierten stehend, als das Kaiserpaar an seinen Gästen vorbeiging und sie kopfnickend begrüßte. Anschließend kam die berühmte Familie von Bouget. Der Baron und die Baronin wurden von den anderen Adligen herzlichst begrüßt. Und dieses Mal hatten sie alle ihre vier Kinder dabei. Die drei bezaubernden Töchter und den schneidigen Sohn. Richards Herz blieb fast stehen, als er Melanie erblickte. Sie hatte ein traumhaftes Ballkleid an. Es war in zwei Farben geteilt, die in einem weichen Übergang ineinander verliefen. Von Eisblau oben bis Schneeweiß unten, wie bei einem Wasserfall. Das Kleid war schulterfrei und vor der Brust wie ein Fächer aufgestellt. Untenrum war es dank zehn Schichten Tüll recht voluminös. Aber das wichtigste Detail trug Melanie auf ihrem Kopf: eine atemberaubende Tiara, die schlicht und einfach so viel wert war wie eine prunkvolle Villa in der besten Gegend der Hauptstadt. Sie sah aus wie eine Königin. Richard brauchte nicht lange zu überlegen, welches Geschenk der Kaiser ihr gemacht hatte. Trotzdem fragte er Vincent, um absolut sicher zu sein: „Das Diadem?“
Sein Freund nickte wortlos. Richard vergrub daraufhin sein Gesicht in den Händen und verdaute die bittere Erkenntnis. Warum musste es der Kaiser sein? Wieso konnte es nicht bei George von Bellagarde bleiben? Nein, der Monarch persönlich kämpfte um die Gunst genau jener Dame, die auch Richard begehrte. Seine Erfolgschancen bei Melanie waren demnach fast null. Er stand auf und ging zur Bar. Dann bestellte er sich ein Glas Macallan Whisky und hatte nur ein Ziel an diesem Abend: seinen Frust mit Alkohol zu ertränken.
Der Kaiser und die Kaiserin eröffneten den Ball mit einem Tanz und die übrigen Paare folgten ihnen wenig später. Melanie tanzte mit George und wirkte dabei ganz entspannt. Richard verfolgte die Zwei mit den Augen und kippte ein Glas nach dem anderen.
„Wie George sie anhimmelt. Er denkt wohl, dass heute sein Glückstag ist. Dieser dumme Vollidiot! Der Kaiser wird sie dir gleich vor der Nase wegschnappen und du wirst da rumstehen wie ein begossener Pudel!“, lauteten Richards Gedanken und er verfluchte George für sein überaus charmantes Lächeln, das Melanie bereitwillig erwiderte.
„Schaue ihn nicht so an, bitte!“, flehte Richard die junge Frau an, die er am liebsten mit Leidenschaft überschütten würde. Er trank einen großen Schluck aus seinem Glas und verzog das Gesicht. Der Whisky brannte beim Abgang und linderte ein wenig den Schmerz in seiner Brust.
Vincent gesellte sich zu ihm an die Bar und bestellte ebenfalls einen Drink. Er schaute seinen Freund fragend an. Wann hatte Richard vor, mit Melanie zu tanzen? George würde sie nicht den ganzen Abend für sich beanspruchen. Aber Richard machte gar keine Anstalten, sich ihr zu nähern. Nein, er stand lieber an der Bar und betrank sich.
„Was soll das hier werden? Willst du dich volllaufen lassen?“, raunte Vincent ihm zu. Er war fassungslos wegen Richards Verhalten. Statt sich zu betrinken, sollte er das Herz der Frau erobern, die ihm etwas bedeutete.
„Ganz genau, du hast es auf den Punkt gebracht“, bestätigte Richard und bestellte sich sogleich ein weiteres Glas Whisky.
„Reiß dich zusammen! Ich erkenne dich kaum wieder! Seit wann gibst du kampflos auf?“ Vincent war außer sich. Was zum Kuckuck war mit Richard los? Er hatte nie Schwierigkeiten gehabt, eine Frau zu verführen und sie dann für sich zu gewinnen. Aber seit er Melanie von Bouget das erste Mal begegnet war, hatte er völlig den Verstand verloren. Er benahm sich wie ein Wilder, dem es an jeglichem Feingefühl mangelte. Seine stets selbstsichere Art war dem aufbrausenden Temperament gewichen, das normalerweise nur gelegentlich zum Vorschein kam. Vincent hatte das Gefühl, dass Richard völlig verrückt nach Melanie war und es nicht ertrug, Schwierigkeiten zu haben, sie einzufangen.
Zu guter Letzt erschien Elisabeth D'Argies auf dem Ball. Sie schwebte dahin wie eine griechische Göttin und die Männer verrenkten sich den Hals, um ihr nachzusehen. Alle außer Richard. Er bemerkte gar nicht, dass seine Verlobte den Saal betreten hatte. Stattdessen sah er lieber dabei zu, wie sich Melanie gedankenverloren mit der rechten Hand über ihren linken Unterarm streichelte. Sie schaute Richard unerwartet direkt ins Gesicht. Es war nur ein kurzer Augenblick und danach sah sie wieder weg, aber Richard war davon wie elektrisiert. War der übermäßige Alkoholgenuss daran schuld, dass ihm plötzlich so heiß wurde? Kaiser Alexander näherte sich Melanie und verwickelte sie in ein Gespräch. Er ließ seine Augen die ganze Zeit über auf ihrem Antlitz ruhen und lächelte sanft. Richard wurde mit einem Mal schmerzlich bewusst, dass der Kaiser sie auf jeden Fall zu seiner Nebenfrau machen würde, wenn er nicht schleunigst etwas dagegen unternahm. Er trank sein Glas leer und so langsam wirkte der Macallan. Richard wurde alles um ihn herum scheißegal. Er wollte Melanie und absolut niemand würde ihn davon abhalten, sie zu bekommen. Also nahm er all seinen Mut zusammen und richtete sich auf.
„Du hast recht, Vincent. Ich gebe niemals kampflos auf“, sagte Richard lallend. „Ich werde sie zum Tanzen auffordern.“
„In dem Zustand? Du bist besoffen! Um es milde auszudrücken. Willst du gleich auf ihre Schuhe kotzen?“ Vincent war entsetzt, dass sein Freund sich so gehen ließ. Aber Richard hörte ihn nicht mehr. Er marschierte etwas wackelig auf das Ziel seiner Begierde zu und blieb direkt hinter Melanie stehen. Sie hatte soeben ihre Unterhaltung mit dem Kaiser beendet und bemerkte erst nach einigen Minuten, dass jemand hinter ihr atmete und sie anstarrte.
„Melanie, kann ich bitte mit dir sprechen?“, bat Richard sie und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Sie atmete tief durch und betete, dass er einfach weitergehen würde, wenn sie ihn ignorierte. Aber er blieb an derselben Stelle stehen und sie traute sich nicht, sich umzudrehen. Die Angst lähmte sie.
„Bitte, ich möchte nur mit dir reden“, flehte Richard sie beinahe an. Seine Hoffnung schwand allmählich, dass sie jemals wieder ein Wort mit ihm wechseln würde.
Melanie schloss kurz die Augen und wünschte sich an einen anderen Ort. Aber es half nichts. Früher oder später musste sie sich ihrer Furcht stellen und offenbar war dieser Moment jetzt gekommen. Sie drehte sich langsam um und sah Richard direkt in die Augen. Sie versuchte, dabei keinerlei Schwäche zu zeigen, und wich seinem intensiven Blick nicht aus. Sofort zog Melanies Aura Richard in ihren Bann. Er konnte im ersten Augenblick nur regungslos dastehen und sich in ihrer Schönheit verlieren. Nach einer halben Minute fand er seine Stimme wieder und stotterte: „Es ... Es ... Es tut mir leid, was ich dir angetan habe. Es war falsch von mir, dich so zu behandeln. Und ich bitte dich inständig um Verzeihung.“
Eine weitere, qualvolle halbe Minute verging, bis Melanie ihm endlich antwortete: „Es war falsch von dir? So nennst du das also. Ich sage dir, was falsch ist. Wenn man früh morgens aufsteht und sich unterschiedliche Socken anzieht, das ist falsch. Wenn man sich beim Frühstück Milch in seinen Zitronentee eingießt, das ist falsch. Was du getan hast, Richard, das war äußerst schmerzhaft, sowohl körperlich als auch seelisch.“
Melanie musste ihren Blick von ihm abwenden und sich kurz sammeln. Tränen schossen ihr in die Augen und sie befürchtete fast, gleich loszuheulen. Aber sie nahm all ihre Willensstärke zusammen und beherrschte sich. Richard sah sie schuldbewusst an. Wie konnte er von ihr verlangen, dass sie ihm seine Tat verzieh? Sie hatte offensichtlich ungeheuer gelitten und das schreckliche Erlebnis bis heute nicht verdaut. Er fühlte sich unendlich schuldig und er wollte ihr diese Last wieder von den Schultern nehmen.
Der Zeremonienmeister verkündete, dass für den kommenden Tanz die Damen ihren Tanzpartner aussuchen durften. Die jungen Frauen schwirrten aufgeregt los und trafen ihre Wahl. Viele Paare hatten sich bereits gefunden und begaben sich gut gelaunt auf die Tanzfläche. Melanie hob wieder ihren Kopf und schaute Richard ins Gesicht. Er hielt ihrem anklagenden Blick stand. Während sie ihn weiterhin ansah, entfernte sie sich zwei Schritte von ihm. Die Botschaft war unmissverständlich: Sie wollte nicht ihn als ihren Tanzpartner wählen. Richard nahm es ihr nicht übel, verspürte trotzdem große Enttäuschung und Traurigkeit. Plötzlich merkte er, wie eine Frau rechts neben ihm stehen blieb und ihn fragte: „Richard, wollen wir tanzen?“
Die Stimme gehörte Elisabeth. Auch Melanie hatte sie bemerkt und sah ihr unerschrocken in die Augen. Die strahlende Verlobte blickte nur kurz zu ihrer Rivalin herüber und machte keine Anstalten zu einer Begrüßung.
„Bitte verzeih, aber ich habe Mademoiselle von Bouget den nächsten Tanz versprochen“, antwortete Richard unerwartet.
Sowohl Elisabeth als auch Melanie starrten ihn mit offenem Mund an. Niemand sagte etwas, bis Elisabeth sich beleidigt umdrehte und ohne ein weiteres Wort in der Menge verschwand. Melanie schaute ihr fassungslos hinterher und sah dann wieder zu Richard.
