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Blitz und Donner Kapitel 19 - 24

Kapitel 19 Das Geschenk

25. Mai 1875

Melanie war überaus dankbar, recht zeitnah eine Audienz beim Kaiser erhalten zu haben. Der Monarch hatte sich über ihr Kommen sehr gefreut und sie als ,den Blitz’ begrüßt. Gemeinsam unternahmen sie einen Spaziergang im Garten des Palasts und Melanie weihte den Kaiser in ihre Geschäftspläne ein. Es überraschte Alexander nicht im Geringsten, dass sie vorhatte, ihr eigenes Gewerbe zu gründen. Schließlich war sie sein Günstling und er schätzte sie als äußerst intelligent und mutig ein.
„Und welche Rolle soll ich in Ihren Plänen spielen, Mademoiselle von Bouget?“, fragte er, nachdem sie zu Ende erzählt hatte.
„Ich wollte Euch fragen, ob Ihr mir ein paar Eurer Kontakte bezüglich anderer Pferdezüchter vermitteln könntet? Ich würde von ihnen einige Stuten abkaufen“, erklärte Melanie. Sie ging davon aus, dass der Kaiser die besten Lieferanten des Landes hatte, und sie somit an die edelsten Pferde gelangen würde.
Alexander überlegte kurz. Melanie hatte einen geeigneten Hengst für die Zucht und sie selbst würde den Nachwuchs ausgezeichnet großziehen und trainieren lassen, da war er sich zu hundert Prozent sicher.
„Wie wäre es stattdessen, wenn ich Ihnen einige meiner Stuten überließe? Sozusagen als Geschenk. Und als Gegenleistung erhalte ich von Ihnen einen Nachkommen aus der Verbindung zwischen Nero und einer meiner Stuten“, unterbreitete Alexander ihr das Angebot.
Melanie lächelte und entgegnete darauf: „Genialer Einfall, Eure Kaiserliche Majestät. Die Brut meines Pferdes wird nur so vor Kraft und Schönheit strotzen, denn Nero ist ein Champion!“
Der Kaiser lachte laut. „Ja, genau wie Sie“, merkte er an und musterte Melanie von oben bis unten. „Ich werde Ihnen vier meiner besten Stuten liefern lassen. Und ich wünsche, dass Sie mich wöchentlich über die Geschäfte auf dem Laufenden halten. Erscheinen Sie nächsten Dienstag persönlich zur selben Uhrzeit wie heute hier im Palast“, ordnete Alexander an.
Melanie willigte sofort ein. Dieses Gespräch war besser verlaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Auch der Kaiser freute sich auf die gemeinsame Geschäftsarbeit und vor allem darauf, Melanie regelmäßig zu treffen.



Kapitel 20 Der Kunde

29. Mai 1875

George hatte lange genug gesucht. Bereits zum zweiten Mal drehte er eine Runde in dem großen Ballsaal. Doch die junge Dame, die er unbedingt sehen wollte, war nirgends anzutreffen. Sie war wieder nicht gekommen. Die anderen heiratswilligen Ladys belagerten ihn schon fast und Jane von Bouget warf ihm immer wieder Blicke zu, aber er wich ihr geschickt aus. Er hatte sich ausführlich genug mit ihr unterhalten, um zu wissen, dass sie genau wie die anderen war: schön anzusehen und gierig nach seinem Vermögen und seiner edlen Herkunft. Ihre Schwester Melanie war hingegen anders. Sie überzeugte durch ihre eigene Leistung und war dazu noch überaus hübsch. Er verließ die Soirée, ohne mit einer einzigen Dame getanzt zu haben, und überlegte sich eine andere Vorgehensweise.

