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Blitz und Donner Kapitel 1 - 6

Kapitel 1 Die Ankunft

1. Mai 1875

„Mama, wir sind da! Endlich sind wir angekommen!“, kreischten Jane und Veronika im Chor. Melanie saß in der zweiten Kutsche zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder Jakob und hörte die aufgeregten Stimmen ihrer zwei Schwestern, die gemeinsam mit ihrer Mutter in der ersten Kutsche vorausfuhren. Sie schaute aus dem Fenster und erblickte das große Anwesen, das auf einem Hügel thronte. Das prachtvolle Gebäude war vor Kurzem erst in Zitronengelb gestrichen worden und man roch noch immer die frische Farbe. Die Fenster, Türen und Säulen waren reinweiß gehalten und zeugten von der zarten Unschuld, die ab dem heutigen Tage hier wohnen würde. Das große Haus lag umringt von einem großen und üppigen Garten, der wie ein Park angelegt war und zu langen Spaziergängen unter den wohlduftenden Fliederbäumen einlud. Melanie gab zu, dass ihr neues Zuhause absolut bemerkenswert aussah, aber es weckte keinerlei Begeisterung in ihr. Ihre Gedanken flogen stattdessen weit weg, wie ein Schwarm Vögel, und kehrten zurück in die alte Heimat. Die beiden Kutschen passierten das große, schwarze Tor, fuhren das letzte Stück bis zum Eingang und hielten dort an. Vier Diener warteten auf die ankommenden Herrschaften. Sie eilten zu den zwei Kutschen und halfen dem Baron von Bouget und seiner Familie auszusteigen. Die Baronin und ihre ältesten Töchter benahmen sich wie drei aufgeregte Hühner, die aus ihrem langjährigen Schlaf in der Einöde aufgescheucht wurden, und liefen vor Freude kreischend in das Gebäude hinein. Im großen Foyer nahm eine Schar von Bediensteten sie in Empfang, die sich in einer Reihe aufgestellt hatten. Der Butler begrüßte seine neue Herrin mit einer tiefen Verbeugung. Sein Name war Emanuel Bernard und er arbeitete in dem großen Anwesen bereits seit über dreißig Jahren. Er erblickte das wilde Treiben der drei Damen, die sich an der Schönheit ihres neuen Heims nicht sattsehen konnten, und runzelte die Stirn. Denn Monsieur Bernard war in seinen langen Dienstjahren eindeutig bessere Manieren gewohnt gewesen.
Melanie stieg nur langsam, fast schon widerwillig aus der Kutsche aus und stellte sich neben ihren Vater und ihren Bruder, die das Gelände betrachteten. Sie hörte das Lachen ihrer Mutter und die entzückten Rufe ihrer Schwestern nach draußen schallen. Merkwürdigerweise verlockte dieses erhabene Anwesen sie nicht dazu, reinzugehen. Sie empfand es mehr wie ein Gefängnis, für das sie ihre Freiheit aufgegeben hatte. Melanie atmete schwer aus, drehte sich nach rechts um und trottete an das hintere Ende der Kutsche, um das dort angebundene Pferd loszubinden. Es handelte sich um ihren Hengst Nero. Er war ihr bester Freund und er freute sich, von seiner Besitzerin am Hals gekrault zu werden. Nero war das Einzige, das Melanie aus ihrem alten Leben in der Provinz hatte behalten dürfen. Sie hatte alles aufgeben müssen: ihre liebgewonnenen Kameraden vom Lande, ihren Bauernhof und nicht zu vergessen ihre Unbekümmertheit. Sie war hier an diesem Ort voll hoher Erwartungen und Regeln gefangen. Am liebsten wäre sie auf Neros Rücken gestiegen, um augenblicklich dem Ganzen zu entfliehen, doch ihr Pflichtgefühl gegenüber ihrer Familie hinderte sie daran. Alle Mitglieder ihrer Familie hatten sich mehrheitlich dafür entschieden, in ihr neues Leben zu ziehen. Melanie war die Einzige gewesen, die dagegen gestimmt hatte.
„Komm, Nero, lass uns den Pferdestall suchen, du hast sicherlich Durst“, flüsterte sie dem pechschwarzen Vollblut leise ins Ohr.
„Liebling, möchtest du das nicht von einem Diener erledigen lassen?“, fragte der Baron seine jüngste Tochter und erinnerte sie daran, dass sie ab sofort eine Person aus der ersten Klasse der Gesellschaft war, die solch niedere Tätigkeiten nicht mehr selbst verrichtete.
„Nein, Papa. Ich muss wissen, wo Neros neue Box ist und ob er gut versorgt wird“, entgegnete Melanie.
„In Ordnung. Jakob, bitte begleite deine Schwester“, erteilte der pensionierte Offizier eine kurze, aber klare Anweisung an seinen Sohn, der ihr daraufhin Folge leistete.
Es dauerte eine kurze Weile, bis Melanie und Jakob den Pferdestall gefunden hatten. Das Gelände war groß und der Stall lag etwas abseits vom Hauptgebäude, damit der Geruch der Tiere und derer Hinterlassenschaften die feinen Nasen der Obrigkeiten nicht störten. Er bot für mindestens zwanzig Pferde Platz, wobei im Augenblick dort nur vier untergebracht waren. Melanie suchte sich die schönste Box aus und führte Nero hinein. Jakob brachte einen Eimer voll Wasser und goss den Inhalt in die Pferdetränke. Das Pferd trank lange, bis es sich dem frischen Heu zuwandte und zufrieden darauf herumkaute.
„Es ist hier schon ganz anders als in unserem alten Zuhause in der Provinz“, stellte Jakob fest. „Wir haben nun viel mehr Platz, Schwester.“
„War unser altes Leben denn jemals so beengt, dass wir es verlassen mussten?“, fragte Melanie traurig.
„Unsere Familie ist nun adelig. Vater hat vom Kaiser den Titel des Barons von Bouget verliehen bekommen, zusammen mit diesem Anwesen. Wir können uns glücklich schätzen, dass uns die Türen zu einem neuen und besseren Leben geöffnet wurden. Vielleicht siehst du es irgendwann auch ein, Schwesterherz“, erklärte Jakob mit einem leichten Grinsen.
„Vielleicht“, antwortete Melanie kurz. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, an diesem Ort weniger Luft zum Atmen zu haben. Vermutlich hing es mit den Plänen ihrer Mutter zusammen. Melanie und ihre Schwestern Jane und Veronika waren im heiratsfähigen Alter, wobei Melanie erst in wenigen Monaten ihr achtzehntes Lebensjahr vollenden und damit volljährig werden würde. Ihre Mutter hatte den ehrgeizigen Plan gefasst, sie drei vorteilhaft zu verheiraten, am besten in die vornehmsten Familien der Hauptstadt. Nach einer kurzen, aber intensiven Unterredung mit ihrer Mutter hatte Melanie sie davon überzeugt, zwei Jahre mit ihrem Debüt zu warten. Ihr Hauptargument war gewesen, sie sei nicht reif genug, um sich einen Ehemann auszusuchen. Jane und Veronika, die zweiundzwanzig und zwanzig Jahre alt waren, sollten zuerst in die Gesellschaft eingeführt werden, ohne dass ihre kleine und wilde Schwester alles vermasselte. Die Baronin hatte schnell eingelenkt, weil sie Melanies Meinung teilte. Wenn die Familie von Bouget von Beginn an ein tadelloses Auftreten in der High Society aufweisen wollte, dann musste die unverbesserliche Querulantin Melanie vorerst im Hintergrund bleiben. Jane und Veronika hingegen waren ausgesprochen manierlich und von erhabener Ausstrahlung, abgesehen von ihrer lautstarken Begeisterung für Luxus. Die jüngste Tochter hatte zwei Jahre Schonfrist bekommen und sie schickte ein kleines Gebet gen Himmel, dass diese Zeit reichen würde, um sich an das Gefühl der Gefangenschaft zu gewöhnen.