„Ich habe dich doch gar nicht gefragt!“, warf sie ihm vor.
„Und du hast vor Elisabeth nicht widersprochen“, stellte Richard fest. Er reichte ihr seine Hand und wartete darauf, was geschehen würde. Melanie sah ihn zuerst irritiert an, dann verärgert und zum Schluss akzeptierte sie seine unverschämte Aufforderung und gab ihm ihre Hand. Genau in diesem Augenblick ertönte die Musik. Richard zog Melanie ganz nah an sich heran. Legte seine linke Hand auf ihre Taille und hielt mit seiner rechten ihre Hand auf seiner Brust fest. Sie tanzten einen Walzer, wobei Richard und Melanie sich langsamer bewegten als die übrigen Paare. Nein, dieses Tanzen war viel intimer.
„Ich weiß, dass du es mir womöglich nie verzeihen wirst, aber du musst wissen, dass ich es mit meiner Entschuldigung ernst meine. Es tut mir wahnsinnig leid“, sagte Richard leise und inhalierte mit jedem Atemzug ihren Duft. Melanies Blick ruhte auf seiner Brust und sie versuchte, das Gefühl zu verstehen, das sich schlagartig wieder in ihr regte. Es kribbelte in ihrem Körper, ihr wurde warm und sie nahm jede seiner Berührungen intensiver wahr. Melanie hob ihren Kopf und schaute Richard ins Gesicht. Sie betrachtete seine großen, dunklen Augen und die schönen Wimpern. Die Haare trug er jetzt etwas länger und er hatte helle Strähnchen bekommen, vermutlich von der Sommersonne. Richards Haut war dagegen gebräunter und er roch süßlich. Was war das? Plötzlich erkannte Melanie diesen Geruch.
„Du bist betrunken“, stellte sie überrascht fest.
„O ja. Ich trinke schon den ganzen Abend lang Whisky“, gestand Richard frech und betrachtete ihre nackten Schultern. Wie gern würde er sie da jetzt liebkosen.
„Etwa den Macallan?“, fragte Melanie nach. Und da fiel es Richard wieder ein, dass sie diesen Whisky bereits am Abend von Vincents Party gemeinsam getrunken hatten.
„Genau den. Weißt du, warum ich den so gerne trinke? Weil mich seine Farbe an deine Haare erinnert“, antwortete er und strich Melanie über eine Locke, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte. Er kam ihr unwillkürlich näher und versank in ihren olivgrünen Augen.
„Richard, das ist zu nah. Alle können uns sehen“, raunte sie ihm zu und schaute sich besorgt um.
„Das ist mir egal“, flüsterte er und strich mit seiner Hand über ihren Rücken.
„Mir nicht! Es ist schließlich mein Ruf, den du damit ruinierst!“ Melanie klang dabei überaus entschieden. Richard wollte sie auf keinen Fall verärgern und versuchte, sich wieder auf das Tanzen zu konzentrieren. Er betrachtete die prunkvolle Tiara auf ihrem Kopf und ihm kam ein Gedanke.
„Was willst du von mir haben? Juwelen? Kleider? Oder vielleicht ein ganzes Schloss? Du kriegst alles, wonach dein Herz verlangt. Ich werde dir nichts verweigern, wenn du dich mir nicht verweigerst“, sagte Richard und musste sich zusammenreißen, um sie nicht auf der Stelle zu entführen.
Melanie schaute ihn daraufhin vorwurfsvoll an. „Glaubst du etwa, ich wäre käuflich?“ Sie klang beleidigt.
„Der Kaiser glaubt es offensichtlich, sonst würde er dir nicht so eine kostbare Tiara schenken“, erwiderte Richard.
„Der Kaiser schätzt mich im Gegensatz zu dir! Du hast vor, mich wie Wachs in deinen Händen zu formen.“ Sie wurde allmählich wütend. „Du willst mich nur als deine Gespielin.“
Das stimmte. Richard wollte mit Melanies Körper spielen. Sie am liebsten jede Nacht bei sich haben und Dinge mit ihr tun, die sie sich nicht einmal vorstellte. Er presste sie mit seiner Hand an der Taille enger an sich und sagte leise, sodass nur sie ihn hörte: „Was ist so schlimm daran, meine Gespielin zu sein? Was ist so falsch daran, mir nahe zu sein? Was ist so verkehrt daran, nackt bei mir zu sein?“
Melanie musste sich mit aller Macht beherrschen. Das eigenartige Gefühl in ihr wurde immer stärker und nahm Auswüchse an, die ihr bis jetzt unbekannt waren. Sie schloss ihre Augen und versuchte, dieses Empfinden zu unterdrücken. Richards Stimme und sein Geruch machten die Angelegenheit aber fast unmöglich. Melanie öffnete ihre Augenlider wieder und ihr hungriger Blick sagte unverkennbar die Wahrheit. Ich will dich ganz nah bei mir haben. So nah wie an jenem Abend im Wald. Ich will, dass du mich festhältst und an dich drückst, bis ich nicht mehr atmen kann.
Melanie erschrak vor ihren eigenen Gedanken und wich einen Schritt zurück. Sie sah Richard verwirrt an und verstand nicht, wie sie so etwas nur denken konnte. Sie drehte sich um und floh. Sie musste schleunigst weg, egal wohin, Hauptsache fern von ihm und diesem fremdartigen Gefühl, dass er in ihr auslöste.
Richard schaute Melanie hinterher. Er hatte in ihren Augen das Verlangen nach ihm deutlich erkannt. Sie hatte sich selbst verraten. Und genau in diesem Augenblick begriff er, dass er doch eine Chance hatte, sie zu erobern. Er machte kehrt und schritt selbstbewusst zurück zu Vincent an die Bar und bestellte sich ein Glas Wasser. Sein bester Freund warf ihm ein verschmitztes Lächeln zu und schwieg. Richard hatte ihn absolut überrascht. Das lief gerade besser, als Vincent es sich je erträumt hatte. Er beobachtete nun die anderen Spieler im Saal. Sowohl George von Bellagarde als auch Kaiser Alexander hatten den Tanz des jungen Herzogs von Crussol und seiner Partnerin genau verfolgt. Ihnen war definitiv nicht entgangen, wie sehr sich Melanie zu Richard hingezogen fühlte und dass Richard um sie warb. Elisabeth D'Argies hatte dagegen die beiden keines Blickes gewürdigt. Nachdem Richard sie abgewiesen hatte, war sie aus dem Saal hinausstolziert und stand jetzt gemeinsam mit ihrem Onkel im langen Flur. Vermutlich beklagte sie sich bei ihm. Das wäre nur allzu verständlich, wenn der eigene Verlobte einen für eine andere links liegen ließ. Was Vincent aber am meisten Sorgen bereitete, war der Gesichtsausdruck von Melanies Mutter. Madame von Bouget sah Richard mit einem so boshaften Blick an, als würde sie ihm die Pest an den Hals wünschen.
Derweil stand Melanie auf dem großen Balkon direkt neben dem Ballsaal und atmete gierig die frische Luft ein. Ihre Gedanken rasten. Sie wäre jetzt am liebsten bei Richard, um den ganzen Abend mit ihm zu tanzen. Aber sie durfte es nicht. Denn sie befürchtete, ihm komplett zu verfallen. Er hätte dann die Macht über sie und würde sie ins Verderben stürzen. Das wäre der Verlust ihres guten Ansehens in der Gesellschaft. Sie ging einige Schritte vorwärts bis zur Balustrade und schaute hinaus in den Wald. Es sah alles friedlich aus. Heute Nacht schien der Vollmond und tauchte die Landschaft in ein rätselhaftes Licht. Melanie meinte zu erkennen, wie unbekannte Gestalten aus der Dunkelheit des Waldes herauskamen. Sie schaute genauer hin. Ja, es waren eindeutig zwei Personen. Sie liefen hinter einen dicken Baum und versteckten sich dort. Melanie wurde neugierig. Sie verharrte an ihrem Platz und beobachtete weiterhin das Geschehen. Die zwei Unbekannten gingen weiter und blieben an einer Stelle stehen, die vom Mond besser erleuchtet wurde, und da erkannte Melanie die Frau: Es war Veronika! Und neben ihr ganz eindeutig Henri von Ailly. Die beiden sahen sich an und Melanie verdeckte geschockt ihren Mund mit der Hand, als sie feststellte, dass sie sich küssten. Ihre Schwester, die ihr eingetrichtert hatte, auf keinen Fall einen Mann zu küssen, zumindest, solange sie einander nicht versprochen waren, tat in diesem Augenblick genau das Gegenteil! Warum? Henri strich Veronika zärtlich übers Gesicht und wollte sie nicht loslassen, als sie kichernd versuchte, sich von ihm zu befreien. Schließlich trennten sie sich höchst widerwillig voneinander und schlichen zu unterschiedlichen Eingängen des Schlosses zurück. Veronika wählte die Treppe unweit des Balkons, auf dem ihre jüngere Schwester stand und auf sie wartete. Gerade dann, als sie ins Innere schlüpfen wollte, hörte sie Melanies Stimme. „Und küsst Henri gut?“
Veronika wirbelte herum und starrte mit großem Entsetzen ihre Schwester an.
„Hast du uns etwa gesehen?“, fragte sie bestürzt. Ihr Geheimnis war aufgeflogen.
„Warum lässt du zu, dass er dich küsst?“, stellte Melanie sie zur Rede. „Du hast mir gesagt, dass, wenn ein Mann eine unverheiratete Frau küsst, ihr guter Ruf dahin ist. Und sie ist dann dazu verdammt, ein leichtes Mädchen zu sein. Bist du jetzt ein leichtes Mädchen? Oder willst du mir etwa sagen, dass du Henris Freundin bist und damit seine Mätresse?“
Veronika schaute schuldbewusst in eine andere Richtung, dachte kurz nach und antwortete schnell: „Du verstehst das nicht. Ich liebe ihn. Und Henri liebt mich ebenfalls.“
Melanie war irritiert und fragte dann sarkastisch: „In Ordnung. Wann ist eure Hochzeit?“
„Das ist gerade nicht wichtig. Wir lieben uns und wollen einfach Zeit miteinander verbringen. Bitte versprich mir, dass du niemandem etwas davon erzählst“, flehte Veronika sie an. „Bitte, Melanie, es ist mein absoluter Ernst. Sage zu niemandem ein Wort darüber.“
Melanie sah ihre Schwester lange an. Natürlich würde sie ihren Mund halten. Sie hatte von ihrem Erlebnis im Wald mit Richard ebenfalls keiner Menschenseele berichtet.