Einige Tage später lag Melanie im Garten herum und genoss die Stille. Ihre Geschwister und Eltern waren alle aus dem Haus. Sie war endlich allein und niemand störte sie beim Gedankensortieren. Das Studium und die Gründung des eigenen Gewerbes erforderten viel Zeit und Aufwand, aber Melanie war mit Herz und Seele bei der Sache und es bereitete ihr Freude. Doch manchmal, wenn sie etwas weniger zu tun hatte, dann kamen die Erinnerungen wieder hoch, so wie in diesem Moment. Richards Gesicht erschien vor ihrem geistigen Auge. Er war ganz nah bei ihr. Seine Arme umklammerten sie und er sah sie an, als würde er sie gleich verschlingen. Seine Kleidung roch nach Zigarettenrauch und dann biss er zu. Melanie atmete ruckartig ein und das eigenartige Kribbeln in ihrem Körper kam wieder.
„Mademoiselle, es ist Besuch für Euch gekommen“, kündigte der Butler an und riss Melanie aus ihren Träumen.
„Und wer, bitte schön, ist es?“ Sie klang verärgert.
„Monsieur George von Bellagarde“, antwortete Emanuel Bernard sachlich.
Melanie hob ihren Kopf und sah ihn überrascht an. „Und er ist nicht für meine Schwester Jane gekommen?“
„Ja, er hat ausdrücklich nach Euch verlangt“, versicherte Monsieur Bernard.
Melanie war mehr als verwundert. Warum sollte George sie besuchen wollen? Sie stand vom Rasen auf und strich ihr Kleid glatt. Der Butler geleitete sie in den Salon, wo George auf sie wartete. Seine Augen leuchteten auf, als er Melanie endlich erblickte.
„Guten Tag, Monsieur von Bellagarde. Mit Ihrem Besuch habe ich gar nicht gerechnet“, gab sie offen zu.
„Einen wunderschönen guten Tag, Mademoiselle von Bouget. Ich habe Sie leider nicht auf den Tanzbällen treffen können und bin daher zu dem Entschluss gekommen, Sie persönlich aufzusuchen“, erklärte George und hoffte, dass sein plötzlicher Besuch nicht zu aufdringlich wirkte.
„Ach, wissen Sie, ich habe keine Zeit für Tanzbälle, denn ich bin gerade dabei, mein eigenes Geschäft zu gründen und benötige meine gesamte Energie dafür“, erklärte Melanie ihre Abwesenheit.
„Sie gründen Ihr eigenes Geschäft? In welcher Branche, wenn ich fragen darf?“ George war sichtlich beeindruckt.
„Pferdezucht. Möchten Sie vielleicht später eines meiner Pferde ergattern?“, fragte Melanie amüsiert.
„Ja, warum nicht?“, entgegnete George und lächelte.
„Großartig, und schon habe ich den ersten potenziellen Kunden!“, sagte sie und war selbst erstaunt, wie schnell das ging. „Aber worüber wollten Sie mit mir sprechen, dass Sie mich extra besuchen kommen?“ Melanie kam auf das ursprüngliche Thema zurück.
George zögerte kurz. Er atmete tief ein und sagte: „Am Abend bei der Gräfin D'Argies hatten wir, Sie und ich, festgestellt, dass wir uns für die gleiche Musikrichtung interessieren. Ich habe nicht vergessen, dass Sie den Blumenwalzer von Peter Iljitsch Tschaikowski auf dem Klavier gespielt haben. Mögen Sie seine Werke?“
„Ja, er ist einer meiner Lieblingskomponisten“, antwortete Melanie und fragte sich, worauf George hinauswollte.
„In einigen Tagen findet ein Konzert statt, auf dem die besten Kompositionen aus seinen berühmtesten Balletten aufgeführt werden. Und ich wollte Sie fragen, ob Sie mich dorthin begleiten möchten.“ George atmete tief durch. Diese Frage an Melanie zu richten, war schwieriger gewesen als erwartet. Er war nervös. Was, wenn sie nein sagte?
Sie überlegte ein paar Sekunden. Auf ein Konzert hätte sie schon Lust, aber was erhoffte George sich davon?
„Wie wäre es stattdessen mit einem Essen?“, schlug sie vor. „Dann können wir über das Geschäftliche reden.“
George schmunzelte. Melanie war nicht so leicht zu knacken. Gut, es sollte ihm recht sein. „Einverstanden. Ein Geschäftsessen. Und anschließend der Besuch beim Konzert. Denn, wissen Sie, in meiner Loge warten aller Wahrscheinlichkeit nach weitere mögliche Kunden auf Sie und das sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Zumindest wäre dies die beste Chance, neue Kontakte zu knüpfen“, versuchte George sie zu ködern.
Melanie musste zugeben, dass er recht hatte. Es wäre falsch, sich vor der Welt zu verstecken. Es war besser, wenn sie sich ein Netzwerk aufbaute. Und durch George konnte sie an exzellente Verbindungen kommen.
„Sie haben mich überzeugt. Ich bin einverstanden. Geschäftsessen und Konzert. Wann und wo soll ich erscheinen?“, fragte Melanie und freute sich, dass ihre Idee langsam an Form gewann.
„Ich hole Sie am Montagabend um siebzehn Uhr von zu Hause ab“, antwortete George und lächelte bis über beide Ohren.
„In Ordnung, dann sparen wir uns eine Kutsche“, sagte Melanie und erwiderte das Lächeln.
„Ich freue mich bereits auf den gemeinsamen Abend. Bis dahin wünsche ich Ihnen ein erholsames Wochenende, Mademoiselle“, entgegnete George und verabschiedete sich von ihr. Er verbeugte sich leicht und sah beim Hinausgehen überaus zufrieden aus. Melanie war noch aufregender, als er angenommen hatte. Sie wollte Pferdezüchterin werden. So etwas hatte er zuvor von keiner jungen Frau gehört. Er war gespannt darauf, was sie noch von sich preisgeben würde.
Nachdem George gegangen war, begab sich Melanie auf ihr Zimmer und durchstöberte ihren Kleiderschrank nach einem passenden Outfit. Es sollte seriös und elegant wirken. Am Ende fand sie nichts, was ihr gefiel. Das hieß, sie würde sich etwas Neues besorgen. Also sattelte sie Nero und ritt mit ihm in die Hauptstadt. Die Passanten auf den Straßen waren es nicht gewohnt, eine Frau in einem normalen Sattel wie einen Mann reiten zu sehen, denn sie warfen Melanie verstohlene Blicke zu und tuschelten. Deren Gerede war ihr gleich. Sollten sich die Leute an den Anblick gewöhnen, sie würde sich für nichts und niemanden ändern. Sie steuerte zielstrebig den Kleiderladen Sior an und hielt davor. Melanie verbrachte insgesamt über eine Stunde in dem Laden, bis sie dann mit ihrem Einkauf fröhlich wieder hinausging. Sie verstaute die Ware in den großen Satteltaschen und wollte soeben auf Nero aufsteigen, als sie jemand Bekanntes aus dem Geschäft nebenan kommen sah. Sie erstarrte vor Schreck, als sie Richard erkannte. Er war allein unterwegs und bemerkte sie ebenfalls. Beide sahen sich in die Augen und rührten sich nicht von der Stelle. Als Richard endlich den Mut fasste und auf Melanie zuging, drehte sie sich erschrocken um und überquerte schnell zusammen mit Nero die Straße. Auf der anderen Seite angekommen, stieg sie auf ihr Pferd und galoppierte davon. Richard schaute ihr sehnsüchtig nach, bis sie außer Sicht war, und sah dann traurig zu Boden.
Melanie kam schweißgebadet wieder zu Hause an. Sie legte ihre Einkaufstaschen neben ihr Bett, schloss die Tür hinter sich zu und fiel wild schnaufend auf die Knie. Tränen traten ihr in die Augen. Sie hatte das Gefühl, ein Kloß würde ihr im Hals stecken. Warum musste sie Richard wiederbegegnen? Wieso konnte er nicht einfach von der Bildfläche verschwinden? Und weshalb um alles in der Welt vermisste sie ihn?! Er hatte sie verletzt, sie erniedrigt und beschimpft. Er war verlobt, verdammt noch mal! Und offenbar hatte er nur mit ihr gespielt. Er wollte sie als seine Geliebte, mehr war sie in seinen Augen nicht wert. Melanie stand wieder auf. Sie war außer sich vor Zorn. Wenn dieser Mistkerl davon ausging, sie wäre ein Opfer, dann würde sie ihm zeigen, dass er sich gewaltig irrte. Sie war eine angehende Geschäftsfrau und diese Tatsache würde sie ihm ins Gesicht klatschen!



