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Blitz und Donner Kapitel 13 - 18
Kapitel 13 Der Tanzkönig
15. Mai 1875
Bereits beim Eintreten in das Schloss des Herzogs von Guise fiel Melanie auf, dass diese Feier definitiv anders werden würde. Das Publikum war recht jung. Das Durchschnittsalter lag mit Sicherheit erst bei Mitte zwanzig. Die Gäste lachten laut und tranken reichlich Alkohol. Sie rauchten ungeniert Zigaretten und lieferten ein komplettes Kontrastprogramm zu der manierlichen Gesellschaft im Palast des Kaisers.
„Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“, fragte Henri von Ailly seine zwei hübschen Begleiterinnen.
„Ja, wir hätten gerne Rotwein, bitte“, antwortete Veronika mit einem verführerischen Blick.
Henri zwinkerte ihr zu und schlenderte zur Bar. Die Schwestern blieben allein stehen und schauten sich genauer um. Plötzlich sah Melanie ein Pärchen, dass sich wild abknutschte. Mit offenem Mund starrte sie den jungen Mann an, der ohne Hemmungen seine Partnerin an ihrem Busen befummelte. Sie stupste Veronika an und zeigte mit dem Finger auf das frivole Schauspiel.
„Oh, meine Güte, Melanie, schau da nicht hin!“, sagte Veronika beschämt und versuchte, ihre Schwester umzudrehen.
„Nicht hinschauen? Wie soll das funktionieren? Die beiden drängen sich ja förmlich auf! Außerdem lerne ich gerade“, gab Melanie offen zu.
„Was zum Teufel lernst du da bitte schön?“, fragte Veronika fassungslos.
„Ich wusste gar nicht, dass man mit Männern so etwas anstellen kann. Und es scheint der jungen Dame da vorne Freude zu bereiten“, bemerkte Melanie und neigte leicht ihren Kopf.
„Schluss jetzt. Lass uns weitergehen.“ Veronika zerrte ihre Schwester weiter in den Ballsaal hinein.
Im gleichen Augenblick begrüßte Henri seine Freunde an der Bar. „Schönen guten Abend, die Herren! Vincent, ich habe da eine Überraschung, die dich sicherlich freuen wird.“
„Ich höre?“ Vincents Neugier war geweckt. Statt zu antworten, zeigte Henri in Richtung der beiden Bouget-Schwestern.
„Henri, du bist ein Genie!“, sagte sein Freund laut und verpasste ihm eine kräftige Umarmung. Da war sie, Melanie, der Champion, die Duellsiegerin – und bald noch mehr? Vincent hatte vor, es herauszufinden, und begab sich zielstrebig zu den beiden Damen.
„Schön, dass Sie hierher gefunden haben, Mesdemoiselles von Bouget. Lassen Sie mich bitte wissen, wenn Sie etwas benötigen“, sagte Vincent und strahlte übers ganze Gesicht.
Die beiden Schwestern begrüßten den Gastgeber freundlich. Henri kam zurück mit dem köstlichen Wein und sie stießen zu viert auf den Abend an.
„Wollen wir tanzen?“, fragte Vincent Melanie direkt. Sie war verblüfft über den lockeren Umgang, aber das schien auf dieser Party normal zu sein. Sie nickte etwas verlegen und gemeinsam begaben sie sich auf die Tanzfläche. Vincent legte Melanies Hände auf seine Schultern und tanzte unverschämt eng mit ihr; ließ sie ein paar Pirouetten drehen und zog sie wieder nah an sich. Sie schaute ihm ins Gesicht und musste unwillkürlich lächeln. Seine Art war äußerst charmant. Plötzlich fiel ihr die Bemerkung ihrer Mutter wieder ein. Der Herzog von Guise hatte eine Ehefrau und ein Kind! Was machte sie dann bitte schön hier? Sie konnte doch nicht mit einem verheirateten Mann so eng tanzen! Sie ging augenblicklich auf Abstand.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“ Vincent schien verwirrt darüber zu sein, dass Melanie die Intimität abrupt beendete.
„Sie sind verheiratet“, sagte sie offen.
„Ist das ein Problem für Sie?“, fragte er verwundert.
„Für Sie etwa nicht?“, entgegnete Melanie leicht geschockt.
Nein, für Vincent war es definitiv kein Problem. Offen gestanden, war es sogar für seine eigene Ehefrau kein Problem, denn sie interessierte sich nicht im Geringsten dafür, was ihr Gatte so trieb und mit wem. Doch Vincent erkannte sofort, dass es für Melanie ganz eindeutig einen Unterschied darstellte.
„Überaus schade. Ich hatte Sie eigentlich für den kommenden Tanzwettbewerb zu meiner Partnerin auserkoren, aber wie es scheint, wird daraus leider nichts. Deswegen wird mein bester Freund für mich übernehmen“, sagte er und marschierte schnell los.
Melanie glaubte, sich verhört zu haben, aber da kam Vincent schon zurück und hatte seinen Kumpel im Schlepptau.
„Ihr beide werdet gleich zusammen tanzen. Ich muss einen Wettbewerb moderieren und die Teilnehmer beurteilen“, erklärte er.
Richard und Melanie sahen sich entgeistert an. Keiner von den beiden hatte mit dieser Entwicklung gerechnet.
„Mesdames et Messieurs!“ Vincent stand nun auf einem Podest und rief seinen Gästen zu. Die Menge verstummte und lauschte gebannt der Rede ihres Gastgebers. „Seit neun Jahren findet ein Mal jährlich der berühmte und berüchtigte Tanzwettbewerb in meinem Schloss statt. Und heute Abend ist es wieder so weit!“ Jubelschreie und Händeklatschen waren zu hören. „Es darf jeder mitmachen und vor allem: Macht es bitte miteinander. Seid nicht zu schüchtern. Enger Körperkontakt ist nicht nur gewünscht, er ist sogar erforderlich! Ich werde mir jedes Tanzpaar genau anschauen. Und am Ende gewinnt das Paar, das bis zum Schluss von mir nicht berührt wurde. Ich werde demnach rumgehen und die Pärchen rausfischen, die leider versagt haben. Gebt euer Bestes! Denn es gibt einen großartigen Preis! Der allseits geschätzte Konrad Njeschnij verleiht eine seiner Skulpturen!“
Die Gästeschar war sichtlich erstaunt über die Ankündigung und einige Damen kreischten, als sich der Künstler höchstpersönlich an der Seite des Gastgebers positionierte und der Menge zuwinkte. Den Preis hatte Monsieur Njeschnij auf einen Sockel neben sich gestellt. Es handelte sich um eine circa fünfzig Zentimeter große Skulptur, die einen nackten Mann beim Strecken zeigte. Melanies Kunstgeschmack entsprach es zwar eindeutig nicht, aber die übrigen Gäste johlten vor Begeisterung.
„Ich muss an dieser Stelle nicht betonen, wie überaus wertvoll dieses Kunstobjekt ist. Demnach lohnt es sich, zu gewinnen! Also, bitte begebt euch auf eure Plätze, der Wettbewerb beginnt in wenigen Augenblicken!“, verkündete Vincent.
Melanies Gedanken rasten. Was sollte sie jetzt bloß tun? Sie hatte Jane versprochen, sich von dem Herzog von Crussol fernzuhalten, und nun bat Vincent von Guise sie, ausgerechnet mit diesem Kerl zu tanzen. Zu Melanies Bedauern schien Richard dem nicht abgeneigt zu sein.
„Mögen Sie es, zu gewinnen?“, fragte Richard unangekündigt und schaute dabei auf das Podest, auf dem Vincent zusammen mit dem Künstler stand.
„Ich bin es nicht gewohnt, zu verlieren. Eine Erfahrung, die Ihnen seit Kurzem vertraut sein müsste“, antwortete Melanie und verpasste ihm damit einen Seitenhieb. Richard verzog bei der höhnischen Bemerkung nicht das Gesicht, sondern blieb gelassen.
„Tja, dann werden Sie heute diese Erfahrung ebenfalls machen“, sagte er und drehte sich zu Melanie um. Er nahm ihre linke Hand und legte die seine auf ihre Hüfte.
Im nächsten Moment erklang die Musik und die Teilnehmer setzten sich in Bewegung. Veronika tanzte unterdessen zusammen mit Henri und strahlte glücklich übers ganze Gesicht. Im nächsten Moment erklang ein Wiener Walzer und die Teilnehmer setzten sich in Bewegung. Melanie versuchte, ihren Tanzpartner nicht anzusehen, und spähte lieber zu den anderen Paaren hinüber, während Richard sie intensiv betrachtete und jeden um sich herum ignorierte. Melanie musste gestehen, dass seine Haltung beim Tanzen herausragend war, und er sie mühelos über das Parkett führte. Zur gleichen Zeit beförderte Vincent die ersten enttäuschten Paare von der Tanzfläche. Melanie und Richard funktionierten hingegen als Tanzpaar perfekt. Egal, wie viel Tempo und Schwung Richard auch gab, seine Tanzpartnerin hielt locker mit. Nun wagte Melanie es doch, einen kurzen Blick auf sein Gesicht zu werfen und bemerkte, dass er sie anlächelte. Er hatte die dunkelsten, braunen Augen und die längsten Wimpern, die sie je gesehen hatte. Gerade, als Melanie annahm, dass sie gute Chancen hatten zu gewinnen, wurde die Musik gewechselt. Die neue Melodie war exotisch und hatte einen langsameren Rhythmus als der Walzer. Sie schaute sich um und erkannte, dass die übrigen Paare nicht nur näher aneinander, sondern vor allem um einiges lasziver miteinander tanzten.
„Was ist jetzt los?“, wollte Melanie wissen.
„Der Tanzstil wurde soeben geändert. Kennen Sie die Rumba?“, fragte Richard.
„Nein, offen gesagt nicht“, gestand sie und sah ihren Tanzpartner hilfesuchend an.
„Dann haben wir unsere Grenze erreicht und werden verlieren“, schlussfolgerte Richard und war erfreut zu sehen, dass Melanie das missfiel. Eine Niederlage kam für sie nicht infrage. Und solange Vincent sie nicht aus dem Wettbewerb nahm, hatten sie noch eine Chance. Melanie beobachtete die anderen Paare und versuchte, sich deren Schritte einzuprägen. Zu ihrem Entsetzen war die Rumba unfassbar erotisch. Die Frauen umgarnten ihre Partner nicht nur mit dem Körper, sondern auch mit den Augen. Wie um alles in der Welt sollte Melanie mit einem Mann, den sie verabscheute, auf diese Weise tanzen? Sie biss die Zähne zusammen und atmete tief durch.
„Sie haben recht. Wir haben unsere Grenze erreicht. Wenn wir aber gewinnen wollen, dann müssen wir unsere Grenze überschreiten und die Komfortzone verlassen“, schlussfolgerte Melanie aufgeregt. Mit diesen Worten löste sie sich von ihrem Tanzpartner und ging langsam rückwärts.