„Ich verspreche es“, sagte sie schließlich und sah, wie erleichtert Veronika über ihre Antwort war. Gemeinsam betraten sie wieder den Ballsaal und wurden sogleich von ihrem Vater aufgehalten. Er erklärte ihnen, dass es an der Zeit sei, aufzubrechen und nach Hause zu fahren. Die gesamte Familie von Bouget versammelte sich vor dem Haupteingang und wartete auf ihre Kutschen. Da kam plötzlich George von Bellagarde zu ihnen und bat Melanie um ein kurzes Gespräch. Er nahm sie zur Seite und fragte: „Mademoiselle von Bouget, darf ich Sie zu einem Spaziergang im Kanarienvogelpark morgen Nachmittag um vierzehn Uhr überreden?“
Melanie schaute ihn intensiv an. Er wirkte eigenartigerweise nervös und lächelte verunsichert.
„Ja, selbstverständlich. Ich komme gerne“, antwortete sie und schenkte ihm ein Lächeln.
„Wunderbar. Ich freue mich, Sie recht bald wiederzusehen. Gute Nacht, Mademoiselle“, sagte George erleichtert und gab ihr zum Abschied einen Handkuss. Melanie fühlte sich wegen dieser Geste äußerst geschmeichelt und errötete leicht.
„Gute Nacht“, verabschiedete sie sich von ihm und flitzte zu der Kutsche, die bereits vorgefahren war.
George blieb regungslos stehen und beobachtete, wie die Kutsche hinter den Bäumen verschwand. Dann drehte er sich abrupt um und sah finster die Treppe hoch. Dort stand sein größter Rivale. Die beiden sahen sich feindselig an. Sie fochten mit ihren Blicken einen Kampf aus, bei dem keiner von ihnen nachgeben wollte. Bis Richard sich langsam umdrehte und wieder ins Schloss ging. Für George war dieser Abend mehr als aufschlussreich gewesen. Seine schlimme Vermutung, dass der Kaiser Alexander an Melanie interessiert war, hatte sich bedauerlicherweise bestätigt. Aber dass ausgerechnet der Herzog von Crussol ihm viel mehr Konkurrenz machte, darauf wäre er nie gekommen. Offenkundig interessierten sich die beiden Männer aber nur rein körperlich für die junge Bouget-Tochter, denn sie waren fest vergeben. George nahm sich vor, diese Tatsache für sich zu nutzen, um das Rennen um Melanies Hand am Ende für sich zu entscheiden.



Kapitel 27 Die Tulpe

5. Juli 1875

Die Morgensonne schien durch die Vorhänge hindurch und weckte Melanie sanft aus ihrem Schlaf. Heute Nacht hatte sie einen sonderbaren Traum gehabt, der langsam verblasste. Sie hatte vom Meer geträumt. Wie sie am weißen Strand gestanden und auf die Wellen hinausgeschaut hatte. Dort im tosenden Wasser hatte sie einen Damenhut aus Stroh gesehen, der von den Fluten hin und her geworfen worden war. Der Hut war nicht untergegangen, egal wie viele Wassermassen sich über ihn ergossen hatten. Trotzdem war er regelrecht in Mitleidenschaft gezogen worden. Gehörte dieser Hut mir? Melanie rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie stand gähnend auf, streckte sich ausgiebig und zog frische Kleidung an. Unten im Salon saßen ihre Geschwister bereits beim Frühstück und sprachen aufgeregt miteinander.
„Ihr habt schon angefangen?“, fragte Melanie verwirrt, als sie den Raum betrat. „Und wo sind Papa und Mama?“
„Sie unterhalten sich mit einem Gast in Papas Arbeitszimmer“, antwortete Jakob und aß sein Käsebrot.
„Mit einem Gast? Wer kommt denn so früh am Morgen?“, fragte sie belustigt.
„Das wissen wir nicht“, erwiderte Jane enttäuscht.
„Möchtest du mit uns wetten, wer es sein könnte?“, fragte Veronika amüsiert.
„Lieber nicht. Ich würde nur verlieren“, entgegnete Melanie lächelnd.
„Jakob, reichst du mir bitte die Butter?“, fragte Veronika ihren Bruder, doch er zögerte einen Moment. Stattdessen sah er ihr lange in die Augen und etwas Anklagendes lag in seinem Blick.
„Jakob, die Butter“, wiederholte Veronika leicht verwirrt.
„Gestern Abend beim Ball“, begann er langsam zu erzählen, „stand ich eine ganze Weile draußen vor dem Schloss und habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ein unschuldiges Reh von einem Wolf gerissen wurde.“
Jane und Melanie machten einen überraschten Gesichtsausdruck und sahen ihren Bruder mit offenem Mund an.
„Das ist ja unglaublich!“, entfuhr es Jane. „Nun, eigentlich ist es der normale Lauf des Lebens. Die Natur ist gefährlich und ein Wald bei Nacht ganz besonders.“
„Allerdings“, bestätigte Melanie nachdenklich und vermied es, die anderen anzusehen.
Veronika starrte Jakob intensiv an und brachte kein Wort heraus. Sie wusste, was er mit seiner Aussage eigentlich meinte. Nämlich, dass der Graf von Ailly und sie sich gestern Abend im Wald intim vereint hatten. Schuldgefühle überkamen sie. Sie wollte ihre Hand auf die von Jakob legen, aber er zog seine Hand ruckartig von ihr weg und bestrich stattdessen sein Brot mit Marmelade.
Die vier Geschwister saßen eine Weile schweigend da und aßen in Ruhe ihr Frühstück, als ihre Mutter völlig aufgeregt in den Salon gestürmt kam. Sie hätte beim Vorbeilaufen beinahe eine ihrer wertvollen Vasen umgeworfen und es kümmerte sie gar nicht. Stattdessen setzte sie sich neben Melanie und nahm sie an den Händen.
„Du wirst mir nicht glauben, was soeben passiert ist, mein Schatz!“, erzählte Madame von Bouget und zappelte herum.
Melanie sah sie verwundert an. Was war geschehen, dass ihre Mutter so vor Freude strahlte?
„George von Bellagarde hat vor wenigen Augenblicken um deine Hand angehalten!“, kreischte Johanna aufgeregt.
„WAS?!“, riefen alle vier Geschwister im Chor.
„Ja! Er hat um unsere Erlaubnis gebeten, dich heiraten zu dürfen!“, berichtete Johanna überglücklich.
Melanie war fassungslos und starrte ihre Mutter mit weit aufgerissenen Augen an. George wollte sie zur Frau nehmen? Wieso und warum jetzt? Hatte sie ihm nicht deutlich erklärt, dass sie noch nicht vorhatte zu heiraten?
„Und ihr habt ihm die Erlaubnis erteilt?“, fragte Veronika überrascht.
„Aber natürlich!“, rief die Mutter begeistert.
„Mama, wolltet ihr Melanie nicht frühestens in zwei Jahren verheiraten?“, fragte Jane und ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie äußerst wütend war.
„Das stimmt. Aber es ist George von Bellagarde, der um die Hand deiner Schwester anhält. Der begehrteste Junggeselle der Stadt!“, antwortete die Mutter und freute sich über alle Maßen.
„Sie ist doch erst vor Kurzem achtzehn Jahre alt geworden. Ist sie für die Ehe nicht etwas zu jung?“, mischte sich Jakob ein und warf Melanie einen besorgten Blick zu, die sprachlos auf ihrem Stuhl saß und völlig neben der Spur war.
„Ach, Unsinn. In ihrem Alter war ich mit eurem Vater bereits verheiratet und brachte Jane zur Welt“, beschwichtigte die Mutter ihn.
„Soll sie trotzdem gleich den ersten Heiratsantrag annehmen? Jane und Veronika erhalten andauernd Anträge und lehnen sie alle ab“, gab er zu bedenken.
„Jakob, das verstehst du nicht. Du kannst nicht kleine Fische mit einem dicken Fang vergleichen. Melanie bekommt die Chance geboten, eine Bellagarde zu werden! Zu einer der reichsten und wohlhabendsten Familien des Landes zu gehören. Sie ist bereits ein Champion und der Günstling des Kaisers, aber an Georges Seite wäre sie eine Gräfin von Bellagarde. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Sie würde zu den feinsten Kreisen gehören, mit den mächtigsten Persönlichkeiten verkehren und mit ihnen auf Augenhöhe sein: Politiker, Richter, Edelleute und die gesamte Kaiserfamilie. Kurz und knapp, Melanie wäre eine Dame von hohem Rang und Ansehen.“
Und damit hatte Johanna den Ehrgeiz ihrer Tochter geweckt. Melanie wäre eine Dame mit Einfluss in der Gesellschaft, den Obrigkeiten gleichgestellt und von der High Society anerkannt. Somit hätte sie die perfekten Bedingungen für ihre Pläne als Geschäftsfrau. Melanie stand auf und wollte soeben den Salon verlassen, als sie von ihrer Mutter am Arm festgehalten wurde.
„Wo willst du hin?“, fragte Madame von Bouget sie verwirrt.
„Nachdenken“, lautete Melanies knappe Antwort und sie eilte hinaus in den Garten. Sie lief wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen den Bäumen umher, umkreiste zwei Mal das Labyrinth, marschierte bis zum Pferdestall und wieder zurück und lief immer wieder Kreise. Was sollte sie nur tun? Ihre Mutter hatte recht, George war eine hervorragende Partie. Er wäre ideal für sie, denn sie verstanden sich und entwickelten allmählich Gefühle füreinander. Aber etwas ließ ihr keine Ruhe. Oder besser gesagt, jemand. Wenn sie Georges Antrag annahm, dann wäre Richard für sie tabu. War er das nicht die ganze Zeit schon gewesen? Denn er war mit Elisabeth verlobt und Melanie wollte auf gar keinen Fall seine Geliebte werden. Die Antwort war demnach eindeutig. Aber George hatte sie bis jetzt nur lieb und vornehm kennengelernt; ihre widerspenstige Seite kannte er gar nicht. Sie war unzähmbar und kämpferisch. Melanie überlegte angestrengt. Wie hatte sie damals Richard auf die Palme gebracht? Und genau das würde sie jetzt bei George durchziehen. Sie wollte ihn wütend machen. Sie lief zurück zum Anwesen und dann hoch auf ihr Zimmer. Kramte aus ihrem Kleiderschrank die professionelle Reitkleidung heraus und zog sie an. Danach begab sie sich zum Pferdestall und sattelte Nero. Gerade als sie dabei war, den Stall wieder zu verlassen, kam ihre Mutter wild schnaufend angelaufen und stellte sich ihr in den Weg.