Kapitel 21 Der Geschäftstermin

31. Mai 1875

Madame von Semur war gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrem Enkel zu Besuch bei ihrem Lieblingsnachbarn, der Familie von Bouget. Jakob und Sebastian waren schnell gemeinsam im Garten verschwunden und trieben Unfug, während Johanna die beiden Damen im Frühstücksraum mit Kaffee und Kuchen versorgte. Zeitgleich empfingen im großen Salon nebenan Jane und Veronika Besuch von einigen Herren, die um ihre Gunst warben.
„Ihre Töchter sind wahrlich eine Augenweide“, schmeichelte Monika ihrer Gastgeberin.
„Danke fürs Kompliment. Ja, meine Mädchen sind in ihrer Schönheit voll aufgeblüht“, erwiderte Johanna stolz.
„Was macht eigentlich Ihre wertvollste Perle?“, fragte Madame von Semur neugierig. „Ich habe Melanie heute noch gar nicht gesehen.“
Die Baronin von Bouget stutzte bei der Bemerkung. Offenbar war ihre Nachbarin der Überzeugung, dass Melanie ihren zwei Schwestern überlegen wäre. Diese Meinung teilte Johanna mit der Madame von Semur definitiv nicht.
„Sie ist oben auf ihrem Zimmer und bereitet sich für etwas vor“, antwortete sie mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Bitte nennen Sie mich doch Rosemarie. Wir kennen uns jetzt ein Weilchen, deswegen sprechen Sie mich gerne beim Vornamen an“, bat Madame von Semur ihre Gastgeberin. „Erklären Sie mir das bitte. Wofür bereitet sich unser Champion vor?“
„Ach, sie hat da eine wahnwitzige Idee im Kopf schwirren. Sie möchte Pferdezüchterin werden. Und verplempert Stunden an Zeit in der Bibliothek und ist andauernd mit ihrem Pferd unterwegs, um, wie sie es nennt, ihren Geschäften nachzugehen. Heute Abend zum Beispiel hat sie einen Geschäftstermin mit einem Kunden. Dieses törichte Kind. Sie sollte sich lieber wie ihre Schwestern auf die Männersuche auf Bällen konzentrieren. Stattdessen will sie unbedingt ihr eigenes Geld verdienen. Stellen Sie sich das vor: eine feine Dame, die selbst anpackt – verrückt“, berichtete Johanna und lachte spöttisch.
„So verrückt ist das gar nicht. Ich selbst leite die Geschäfte unserer Familie seit Jahren und bin damit glücklich und zufrieden“, erklärte Rosemarie und aß ein Stück von ihrem Zitronenkuchen.
„Sie haben die Geschäfte Ihres verstorbenen Mannes übernommen. Und sobald Sebastian alt genug ist, wird er sich darum kümmern. Habe ich recht? Bei Melanie ist es etwas anderes. Sie gründet ein neues Gewerbe und wird es später fortführen, egal ob sie heiratet oder nicht. Das waren ihre Worte. Sie überlegt ernsthaft, nicht zu heiraten. Einfach nur absurd!“, sagte Johanna kopfschüttelnd und schenkte mehr Kaffee in die drei Tassen ein.
Kurz vor siebzehn Uhr läutete es an der Eingangstür. „Vermutlich wieder ein Bewerber für Jane oder Veronika“, dachte sich die Baronin von Bouget.
Monsieur Bernard öffnete die Tür, ließ den Neuankömmling eintreten und stieg anschließend die Haupttreppe hoch. Die drei Damen im Salon spähten interessiert um die Ecke und waren über alle Maßen verblüfft, George von Bellagarde zu erblicken.
„Monsieur von Bellagarde! Welch eine angenehme Überraschung! Kommen Sie bitte rein und setzen Sie sich doch zu uns.“ Johanna war sofort aufgestanden und bot dem Gast einen Sitzplatz am Tisch an.
„Guten Tag, Madame von Bouget. Danke, aber ich bin hier, um Ihre Tochter abzuholen“, erklärte George mit einem charmanten Lächeln.
Die anwesenden Damen sahen ihn verträumt an. Welch ein hübscher und vornehmer, junger Mann, und so schick gekleidet! Er hatte einen hellen Anzug mit weißem Hemd angezogen. Dazu hatte er sich eine dunkelgraue Krawatte umgebunden und trug farblich abgestimmte Schuhe.
„Oh, es freut mich sehr, das zu hören! Eigenartig, Jane hat mir nichts davon erzählt, dass Sie sich heute treffen“, bemerkte die Mutter.
„Ich meine auch nicht Jane“, entgegnete George schmunzelnd.
Im nächsten Augenblick betrat Melanie das Foyer. Sie erschien in einer perlweißen Bluse aus Seide mit langen Ärmeln und einem fliederfarbenen, bodenlangen Rock aus transparentem Stoff, auf dem große, weiße Blumen aufgestickt waren. Ihre Haare trug sie elegant in einem seitlichen Pferdeschwanz locker auf der Schulter liegend. Dazu hatte sie ein dezentes Make-up gewählt. Ihren Schmuck hatte sie nur auf eine Armbanduhr und Perlenohrringe beschränkt. Abgestimmt auf ihr Outfit hatte Melanie weiße Stöckelschuhe angezogen und eine kleine Handtasche mitgenommen.
„Da bin ich“, sagte sie knapp und schenkte George ein Lächeln.
„Melanie, was geht hier vor?“, fragte ihre Mutter irritiert.
„Ich gehe mit Monsieur von Bellagarde zu unserem Geschäftstermin. Davon habe ich dir doch erzählt, Mama“, entgegnete die Tochter gelassen.
„Du hast eine Verabredung mit George von Bellagarde?“, fragte Madame von Bouget fassungslos.
„Ich verspreche Ihnen, dass ich Melanie wohlbehalten wieder zurück nach Hause bringe. Ich gebe Ihnen mein Wort als Ehrenmann“, versicherte George und hatte Bange, dass Madame von Bouget ihre Tochter gleich nicht gehen ließe.
„Also gut, wir sind dann mal los, Mama. Bis später!“, verabschiedete sich Melanie und gab George mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie jetzt besser schnell hinausmarschieren sollten.
Er folgte ihr aus der Tür. Gemeinsam bestiegen sie nacheinander seine Kutsche und fuhren weg.
„Tja, Johanna. Offensichtlich sind die Pläne Ihrer Tochter doch nicht so absurd“, bemerkte Rosemarie lachend und Monika stimmte mit ein. Nur Madame von Bouget ließ sich wie vom Blitz getroffen auf ihren Stuhl fallen. Ihr fehlten gänzlich die Worte.