„Ziehen Sie Ihr Jackett aus“, forderte sie ihn auf.
„Wie bitte?“, fragte Richard überrascht.
„Ziehen Sie Ihr Jackett aus“, wiederholte Melanie, beugte sich vor und zerriss ihr Kleid an der Seite von unten bis zum Oberschenkel, sodass ihr rechtes Bein frei zur Schau stand.
Richard fiel die Kinnlade runter. Die Sache nahm an Fahrt auf. Er zog sein Jackett aus und ließ es zu Boden fallen. Melanie fixierte ihn mit ihren Augen, drehte sich vorwärts und blieb direkt vor ihm stehen. Dann glitt sie langsam nach unten und behielt ihn die ganze Zeit im Blick. Sie hockte auf dem Boden, drehte sich geschickt um hundertachtzig Grad, nahm seine Hände in die ihren und während sie wieder verführerisch hochkam, wackelte sie lasziv mit ihrem Hintern und kreuzte seine Arme vor ihrem Körper. Richard kreiste seine Hüfte im gleichen Takt wie sie und streichelte mit seinen Händen über ihren Bauch. Melanie drehte sich wieder mit dem Gesicht zu ihm und ihre Nasenspitzen berührten sich fast. Dann sprang sie plötzlich auf ihn, sodass er sie an den Beinen festhalten musste, und sagte: „Lassen Sie mich langsam nach hinten fallen.“
Richard verstand sofort, was sie meinte. Er beugte sich nach vorne und Melanies Oberkörper verlagerte sich nach hinten. Dabei streckte sie ihr nacktes Bein aus und er strich mit seiner Hand vom Oberschenkel bis zur Wade.
„Na, wer sagts denn? Sie sind ein Naturtalent“, witzelte Melanie, als sie wieder gemeinsam hochkamen, und legte ihre Hand auf sein Gesicht. Richard lächelte verschmitzt und dachte, dass sie nicht die leiseste Vorstellung davon hatte, was sie gleich erwartete.
„Tja, Sie hatten Ihren Spaß. Jetzt bin ich dran“, entgegnete er und schaute sie geheimnisvoll an. Er drehte sich gemeinsam mit ihr um die eigene Achse und beförderte sie mit einem Schwung auf den Boden. Melanie glitt über das Parkett und sah ihn völlig überrumpelt an. Was sollte das? Im nächsten Augenblick wechselte wieder die Musik. Dieses Mal war die Gitarre deutlich im Vordergrund und die Gäste klatschten im Takt. Melanie schaute gespannt zu, was Richard als Nächstes vorhatte. Er stellte sich aufrecht vor ihr hin, nahm seine beiden Arme in einem hohen Bogen nach oben über den Kopf, und legte die Handflächen flach hintereinander. Dann bewegte er die Arme voller Spannung an den Seiten nach unten, ging im Kreis um Melanie herum und präsentiere sie wie einen Stier in der Arena. Genau in diesem Moment erkannte sie den Tanzstil: Es handelte sich um den Paso Doble. Ein spanischer Tanz, kraftvoll und vor allem anspruchsvoll für den Mann; denn er hatte die dominantere Rolle. Richard nahm ihre Hand und riss sie wieder hoch. Gemeinsam tanzten sie wie ein Torero, der sein rotes Tuch um sich schwang. Melanie machte eine elegante Drehung, blieb stehen und forderte Richard mit einer Handbewegung dazu auf, ein Solo zu tanzen. Und das tat er nur zu gern. Die anderen Gäste klatschten vor Begeisterung und mittlerweile standen Richard und Melanie allein auf der Tanzfläche. Die restlichen Paare hatten freiwillig mit dem Tanzen aufgehört, um dem Spektakel beizuwohnen. Richard sprang hoch in die Luft, drehte sich um hundertachtzig Grad und landete mit voller Körperbeherrschung auf dem rechten Knie, während er das linke Bein nach hinten auf dem Boden ausstreckte.
„Wahnsinn!“, dachte sich Melanie.
Dazu war extrem viel Kraft in den Beinen erforderlich, um diese Bewegung mühelos hinzubekommen. Richard kam wieder zu ihr, nahm sie hoch auf seine Arme und drehte sie ausgestreckt vor seinem Oberkörper. Melanie streckte ihren rechten Arm und das linke Bein aus, und die Menge jubelte. Als Nächstes kniete Richard sich hin, legte sie flach auf den Boden und drehte sie, sodass sie über das Parkett rollte. Als sie schließlich auf dem Rücken lag, sprang er auf sie und riss sie mit einer Hand am Oberkörper nach oben, sodass ihre Gesichter sich fast berührten. Melanie sah ihn wie hypnotisiert an und war zu ihrer Überraschung erregt.
„Und wir haben unseren Tanzkönig! Zusammen mit seiner wunderschönen Tanzkönigin!“, sprach Vincent laut aus.
Die Zuschauer klatschten in die Hände und riefen: „Bravo!“
Erst jetzt bemerkten die beiden Finalisten, dass sie allein auf der Tanzfläche waren. Sie standen auf und strahlten sich gegenseitig an.
„In Ordnung, Sie Matador! Sie haben den Stier getötet. Ich bin sowas von tot!“, gab Melanie zu.
Richard war ein ausgezeichneter Tänzer, der sich sogar in lateinamerikanischen Tänzen wie die Rumba auskannte, und Melanie war von seiner Darbietung beim Paso Doble mehr als beeindruckt. Er hatte es geschafft, ihr Interesse an ihm zu wecken.
Richard lachte ausgelassen. Es hatte ihm Freude bereitet, mit Melanie zu tanzen – darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Sie applaudierte ihm und machte Anstalten, zurück an den Rand der Tanzfläche zu gehen, wo ihre Schwester zusammen mit Henri auf sie wartete. Doch Richard wollte nicht, dass sie ging. Deswegen nahm er sie an den Händen und zog sie wieder zu sich.
„Ich finde, Sie sehen noch recht lebendig aus, deshalb lassen Sie uns weitertanzen“, forderte er sie auf.
Melanie schaute verwundert zu ihm, war aber nicht abgeneigt. Es erklang wieder die Musik und die Gäste strömten zurück auf die Tanzfläche. Jeder tanzte, wie er Lust hatte, und so mancher outete sich als wahrer Bewegungsakrobat. Richard wirbelte um Melanie herum und umgarnte sie wie eine gefräßige Spinne ihr zappelndes Opfer. Er angelte sich aus einer der herumstehenden Vasen eine Rose und nahm sie zwischen die Zähne. Dann zog er Melanie fest an sich, hob seinen Kopf und überquerte zusammen mit ihr die Tanzfläche wie bei einem Tango. Melanie fand das urkomisch und lachte laut.
„Hören Sie auf! Ich kriege schon Bauchschmerzen vor Lachen!“, flehte sie ihn an.
Daraufhin blieb Richard stehen, blickte ihr tief in die grünen Katzenaugen, strich mit einer Hand über ihren Oberkörper, am Hals entlang und hielt schließlich ihr Gesicht. Er wollte auf der Stelle ihre Lippen mit den seinen berühren, aber sie wich ihm geschickt aus und drehte sich kichernd von ihm weg.
„Bleib stehen!“, befahl Richard ihr in seinen Gedanken.
„Wollen wir etwas trinken? Ich verdurste“, fragte Melanie und lächelte vergnügt.
„Ja, lassen Sie uns was trinken“, gab Richard nach. Er würde sie heute Abend schon rumkriegen, deswegen gab es keinen Grund zur Eile. Er nahm sie bei der Hand und gemeinsam schlängelten sie sich durch die Menge zu der Bar. Er bestellte zwei Gläser Whisky und übergab Melanie eines davon.
Sie trank einen ordentlichen Schluck und fragte dann: „Wollen Sie mich betrunken machen, Monsieur von Crussol?“
„Nennen Sie mich Richard“, forderte er sie plötzlich auf. Und schon wieder hatte er sie überrascht. Jemanden mit dem Vornamen anzusprechen, zeugte davon, dass man sich nahestand.
„In Ordnung. Ich heiße Melanie“, gab sie freundlich zurück.
Richard lächelte. Er musste sie nur gefügiger machen und da war Alkohol ein gutes Hilfsmittel.
„Ich dachte gerade, Richard, dass wir sicherlich gute Freunde geworden wären, wenn ich als Mann auf die Welt gekommen wäre. Denn im Grunde genommen verstehen wir uns blendend!“
Richard schenkte ihr ein breites Lächeln. „Können wir denn jetzt keine Freunde sein?“, wollte er wissen.
„Ich dachte, du kannst Frauen nicht ausstehen, die Männern die Stirn bieten?“, bemerkte Melanie spöttisch.
„In deinem Fall mache ich eine Ausnahme“, gab er offen zu und sah sie gierig an. Der hohe Beinschlitz an ihrem Kleid zog seinen Blick magnetisch an. Und mit einem Mal änderten sich seine Rachepläne. Er hatte kein Bedürfnis mehr nach Vergeltung wegen der unfairen Niederlage im Duell. Stattdessen wollte er auf der Stelle Melanies Beine berühren, bis seine Hitze mit ihrem Körper verschmolz.
„Wie komme ich zu dieser Ehre? Das letzte Mal hast du mich noch als ein verzogenes und vorlautes Gör bezeichnet“, warf sie ihm vor.
Richard schaute verlegen zu Boden und antwortete: „Wir hatten keinen leichten Start.“
„Nein, definitiv nicht, aber er bleibt unvergesslich“, sagte Melanie und zeigte auf ihren linken Unterarm. „Ich werde ein Leben lang mit einer Narbe daran erinnert werden.“
Und wieder Mal bekam Richard ein schlechtes Gewissen. „Können wir trotzdem Freunde sein?“, fragte er erneut und kam Melanie dabei viel näher, als sie es ertragen konnte. Ihr wurde plötzlich heiß und ihr Herz schlug schneller. Er durchbohrte sie mit seinem Blick und berührte ihre Hand.
„Warum habe ich das dringende Gefühl, dass du mit Freundschaft etwas ganz anderes meinst als das, was ich darunter verstehe?“, stellte Melanie fest und schaute ihn forschend an.
„Weil es genauso ist“, bestätigte Richard. Er nahm sie an der Taille und näherte sich ihrem Gesicht. Sie hatte unglaublich schöne, grüne Augen und auf ihrer Nase und ihren Wangen waren vereinzelt Sommersprossen. Und wie sie roch. Richard wollte ihren Duft an seinem Körper tragen. Er musste sie küssen, sofort. Doch plötzlich wurde sie ihm aus den Armen gerissen und beiseite gezerrt.