„Was hast du jetzt vor, Melanie?“, fragte Johanna außer Atem.
„Ich habe heute Nachmittag eine Verabredung mit George im Kanarienvogelpark“, erklärte ihre Tochter sachlich.
„Möchtest du dir nicht lieber etwas Damenhaftes anziehen und besser die Kutsche nehmen?“, wies ihre Mutter sie freundlich darauf hin, unpassend gekleidet zu sein und nach dem Ritt auszusehen wie völlig zerzaust. Doch Melanie beabsichtige genau das.
„Keine Sorge, Mama. Die Verabredung wird vermutlich nicht lange dauern“, antwortete sie und stieg auf ihr Pferd. Sie galoppierte davon und ließ ihre Mutter ratlos stehen. Während der gesamten Zeit bis zur Stadt dachte Melanie an Richard. In ihrem Inneren herrschte ein Gefühlschaos. Sie war nicht naiv und wusste, dass es keine gemeinsame Zukunft mit dem jungen Herzog geben würde, und genau das schmerzte sie. Wie unerklärlich und dumm es auch klingen mochte, aber er fehlte ihr unfassbar. Melanie kam im Kanarienvogelpark an und zog alle Blicke auf sich: eine rothaarige, junge Frau auf einem prächtigen Pferd, dessen Fell so schwarz wie verbrannte Erde war. Sie galoppierte unverschämt schnell an den anderen Parkbesuchern vorbei und entdeckte George, der am Flussufer auf sie wartete und sich augenblicklich straffte, als er sie erblickte. Melanie kam unmittelbar vor ihm zum Stehen, nahm das eine Bein hoch, drehte sich im Sattel und sprang lässig herunter. Sie landete mit beiden Füßen sicher auf dem Boden, als würde sie solche Kunststücke jeden Tag vollführen. George schaute sie erstaunt an und sagte: „Wirklich sehr sportlich.“
„Das ist noch gar nichts“, antwortete Melanie selbstbewusst.
George sah sie fasziniert an. Seine Auserwählte war so aufregend wie die Entdeckung einer neuen Galaxis. Und wie sie hier aufgetaucht war – wie ein Komet. Voller Energie und Spannung.
„Wollen wir?“, fragte er und zeigte mit seiner Hand auf den Weg, der am Fluss entlang verlief. Sie flanierten eine kurze Weile schweigend nebeneinanderher. Melanie führte rechts neben sich Nero, der neugierig auf das saftige Gras unter seinen Hufen schaute. Sie dagegen blickte nur auf den Weg vor sich und vermied den Augenkontakt mit ihrem Begleiter.
„Mir kommt es vor, als wären Sie verärgert, Mademoiselle von Bouget“, begann George zaghaft die Unterhaltung.
„Sie haben meine Eltern um Erlaubnis gebeten, mich heiraten zu dürfen“, kam Melanie schnell auf das Thema zu sprechen, das sie beschäftigte.
George schaute seitlich zu ihr. Sie guckte unbeirrt nach vorn, ohne jegliche Begeisterung im Gesicht.
„Eine Tatsache, die jede andere Dame vor Freude in die Luft springen lassen würde, aber nicht so bei Ihnen, wie es aussieht“, gestand George und klang dabei etwas enttäuscht. So hatte er sich den Beginn seines Heiratsantrags nicht vorgestellt.
„Ich finde, Sie sollten mich zuerst besser kennenlernen, bevor Sie mit mir Ihr Leben verbringen. Ich bin alles andere als Ihr Frauentyp“, entgegnete Melanie.
„Was glauben Sie denn, auf welchen Typ ich stehe?“, fragte George grinsend.
„Eine Frau wie meine Schwester Jane ist ideal für Sie. Sie ist vornehm, gebildet, intelligent, manierlich, reitet nicht im wilden Galopp in der Gegend herum und ist außerordentlich schön“, beendete Melanie die Lobeshymne auf ihre Schwester.
„Ja, und dazu ist Jane noch habgierig, intrigant, selbstsüchtig und geil auf reiche Männer“, ergänzte George in seinen Gedanken und hütete sich davor, sie laut auszusprechen. Stattdessen fragte er: „Und welche Attribute beschreiben Sie am besten?“
Melanie überlegte kurz und erwiderte dann: „Unzähmbar, willensstark, dickköpfig, kämpferisch, ehrgeizig und streitlustig.“
George schmunzelte. Sie vergas dabei, Folgendes zu erwähnen: mutig, eloquent, witzig, selbstsicher, charmant, ehrlich und wahnsinnig sexy.
„Ist Ihnen aufgefallen, wie die anderen Parkbesucher Sie anstarren, seitdem Sie hier aufgetaucht sind?“, wollte George wissen und schaute Melanie lächelnd an.
„Nein, aber vermutlich sind sie über mein ungebührliches Verhalten entsetzt“, entgegnete sie und zuckte mit den Schultern.
„Ganz im Gegenteil. Die Leute bewundern Sie. Ich muss gestehen, dass ich es überaus bedauere, beim letzten kaiserlichen Pferderennen nicht dabei gewesen zu sein, als Sie sich spektakulär den Sieg holten. Aber ich versichere Ihnen, dass sowohl meine Eltern als auch meine Freunde mir in höchsten Tönen darüber berichtet haben“, erzählte George und seine Augen hafteten an Melanies Gesicht wie flüssiger Karamell auf der Haut.
„Unsinn! Die Menschen hier im Park schauen nur Sie an, Monsieur von Bellagarde, und fragen sich, warum Sie Ihre wertvolle Zeit mit so einer Verrückten vergeuden“, widersprach Melanie und vermied es beharrlich, ihn anzusehen.
„Mademoiselle, schauen Sie mich bitte an“, forderte George seine Gesprächspartnerin auf und blieb stehen.
Melanie tat ihm den Gefallen und sah ihm fest in die Augen, bereit für den nächsten Wortaustausch.
„Mir scheint es so, als ob Sie sich Ihrer Stärken nicht vollends bewusst wären. Sie sind ein Vorbild für andere junge Frauen. Ich gebe offen zu, Ihre unangepasste Art wirkt äußerst anziehend auf Männer. Abgesehen davon haben Sie eine ziemlich liebreizende Erscheinung. Und Sie können Ihren Charme ungemein gut einsetzen“, erläuterte George und schaute Melanie dabei ganz verliebt an.
„Das Einzige, was ich gut kann, ist, in der Nacht laut zu schnarchen“, konterte Melanie. „Und ich trete wie ein Pferd. Es ist unmöglich, neben mir zu schlafen, ohne wahnsinnig zu werden.“
George schaute seine Begleiterin zunächst überrascht an und lachte dann laut drauflos. Er verstand nun, was Melanie in Wirklichkeit vorhatte. Sie versuchte mit Absicht, sich in ein schlechtes Licht zu rücken.
„Sie schnarchen also und treten wie ein Pferd? Soso ... Interessant“, wiederholte er und wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
„Ja, kein Grund, sich darüber lustig zu machen“, sagte Melanie und musste sich mit aller Kraft das Lachen verkneifen und ernst bleiben.
„Gut, wenn wir schon ehrlich zueinander sind, dann muss ich ebenfalls etwas gestehen. Ich kaue andauernd an meinen Fingernägeln“, beichtete George und sah amüsiert zu, wie Melanie ihn geschockt anstarrte. Sie nahm sofort seine Hände und betrachtete die Fingernägel, die zu ihrer Verwunderung allesamt makellos aussahen.
„Stimmt doch gar nicht!“, warf sie ihm vor.
„Mein eigentliches Hobby ist, andere Menschen durch mein Teleskop zu verfolgen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen“, erzählte er und Melanie blieb der Mund offen stehen. George ein Voyeur? Das hätte sie sich niemals vorgestellt!
„Außerdem furze ich ständig, wenn ich ein Bad nehme“, berichtete George weiter und fand Melanies Reaktion darauf einfach nur köstlich.
„Nein, das ist eindeutig zu viel Information! Obendrein kann ich es Ihnen kaum glauben!“, sagte Melanie kopfschüttelnd und wedelte wild mit den Armen.
George lachte aus ganzem Herzen. Er fühlte sich so frei. Normalerweise scherzte er auf diese Weise nur mit seinen Kumpels aus der Uni, aber hatte das noch nie mit einer jungen Dame – bis jetzt.
Melanie sah ihm beim Lachen zu und fing dann ebenfalls an zu grinsen, bis sie in das herzhafte Gelächter mit einfiel. Was war nur geschehen? Ihr Plan war es gewesen, George zu verärgern; stattdessen hatte sie ihn zum Lachen gebracht. Er war eindeutig anders gestrickt als Richard. Es vergingen einige Minuten, bis die beiden sich wieder beruhigt hatten.
George atmete tief durch. Er ging näher an sie heran und sagte: „Ich glaube nicht daran, dass Sie nachts wirklich schnarchen und um sich treten. Aber jetzt bin ich umso gespannter zu erfahren, wie es ist, neben Ihnen zu liegen.“
Melanie wurde rot. Sie fand immer mehr Gefallen an George und seiner witzigen Seite. Dennoch gab sie nicht auf. „Was ich damit sagen will, ist, dass ich nicht perfekt bin“, gestand sie offen.
„Das mag sein, aber ich bin es ebenfalls nicht. Und dennoch: Vielleicht bist du perfekt für mich, Melanie“, sprach George sie zum ersten Mal mit Vornamen an und griff in seine Jackentasche. Er holte ein kleines Kästchen heraus und legte es ihr in die rechte Hand. „Das gehört jetzt dir, egal, wie du dich entscheidest“, flüsterte er ihr ins Ohr und unterdrückte das dringende Bedürfnis, sie zu umarmen.
Melanie sah ihm fragend in die Augen. Sie brauchte das Geschenk nicht zu öffnen, um zu wissen, was sich darin befand. Sie tat es dennoch und erblickte einen traumhaft schönen Ring aus Weißgold mit einem Brillanten, der in Form einer Tulpenblüte geschliffen war. Melanies Lieblingsblume. George hatte es nicht vergessen. Und plötzlich betrachtete sie ihn mit ganz anderen Augen.