Kapitel 2 Die Nachbarn

2. Mai 1875

Die erste Nacht im neuen Zuhause war ausgesprochen erholsam gewesen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Melanie mit niemandem aus ihrer Familie den Schlafplatz geteilt. Sie besaß ein eigenes, geräumiges Zimmer mit einem bequemen Bett, einem Schreibtisch mit Stuhl und sogar einem kleinen Sofa mit einem Couchtisch. Direkt daneben befand sich Melanies eigenes Bad mit Ankleidezimmer. Die Gemächer ihrer Geschwister waren gleichermaßen ausgestattet. Wobei das Schlafzimmer von Jane etwas größer war und beneidenswerterweise über einen Balkon verfügte. Zu ihrer Beschämung hatte Melanie sich einen Tag zuvor in dem großen Anwesen zwei Mal verlaufen. Auf ihrer unfreiwilligen Erkundungstour hatte sie eine gigantische Bibliothek im dritten Stockwerk entdeckt. Melanie hatte sich sofort auf die Atlanten und Geschichtsbücher gestürzt und eine ganze Stunde damit verbracht, sie zu durchstöbern, bis eine Dienerin sie zum Abendessen gerufen hatte.
Nachdem Melanie mit ihrer Morgentoilette fertig war, flitzte sie die steinerne Haupttreppe runter in den Salon, in dem sich die gesamte Familie zum Frühstück versammelt hatte. Sie betrat den Salon und die meisten Familienmitglieder saßen am Tisch, nur Veronika fehlte. Vermutlich verbrachte sie schon Stunden damit, ihre Haare zu frisieren. Sie war erst dann zufrieden, wenn ihr Kleid zu ihrem Aussehen passte, sonst würde sie ihr Zimmer nicht verlassen. Und Melanie hatte recht. Fünf Minuten später kam Veronika herein und trug ein romantisches Kleid mit vielen Rüschen und rosafarbenen Blumen darauf. Ihr Haar hatte sie zu einem eleganten und voluminösen Zopf geflochten, der seitlich auf ihrer Schulter lag. Ihre weißen Schuhe mit Schleifen rundeten das unschuldige Sommeroutfit ab. Sie setzte sich direkt gegenüber von Jakob. Ihr Bruder betrachtete sie grinsend und sagte: „Die Überstunden vor dem Spiegel haben sich wirklich gelohnt. Du hast dich heute beim Herrichten selbst übertroffen.“
„Deine charmanten Kommentare zählen nur dann, wenn sie auch wirklich ernst gemeint sind“, ermahnte Veronika ihn und ging davon aus, dass ihr kleiner Bruder sich nur über sie lustig machte.
„Ich könnte nicht aufrichtiger sein“, dachte Jakob und sah leicht lächelnd zu ihr rüber.
„Ich sehe, wir sind vollzählig“, stellte der Baron fest. „Dann können wir mit dem Essen beginnen.“ Mit einer Handbewegung gab er den Bediensteten zu verstehen, die heißen Getränke zu servieren. Melanie legte sich den leckeren Räucherlachs auf den Teller, da läutete es am Haupteingang. Alle anwesenden Personen schauten sich fragend an.
„Es ist doch erst halb zehn am Morgen. Wer kann das sein?“, wunderte sich die Mutter. Wenige Sekunden später kam der Butler in den Salon und verkündete: „Madame, die Baronin von Semur und ihre Tochter sind soeben eingetroffen.“
„Die Baronin von Semur? Wer soll das sein, Mama?“, fragte Jane. Doch ihre Mutter war genauso ratlos wie sie.
„Die Baronin von Semur besitzt das Land, das an das Eure grenzt, Monsieur le Baron. Das Semur-Anwesen liegt zehn Kilometer von hier entfernt“, erklärte der Butler.
„Ah, dann sind sie unsere Nachbarn. Führen Sie bitte die beiden Damen herein. Wenn sie möchten, dann können sie uns beim Frühstück Gesellschaft leisten“, ordnete der Herr des Hauses an.
Die gesamte Familie erhob sich zur Begrüßung von ihren Stühlen und die Baronin von Semur und ihre Tochter betraten den Salon. Bei den Gästen handelte es sich um eine betagte Dame, die versuchte, ihr hohes Alter mit Make-up und einer bordeauxroten Perücke zu verstecken. Dazu trug sie ein schwarzes Spitzenkleid. Die Frau neben ihr war ihre Tochter und Melanie schätzte sie auf vierzig Jahre. Sie war recht mollig und trug ein eher unvorteilhaft sitzendes Kleid, das ihren runden Bauch betonte.
„Madame von Semur, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen“, begrüßte Thomas von Bouget die beiden Neuankömmlinge. „Darf ich Ihnen als Erstes meine Frau Johanna von Bouget vorstellen und unsere Kinder: Jane, die älteste Tochter, dann Veronika, unser zweites Kind, Melanie, die jüngste Tochter, und unseren Sohn Jakob, den Jüngsten im Quartett.“
„Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur von Bouget“, entgegnete die alte Dame mit einer rauchigen Stimme. „Mich begleitet meine Tochter Monika von Semur.“
„Bitte, setzen Sie sich doch und speisen Sie mit uns. Wir wollten soeben anfangen“, bat Johanna von Bouget und bedeutete Melanie und Jakob mit einer Handbewegung, den beiden Damen ihre Sitzplätze zu überlassen. Die zwei Geschwister standen auf und nahmen stattdessen am anderen Ende des Tisches Platz.
„Ihrer Einladung kommen wir nur zu gerne nach“, antwortete Monika von Semur mit einem breiten Lächeln. Sie und ihre Mutter setzten sich an den Tisch und ein Diener schenkte ihnen Tee ein.
„Als ich gehört habe, dass Sie und Ihre Familie endlich hier eingetroffen sind, musste ich Sie sofort kennenlernen, noch bevor es jemand anderes tut, Monsieur von Bouget. Deswegen entschuldigen Sie bitte unseren Überfall am frühen Morgen“, erläuterte Madame von Semur.
„Ganz im Gegenteil: Ich bin sehr erfreut darüber, so schnell neue Bekanntschaften zu schließen“, schmeichelte Johanna der alten Dame und kam damit der Antwort ihres Mannes zuvor.
„Sie müssen wissen, Madame von Bouget, dass dieses Anwesen früher meiner besten Freundin Madame Letizia von Périgord gehörte, bis sie letzten Winter verstarb. Ich bin sehr glücklich darüber, dass dieses prächtige Haus nicht lange ohne eine neue Herrschaft stehen musste, und Sie nun bereits im Frühjahr hierhergezogen sind. Und ich muss gestehen, dass ich ganz entzückt darüber bin, dass so reizende, junge Damen das Anwesen bewohnen und natürlich ein so hübscher junger Mann. Werden Sie Ihre Kinder zu Beginn dieses Sommers in die Gesellschaft einführen?“, erkundigte sich Madame von Semur neugierig.
„Jane und Veronika haben bereits in einer Woche ihren Debütantinnenball, wir sind deswegen schon ganz aufgeregt. Melanie und Jakob werden in zwei Jahren folgen“, erklärte die Mutter.
„Oh, wie schön, der Debütantinnenball!“ Monika von Semur war ganz aus dem Häuschen. „Ich erinnere mich an mein Debüt, als wäre es erst gestern gewesen: der große Ballsaal im Frühlingspalast, die herausgeputzten jungen Damen und vor allem die hübschen Kavaliere. Ich habe den ganzen Abend und die ganze Nacht getanzt, die Füße taten mir am nächsten Morgen immer noch weh, aber es hat sich gelohnt. Gleich die Tage darauf kamen die jungen, strahlenden Burschen zu uns nach Hause, um mir den Hof zu machen“, prahlte Monika lachend.
Melanie fiel sofort auf, dass Madame von Semur weiterhin ihren Mädchennamen trug und damit unverheiratet war. Sie gewann daraus die Erkenntnis, dass Monikas Suche nach einem Ehemann erfolglos verlaufen war. Sie entschied sich jedoch, diesbezüglich nichts zu sagen, und hörte lieber weiter zu.
„Wenn Sie schöne Kleider für Ihre Töchter schneidern lassen möchten, dann empfehle ich Ihnen den Kleiderladen Sior. Stefano Aranie ist ein begnadeter Designer und Schneider. Keiner fertigt glamourösere Kleider an als er“, beteuerte Monika von Semur, woraufhin ihre Mutter zustimmend nickte.
„Ich danke für die Empfehlung. Wir werden uns den Kleiderladen Sior auf jeden Fall anschauen“, versicherte Madame von Bouget. Sie zweifelte aber daran, dass es den Kleidergeschmack ihrer Töchter treffen würde – dafür waren sie zu wählerisch.
„Und wenn Jane und Veronika Tipps bezüglich der wohlhabenden Kavaliere benötigen, dann brauchen sie mich nur zu fragen. Und ich verrate ihnen alles, was ich über die Männer weiß“, sagte die Baronin von Semur mit einem Augenzwinkern.
„Das ist überaus freundlich, Madame. Meine Schwester und ich werden sicherlich in Zukunft auf Ihr Angebot zurückkommen“, bedankte sich Jane und meinte es auch so.
„Sie müssen wissen, dass der gute Ruf einer jungen Frau in den feinen Kreisen ganz besonders wichtig ist. Natürlich, damit sie in der Gesellschaft anerkannt und respektiert wird, aber vor allem, um als ehrbare Frau zu gelten“, erklärte Madame von Semur dem Baron von Bouget und seiner Ehefrau. „Daher ist es von höchster Dringlichkeit, dass Sie bei Ihren Töchtern einen ausgezeichneten Ruf aufbauen und diesen auch halten. Dann ist ihnen eine gute Partie für die Heirat gewiss.“
„Wir werden Ihren Rat beherzigen, Madame von Semur“, sagte Melanies Mutter dankend und lächelte.
Beim Frühstück unterhielten sich die Erwachsenen über die Herkunft der Familie von Bouget und wie sie es geschafft hatte, vom Kaiser persönlich in den Adelsstand erhoben zu werden. Der Vater berichtete von seinen Verdiensten in der Armee. Er hatte den hohen Rang eines Oberstleutnants erreicht. In seiner militärischen Karriere hatte er ein ganzes Kavallerie-Bataillon befehligt. Es waren alles Geschichten, die Melanie auswendig kannte. Sie beteiligte sich nicht an der Unterhaltung wie ihre Geschwister, sondern hörte nur aufmerksam zu. Sie hatte das Gefühl, dass Madame von Semur und ihre Tochter Monika offen und ehrlich mit ihrer Familie umgingen, und ihren Vater für seine Erfolge bewunderten. Melanie fragte sich, ob alle Menschen des adligen Stands so herzlich waren oder ob ihre Nachbarn eine Ausnahme bildeten.
„Wie die Zeit rennt. Wir müssen langsam wieder aufbrechen. Ich möchte mich für Ihren überaus freundlichen Empfang bedanken, Monsieur von Bouget. Ich würde mich sehr gerne mit einem Mittagessen auf meinem Anwesen dafür revanchieren. Sie und Ihre Familie sind herzlich eingeladen“, sagte Madame von Semur und erhob sich von ihrem Platz.
„Sehr gerne. An welchen Tag hatten Sie dabei gedacht?“, fragte Melanies Mutter und ließ ihren Mann wieder mal nicht zu Wort kommen.
„Wie passt es Ihnen am kommenden Montag? Dann können Sie und Ihre ältesten Töchter von Ihrem ersten Ball berichten“, fragte Madame von Semur.
„Montag passt uns ganz hervorragend. Wir werden gerne kommen“, entgegnete Johanna.
„Großartig! Dann kann Jakob mit meinem Sohn Sebastian Bekanntschaft machen. Sebastian ist fünfzehn Jahre alt und damit nur ein Jahr jünger als Jakob. Sie werden sich sicherlich gut verstehen!“, fügte Monika voller Vorfreude hinzu.
„Bestimmt“, schloss sich Jakob ihrer Meinung an.