„Bist du verrückt geworden?!“, fauchte Veronika ihre ahnungslose Schwester an. „Er hätte dich beinahe geküsst!“ Sie drehte sich schnell in Richards Richtung um und sagte: „Wir müssen jetzt gehen.“
Er wollte soeben dagegen protestieren, da bugsierte Veronika ihre verdatterte Schwester durch den Ballsaal nach draußen. Dort stiegen sie eilends in die Kutsche und fuhren augenblicklich davon.
„Das hast du super hinbekommen, Richard! Jetzt sind die beiden fort!“, beklagte sich Henri bei seinem Freund. „Konntest du dich nicht beherrschen? Was ist bloß los mit dir?“ Henri war außer sich. Er hatte vorgehabt, Veronika heute Abend zu verführen und nun war die Chance dafür vertan.
Richard stand sichtlich enttäuscht da. Er hatte Melanie beinahe soweit gehabt. Und jetzt war sie weg. Da kam Vincent zu ihnen und überreichte dem Tanzkönig seine Siegestrophäe: „Bitte schön, die gehört jetzt dir.“
„Oh, da war ja was!“, erinnerte sich Richard wieder und grinste. Der Tanzwettbewerb war für ihn völlig nebensächlich geworden.
Vincent und Henri sahen wortlos ihren Freund an, der bei bester Laune die Skulptur in den Händen drehte und dabei übers ganze Gesicht strahlte.
„Was ist?“, fragte er irritiert, als er bemerkte, wie seine Kumpels ihn anstarrten.
„Ich habe dich nie zuvor so glücklich gesehen“, antwortete Henri perplex. Vincent nickte zustimmend. Das letzte Mal, als er ihn annähernd so fröhlich gesehen hatte, war bereits viele Jahre her. Womöglich war es ihm gelungen, eine Person zu finden, die Richard wieder zum Lächeln brachte.
Währenddessen hörte sich die Gerettete eine lautstarke und nicht enden wollende Predigt ihrer Schwester an.
„Wenn er dich geküsst hätte und das in aller Öffentlichkeit, dann wäre dein guter Ruf dahin gewesen! Man hätte dich als leichtes Mädchen abgestempelt! Jane und ich wären ebenfalls ruiniert worden! Wieso hast du überhaupt mit dem Herzog von Crussol getanzt? Du solltest ihm doch aus dem Weg gehen! Hätte ich dich bloß nicht auf diese Feier mitgenommen!“, regte Veronika sich auf.
„Ich verstehe selbst nicht, wie es so weit kommen konnte!“, versuchte Melanie sich zu rechtfertigen. „Richard und ich, wir sprachen über Freundschaft und er fragte mich, ob wir Freunde sein wollen.“
„Du hast doch nicht etwa ja gesagt?!“ Veronikas Stimme überschlug sich fast.
„Ich hatte noch gar nichts geantwortet, da hast du mich schon von ihm weggezogen! Abgesehen davon: Wieso ist es so schlimm, mit einem Mann befreundet zu sein?“, verteidigte sich Melanie.
Veronika warf sich stöhnend nach hinten und vergrub ihr Gesicht in den Händen, setzte sich dann wieder aufrecht hin und sah ihre kleine Schwester ernst an.
„Melanie, wenn ein Mann dich fragt, ob du seine Freundin sein möchtest, dann meint er damit, dass du seine Mätresse werden sollst! Verstehst du das? Melanie, sprich mir nach: Ich bin kein gottverdammter Betthüpfer!“, forderte die große Schwester sie auf.
Melanie schaute irritiert: „Ich weiß zwar nicht, was daran so schlimm sein soll, auf dem Bett herumzuhüpfen, aber ja: Ich bin kein gottverdammter Betthüpfer!“
Veronika verlor beinahe die Beherrschung und holte tief Luft. „Ein Betthüpfer ist eine Hure! Bist du eine Hure?“, stellte Veronika klar.
„Nein! Auf gar keinen Fall!“, rief Melanie laut aus und da begriff sie endlich, was ihre Schwester meinte. Sie war nicht die Sorte Frau, die ihren Körper für Geld verkaufte. Warum unterbreitete Richard ihr dann den Vorschlag, seine Mätresse zu werden, und erniedrigte sie damit? Tief in ihrem Herzen hoffte sie, dass es kein Rachezug von ihm war, weil sie ihn beim Fechtduell besiegt hatte. Denn an dem heutigen Abend hatte sie Gefühle für Richard entwickelt, die sie nie zuvor für einen Mann empfunden hatte. Melanie nahm sich vor, ihn bei ihrem nächsten Wiedersehen zur Rede zu stellen. Bis dahin musste Veronika ihr versprechen, davon nichts ihrer Mutter oder Jane zu erzählen.
Kapitel 14 Die Geliebte
18. Mai 1875
Drei Tage waren bereits vergangen seit dem prächtigen Ball im kaiserlichen Palast und der großen Sause im Schloss vom Herzog von Guise. Drei ganze Nächte waren verstrichen, in denen Melanie immerzu nur einen Gedanken gehabt hatte – Richard. Sie polierte gerade ihren goldenen Pokal vom Pferderennen, als sein Gesicht wieder vor ihrem geistigen Auge erschien. Die Erinnerung an ihn verursachte bei ihr Bauchkribbeln und sie vermisste seine tiefe Stimme. Sie musste dringend mit ihm sprechen. Ihre letzte gemeinsame Unterhaltung hatte zu vorschnell geendet und es war eine wichtige Frage offengeblieben. Wollte er sie tatsächlich nur als seine Mätresse haben? Melanie nahm sich vor, es so schnell wie möglich herauszufinden, sonst würde sie keinen ruhigen Schlaf mehr kennen. Sie überredete ihre Mutter und ihre Schwestern zu einem Picknick am See. Johanna von Bouget hielt den Ausflug für eine gute Gelegenheit, ihre Nachbarin Madame von Semur wiederzusehen und lud sie ein. Und so saßen die sechs Frauen auf einer großen Decke, genossen den herrlichen Ausblick auf den See und aßen leckere Erdbeertörtchen. Melanie schaute sich um, aber weit und breit keine Spur von Richard oder seinen Freunden. Eigentlich hatte sie gehofft, ihm hier wieder zu begegnen. Madame von Bouget erzählte ihrer Nachbarin überschwänglich von dem gelungenen Abend im Palast des Kaisers und dass sie unzählige Kontakte zu den anderen Adelshäusern geknüpft habe. Melanie sei die große Ehre zuteilgeworden, den Tanzabend mit dem Kaiser persönlich zu eröffnen, und all ihre Töchter seien bei den Herren heißbegehrt. Seitdem bekämen Jane und Veronika bei sich zu Hause unaufhörlich Besuch von gutaussehenden Männern aus vornehmen Familien, die um ihre Gunst warben.
„Wäre da nur nicht Melanie, die während der Besuchszeit andauernd an ihrem Klavier sitzt und ständig dieselben Melodien in die Tasten hämmert“, beschwerte Veronika sich. „Es gibt auch andere Lieder als nur ‚It's a dream‘. Oder erinnert das Stück dich an eine bestimmte Person?“
Melanie warf ihrer Schwester einen warnenden Blick zu. Veronika sollte aufpassen, was sie sagte, sonst würde sie sich vor ihrer Mutter verplappern. Ja, es stimmte, sie spielte immer wieder die gleichen Melodien, zu denen sie am Abend von vor drei Tagen zusammen mit Richard getanzt hatte. Die Musik erinnerte sie an jede Einzelheit und Melanie hielt sie damit am Leben.
„Wie sehr ich mich für Sie freue“, sagte Monika sichtlich beeindruckt. „Bald werden Sie zwei Hübschen Heiratsanträge erhalten. Aber seien Sie nicht zu voreilig mit Ihrer Einwilligung. Picken Sie sich nur den besten Kandidaten für sich heraus.“
„Bitte mache Sie sich da keine Sorgen, Monika. In der Hinsicht beweisen meine Töchter einen erlesenen Geschmack“, versicherte Johanna von Bouget und trank ihren Schwarztee.
Die Baronin von Semur hingegen schaute ernst und sagte kein Wort. Zuerst ging Melanie davon aus, dass die alte Dame womöglich neidisch auf den Erfolg ihrer Familie war, bis sie ihnen das Ungeheuerliche mitteilte: „Madame von Bouget, wissen Sie bereits, was sich die Leute in der Stadt erzählen?“
Die Mutter überlegte kurz und verneinte die Frage.
„Ich möchte Sie vorwarnen, denn es wird gemunkelt, dass der Herzog von Crussol eine Liaison mit Ihrer Tochter Melanie habe“, offenbarte sie.
Die Nachricht schlug ein wie eine Kanonenkugel. Die Törtchen und der Tee waren ab sofort Nebensache. Alle Augen waren jetzt auf Melanie gerichtet, die wiederum wie vom Donner gerührt dasaß.
„Wie bitte? Aber wie kommen die Leute darauf? Melanie, ist an diesem üblen Gerede etwas dran?“, drängte Johanna ihre Tochter zu einer Antwort.
„Nein, ich habe keine Liaison mit dem Herzog von Crussol“, wehrte Melanie die Vorwürfe vehement ab.
„Zumindest ist dies das heißeste Gerücht, das momentan im Umlauf ist. Und es wird hartnäckig weiterverbreitet“, erklärte Madame von Semur.
„Aber warum sollte jemand das behaupten, wenn es doch nicht stimmt?“, schaltete Jane sich ein.
„Vielleicht, weil jemand Ihrer Schwester schaden möchte. Dafür kann es viele Gründe geben, denn Melanie ist zurzeit der hellste Stern am Himmel. Oder dieses Gerücht stimmt doch, weil jemand etwas gesehen hat, was keiner sehen durfte“, deutete die alte Dame an und zwinkerte Melanie vielsagend zu.
Jane drehte sich schnell zu ihrer Schwester um und fragte sie eindringlich: „Sag uns sofort die Wahrheit. Was ist an dem Abend vorgefallen, als du zusammen mit Veronika im Schloss des Herzogs von Guise warst?“
Veronika und Melanie tauschten schnell Blicke aus und überlegten, was sie sagen sollten.
„Nichts Besonderes. Wir haben nur getanzt“, spielte Melanie die Situation herunter.
„Ja, genau, es blieb alles beim Tanzen“, bestätigte Veronika leicht verunsichert.
„Wen meinst du mit wir? Mit wem hast du getanzt?“, hakte Jane nach.
„Verdammt“, dachte Melanie. Ihre älteste Schwester nahm sie ins Kreuzverhör.
„In Ordnung: Ja, der Herzog von Crussol und ich haben bei einem Tanzwettbewerb mitgemacht und am Ende gewonnen, aber das war’s auch. Mehr ist da nicht passiert“, beteuerte Melanie ihre Unschuld.