„Melanie, du musst wissen, dass ich ernsthaft an dir interessiert bin, und dass meine Absichten absolut ehrlich sind. Ich gebe dir ein paar Tage Zeit, um über meinen Heiratsantrag nachzudenken, und bitte antworte mir anschließend“, bat George sie und Melanie nickte stumm. Er verabschiedete sich von ihr mit einem zärtlichen Handkuss wie am Abend zuvor, und warf ihr einen verträumten Blick zu, bevor er ging. Sie blieb eine kurze Weile am Fluss stehen und sah hinüber zum Frühlingspalast am anderen Ufer. Und mit einem Mal verblasste Richards Gesicht ein wenig in ihren Gedanken. Denn ihr wurde klar, dass er sie niemals so wertschätzen würde, wie sie es verdiente. George hingegen hatte nicht vor, mit ihr zu spielen oder sie für seine Zwecke auszunutzen, nein: Er bot ihr die Chance, seine Partnerin zu werden, seine Ehefrau. Mehr Glück konnte Melanie sich nicht erhoffen.



Kapitel 28 Die Wahl

8. Juli 1875

Die Audienz beim Kaiser stand wieder an. Melanie hatte die letzten Tage mit Grübeln verbracht. George ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Zudem belagerte ihre Mutter sie täglich und überschüttete sie mit Argumenten, die für ihn sprachen. Melanie empfand das als überflüssig, denn sie wusste selbst, dass sie mit George den Hauptgewinn gezogen hatte. Nein, der Grund für ihr Zögern war eine kleine Hoffnung, dass Richard vor ihrer Haustür stehen und ihr die gleiche große Frage stellen würde. Aber ihr Verstand flüsterte ihr eindringlich zu, dass sie sich von dieser naiven Vorstellung besser verabschieden sollte, denn Richard verfolgte definitiv andere Absichten mit ihr.
Langsam wurde es Zeit, dass Melanie sich zum kaiserlichen Palast begab. Sie brachte den Weg dorthin auf ihre gewohnte Weise hinter sich: auf dem Rücken eines Pferdes. Die Wachmänner baten sie, Nero beim Tor zu lassen und ein Diener aus dem Palast nahm sie sogleich in Empfang. Er geleitete sie zum Gästehaus, das auf der anderen Seite des großen Gartens stand, und erklärte ihr, dass der Kaiser sie dort zu sehen wünschte. Das Gästehaus hatte die gleichen Ausmaße wie das gesamte Anwesen, in dem Melanie und ihre Familie lebten. Alexander stand vor dem Eingang und begrüßte seinen Günstling mit einem breiten Lächeln. Er befahl dem Diener, draußen zu bleiben, und führte sie dann in das Innere des Hauses, wo sie völlig ungestört waren. Der Kaiser nahm ihre Hand, legte sie auf seinen Arm und gemeinsam schritten sie in den Salon. Melanie fiel auf, dass sie auf dem Weg dorthin keiner Menschenseele begegnet waren. Es hatte den Anschein, als ob außer ihnen sonst niemand hier wäre. Wollte der Kaiser etwas Geheimes mit ihr besprechen? Sie machten es sich auf der Couch gemütlich. In dem Raum mit weißen Tapeten gab es keine Fenster. An den Wänden waren sechs große Kerzenhalter angebracht. Die Kerzen brannten und erleuchteten den Salon in einem warmen Licht. Der Kaiser betrachtete Melanies junges Gesicht einen kurzen Augenblick und sagte: „Ich muss gestehen, dass Sie beim letzten Ball atemberaubend ausgesehen haben.“
„Danke schön. Das lag vor allem an Eurem Geschenk“, gab Melanie das Kompliment zurück und Alexander lächelte listig. Sein Blick wanderte weiter zu ihrem Outfit. Sie trug eine hellblaue Bluse mit langen Ärmeln und dazu cremeweiße, hautenge Hosen mit einem schwarzen Gürtel und hohen Reitstiefeln. Sein Günstling war absolut anders als die vornehmen Damen, die ihn den ganzen Tag umgaben. Diese makellos gekleideten Frauen führten stets dieselben monotonen Unterhaltungen und würden niemals nach etwas anderem streben als das, wofür sie geboren worden waren: den Männern zu gefallen. Melanie war dagegen frischer, frecher und frivoler. Eine echte Draufgängerin eben.
„Jetzt noch einmal jung sein und die Früchte der unbeschwerten Liebe genießen“, dachte Alexander und biss sich leicht auf die Unterlippe. Wer hinderte ihn daran, es trotzdem jetzt zu tun? Er rückte näher an Melanie heran und setzte sich direkt neben sie. Sie blickte erstaunt zu ihm hoch und wollte etwas sagen, aber der Kaiser legte seinen Zeigefinger auf ihren roten Mund und gab ihr mit einem „Sch“ deutlich zu verstehen, dass sie schweigen solle.
„Ich dulde keine Zurückweisung. Ist das klar?“, sagte er streng und schaute ihr hungrig in die Augen.
Melanie erstarrte. Wie meinte er das? Er ließ seinen Finger von ihren Lippen den Hals hinuntergleiten und öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse und dann den zweiten und den dritten. Er streichelte mit seinem Finger über ihre Brüste. Melanie wagte nicht, sich zu rühren, und starrte ihm voller Entsetzen ins Gesicht. Der Kaiser schaute sie gierig an und küsste sie auf den Mund. Sie war wie gelähmt. Schlagartig verstand sie, was hier vor sich ging. Er machte sie genau in diesem Augenblick zu seiner Geliebten und sie durfte ihn nicht zurückweisen. Er küsste sie lange und mit jeder weiteren Sekunde immer leidenschaftlicher. Seine Hände umfassten sie am Oberkörper und er drückte sie fester an sich. Melanie verstand ihre Emotionen nicht. Sie hatte einerseits Angst vor dem, was gerade geschah. Andererseits kam dieses eigenartige Gefühl wieder in ihr hoch, wie damals bei Richard, nur bei Weitem nicht so stark, und es war vermischt mit Schuldgefühl. Sie fühlte sich schuldig, weil sie einen verheirateten Mann küsste und somit zusammen mit ihm Ehebruch beging. Der Kaiser bekam nicht genug von ihren Lippen und liebkoste sie und saugte an ihnen wie an einer saftigen Nektarine. Dann küsste er ihren Hals und führte seine Zunge über ihr Schlüsselbein. Seine rechte Hand wanderte tiefer zu ihrem Oberschenkel. Er streichelte an ihrem schlanken Bein entlang nach unten bis zum Knie und wieder hoch, und ergriff dann ihren knackigen Hintern. Liebe Güte, war sie durchtrainiert. So jung und straff. Er hatte nichts anderes erwartet, schließlich war sie eine Sportlerin. Er legte sie mit dem Rücken auf die Couch, streichelte ihre Taille und bedeckte ihren Oberkörper mit feurigen Küssen. Melanie atmete geräuschvoll aus; allmählich bekam sie Panik. Die Wände um sie herum wurden mit einem Mal enger und das Licht verdunkelte sich. Es war kalt. Der Stoff der teuren Couch kratzte an ihrer Haut und sie wünschte sich jetzt weit fort von hier. Die Standuhr in der hinteren Ecke schlug vierzehn Uhr und der Kaiser schaute kurz auf, bevor er sich wieder Melanies Lippen widmete. Er verfluchte diese verdammte Uhr, weil sie ihn daran erinnerte, dass er jetzt einen wichtigen Termin mit seinen Ministern hatte, zu dem er sich nicht verspäten wollte. Er ließ nur höchst widerwillig von Melanie ab und sagte: „Ich muss jetzt gehen, aber bei unserem nächsten Treffen will ich da weitermachen, wo wir soeben aufgehört haben. Und das bereits morgen. Gleiche Uhrzeit, selber Ort. Hast du mich verstanden?“
Sie nickte wortlos. Der Kaiser stand auf, richtete kurz seine Kleidung, bedachte Melanie eines weiteren Blickes, vor allem ihren halbnackten Oberkörper, drehte sich anschließend um und verließ den Salon. Melanie blieb allein. Sie setzte sich auf und knöpfte mit zittrigen Händen ihre Bluse wieder zu. Das war also ihr erster Kuss gewesen. Mit keinem Geringeren als dem Kaiser persönlich. In was für eine Bredouille hatte sie sich da bloß hineinmanövriert? Sie war davon ausgegangen, dass Seine Kaiserliche Majestät ihr Freund war, der sie förderte, aber in Wahrheit entpuppte er sich als der böse Wolf, der vorhatte, sie zu verspeisen. Melanie stand langsam auf und unterdrückte die Tränen. Sie wollte dieses Haus so schnell wie möglich verlassen. Beim Hinausgehen wartete der junge Diener draußen auf sie. Er musterte sie und schwieg. Wusste er etwa darüber Bescheid, was der Kaiser vorgehabt hatte? Melanie ignorierte ihn und lief allein zurück zum Tor. Sie atmete tief ein und wieder aus, aber das Zittern wurde nur langsam schwächer. Die Angst umklammerte sie weiterhin. Mit jedem Schritt Richtung Ausgang kam sie der Freiheit näher. Und als Melanie dachte, endlich diesen verflixten Ort für immer hinter sich lassen zu können, blieb sie schlagartig stehen, als ob sie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen wäre. Kaiserin Anastasia und ihre Hofdamen standen direkt am Tor und rührten sich nicht vom Fleck. Melanie atmete tief durch und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
„Guten Tag, Eure Kaiserliche Majestät“, grüßte sie die Monarchin, die sich zu ihr umdrehte und mit ihren Augen fixierte.
„Guten Tag, Mademoiselle von Bouget. Eigenartig. Ich habe soeben einen spontanen Spaziergang durch die Gärten unternommen und habe Ihr Pferd am Tor stehen sehen. Im Palast wurden Sie aber von niemandem gesichtet, vor allem nicht von mir. Und mein Gemahl ist ebenfalls unauffindbar. Haben Sie zufällig eine Idee, wo er sein könnte?“, fauchte die Kaiserin und kam dabei dem Günstling ihres Mannes bedrohlich nahe – wie eine Katze, die ihr Revier verteidigte.
Melanie überlegte angestrengt, was sie darauf erwidern sollte. Die pure Wahrheit wäre jetzt schlicht und einfach fatal. Doch Anastasia deutete das Schweigen ihrer Rivalin absolut richtig.