Nachdem die Gäste gegangen waren, verstreuten sich die Familienmitglieder in dem großen Anwesen, um ihren Tätigkeiten nachzugehen. Die Baronin und ihre beiden ältesten Töchter zogen ihre vornehmsten Kleider an und fuhren für einen Einkaufsbummel in die Hauptstadt, um neue Outfits für den Ball zu besorgen. Der Baron hingegen unternahm einen Reitausflug, um einen Überblick über seine Ländereien zu bekommen. Die beiden jüngsten Geschwister entschieden sich, ihren Vater zu begleiten. Zum Reiten hatte sich Melanie extra Kleidung für Männer und einen normalen Pferdesattel gekauft. Den Damensattel hatte sie im Alter von zehn Jahren in eine Ecke verbannt. Es war eine Wohltat für ihre Seele, wieder auf Neros Rücken zu sitzen und die Ländereien zu erkunden. Melanie liebte es, die frische Luft einzuatmen. Das Gefühl, wie der Wind ihre Haut streichelte und mit ihren langen Locken spielte. Den weiten Himmel zu betrachten und keine Grenzen zu kennen. Nach einer Weile kamen die drei Reiter an einem ovalen See an. Das Wasser darin war tiefblau. Es führte ein breiter Weg drum herum und Melanie hatte sofort eine brennende Idee.
„Lass uns um die Wette reiten, Jakob. Wer als Erster den See umrundet, hat gewonnen“, schlug sie ihrem Bruder vor.
„Was bekommt der Sieger?“, wollte Jakob zuerst wissen.
„Den Nachtisch des jeweils anderen für einen Monat“, schlug seine Schwester vor.
„Einverstanden!“, sagte Jakob lachend.
Er und Melanie gingen nebeneinander in Position und warteten gespannt auf das Handzeichen ihres Vaters für den Start. Thomas von Bouget betrachtete seine beiden jüngsten Kinder und lächelte. Er hatte sie gleichermaßen erzogen und ihnen das Reiten und Fechten beigebracht. Langsam wurden sie erwachsen und so kämpferisch. Er ließ seinen rechten Arm ruckartig sinken und rief: „Los!“
Die beiden Kontrahenten gaben ihren Pferden die Sporen und sausten davon. Gleich zu Beginn hatte Melanie einen kleinen Vorsprung, den sie in jeder Kurve ausweitete, indem sie versuchte, stets auf der Innenseite des Weges zu reiten und das Gewicht Richtung See zu verlagern. Zu ihrem Erfolgsgeheimnis gehörte aber zweifellos Nero. Der schwarze Hengst war sieben Jahre alt und in seiner Stärke voll aufgeblüht. Melanie war häufig mit ihm im schnellen Galopp geritten, deswegen teilte der englische Vollbluthengst seine Kraft genau auf, um es bis zum Ziel zu schaffen. Zudem bereitete es Nero Freude, seine Energie loszuwerden, und er wollte gewinnen. Nach der letzten Kurve gaben die zwei Gegner Vollgas. Beide Pferde schnauften, ihre Muskeln waren bis zum Äußersten gespannt, aber keiner der Reiter gab auf. Zum Schluss passierte Melanie die Stelle, an der ihr Vater auf sie wartete, mit großem Abstand als Erste und war damit die Siegerin.
„War das eigentlich fair? Du und Nero, ihr seid ein eingespieltes Team. Mein Pferd kenne ich erst seit heute“, beklagte sich Jakob über seine Niederlage.
„Begehre niemals den Nachtisch deines Nächsten. Merke dir diesen Satz für den kommenden Monat!“, neckte Melanie ihren jüngeren Bruder.
Die zwei lachten daraufhin laut und ritten langsam zu ihrem Vater zurück. Sie nahmen keine Notiz davon, dass sie beobachtet wurden.
Ein gutaussehender Mann auf einem Pferd stand weiter abseits auf einem Hügel unter einer großen Eiche und hatte sich das Schauspiel in Ruhe angeschaut. Es handelte sich um einen weiteren Nachbarn, dessen Landstück südlich an das Land der Familie von Bouget angrenzte. Er war ein Herzog und von der Vorstellung der rothaarigen Schönheit angetan, die soeben das Rennen für sich entschieden hatte. Die junge Frau hatte zweifelsohne sein Interesse geweckt und er nahm sich vor, sie in naher Zukunft persönlich kennenzulernen.