„Ein Tanzwettbewerb im Schloss des Herzogs von Guise?“, fragte Madame von Semur ungläubig. „Ich kenne diese Veranstaltungen, da geht es heiß her. Die Paare müssen unter anderem lateinamerikanische Tänze vorführen und die sind bekanntlich außerordentlich erotisch. Sie und der junge Herzog haben sicherlich alles gegeben, um zu gewinnen“, bemerkte die Baronin und wackelte mit den Augenbrauen.
„Melanie, hast du etwa mit Monsieur von Crussol unzüchtig getanzt? Vor allen Anwesenden?“, fragte die Mutter fassungslos.
Statt zu antworten, schaute Melanie zur Seite und atmete geräuschvoll aus. Großartig. Durch ihre eigene Dummheit hatte sie das Feuer in der Gerüchteküche entfacht und jetzt dachte die ganze Stadt, dass sie Richards Geliebte wäre.
„Du hattest mir versprochen, dich von ihm fernzuhalten!“, sagte Jane vorwurfsvoll.
Ja, das stimmte. Hätte sie bloß auf ihre große Schwester gehört, dann wäre sie jetzt nicht das Klatschthema Nummer eins. Trotzdem gefiel ihr Janes Gesichtsausdruck nicht. Sie schaute Melanie giftig an, als hätte ihr ihre jüngste Schwester etwas Wertvolles vor der Nase weggeschnappt.
Zur gleichen Zeit auf der anderen Seite der Stadt übte das berüchtigte Trio das Fechten auf einer großen Wiese. Vincent versetzte Richard ein paar heftige Hiebe, als Henri sich verbal einmischte. „Richard, hast du schon die neuesten Gerüchte gehört?“
„Seit wann interessieren mich Gerüchte?“, antwortete Richard barsch und parierte gleichzeitig einen Gegenschlag.
„Dieses Gerücht sollte dich interessieren, denn es betrifft dich. Es heißt, du hättest eine Affäre mit Melanie von Bouget“, berichtete Henri, doch Richard ignorierte ihn.
„Stimmt dieses Gerücht?“, wollte Henri es genau wissen und grinste dabei, bekam aber keine Antwort. Erst als Richard und Vincent ihre Fechtpartie beendet hatten, stellte Henri seine Frage erneut. „Los, raus mit der Sprache. Hat deine Flirtoffensive beim letzten Tanzabend Früchte getragen? Und du kannst jetzt regelmäßig an der köstlichen Erdbeere namens Melanie von Bouget knabbern?“
„Ich muss jetzt gehen. Habe noch etwas zu erledigen“, gab Richard zur Kenntnis und marschierte ohne ein weiteres Wort zu seinem Pferd. Sein Kumpel schaute ihm irritiert hinterher und warf dann einen fragenden Blick zu Vincent, der gerade aus seiner Flasche Wasser trank.
„Unser Freund wäre jetzt mit Sicherheit besser gelaunt, wenn dieses Gerücht stimmen würde“, antwortete Vincent.
Nun verstand Henri die Lage. An diesem Gerede war kein Fünkchen Wahrheit dran und genau das ärgerte Richard am meisten. Denn insgeheim wünschte er sich eine leidenschaftliche Affäre mit Melanie von Bouget.
Kapitel 15 Die Verlobte
22. Mai 1875
An einem verregneten, grauen Tag flatterte ein Brief in das Haus der Familie von Bouget. Der Absender war die Gräfin Angelique D'Argies. Sie lud den Baron und seine Familie zu einem gemeinsamen Dinner bei sich in ihrem Schloss ein. Johanna von Bouget freute sich außerordentlich über die Einladung. Endlich waren sie in den engsten Kreisen der feinen Gesellschaft angekommen. Das Abendessen fand gleich am nächsten Tag um achtzehn Uhr statt.
Als Thomas von Bouget zusammen mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern im Schloss der Gräfin D'Argies ankam, führte der Butler sie in den Salon. Dort stellten sie überrascht fest, dass sie nicht die einzigen geladenen Gäste waren. Die Gastgeberin bemerkte die Neuankömmlinge und schritt auf sie zu. Angelique D’Argies war eine bemerkenswerte Erscheinung. Für ihr fortgeschrittenes Alter wirkte sie recht jung und frisch. Es war nicht zu übersehen, dass die Gräfin viel Wert auf ihr Äußeres legte. Sobald sie einen Spiegel erhaschte, überprüfte sie sofort ihre Frisur und den Faltenwurf ihres perfekt sitzenden Kleides.
„Herzlich willkommen, Monsieur von Bouget! Ich bin schon ganz gespannt darauf, Sie und Ihre liebreizende Familie besser kennenzulernen“, sagte Angelique D'Argies mit einer honigweichen Stimme.
„Darf ich Ihnen zunächst meinen Bruder, den Grafen Gustav D'Argies, vorstellen?“
„Ich bin hocherfreut“, entgegnete Thomas und lächelte dem alten Mann zu. Gustav D’Argies pflegte sein Äußeres genauso gewissenhaft wie seine Schwester, und er trug sogar etwas Rouge auf seinen Wangen.
„Direkt daneben steht der Graf Philip von Bellagarde zusammen mit seiner Ehefrau Emanuella und ihrem gemeinsamen Sohn George. Sie bleiben ebenfalls zum Dinner“, erklärte die Gastgeberin.
Melanie dachte angestrengt nach. Woher kannte sie noch mal den Nachnamen Bellagarde? Er kam ihr so unglaublich bekannt vor, doch es fiel ihr auf Anhieb nicht ein. Sie bemerkte, dass Veronika und Jane sich gegenseitig mit großen Augen ansahen und verschwörerische Blicke tauschten.
„Meine lieben Gäste, bevor wir gemeinsam dinieren, will ich Sie auf einen kleinen Rundgang durch unsere Galerie mitnehmen. Bitte folgen Sie mir“, sagte die Gräfin D'Argies und stolzierte voraus in den großen, länglichen Saal, der nur für Kunstwerke vorgesehen war. Es stellte sich heraus, dass die Gräfin eine große Bewunderin des Künstlers Konrad Njeschnij war, denn sie beherbergte unzählige Gemälde und Skulpturen von ihm.
Plötzlich fiel Melanie wieder ein, dass sie ebenfalls eine Skulptur dieses berühmten Künstlers gewonnen hatte. Was war bloß daraus geworden, nachdem sie und Veronika den Tanzabend bei Vincent von Guise Hals über Kopf verlassen hatten? Vielleicht hatte Richard den Preis mitgenommen? Melanie lächelte leicht. Sie hatte jetzt einen weiteren Grund, um so bald wie möglich mit ihm zu sprechen. Sie schlenderte durch die Galerie und bemerkte im Vorbeigehen, wie Jane sich mit George von Bellagarde unterhielt und ihm schöne Augen machte. Melanie schmunzelte. Der Grafensohn war ein sehr hübscher, junger Mann und anscheinend ein guter Fang. Demnach war es nicht verwunderlich, dass ihre Schwester an ihm interessiert war. Sie erreichte den Ausgang, der von der Galerie nach draußen führte, und stellte sich auf die Terrasse. Melanie betrachtete den Garten, der im japanischen Stil angelegt war. Ein Bach schlängelte sich durch die Parkanlage und an einer Stelle befand sich ein Shishi odoshi. Ursprünglich diente dieses Wasserspiel als Scheuche, damit die wertvollen Koi-Fische nicht von irgendwelchen Vögeln oder Wildkatzen gefressen wurden. Es erfüllte die Umgebung mit einem rhythmischen und beruhigenden Klang, wenn sich Wasser beim Ausgießen und Zurückschlagen des Bambusrohres über die abgerundeten schwarzen Steine ergoss. Melanie lauschte dem Wasserspiel, ließ ihren Blick über die Kirschbäume schweifen und entdeckte zwei Personen. Die unbekannte, junge Dame war vermutlich in Janes Alter. Sie hielt eine weiße Lilie in ihren zarten Händen und unterhielt sich mit einem Mann. Er stand mit dem Rücken zu Melanie, sodass sie sein Gesicht zunächst nicht erkennen konnte. Aber sie war ohnehin von dem Antlitz der jungen Frau fasziniert und beachtete die zweite Person zunächst gar nicht. Die bildschöne Blondine trug ihre langen glatten Haare offen und sie hatte einen schlanken Hals. Ihr schulterfreies Kleid war aus fließendem, cremefarbenem Stoff und umschmeichelte ihre traumhaft schöne Figur. Melanie hatte das Gefühl, einen Schwan zu erblicken. Im nächsten Augenblick drehte sich der Mann um und Melanie erkannte sein Gesicht. Sie hielt den Atem an. Es war kein Geringerer als Richard von Crussol. Die unbekannte Schönheit legte ihre Hand auf seinen Arm und gemeinsam schwebten sie dahin. Die beiden sahen aus wie zwei zum Leben erwachte Skulpturen aus der Antike: makellos schön, großgewachsen, mit erhabener Ausstrahlung und unendlich elegant. Melanies Herzschlag beschleunigte sich und sie wurde nervös. Wer war diese Frau? Und in welcher Beziehung stand diese Göttin in persona zu Richard?
Melanie war dermaßen in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nicht mitbekam, wie sich das glamouröse Paar dem Eingang der Galerie näherte. Die beiden gingen die Treppe hoch zu der Terrasse und blieben vor dem Eingang stehen, wo Mademoiselle von Bouget auf sie wartete. Melanie sah der Unbekannten direkt ins Gesicht, das an Schönheit nicht zu übertreffen war. Ihre Augen waren eisblau und von langen Wimpern umrahmt. Die Nase war zierlich und klein und das Gesicht ebenmäßig und symmetrisch. Ihre Lippen hatten die Form eines Herzens. Sie war einfach ein wahrgewordener Männertraum. Neben ihr stand Richard, der bei Melanies Anblick zu Eis erstarrte.
„Warum ist sie hier?“, schoss es ihm durch den Kopf. Nie im Leben hätte er mit ihrem Erscheinen gerechnet. Er starrte sie fassungslos an und brachte kein Wort heraus.
„Guten Abend, Mademoiselle. Ich heiße Elisabeth D'Argies. Darf ich Ihren Namen erfahren?“, fragte die Göttin.
„Melanie von Bouget. Sehr erfreut, Mademoiselle D’Argies“, antwortete sie mechanisch und schaute Elisabeth und Richard abwechselnd an. Sie betete dafür, dass die beiden miteinander verwandt waren.
„Willkommen. Meine Mutter hat Ihre Familie zu uns zum Dinner eingeladen. Sie schauen unentwegt meinen Verlobten an. Kennt ihr euch etwa?“, wollte Elisabeth wissen und sah Richard forschend an.