„Schade, dass Sie nicht die Mätresse des Herzogs von Crussol bleiben konnten. Stattdessen suchen Sie jetzt nach neuen Gefilden“, sagte sie und ihre Stimme war voller Verachtung.
„Eure Kaiserliche Majestät, ich versichere Euch, dass ich niemals die Mätresse des Herzogs von Crussol gewesen bin und auch von niemandem sein möchte“, antwortete Melanie standfest.
„Oh, das weiß ich sehr wohl, aber es ist interessant, was die Öffentlichkeit alles glaubt, wenn man hartnäckig Gerüchte streut“, entgegnete die Kaiserin boshaft.
Ihre junge Gegnerin starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an.
„Sie ist es also gewesen“, schoss Melanie durch den Kopf. „Anastasia hat das Gerücht um Richard und mich in die Welt gesetzt. Natürlich, damit sollte der Kaiser das Interesse an mir verlieren. Was aber nicht geschehen ist!“
„Jeder helle Stern am Himmel ist nur so lange zu sehen, bis dunkle Wolken aufziehen und ihn vollends verdecken. Ich versichere Ihnen, Mademoiselle von Bouget, dass ich in der Lage bin, Ihren Sternenhimmel für sehr lange Zeit zu verdunkeln – so lange, bis der Kaiser kein Interesse an einem verkümmerten Stern mehr hat!“, drohte die Kaiserin laut und stand direkt der Geliebten ihres Ehemannes gegenüber. Und die Blicke der anwesenden Hofdamen waren niederschmetternd. Melanie wurde behandelt wie ein Waschlappen, den man eine Zeit lang benutzte und dann im Müll entsorgte. Sie bekam mit voller Wucht zu spüren, was es bedeutete, eine Mätresse zu sein. Man wurde ausgenutzt, von der Öffentlichkeit verachtet, zu etwas Schmutzigem degradiert und als falsch hingestellt.
„Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe, Eure Kaiserliche Majestät“, sprach Melanie leise und knickste leicht.
„An Ihrer Stelle würde ich mich hier nie wieder blicken lassen“, schleuderte die Kaiserin ihr entgegen und stolzierte erhobenen Haupt zurück zum Palast, dicht gefolgt von ihren Hofdamen, die Melanie vor die Füße spuckten.
Melanie marschierte eilig zu Nero und blieb kurz bei ihm stehen. Sie sammelte sich einen Moment lang und stieg auf. Dann gab sie ihm die Sporen und entfernte sich vom kaiserlichen Palast, so schnell es nur möglich war. Dieses triumphale Gebäude war für sie wie ein dunkler Abgrund, der immer breiter wurde und sie zu verschlingen drohte. Sie musste sich schleunigst etwas einfallen lassen. Sonst würde die Kaiserin ihre Drohung wahr machen und Melanie gesellschaftlich vernichten. Und ihr fiel nur eine einzige Möglichkeit ein, diesem Elend zu entkommen. Sie galoppierte schnell nach Hause, um etwas Wichtiges zu holen.

George hatte Schwierigkeiten, der Vorlesung zu folgen. Er hörte dem ausführlichen Vortrag des Professors über die Gravitation und ihre Auswirkung auf die Materie zu, als seine Gedanken wieder mal abschweiften. Seit drei Tagen schon wartete er auf die Antwort von Melanie von Bouget. So lange quälte ihn die Ungewissheit und er befürchtete bereits, dass sie seinen Heiratsantrag womöglich ablehnen würde. Wer war er schon, dass sie ihn heiraten sollte? Klar, er war ein Spross aus dem Hause von Bellagarde, aber noch kein Graf, sondern nur ein dreiundzwanzigjähriger Student, der mit vielen Privilegien seiner reichen Familie ausgestattet war. Er selbst hatte bis jetzt wenig Leistungen erbracht. Melanie hingegen schon. Sie war eine Siegerin. Sie hatte das kaiserliche Pferderennen mit gerade mal siebzehn Jahren gewonnen. Und außerdem waren da zwei mächtige Herren, die sich für sie interessierten: zum einen der Herzog von Crussol und zum anderen Kaiser Alexander. Wieso bildete George sich ein, mit den beiden Alphamännern überhaupt konkurrieren zu können? Es wäre besser, wenn er sich langsam mit dem Gedanken anfreundete, dass Melanie ihn nicht heiraten wollte und zu freundlich war, um es ihm sofort zu sagen. Stattdessen zögerte sie so lange wie möglich, damit er sich seinem Schicksal selbst fügte. Georges Stimmung wurde mit einem Mal niedergeschlagen und er seufzte.
„Seht mal, ist das nicht der Champion?“, rief plötzlich ein Kommilitone rechts neben ihm und zeigte Richtung Fensterfront. George schaute sofort dorthin. Und da war sie: Melanie. Sie kam wie ein Eroberer auf das Gelände der Universität geritten und ihr schwarzer Hengst blieb wiehernd stehen.
„Ja, das ist sie!“, rief ein anderer Student laut und mit einem Mal kam Bewegung in den Hörsaal. Die jungen Männer strömten zur Fensterfront und drängten sich in einer Reihe davor. Der Professor ermahnte seine Studenten, sich wieder auf die Plätze zu setzen, aber keiner hörte ihm zu. Alle betrachteten voller Bewunderung den Champion, der wie ein seltenes Naturphänomen aus dem Nichts aufgetaucht war und ihre Welt erleuchtete. Alle außer einem. George eilte aus dem Saal. Er wusste, warum Melanie hier war. Sie wollte ihm etwas Wichtiges sagen und sein Puls raste. Er lief ihr, der Trophäe, entgegen. Nein, für ihn war sie weit mehr als das. Sie war sein Polarstern. Er ging schnellen Schrittes aus dem Gebäude hinaus, direkt auf sie zu. Als Melanie George erkannte, sprang sie von Neros Rücken ab, wie sie es im Kanarienvogelpark getan hatte, und stellte sich ihm gegenüber. Sie hatte ihre Wahl getroffen.
„Leute, seht mal! Das ist doch George von Bellagarde!“, rief ein junger Mann aus dem Hörsaal.
„Was hat er vor?“, wollte ein anderer wissen und alle sahen gespannt zu. Die Studenten beobachteten, wie George mit der jungen Frau sprach, die eine unfassbar große Anziehungskraft besaß. Ganz unerwartet breitete er seine Arme aus und umarmte die Schönheit. Er hob sie in die Luft und lachte sie an. Die jungen Männer im Hörsaal brüllten los und machten die Fenster auf. Sie riefen dem Paar zu: „Erste Sahne! Jawohl, George! Weiter so!“
Laute Jubelschreie und Händeklatschen waren zu hören. George und Melanie schauten sich irritiert nach ihnen um und mussten dann beide lachen. Hinter den anderen Fenstern des Universitätsgebäudes versammelten sich weitere Menschen und sahen neugierig auf das Treiben auf dem Gelände hinunter. George war überglücklich. Melanie hatte ,Ja’ zu ihm gesagt. Sie trug seinen Ring an der rechten Hand und strahlte ihn an.
„Es ist besser, wenn ich jetzt gehe und dich nicht weiter von deinem Studium abhalte. Wir sehen uns später“, hauchte sie ihm zu und ging rückwärts.
„Bis später“, erwiderte George und ließ ihre Hände im letzten Augenblick los, bevor sie sich dann umdrehte und wieder auf ihr Pferd aufstieg. Er schaute ihr lange hinterher, bis sie außer Sichtweite war, und kehrte dann langsam zu der Vorlesung zurück. Er betrat den Hörsaal und der Professor stellte ihn sogleich aufgebracht zur Rede. „Monsieur von Bellagarde! Erklären Sie mir bitte auf der Stelle, was das eben zu bedeuten hatte!“
„Ich bin mit Melanie von Bouget verlobt!“, verkündete George laut.
Der Professor schüttelte entnervt den Kopf, setzte sich auf seinen Stuhl und machte eine wegwerfende Handbewegung. Die übrigen Studenten jauchzten und umkreisten George von allen Seiten. Sie klopften ihm auf die Schultern und gratulierten herzlich zur Verlobung. Dann nahmen sie ihn hoch und warfen ihn mehrmals in die Luft. Es war einer der schönsten Tage in seinem Leben.



Kapitel 29 Die Akzeptanz

9. Juli 1875

Die Arbeit klappte heute absolut nicht. Immer wieder stellte Richard die Rechnung aufs Neue auf und vergas dabei, Zahlen zu addieren, oder er übersah wichtige Beträge. Zum Schluss warf er entnervt den Stift auf den Schreibtisch und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Kopf war völlig woanders, aber nicht hier bei der Kalkulation der wirtschaftlichen Erträge seiner Bauern aus diesem Monat.
„Warum zum Henker hat sie seinen Heiratsantrag angenommen?“, grübelte er.