Kapitel 3 Der Beginn

7. Mai 1875

Der große Tag für Jane und Veronika war endlich gekommen. Heute würden sie zum ersten Mal die Hauptstadtbühne der feinen Gesellschaft betreten. Die Empfehlung der Madame von Semur bezüglich des Kleiderladens Sior hatte sich entgegen erster Erwartungen als ein Volltreffer erwiesen, denn die drei Damen kamen mit einer Unmenge an Einkaufstüten nach Hause, die von den Dienern hineingetragen wurde. Melanie bestaunte die vielen Tüten und bat ihre Schwestern, ihre Beute zu präsentieren. Jane und Veronika kamen dieser Aufforderung nur zu gerne nach. Im großen, gemeinschaftlichen Salon breiteten sie ihre Kleider aus, reihten die Schuhe nebeneinander auf und legten den Schmuck vorsichtig auf die lange Fensterbank. Die großgewachsene, blonde Jane hatte sich für ein bodenlanges, silberglitzerndes Kleid in A-Linie entschieden, mit breiten Trägern und einem großzügigen V-Ausschnitt. Damit kam ihr wohlgeformter Busen gut zur Geltung. Dazu hatte sie schlichte silberne Schuhe mit hohem Absatz ausgewählt. Jane hatte vor, keinen Halsschmuck zu diesem Outfit zu tragen, aber dafür große Diamantohrringe und ein kleines Diadem. Die langen, glatten Haare würde sie bis zur Taille offen fallen lassen und nur vorne hochstecken. Wahrhaftig, Jane würde am Ende einem Stern gleichen! Veronikas Wahl war auf ein cremeweißes Kleid gefallen, das ebenfalls in A-Linie geschnitten war und bis zum Boden reichte. Es hatte einen U-Boot-Ausschnitt, aber keine Ärmel. Die hohen, cremeweißen Schuhe hatten vorne kleine Schleifchen. Veronika vollendete ihr Outfit mit ausgefallenem Haarschmuck aus echten weißen Rosen, die in ihre Frisur eingeflochten werden sollten; ansonsten würde sie keinen weiteren Schmuck an diesem Abend tragen. Denn allein Veronikas kleiner, brauner Leberfleck auf ihrer rechten Wange direkt unter dem Auge war Verzierung genug und verlieh ihr eine verführerische Ausstrahlung.
„Was habe ich für ein Glück, so hinreißende Schwestern zu haben“, stellte Melanie fest. „Ihr werdet euch mit Sicherheit kaum vor Verehrern retten können.“
„Amen, Schwester!“, kommentierte Jane.
„Hoffentlich werden wir auch wirklich die Aufmerksamkeit der feinen Herren erregen. Denn ich habe das ungute Gefühl, dass der Heiratsmarkt hart umkämpft sein wird“, äußerte Veronika ihre Bedenken.
„Wie kommst du darauf?“, fragte Melanie verwundert.
„Nun, als wir vorhin mit Mutter einkaufen waren, habe ich andere junge Frauen gesehen, die sich für den Ball ausstatteten. Und ich muss gestehen, dass sie allesamt ausgesprochen hübsch und vor allem manierlich waren. Es ist offensichtlich, dass sie seit ihrer Geburt auf die Rolle einer edlen Dame vorbereitet wurden und sich sehr erhaben benehmen. Es wird schwer sein, aus dieser Menge herauszustechen“, erläuterte Veronika ihre Beobachtung.
„Da gebe ich dir Recht. Wir müssen klug und geschickt vorgehen, wenn wir eine gute Partie machen wollen“, ergänzte Jane Veronikas Überlegungen.
„Und wie wollt ihr das anstellen?“, hakte Melanie interessiert nach.
„Genau das ist noch unklar“, gab Jane offen zu. „Ich verschaffe mir zuerst einen Überblick und überlege dann, wie wir am besten vorgehen. Geschickte Taktik ist gefragt. Und wir dürfen uns keine Fehler erlauben wie skandalöses Verhalten, das würde sonst unseren Ruf ruinieren.“
„Keine Sorge, Jane. Ich bleibe zu Hause eingesperrt und werde nicht die Möglichkeit haben, dich oder Veronika in Verlegenheit zu bringen“, beruhigte Melanie sie und legte sich dabei lässig aufs Sofa.
Jane warf ihr einen seitlichen Blick zu und lächelte wissend. Ja, sie kannte das lebhafte Temperament ihrer jüngsten Schwester und genau diese Tatsache bereitete ihr am meisten Kummer. Melanie war zwar schlau und belesen, aber auch wild und zügellos. Würde man sie jetzt mit ihren siebzehn Jahren auf die feine Gesellschaft loslassen, dann würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach jeden Ball sprengen. Nein, es war definitiv besser, dass Melanie erst mit zwanzig Jahren ihr Debüt feierte in der Hoffnung, dass sie bis dahin an Reife gewonnen haben würde.
Am frühen Abend kleideten sich Jane, Veronika, ihre Mutter und ihr Vater für den Ball. Alle vier waren äußerst nervös. Sie liefen aufgeregt durch die Gegend und jeder von ihnen hatte die Befürchtung, irgendetwas zu vergessen, sei es die Handtasche oder die Taschenuhr. Nach einer Stunde Vorbereitung war es endlich so weit und sie versammelten sich abfahrbereit im Foyer. Die Baronin von Bouget überprüfte die Kleider ihrer Töchter und begutachtete deren Frisuren. Dann widmete sie sich ihrem Gatten und strich ihm ein paar Falten an den Ärmeln glatt. Sobald alles zu Johannas vollster Zufriedenheit war, erteilte sie ihm und ihren ältesten Töchtern das Kommando, nach draußen zu gehen. Jakob half Jane und Veronika galant, in die Kutsche einzusteigen, und wünschte den beiden viel Glück. Er und Melanie blieben lange draußen an der frischen Abendluft am Haupteingang stehen, während die Kutsche langsam davonfuhr. Auf einmal ergriff Jakob Melanies Hand und raunte ihr zu: „Komm mit, ich habe etwas für dich.“
Sie sah ihren Bruder verwundert an. Er war schon immer für einen Spaß zu haben. Vermutlich hatte er sich wieder mal etwas Lustiges überlegt. Jakob führte seine Schwester kichernd auf sein Zimmer und schloss schnell die Tür hinter sich zu.
„Na los, erzähl schon, du Geheimniskrämer. Was hast du für mich?“, forderte Melanie ihren Bruder auf, endlich konkreter zu werden.
„Vater und ich waren vorgestern in der Hauptstadt, um ein paar Dinge zu erledigen und um neue Festkleidung zu kaufen. Dabei ist mir dieser Flyer in die Hände gefallen“, berichtete Jakob und holte einen sorgfältig gefalteten Zettel hervor. Melanie nahm das Papierstück entgegen und faltete es auseinander. Sie las den Inhalt durch und ihre Augen wurden immer größer. Es handelte sich um ein Informationsblatt zum kaiserlichen Pferderennen, das in zwei Tagen stattfinden sollte. Für Melanie stand fest, dass sie auf jeden Fall hingehen würde. Jakob flitzte zu seinem Kleiderschrank, holte eine längliche Kiste hervor und legte sie auf sein Bett.
„Was, glaubst du, befindet sich da drin?“, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln.
„Ähm, neue Kleidung vielleicht?“, lautete Melanies erster Rateversuch.
„Nicht schlecht. Ich habe mich über dieses Pferderennen ausführlich informiert. Die Teilnehmerzahl ist auf zehn Personen begrenzt und es dürfen sich dort nur Mitglieder des Adels anmelden, aber ansonsten kann jeder mitmachen, der den Mut dazu hat“, erzählte Jakob aufgeregt.
„Lass mich raten: Du hast dich zu diesem Rennen angemeldet“, schlussfolgerte sie grinsend.
„Nicht mich, nein, sondern dich“, antwortete der Bruder zaghaft.
Melanie benötigte einen Moment, um zu begreifen, was ihr da soeben offenbart worden war, und fragte dann aufgebracht: „Wie bitte?! Du hast MICH zu diesem Rennen angemeldet?!“
Jakob hob beschwichtigend seine Hände und fuhr mit seiner Erklärung fort. „Höre mir bitte zu. Du bist die beste Reiterin, die ich kenne. Und bei unserem letzten Wettrennen hast du mich haushoch geschlagen. Du hast jetzt die Chance, dich mit anderen Reitern zu messen.“
„Jakob, wir beide reiten immer nur zum Spaß, dieses Rennen ist aber Ernst. Da machen sicherlich keine blutigen Anfänger mit, sondern Profis!“, sagte Melanie aufgebracht.
„Ganz genau. Erfahrene Reiter treten gegeneinander an. Willst du dich nicht verbessern, Schwester? Das schaffst du nur, wenn du die Herausforderungen steigerst. Papa und ich, wir sind für dich keine Gegner mehr, du galoppierst uns davon wie der Wind. Aber hier bietet sich dir eine Gelegenheit an zu erfahren, ob du das Zeug zum Champion hast“, erklärte Jakob.
Sie schaute ihren Bruder lange und intensiv an und fragte dann: „Tust du das nur, weil du bei unserem letzten Rennen verloren hast und mir damit eins auswischen möchtest?“
Jakob schüttelte daraufhin heftig den Kopf und versicherte Melanie: „Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin mir sicher, dass du das Rennen gewinnen kannst. Deswegen habe ich dich auf die Teilnehmerliste setzen lassen. Du kannst dich natürlich weigern und deine Teilnahme wieder zurücknehmen.“
Wieder zurücknehmen? Nein, das war völlig unmöglich, denn Melanie war schon längst Feuer und Flamme für dieses Rennen. Sie würde antreten. Das einzige und größte Problem, das blieb, war: Wie konnte sie auf die Rennbahn gelangen, ohne dass ihre Eltern oder ihre Schwestern davon erfuhren?