Verlobter?! Melanie nahm ihre gesamte Willenskraft zusammen, um nicht sofort wutentbrannt davonzulaufen. Sie schluckte ihren Ärger hinunter und bewahrte Haltung.
„Nein, da irren Sie sich. Wir sehen uns heute zum ersten Mal. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, meine Schwester hat bereits vor fünf Minuten nach mir gerufen.“ Damit drehte sich Melanie um und ging erhobenen Hauptes zurück zu den anderen. Sie verstand jetzt, warum die Gräfin Angelique D'Argies sie alle heute hier versammelt hatte. Diese alte Füchsin wollte herausfinden, ob das Gerücht über den Verlobten ihrer Tochter stimmte. Und Elisabeth steckte vermutlich in dieser Sache mit drin. Melanie war bereits auf das gemeinsame Essen gespannt, bei dem die strahlende Verlobte des Herzogs von Crussol auf seine angebliche Geliebte treffen würde. Es würde sie nicht wundern, wenn am Ende des Abends Messer durch die Luft flögen. Melanie gesellte sich zu ihren Schwestern, die gerade ein Gemälde von einer Jagdgesellschaft betrachteten.
„Der Herzog von Crussol ist verlobt“, wisperte Melanie aufgebracht und ihre beiden Schwestern sahen sie mit großen Augen an.
„Verlobt?“, wiederholte Veronika ungläubig.
„Ja, mit Elisabeth D'Argies, der Tochter der Gräfin“, erzählte Melanie weiter und presste ihre Lippen zusammen. Sie wies unauffällig in Richtung Ausgang. Jane und Veronika folgten ihrem Blick. Alle drei sahen zu Richard und Elisabeth hinüber, die sich dem Baron und der Baronin von Bouget vorstellten.
„Träume ich oder ist diese Frau da vorne echt?“, fragte Jakob und gaffte Elisabeth D'Argies an. Er hatte sich ebenfalls zu seinen Schwestern dazugesellt. Melanie strafte ihn mit einem genervten Blick.
„Nun, da habt ihr den Beweis. Ich habe definitiv keine Liaison mit dem Herzog von Crussol“, sagte sie bissig und drehte sich um. Lieber betrachtete sie die Kunstwerke, als weiterhin den Anblick dieser Göttin zu ertragen.
„Eigentlich beweist es nur, dass Richard gerne mit zwei Frauen gleichzeitig verkehrt“, berichtigte Jane ihre jüngste Schwester und schaute auf das blendend schöne Paar.
„Respekt“, kommentierte Jakob und nickte langsam.
„Hört auf damit! Wisst ihr, wie Melanie sich jetzt fühlen muss?“, sagte Veronika vorwurfsvoll.
„Wie eine dumme Gans?“, antwortete Jane hochnäsig. Melanie schaute finster und schloss die Augen.
„Jane, hab’ doch etwas Mitgefühl.“ Veronika war entsetzt.
„Sie hat aber recht“, mischte Jakob sich ein. „Dem Herzog können Fremdgeh-Gerüchte nichts anhaben: Er ist ein Mann. So etwas wird in der Öffentlichkeit schnell verziehen. Melanie dagegen könnte durch diese Sache dauerhaften Schaden davontragen.“
„Wer nicht hören will, muss leiden“, entgegnete Jane streng.
Melanie drehte sich zu ihrer großen Schwester um und sah ihr direkt in die Augen. „Ja, da hast du vollkommen recht“, sagte sie und entfernte sich mit schnellen Schritten. Sie ging an der Wand entlang und all die kostbaren Gemälde interessierten sie gar nicht mehr. Sie dachte die ganze Zeit darüber nach, wie naiv sie sich von Richard hatte täuschen lassen.
„Wollen wir Freunde sein?“, hatte er sie vor einer Woche gefragt. Eine Freundschaft zwischen ihnen war undenkbar! Melanie war so in ihren Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkte, wie ein gutaussehender, junger Mann ihr nachschaute. Es war George ein Rätsel, weshalb sie ihm keinerlei Beachtung schenkte, wie er es sonst von anderen Damen gewohnt war. Und das ärgerte ihn.
Kapitel 16 Der Pianist
22. Mai 1875
Angelique D’Argies führte ihre Gäste zum langen Esstisch und nahm am Kopfende Platz. Auf der rechten Seite der Tafel saßen Thomas von Bouget, Emanuella von Bellagarde, Jakob, Melanie und Veronika. Und auf der linken Seite ließen sich Philip von Bellagarde, Johanna von Bouget, Richard, Elisabeth, George und Jane nieder. Am anderen Kopfende des Esstisches hatte Graf Gustav D'Argies den Sitzplatz für sich beansprucht. Melanie und Elisabeth saßen sich direkt gegenüber und musterten sich gegenseitig. Der erste Gang wurde serviert: leichte Gemüsecremesuppe.
„Erzählen Sie uns bitte, Mademoiselle Melanie: Wie haben Sie den Mut aufgebracht, bei dem kaiserlichen Pferderennen anzutreten?“, bat Elisabeth und wirkte dabei äußerst interessiert.
„Um ehrlich zu sein, hatte ich keinen Schimmer, was mich erwartete. Das hohe Risiko, das ich dabei eingegangen war, wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Ich habe mich in dem Moment nur auf das Rennen konzentriert und alles andere ausgeblendet“, erklärte Melanie und bemerkte, dass Richard ihr aufmerksam zuhörte.
„Ist das Ihre übliche Vorgehensweise? Sich in Situationen zu stürzen, ohne sich vorher Gedanken über die Konsequenzen zu machen?“, fragte die Verlobte weiter.
„Ja, absolut. Eine Tatsache, die ich in Zukunft ändern werde“, antwortete Melanie und dachte dabei nicht nur an das Rennen, sondern auch an das Fechtduell und den Tanzwettbewerb.
„Na, so würde ich das nicht sehen, Mademoiselle von Bouget“, mischte sich Gustav D'Argies in die Unterhaltung der beiden Damen ein. „Ihr Vorteil liegt darin, dass Sie als junge Frau von Ihrem Gegner unterschätzt werden und dabei haben Sie eine Menge auf dem Kasten, will ich meinen. Sie sind sich Ihrer eigenen Stärken dagegen bewusst und das strahlen Sie selbstbewusst aus. Sobald Sie Ihr Talent unter Beweis gestellt haben, erkennen es andere Menschen um Sie herum ebenfalls und bewundern Sie dafür.“
„Trotzdem sollte eine junge Dame nicht gleich bei einem Rennen teilnehmen, um der ganzen Welt zu beweisen, dass sie Stärke besitzt. Es kommt auf ihre Haltung und ihre Manieren an“, merkte Angelique D'Argies an und sah dabei zu ihrem Bruder hinüber.
„Gewiss. Aber sich als Champion der Welt zu präsentieren, ist doch um einiges aufregender“, ergänzte Graf D'Argies und erhob sein Weinglas.
Melanie lächelte ihm dankbar zu.
„Kann sein. Ich war nicht bei dem kaiserlichen Rennen und kann es demnach nicht beurteilen“, sagte Elisabeth abwertend.
„Meine Teure, ich habe heute von Ihrer Mutter erfahren, dass Sie und Richard verlobt sind. Meine herzlichsten Glückwünsche an Sie Zwei“, sagte Emanuella von Bellagarde freundlich und wechselte somit das Thema.
„Vielen lieben Dank, Madame. Wir beide sind überglücklich“, entgegnete Elisabeth strahlend.
Richard verzog dabei keinen einzigen Gesichtsmuskel.
„Darf ich fragen, warum Sie Ihre Verlobung nicht in der Öffentlichkeit bekannt gegeben haben?“, fragte die Gräfin von Bellagarde.
„Der Grund ist der Tod von Richards Vater, möge er in Frieden ruhen. François von Crussol ist erst vor einem Monat von uns gegangen und da erschien es uns unangebracht, die frohe Nachricht während der Trauerzeit zu verkünden“, erklärte Angelique D'Argies.
„Verständlich. Und haben Sie sich schon auf ein Hochzeitsdatum geeinigt?“, stellte Emanuella die Frage an die Verlobten.
„Noch nicht, aber wahrscheinlich werden wir erst nächsten Sommer heiraten. Bis dahin muss so einiges organisiert werden. Abgesehen davon wollten wir zuerst unsere Verlobung feiern. Dies wird vermutlich im Herbst passieren“, antwortete Elisabeth lächelnd und legte ihre Hand auf die von Richard. Ihr Verlobter sah schweigend auf seinen leeren Suppenteller.
Die Gäste waren mit der Vorspeise fertig und der Hauptgang wurde aufgetischt: Rinderfilet medium mit Rosmarinkartoffeln und dazu Salat.
„Welche Interessen haben Sie noch, Mademoiselle von Bouget?“, erkundigte sich Elisabeth weiter.
„Fechten gehört ebenfalls zu meinen Leidenschaften“, gestand sie und verfluchte sich selbst, das gesagt zu haben.
„Fechten? Tatsächlich? Sieh mal, Richard, eine weitere Passion neben dem Pferdesport, die du und Mademoiselle von Bouget teilt. Möchtest du nichts dazu sagen? Ihr würdet euch sicherlich gut verstehen“, richtete Elisabeth das Wort an ihren Verlobten, der aber nichts darauf erwiderte.
„Wie bitte? Sie fechten?“ Angelique D'Argies schien darüber entsetzt zu sein. „Also, das ist wahrlich keine Freizeitaktivität, die sich eine vornehme Dame aussuchen sollte. Es sei denn, Sie sind jünger, als ich annehme. Wie alt sind Sie? Dreizehn?“
„Siebzehn“, antwortete Melanie knapp und fand es weniger witzig, als Kind dargestellt zu werden.
„Warum beschäftigen Sie sich dann nicht mit etwas anderem? Blumen arrangieren, das ist eine schöne Tätigkeit für eine Dame in Ihrem Alter“, machte die Gräfin D'Argies einen vernünftigen Vorschlag. „Meine Tochter zum Beispiel ist hervorragend darin. Ihre Blumensträuße sind ein Traum. Und sie gestaltet mit großer Hingabe unseren Garten. Sogar die Kaiserin persönlich hat uns mit ihrem Besuch beehrt und Elisabeth für ihre Kreativität gelobt.“
„Ich erfreue mich ebenfalls an der Schönheit von Blumen, aber leider verwelken sie recht schnell, sobald man sie gepflückt hat. Und am Ende ihres Lebens haben sie nichts weiter getan, als schön auszusehen und zu duften“, konterte Melanie. So langsam hatte sie das Verhör satt.
„Wir alle werden irgendwann alt und vergehen“, bemerkte Elisabeth arrogant.
„Das stimmt, aber da ich erst siebzehn Jahre alt bin, dauert es in meinem Falle noch recht lange, bis ich alt werde, und deswegen fechte ich, so viel ich will“, stellte Melanie klar.