George führte Melanie in ein nobles Restaurant aus. Es war das beste Lokal der Stadt. Hier eine Reservierung zu bekommen, dauerte Wochen, aber nicht für jemanden aus dem Hause von Bellagarde. Georges Familienname öffnete jede Tür und gewährte überall sofortigen Einlass. Er saß Melanie gegenüber am Tisch und betrachtete sie einige Sekunden lang schweigend, während sie auf ihre Vorspeise warteten. Sie hatte sich für den heutigen Abend zwar herausgeputzt, aber eher unaufdringlich. Die Kleidung und die Schminke unterstrichen ihre Schönheit und überdeckten sie nicht mit etwas Falschem. Die übrigen Damen im Restaurant waren dagegen aufgetakelt bis zur Grenze des Möglichen. Sie waren bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Würden sie ihre Masken abnehmen, würde man ihr wahres Gesicht erkennen, das meistens weniger hübsch war. Ihre Kleiderwahl war äußerst aufreizend und bot viele tiefe Einblicke ins Dekolleté oder auf die nackten Beine, nicht selten sogar auf beides. Sie alle kicherten zwischendurch, wenn ihr Gesprächspartner etwas erzählte, aber sie selbst redeten kaum. Nein, sie kommunizierten mit ihren Augen, ihren Lippen und ihrem Körper. Gaben den Männern immer wieder Signale, dass sie willig waren. Und nicht selten würde der Herr, den sie begleiteten, nach dem gemeinsamen Essen zum Stich kommen. George hatte es am eigenen Leibe oft genug erfahren. Am Anfang hatte es ihm gefallen, die Frauen so leicht zu verführen, aber letzten Endes war jede von ihnen ziemlich eintönig und zu oberflächlich. Heute Abend war seine Begleiterin von ganz anderer Natur, das sah man sofort. Und das bemerkten die übrigen Herren an den Tischen in der unmittelbaren Nähe ebenfalls. Vielleicht erkannten sie Melanie wieder, denn ihr Äußeres war einprägsam und jeder kannte das Gesicht des Champions vom letzten kaiserlichen Pferderennen. Melanie schaute sich um. Weit und breit kein Richard zu sehen. Sie war erleichtert darüber, sonst hätte sie das Restaurant in Windeseile verlassen und darüber wäre ihr Begleiter mit Sicherheit sehr verwundert gewesen.
„Erzählen Sie mir bitte, warum Sie dabei sind, ein Geschäft aufzubauen“, begann George die Unterhaltung.
„Um in erster Linie Geld zu verdienen. Ich möchte von niemandem abhängig sein und lieber meine eigenen Entscheidungen treffen. Abgesehen davon arbeite ich gerne mit Pferden und deswegen habe ich beschlossen, Pferdezüchterin zu werden“, antwortete Melanie wahrheitsgemäß.
„Sie möchten von jedem unabhängig sein? Auch von Ihrem zukünftigen Ehemann?“, fragte er interessiert.
„Ja, genau so ist es“, bestätigte sie und trank einen Schluck Rotwein aus ihrem Glas. George schaute verdutzt. Das hatte er bis jetzt noch nie gehört.
„Abgesehen davon bin ich nicht auf der Suche nach einem Ehemann, sondern nach Freiheit, und die besteht darin, dass man finanziell unabhängig ist“, ergänzte Melanie.
„Wollen Sie nicht heiraten?“ George klang etwas besorgt.
„Auf jeden Fall nicht in den nächsten zwei Jahren. Meine Überlegung ist, dass ich in weiter Zukunft ernsthaft mit der Suche nach einem passenden Ehemann beginne. Und vielleicht verschiebt sich der Zeitpunkt weiter nach hinten. Wir werden es sehen. Es hängt davon ab, wie meine Geschäfte laufen. Außerdem möchte ich später Kinder haben“, erklärte Melanie schmunzelnd.
George wirkte sichtlich erleichtert. In Ordnung, sie wollte noch ihre Freiheit genießen. Das verstand er.
„Zudem bin ich überzeugt, dass ich mehr sein kann als nur Ehefrau und Mutter. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Eine Mutter zu sein, ist wirklich harte Arbeit. Meine Mama hat vier Kinder ohne fremde Hilfe großgezogen und ich zolle ihr für das Projekt 'Leben schaffen' größten Respekt und Bewunderung. Aber ich möchte mehr sein. Ja, ich will Kinder und Karriere. Dieser Satz beschreibt meine Absichten am besten“, erzählte Melanie und schaute hungrig auf ihren Salat.
„Ich glaube zu wissen, was Sie meinen. Denn ich möchte ebenfalls Kinder und Karriere“, sagte George und die beiden lächelten einander an.
„Sie wollen demnach ein Leben führen wie ein Mann, richtig?“, konkretisierte er.
„Absolut, Sie haben mein Ziel korrekt erkannt“, bemerkte sie und nickte zustimmend. „Womöglich werde ich in Zukunft weitere Geschäftsideen entwickeln, die ich dann verwirkliche.“
„Da bin ich mir sogar ganz sicher. Dann lassen Sie uns gemeinsam darauf anstoßen, dass all Ihre Träume in Erfüllung gehen, Mademoiselle von Bouget“, sagte George und hielt Melanie sein Glas hin.
Sie stieß mit ihrem Glas gegen seines und beide tranken den köstlichen Wein.
„Darf ich anmerken, dass Sie ganz anders sind als die übrigen Damen in diesem Restaurant? Sie wollen Ihrem Gegenüber nicht das Geld aus der Tasche ziehen“, machte George ihr ein Kompliment.
„Da irren Sie sich aber gewaltig. Natürlich will ich Ihnen das Geld aus der Tasche ziehen. Oder haben Sie bereits vergessen, dass Sie ein Pferd von mir erwerben möchten? Über den Preis können wir noch verhandeln, aber umsonst kriegen Sie gar nichts“, stellte Melanie klar und George musste darüber lachen. Selbstverständlich, wie hatte er das vergessen können? Es war schließlich ein Geschäftstermin. Während des Essens sprachen sie über Georges Studium. Er studierte Naturwissenschaften, und zwar Mathematik und Physik. Sein Traum war es, später ein anerkannter Physiker zu werden, und in seiner Freizeit spielte er gerne Schach. Melanie genoss die Unterhaltung mit ihm, denn er betrachtete sie als ebenbürtig und das gefiel ihr.