Die Nachricht, dass Melanie von Bouget und George von Bellagarde seit gestern verlobt waren, hatte sich in der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet. Als Richard davon erfahren hatte, hatte er gerade zusammen mit Vincent und Henri im Gentlemen’s Club der Freien und Sozialistischen Partei gesessen, und den Männerabend genossen. Dann kamen Studenten von der Universität in das Lokal und streuten die Neuigkeit unter die Leute. Ihr Freund George von Bellagarde habe sich mit dem allseits bekannten Champion des Pferderennens verlobt. Richard sprang daraufhin entsetzt auf und schleuderte sein Trinkglas zornig gegen die Wand. Von dem Moment an war die Feierstimmung Geschichte gewesen. Er hatte wutschäumend den Club verlassen und sich auf direktem Weg nach Hause begeben. Seitdem kreisten seine Gedanken nur noch um Melanie. Er verstand nicht, wieso sie diesen Schnösel bevorzugte. Welche Argumente besaß dieser Strolch im Gegensatz zu ihm? Zudem drängte der Graf D'Argies den jungen Herzog seit Tagen zu einer baldigen Hochzeit mit seiner Nichte Elisabeth. Die Vermählung sollte am besten in den kommenden Monaten stattfinden. Der zu trockene Sommer dieses Jahr bereitete der Landwirtschaft Probleme. Sowohl Richards Bauern als auch die von Gustav D'Argies erzielten ein Drittel weniger Erträge im Vergleich zum Vorjahr. Auf Dauer wäre dieser Zustand nicht hinnehmbar. Es war in der Hinsicht sinnvoll, ihre Geschäfte zusammenzuschließen, um den Verlust auszugleichen. Abgesehen davon war Richard ein erfolgreicher Winzer. Die übermäßige Sonne war für die Weinbauern ein Segen. Die Weintrauben waren von hervorragender Qualität und lieferten den Grundstoff für einen erlesenen Wein. Dies war Richards Vorteil und finanzielle Stärke, wovon der alte Graf bald ebenfalls profitieren wollte. Hinzu kam, dass er vier Mal so viel Landfläche besaß wie sein Konkurrent D'Argies. Allein die Hälfte seines Landbesitzes war von gesunden Wäldern bewachsen und erzeugte großartiges Rohholz. Kein Wunder, dass Gustav auf eine Fusion bestand. Rein geschäftlich konnte Richard den Zusammenschluss verstehen, aber leider war das Ganze mit der Heirat mit Elisabeth D'Argies verknüpft. Er erinnerte sich an den Augenblick, als er die hochgewachsene Blondine kennengelernt hatte. Er war von ihrer Schönheit wie geblendet gewesen. Der erste Eindruck von ihr war überzeugend, aber nach den drei gemeinsamen Rendezvous hatte Richard schnell gemerkt, dass sie nicht füreinander bestimmt waren. Nur war die Liebe in dieser Angelegenheit zweitrangig. Es ging ganz allein ums Geschäft – und die Heirat gehörte dazu. Ein Handel, den sein Vater mit Gustav D'Argies eingegangen war. Richard hatte dem Wunsch des alten Herzogs von Crussol entsprochen und Elisabeth den Heiratsantrag gemacht, den sie bereitwillig angenommen hatte. Er hatte sich damals mit dem Gedanken getröstet, dass in der Oberschicht die meisten Ehen sowieso nicht aus Liebe geschlossen wurden. Er nahm sich vor, auf jeden Fall eine Geliebte zu halten. Nur hatte er bei seinen Überlegungen etwas Wichtigstes nicht beachtet. Und zwar, dass seine Auserwählte kein Interesse daran haben könnte, seine Mätresse zu sein. Warum hatte er sich ausgerechnet in einen strahlenden Stern wie Melanie von Bouget verguckt? Er konnte jede andere Frau haben, die ihn mit Sicherheit nicht abweisen würde. Seit Jahren schon hatte Richard unzählige Liebschaften. Doch die Affären endeten stehts damit, dass er von den Frauen schnell gelangweilt war. Er beendete die Liebesbeziehungen und suchte sich ein neues reizvolles Abenteuer. Also, warum sollte es auch dieses Mal nicht klappen? Richard stand von seinem Sessel auf und holte aus seinem Jackett etwas Weißes heraus. Es war ein Damenhandschuh und er gehörte Melanie. Seit der Begegnung im Wald trug Richard ihn stets bei sich. Er besah den Handschuh kurz und hielt ihn dann unmittelbar über dem Mülleimer hoch.
„Los, tu es! Wirf ihn weg! Du findest eine andere, die besser ist!“, forderte Richard sich selbst auf.
Aber stimmte das? Seit Langem suchte er eine Frau, mit der er dauerhaft glücklich werden könnte, und er fand sie nicht. Er ließ seine Erlebnisse mit Melanie Revue passieren. Als er sie das erste Mal beim Pferderennen erblickt hatte, hatte sie ihn sofort in ihren Bann gezogen. Kurz zuvor hatte er sich mit ihrer liebreizenden Schwester Jane unterhalten und war einer Liaison mit ihr nicht abgeneigt gewesen, aber Melanie hatte mit einem Schlag seine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dann der Moment am See, als sie sich endlich persönlich kennengelernt hatten. Sie hatte ihn beim Fechtduell unfair geschlagen und er hatte sich dafür an ihr rächen wollen, aber diese Pläne schnell verworfen. Anschließend der kaiserliche Ball und der Tanzabend bei Vincent, als Richard sich selbst zum Tanzkönig gekrönt hatte, mit Melanie in seinen Armen. Er hatte nie zuvor eine bessere Tanzpartnerin an seiner Seite gehabt. Was hatte sie ihm damals kurz nach ihrem gemeinsamen Sieg bei einem Glas Whisky gesagt? Sie wären gute Freunde geworden, denn im Grunde genommen verstanden sie sich hervorragend. Und plötzlich wurde ihm eine Tatsache bewusst. Was, wenn er und Melanie für etwas anderes bestimmt waren? Womöglich war es ihr Schicksal, als Freunde verbunden zu sein und nicht als Liebespaar? Dieser Gedanke war überaus aufmunternd. Richard bliebe dann weiterhin mit ihr in Kontakt. Ja, das würde ihm gefallen. Und so legte er Melanies Handschuh behutsam zurück in die Innentasche seines Jacketts und atmete tief aus.
Zur gleichen Zeit wartete im Gästehaus auf dem Gelände des kaiserlichen Palasts Alexander auf seinen Günstling. Vergebens. Melanie kam nicht. Er hatte sich unendlich darauf gefreut, ihr wieder nahe zu sein. Heute hätte er sie vollends vernascht, aber sie tauchte zu seinem Entsetzen nicht auf. Sein Privatsekretär hatte ihm von dem gestrigen Vorfall am Tor berichtet, bei dem die Kaiserin Mademoiselle von Bouget überaus deutlich zu verstehen gegeben hatte, was sie von der Liebschaft zwischen ihr und dem Kaiser hielt. Und heute Morgen hatte Alexander erfahren, dass Melanie sich mit George von Bellagarde verlobt hatte. Das konnte kein Zufall sein. Trotzdem war er davon ausgegangen, dass sein Günstling heute zu ihm kommen würde. Da hatte er sich definitiv geirrt. Alexander war überaus enttäuscht, besonders nach dem leidenschaftlichen Kuss. Und wieder überkam ihn großes Verlangen nach Melanies Lippen, die er in diesem Augenblick nur zu gern liebkost hätte. Wäre die Intervention seiner Frau nicht gewesen, hielte er Melanie jetzt in seinen Armen und würde vermutlich auf ihr liegen. Die Vorstellung daran, um Haaresbreite verpasst zu haben, den Champion aufs Kreuz zu legen, trieb ihn fast in den Wahnsinn. Der Kaiser weigerte sich, seine Niederlage zu akzeptieren, aber Melanie zwang ihn durch ihre Abwesenheit dazu. Sie und ihr Körper würden ihm eine ganze Weile fehlen. Und die Erinnerung an den gemeinsamen Kuss würde niemals verblassen.



Kapitel 30 Kuba

11. Juli 1875

Im Hause von Bouget herrschte große Aufregung. Die Bediensteten waren seit Stunden dabei, das Anwesen auf Vordermann zu bringen. Es wurde aufgeräumt und sauber gemacht. Alle Fenster wurden geputzt und der Garten sah tadellos aus. In der Küche wurde von den Köchen ein exzellentes Mittagessen vorbereitet und die Herrschaften des Hauses verbrachten die Zeit damit, sich herzurichten. Denn in einer Stunde kamen die Ehrengäste. Melanie war bereits fertig angezogen und saß in ihrem Zimmer auf dem Bett. Sie betrachtete das Diadem in ihren Händen, das der Kaiser ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Den ganzen Morgen überlegte sie schon intensiv, was sie mit der Tiara anstellen sollte. Am besten wäre es, dem Kaiser das Geschenk zurückzugeben, denn Melanie wusste jetzt, welche Absichten der Monarch damit verfolgt hatte. Sie würde ihm auf diese Weise verdeutlichen, dass sie für keinen Schmuck der Welt zu haben war. Ja, das wäre die Möglichkeit, die mit ihren moralischen Werten am ehesten zu vereinbaren war. Aber ihr Geschäftssinn verriet ihr, dass sie sich damit auf dem falschen Weg befand. Denn Folgendes hatte Melanie aus der bitteren Erfahrung mit Kaiser Alexander gelernt: egal, wie gut du dich mit deinem Geschäftspartner verstehst, wenn du Schwäche zeigst, dann wirst du von ihm auf der Couch flachgelegt und missbraucht. Nein, wenn Melanie in dieser von Männern dominierten Welt als seriöse Geschäftsfrau bestehen wollte, dann musste sie ein großes Stück weit so werden wie sie. Skrupelloser. Deswegen entschied sie sich, das wertvolle Diadem zu behalten und es später zu veräußern, sobald sie mehr Geld für mögliche Projekte benötigte. Auf jeden Fall würde sie dieses Schandmal nie wieder aufsetzen. Die vier Stuten würde sie ebenfalls nicht freiwillig rausrücken. Sollte der Kaiser sie doch selbst holen. Und noch etwas verstand Melanie nun besser. Sie war bis jetzt immer unterschätzt worden und man hatte sie behandelt wie einen blutigen Anfänger. Sie erkannte, dass Wissen Macht bedeutete, und dass ihr eigenes Auftreten entscheidend war. Sie würde zukünftig beides an Niveau anheben müssen, um den anderen von Beginn an zu zeigen, dass sie es mit einem ernst zu nehmenden Gegner zu tun hatten.
Das Hausmädchen Jessika kam ins Zimmer gerannt und informierte Melanie darüber, dass die Kutsche der Gäste soeben vorfuhr. Melanie stand von ihrem Bett auf und legte den teuren Kopfschmuck in die lederne Schatulle. Dann verstaute sie das Geschenk zurück in den Schrank und überprüfte schnell ihr Äußeres im Spiegel. Heute trug sie ein weißes Kleid mit grünem Blumenmuster. Ab der Taille war es eng gefaltet und reichte ihr bis zu den Knöcheln. Ihre Haare ließ sie offen und sie zog schwarze Sandalen mit hohem Absatz an. Ein adrettes Sommeroutfit, passend für den heutigen Anlass. Melanie verließ eilends ihr Zimmer und flitzte zum Eingang. Ihr Vater begrüßte die Neuankömmlinge bereits.
„Willkommen! Wir freuen uns über alle Maßen, dass Sie hier sind!“, sagte Thomas von Bouget und reichte dem Grafen von Bellagarde die Hand.
„Einen wunderschönen guten Tag, die Freude ist ganz unsererseits!“, erwiderte Philip von Bellagarde und schüttelte dem Gastgeber die Hand.
Johanna von Bouget umarmte Gräfin Emanuella von Bellagarde, die wiederum entzückt zurücklächelte. Die beiden Elternpaare marschierten bestens gelaunt in das Innere des Anwesens und setzten sich im Salon an den Esstisch. Die Diener servierten sofort den ersten Gang und schenkten Wein aus. Als Melanie die Haupttreppe runterging, trat George soeben in das Foyer herein. Die beiden sahen einander an und eine Woge der puren Freude überkam sie. Melanie kam zu ihm und George ergriff sogleich ihre Hand mit dem Ring und gab seiner Verlobten einen Handkuss.