Richard schmunzelte und warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Welche Blumen mögen Sie denn gerne?“, stellte George von Bellagarde ganz unerwartet die Frage an Melanie.
„Ich mag Tulpen“, erwiderte sie überrascht. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der junge Grafensohn ihre Unterhaltung mitverfolgte.
Jane schien ebenfalls erstaunt darüber zu sein.
„Merken Sie sich das, George! Wenn Sie in naher Zukunft der jungen Mademoiselle von Bouget Blumen schenken wollen!“, sagte Gustav D'Argies laut und lachte.
Richard fand diese Bemerkung weniger amüsant und runzelte die Stirn.
„Spielen Sie gerne Klavier?“, fragte George weiter.
„Ja, sehr oft sogar“, gestand Melanie und errötete.
„Hervorragend! Dann werden Sie uns gleich nach dem Dessert etwas vorspielen! Ich freue mich schon darauf“, klatschte Graf D'Argies in die Hände.
Melanie empfand große Sympathie gegenüber dem Onkel von Elisabeth. Er war so gar nicht wie seine Nichte oder wie seine Schwester Angelique, sondern um einiges fröhlicher und weltoffener.
Der Nachtisch wurde herumgereicht: lockere Vanillecreme mit Erdbeeren, Johannisbeeren und Himbeeren.
Während der Nachspeise unterhielten sich Philip von Bellagarde und Thomas von Bouget sowie ihre Ehefrauen miteinander. Die übrigen Anwesenden verdauten den Hauptgang und widmeten sich schweigend der Süßspeise. Melanie versuchte, sich auf ihre Vanillecreme zu konzentrieren und die anderen zu ignorieren. Elisabeth hingegen durchbohrte ihre Kontrahentin mit ihren Blicken. Melanie hatte sich gut geschlagen, aber Elisabeth wusste jetzt mit Sicherheit, dass zwischen der eigensinnigen Tochter des Barons von Bouget und Richard etwas lief. Denn die ganze Zeit über hatte ihr Verlobter nichts gesagt, absolut gar nichts. Selbst George von Bellagarde hatte am Ende Interesse gezeigt, obwohl er nur sehr schwer zu beeindrucken war.
Und Richard? Ihm war gleich zu Beginn des Essens klargeworden, dass seine Verlobte bezüglich Melanie und ihn Bescheid wusste. Er wollte Elisabeth aber keine Genugtuung geben, indem er sich an dem Gespräch beteiligte und log. Nein, er stand zu dem, was er tat. Abgesehen davon war es nur eine Frage der Zeit, bis Melanie tatsächlich seine Mätresse sein würde, dessen war Richard sich absolut sicher. Währenddessen versuchte Jane, Georges Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, indem sie ihn in ein Gespräch verwickelte. Der junge Kavalier unterhielt sich höflich mit ihr, spähte aber immer wieder zu der rothaarigen Rebellin hinüber. Ihre kämpferische Art hatte ihm gefallen.
Nach dem Essen versammelten sich alle im Salon nebenan und nahmen auf den Sesseln und Sofas Platz, um dem kleinen Klavierkonzert beizuwohnen. Melanie setzte sich an den schwarzen Flügel und entschied, mit einem Titel aus dem Ballett ,Der Nussknacker’ zu beginnen, dem Blumenwalzer. Die Zuhörer lauschten ihrem Spiel und George stellte erleichtert fest, dass sie nicht gelogen hatte. Sie spielte wirklich gut und vor allem sehr leidenschaftlich. Als Melanie mit dem Stück fertig war, fragte er sie: „Spielen Sie auch Duette, Mademoiselle?“
„Gelegentlich mit meinem Bruder Jakob“, antwortete sie.
„Los, setzen Sie sich zu ihr und spielen Sie uns etwas vor!“, forderte Gustav D‘Argies ihn auf.
George zögerte nicht lange. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben sie. Melanie betrachtete ihren Duettpartner. Er hatte wellige, dunkelbraune Haare, die ihm bis zum Kinn reichten. Seine dunklen Augen schauten sie freundlich an. Und seine vollen, leicht roten Lippen lächelten sanft und ergaben einen hübschen Kontrast zu seiner eher hellen Haut. Sie spielten gemeinsam den ‚Türkischen Marsch‘ von Mozart, wobei George die Bass-Noten übernahm und Melanie die Melodie in Dur. Die beiden hatten keine Schwierigkeiten, sich zu ergänzen. Die Zuhörer lauschten ihrer Vorstellung und die einzige Person, der das Schauspiel missfiel, war Richard. Am liebsten hätte er George von seinem Platz gefegt und ihn weit weg von Melanie verfrachtet. Zu seinem Bedauern war er momentan zum Zusehen verdammt.
„Nach dem Essen soll man ja am besten singen können. Ich würde gerne ein Lied vortragen und ihr beide spielt für mich“, kam der Graf D'Argies zu den zwei Pianisten herüber.
„Sicherlich. Was möchten Sie singen?“, fragte George erwartungsvoll.
„Mr. Brightside“, antwortete der Graf und grinste bis über beiden Ohren.
„Oha, na, das wird jetzt was werden“, dachte Melanie und wartete gespannt auf den Gesangsvortrag.
George fing an zu spielen und der Graf sang, unerwarteterweise sogar recht gut. Melanie lächelte vergnügt und George erwiderte das unbekümmerte Lächeln. Das Stück dauerte noch an, als Richard aufstand und nach draußen auf den Balkon hinausging. Er kramte in seinem Jackett herum und holte ein silbernes Etui heraus. Dann nahm er eine Zigarette daraus und zündete sie mit einem Streichholz an. Richard rauchte zwei Minuten lang und versuchte, das Geschehen im Inneren des Salons zu überhören. Besonders Melanies süßes Lachen. Er wollte, dass sie auf der Stelle damit aufhörte, George auf die gleiche Weise anzusehen, wie sie ihn beim Tanzabend angesehen hatte. Wie er diesen Mistkerl in diesem Augenblick hasste. Warum interessierte sich sein Rivale ausgerechnet für Melanie, wo er doch ihre Schwester Jane haben konnte? Richard selbst war mittlerweile verlobt, aber das kümmerte ihn recht wenig. Er wollte Melanie trotzdem für sich. Deswegen würde er niemals zulassen, dass George von Bellagarde sie bekäme.
Kapitel 17 Der Wald
22. Mai 1875
Später am Abend forderte die Gräfin D'Argies ihre Gäste auf, gemeinsam einen Spaziergang durch den Park zu unternehmen, um dem Gesangskonzert ihres Bruders zu entfliehen. George und Melanie gingen zunächst zu zweit los, wurden aber schnell von Jane eingeholt. Die Drei unterhielten sich über Musik und es stellte sich heraus, dass Melanie und George den gleichen Musikgeschmack hatten. Jane war über diese Entwicklung weniger erfreut. Sie hatte gehofft, nach der Pleite mit Richard von Crussol endlich den Hauptgewinn mit George von Bellagarde zu ergattern. Doch schon wieder kam ihre kleine Schwester dazwischen. Wie schaffte sie das bloß? Jane war hübscher und größer als Melanie, aber aus unerklärlichen Gründen flogen die Männer auf sie wie Bären auf Honig. Direkt hinter ihnen ging Richard, allein. Er beobachtete George dabei, wie er sich an Melanie heranschmiss. Sein Gegenspieler war äußerst geschickt: Er pickte sich Themen heraus, für die sie eine Vorliebe hatte, und redete mit ihr ausführlich darüber. Es wirkte nicht wie eine offene Anmache, aber dennoch hatte er dadurch ihre komplette Aufmerksamkeit. Richard hatte genug gesehen. Es war höchste Zeit, die beiden Turteltauben voneinander zu trennen. Er wartete den Augenblick ab, in dem George von Jane abgelenkt wurde, und zog Melanie an der Hand, sodass diese sich abrupt zu ihm umdrehte und stehen blieb. Irritiert sah sie Richard an. Er legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen und verdeutlichte ihr damit, still zu sein. Dann drehte er sich um, marschierte geradewegs zu einem weißen Pavillon und hielt Melanie fest an der Hand. Sie blieben dahinter stehen und waren nicht mehr in Blick- und Hörweite der anderen Gäste.
„Was soll das hier werden, Melanie?“, herrschte Richard sie an.
„Äh, was genau meinst du?“ Sie konnte beim besten Willen nicht sagen, was er von ihr wollte.
„Das Flirten mit George. Wird das hier so eine Art Spielchen? Auf so einen Kinderkram habe ich keine Lust“, stellte Richard klar und sah sie finster an.
„Was geht dich das an? Du bist mit Elisabeth D'Argies verlobt! Glückwunsch übrigens“, warf ihm Melanie zurück. „Interessante Tatsache, wenn man bedenkt, wie du mit mir an dem Abend beim Herzog von Guise getanzt und mich anschließend gefragt hast, ob ich deine Freundin sein wolle. Wer spielt hier eigentlich mit wem?“
„Was ist daran so schlimm, meine Geliebte zu sein?“, wollte Richard wissen. Er hatte nie zuvor erlebt, dass eine Frau ihm gegenüber abgeneigt war.
Melanie glaubte nicht, was sie da soeben gehört hatte, und starrte ihn fassungslos an. Er gab sogar offen zu, dass er sie zu seiner Gespielin degradieren wollte!
„Weil ich mehr wert bin als ein gottverdammter Betthüpfer!“, konterte Melanie laut.
„Du hältst dich für etwas Besseres? Tja, ob dem so ist, beurteile am Ende immer noch ich! Du wirst Wachs in meinen Händen sein!“ Richard war lauter geworden und trat näher an sie heran.
„Ich gratuliere dir. Du hast mir gerade komplett die Laune verdorben! Ich wünschte, ich hätte auf die Warnungen gehört und mich von dir ferngehalten, denn jedes Aufeinandertreffen mit dir endet in einem Desaster! Zuerst das Duell. Seitdem darf ich mich über eine Wunde am Arm freuen. Dann der Tanzabend, an dem ich meinen Ruf fast ruiniert hätte, weil die ganze Stadt denkt, ich hätte mit dir eine Liaison. Und jetzt machst du mir aus heiterem Himmel eine Szene!“, schrie Melanie ihn an.
„Ich bereite dir wohl sehr viel Kummer“, sagte Richard spöttisch und musste sich zusammenreißen, um sie nicht auf der Stelle zu küssen.
„Allerdings, und wie!“, fauchte Melanie ihn an und hätte ihn am liebsten von sich weggeschubst.