Direkt im Anschluss an den Restaurantbesuch stiegen die beiden in Georges Kutsche und fuhren zum großen Theater. Die Veranstaltung war restlos ausverkauft und dort tummelten sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Die teuersten Plätze befanden sich in den Logen, die zumeist von Adligen und Reichen besetzt waren. George hatte nicht gelogen, als er sagte, dass in seiner Loge noch andere Leute sitzen würden. Melanie lernte unter anderem einen hochrangigen Politiker namens Willhelm Girard kennen. Und der Künstler Konrad Njeschnij war ebenfalls anwesend. Wenn Melanie es geschickt anstellte, dann könnte sie heute Abend die ersten vielversprechenden Kontakte knüpfen. Ihre Loge befand sich rechts von der Bühne und George hatte mit Absicht die äußeren Plätze besetzt, um während der Vorstellung etwas ungestörter mit Melanie zu sein. Der Vorhang zur Bühne ging auf und das Orchester begann zu spielen. Als Erstes wurde ein Stück aus dem Nussknacker aufgeführt, der Tanz der Zuckerfee. Die Anfangsmusik hatte etwas Magisches und zauberte die Zuhörer sofort in ein Märchen hinein. Die Balletttänzerin auf der Bühne trug ein rosafarbenes Kleid und erinnerte Melanie in der Tat an Zuckerwatte. Während der Vorstellung hatte George Schwierigkeiten, sich auf die Musik zu konzentrieren. Immer wieder sah er zu seiner Begleiterin hinüber, die rechts neben ihm saß und das Ballett aufmerksam verfolgte. Ihm fiel auf, dass sie wie eine Puppe aussah: weiße, ebenmäßige Haut mit leicht rosigen Wangen, lockiges rotes Haar, große Augen mit langen Wimpern und rote Schmolllippen. Er empfand sie als sehr sensuell. Und zum ersten Mal seit Langem bedauerte George die Tatsache, dass er heute Abend nicht zum Stich kommen würde. Als Nächstes wurde Allegro aus dem dritten Akt aus Schwanensee aufgeführt. Wie als absoluten Kontrast zu der Zuckerfee trug die jetzige Balletttänzerin ein pechschwarzes Kleid und eine schwarze Krone. Sie verkörperte Odile und verführte die Zuschauermenge mit ihren sinnlichen Bewegungen.
„Wenn man bedenkt, dass Odile eigentlich die Böse ist, ist es ein Jammer, dass in den meisten Versionen des Schwanensees der weiße Schwan am Ende gewinnt“, flüsterte George Melanie zu.
Sie lächelte sanft und antwortete: „Und dabei ist es der schwarze Schwan, der das Ballettstück zu etwas Besonderem macht.“ Sie schaute ihm für einen kurzen Augenblick in die Augen und genau da fragte George sich plötzlich, ob sie der weiße oder der schwarze Schwan wäre. Würde er sich wie der Prinz in dem berühmten Märchen mit Odette für immer vereinen oder würde Melanie ihn am Ende wie Odile verführen und fallen lassen? Er konnte es unmöglich sagen.
Zur gleichen Zeit saß auf der anderen Seite des Saals Richard in seiner Loge und verfolgte ebenfalls das Konzert. Er war an diesem Abend ohne Begleitung erschienen. Seine Verlobte hatte er nicht zu fragen brauchen, Elisabeth interessierte sich nicht für Ballette und ging auch sonst nicht ins Theater. Kultur war ihr gänzlich fremd. Sie blieb lieber daheim, um ihren Schönheitsschlaf zu halten. Richard ließ seinen Blick über die Zuschauermenge in die gegenüberliegenden Logen schweifen. Die meisten Gesichter kannte er. Als er Melanie entdeckte, straffte er sich sofort. Seit ihrer letzten Begegnung in der Einkaufsstraße dachte er immerzu an sie. Sie hatte ihn damals stehenlassen und war einfach davongeritten. Das konnte er ihr nicht übel nehmen. Er war selbst schuld daran, dass sie ihn verachtete. Und heute Abend sah er sie wieder. Bei ihrem Anblick hellte sich sein Gesicht auf und er musste unwillkürlich lächeln. Die Vorführung und die Musik kümmerten ihn gar nicht mehr, er hatte nur noch Augen für sie. Sein Herz schlug schneller und er nahm sich vor, sie nach der Vorstellung anzusprechen. Im nächsten Moment bemerkte er Melanies Sitznachbarn, der sich tiefer zu ihr beugte und etwas ins Ohr flüsterte. Es war dieser verdammte George von Bellagarde! Richards Blick verfinsterte sich prompt. Ausgerechnet dieser Schnösel begleitete Melanie ins Theater? Und sie lächelte George an und unterhielt sich mit ihm. Die beiden verstanden sich offenbar prächtig. Richard wünschte, er hätte jetzt seine Pistole dabei, dann würde er diesen Kerl ein für alle Mal aus dem Weg räumen. Nach weiteren fünf Minuten ertrug er das Schauspiel nicht mehr, stand augenblicklich auf und verließ das Theater. Er begab sich auf direktem Wege zu seiner Kutsche.
„Ist das Konzert bereits zu Ende, Durchlaucht?“, fragte der Kutscher und war verwundert darüber, dass sein Meister frühzeitig zurückkam.
„Die Vorstellung ist miserabel!“, entgegnete der junge Herzog wütend und stieg in die Kutsche ein. Er dachte dabei an Georges zartes Umwerben seiner Melanie. Ja, Richard betrachtete Melanie als sein Eigentum, obwohl sie sich ihm vehement verweigerte. Er bekam in dieser Nacht kein Auge zu. Ständig kreisten seine Gedanken um sie und diesen verflixten George. Was die beiden gerade miteinander trieben? Er wollte es sich nicht einmal ausmalen. Sein Verlangen nach Melanie wurde übermäßig verstärkt. Nein, er würde sie nicht aufgeben. Er musste einen Weg zu ihr zurückfinden, koste es, was es wolle.