Kapitel 4 Die Ernüchterung

8. Mai 1875

Schweigend saß die Familie von Bouget am Frühstückstisch, während man das Geschirr klappern hörte. Es roch nach frisch gebackenen Brötchen und Pfefferminztee. Mutter seufzte zwischendurch leise. Zum zehnten Mal schmierte sie ihr Brot mit Butter. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders. Vater las seine Zeitung und sprach nicht über die Nachrichten, wie üblich. Jane kaute seit einer halben Stunde auf einem Stück Gurke herum und aß praktisch gar nichts. Und Veronika verschlang ihr drittes Brötchen mit Marmelade, als wäre sie am Verhungern. Melanie und Jakob sahen sich verwundert an. Offenbar war der gestrige Abend alles andere als gut verlaufen, denn bis jetzt hatte keiner von ihnen ein Wort darüber verloren. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, um die verstimmte Menge für ein Pferderennen zu begeistern. Nach kurzem Zögern fasste Melanie den Mut, eine Frage in den Raum zu werfen. „Jane, welchen Überblick konntest du dir gestern verschaffen?“
„Einen überaus ernüchternden“, antwortete die älteste Schwester sachlich und kurz. Sie schaute deprimiert in die Leere und hörte mit dem Essen auf.
„Das heißt was genau?“, fragte Melanie nach.
„Der große Ballsaal im Frühlingspalast ist überaus prächtig und vor allem riesig. Es waren mehr als tausend Menschen anwesend“, berichtete Jane und fuhr fort. „Praktisch jede junge Dame war elegant gekleidet und perfekt gestylt. Die Hälfte der Gäste war Männer, aber um deren Aufmerksamkeit zu erregen, waren eine hervorragende Abstammung aus einflussreicher Familie und eine ausgesprochene Attraktivität vonnöten. Ansonsten wurde man gar nicht beachtet, geschweige denn zum Tanzen aufgefordert.“
„Ja, und wir sind die Neuen, die gar nichts davon vorweisen. Unsere Familie ist weder einflussreich noch schön. Wir sind für sie Abschaum“, sagte Veronika resigniert und legte geräuschvoll ihr Frühstücksmesser auf dem Teller ab.
„Veronika, bitte. Sei nicht so hart zu dir selbst“, bat der Vater seine Tochter und schaute dabei nicht von seiner Zeitung hoch.
„Es stimmt doch, Papa. Kein einziger Kavalier hat mit uns gesprochen, obwohl wir doch nicht hässlich sind. Oder? Kein Einziger!“, stellte Veronika klar und hatte fast Tränen in den Augen.
Bedrückendes Schweigen erfüllte den Salon. Melanie hatte großes Mitgefühl mit ihren Schwestern. Beide hatten sich so auf diesen Abend gefreut und sich mühsam darauf vorbereitet. Alles vergebens.
„Die reichen Burschen waren wohl sehr wählerisch – oder blind“, dachte sich Melanie.
Dieses Mal war es Jakob, der die Stille auflöste. „Wie wäre es mit einer anderen Veranstaltung? Morgen ist das kaiserliche Pferderennen. Wir könnten es alle gemeinsam besuchen.“
„Wozu? Da wird keiner mit uns reden“, lehnte Veronika den Vorschlag genervt ab.
„Na ja, schlimmer als gestern wird es sicherlich nicht werden“, lautete Jakobs schlagfertige Antwort, woraufhin Veronika endgültig die Beherrschung verlor und anfing zu weinen. Melanie verdrehte die Augen. Die Konversation verlief komplett in die falsche Richtung.
„Ist schon gut, Jakob. Ich denke, wir brauchen erst mal eine Erholungspause von dem misslungenen Debütantinnenball. Wir bleiben besser zu Hause“, sagte Mutter leise und wirkte niedergeschlagen.
„Nein, wir gehen hin“, mischte sich der Vater in die Unterhaltung ein.
„Wie bitte? Thomas, was sollen wir bei einer Sportveranstaltung?“, fragte seine Ehefrau irritiert.
„Jakob hat recht. Wir brauchen einen Strategiewechsel. Wir gehen zu diesem Pferderennen und das ist mein letztes Wort“, sagte Monsieur von Bouget, stand auf und marschierte aus dem Salon.
Alle Anwesenden sahen ihm hinterher, sogar Veronika hörte mit dem Weinen auf. Jakob und Melanie schauten sich grinsend an und waren zufrieden. Jane und ihre Mutter hingegen widmeten sich kopfschüttelnd wieder ihrem Frühstück.
„Pferde“, sagte Veronika abwertend. „Vermutlich interessiert sich jeder feine Herr für sie, aber keiner für Jane und mich! Und wahrscheinlich wird bei diesem Rennen die Crème de la Crème des Hochadels dabei sein und diese Biester bejubeln.“
„Keine Sorge, dieses Mal werde ich dabei sein und nur dich bejubeln“, sagte Jakob scherzhaft, woraufhin Veronika ihm einen finsteren Blick zuwarf, aber auch leicht lächelte.