„Dann ist es wohl besser, wenn wir uns ab sofort aus dem Weg gehen!“, entgegnete Richard und entfernte sich einige Schritte von ihr. Melanie schaute ihn einen kurzen Augenblick schweigend an. Wie hatte sie nur eine einzige Sekunde daran geglaubt, dass er aufrichtige Gefühle für sie empfand? Sie war zutiefst enttäuscht und verletzt. Sie lief wutentbrannt geradewegs in ein kleines Waldstück direkt neben dem Pavillon. Denn sie brauchte Zeit, um sich abzureagieren, bevor sie wieder zu den anderen zurückging. Melanie stampfte durch den Wald. Die Sonne war bereits untergegangen und es herrschte Abenddämmerung.
„Was bildet sich dieser Kerl ein? Wenn, dann hält er sich für etwas Besseres“, ging es Melanie durch den Kopf. Wieso konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Warum war er seit ihrer ersten Begegnung wie eine immer wiederkehrende Plage für sie? Um sie herum war es gespenstisch leise. Die Singvögel hatten sich schon alle schlafen gelegt. Die Bäume waren hochgewachsen und so langsam wurde der Wald undurchdringlicher. Melanie lief immer weiter geradeaus und bemerkte erst nach einigen Minuten, dass sie nicht allein war. Etwas folgte ihr und raschelte durch die Blätter am Waldboden. Sie bekam Angst. Womöglich war ihr ein Raubtier auf der Spur und Melanie hatte keine Waffe dabei, um sich zu wehren. Sie drehte sich schnell um und war erleichtert festzustellen, dass es sich nur um Richard handelte. Sie atmete geräuschvoll aus und legte sich eine Hand auf die Brust.
„Warum verfolgst du mich? Hast du nicht soeben gesagt, dass wir uns besser aus dem Weg gehen sollten?“, fragte Melanie ihn vorwurfsvoll.
„Du bist allein in einen Wald hineingegangen. Es kann dir hier alles Mögliche passieren“, rechtfertigte sich Richard.
„Plötzlich interessierst du dich für mein Wohlergehen, nachdem du mir so viel geschadet hast?“ Melanies Stimme triefte nur so vor Sarkasmus. „Geh! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!“
Richard war entsetzt. Sie wagte es, ihm zu befehlen, und schickte ihn dazu noch fort? Melanie drehte sich wieder um und marschierte weiter.
„Bleib stehen!“, rief er ihr nach. Nie zuvor hatte sich ihm eine Frau widersetzt.
„Du hast mir nichts mehr zu sagen!“, stellte sie klar.
Richard verlor endgültig die Geduld. Er beschleunigte seine Schritte und packte sie unsanft am linken Arm. Sie riss sich wieder von ihm los und dabei zog er ihr den linken Handschuh aus. Melanie sah überrascht zu ihm auf, verdrehte genervt die Augen und wollte weitergehen. Doch Richard fasste sie mit seinen Händen grob an den Oberarmen und schleuderte sie mit dem Rücken gegen den nächsten Baum. Melanie schrie auf vor Schmerz. Sie zerrte an seinen Armen und versuchte, sich zu befreien, aber Richard verstärkte nur seinen Griff und schaute sie gefährlich an. Er war plötzlich wie von Sinnen. Er presste ihren Körper fester gegen den Baum und nahm ihre Beine hoch. Sie konnte ihm nicht mehr entkommen. Melanie schlug ihm mit den Fäusten auf die Brust, aber er griff wieder ihre Arme und drückte sie nach unten. Dann verfing er sich in ihrem Hals und biss zu. Sie stöhnte auf.
„Ja, stöhne noch mehr für mich!“, befahl er ihr in seinen Gedanken.
Richard spürte das Verlangen in sich auflodern. Er strich mit seinen Händen an ihren Oberschenkeln entlang und packte sie an ihrem Hintern. Melanie wehrte sich weiter, doch sie konnte sich nicht von ihm befreien. Er war zu stark für sie. Seine Hände wanderten zu seinem Hosenstall und er war gerade dabei, ihn zu öffnen. Melanie zitterte am ganzen Leib und ihr stiegen Tränen in die Augen. Was hatte er nur mit ihr vor? Sie konnte nicht mehr und gab es auf, sich körperlich zu wehren.
„Lass mich los“, sagte sie und ihre Stimme bebte.
Er hörte sie nicht. Stattdessen schaute er auf ihr Dekolleté hinunter und konnte seine Gier nicht mehr stoppen. Da legte Melanie ihm ihre Hand auf die Wange und erst dann sah er ihr ins Gesicht. Sie weinte. Er stockte in seinem Vorhaben.
„Lass mich bitte wieder los. Ich flehe dich an, Richard. Es tut weh.“
Er sah ihr fest in die Augen. Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihrem Mund entfernt. Er könnte sie jetzt so leicht haben. Sie war ihm ausgeliefert. Aber etwas hielt ihn davon ab. Es war die Furcht in ihren Augen. Sie sollte ihn wollen, nicht am ganzen Körper vor Angst schlottern. Da kam Richard wieder zu Verstand. Was tat er hier bloß? War er verrückt geworden? Er ließ ihre Beine langsam zu Boden sinken und ging einen Schritt nach hinten. Melanie sah ihn an und zitterte heftig. Was hatte er nur angerichtet? Er näherte sich ihr wieder und wollte sie um Verzeihung bitten, da erschrak sie und lief davon. Sie rannte, so schnell sie konnte. Wohin genau, wusste sie nicht. Nur weit weg von diesem Ort, raus aus diesem verdammten Wald. Es kümmerte sie nicht, dass der Saum ihres Kleides an Büschen zerrissen wurde; auf keinen Fall würde sie jetzt langsamer werden. Sie erreichte das Ende des Waldes und durchquerte den Park. Sie lief so lange, bis sie wieder im Schloss angelangt war. Dort begab sie sich ins nächste Badezimmer und sperrte ab. Melanie saß zitternd auf dem Fußboden und lauschte jedem Geräusch, das hinter der Tür zu hören war. Sie wagte sich erst wieder hinaus, als sie die Stimmen ihrer Familienmitglieder hörte, die von dem Spaziergang zurückgekehrt waren. Ihre Eltern fragten Melanie, wo sie gewesen sei und warum ihr ein Handschuh fehle. Sie antwortete, dass ihr das Essen nicht gut bekommen sei und sie deswegen schnell die Toilette aufgesucht habe. Und den Handschuh habe sie unterwegs verloren. Thomas von Bouget merkte, dass etwas mit seiner Tochter nicht stimmte. Sie wirkte verstört und vermied es, ihm in die Augen zu sehen. Etwas war vorgefallen. Er nahm sich vor, sie zu einem späteren Zeitpunkt darauf anzusprechen. Die Familie von Bouget und die Familie von Bellagarde verabschiedeten sich von der Gastgeberin und stiegen in ihre Kutschen ein.
Die nächtliche Landschaft zog langsam vorbei und George sah verträumt aus dem Fenster.
„Wir haben heute Abend drei liebreizende junge Damen kennengelernt“, sagte seine Mutter plötzlich. „War eine unter ihnen, die dir gefallen hat?“
„Ja, könnte man so sagen“, entgegnete ihr Sohn und lächelte gedankenverloren.
Richard blieb eine ganze Weile an derselben Stelle im Wald stehen, an der Melanie ihn verlassen hatte. Er hielt ihren Handschuh in seinen Händen fest und ertrug das Gefühl des Verlustes. Er hatte alles zerstört und sie unbeabsichtigt verloren. Und sein Herz schrie vor Schmerz.
Kapitel 18 Das Erwachsenwerden
23. Mai 1875
Wann endete für jemanden die eigene Unschuld? Für jeden zu einem anderen Zeitpunkt und auf unterschiedliche Weise. Für Melanie endete sie jetzt und es fühlte sich brutal an. Sie saß auf dem Rand der Badewanne in ihrem eigenen Badezimmer und wartete, bis die Wanne mit Wasser vollgelaufen war. Sie hatte die Hände unter ihrem Kinn gefaltet und war in Gedanken versunken, als es an der Tür klopfte und Melanie erschrocken zusammenzuckte.
„Mademoiselle? Eure Mutter fragt, wann Ihr zum Frühstück herunterkommen wollt“, erkundigte sich Jessika Petit hinter der verschlossenen Tür.
„Bitte sag ihr, dass ich keinen Hunger habe und ein Bad nehme“, antwortete Melanie. Sie wollte momentan niemanden sehen.
Jessika entfernte sich wieder, um Madame von Bouget Bescheid zu geben.
Melanie atmete tief durch. Sie stand auf und ging zum großen Spiegel. Ihr Spiegelbild war auf den ersten Blick so wie immer, doch das täuschte. Melanie nahm ihre Haare auf die rechte Seite und betrachtete ihren Hals. Unterhalb des linken Ohrs befand sich ein großer blauer Fleck. Das war die Stelle, an der Richard sie gebissen hatte. Sie schaute entsetzt, aber das Schlimmste stand ihr noch bevor. Sie öffnete ihren Bademantel und ließ ihn zu Boden fallen. Der Anblick ihres nackten Körpers verschlug ihr fast den Atem. Ihre Arme waren grün und blau. Auf dem Rücken hatte sie eine Prellung und auf ihrem Hintern waren blaue Flecken in der Anordnung von zwei Händen – Richards Händen. Melanie kniete sich auf den Boden und schlang die Arme um sich. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie kämpfte erbittert dagegen an, in ein emotionales Loch zu fallen.
„Steh auf“, sagte sie leise. Er durfte sie nicht besiegen. Sie gab niemals auf. Alles andere wäre Verrat an ihr selbst.
„Steh auf.“ Melanies Stimme klang selbstsicherer.