Kapitel 22 Der schlechte Verlierer

1. Juni 1875

Der Morgen hatte so gut angefangen. Melanie war mit ausgezeichneter Laune aufgewacht, denn sie hatte gestern einen gelungenen Abend gehabt. Während der Konzertpause hatte George sie Monsieur Girard vorgestellt. Willhelm Girard war ein ranghoher Politiker und arbeitete im Parlament. Er kam ursprünglich aus einfachen Verhältnissen und hatte durch seine herausragenden Schulnoten ein Stipendium an einer Eliteuniversität erworben. Durch das Studium der Politikwissenschaften und Soziologie und – nicht zu vergessen – durch die vielen einflussreichen Kontakte, die der junge Willhelm an der Universität hatte knüpfen können, war er nach seinem erfolgreichen Abschluss in die Politik eingestiegen und dabei geblieben. Mittlerweile war er der Vorsitzende der Freien und Sozialistischen Partei, kurz FSP, die im Parlament ein Viertel der Plätze innehatte und zu der Opposition gehörte. Monsieur Girard war außerordentlich erfreut, Melanie von Bouget persönlich kennenzulernen. Er hatte damals über ihren Sieg beim kaiserlichen Pferderennen über alle Maßen gestaunt. Er war von seinem Platz auf der Tribüne aufgesprungen und hatte ihr Beifall applaudiert. Nach jemandem wie Mademoiselle von Bouget hatte er lange gesucht, denn sie besaß das Charisma, die Gesellschaft zu revolutionieren. Sie war noch recht jung und hatte durch ihren Triumph gezeigt, dass eine Frau in einer von Männern dominierten Sportart durch ihre Leistung glänzen konnte. Und deswegen war er der Meinung, dass die Welt weitere weibliche Vorbilder wie sie brauchte. Denn Willhelm war der festen Überzeugung, dass Frauen die besseren Menschen waren und zu selten die Gelegenheit bekamen, dies öffentlich zu zeigen. Melanie hatte sich mit Monsieur Girard bis zum Ende der Pause unterhalten und dabei festgestellt, dass er genau wie sie zunächst in eine Familie aus der Unterschicht hineingeboren worden und dann im Laufe seines Lebens in der Gesellschaft aufgestiegen war. Ihrer Einschätzung nach war er ziemlich bodenständig geblieben und hatte enormes Verständnis für die Armen und die Arbeiterklasse. Sie war der Ansicht, dass sie von ihm noch einiges lernen konnte und hoffte, in Zukunft mit ihm in Kontakt zu bleiben. Am Ende ihrer gemeinsamen Unterhaltung waren sowohl Melanie als auch Monsieur Girard sich gegenseitig sympathisch. Nach dem Konzert hatte George Melanie wieder nach Hause zurückgebracht und sie hatte ihm versprechen müssen, dass sie sich bald wiedersähen. Ihr war es ganz recht so, denn sie baute gerade ihr eigenes Netzwerk auf und der junge Grafensohn war der Schlüssel dazu. George selbst war der Rolle als Türöffner vorerst nicht abgeneigt und spielte mit. Denn sein Ziel war es ohnehin, mit der jungen Mademoiselle von Bouget mehr Zeit zu verbringen, um ihr Interesse an ihm zu wecken.
Am frühen Nachmittag begab sich Melanie wieder in die eigene Bibliothek und suchte nach Büchern über Politik. Sie fand einige Exemplare und legte sich damit gemütlich aufs Sofa, um zu lesen. Wie aus heiterem Himmel kam Jane in den Raum hereingeplatzt, riss Melanie das Buch aus den Händen und warf es auf den Schreibtisch. Jane stand wütend vor ihr und schaute finster auf sie herab.
„Du hattest ein Rendezvous mit George?“, fragte sie aufgebracht.
„Falsch. Ich hatte einen Geschäftstermin mit Monsieur von Bellagarde“, entgegnete Melanie ruhig und blieb auf dem Sofa liegen.
„Mutter sagt, dass du und George in einem feinen Restaurant zusammen essen wart und danach das große Theater besucht habt. Das nennst du einen Geschäftstermin?“ Jane wollte sich nicht für dumm verkaufen lassen.
„Ganz genau.“ Melanie stand langsam auf und sah ihre Schwester herausfordernd an.
„Du willst mir also weismachen, dass du an George nicht interessiert bist?“, bohrte Jane weiter nach.
„An seinem Geld und seinen noblen Verbindungen bin ich interessiert“, antwortete Melanie ehrlich.
Jane lachte spöttisch. „Sei nicht so blöd, Melanie. George will mehr von dir, als nur über die Geschäfte zu reden. Früher oder später wird er es dir deutlich zeigen“, sagte sie laut und funkelte ihre Schwester böse an.
Melanie ließ sich davon nicht einschüchtern und stand felsenfest auf ihrem Platz. „Und wenn schon. Was kümmert dich das, Jane?“, warf Melanie ihr zurück.
Jane wurde konkreter. „Warum tust du das? Zuerst Richard von Crussol und jetzt George von Bellagarde. Wieso nimmst du mir die Männer weg, die mir gefallen?“
„Erstens: Ich nehme dir niemanden weg. Wenn du es nicht schaffst, die Herren dazu zu bringen, sich in dich zu verlieben, dann ist es dein Problem. Zweitens: Hast du nicht genug andere Bewerber, die um dich herumkreisen wie die Geier? Ist kein passender Kandidat dabei? Auch das ist dein Problem. Und drittens: Störe mich nie wieder bei meiner Arbeit. Und jetzt raus hier!“, entgegnete Melanie wütend und sah zornig zu ihr.
Jane starrte sie fassungslos an. Sie hatte Melanie noch nie so herrisch erlebt. Ihre kleine Schwester sagte ihr die volle Meinung ins Gesicht; das hätte sie sich vor ein paar Wochen nicht getraut.
„Ich bin gespannt, wann deine Beziehung zu George über das Geschäftliche hinausgeht und du dann feststellen musst, dass er sich schlussendlich für eine andere entscheidet“, spie Jane aus und stolzierte mit erhobenem Kopf aus der Bibliothek.
Melanie schaute ihr hinterher. Ihre Schwester war definitiv neidisch auf sie, aber ungerechtfertigt. Denn Melanie hatte nicht gewollt, dass Richard und George sich für sie interessierten. Abgesehen davon sollte Jane sich bei ihr bedanken. Seit dem kaiserlichen Pferderennen war ihr Familienname in aller Munde und die Töchter des Barons von Bouget waren bei den wohlhabenden Männern äußerst begehrt. Komischerweise gab sich Jane nicht mit den Kavalieren zufrieden, die ihr sofort zu Füßen lagen. Nein, sie musste versuchen, sich die dicksten Fische zu angeln.
Melanie schaute auf die Wanduhr: gleich dreizehn Uhr. Heute war Dienstag und die Audienz beim Kaiser stand an. Sie zog sich um und ritt mit Nero zum Frühlingspalast.
Der Monarch empfing Melanie in seinem Arbeitszimmer und war überaus erfreut, sie zu sehen. Die Diener brachten sofort etwas zu trinken und es gab leckere Wasser- und Honigmelone zur Erfrischung. Der Kaiser bat seinen Gast, auf dem Sofa vor dem großen Panoramafenster Platz zu nehmen, und setzte sich dazu. Melanie berichtete ihm, dass die vier kaiserlichen Stuten, allesamt englisches Vollblut und circa vier Jahre alt, gut versorgt wurden und viel Zeit mit Nero verbrachten. Sie hatte das Gefühl, dass ihr bester Freund seit der Ankunft seiner neuen Gefährtinnen um einiges glücklicher wirkte und es jeden Morgen kaum erwarten konnte, zu ihnen auf die Koppel zu galoppieren. Der Kaiser lachte laut und Melanie bemerkte in dem Moment, wie ungewöhnlich nahe er bei ihr saß.
„Wann genau werden Sie achtzehn Jahre alt, Mademoiselle von Bouget?“, fragte er sie plötzlich.
„In einem Monat, Eure Kaiserliche Majestät“, antwortete sie. „Warum fragt Ihr?“
„Weil Sie dann volljährig sind und ich Ihnen ein Geburtstagsgeschenk überreichen möchte“, antwortete der Kaiser geheimnisvoll.
„Verratet Ihr mir, um was es sich genau handelt, Eure Kaiserliche Majestät?“, fragte sie mit großen Augen.
„Nein, das werden Sie dann sehen“, entgegnete er freundlich und ließ sie im Dunkeln. Ihm gefiel Melanie, sehr sogar. Sie war wie ein frischer Seewind: jung, vital, intelligent, und unverbraucht. Er war hin- und hergerissen zwischen seinen moralischen Werten als Monarch und seiner Lust als Mann. Melanie schaffte es, ihn mit ihrer aufregenden Art und ihrem betörenden Aussehen auf die Probe zu stellen. Die Audienz war nach einer Stunde zu Ende und Melanie verabschiedete sich mit einem Knicks. Der Kaiser lächelte sie traurig an und war etwas enttäuscht, dass er sie erst in einer Woche wiedersehen würde. Aber er tröstete sich damit, dass seine regelmäßigen Treffen mit ihr völlig ungestört blieben.
Als Melanie aus dem Palast hinausmarschierte, wurde sie genau beobachtet. Eine Frau im hellgrünen Kleid stand am Fenster und schaute ihr dabei zu, wie sie auf ihr Pferd stieg und davongaloppierte. Die Kaiserin drehte sich dann weg und ging den Flur entlang zum Arbeitszimmer ihres Gemahls. Sie blickte hinein und stellte fest, dass er ebenfalls am Fenster stand und zusah, wie sein hübscher Günstling soeben das Haupttor passierte und aus seinem Blickfeld verschwand. Dann drehte er sich langsam um und schaute verträumt, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte der Kaiser, dass seine Ehefrau in der Tür stand, und seine Miene wurde augenblicklich wieder ernst.
„Möchtest du etwas Bestimmtes?“, fragte er sie gleichgültig.
„Ich bin hier, um dich zu bitten, die Audienzen mit Melanie von Bouget zu unterlassen“, forderte Kaiserin Anastasia von ihrem Ehemann.
„Aus welchem Grund?“ Alexander klang wenig erfreut.
„Den weißt du sehr wohl“, antwortete sie streng.
„Das ist unmöglich. Mademoiselle von Bouget ist meine Geschäftspartnerin. Wir müssen regelmäßig im Austausch bleiben“, erklärte der Kaiser beiläufig und las dabei seine Unterlagen.
„Und wenn ich dich als deine Frau darum bitte?“, fragte Anastasia und stellte sich genau vor seinen Schreibtisch.
„Auch dann muss ich ablehnen. Geschäft ist nun mal Geschäft, akzeptiere das, egal ob du ein Problem mit Mademoiselle von Bouget hast oder nicht“, antwortete er mit fester Stimme.
Die Kaiserin erwiderte nichts mehr darauf und sah ihren Mann forschend an.
„Ist noch etwas? Ich habe zu tun“, sagte der Kaiser und machte seiner Frau deutlich, dass er mit der Unterhaltung fertig war.
Anastasia ging um den Schreibtisch herum und nahm das Gesicht ihres Mannes in ihre Hände. Sie blickte tief in seine blauen Augen und gab ihm einen innigen Kuss.
„Dann will ich dich nicht weiter stören“, sprach sie leise und verließ daraufhin das Arbeitszimmer.