„Hallo, George, willkommen in meinem bescheidenen Zuhause. Es ist mit Sicherheit kein Vergleich mit dem Schloss, in dem du wohnst, aber fürs Nötigste reicht es aus“, scherzte sie und umschloss mit einer Geste ihrer freien Hand den Raum.
„Du wohnst hier. Das macht diesen Ort zu dem schönsten auf der Welt“, antwortete er und schaute ihr dabei tief in die Augen.
„Charmeur“, witzelte Melanie und hakte sich bei ihm am Arm ein. „Wollen wir lieber im Garten verschwinden? Unsere Eltern kommen offenbar ohne uns klar.“
„Liebend gerne“, entgegnete er und lächelte. Er würde ihr in diesem Augenblick überallhin folgen.
Als sie am großen Wohnzimmer mit der Bar vorbeigingen, hatte George plötzlich eine Idee und steuerte die Bar an. Melanie sah erstaunt dabei zu, wie er in zwei Gläsern weißen Rum mit Sprudelwasser vermengte, dann Zucker und Zitronensaft hinzufügte und mit frischer Minze verfeinerte.
„Voilà, zwei Mojitos“, verkündete George und überreichte Melanie eines der Gläser. Sie nahm es dankend entgegen und sie flanierten weiter nach draußen in den Garten. Es war ein herrlicher Sommertag mit viel Sonne, kaum Wolken am Himmel und achtundzwanzig Grad im Schatten. Die Frischverlobten nahmen auf zwei Liegen Platz und ließen die Seele baumeln.
„Mojito. Woher kommt dieses Getränk?“, fragte Melanie und nippte an ihrem Glas. Der Mix schmeckte lecker und erfrischend.
„Aus Kuba. Einem Inselstaat in der Karibik“, erklärte George und sah verträumt zu ihr hinüber. Sie lag direkt neben ihm und die Schatten der Baumblätter tanzten auf ihrem Gesicht.
„Karibik? Das ist am anderen Ende vom Atlantik. Warst du schon mal dort?“ Melanie klang begeistert.
„Ja, zusammen mit meiner Familie, als ich vierzehn Jahre alt war. Wir machten dort Urlaub und mein Vater ließ mich dieses Getränk probieren. Ich war sofort davon überzeugt und habe mir das Rezept gemerkt“, berichtete George und trank seinen Mojito.
„Erzähle mir noch mehr von Kuba. Wie ist es dort?“ Melanie drehte sich zu ihm um und hörte gespannt zu.
„Heiß! Tagsüber ist es fast unmöglich, sich draußen aufzuhalten. Die Sonne brennt auf der Haut und man will nur noch an den Strand und ins azurblaue Wasser tauchen. Das Meer ist voller exotischer Fische, die zwischen den bunten Korallen schwimmen. Und wenn man Glück hat, begegnet man einer riesigen Meeresschildkröte oder einem Rochen, die majestätisch an einem vorbeigleiten. Einmal war ich mit einem einheimischen Fischerjungen tauchen und wir fanden Austern am Meeresboden. Später auf unserem Boot öffneten wir sie mit einem Messer und in jeder Auster lag eine weiße Perle verborgen, die sich unendlich weich in den Händen anfühlte. Ich vergesse niemals dieses Gefühl. Es erinnert mich an die Schönheit der Ozeane und wie zerbrechlich und kraftvoll sie zugleich sind“, berichtete George und schaute dabei in den blauen Himmel. „Ich lag danach stundenlang am Strand und hörte dem Rauschen der Wellen zu.“
„Nackt“, ergänzte Melanie und grinste, als George sie geschockt ansah. „Willst du mir etwa sagen, dass du bei den hohen Temperaturen nicht alle Kleider abgelegt hast?“, fragte sie ihn belustigt.
„Wenn ich mit dir am Strand bin, dann ganz sicher nackt“, entgegnete er und grinste. Melanie erwiderte das unbekümmerte Lächeln. Es war köstlich, sich mit ihm zu unterhalten und seinen Geschichten zu lauschen. Die Zeit hatte dabei keine Bedeutung. Jeder Augenblick mit ihm war herrlich.
„Aber jetzt im Ernst. Was hältst du von der Idee, unsere Flitterwochen auf Kuba zu verbringen?“, unterbreitete George ihr plötzlich den Vorschlag.
„Warum nicht? Ja, ich bin dabei!“, antwortete Melanie und sie stießen gemeinsam darauf an.
„Ich glaube fast, das ist das Einzige, das wir bestimmen dürfen. Unsere Eltern planen gerade die komplette Hochzeit durch und wir haben absolut gar nichts zu melden“, stellte Melanie resigniert fest.
„Wie wahr. Es muss alles nach deren Vorstellungen ablaufen. Wir werden am Ende nur anwesend sein. Eigentlich gar nicht so schlimm“, bemerkte George und lag entspannt auf seiner Liege. Er stellte sich in diesem Moment vor, wie Melanie und er nackt am Strand lagen und ihre Flitterwochen in vollen Zügen auslebten.
„Was hast du zu deinen Eltern bezüglich des Termins für unsere Hochzeit gesagt? Möchtest du eine lange Verlobungszeit?“, fragte George und bedachte dabei die Tatsache, dass seine Flitterwochen womöglich noch in weiter Ferne sein könnten.
„Ich habe ihnen gesagt, je eher, desto besser. Wozu so lange warten?“, antwortete Melanie wahrheitsgemäß. Der Grund für ihren Wunsch nach baldiger Vermählung war die Befürchtung, dass der Kaiser nicht lockerlassen und sie weiterhin bedrängen würde. Und vor allem Richard. Melanie war sich nicht sicher, wie lange sie seinen Verführungsversuchen standhalten würde, falls er sie erneut zu umgarnen versuchte. Sie wollte sich selbst mit der baldigen Heirat vor diesen Gefahren retten.
George schien erleichtert über Melanies Antwort zu sein und lächelte zufrieden. Er nahm ihre rechte Hand und hielt sie hoch in den Himmel. Der Verlobungsring glänzte in der Sonne und erinnerte George daran, dass Melanie bald seine Frau sein würde. Dann betrachtete er ihr hübsches Gesicht und verliebte sich in ihr süßes Lächeln. Sie blieben noch eine ganze Weile im Garten, tranken ihre Mojitos und träumten von Kuba, während sich die Eltern beim ausgiebigen Mittagessen über die Hochzeitspläne unterhielten und das eigentliche Hochzeitspaar gar nicht vermissten.
Später am Nachmittag machten sich die Gäste wieder auf den Nachhauseweg. George hatte größte Mühe, sich von seiner Verlobten zu trennen, und umarmte sie etwas länger, als es der Anstand erlaubte. Er tröstete sich damit, dass er sie recht bald wiedersehen würde, und bestieg endlich die Kutsche, nachdem seine Eltern zwei Mal nach ihm gerufen hatten. Das Ehepaar von Bouget setzte sich danach auf die Terrasse und unterhielt sich bei einer Tasse Kaffee.
„Ich kann es immer noch nicht glauben, Thomas. Unsere jüngste Tochter wird bald heiraten. Und nicht irgendwen, sondern den Sohn einer einflussreichen Familie, und wird später selbst Gräfin. Wunderbar! Ich hätte es mir nie träumen lassen, Melanie so vorteilhaft zu verheiraten. Tja, das Leben überrascht einen immer wieder aufs Neue. Überlege doch mal, welche Auswirkungen das auf die Wahl unserer anderen Töchter Jane und Veronika haben wird. Die jungen und reichen Kavaliere werden sie mit Heiratsanträgen überschütten. Großartig! Und dann werden auch sie bald unter die Haube kommen. Einfach nur fantastisch!“, jubelte Johanna.
„Ja, einfach nur fantastisch“, bestätigte ihr Ehemann etwas niedergeschlagen. „Dein Plan ist vollends aufgegangen. Aber warum ist die Hochzeit bereits in zwei Monaten? Unsere Tochter ist noch so jung. Wir könnten wenigsten ein Jahr warten.“
„Nein, es muss schnell gehen“, antwortete Johanna und klang dabei äußerst bestimmt.
„Wieso? Der Kaiser wird Melanie jetzt in Ruhe lassen, falls er tatsächlich vorhatte, sie zu seiner Geliebten zu machen. Da bin ich mir ganz sicher“, beharrte der besorgte Vater, der seine jüngste Tochter nicht so früh weggeben wollte.
„Der Grund ist dieser Herzog von Crussol“, zischte die Mutter und rückte endlich mit der Wahrheit heraus.
„Der Herzog von Crussol? Was hat er denn jetzt damit zu tun?“ Thomas sah seine Frau überrascht an.
„Hast du etwa nicht gesehen, wie er mit Melanie auf dem Ball im Jagdschloss Falkennest getanzt hat?“, fragte Johanna ihn vorwurfsvoll. Thomas überlegte angestrengt. Er hatte Melanies Tanz mit dem Herzog in der Tat verpasst, weil er Veronika gesucht hatte, die plötzlich verschwunden gewesen war. Er schüttelte den Kopf und wartete die weitere Ausführung seiner Frau ab.
„Dieser Richard von Crussol ist ein Halunke, der Jagd auf junge Damen macht, um mit ihnen zu spielen! Ich habe an jenem Abend gesehen, was ich sehen musste. Dieser elende Schuft verzehrt sich nach Melanie und sie steht kurz davor, ihm zu erliegen. Aber nein, meine Tochter bekommt er nicht. Niemals!“, klang die Mutter überaus entschieden.
Thomas von Bouget sah sie verwundert an und überlegte. An jenem Abend bei der Gräfin D'Argies war Melanie beim Spaziergang durch den Park abhandengekommen. Und den Herzog von Crussol hatte er ebenfalls nicht mehr gesehen. Zum Schluss waren sie Melanie im Schloss der Gräfin wiederbegegnet und sie hatte völlig verstört gewirkt. Danach war sie nicht mehr dieselbe gewesen. So langsam dämmerte es dem Baron von Bouget, was an diesem Abend vorgefallen sein könnte, und er schauderte. Ja, er stimmte seiner Frau zu. Dieser Schurke würde seine Tochter niemals bekommen.

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