„Steh endlich auf!“, rief sie laut und rappelte sich wieder hoch. Sie atmete ein paar Mal tief durch, ging dann zu der vollgelaufenen Wanne und setzte sich vorsichtig hinein. Das warme Wasser beruhigte ihre Nerven und langsam wurden ihre Gedanken wieder klarer. Sie nahm sich vor, keiner Menschenseele von dem Vorfall im Wald zu erzählen. Niemand sollte jemals davon erfahren. Sie musste jetzt die Kraft aufbringen, die Geschehnisse allein zu bewältigen. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war bereits angekratzt, da brauchte sie keine Plappermäuler, die ungewollt etwas weiterverbreiteten und Melanie zum Schluss als Richards angebliche Geliebte endete. Nein, das würde sie niemals zulassen. Zudem schämte sie sich. Sie hatte sich selbst in diese prekäre Situation gebracht, indem sie in den Wald gelaufen war. Abgesehen davon war da neben der Kränkung und dem Schamgefühl noch etwas anderes, das Melanie Sorgen bereitete. Ein Gefühl, das sie bis jetzt nicht gekannt hatte, und ihr fiel dafür kein Begriff ein. Dieses Gefühl saß tiefer, in Richtung ihres Unterleibs. Ein Kribbeln, ausgelöst durch den Moment, als Richard sie an den Beinen festgehalten und gegen den Baum gepresst hatte. Sie hatte sich in dem Augenblick gefürchtet, aber andererseits hatte dieses merkwürdige Gefühl ihr zugeflüstert, dass Richard weitermachen solle. Was war nur geschehen? Melanie verstand es nicht. Sie lag eine halbe Stunde lang in dem wohltuenden Wasser, bis es kalt war. Es wurde langsam Zeit, sich der Welt wieder zu zeigen. Sie stieg aus der Wanne und zog ein bodenlanges Kleid an und dazu eine dünne Jacke mit einem hohen Kragen. Sie ließ ihre Haare offen, um ihren Hals zusätzlich zu verdecken, und verließ das Zimmer. Als Melanie den Speisesaal betrat, waren die übrigen Familienmitglieder mit dem Frühstück bereits fertig und nicht mehr im Raum. Umso besser. Sie setzte sich an den Tisch und nahm etwas zu sich, verspürte aber keinerlei Appetit. Direkt danach schlenderte sie in den Garten und legte sich auf die große Bettschaukel. Sie betrachtete die Umgebung um sich herum. Alles hatte sich für sie verändert: der blaue Himmel, die Bäume, das Gras, die Vögel und sogar die Sonne. Es erschien weniger reizvoll, weniger aufregend, weniger lebenswert. Melanie dämmerte vor sich hin. Ihr fehlte jeglicher Antrieb, etwas mit dem Tag anzufangen.
„Was soll die Jacke? Wir haben doch Sommer, es ist warm“, fragte Jakob lachend und kam auf sie zu. Er legte sich neben seiner Schwester auf die Bettschaukel und sah sie amüsiert an.
„Mir ist kalt“, sagte Melanie leise.
Jakob betrachtete sie in Ruhe. Sie war ungewöhnlich still. „Wir machen uns Sorgen um dich. Du hast seit gestern Abend kaum gesprochen und bist heute nicht zum gemeinsamen Frühstück erschienen. Was hast du?“ Jakob war ernsthaft besorgt.
„Wie gesagt, das gestrige Abendessen ist mir nicht gut bekommen. Seitdem habe ich einen flauen Magen und mir ist übel“, erklärte Melanie und schloss die Augen. Jakob entschied, nicht weiterzubohren.
„Mama, Jane und Veronika wollen gleich in die Stadt, um neue Kleider für den Ball zu kaufen. Möchtest du mit ihnen kommen? Du brauchst doch ebenfalls ein neues Outfit“, sagte Jakob und war überrascht, dass Melanie ihm nicht antwortete, sondern aufstand und fortging. Dieses Verhalten passte so gar nicht zu ihr. Was stimmte nicht mit ihr?
Melanie schleppte sich zum Pferdestall. Sie entdeckte Nero auf der Koppel und begrüßte ihn mit einer Umarmung. Ihr bester Freund spürte, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war und knabberte ihr an den Haaren. Melanie schaute traurig zu Boden. Warum war Richard der Ansicht, sie wäre nicht mehr wert als eine Hure? Entsprach das der Wahrheit? Sie atmete schwer aus und schloss die Augen. Die Tanzbälle interessierten sie nicht mehr, deshalb brauchte sie keine neuen Kleider. Egal ob ihre Mutter damit einverstanden war oder nicht. Sie wollte keine Männer mehr sehen. Sie wollte Richard nicht sehen. Nero wieherte und hob seinen Kopf mehrmals nach oben. Melanie schaute zu ihm und er stupste sie mit den Nüstern an der Schulter an. Als würde er ihr damit sagen: Kopf hoch und lasse dich nicht unterkriegen. Und er hatte absolut recht. Sie nickte leicht und Tränen stiegen ihr in die Augen. Noch eine ganze Weile blieb sie bei ihrem besten Freund und weinte leise, während sie über sein Fell strich.
Später am selben Tag fand der Baron von Bouget seine jüngste Tochter in der Bibliothek. Melanie saß an einem Tisch mit einem Stapel Bücher vor sich und war gerade in ein Kapitel über die Buchführung vertieft. Er setzte sich zu ihr und betrachtete sie intensiv. Sie hatte sich über Nacht verändert. Melanie wirkte ernster und nachdenklicher.
„Was liest du da, mein Schatz?“, fragte er seine Tochter.
„Bücher über Buchhaltung und allgemeine Wirtschaft“, antwortete sie, ohne aufzusehen.
„Warum liest du dir Bücher über Buchhaltung und allgemeine Wirtschaft durch?“ Monsieur von Bouget war leicht verwundert.
„Weil ich mein eigenes Gewerbe gründen möchte. Ich habe beschlossen, Pferdezüchterin zu werden“, offenbarte Melanie.
Ihr Vater sah sie mit offenem Mund an.
„Dein eigenes Gewerbe? Warum denn das?“, fragte er interessiert.
„Warum nicht? Dann verdiene ich mein eigenes Geld“, entgegnete Melanie gelassen.
„Hast du nicht vor, einen reichen Mann zu heiraten wie deine älteren Schwestern?“, fragte der Vater schmunzelnd.
„Nein, genau das habe ich nicht vor, Papa. Ich werde mein eigener Herr“, sagte Melanie entschieden.
Thomas runzelte besorgt die Stirn. Woher kam plötzlich diese Abneigung gegenüber Männern? Er drehte sie zu sich um und sah ihr fest in die Augen. Sie wirkte reifer, aber da war noch etwas anderes. Sie meinte es ernst mit der Gründung ihres eigenen Gewerbes, ohne jegliche Naivität.
„Melanie, es ist nicht alles in Ordnung mit dir, stimmts?“, fragte der Vater direkt.
„Ja“, antwortete die Tochter knapp.
„Verrätst du mir bitte, was los ist?“, bat er sie.
„Nein“, entgegnete Melanie und schaute wieder runter auf ihr Buch. Monsieur von Bouget blieb kurz bei ihr sitzen. Offenbar brauchte sie etwas Freiraum. Er stand von seinem Stuhl auf und war dabei, die Bibliothek zu verlassen, als Melanie ihm zurief: „Papa, hilfst du mir bei der Gründung meines Geschäfts? Ich fürchte, dass ich als Frau nicht die Rechte dazu besitze, ein eigenes Gewerbe anzumelden.“
„Natürlich, Liebes“, entgegnete der Vater sanft.
Melanie nickte leicht und widmete sich weiter ihren Studien. Sie wollte ihm nichts von dem schrecklichen Geschehen im Wald erzählen aus Furcht, er würde dann seine Pistole nehmen und Richard dafür eine Kugel in den Schädel jagen.
Die Tage darauf verbrachte sie viel Zeit in der Bibliothek, um zu studieren. Ihre Mutter bezeichnete sie als ein törichtes Kind, weil Melanie sich weigerte, auf den nächsten Ball mitzukommen.
„Was willst du mit einem eigenen Gewerbe? Such dir lieber einen vernünftigen Mann! Lass doch diese dumme Idee ruhen und komm mit uns. Ich kaufe dir jedes Kleid, das du haben möchtest“, flehte Johanna ihre Tochter an.
„Nein“, lautete Melanies kurze Antwort und sie ging nicht mehr auf die Diskussionsversuche ihrer Mutter ein. Sie hatte sich entschieden und niemand würde sie in ihrem Vorhaben stoppen. Zum Schluss fuhr Madame von Bouget mit ihrem Mann und den beiden ältesten Töchtern allein zum nächsten Ball und gab es entnervt auf, ihre Jüngste überreden zu wollen.
Melanie und Jakob blieben daheim, um an der Geschäftsidee zu feilen. Melanie hatte etwas Entscheidendes über die Pferdezucht gelernt. Es kam vor allem darauf an, dass die zur Zucht vorgesehenen Pferde von edelster Herkunft waren und zwei wichtige Eigenschaften in sich vereinten: Gesundheit und Harmonie. Beide Geschwister waren der Ansicht, dass Nero der geeignetste Kandidat dafür war. Denn er war nicht nur stark und gesund, sondern auch ausgeglichen und seiner Besitzerin treu ergeben. Abgesehen davon war Nero ein Siegerpferd; das ließ seinen Wert ungemein steigen. Es fehlten demnach nur ein paar Stuten. Melanie überlegte, welche zu kaufen. Sie hatte zwar noch den Großteil ihres Preises vom Pferderennen, aber ob der ausreichen würde, war fraglich. Jakob bot ihr an, sie finanziell zu unterstützen, denn schließlich hatte er ein beträchtliches Vermögen beim Rennen gewonnen. Und das verdankte er ganz allein Nero und Melanie. Also warum nicht in die beiden investieren? Melanie fiel bei Jakobs Bemerkung bezüglich seiner Unterstützung ein, dass noch jemand anderes ihr dieses Angebot vor geraumer Zeit unterbreitet hatte: der Kaiser. Sie war sein Günstling und genoss all die damit verbundenen Vorteile. Sie schrieb einen Brief an Kaiser Alexander persönlich, in dem sie ihn um eine Audienz bat. Denn sie hatte eine Idee, wie er ihr weiterhelfen konnte.
Am Tag darauf saß wieder die gesamte Familie am Frühstückstisch. Jane und Veronika erzählten lebhaft von dem gestrigen Abend und wirkten überglücklich. Alle anwesenden Kavaliere hatten sich für die beiden interessiert. Kein Wunder, nachdem Melanie der Öffentlichkeit gezeigt hatte, dass eine Tochter aus dem Hause von Bouget sogar die Aufmerksamkeit eines Kaisers auf sich ziehen konnte. Madame von Bouget war sichtlich stolz auf ihre Töchter. Veronika hatte sich hauptsächlich mit dem Grafen von Ailly unterhalten und mit ihm getanzt. Ihre Mutter war der Meinung, dass er ein überaus gutaussehender junger Mann war. Seinen schlechten Ruf als Frauenhelden ignorierte sie dabei scheinbar ganz.
Jakob schaute während der Erzählung betrübt und verspürte plötzlich keinen Appetit mehr.
Und Jane? Sie hatte am gestrigen Abend mit dem begehrtesten Junggesellen der Stadt getanzt, und zwar mit keinem Geringerem als George von Bellagarde.
Jane und der junge Grafensohn hätten sich hervorragend verstanden und es würde Johanna nicht wundern, wenn ihre älteste Tochter schon bald sein Herz eroberte.
Was dabei niemand aus der Familie wusste, war, dass George Bälle verachtete, weil diese Art von gesellschaftlichen Veranstaltungen gegen seine Prinzipien verstieß. Er war gestern trotzdem dort erschienen, und zwar aus einem einzigen Grund. Er hatte eine bestimmte junge Dame wiedersehen wollen, die zu seinem Bedauern nicht anwesend gewesen war. Stattdessen hatte er an dem Abend mit ihrer großen Schwester getanzt.