Kapitel 23 Der Deal

10. Juni 1875

Der Kanarienvogel-Park lag direkt in der Mitte der Hauptstadt am Fluss Laine. Jeden zweiten Donnerstag im Juni war dieser Ort exklusiv der feinen Gesellschaft vorbehalten, die auf den weiten Wiesen unter den prächtigen Eichen und Weiden ein Picknick veranstaltete. Die Crème de la Crème der High Society war anwesend und alle trugen weiße Kleidung. Ein gutaussehender Reiter auf einem Schimmel kam langsam angeritten und weckte die Aufmerksamkeit der Damen um ihn herum. Die Frauen sahen ihm mit großen Augen hinterher und lächelten verschüchtert, wenn er sie ansah. Der junge Herzog hielt sein Pferd an und führte es an den Zügeln. Er schaute sich um und entdeckte seine Freunde Richard und Henri unter einer großen Eiche und begab sich geradewegs zu ihnen. Sie hatten es sich auf einer Decke gemütlich gemacht und aßen Äpfel. Hundert Meter weiter saß die Familie von Bouget zusammen mit der Familie von Semur unter einer prächtigen Weide und nahm gemeinsam mit ihr das Mittagessen ein.
„Wie wunderbar, meine Nachbarn scheinen sich gut zu verstehen“, dachte Vincent.
Etwas weiter Richtung Fluss saß die Familie D'Argies und trank Tee. Das Sommerwetter zeigte sich heute von seiner besten Seite. Die Luft war angenehm warm, es wehte eine frische Brise und die Sonne wurde zwischendurch von Wolken verdeckt, die für etwas Schatten sorgten. Und der Erdbeerduft erinnerte die Parkbesucher daran, dass der Sommer angefangen hatte.
„Hallo, die Herren! Habt ihr nicht mehr zu essen dabei?“, begrüßte Vincent seine Kumpane und war verwundert, dass es nur einen Korb voller Äpfel gab.
„Nein, wir wollen uns heute durchschnorren“, antwortete Henri mit einem verschmitzten Lächeln und gab ihm die Hand zum Gruß.
„Hallo, Vincent“, sagte Richard und reichte seinem besten Freund einen Apfel.
„Bei wem wollt ihr euch durchschnorren?“, fragte Vincent amüsiert.
„Also, ich für meinen Teil bei der Familie von Bouget“, antwortete Henri voller Vorfreude. „Und der Kollege neben mir muss sich mit dem Tee bei seiner Verlobten begnügen.“
Richard verdrehte die Augen und warf Henri einen genervten Blick zu.
„Warum gehen wir nicht alle gemeinsam zu meinen Nachbarn?“, schlug Vincent stattdessen vor.
„Keine gute Idee. Wenn Elisabeth D’Argies Richard auch nur in der Nähe seiner angeblichen Mätresse sieht, dann wird sie ihm vermutlich den Kopf dafür abhacken“, erklärte Henri die Lage und biss genüsslich in seinen Apfel.
Richard atmete tief aus. Leider hatte sein Freund recht.
„Ich gehe dann mal rüber und begrüße Veronika. Vielleicht gibt sie mir etwas von ihrem Nachtisch ab“, sagte Henri mit einem Augenzwinkern und marschierte los.
Vincent und Richard schauten ihm hinterher, wie er von den beiden Familien herzlich empfangen wurde und er sich schließlich neben Veronika setzte. Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln und gab ihm einen Teller mit Mousse au Chocolat.
Ihr Bruder Jakob stand daraufhin von seinem Platz auf und blickte grimmig zu Henri hinüber. Er überredete Sebastian von Semur, den Ort zu verlassen, und gemeinsam gingen sie zum Flussufer.
„Dieser Glückspilz. Darf mit einer Bouget flirten und wird von der gesamten Familie willkommen geheißen“, bemerkte Vincent neidvoll und sah im Augenwinkel, dass Richard frustriert zu Boden hinunterblickte. Er ahnte, dass sein Freund jetzt am liebsten bei seiner Tanzkönigin wäre. Er hatte sich früher immer gefragt, was Richard nur dazu bewogen hatte, Elisabeth D'Argies einen Heiratsantrag zu machen. Klar, sie war wunderschön, keine Frage, aber sie und Richard hatten so viel gemeinsam wie ein Tiger mit einer Seerose. Nämlich absolut gar nichts, abgesehen von der Tatsache, dass beide atemberaubend gut aussahen. Eines Tages hatte Vincent seinen Kumpel auf das Thema angesprochen und er hatte ihm die Wahrheit erzählt. Richards Vater François von Crussol und Gustav D'Argies waren vor einem halben Jahr einen Deal eingegangen. Sie planten, ihre Geschäfte zu fusionieren. Eine Heirat zwischen den Erben der beiden Häuser sollte den Handelsvertrag besiegeln. Richard hatte seinem Vater das Versprechen gegeben, Elisabeth zu heiraten, kurz bevor der alte Herzog von Crussol ganz unerwartet an den Folgen eines Schlaganfalls verstorben war. Sein Sohn hatte daraufhin den Titel des Herzogs geerbt. Richard war sehr prinzipientreu und er hatte seinen Vater geliebt. Er war somit an das Versprechen gebunden und wollte seine Familie nicht enttäuschen, indem er den letzten Wunsch seines Vaters missachtete. Andererseits kannte Vincent ihn gut genug, um zu wissen, dass Richard mit Elisabeth nicht glücklich werden würde. Dafür waren die beiden zu unterschiedlich. Deswegen musste er schleunigst etwas unternehmen, bevor sein bester Freund einen Lebensweg einschlug, den er bereuen würde. Gerade als Vincent anfangen wollte zu sprechen, sah er, wie sich George von Bellagarde zu der Familie von Bouget gesellte und sich neben Melanie setzte. Die zwei sprachen recht offen miteinander und sahen sich dabei tief in die Augen. Ach, du lieber Schreck! Die Situation wurde mit einem Mal brandgefährlich. Vincent sah, wie Richard ebenfalls Georges Anwesenheit bemerkte und seinem Konkurrenten unsichtbare Giftpfeile in den Hals schoss. Vincent kannte Richards Temperament und er musste von nun an auf seinen Freund Acht geben, damit dieser nicht etwas Unüberlegtes anstellte.
George und Melanie erhoben sich währenddessen von ihren Plätzen und flanierten durch den Park. Die beiden unterhielten sich über die Musik von Beethoven und Chopin. Und in diesem Augenblick bemerkte Melanie, dass sie George gerne bei sich hatte. Er gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, und stärkte ihr Selbstbewusstsein, das seit dem Vorfall im Wald ungeheuer gelitten hatte. Er heilte ihre Seele und sie genoss die Zeit mit ihm.
„Sieh mal, Onkel. Melanie von Bouget und George von Bellagarde scheinen sich gut zu verstehen“, sagte Elisabeth mit fröhlicher Stimme und zeigte mit ihrer Teetasse in deren Richtung.
„Wie erfreulich! Das ist wirklich ein schönes Paar!“, entgegnete Gustav D'Argies und klang überaus begeistert.
„Unser Plan nimmt langsam Gestalt an“, führte seine Nichte weiter aus und nippte an ihrem Tee.
„Das war nicht anders zu erwarten“, antwortete der Graf D'Argies und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
„Hoffen wir, dass Richard jetzt seine Hände von Melanie lässt“, ergänzte Elisabeth hochnäsig.
„Und wenn nicht, dann greifen wir zu anderen Mitteln. Letzten Endes erreichen wir unser Ziel, keine Sorge“, beschwichtigte ihr Onkel und war sich seiner Sache absolut sicher. Denn falls Richard sich weigern sollte, Elisabeth zu heiraten, dann würde Gustav ihn dazu zwingen.