Kapitel 5 Das Rennen

9. Mai 1875

Thomas von Bouget klopfte vorsichtig an Melanies Tür, bevor er eintrat. Seine jüngste Tochter war heute Morgen nicht zum Frühstück erschienen mit der Begründung, sie sei krank, weshalb er zu ihr aufs Zimmer kam, um nach ihrem Befinden zu schauen. Die Vorhänge waren zu und Melanie lag in ihren Schlafsachen im Bett. Thomas näherte sich langsam dem Fenster und öffnete es. Man hörte sofort den fröhlichen Vogelgesang und die strahlende Sonne schien zwischen den Vorhängen durch einen Spalt hindurch. Eine frische Brise wehte herein und kündigte ein ausgezeichnetes Wetter für diesen Sonntag an.
„Wie fühlst du dich, mein Engel?“, fragte der Vater liebevoll und legte seine Hand auf Melanies Stirn, um zu sehen, ob sie Fieber hatte.
„Schlapp, Papa. Ich habe gestern Abend etwas Verkehrtes gegessen, mein Magen rumort die ganze Zeit und ich laufe ständig ins Badezimmer“, erzählte Melanie mit leiser Stimme.
„Dann ist es besser, wenn du dich heute im Bett erholst. Soll ich lieber bei dir bleiben oder einen Arzt rufen?“, fragte der Baron besorgt.
„Nein, nein. Geh nur mit den anderen zum Pferderennen. Du kannst Jakob mit den Frauen nicht allein lassen“, antwortete Melanie und lächelte gequält.
Ihr Vater überlegte eine kurze Weile und sagte: „In Ordnung. Schade, dass du nicht mitkommen kannst. Aus unserer Familie hättest du dich am meisten über das Rennen gefreut.“
„Es ist nicht so schlimm. Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall dabei“, beschwichtigte Melanie.
Wenig später erschien Jakob in der Tür. Er hatte seine dunkelblonden und welligen Haare nach hinten gekämmt und trug ein weißes Hemd mit einer dunkelgrauen Weste mit Nadelstreifen und die dazu passenden Stoffhosen. Er lehnte sich lässig an den Türrahmen und meinte: „Papa, wir wollen los, die Kutsche steht bereit und die anderen warten.“
Monsieur von Bouget gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn, bevor er sich erhob und das Zimmer verließ.
„Bis später, Schwesterherz“, verabschiedete sich Jakob und zwinkerte ihr zu.
Melanie winkte ihm wortlos zurück. Sie vernahm unten im Foyer die Stimmen ihrer Eltern und Geschwister. Veronika jammerte herum, dass es reinste Zeitverschwendung sei, zu diesem Pferderennen zu fahren. Jane klang ebenfalls nicht sonderlich erfreut, aber sie besaß wenigstens mehr Geduld und Würde. Wenig später war es im Haus wieder leise und Melanie hörte, wie draußen die Kutsche über den Kiesweg wegfuhr. Sie blieb noch einen kurzen Augenblick liegen, sprang dann wie von der Tarantel gestochen aus dem Bett und lief in das Zimmer ihres Bruders nach nebenan. Sie marschierte direkt zum Kleiderschrank und holte schnell die längliche Kiste heraus, die Jakob ihr vor zwei Tagen gezeigt hatte. Melanie verharrte, als sie Stimmen hinter der Tür hörte. Ein paar Dienstmädchen unterhielten sich und schlenderten in die Küche. Sie atmete tief durch. Noch mal gut gegangen, sie war unentdeckt geblieben. Sie öffnete langsam die Kiste und erblickte nagelneue, professionelle Reitkleidung für Männer in ihrer Größe, inklusive Reithelm, Stiefeln und einer kurzen Peitsche. Jakob hatte beim Kauf definitiv an alles gedacht. Melanie überlegte nicht lange. Mit einem Schwung zog sie ihr Nachthemd aus und die Kleidung an. Nachdem sie in die Stiefel geschlüpft war, stellte sie sich vor den mannshohen Spiegel, der in der Ecke des Zimmers stand, und betrachtete sich darin. Melanie bemerkte, dass, obwohl sie Männerkleidung trug, ihre weibliche Figur sie sofort verriet. Dafür war die Reitkleidung zu eng anliegend. Aber das kümmerte sie wenig, denn sie hatte nicht die Absicht, sich als Mann auszugeben, sondern es ging allein darum, die richtige Ausrüstung zu tragen, wenn sie sich dem Wettkampf stellte. Trotzdem hatte sie Bedenken. Denn nie zuvor hatte es eine Frau gewagt, am kaiserlichen Rennen teilzunehmen. Es war stets eine Männerdomäne geblieben. Bis jetzt. Melanie band ihre Haare zusammen und steckte sie hoch unter den Reithelm, damit ihre Sicht während des Rennens durch nichts gestört wurde. Dann holte sie eine Jacke aus Jakobs Kleiderschrank, zog sie über und betrachtete sich im Spiegel. Ja, so könnte es klappen. Melanies Kurven wurden nun durch das zu große Kleidungsstück kaschiert. Sie nahm die kurze Peitsche, stellte sich breitbeinig hin und stemmte die Hände in die Hüfte. Mit ausgestreckter Brust und erhobenen Hauptes stand sie einige Minuten da und sagte dann zu sich selbst: „Das ist meine Chance zu erfahren, ob ich zu den besten Reitern gehöre. Ich nutze sie und ich werde gewinnen.“
Mit diesen Worten schlich sie zur Tür, öffnete sie vorsichtig und spähte hinaus. Keiner war da und nichts war zu hören. Melanie nahm all ihren Mut zusammen und spurtete den Flur entlang, dann die Haupttreppe hinunter und raus durch den Haupteingang in Richtung der Stallungen. Es grenzte fast an ein Wunder, dass sie in diesem Moment keinem Diener oder Hausmädchen begegnete. Vermutlich hatten sie sich jetzt alle in der großen Küche versammelt, um etwas Ruhe zu genießen, solange die Herrschaften aus dem Haus waren. Melanie erreichte den Pferdestall und eilte zu Neros Box. Ihr tiefschwarzer Hengst hatte ein schimmerndes Fell und jeder seiner Muskeln zeichnete sich unter der Haut ab.
„Hallo, mein Freund. Ich bin ziemlich aufgeregt. Denn heute ist unser großer Tag. Wir werden gemeinsam ein Rennen bestreiten“, redete Melanie mit sanfter Stimme und streichelte dabei Neros Hals. Er schien sie verstanden zu haben und nickte leicht mit seinem Kopf. Sie holte den Pferdesattel und schnallte ihn auf seinen Rücken, überprüfte dann die optimale Länge der Steigbügel, legte das Zaumzeug an und putzte seine Hufe, damit ihn keine Steine beim Rennen störten. Nach einer halben Stunde war sie fertig und die Zeit drängte. Bald würde der Startschuss ertönen. Sie führte Nero aus dem Stall und schwang sich auf seinen Rücken. Melanie und Jakob waren am Tag zuvor den Weg dorthin zusammen geritten, um zu erkunden, wo die Veranstaltung stattfand. Deshalb kannte sie die Strecke und hatte keine Bedenken, rechtzeitig anzukommen.
Als sie am Ort des Geschehens eintraf, war Melanie von der schieren Masse an Besuchern überwältigt. Es waren mit Sicherheit achtzigtausend, vermutlich sogar über hunderttausend Menschen aus allen Gesellschaftsschichten vertreten. Die Leute waren ausnahmslos vornehm gekleidet und feierten feuchtfröhlich mit reichlich Alkohol. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung wie auf einem Volksfest, nur sehr viel luxuriöser. Der köstliche Duft von heißen Waffeln lag in der Luft und weckte bei Melanie den Appetit. Alle paar hundert Meter spielte eine Band lebhafte Musik. Die Menschen lachten, sangen, lagen sich in den Armen und schunkelten. Melanie hatte bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht vermutet, dass das kaiserliche Pferderennen in Wahrheit eine exklusive Partnerbörse war.
Die Damen, egal ob jung oder alt, hatten an diesem sonnigen Tag ihre extravagantesten Cocktailkleider angezogen und trugen die ausgefallensten Kopfbedeckungen. Manche Hüte und Fascinators wirkten schon fast bizarr. Eine junge Frau, die sich ganz in schwarz gekleidet hatte, trug einen Hut, der wie eine Krähe aussah. Melanie hoffte inständig, dass es sich nicht um einen echten toten Vogel handelte. Die Frauen benahmen sich unfassbar freizügig und kokettierten mit den anderen Herren in feinen Anzügen und Fracks, als gäbe es kein Morgen. Manche Singles hatten heute Glück und schlossen vielversprechende Bekanntschaften. Andere wiederum suchten nur ein aufregendes Abenteuer für die Nacht. Und nur in seltensten Fällen entwickelte sich aus der unverbindlichen Liebelei eine ernste Beziehung. Aber das hinderte die Feiernden nicht daran, ihren Spaß zu haben. Melanie war in dem Moment froh, auf einem Pferd zu sitzen und die Lage etwas überblicken zu können. Sie entdeckte das Zelt für die Rennteilnehmer und begab sich dorthin. Ein dicker Herr in einem dunkelgrauen Frack mit Zylinder stand vor dem Eingang und gab ihr durch ein Handzeichen zu verstehen, hier anzuhalten.