Kapitel 24 Heimliche Liebe

17. Juni 1875

Das berüchtigte Trio ging seiner bevorzugten Freizeitbeschäftigung nach, dem Fechten. Vincent von Guise war der beste Kämpfer unter ihnen und nahm regelmäßig an Wettkämpfen teil. Bald fand wieder ein Turnier statt und er nutzte jede freie Minute, um zu üben. Seine beiden Freunde waren dabei ausgezeichnete Gegner fürs Training, die beim Fechten keine schlechte Figur abgaben. Vincent und Henri fochten gerade eine Partie aus, als Henri den Kampf abrupt abbrach. Er schaute auf seine Taschenuhr und stellte erschrocken fest, dass er spät dran war. Er packte seine Sachen zusammen und verabschiedete sich schnell von seinen Freunden.
„Wo willst du denn plötzlich hin?“, fragte Vincent verärgert.
„Ich habe eine Verabredung mit Veronika!“, antwortete Henri fröhlich und wackelte mit den Augenbrauen.
„Verbringst du nicht etwas zu viel Zeit mit ihr?“, merkte Richard neidvoll an.
„Keineswegs. Und im Gegensatz zu dir habe ich ein Liebesverhältnis zu einer Mademoiselle von Bouget“, antwortete Henri schlagfertig.
„Verzieh dich! Und schwängere sie bloß nicht!“, zischte Richard und warf Henri sein Handtuch ins Gesicht. Sein Kumpel fing das Handtuch geschickt auf und erwiderte lässig: „Keine Sorge, ich habe genug Pariser dabei.“
Nachdem Henri zu Hause gebadet und sich umgezogen hatte, begab er sich zu dem Anwesen der Familie von Bouget. Er freute sich, Veronika wiederzusehen, und galoppierte schneller. Seine Angebetete war eine begehrenswerte Frau, denn jeder Mann wollte sich momentan mit einer Tochter aus dem Hause von Bouget schmücken. Viele Kandidaten unterbreiteten den zwei ältesten Schwestern Heiratsanträge, aber bis jetzt hatten Jane und Veronika jeden von ihnen abgelehnt. Die größte Trophäe war aber weiterhin die jüngste Tochter Melanie. Henri wusste, dass es schwierig war, an sie ranzukommen, wenn nicht sogar unmöglich. Zum einen wegen Richard, weil er Melanie für sich beanspruchte. Und zum anderen wegen George von Bellagarde. Um mit diesem Prachtburschen zu konkurrieren, musste man Eier wie Richard besitzen, sonst hatte man keine Chance. Abgesehen davon empfand Henri nichts für sie – im Gegensatz als für Veronika. Er verbrachte unglaublich gerne Zeit mit ihr und sie hatte eine überaus erotische Ausstrahlung.
An seinem Ziel angekommen, stieg Henri von seinem Pferd ab und wurde sogleich von einem Diener in Empfang genommen. Als er im Foyer wartete, kam Jakob von Bouget die Treppe herunter und musterte Henri von oben bis unten.
„Guten Tag, Jakob“, grüßte Henri freundlich.
„Guten Tag, Henri. Was führt dich hierher?“, wollte Jakob wissen.
„Veronika und ich haben eine Verabredung. Wir bleiben aber hier auf dem Gelände Eures Anwesens, um den Anstand zu bewahren“, antwortete Henri und lächelte. Jakob schien überhaupt nicht erfreut darüber zu sein.
„Was hat er nur?“, fragte Henri sich verwundert.
Im nächsten Augenblick erschien Veronika und schwebte langsam die Treppe herunter. Sie sah wie immer hinreißend aus und trug ein trägerloses Kleid, das ab der Taille voluminös gefaltet war und bis zum Boden reichte. Es war aus glänzendem, rosafarbenem Stoff mit großen, violetten Blumen darauf. Der großzügige V-Ausschnitt bot einen tiefen Blick auf ihr Dekolleté und der Schlitz in der Mitte des Kleides auf die sexy Beine. Veronika hatte ihre hellbraunen Haare offengelassen und trug halbhohe, rosa Schuhe. Sie sah aus wie eine Magnolie. Henri und Jakob sahen ihr wie hypnotisiert dabei zu, wie sie die Treppe herunterging und anschließend vor ihnen stehenblieb.
„Du siehst wunderschön aus“, entfuhr es Henri und er starrte sie mit großen Augen an.
Veronika lächelte unschuldig und schaute schüchtern zu Boden.
„Wollen wir zum Labyrinth-Garten?“, fragte sie mit einer samtweichen Stimme.
„Nur zu gern“, erwiderte Henri.
Veronika hakte sich bei ihm am Arm ein und gemeinsam gingen sie hinaus. Das Labyrinth befand sich ein paar hundert Meter weiter und wurde extra auf Veronikas Wunsch hin vom Gärtner herangezüchtet. Nun war die Hecke fast drei Meter hoch und man konnte sich in dem Irrgarten wunderbar verstecken. Veronika führte Henri geradewegs hinein. Sie liefen einige Male nach rechts und dann wieder nach links. Henri wusste nicht mehr, ob sie jemals wieder hinausfinden würden, aber seine Begleiterin schien den Weg genau zu kennen. Sie kamen in der Mitte des Labyrinths an. Dort stand ein prunkvoller Barock-Springbrunnen mit Statuen von fünf nackten Frauen. Sie stellten die Nymphen der Antike dar. Jede von ihnen hatte einen großen Krug in den Armen, aus dem das Wasser ins Becken floss. Um den Brunnen herum standen vier Bänke und Henri ging davon aus, dass Veronika sich mit ihm dort hinsetzten würde. Doch stattdessen führte sie ihn am Springbrunnen vorbei auf die andere Seite und wieder hinein in das Labyrinth. Nach einer weiteren Rechtsbiegung blieben sie in einer Sackgasse stehen und drehten sich zueinander um.
Veronika kam näher an ihn heran, legte ihre Hände auf seine Brust und wisperte: „Küss mich, Henri.“ Der junge Graf ließ sich nicht lange bitten. Er nahm sie mit seiner linken Hand an der Taille und die zweite legte er ihr auf die Wange. Henri sah ihr tief in die grünen Augen und küsste sie. Veronikas Lippen waren unendlich zart und sie duftete nach Rosen. Der Kuss dauerte lange an und Henri wollte sie nicht mehr loslassen. Die beiden bemerkten in diesem Augenblick nicht, dass jemand hinter der Biegung stand und sie beobachtete. Es war Jakob. Die Tradition gebot es, dass, wenn ein lediger Mann eine unverheiratete Dame küsste, er verpflichtet war, sie zur Frau zu nehmen. Wenn er dies nicht tat, dann war die junge Lady entehrt und eine Schande für ihre gesamte Familie. Veronika und Henri waren zu doll ineinander verliebt, um auf diesen alten Brauch Rücksicht zu nehmen. Jakob kannte die Sitte ebenfalls, aber er würde niemals darauf bestehen, dass Henri Veronika heiratete. Nein, eher würde er sich das Bein abhacken, als seine Schwester diesem Halunken zu überlassen. Eigenartigerweise waren all die anderen Bewerber um Veronika herum Jakob absolut egal, aber bei Henri von Ailly kochte ihm das Blut über. Und jetzt zuzusehen, wie dieser Kerl mit ihr rumknutschte, war für Jakob reinste Qual. Und zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Henri von einem anderen Mann beneidet.

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