„Seid Ihr einer der Teilnehmer?“, fragte der fremde Mann mit lauter Stimme.
„Jawohl, Monsieur!“, verkündete Melanie und versuchte, dabei tiefer zu klingen. Sie konnte es selbst kaum glauben, bei diesem Zirkus eine der Hauptrollen zu spielen.
„Ich bin der Zeremonienmeister. Unter welchem Familiennamen finde ich Euch auf der Teilnehmerliste?“, erkundigte er sich bei ihr und schaute dabei auf den langen Zettel in seiner rechten Hand.
„Von Bouget!“, antwortete Melanie stolz.
„Ah ja, da habe ich Euch, Monsieur von Bouget. Ihr startet vom Platz mit der Nummer fünf. Ich wünsche Euch viel Erfolg!“, sagte der Mann beiläufig und setzte hinter Melanies Namen ein Häkchen. Ihr fiel sofort auf, dass der Zeremonienmeister sie nicht nach ihrem Vornamen gefragt hatte. Offensichtlich hatte Jakob bei der Anmeldung diesen mit Absicht weggelassen.
„Jakob, du Teufelskerl“, dachte Melanie. Das war ein geschickter Schachzug. Denn auf diese Weise hatte keiner ihre Teilnahme im Vorfeld verhindert. Sie war kurz davor, beim kaiserlichen Pferderennen als erste Frau in der Geschichte des Reiches anzutreten. Die übrigen Reiter waren allesamt Männer. Melanie wurde langsam nervös. Das Rennen würde um Punkt zwölf Uhr beginnen und es blieb nur noch eine Stunde. Am Rande des Zeltes hatten die Zuschauer die Möglichkeit, die Pferde und ihre Reiter zu begutachten, bevor sie ihre Wetten abgaben. Melanie betete inständig, dass sie keiner der Anwesenden vorher erkannte. Im nächsten Moment fiel ihr ein, dass sie recht neu in der Stadt war und sich somit unnötig Gedanken darüber machte. Nach einer halben Stunde trat der Zeremonienmeister an die Reiter heran und bat alle Kontrahenten, sich an die Startlinie zu begeben. Melanie führte Nero neben sich an den Zügeln. Sie nutzte die Gelegenheit, um sich umzuschauen. Die Länge der Rennbahn betrug insgesamt 2.900 Meter und sie war somit eine der längsten Rennstrecken im ganzen Land. Melanie hatte die halbe Nacht darüber gegrübelt, welche Taktik sie am Ende wählen sollte, um diese Strecke zu bewältigen. Zudem waren da ihre Konkurrenten. Auch sie hatten einen Plan, um zu gewinnen, und Melanies Aufgabe war es, sie zu durchschauen. Sie warf einen Blick in Richtung der Zuschauermenge. Unten auf dem Rasen, direkt vor der Rennbahn, tummelte sich das Fußvolk. Und dahinter, oben auf der großen Tribüne, saßen die Edelleute. Der Kaiser und seine gesamte Familie waren anwesend. Sie waren umringt von den einflussreichsten Menschen des Reiches, darunter Politiker, Richter, Generäle und nicht zu vergessen der Hochadel. Demnach schauten heute viele Augen auf das Rennen und Melanie beschlichen Zweifel. Was würde geschehen, wenn sie sich bis auf die Knochen blamierte? Dann würde sie sich mit einem Schlag vor der ganzen Welt ruinieren. Sie würde damit ihre gesamte Familie entehren und ab sofort in Schande leben müssen. Hatte sie sich das gut überlegt? Oder trieb ihr übermäßiger Ehrgeiz sie ins Verderben? Melanie fragte sich, ob ihre Familie da oben saß und nichts ahnend auf das Rennen wartete. Abgesehen von Jakob, dem sie das Ganze hier zu verdanken hatte. Urplötzlich wurde Melanie vom lauten Pferdewiehern aus ihren Gedanken gerissen. Einige der teilnehmenden Pferde wurden panisch. Was ging hier vor sich? Das Rennen stand unmittelbar bevor und alle Reiter begaben sich auf ihre Plätze. Doch ein paar Pferde weigerten sich. Ihre Besitzer hatten Mühe, sie im Zaum zu halten. Was machte diese Tiere so nervös? Mit einem Mal begriff Melanie, dass es ihr erstes öffentliches Pferderennen war. Sie hatte nie zuvor eins gesehen, sondern nur Geschichten darüber gehört. Etwas Wichtiges wurde bei den Erzählungen offenbar nicht erwähnt. Und dieses Etwas bereitete einigen Pferden Angst. Doch was war es? Melanie wusste es nicht, aber sie wollte jetzt keinen Rückzieher machen und musste mutig bleiben. Sie führte Nero zum Startplatz Nummer fünf, setzte anschließend auf ihn auf und schloss für kurze Zeit ihre Augen. Sie schärfte all ihre Sinne. Spürte, wie die Energie ihren Körper durchströmte, ihren Geist elektrisierte und ihren Verstand schärfte. Was auch immer gleich während des Rennens passieren würde, sie stellte sich dem entgegen.
„Alle Teilnehmer sind auf ihren Plätzen“, verkündete der Zeremonienmeister durch sein Megafon. Er hielt die Luftpistole nach oben. Dann schaute er die Reiter zum letzten Mal nacheinander an und guckte auf seine Taschenuhr. Es waren nur wenige Sekunden vor zwölf Uhr. Melanie zog rasch ihre Jacke aus und warf sie nach hinten auf die Erde. Sie war bereit.
„Auf die Plätze!“, rief der Zeremonienmeister.
Melanies Atem wurde schneller.
„Fertig!“
Nero spannte seine gesamten Muskeln an und atmete tiefer.
Peeeng! Der Startschuss ertönte.
Was dann geschah, kam Melanie vor wie ein Gewitter. Alle zehn Pferde setzten sich zeitleich in Bewegung. Die Luft vibrierte. Die Hufe verursachten einen Lärm wie ein tiefes Donnern und wirbelten den Staub vom Boden auf. Und die Welt hielt den Atem an. Nero galoppierte los wie ein Blitz und wurde mühelos Dritter. In der ersten Kurve versuchte Melanie, so weit wie möglich auf die Innenseite der Rennbahn zu gelangen und passte dabei auf, ihrem Vordermann nicht zu nahe zu kommen. Erst nach der zweiten Kurve machte sie auf der langen Geraden wieder Tempo, aber nicht zu viel; Nero musste seine Kräfte bis zum Schluss aufteilen und durfte vor dem Ziel nicht langsamer werden. Trotzdem achtete Melanie darauf, dass der Reiter hinter ihr auch dort blieb. Der Mitstreiter wurde unterdessen immer schneller und war dabei, sie einzuholen, da stolperte plötzlich sein Pferd im vollen Galopp und stürzte zu Boden. Melanie versuchte, sich zu konzentrieren, aber im Augenwinkel hatte sie erkannt, dass der arme Pechvogel noch einige andere Gegner mitgerissen hatte. Sie hoffte, dass keiner der Teilnehmer ernsthaft verletzt war. Aber für solche Gedanken war jetzt nicht die Zeit. Die dritte Kurve kam näher und sie war entscheidend. Denn nun kämpfte sie um den zweiten Platz. Sie kam von hinten auf die Innenseite und verlagerte ihr gesamtes Gewicht Richtung Zentrum. Nero kannte diesen Trick und galoppierte etwas schneller. Somit überholten sie geschickt den zweiten Reiter. Die vierte und letzte Kurve war der Schlüssel zum Erfolg. Melanie wollte so nah wie möglich an den Erstplatzierten herankommen, aber ihn nicht überholen. Er sollte sich in Sicherheit wiegen, damit sie ihn beim Endspurt angreifen konnte. Die beiden Konkurrenten kamen aus der vierten Kurve und galoppierten im vollen Tempo auf die Zielgerade zu. Nun würde sich entscheiden, wer der Schnellste war. Der Gegner schlug unbarmherzig mit der kurzen Peitsche auf sein Pferd ein, damit es beschleunigte. Melanie hingegen rief aus vollem Hals: „Jetzt oder nie! Gewinne, Nero!“
Der Hengst entfaltete seine ganze Kraft und Schnelligkeit. Wie ein Geschoss flog er am Konkurrenten vorbei und wurde unter ohrenbetäubendem Beifall der Zuschauermenge Erster.



Kapitel 6 Der Champion

9. Mai 1875

Melanie ließ Nero langsamer werden und hielt dann am Rande der Strecke an. Sie und ihr Pferd zitterten am ganzen Leib aufgrund der enormen Anstrengung. Sie blieben eine kurze Weile an Ort und Stelle stehen und kamen zur Ruhe. Melanie schaute in Richtung des Publikums, das völlig am Ausflippen war, und hörte den Zeremonienmeister in sein Megafon rufen: „Und es gewinnt überraschenderweise der Neuling mit der Nummer fünf! Nero!“
Sie hatten das kaiserliche Pferderennen gewonnen! Melanie konnte das Ganze gar nicht fassen. Es kam ihr alles so surreal vor. Sie rührte sich nicht von der Stelle, bis einer der anderen Rennteilnehmer mit seinem Pferd neben ihr anhielt und sie aufforderte: „Was stehst du da rum? Los, ab zum Podest! Der Kaiser überreicht dir gleich den Preis!“
Melanie nahm sich wieder zusammen und ritt langsam zur Tribüne. Die Menschen am Rande der Rennbahn winkten ihr zu und riefen: „Bravo! Erste Klasse!“
Sie entdeckte das Podest und ritt direkt darauf zu. Dort warteten der Zeremonienmeister und ein hochgewachsener Mann auf sie. Er trug eine blaue Uniform und Melanie erkannte sein Gesicht aus der Zeitung wieder. Es war Kaiser Alexander höchstpersönlich. Sie stieg vom Rücken ihres Pferdes ab und umarmte Neros Hals.
„Danke“, flüsterte sie ihm zu und hatte Tränen in den Augen. Sie nahm ihren Reithelm ab und befreite ihre Locken. Melanie hatte nie vorgehabt, diesen Wettbewerb als Mann zu gewinnen. Sie wollte der Welt zeigen, dass sie es war, die das geschafft hatte. Sie schritt auf das Podest zu und die Menge verstummte allmählich. Alle starrten sie ratlos an. Am Ziel angekommen, strahlte Melanie die beiden Männer mit einem breiten Lächeln an und schob ihre Brust stolz vor.
„Sie sind ja eine Frau“, stellte Kaiser Alexander verblüfft fest. Jeder um ihn herum war völlig still.
„Ja, absolut richtig, Eure Kaiserliche Majestät!“, antwortete Melanie selbstsicher.
Es vergingen ein paar quälende Sekunden, in denen keiner ein Wort herausbrachte. Sowohl der Kaiser als auch der Zeremonienmeister sahen Melanie fassungslos an und die Gewinnerin befürchtete fast, man würde sie gleich vom Podest jagen.
„Ha! Das ist ja phänomenal! Wie heißen Sie, Mademoiselle?“, fragte der Kaiser aufgeregt und trat näher an sie heran.
„Mein Name ist Melanie von Bouget, Eure Kaiserliche Majestät“, offenbarte sie selbstbewusst.
Der Monarch nahm dem überrumpelten Zeremonienmeister das Megafon aus der Hand und verkündete in Richtung seiner Untertanen: „Mesdames et Messieurs, dieses Jahr haben wir eine wahre Sensation! Die Siegerin des kaiserlichen Pferderennens ist: Melanie von Bouget!“
Im nächsten Augenblick explodierte das Publikum vor Begeisterung. Laute Pfiffe waren zu hören und die Zuschauer jubelten. Die Menschen schauten voller Erstaunen zu der jungen Frau, die den Wagemut besessen hatte, an dem gefährlichen Rennen teilzunehmen. Sie klatschten unaufhörlich in die Hände und lachten. Melanie wurde von einem Gefühl mitreißender Euphorie erfasst und winkte dem Publikum zu.
„Der ist für Sie, Mademoiselle von Bouget. Sie haben ihn sich redlich verdient!“, lobte der Kaiser und überreichte Melanie den Preis.
Sie ergriff voller Freude den Pokal, stellte sich dann wie eine Heldin auf das Siegertreppchen und präsentierte der Menge die goldene Trophäe, woraufhin der Zuschauerjubel noch lauter wurde. Melanie drehte sich dann selbstsicher um und schritt lässig vom Treppchen wieder hinunter zum Kaiser.
Alexander bestaunte sie von oben bis unten und sagte: „Sie sind wahrhaftig eine Wucht. Ich freue mich sehr, Sie kennengelernt zu haben.“
„Ganz meinerseits, Eure Kaiserliche Majestät!“, entgegnete Melanie.
Im nächsten Moment kam der Zeremonienmeister zurück aufs Podest. Melanie hatte gar nicht mitbekommen, dass er eine Zeit lang verschwunden gewesen war. Und dann erblickte sie die zwei Gestalten, die er im Schlepptau hatte, und das Blut gefror in ihren Adern. Sie starrte ihren Vater an und er schaute mit ernster Miene zu ihr zurück.
„Wie befohlen, Eure Kaiserliche Majestät: Hier sind der Baron von Bouget, der Vater der Siegerin, und sein Sohn Jakob“, erklärte der Zeremonienmeister. Kaiser Alexander drehte sich zu den beiden Herren um und erkannte Melanies Vater wieder.
„Ah, Thomas von Bouget. Natürlich. Wieso wundert es mich nicht, dass ausgerechnet Ihr Nachwuchs den Pferderennsport revolutioniert? Vermutlich, weil Sie zu den Besten gehören, die ich in meiner Armee jemals hatte“, beantwortete der Monarch seine eigene Frage.
„Vielen Dank, Eure Kaiserliche Majestät. Ich fühle mich geschmeichelt“, sagte Monsieur von Bouget mit einer tiefen Verbeugung.
Jakob verbeugte sich ebenfalls, richtete sich wieder auf und sah Melanie direkt in die Augen. Sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht. Sie war die beste Reiterin im ganzen Land.
„Monsieur von Bouget, ich lade Sie und Ihre gesamte Familie zu meinem Ball am kommenden Wochenende ein. Seien Sie meine persönlichen Gäste, ich bestehe darauf“, sagte der Kaiser.
„Ihr seid zu gütig, Eure Kaiserliche Majestät. Wir werden selbstverständlich erscheinen“, antwortete Melanies Vater lächelnd.
Der Kaiser und der Baron von Bouget unterhielten sich eine kurze Weile, während Jakob zu seiner Schwester herüberging und sie an den Händen berührte.
„Melanie, du warst großartig! Das Rennen, du, einfach alles war der Wahnsinn! Du hättest mal die hohen Herrschaften auf der Tribüne sehen sollen, als du die Menge aufgeheizt hast. Sie waren wie hypnotisiert. Ich glaube, jemanden wie dich haben sie nie zuvor gesehen“, berichtete Jakob aufgeregt. Melanie lachte ausgelassen darüber.
„Soso, Bauchschmerzen“, sagte der Vater vorwurfsvoll und stellte sich zu ihnen. Er und der Kaiser hatten ihr Gespräch mittlerweile beendet und das Staatsoberhaupt war wieder auf die Tribüne zu seiner Familie zurückgekehrt. Melanie schaute schuldbewusst zu ihrem Vater hoch. Es stimmte, sie hatte ihn angelogen. Aber sie hatte keine andere Wahl gehabt. Hätte er sie sonst an dem Rennen teilnehmen lassen?
„Vater, es war alles meine Idee. Ich habe Melanie bei diesem Wettkampf angemeldet.“ Jakob versuchte, die Schuld auf sich zu nehmen. Aber es war zwecklos. Melanie war schlussendlich beim Rennen angetreten, obwohl sie es hätte lassen können. Nein, die Standpauke ihres Vaters musste sie sich jetzt anhören.
„Weißt du, welches verdammte Glück du hattest?“, fragte der Baron sie anklagend.
Melanie schaute ihren Vater verwundert an. Was meinte er damit? Sie schwieg und wartete seine Antwort ab.
„Schau mal auf die Rennbahn“, forderte Monsieur von Bouget seine ahnungslose Tochter auf.
Melanie tat, wie ihr geheißen, und sah auf die Rennstrecke, auf der sie vor weniger als einer Viertelstunde selbst im wilden Galopp um den Sieg gekämpft hatte. Auf der langen Geraden hatte sich eine Menschentraube gebildet. Zwei von den Leuten hielten eine große Plane hoch, damit die Zuschauer nicht sahen, was dahinter passierte.
„Der Reiter, der dich auf der Geraden zu überholen versucht hat, ist mit seinem Pferd schwer gestürzt. Dabei sind zwei weitere Teilnehmer über ihn gestolpert und ebenfalls auf dem Boden gelandet. Alle drei Reiter erlitten lebensgefährliche Verletzungen und werden vor Ort medizinisch versorgt. Das Pferd, das zuerst gefallen war, hat einen Anfall bekommen und sich nicht mehr davon erholt. Es bekam vom Tierarzt noch auf der Rennbahn den Gnadenschuss in den Kopf“, erzählte der Vater ernst.
Melanie war entsetzt und starrte ihn mit offenem Mund an.
„Stell dir vor, der verunglückte Reiter hätte dich und Nero zu Boden gerissen. Du hättest den Sturz vielleicht nicht überlebt!“, brüllte Thomas laut.
„Vater, bitte, es war meine Schuld“, mischte Jakob sich ein.
„Schweig!“, herrschte der Baron seinen Sohn an. „Unterbrich mich nicht, wenn ich rede! Du hast deine Schwester in eine lebensgefährliche Situation gebracht und sogar auf ihren Sieg gewettet! Das war überaus dumm. Ihr beide habt nicht zu Ende gedacht. Melanie, deine Kühnheit ist ein zweischneidiges Schwert. Sie kann dich im Leben weit bringen, aber auch zerstören. Du musst vorher gut abwägen, bevor du handelst.“
Jakob und Melanie standen da wie zwei begossene Pudel und schauten zu Boden. Sie hatten mit vollem Risikoeinsatz gespielt, dessen waren sie sich bewusst. Der Baron atmete tief durch und sagte: „Und trotzdem habt ihr gewonnen. Das macht mich überaus stolz.“
Die beiden Geschwister sahen ihren Vater erleichtert an und wagten es, wieder zu lächeln. Monsieur von Bouget umarmte seine Kinder gleichzeitig und hielt sie fest an sich gedrückt.

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